26. August 1914

Eduard Thurneysen an Karl Barth

6
Mein Lieber,

Ich habe mit großer Freude und Zustimmung deine Predigt1 in den «Neuen Wegen» gelesen. Die Dialektik des Doppelgedankens ist prächtig herausgearbeitet, und auch sprachlich ist alles trotz der komplizierten und tiefen Überlegungen, die du anstellst, bewundernswert schlicht und sicher. […] Auch was du über Naumann in der «Christlichen Welt» schreibst,2 ist ungemein zutreffend. Wer’s widerlegen kann, widerlege es! Wir sollten in diesen trüben Zeiten das Soziale Kränzli nicht verplampen lassen. Es gäbe allerlei zu besprechen. Man ist doch innerlich vorzu am Krieg. |7 Ich muß oft an unsere deutschen Freunde denken. Bornhausen3 z. B. wird irgendwo im Sattel sitzen und Patrouillenritte tun. Er sollte sich bei uns internieren lassen.

Mit recht herzlichem Gruß an dich und deine Frau
dein
Ed. Thurneysen

Sachfußnoten

1
K. Barth, Landesausstellung. Predigt, gehalten in Safenwil am 7. Juni 1914, in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit (redigiert von L. Ragaz u. a. ), Jg. 8 (1914), S. 304ff. 📖 ↩
2
K. Barth, «Die Hilfe» 1913, in: Die christliche Welt (= CW), Jg. 28 (1914), Sp. 774–778. 📖 Der Artikel ist eine Rezension über den Jahrgang 19 (1913) der von F. Naumann herausgegebenen Zeitschrift Die Hilfe. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. ↩
3
Lic. Karl Bornhausen (1882–1940), Studienfreund Barths und Thurneysens aus Marburg, a. o. Prof. für Systematische Theologie in Marburg, später o. Prof. in Breslau.↩