11. Juli 1915

Predigt: Lukas 13,10-13

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Lukas 13,10–13
… und siehe, ein Weib war da, das hatte einen Geist der Krankheit achtzehn Jahn; und sie war krumm und konnte nicht wohl aufsehen. Da sie aber Jesus sah, rief er sie zu sich und sprach: Weib, du bist los von deiner Krankheit! und legte die Hände auf sie, und alsbald richtete sie sich auf und pries Gott.
Liebe Freunde!

Am letzten Sonntag hörten wir von der Höllenmacht des Mammon und wie das Reich Gottes die größere Macht ist als sie. Aber der Mammon ist nicht die einzige gottfremde und gottwidrige Macht. Es gibt |270 noch andere Gewalten, die sich ebenso verhängnisvoll störend zwischen den Menschen und das wahrhaftige Leben hineingeschoben haben. Eine davon ist die Krankheit. Höret heute Gottes Wort von der Krankheit: Auch sie ist ein überwundener Feind vor dem kommenden Reich Gottes.

Wir sind hier beieinander als gesunde Menschen. Der Eine oder Andere denkt vielleicht, daß er gerade dieses Wort vom Sieg über diese Macht nicht so dringend nötig habe. Aber wir haben alle nähere oder fernere Angehörige, die krank oder kränklich sind; sollten wir nicht denen einmal etwas mitbringen aus der Kirche, wenn es uns selbst nichts angeht? Haben wir nicht auch schon das Bedürfnis verspürt: wenn ich ihnen doch nur etwas Rechtes zu sagen wüßte, diesen armen geplagten Menschen da! So wollen wir uns denn besinnen, ob es da etwas Rechtes zu sagen gibt. Ja, und wer von uns weiß denn, wie lange es geht, bis er es auch für sich selbst braucht? Wieviel Leid und Ungemach in Krankheitszeiten kommt nur davon, daß wir in gesunden Tagen gar nie daran gedacht, daß so etwas über uns kommen könnte, und uns darum innerlich gar nie gerüstet hatten. O, wir haben es nötig, gerade diesen Feind beizeiten zu kennen und zu wissen, daß er besiegt ist, daß er uns nichts antun kann.

Ja, das ist ein Feind, die Krankheit. Ein Feind der Menschen, ein Feind des Lebens, auch ein Feind Gottes. Wir fühlen wohl alle ganz unmittelbar, daß da eine Macht in unser Leben hineintritt, die eigentlich nicht über uns sein dürfte. Der Geist in uns noch viel mehr als der Leib lehnt sich auf gegen das Kranksein. Und das ist ganz in der Ordnung: wie sehen Jesus tatsächlich in ununterbrochenem Kampf gegen diese Macht, so gut wie gegen den Mammon. Wir können es uns gar nicht anders denken, als daß Gott auch gegen diese Macht ein entscheidendes Wort zu sagen haben muß.

Denn was ist das für ein Zustand, wenn es so auf einmal über uns kommt, daß wir müssen eine solche Störung mit uns herumschleppen, wo wir stehen und gehen, daß wir müssen fahren lassen Arbeit, Verkehr mit den Menschen, Freude und Anteil an Allem, was geschieht, daß wir uns müssen bannen lassen in den Lehnstuhl oder ins Bett im Kämmerlein. Gar nicht mehr wir selber sind wir da, nicht wahr? Nur noch wie ein halber Mensch, ein Viertelsmensch kommen wir uns vor, sehen wir die Anderen und vergleichen sie mit uns selbst. Und was ist |271 das für ein Zustand, wenn es nun gar ernst wird, wenn du spürst: die Schwäche oder der Schaden ist groß, und die Deinigen machen sorgenvolle Gesichter, und auch der Doktor sieht bedenklich drein, und die Möglichkeit ist da, daß es einen anderen Weg gehen könnte, statt wieder dem Leben entgegen auf das dunkle Tor des Todes zu. Und wie ist das, wenn du zwar weiterleben darfst, aber es bleibt etwas hängen, eine Schwäche, eine Störung, eine Gefahr, die plötzlich wieder da sein kann, du bleibst ein bedrohter, ein kranker Mensch, es fehlt dir die volle Lebenskraft, und du mußt dich täglich daran erinnern lassen wie die Frau in unserem Text, die achtzehn Jahre lang krumm war.

Ist die Krankheit nicht ein Feind des Menschen? Sieh, was sie in vielen, vielen Krankenzimmern und Spitälern aus ihm macht, was sie immer und überall aus ihm machen will! Lähmen will sie ihn, wie der Mammon ihn betrügen will. Seine Kraft ihm aussaugen will sie, sein Rückgrat aushöhlen, sein Herz und sein Gewissen müde machen, so daß da gar nichts mehr ist als ein armer, zerschlagener, klagender, zerstörter Leib, so daß da nichts mehr ist als sie selber, die schleichende oder die wild wütende Krankheit. O wie freut sie sich, wenn du nun unter ihrem Druck und ihren Schlägen so recht verzagt wirst, wenn sie dich klagen hört: das sei aber langweilig, so etwas zu ertragen, und solche Schmerzen habe wohl noch kein Mensch ausgestanden und es nehme dich nur Wunder, warum gerade du solches durchmachen müssest, wenn sie dich ungeduldig werden und verdrießlich klagen sieht, weil es sich in die Länge zieht.

Wie freut sich die Krankheit, wenn du nun richtig kleinlichen, kurzsichtigen Gedanken allen Raum einräumst in deiner Seele, wenn du so recht untergehst in den Nichtigkeiten und Torheiten des Krankenlebens, wenn du Tag und Nacht darüber nachstudierst, ob dir dieses Pülverlein oder jenes Sälblein besser tue, ob du lieber nach Zofingen wollest oder nach Aarau ins Spital2, ob du es noch mit einem sechsten Doktor versuchen wollest, nachdem du schon bei fünfen gewesen und keinem ganz gehorcht hast. Ja, da lacht die Krankheit, glaub’s nur, wenn sie dich so räsonieren und grübeln hört auf deinem Schmerzens|272lager, und denkt: gerade dahin wollte ich ihn ja haben, gerade schon läuft es mir in das aufgespannte Netz, das Menschenkind im Bett da.

Und wie freut sie sich, wenn sie wahrnimmt, wie du die Selbstsucht in dir überhand nehmen lässest in deinem Schmerz und Ungemach. Du kennst sie ja, die Krankenselbstsucht, die große, wunderliche Plage, wo man so daliegt, und nichts kann man einem recht machen, immer fällt einem noch etwas ein, was man gern anders hätte, immer ist das Mißtrauen bereit: sie tun mir zu wenig Ehre an, sie nehmen zu wenig Rücksicht auf meinen Zustand, sie merken gar nicht, wie ich dran bin. Du kennst das, wie man dann selber mühseliger und beladener wird und wie einem auch die Gesunden eher ausweichen und unruhig und ratlos werden und wie das Krankenzimmer zu einer wahren Apotheke wird, nicht nur wegen der Fläschlein und Mittelein, die da herumstehen, sondern wegen dem vielen Gift, das da unterdrückt und versteckt wird und doch immer wieder zum Vorschein kommt.

Ja, sieh, da hat es die Krankheit über uns gewonnen, wenn sie das aus uns machen kann. Und das ist eine schlimme Sache, weil die Krankheit nicht nur so ein Übel ist, das seine Zeit hat und dann wieder vorübergeht. Sondern hinter und neben der Krankheit stehen alle Mächte und Kräfte des Bösen, die alle nur ein Ziel haben, den Menschen von Gott zu trennen, das einfache, schöne Leben schwierig und wüst zu machen, die strahlende Helle der Welt Gottes in Dämmerung und Dunkel zu verwandeln. Alle diese Mächte und Kräfte sind losgebunden, dürfen schalten und walten durch die Schuld des Menschen, der in seinem Hochmut und Unverstand Gott den Rücken gekehrt hat. Sein Glaube an Gott würde sie sofort wieder fesseln. Aber solange der Glaube fehlt, sind sie noch nicht gefesselt und treiben ihr wildes Spiel mit uns. Und wie jubilieren sie alle, wenn es einer von ihnen gelungen ist, den Menschen irgendwie zu erniedrigen und zum Narren zu halten, ihn in neue Schuld hineinzutreiben und ihn dann der selbstgeschaffenen Pein zu überlassen.3 So jubiliert auch die ganze Hölle, wenn es der Krankheit |273 wieder einmal gelungen ist oder gelingen will an irgend so einem Schmerzenslager. Wenn wieder einmal ein Menschenkind so recht in die Angst, in die kleinen Sorgen- und Schmerzens-Heilungsgedanken, in die Bitterkeit und Unzufriedenheit hineingeraten ist. Da ist das wahrhaftige Leben, das sie so hassen, wieder einmal gründlich erstickt und zerstört. Da hat Einer sich selber verloren und ist ihr Sklave geworden, gehorsam und empfänglich auch für andere böse und traurige Gewalten, wenn die noch nötig sein sollten. Da hat Gott wieder einmal den Kürzeren gezogen. Nicht nur bei dem Kranken selbst. Auch bei seiner Umgebung, seiner Familie, den Kindern im Haus und in der Nachbarschaft, bei Allen, die mit ihm in Berührung kommen. Ja, es geht viel Böses aus auf die Menschen von manchem Kranken, von manchem Krankenzimmer, viel Unglaube, viel Hoffnungslosigkeit, viel rohe Selbstsucht, viel Menschenverachtung. Ja, wo ein Kranker ist, da ist sicher auch eine Einfallspforte für die Mächte des Bösen. Werden sie hereinbrechen mit zerstörender Gewalt, oder werden es die Kräfte des Lebens gegen sie gewinnen, wird Gott da einen Sieg erringen?

Denn das dürfen wir doch gar nicht denken, daß Gott das Krankheitsübel einfach so gelten lasse in der Welt. Daß er es zulasse, wie die Menschen geplagt und hin- und hergerissen und betrogen und beraubt werden durch diese Macht. Nein, sie ist eine gottfremde, gottfeindliche Macht, die Krankheit so gut wie der Mammon, so gut wie der Hochmut, so gut wie die böse Lust, so gut wie der Tod. In Gott und wo Gott ist, gibt es das alles nicht. Gott will auch nicht, daß wir Menschen diesen Mächten zur Beute seien, obwohl es jetzt so sein muß, weil wir eben ihn, den Schöpfer und die Quelle des Lebens [vgl. Ps. 36,10] verloren haben. Und so sicher er immer wieder bei uns anklopft, um uns aus der Fremde in die Heimat zurückzuführen, so sicher will er uns auch von der Fremdherrschaft dieser Mächte freimachen. Von dieser Freiheit und ihrem Anbruch erzählen uns die vielen Krankenheilungsgeschichten des Neuen Testaments.

Jesus konnte es offenbar gar nicht mit ansehen, wie es den Menschen ging unter dem Bann der Krankheit. Sein Innerstes wurde betrübt, sein heiligster Zorn lebendig, sein stärkstes Mitleid wach, und seine tiefsten, göttlichsten Kräfte standen auf, wenn er das Elend eines Bunden, eines Lahmen, eines Aussätzigen oder gar eines jener unseligen Geisteskranken sah. Was sich in ihm regte bei einem solchen Anblick, das war nicht |274 etwa das gewisse sanfte Bedauern, das weichliche Mitleid, der gefühlvolle Wunsch, helfen zu können, wie wir sie etwa verspüren in solchen Lagen. Nein, da regte sich in ihm der ganze ungeheure Gegensatz zwischen Gotteswelt und Menschenwelt. Eine förmliche Leidenschaft muß über ihn gekommen sein, wenngleich ganz ruhiger, stiller Art: Nein, das will Gott nicht, das muß nicht so sein! und dann das, was noch größer war als diese Leidenschaft: der unbedingte, klare Glaube: der Mensch gehört ja zu Gott hin, ist göttlicher Art, ist Gottes Kind, und am Menschen will sich wahrhaftig seines himmlischen Vaters Herrlichkeit offenbaren! Wie soll da die Krankheitsmacht über ihm sein können? Fahre aus von ihm, du unsauberer Geist! [Mk. 5,8 par.]. Mit dieser Leidenschaft für Gott, mit diesem Glauben an ihn hat Jesus Sieg über Sieg gewonnen gegen diese Macht. Eine breite Bresche ist damals geschlagen worden in diese Zwingburg.

Erstaunt sahen die Menschen auf aus ihrem kümmerlichen, sorgenund schmerzbeladenen Dasein und merkten: die Krankheitsgeister sind nicht unüberwindlich und ihre Werke nicht unzerstörbar. Es kann auch anders gehen, als es gestern und vorgestern und zu allen Zeiten gegangen ist. Die Mächte der Hölle haben genau nur soviel Herrschaft über uns, als unser Unglaube ihnen einräumt. Wenn der Glaube kommt, so ist ihr Reich zu Ende. Entsetzt sahen sie auf Jesus, der solchen Glauben hatte und der auch solche Glaubenskraft ausströmte auf sie, so daß sie auch glauben mußten. Jubelnd und dankbar merkten sie etwas davon: ja, wenn Gott wieder anders, wieder ernst genommen wird von den Menschen, dann wird auch ihr Leben, ihre Welt anders, so gewiß Gott Gott ist, der lebendige Gott. Und die Blinden wurden sehend, die Tauben hörten, die Lahmen gingen, die Aussätzigen [wurden] rein, ja es heißt, daß die Toten aufstanden [Mt. 11,5].

Ich habe als Text eine kleine Geschichte vorgelesen, die besonders deutlich diesen Sinn der Wunder Jesu zeigt: Jesus sieht diese arme, verkrümmte Person mit ihrem alten «unheilbaren» Übel. Er kann das einfach nicht glauben, nicht annehmen, sich nicht gefallen lassen, daß ein solches Elend in einem Menschen gelten und bestehen dürfe. Er spricht das lösende Wort: Weib, du bist los von deiner Krankheit!, er legt seine Hände auf sie, wie um es ihr zu bestätigen, daß jetzt etwas Anderes für sie angefangen hat, wie um ihr seine Glaubenskraft einzuflößen. Und was er ihr gesagt, das ist Wahrheit, das geschieht: das Neue Leben |275 bricht an, der Krankheitsgeist weicht, sie richtet sich auf und preist den Gott, der sich an ihr verherrlicht hat. Ja, Jesus hat es ans Licht gebracht, was Gott eigentlich mit diesem Weiblein wollte: nichts Jämmerliches, Verkümmertes, Betrübtes, sondern fröhliches Leben zu seinem Preise. Und das will er ja eben mit allen Menschen: leben sollen sie dürfen zu seiner Ehre und der ganzen Hölle und ihren Mächten zum Trotz. Es war wie eine wunderbare Frühlingszeit damals, als dieses wahre Ziel des Menschen in solchen immer neuen Fällen ans Licht kam. Gottesreichszeit war es, eine Zeit des klaren Sieges, der offenkundigen Herrschaft des Vaters. Die Menschenwelt wollte hineinwachsen in die lichte Gotteswelt.

Meine Freunde! Ob wir selber mit der Krankheit Bekanntschaft machen müssen oder ob wir unsere Angehörigen und Lieben darunter leiden sehen — es gibt keinen anderen ernsthaften Trost als den einen, den Jesus uns geben will und gibt mit aller Vollmacht: du bist los von deiner Krankheit! Und es gibt keine wirksame Hilfe gegenüber dieser Macht als die eine: die Siegeskraft des Gottesreichs. Daran können wir uns halten, wenn es an uns kommt, und daran können wir Andere sich halten lassen: das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden! [2.Kor. 5,17]. Alles Andere ist Flickwerk. Eine schwere Krankheit oder ein anderes ernsthaftes körperliches Übel ist eine solche Macht über uns, eine solche Verderbensmacht, daß uns mit allem Flickwerk wirklich nicht geholfen ist.

Da hilft es nichts, die Gedanken zerstreuen zu wollen durch allerlei Unterhaltung und Ablenkung, sie kommen doch wieder zurück und gehen uns zur Pein die alten Schmerzensweglein. Da hilft es nichts, sein eigener Doktor sein zu wollen, wie es manche Kranke machen und mit größter Aufmerksamkeit alle Fortschritte und Rückschritte bei dem armen Bruder Leib4 zu beobachten und zu verfolgen; denn ob du’s nun |276 besser kannst als der wirkliche Doktor oder weniger gut, die Natur nimmt doch ihren Lauf und überholt dich und den Doktor dazu; und was hast du nun davon, wenn du deine Zeit damit zugebracht hast? Da hilft’s auch wenig, wenn man sich oder Anderen zuspricht, wie wir’s etwa machen: nur Mut! nur Geduld! es kommt dann schon wieder besser! Ja, das ist schon recht, aber dann antwortet mancher Kranke ganz mit Recht: ihr habt lange gut reden, ihr gesunden Leute, ihr wißt nicht, wie’s mir drum ist. Wenn man keinen Mut und keine Geduld hat, woher soll man sie nehmen?, und wenn es vielleicht gar nicht mehr besser kommt, oder nur so schrecklich langsam, wie soll mir das ein Trost sein?

Ja, und auch mancher fromme christliche Trost hilft da nicht, wir wollen es uns nur ganz ehrlich sagen. Das ist ein schlechter Trost, wenn man in der Schwindsucht oder im Krebs oder bei einem gebrochenen Bein daliegen muß mit dem Gedanken: der liebe Gott hat das so geschickt und zugelassen, ergib dich drein! Ja, das ist doch, wie wenn man jetzt den Soldaten in den Schützengräben draußen predigen wollte: der liebe Gott hat das alles so zugelassen: das Maschinengewehrfeuer, die Minen, die erstickenden Gase, schick dich drein! Das glauben sie uns nicht, wir können uns darauf verlassen. Oder wie wenn man einem armen Familienvater mit unzureichendem Löhnlein und großer Familie sagen wollte: der liebe Gott hat den überflüssigen Reichtum gemacht hier und die bittere Armut dort. Das glaubt er nicht, das kann er nicht glauben. Die, die von solchen Übeln in der Welt selber betroffen sind und nicht bloß aus sicherer Ferne darüber reden, die haben von ihnen viel mehr den Eindruck, daß sie es mit der Hölle, als mit dem lieben Gott zu tun haben. Und das soll man ihnen gar nicht ausreden wollen, das ist so. Jesus hat es auch nicht anders angesehen. Er hat nicht getröstet mit «Schick dich drein!», weil er in die Herzen der Menschen hineingesehen und gesehen hat, daß die Krankheit eine zerstörende, gott|277widrige Macht ist, in die man sich gar nicht schicken darf. Wir wollen uns und Andere in Krankheitszeiten nicht mit diesem frommen Trost trösten, so nahe er liegt und so leicht und schön er uns über die Lippen geht.

Nein, meine Freunde, da wollen wir uns eben von Jesus etwas Größeres und Besseres sagen lassen, und das heißt: Gottes Reich kommt! Er ist Sieger!5 Du aber bist los von deiner Krankheit! Ja, das sagt er uns. Er sagt uns: es ist gar nicht wahr, du bist gar nicht der Sklave dieser fremden Macht, du mußt ihrer ganzen Verderbnis gar nicht unterliegen. Du bist ja Gottes Kind und Eigentum. Du bist ja mit Millionen anderen ein Glied in der fröhlichen Reihe seiner Geschöpfe, die er so unendlich lieb hat. Du hast ja den wundervollen Auftrag, in deinem Winkel und auf deine Weise sein großes Licht leuchten zu lassen [vgl. Mt. 5,16]. Du hast teil an Gott, und Gott braucht dich, ja gerade dich, so lieb hat er dich, und so hält er dich in Ehren. Und das alles sollte nun zu Schanden werden an deiner kranken Lunge oder an deinem schwachen Magen? Da sollten schlaflose Nächte und müde, überreizte Nerven etwas daran ändern? Das sollte nicht mehr wahr sein, weil du jetzt statt deines Arbeitsplatzes den stillen Platz im Krankenbett hast beziehen müssen? Da sollten nun aus deinen Schmerzen und Bresten6, aus dem Zerfall deiner Kräfte, aus diesem langsamen oder schnellen Dem-Tod-entgegen-Siechen solche giftigen Dünste emporsteigen dürfen, die den lieben Gott zum Lügner machen? Das ist doch einfach nicht wahr. Das will Gott nicht. Das kann er nicht wollen.

Sondern wahrhaftig: Gott hilft, Gott stillt den Jammer, ja Gott macht dich los von deiner Krankheit, wie Jesus es gesagt hat. Das sagt Jesus denen, die von den Sünden und Leidensgewalten dieser Welt bedrückt sind: Ihr Mühseligen und Beladenen [vgl. Mt. 11,28], Gott ist wahrhaftig Gott, nicht zum Spiel, nicht zum Schein, nicht von Weitem, nicht erst in tausend Jahren, sondern in Wirklichkeit und hier und jetzt, hier in deinem Leidenskämmerlein. Gott will, daß sein Reich des Friedens und der Freude wachse und nicht das der höllischen Mächte, die jetzt gegen dich anstürmen. Gott will, daß du stehest und gehest und nicht unter|278gehest, wenn du es nicht selber willst, wie Petrus will er dich über die Wellen gehen und nicht versinken lassen [vgl. Mt. 14,28–31]. Gott will, daß er überall und in Allem und über Allem verherrlicht werde. Gott will dich auch durch dein Kranksein hindurch nur wachsen und zunehmen lassen an Kraft und Seligkeit. Gott will, daß du los seiest von deiner Krankheit, daß sie dich nicht lahmen und gefangennehmen dürfe, daß du lebendig bleibest und immer lebendiger werdest, wie er selber, Gott, lebendig ist.

Seht, das ist Krankentrost und Krankenhilfe, daß Gott will und Alles überwindet und durch gar nichts sich stören läßt. Wenn ein Kranker dessen inne wird, dann ist er getröstet, dann ist ihm geholfen. Etwas von jener Leidenschaft und von jenem Glauben, die in Jesus waren, sind jetzt auch in ihm. Und mit ihnen erhebt er sich über sein Kranksein. Er sieht jetzt etwas ganz Anderes als seine Krankheit, die kann er gar nicht mehr so wichtig nehmen. Er sieht den siegreichen Vater im Himmel, dessen Tun niemand hindern kann7, dessen Ziele unverrückbar sind, der sich über allem Leid und aller Sünde der Erde nur um so wunderbarer zeigen und beweisen will.

Der Vater im Himmel kann auf mancherlei Weise siegen am Krankenbett. Er kann dich wieder gesund werden lassen, wie es jener Frau ging. Ja, so greift Gott oft ein in das Elend des Menschenlebens, öfters wohl, als wir denken, indem er sagt: dieser Mensch darf nun nicht krank sein und bleiben, das wäre ein Schaden für mein Reich und ein Makel für meine Herrlichkeit, wenn der länger untätig und gefesselt bleiben müßte, der darf noch nicht sterben, den brauche ich noch, der muß erst reif werden fürs Sterben. Ich glaube, wenn wir mit unserem Gebet dem Siegerwillen Gottes besser entgegenkommen würden, es würde tatsächlich weniger Krankheit unter uns geben. Freilich nicht mit den stürmischen Wünschen und Bitten der meisten Kranken: ich möchte aber wieder gesund werden und meine Ruhe haben, sondern mit der tiefen, stillen Hingabe an Gott: Heile du mich, Herr, so werde ich heil [Jer. 17,14], ich möchte leben, nicht für mich, sondern zu deiner Ehre! Ja, da kann dann Gott so siegen, daß er die Organe und Kräfte des Körpers wiederherstellt, und du darfst wieder ein gesunder Mensch sein |279 wie vorher und hast es hoffentlich gemerkt, wem du das verdankst und wem dein Leben jetzt noch mehr als zuvor gehören muß.

Gott kann aber auch so siegen, daß er dich krank bleiben und kränker werden läßt. Dann will er dich eben in der Krankheit von der Krankheit losmachen. Das Macht- und Wunderwort, das Jesus zu jener Frau gesprochen, gilt darum doch, glaub’s nur. Es haben freilich die meisten Menschen, wenn sie krank sind, nur den einen Gedanken: wieder gesund werden, nicht mehr leiden müssen, wieder arbeiten können. Aber wenn nun ein Kranker den großen Trost und die große Hilfe Jesu hat: Gott wird Meister und siegt, und sein Reich kommt!, dann ist ihm das eben nicht mehr so die Hauptsache, daß nun gerade auch sein Körper wieder hergestellt werde wie zuvor. Er weiß dann: Gott kann es wohl so machen, aber er kann es eben auch anders machen und macht es oft anders. Es gibt eine neuere christliche Gemeinschaft, die auch in der Schweiz viele Anhänger zählt, sie nennt sich Christian Science, Christliche Wissenschaft8, die lehrt, daß durch einen größeren Glauben und aufrichtigeres Leben viel mehr Gesundheit sein könnte unter den Menschen. Ich glaube, soweit haben diese Leute ganz recht, und es ist nötig, daß das wieder einmal kräftig gesagt wird, nachdem die Christen sich lange genug mit dem Trost begnügt haben, man müsse sich eben in alle Übel schicken. Aber darin haben sie nicht recht, wenn sie meinen, unser Glaube und Gottes Herrlichkeit könne sich nicht geradesogut auch im Kranksein bewähren, als ob der rechte Erfolg des Lebens notwendig und immer darin bestehen müsse, daß der Kranke wieder herumlaufen kann. Als ob das an sich etwas Göttliches wäre!

Da wollen wir nun an all die Kranken denken, die in Schmerzen und Leiden drin ihren Gott gespriesen haben, die in ihrer harten Gedulds|280probe drin fest und treu geworden sind, reiche, schöne Erfahrungen und Erkenntnisse haben gewinnen dürfen, die in all ihrem Elend drin zu dem wahrhaftigen Leben vorgedrungen sind, so daß sie ihres Elends, wenn sie es auch nicht vergessen konnten, doch nicht mehr zu gedenken brauchten, weil sie etwas Besseres hatten. An die Kranken wollen wir denken, die in aller furchtbaren Zerstörung ihres Körpers den Ansturm der höllischen Gewalten zurückschlugen und ihrer ganzen Umgebung ein Licht und eine Kraft wurden, eine wunderbare Stärkung und Aufrichtung, wo die Einfallspforte des Bösen zu einer Ausfallspforte des himmlischen Vaters wurde, der durch dieses Krankenbett seine Menschenkinder segnen wollte, herrlicher als durch tausend Gesunde. Ist das nicht auch eine Erlösung von der Krankheit? Hat Gott dann nicht auch gesiegt? Wollen wir nicht über das Gebet: Mach mich gesund! hinaus weiter beten: oder laß mich krank bleiben und krank werden, aber daß mir die Krankheitsmacht nichts anhabe, daß du dich als Meister erweisest in meinem Kranksein, daß auch durch mein Kranksein dein Reich auf Erden komme!

Vielleicht schließlich auch durch mein Sterben. Ja, warum nicht? Der natürliche Mensch klammert sich ans Leben, sträubt sich gegen Grab und Tod. Aber wenn das einmal wahr ist: Gott siegt, und sein Reich kommt, ist das nun so wichtig, ob ein Menschlein weiterlebt oder sterben muß, und wenn nun dieses Menschlein zufällig gerade ich wäre? Was ist denn mein Sterben vor dem gewaltigen Thron Gottes? Der auf dem Thron sitzt, weiß wohl, was er will und was er macht, und wenn er’s jetzt so mit mir macht, so sagt er darum nicht weniger: siehe, ich mache Alles neu [Apk. 21,5]. Das bleibt im Sterben erst recht wahr, und ich habe ihn dann nur noch das eine zu bitten: mach’s mit meinem Ende gut!9 Mach, daß ich dich nicht loslasse!, daß ich bis zuletzt sehe und spüre, wenn es sein kann, daß du Sieger und König bist.

Liebe Freunde! Sagt mir nicht: das ist schwer, das ist unmöglich, so krank zu sein, sich so trösten und helfen zu lassen. Ist denn das so schwer, sich von Jesus sagen zu lassen: du bist los, wirklich los von deiner Krankheit! deine Not ist gehoben! dein Elend gilt nicht mehr! die |281 Gefahren und Schäden, mit denen es dich bedroht, sind überwunden! du lebst, und nichts kann dir mehr etwas anhaben!? Ist das nicht viel leichter, sich das sagen zu lassen, das ganz schlicht einmal ernst zu nehmen, als krank zu sein auf unsere alte Manier und uns zu trösten mit den Tröstern, die doch keine sind [vgl. Hiob 16,2]? Ist das nicht kindereinfach im Grunde, diesen einen großen Trost anzunehmen und anzuwenden, daß Gott Gott ist und Gott bleibt und Gott sein wird? Ist es so schwer, sich einmal wirklich trösten zu lassen? Gott helfe uns allen zu der Kindereinfachheit, daß wir sehen, was vor Augen liegt. Dann ist uns geholfen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 176: «Gottesruhe, Sabbatstille» von Chr. Fr. D. Schubart (1739–1791), Strophen 1-3 🎵
  • Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold, Strophen 1.3.5 (= GERS [1952] 306,1.3.5; EG 388,1.4.5b; Strophe 5 in beiden GERS ist eine Kompilation zweier Halbstrophen, deren erste im EG fehlt; s. aber EKG 262,8a und 9b) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 8. Juli schrieb Barth an Thurneysen: «Nächsten Sonntag predige ich über die Krankheit (Luk. 13,10–13). Du hast mir da einmal eine gute Anregung gegeben, die mir bei einem bestimmten Fall sehr wertvoll wurde und über die ich mir jetzt klar werden möchte» (Bw.Th. I, S. 62 📖).↩
2
In der Bezirkshauptstadt Zofingen und in der Kantonshauptstadt Aarau befanden sich die für die Safenwiler Bevölkerung nächstgelegenen Krankenhäuser.↩
3
Vgl. die 2. Strophe des Gedichtes «Wer nie sein Brot mit Tränen aß» in: J. W. von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 2, Kap. 13 📖 (angeredet sind die «himmlischen Mächte»):
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein …
↩
4
Der Ausdruck «Bruder Leib» stammt aus der Überlieferung um Franziskus von Assisi. Siehe Speculum perfectionis seu S. Francisci Assisiensis legenda antiquissima auctore fratre Leone (Cap. 97), hrsg. von P. Sabatier (Collection de documents pour l’histoire religieuse et littéraire du Moyen âge, Tome I), Paris 1898, S. 191, Z. 3-12 📖: «Considerans et intelligens pater sanctissimus propter animam corpus esse creatum et actus corporales propter spirituales esse agendos, dicebat: ‹Servus Dei in comedendo et bibendo et dormiendo et alias necessitates corporis sumendo debet cum discretione suo corpori satisfacere ita quod frater corpus non valeat murmurare dicens: Non possum stare erectus et insistere orationi nec in tribulationibus mentis laetari nec alia bona opera operari quia non fatisfacis [andere Lesart: satisfacis] indigentiae meae.›» Ferner: Ebd., Z. 14. 19. — Thomas von Celano, Vita secunda S. Francisci, n. 129, in: Analecta Franciscana, Vol. X, Ad Claras Aquas 1926-1941, S. 206 📖: «Dixit etiam aliquando sanctus [Franciscus]: ‹Fratri corpori cum discretione providendum est, ne ab eo tempestas commoveantur accediae.›» Ferner: Ebd., n. 211, S. 251f. Den Hinweis auf Thomas von Celano verdanken wir P. Oktavian Schmucki in Rom.↩
5
«Jesus ist Sieger!» ist die zentrale Aussage J. Chr. Blumhardts in seinem Kampf um sein Gemeindeglied Gottliebin Dittus; s. Fr. Zündel, Johann Christoph Blumhardt. Ein Lebensbild, Gießen/Basel 19218, S. 109.144. 📖 ↩
6
= Gebrechen.↩
7
Vgl. in der 4. Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (Nr. 266; GERS [1952] 275, EG 361) 🎵 die Zeile:
Dein Werk kann niemand hindern …↩
8
Die auf Mary Baker Eddy (1821–1910) zurückgehende «Christian Science» (vgl. H. D. Reimer, Art. «Christian Science», in: RGG3 I, Sp. 1732–1736 📖) gibt seit 1903 die deutschsprachige Zeitschrift «Der Christian Science Herold» heraus. In einem Artikel des 1. Jahrgangs (S. 4–9) von A. McLella ist über die damalige Ausbreitung der Anhängerschaft zu entnehmen: «Kürzlich haben die Lehren der Christian Science auch in England, Schottland und Deutschland festen Fuß gefaßt, und allen Anzeichen nach wird das Wachstum der Konfession in jenen konservativen Ländern so überraschend schnell wie in den Vereinigten Staaten und Kanada sein.» Weitere Jahrgänge der Zeitschrift bestätigen die Prognose: 1908 werden die Adressen von 7 aktiven Christian Scientists in der Schweiz mitgeteilt; 1917 gibt es in Basel, Bern, Genf und Zürich Zweigkirchen mit sonntäglichen Gottesdiensten und mit Leseräumen.↩
9
Vgl. den Kehrreim des Liedes «Wer weiß, wie nahe mir mein Ende» von Ä. J. von Schwarzburg-Rudolstadt (Nr. 324; GERS [1952] 379; EG 530) 🎵:
Mein Gott, ich bin durch Christi Blut:
Mach’s nur mit meinem Ende gut!
↩