14. Juli 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

63
Lieber Freund!

Vielleicht hast du gar nicht das Bedürfnis, auf das, was du uns über das Verhältnis zu deiner lieben Braut schreibst, ein be|64sonderes Echo zu hören, sondern nur das, davon zu reden, es dir von der Seele zu schreiben. Als erfahrener Ehemann kenne ich das in der Tat. Aber jedenfalls nehmen wir herzlichsten und freudigsten Anteil, und wenn ich dich vielleicht besser verstehe, so vielleicht Nelly deine Braut noch besser. Wir lasen das von der konkurrierenden Orgel, von dem Lobpreis des seligen Johann Sebastian [Bach] und von deinen Bemühungen, mitzukommen, unter lebhaftester Erinnerung an eigene Erfahrungen vor vier Jahren. Nelly läßt dir sagen, du sollest doch ja nicht meinen, es verstehe sich von selbst, daß die Frau alle ihre doch auch allertiefsten Interessen an der Kunst aufgebe oder zurückstelle, um sich eiligst mit Kutter etc. erfüllen zu lassen. So gehe das nicht zu. Wenn die Frau etwas wert sei, so müsse sie sich für ihre Sache wehren, sie in der Gemeinschaft geltend machen, bis es von innen heraus so weit ist, daß sie gar nicht mehr eine Sache mit einer andern vertauscht, sondern einfach mit ihrem bisherigen Besitz als etwas Neues (aber auch ihm etwas Neues bringend) weiterlebt, in ungebrochener Linie. So die abgründige Weisheit meiner Gattin. Ich möchte dem hinzufügen, daß man ja nicht ragazisch-tragisch an die Sache herangehen muß, nur ja nicht das Problemlein Religion und Ästhetik aufrollen und wälzen, nur ja kein Groll gegen Orgeln und andere tönende Instrumente, nur ganz getrost sich Bach und Beethoven vorspielen lassen und sich daran erfreuen, so gut es unsereinem gegeben ist. Es kommt alles, alles gut zuletzt, und zwar ziemlich bald. Ich habe mich seinerzeit lange gesträubt, dumme Komplexe entstehen lassen gegen Geigen — Geigenlehrer — Geigenkasten — Geigenvirtuosen, manchmal in der Form, daß ich selbst am Samstag Abend, statt meine Predigt zu machen, bis um 11 Uhr abends ein Bachkonzert kratzte in meiner Angst, in meinem Zwang, in meinem Wahn. Und dann wieder schrieb ich verärgerte Briefe über Kunst und Ethik und andere Narrheiten mehr. Das kannst du dir also alles ersparen; es kommt nichts dabei heraus. Doch genug des geistlichen Zuspruchs. Ich zweifle ja keinen Augenblick, daß du das alles viel besser machen wirst als ich s.Z. Ich war leider nie ein «Lebens|65künstler» und habe oft schwer danebengehauen. Du wirst das schon nicht tun. […] Hoffentlich kommt ihr bald gemeinsam zu uns. […]

Die «Christliche Welt» ist wieder betrübend schwach. Rade selbst scheint das, was er vor 3-4 Wochen über das «Moratorium des Christentums 📖» schrieb (und auf das er mich schon 14 Tage vorher hingewiesen hatte!), gar nicht ernst zu nehmen. Da konnte er wohl mit einem sehr eingehenden Brief, den ich ihm, zustimmend und ergänzend, damals schrieb, nicht viel anfangen. Die «Kluft» bleibt. Auch Kutter selbst konnte sie ja nicht überbrücken. Vielleicht ist bereits wieder übergenug nach Deutschland geschrieben (Loew, Heitmüller, Rade), und wir wenden uns besser wieder an uns selbst und unsere großen und kleinen Herden. […] Ich bin immer noch an Bismarck und sehe wirklich nicht ein, warum es da noch einen Theologieprofessor aus Kiel1 braucht, um uns Bismarcks Bedeutung «für unser inneres Leben» zu erklären oder problematisch zu machen. Abgesehen von dem — sachlich ganz [und gar] nicht belangreichen — «Bekehrungs»erlebnis ist doch seine theoretische und praktische Stellung zum N. T. von Anfang an durchaus eindeutig gewesen, und daß er sich zuletzt verdrossen von der «Religion» abwandte und «nur» noch seine Privatabendmahlsfeiern behielt, gehört auch zur Sache. Aber gerade die Sache umgeht Baumgarten mit ziemlicher Kunst, um sich immer wieder auf dem persönlichen Gebiet zu tummeln. Ich habe den Eindruck, sein Verhältnis zu Bismarck sei ein Muster von unfruchtbarer Geschichtsbehandlung. Eine reinliche Darstellung des Bismarck’schen Christentums von uns aus gesehen wäre übrigens eine lehrreiche Sache.

Am Sonntag will ich nach «Mammon» und «Krankheit» über das «Ich» predigen, d.h. über das fröhliche Verlierenkönnen und -dürfen des «Lebens» im Gottesreiche. Ich habe einst in Genf darüber gepredigt oder noch früher als Student (!!!), natürlich ganz ethisch postulierend, und hoffe es nun besser zu können.

Mein Freund Guggenheim war am Sonntag mit einem seiner Leutnants in der Predigt und zeigte sich nachher erstaunlich |66 zugänglich. Mein Restvorrat vom Kutterbüchlein «über den Krieg»2 fand bei den Offizieren bis hinauf zum Major reißenden Absatz und fleißige Lektüre. Ich habe den Feldprediger aus W. auf dieses Symptom aufmerksam gemacht, es schien ihm aber nicht bemerkenswert. Wir sind im Frieden und mit einer gewissen sanften Rührung von ihm geschieden, und es war besser so. Was er merken mußte, hat er schon gemerkt, was er nun damit machen will, ist seine Sache.

Mit freundlichem Gruß auch von Nelly
dein
K. B.

Sachfußnoten

1
Otto Baumgarten (1858–1934), Prof. für praktische Theologie in Kiel, Freund Martin Rades. Barths Bemerkung bezieht sich auf Baumgartens sechsteilige Artikelserie «Bismarcks Bedeutung für unser inneres Leben», in: CW 29 (1915), Sp. 263, 303, 321, 340, 519, 548. 📖 ↩
2
Ein Buch dieses Titels hat Kutter nicht verfaßt. Gemeint ist wahrscheinlich: Friede auf Erden, Zürich 1915. 📖 ↩