10. Dezember 1916

Predigt: Psalm 73,1 (2. Advent)

406
354
II. Advent
Psalm 73,1
Israel hat dennoch Gott zum Trost, wer nur reines Herzens ist.
Liebe Freunde!

Wer nur reines Herzens ist! Das ist das Eine, was es von uns aus braucht, damit es bei uns Advent werden kann. Reine Herzen, das sind die weiten Tore und hohen Türen, durch die der König der Ehren einziehen will bei uns [Ps. 24,7]1 mit seinem Trost für unsere Traurigkeiten. Wir sollten uns darüber nicht täuschen, als ob es vielleicht auch etwas Anderes sein könnte, woran es uns fehlt, wenn es bei uns nicht hell werden will. Wir sollten nicht denken: Ja, ich bin eben von einem widrigen Schicksal verfolgt, oder: ich bin eben nicht von den rechten Menschen umgeben. Wir sollten auch nicht soviel über uns selbst seufzen: ich habe eben einen gar unglücklichen Charakter, und meine Gemütsanlage ist so und so. Wir sollten auch bei all den großen Traurigkeiten, die die Welt erfüllen, beim Krieg zum Beispiel, zwar die äußeren, sichtbaren, menschlichen Ursachen scharf ins Auge fassen und zu verstehen suchen, aber dann nicht dabei bleiben, darüber zu räsonieren und aufzubegehren, sondern immer daran denken: Wenn es so dunkel ist und bleibt in der Welt, so hat das neben allen anderen auch noch eine verborgene, ganz einfache innere Ursache. Und diese innere Ursache ist im Grunde die Hauptursache, ja im tiefsten Grunde die einzige Ursache, warum soviel Finsternis ist in der Welt und in unserem persönlichen Leben. Je mehr ein Mensch bloß seufzt über die natürlichen, äußeren Umstände seiner Finsternis, desto mehr schiebt er seine eigene Erlösung hinaus, nach |407 der er doch so sehnsüchtig ist. Und je mehr die Menschheit bloß jammern will oder schelten will über die äußeren Tatsachen, die die Welt jetzt schrecklich machen, desto weniger wird der Advent, die Gottesankunft auf der Erde möglich, nach der doch alle Völker hungrig und durstig sind. Unsere ganze Gefangenschaft hat nur einen Grund: wir Menschen sind nicht reines Herzens. Und zu unserer Befreiung gibt es nur einen Weg: wir müssen reinen Herzens werden. Von Gott her ist Alles bereit für uns, Alles in Ordnung. Er hat es schon vor Jahrtausenden gesagt für alle Geschlechter der Menschen und so auch für uns: Ich will euch trösten, wie Einen seine Mutter tröstet! [Jes. 66,13]. Und das will sagen: Ihr müßt, soviel an mir liegt, nicht traurig sein! Sowenig ein Kindlein auch traurig sein muß, wenn seine Mutter es an ihr Herz zieht und zu ihm sagt: Ich habe dich doch lieb! und tut, was sie kann, um seinen Kummer wegzunehmen. Gott hat die Welt nicht zu einem Jammertal geschaffen, und wenn sie es geworden ist, so ist sie es gegen seinen Willen geworden. Gott hat den Menschen nicht schwach und sündig und unvollkommen geschaffen, und wenn er so Einer geworden ist, ist er es nicht mit Gott, sondern ohne Gott geworden. Gott hat auch dich nicht mit Traurigkeit beladen, und wenn deine Traurigkeit nun doch da ist, ist sie nicht von Gott her da, sondern eben gegen Gott. Gott hat auch die von ihm abgefallene und getrennte Welt nicht sich selbst überlassen, sondern durch den Heiland die Brücke der Versöhnung geschlagen, die Türe des Paradieses wieder aufgetan, sein Reich des Lebens und der Freude machtvoll begründet auf der dunklen Erde, so daß wir alle und jedes Einzelne von uns mit seinem persönlichen Kummer immer denken können: wir sind mit all unserem Jammer doch wie umgeben von einer großen, helfenden Liebe, wie wir von der Luft umgeben sind, und diese Liebe will zu uns hereindringen und unserem Jammer ein Ende machen. Gottes Macht steht über unseren großen und kleinen Schwierigkeiten, ob sie nun Krieg heißen oder Geldsorgen oder unangenehme Verhältnisse zu Mitmenschen oder innere Widerstände und Hemmungen in unseren Seelen oder schwere Flecken in unserem Charakter oder sogar Kranksein und Sterben. Wie dieser unser ganzer verdunkelter Lebenskreis nicht Gottes Werk ist, so hat er uns durch den Heiland klar gemacht, daß er Herrscher und Sieger ist darüber, daß es bei dem Wüsten und Finsteren, was da so unter uns geworden ist, nicht sein Bewenden haben soll. Unsere ganze Finsternis ist umflossen vom Lichte Gottes, und das Finstere muß Licht werden, |408 weil Gott Gott ist. Unsere Traurigkeit muß sich auflösen in Freude [vgl. Joh. 16,20]. Gott will es, Gott kann es, Gott tut es. Das ist die Botschaft vom Advent, von der Gottesankunft. Das ist das Eine, was wir wissen müssen, um leben zu können.|

Aber damit es uns etwas helfe, das zu wissen, muß Eines geschehen. Gott braucht und sucht für diese Botschaft, damit sie an uns wahr werden kann, reine Herzen. Gott will und muß in reinen Herzen Gott werden, sonst kann uns und der Welt nicht geholfen werden. Aus reinen Herzen heraus will das ewige Licht erstrahlen, das die Finsternis überwindet. Aus reinen Herzen will die Erlösung hervorbrechen, die Gott für alle Gefangenen, Bedrückten, Betrübten bereit hält. In reinen Herzen will die ursprüngliche, die wahre Welt wieder wachsen, wie Gott sie geschaffen, bevor Sünde und Tod sie regierten. In reine Herzen tritt der Heiland herein und öffnet die verschlossene Türe des Paradieses, daß wir Gott wieder schauen, den lebendigen, helfenden, befreienden Gott, der Alles neu macht [vgl. Apk. 21,5]. Auf reine Herzen kommt nicht nur etwas, nicht nur viel, sondern Alles an, wenn wir wirklich getröstet werden sollen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ich euch das sage: auf reine Herzen kommt Alles an! Vielleicht denkt ihr: Oh, dann ist es für mich eine schwere Sache mit dieser Gottesankunft, dann hängt ja schließlich Alles von mir selber ab! Also ich muß mir ein reines Herz geben lassen! Also ich muß mir selber helfen, indem ich mich entschließe, mir helfen zu lassen! Also ich trage die Verantwortung dafür, ob es auf der Erde finster bleibt oder hell wird! Also in mir muß es sich wenden von der alten zur neuen Welt! Oh, das ist schwer, das ist viel verlangt! Vielleicht empfindet ihr es aber auch ganz anders: Nein, leicht gemacht wird es mir da, wenn auf ein reines Herz Alles ankommt. Dann brauche ich mich ja nicht mehr zu fürchten vor den dunkeln Sorgengewalten, Sündengewalten, Todesgewalten, die die Welt erfüllen wie gewaltige Gespenster, dann brauche ich nicht mehr so stark zu studieren2 über das, was die Leute tun und sagen, als ob mich das hindern und stören könnte, dann brauche ich mir3 sogar über meinen Charakter, meine Fehler und Tugenden, über mein ganzes wertes Persönlein nicht mehr soviel Gedanken zu machen, als ob ich so wichtig wäre, dann sind mir auch viele Gedanken, die ich mir über Gott und sein Wirken bis jetzt machte, ob er wohl helfen, wie |409 und wann er wohl helfen werde, ganz überflüssig geworden. Ich kann ja dann wissen: Gott ist Herrscher über Alles, und Gott hilft, was brauche ich mehr! Es ist nur noch eins wichtig: Gott, und daß ich ihn eben in einem reinen Herzen Gott sein lasse. Alles Andere tut Gott selber, das Große und das Kleine. Gottlob, es hängt nur von mir ab, und daß ich mir eben ein reines Herz geben lasse. Gottlob, es ist eine leichte Sache um die Gottesankunft! Wenn ihr mich aber fragt, was ich nun davon halte, ob es schwer sei oder leicht, so antworte ich sofort: Leicht, leicht! und bin meiner Sache ganz sicher und sage es euch wiederum nicht als meine Meinung, sondern als Gottes Wort4: es ist uns leicht gemacht gerade dadurch, daß es jetzt nur noch auf uns ankommen soll, und bei uns nur auf Eines: ob wir ein reines Herz haben wollen oder nicht, und alles Andere ist Nebensache, gleichgiltig. Das soll nicht ein neuer Druck für unser Gewissen sein, nicht eine neue Seelenangst, das ist etwas zum Aufatmen, zum Sich-Freuen für Alle, und der Druck und die Angst sollen gerade von uns genommen werden. Darum hat Jesus gesagt: Selig sind, die reines Herzens sind! [Mt. 5,8] und hat damit das Reinen-Herzens-Sein als eine Freude bezeichnet, eine Freude aber ist sicher nichts Schweres. Darum hat er so freundlich und freudig einladen können ins Reich Gottes: Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, ich will euch Ruhe geben für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht [Mt. 11,28.30]. Darum sind es die Pharisäer gewesen und nicht Jesus, die den Leuten den Weg zu Gott schwer gemacht haben [vgl. Mt. 23,4], und Jesus mußte sich von ihnen als leichtsinnig und oberflächlich beurteilen lassen: er ist der Zöllner und Sünder Geselle [Mt. 11,19 par.]. Darum hat auch sein Apostel von diesem Zugang zu Gott einmal sagen können: das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer! [1.Joh. 5,3]. Darum hat der Heiland überhaupt gelebt und dafür ist er gestorben, daß wir es jetzt nicht mehr schwer, sondern leicht haben sollen mit Gott und mit dem Glauben an ihn. Denn das ist ja gerade die Tat des Heilands gewesen, daß er das Licht Gottes wieder in die weltliche Finsternis hineingetragen und ganz nahe auch an den wüstesten Menschen herangebracht hat, so daß er nur die Augen aufzuschlagen braucht, um mitten drin zu sein. Jesus hat uns befreit von der Angst, Gott könnte am Ende |410 weit weg sein und nichts mit uns zu tun haben wollen und müsse mühsam aufgesucht und kennen gelernt werden. Nein, sagt er uns: Gott ist gegenwärtig!5 Gott ist da! Gott ist für uns da, wenn wir’s nur haben wollen, daß er eben für uns da sei! Wenn Jesus den Leuten von Gott redete und ihnen Gott zeigte, dann brauchten sie nicht zu erschrecken, dann merkten sie eben: Gott hat uns lieb, wenn wir uns nur wollen lieb haben lassen. Kann das etwas Schweres sein, sich von Gott lieb haben zu lassen? Kann das etwas Schweres sein, sich von der Sonne hell und warm geben zu lassen? Kann das etwas Schweres sein, sich von Gott trösten zu lassen, wie es in unserem Psalmwort heißt? Wenn das schwer sein soll, liebe Freunde, die Gottesankunft zu erfahren, wenn es dazu wieder viele Umstände und trübe Gedanken und krampfhafte Anstrengungen braucht, dann ist ja Gottes Reich umsonst zu uns gekommen, dann hat ja der Heiland umsonst gelebt und geblutet, dann müßten wir ja denken, es sei Gott gar nicht Ernst, wenn er uns Trost verheißen hat in unseren Traurigkeiten. Und das kann doch gar nicht sein.

Seht, und da merken wir nun bereits etwas davon, was das denn eigentlich ist: ein reines Herz. Gerade da fehlt es uns, man sollte es nicht meinen, aber es ist doch so, daß wir es uns so gern schwer machen, die Gottesankunft, den Advent zu erfahren. Und gerade darin müssen wir alle uns ändern, das ist die Buße, die wir tun müssen, die Buße, die Jesus von den Menschen verlangt hat: wir müssen diese Entschuldigung und Ausrede fahren lassen, als ob es schwer sei, eine umständliche Sache, an die man sorgenvoll und mit finsterem Gesicht herangehen müsse, sich von Gott trösten zu lassen. Ein reines Herz ist das, das als wahr annimmt, was wahr ist. Das Ja sagt, wenn es Gottes Wort hört. Das also, wenn es hört: Gott lebt! Gott ist da! Hilfe, Liebe, Leben ist da!, antwortet: Amen, ja, so ist es! Ich will nichts davon und nichts dazu tun: Gott lebt! Ein solches Herz ist ein reines Herz. In einem solchen Herzen kann Gott Gott sein. In solche Herzen geht der Heiland hinein mit der ganzen Gnade und Wahrheit, die in ihm selber war [vgl. Joh. 1,14]. Aus solchen Herzen bricht die Erlösung hervor. Aus solchen Herzen heraus wächst die neue Welt6, die Gotteswelt, auf der alten Erde. Sollte das nun wirklich so schwer sein, wahr wahr sein zu lassen, Gottes Wort anzunehmen als |411 Gottes Wort? Oder wollen wir uns etwa herausreden: ich weiß nicht, was wahr ist! ich höre Gottes Wort nicht? Nein, diese Entschuldigung werden wir doch sicher nicht vorbringen wollen. Wir wissen, was wahr ist, wir hören Gottes Wort, und wir wissen auch, daß es leicht ist, dazu Ja zu sagen.

Aber das ist freilich wahr, wir machen es uns schwer mit diesem Ja. Es hat uns schon oft auf der Zunge gebrannt, es auszusprechen, und dann haben wir es doch wieder nicht getan, nicht weil wir nicht konnten, sondern weil wir nicht wollten. Ja, um ein Wollen handelt es sich da. Das ist die Herzensreinheit, zu der wir kommen müssen, daß wir aufhören, mit dem lieben Gott so wunderlich Komödie zu spielen, und dafür ganz schlicht anfangen, das zu tun, was wir sehr wohl tun können. Es soll uns allen heute gesagt sein, daß im Himmel gleichsam ein großes Verwundern und Erstaunen ist, nicht über unseren Leichtsinn, aber über unsere Umständlichkeit, über die vielen Schwierigkeiten, die wir machen, wo Gott uns doch trösten, und das heißt helfen und heilen will. Gott läßt dich grüßen und deinen Mann zu Hause auch und die Großmutter auch mit ihren trüben Gedanken und mich auch und uns alle und läßt dir sagen: Du sollest nicht traurig sein, aus gar keinem Grunde, er sei auch noch da und sehe zum Rechten, und es müsse noch Alles gut kommen mit dir! Das ist einfach, nicht wahr? Und in ein reines Herz müßte das nun einfach hineingehen, hineinfallen als eine Kraft, und als ein Mensch der Kraft, getragen, beruhigt, erfreut, getröstet mit einem Wort, müßtest du nachher aufstehen und nach Hause gehen. Aber nun kommen wir und machen das Einfache schwierig und umständlich. Ja, denken wir, das ist nur der Pfarrer, der mir das sagt, und das hat er in einem Buch so gelesen, und man merkt es ihm auch nicht recht an, daß er sich von Gott trösten und zu einem Menschen der Kraft machen läßt, und er sagt es mir auch nicht ernst und eindringlich genug, daß ich es ihm glauben könnte, und er ist noch jung und hat lange gut reden. Oder dann sehen wir die Leute an links und rechts und denken, wie sie sind und was wir alles von ihnen wissen und wie die ganze Welt voll ist von solchen Leuten, wie sie da in der Kirche sind, und wissen, wie die alle, alle auch zurückhalten mit jenem fröhlichen Bekenntnis: Amen, ja Gott lebt! und wie man so bitter wenig merkt davon, daß Gott etwa in ihren Herzen Gott wäre, sondern nur allerlei anderes. Und nun sollte ich das sein, das den Sprung macht und tut, was alle Anderen ja sicher doch nicht tun oder nur mit schönen |412 Worten und Gebärden? Oder dann sehen wir uns selbst an und denken an alles Krumme, was wir in der vergangenen Woche wieder gedacht, gesagt und getan haben, und sagen uns: ich bin nicht würdig genug, nicht ernst genug, nicht gläubig genug, nicht bekehrt genug, um mich von Gott grüßen und trösten zu lassen, ich will wohl noch warten bis zur nächsten Predigt oder bis zur übernächsten oder bis ins neue Jahr oder bis ich irgend so ein recht rührendes, erschütterndes Ereignis erlebe, dann bin ich wohl auch reif! Seht, was jetzt schon für ein Knäuel von Schwierigkeiten da ist: der Pfarrer, die Leute, wir selber! Und darüber könnte man ja nun stundenlang nachdenken und reden, und je länger wir es täten, desto deutlicher müßte es uns werden: Wir können nicht Ja sagen, es ist uns zu schwer, jetzt und übers Jahr wahrscheinlich auch noch! Aber was würde dabei herauskommen? Denn diese Schwierigkeiten machen wir ja doch selber und verderben uns damit das, was an sich ganz einfach und leicht ist. Es muß klar herausgesagt sein: diese Schwierigkeiten kommen aus unseren unreinen Herzen. Und das ist eben die Unreinheit unseres Herzens, daß wir uns wohl von Gott möchten trösten lassen – und wieviel haben wir alle vorzubringen, worin er uns trösten und helfen sollte –, aber wenn es darauf und daran kommt, wollen wir es doch wieder nicht haben, daß er unser Tröster sei, wollen lieber ohne ihn traurig als mit ihm fröhlich sein.|

Denkt jetzt nur daran, wie oft wir alle schon hier in die Kirche gekommen sind mit unserer Traurigkeit in uns, und dann hörten wir es, ob nun die Predigt gut war oder nicht so gut, ein wenig wärmer oder ein wenig kälter, aber wir hörten es wieder einmal: Gott lebt und Gott hilft! Und die ausgestreckte Hand Gottes war da, aber unsere Hand kam nicht, sondern wir zogen es vor, nachher allerlei Bemerkungen zu machen oder vom Wetter zu reden, als ob uns das Gehörte nichts anginge. O, wie haben wir doch unsere Traurigkeit so lieb. Denkt daran, wie ernste und tiefe Gedanken wir uns alle schon gemacht haben, vielleicht gerade über eine Sünde, die uns auf dem Gewissen brannte, und da war wieder die Stimme: Gott lebt! Gott hilft! und die ausgestreckte Hand, aber es geschah nichts, wir seufzten vielleicht, wir stellten vielleicht träumerische Betrachtungen an darüber, daß alle Menschen Sünder seien, wir fanden vielleicht unseren eigenen Charakter sehr interessant und erschraken darüber, was es da für Abgründe hat, wie man eine interessante Räubergeschichte liest, aber helfen ließen wir uns nicht, ein Neues konnte nicht |413 anfangen. So lieb haben wir unsere Traurigkeit. Denkt daran, wie wir alle schon Menschen begegnet sind, die uns einen tiefen Eindruck machten durch etwas Liebes, Heiliges, Aufrichtiges, Hohes, das in ihnen war, an denen wir etwas merkten von einem Stücklein der neuen Welt Gottes, für die wir bestimmt sind und die diese Welt überwinden will. Wieder der Ruf Gottes, wieder seine ausgestreckte Hand! Und wir sahen und hörten und machten uns Gedanken und sagten uns: ja, das ist schön, so ein Mensch, ich wollte, ich könnte auch so, aber – ja, und dann studierten wir lange, bis wir es hatten – ja, aber der hat lange gut so sein, der hat es nicht so schwer wie ich und hat nicht erfahren, was ich erfahren habe, und am Ende ist es vielleicht auch nicht so weit her mit ihm, als man denkt, und es ist nicht Alles Gold, was glänzt, und Gottlob, er hat auch seine Fehler, und dann war es eben auch wieder ein vergeblicher Eindruck. So lieb, so lieb ist uns unsere Traurigkeit! Denkt nur einmal darüber nach, wie oft wir es uns schon auf solche Weise schwer gemacht haben, wie oft wir uns nicht trösten lassen wollten, wo der Trost uns ganz nahe war. Oder ist’s etwa nicht wahr, daß wir unsere Traurigkeit lieb haben, daß wir sie hätscheln und hegen und pflegen wie ein verwöhntes Kind, daß wir uns so interessant und wichtig vorkommen, wenn wir uns und anderen immer wieder erklären können: Ja, mir geht’s bös! So und so ist mein Gemüt! So und so die Verhältnisse! So und so meine Erfahrungen – statt einfach Gottes Hand zu nehmen und das Einfache zu tun, zu Gott zu sagen: Du hast Recht! Du bist da, und an dich halte ich mich, denn du hilfst mir aus [vgl. Ps. 71,2], und du willst dieser bösen Welt helfen um deines Namens willen [vgl. Ps. 106,8]?! In einem Herzen, das das nicht will, kann Gott dann eben auch nicht Gott sein, und solange es an solchen Herzen mangelt, kann der bösen Welt nicht geholfen werden. Wundert es uns etwa, daß es nicht geht?

Meine Freunde! Der Zöllner Levi [Mk. 2,14 par.] und der andere Zöllner Zachäus [Lk. 19,2] und die große Sünderin [Lk. 7,37] waren schlechte Menschen. Herzlich ungläubige und unbekehrte Menschen. Und tief unglückliche Menschen. Aber sie hatten Gott zum Trost. Sie erfuhren in ihrem Leben eine Gottesankunft. Sie wurden Menschen der Kraft. Eine neue Welt, die Gotteswelt fing an in diesen Leutlein. Traurig zu sein brauchten sie nicht mehr. Wenn wir es auch nicht mehr sein möchten, müssen wir hinter das Geheimnis dieser schlechten Menschen kommen. Es ist ein offenes Geheimnis. Sie wurden getröstet in ihrer Traurigkeit, |414 weil sie trotz ihrer Schlechtigkeit reines Herzens waren. Und sie waren reines Herzens, weil sie es sich leicht machten und nicht ganze Türme von Schwierigkeiten auftürmten zwischen sich und dem Heiland. Und sie machten es sich leicht, weil sie ihre Traurigkeit nicht lieb, sondern von Herzen satt hatten, weil sie getröstet sein wollten. Das war ihr Geheimnis. Ein Geheimnis? Etwas Schwieriges? Etwas, wo wir jetzt auch wieder denken könnten: mein Fall ist anders, ich kann mich damit nicht trösten lassen? Nein, das Einfächste: Das Reich Gottes! Der Wille Gottes! Die Herrlichkeit Gottes! Das innere Ja, das dem Leben, dem ewigen Leben die Türe aufreißt, daß es hineinkann ins Leben, ins zeitiche Menschenleben.

Warum stellen wir uns nicht neben sie? Warum wollen wir es uns nicht auch leicht machen? Warum jauchzen wir nicht: es kommt also nur auf mich an, so kehrt sich Alles!? Warum greifen wir nicht zu?

Amen.7

Sachfußnoten

1
Vgl. die Predigt zum I. Advent, oben S. 398.↩
2
= grübeln.↩
3
Im Mskr. irrtümlich «mich»; Korrektur vom Hrsg.↩
4
Vgl. oben S. 405.↩
5
Lied Nr. 174 von G. Tersteegen (GERS [1952] 201; EG 165) 🎵.↩
6
Das Stichwort «neue Welt» taucht wenig später auf im Titel von Barths Vortrag vom 6.2.1917 «Die neue Welt in der Bibel». Vgl. Bw.Th. I, S. 170 📖.↩
7
Zu dieser Predigt gibt es keine Liedangabe.↩