18. Juni 1914

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Ich schicke dir alles Wichtige von Naumann1 außer der «Gotteshilfe», die du wohl selber hast. Aus der früheren Zeit habe ich kaum etwas. In der Basler Universitätsbibliothek findet sich die kleine Schrift «Was heißt Christlich-sozial?». Die «Gotteshilfe» ist also das beste und größte Dokument. In den neuern Ausgaben sind die Andachten datiert, sodaß die Entwicklungen Naumanns noch klarer hervortreten. Die Wandlung Naumanns wird vor allem klar aus den Schlußkapiteln der «Asia» und den «Briefen über Religion». Daneben laufen dann die politischen und die mancherlei Gelegenheitsschriften. Die «Ausstellungsbriefe» geben |6 Naumanns Freude an der modernen Welt wieder, lies z. B. die Aufsätze über den Eiffelturm, die Eisenbauten und die Maschinen. In den «Sonnenfahrten» ist die Betrachtung über Franz von Assisi bezeichnend.2 Ich lege dir einen kleinen Aufsatz bei, den ich einmal im Zentralblatt der Zofingia über Naumann veröffentlicht habe,3 nicht weil ich ihn so vortrefflich finde, auch könnte ich heute nicht mehr zu allem dort Gesagten stehen, aber er enthält ein paar Notizen über den äußern Lebenslauf Naumanns. Im Übrigen wird Freund Wilhelm Loew4 eine weit zuverlässigere Quelle sein als meine Angaben. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Eduard Th.

Sachfußnoten

1
Friedrich Naumann (1860–1919), ev. Theologe und Politiker.↩
2
F. Naumann, Gotteshilfe. Gesamtausgabe der Andachten 1895-1902, Göttingen 19114 📖; ders., Was heißt christlich-sozial?, Leipzig 1894 (18962) 📖; ders., Asia, Berlin 1899 📖; ders., Briefe über Religion, Berlin 1903 (19166 📖; ders., Ausstellungsbriefe, Berlin 1909 📖; ders., Sonnenfahrten, Berlin 1909. 📖 ↩
3
E. Thurneysen, Ethik und Politik in ihrem gegenseitigen Verbältnis bei Friedrich Naumann, in: Centralblatt des schweizerischen Zofingervereins, Jg. 21 (1910/11), S. 138–160. 📖 ↩
4
Wilhelm Loew (geb. 1887), Schwiegersohn Naumanns, Studienfreund von Barth und Thurneysen, Lic. theol., Dr. med., nach 1945 Prof. für praktische Theologie in Mainz.↩