8. Februar 1916

Predigt: 2. Timotheus 2,7 (Trauung von Willy und Elisabeth Spoendlin)

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Trauung von Willy und Elisabeth Spoendlin
Liebe Freunde!

Ihr habt euch als Hochzeitstext ausgewählt das Wort aus dem 2.Timotheusbrief, Kapitel 2, Vers 7: Der Herr aber wird dir in allen Dingen Verstand geben. Wenn ihr das heute so recht aus aufrichtigem Herzen, ohne Rückhalt und Hintergedanken eins dem andern sagt, dann tut ihr das Beste, was ihr heute tun könnt. Es ist das Einzige, wirklich das Einzige, was ihr notwendig habt für eure gemeinsame Zukunft, daß Gott euch Verstand gebe in allen Dingen. Es ist aber auch das Einzige in eurer Zukunft, von dem ihr heute sicher wissen könnt, es wird geschehen: daß Gott das tun wird, wenn ihr es im Ernst von ihm erwartet und haben wollt. Ihr habt in diesem freudigen, zuversichtlichen Wort die Lösung eurer Lebensfrage in ihrer ganzen Tiefe vor euch, den Schlüssel, der alle Türen und Schlösser öffnen wird. Und der Schlüssel ist in eure Hand gelegt. Macht ihn euch nur zu eigen, braucht ihn, sagt einander das lösende Wort. Dann wird sich Alles erfüllen, was ihr jetzt voneinander erhofft und was ihr einander sein möchtet. Dann werdet ihr gemeinsam das Himmelreich stürmen [vgl. Mt. 11,12]. Gott will es. Und ihr wißt es, daß Gott es will. Es hängt nun Alles davon ab, daß ihr es auch wollt.

Denn das Leben hört auf, eine Frage, ein verzwickter Irrgarten zu sein, sobald wir Klarheit haben über das, was eigentlich wahr ist. Das ist der Verstand, den Gott uns geben will. Das ist eben Gottes eigener Verstand, die Weisheit, die vor der Welt war [vgl. Spr. 8,22f.], die über der Welt ist |440 und die nach der Welt sein wird. Wir haben das, was eigentlich wahr ist, verloren und leben in dem, was eigentlich nicht wahr ist. Wir haben uns das Leben und die Welt nach unserem Verstande eingerichtet, und da wir uns für weise hielten, sind wir zu Narren geworden [vgl. 1.Kor. 3,18]. Wir können das oft lange Zeiten hindurch übersehen und uns ganz wohl dabei fühlen, nur daß eine geheime Herzensbangigkeit uns sagt, daß wir eigentlich in dieser Luft nicht atmen können. Wir merken es nur an den Bedenken, Zweifeln und Kümmernissen, mit denen beladen wir vom Heute ins Morgen hinübergehen, an der großen Unsicherheit über das, was wir eigentlich wollen, an den Steinen, die wir uns selbst und Anderen in den Weg legen, wir merken es an der Unwahrheit, mit der wir uns selbst täuschen, und am Krieg, den wir miteinander führen müssen, daß wir eben leben in dem, was eigentlich nichts ist. Und darum ist uns das Leben zu einer Frage, zu einem Bündel von Fragen geworden. Darum müssen wir unseren Verstand dazu brauchen, zu entwirren, was eben von Haus aus unverständig ist. Darum müssen wir uns innerlich aufreiben damit, Ansichten und Standpunkte herauszuarbeiten, Mittelein und Ausweglein zu suchen, ein überlegtes, vorsichtiges, reifes Verhalten uns auszuklügeln. Möchten mit dem allem hinter den Sinn des Lebens kommen, nach dem wir hungern und dürsten, verwirren uns nur immer mehr und endigen wohl zuletzt bei der Befürchtung, das Leben könnte am Ende überhaupt keinen Sinn haben. Es hat auch keinen Sinn auf dieser Grundlage. Wir können eben nicht leben in dem, was eigentlich nicht wahr ist. Überhaupt nicht und in der Ehe, die die größte Probe und Bewährung des Lebens ist, erst recht nicht. In der Ehe kann sich die tiefste, wunderbarste Freude vor euch auftun. In der Ehe kann sich das Leben, der Sinn des Lebens euch erschließen. Die Ehe kann euch das offene Himmelreich werden. Denn das ist der Sinn des Lebens und das offene Himmelreich, daß der Mensch sich selber verliere und mit dem anderen Menschen zusammen ein neuer Mensch werde. Das alles kann euch geschehen. Aber nur wenn ihr von dem aus leben wollt, was eigentlich wahr ist. Sonst bleibt’s dabei, daß auch die Ehe, wie das ganze Leben, keinen Sinn hat, ja dann ist die Ehe die schlimmste, schrecklichste Ecke des großen Irrgartens.

Dazu will euch Gott Verstand, seinen Verstand geben. Gott versteht eben das, was eigentlich wahr, was in unseren Herzen wahr ist, das, was wir mit unserem Verstand beständig von uns stoßen und dann ebenso |441 beständig mit unserem Verstand krampfhaft wieder suchen müssen. Gott ist kein Gott der Fragen und Probleme. Gott hat keine Ansichten. Gott braucht keine Ausweglein. Gott ist nicht so gescheit wie wir. Gott lebt und sieht und schafft. Gott macht nichts, aber er läßt Alles wachsen. Gottes Verstand ist das Einfache, das Kindliche, das Gütige, Liebe, Klare, was sich von selbst versteht.

Und nun geht eben in eure Ehe hinein mit dem Verstand, den Gott euch gegeben hat, gibt und geben will. Das ist die einzige Eheweisheit, die ich euch nennen kann, und ihr werdet auch keine andere finden. Liebe Freunde! Ihr werdet wohl in eurer Brautzeit auch dann und dort den mit Stirnrunzeln und Seufzen getanen Ausspruch haben entgegennehmen müssen, es sei sehr schwer, verheiratet, nämlich gut und glücklich verheiratet zu sein, viele Erfahrungen und Enttäuschungen müßten da durchgemacht, vieles, vieles gelernt werden, die Ehe sei eine Schule, die Ehe sei eine Kunst, und das noch die schwierigste. Vielleicht habt ihr manchmal in den unvermeidlichen kleinen Pausen des Verlobungsglücks sogar ein klein wenig mitgeseufzt beim Gedanken an eure Zukunft. Wie ist’s nur mit diesen teils ernsten, teils auch bloß interessanten Schwierigkeiten in der Ehe? Ich möchte euch sagen, daß ihr jetzt wie die Kinder simpel und fröhlich ganz und gar nicht daran zu denken braucht, wenn ihr euch nur fest daran halten wollt, daß der Herr euch in allen Dingen den Verstand geben wird. Denn ihr steht jetzt vor der simplen, fröhlichen Tatsache, daß Gott aus dem gemeinsamen Leben, das ihr nun antretet, einen seiner gütigen, lieben, klaren, selbstverständlichen Gedanken machen will. Und die Tatsache gibt euch das Recht und den Mut, der großen und kleinen Schwierigkeiten im Voraus nicht zu achten, sie im Voraus nicht ernst zu nehmen, wahrhaftig nicht aus Gedankenlosigkeit und Leichtfertigkeit, aber weil ihr Gott so ernst nehmen müßt, daß alles Andere daneben nicht mehr ernst ist. Denn ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? wer will uns scheiden von der Liebe Gottes [Röm. 8,31.33.35]. Wenn Menschen den Verstand nehmen, den Gott ihnen gibt, wenn Menschen es zulassen, daß Gott in ihnen seine großen, einfachen Gedanken denkt, dann sind die sogenannten Schwierigkeiten des Lebens keine Mächte und Gewalten mehr für sie. Gott allein ist mächtig, sie aber sind nichts. Man denkt es sich schwierig, daß zwei Menschen mit ihren verschiedenen Charakteren, Neigungen, Familieneigentümlichkeiten einander so ganz finden und |442 verstehen und einander anpassen und einander gegenseitig finden und glücklich machen sollen. Aber was soll denn das? Es ist doch eigentlich wahr, daß ihr einander lieb habt, und das ist eben der Verstand, den Gott euch gibt: das, was eigentlich wahr ist zwischen euch. Und aus dieser Quelle, wenn ihr sie nur fließen laßt, kommt ganz von selbst Verständnis, Vergeben und Nachgeben, einander helfen und einander verzeihen können und alle diese wunderbaren Dinge, die man sonst mit vielen Künsten umsonst sucht2. Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,8.16]. Habt euch einfach lieb, so wird euch solches alles zufallen [vgl. Mt. 6,33].|

Man redet und sorgt auch viel von den schweren und dunklen Schicksalen, die so einem jungen Ehepaar bevorstehen können. Aber wiederum ist’s doch eigentlich wahr, daß ihr beide die Kraft des guten Willens kennt und habt, und die kann jetzt, wo ihr sie zu zweit kennen und haben dürft, doppelt so stark in euch werden, und es gibt kein Schicksal und keinen Zufall, die jemals stärker werden könnten als der gute Wille. Das [ist] der Verstand, den Gott gibt. Braucht ihn einfach, laßt ihn dasein in euch, aus ihm fließen Freudigkeit, Tapferkeit, Treue von selbst, ohne euer Zutun. Andere Quellen gibt es freilich nicht für diese hohen Dinge. Gott ist der gute Wille. Habt ihn, so seid ihr stark gegen Alles, was kommen kann.|

Und auch der dunkelste Gedanke für einen Hochzeitstag, der Gedanke, daß der Tod euch zwei einmal scheiden wird, soll kein Schatten über euch sein. Seht ihm nur ins Auge, aber auch ihm nicht, um ihn ernst zu nehmen. Denn eigentlich ist’s doch wahr, daß etwas in euch innerlich lebendig ist und jetzt zu zweit immer lebendiger werden will in euch, etwas Reines, Tiefes, Sicheres, ein Sieg und eine Beständigkeit, etwas Ewiges, das kein Tod wird töten können3, der Verstand, den Gott gibt. Braucht ihn, dann könnt ihr heute, wo ihr euch findet, ohne Wehmut und ohne Angst auch ans Scheiden denken, so trostlos das sonst sein müßte. Was in euch lebendig ist und lebendig wird, das kann nicht sterben, nicht auseinandergerissen werden. Gott ist die Auferstehung und das Leben. Lebet, so gibt es kein Sterben [vgl. Joh. 11,25f.]. – Liebe |443 Freunde! Es kann euch nicht fehlen, daß der Sinn des Lebens euch in allen Dingen sich auftun wird, wenn ihr den Verstand nehmen und brauchen wollt, den Gott gibt.

Dieser Verstand Gottes wird euch freilich auch fortgesetzt zu einer tiefen innerlichen Beunruhigung werden, und ihr dürft dieser Beunruhigung so wenig ausweichen wie dem Trost, mit dem er euch trösten will. Der Verstand Gottes wird es euch nicht erlauben, euch mit innerer Behaglichkeit auf euch selbst und einen befriedigenden Wirkungskreis zurückzuziehen. Der Verstand Gottes wird euch die Augen immer mehr öffnen für all den radikalen Unverstand, auf den unser aller, auch euer jetziges Leben aufgebaut ist, auf all das Leid und all die Not der Welt, an denen wir alle mitschuld sind, weil wir den Gedanken Gottes zu wenig Raum in uns gegeben haben. Der Verstand Gottes wird euch von den Wegen, die jedermann geht, ab und in die fruchtbare innere Einsamkeit führen, dahin, wo um neue Grundlagen des Lebens gerungen und gearbeitet wird. Liebe Freunde! Ihr schließt den Bund eurer Ehe in einer Zeit, in der der menschliche Unverstand furchtbarer und folgenschwerer zum Vorschein und Ausbruch kommt als je zuvor. Es hätte keinen Sinn in solcher Zeit, hoffnungsvoll ein neues Leben zu zweien anzutreten, wenn ihr es ohne diese Unruhe machen wolltet, die es geradezu zum Hauptinhalt eures gemeinsamen Lebens machen wird, euch nach dem Verstande Gottes, der uns fehlt, mit Allen, die Gott lieb haben, auszustrecken. Eure Ehe soll ein Schauplatz des Kampfes und Sieges der Wahrheit werden, nicht nur für euch, sondern für Gott und die Menschen. Es wird auch für euch das Kreuz, und das will sagen das Leiden um der Gerechtigkeit willen [vgl. Mt. 5,10], die letzte und tiefste Weisheit des göttlichen Verstandes sein. Veni creator Spiritus! Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein!4

Und nun? Nun braucht es so wenig, damit ihr den Weg wirklich zieht, den ihr möchtet und der eure göttliche Bestimmung ist. So wenig und in dem Wenigen das Unendliche. So gar keine besonderen Künste und Überlegungen. Aber daß ihr den Verstand Gottes in allen Dingen walten und gelten lasset, wie er euch gegeben wird. Ihr wißt, daß er recht hat. Ich brauche keinen Augenblick damit zu verschwenden, euch die Wahrheit des Evangeliums Jesu Christi anzupreisen und zu beweisen. Es kann |444 ja kein Mensch im Ernst etwas dagegen haben, daß Gott Gott ist und als Gott recht hat. Ihr habt auch nichts dagegen. Also! So habt nun gemeinsam noch viel, viel mehr dafür, für diese einfache Grundwahrheit des Daseins, von der wir leben und an der wir gesund werden.

Sagt einander alle Tage euren Hochzeitstext: der Herr wird dir in allen Dingen Verstand geben! Betet zusammen – nicht daß Gott ihn euch gebe, denn das tut er ohne euer Beten, aber daß es nie an eurem Nehmen fehle. Und dann glaubet miteinander an das Licht, dieweil ihr es habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid [Joh. 12,36].

Amen.

Sachfußnoten

1
Wilhelm Spoendlin (1886–1965) war ein Freund und Klassenkamerad Barths auf dem Freien Gymnasium in Bern und absolvierte mit ihm 1904 das Abitur. 1910 verbrachte Barth einen Teil seiner Ferien auf Schloß Greifensee, dem Elternhaus Spoendlins (Vorträge und kleinere Arbeiten 1909-1914, in Verbindung mit H. Helms und Fr.-W. Marquardt hrsg. von H.-A. Drewes und H. Stoevesandt [Gesamtausgabe, Abt. III], S. 139 📖). 1916 war Spoendlin als promovierter Jurist in Zürich tätig. Weitere Begegnungen der Freunde sind dokumentiert aus den Jahren 1917, 1921 (Bw.Th. I, S. 185.522 📖), 1924 und 1928 (Bw.Th. II, S. 271.274.619 📖). Elisabeth Spoendlin (1889–1979) war eine geborene Feurer aus St. Gallen.↩
2
Vgl. den Schluß der 4. Strophe des Liedes «Der Mond ist aufgegangen» von M. Claudius (Nr. 52; GERS [1952] 92; EG 482) 🎵:
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.
↩
3
Vgl. in dem Lied «Warum sollt ich mich denn grämen» von P. Gerhardt die Strophe: «Kann uns doch kein Tod mehr töten …» (Nr. 267,7; GERS [1952] 278,8; EG 370,8 🎵: «… nicht töten»).↩
4
Lied Nr. 146 von A. E. Fröhlich nach Hrabanus Maurus (GERS [1952] 177) 🎵.↩