Predigt: Psalm 24,7-10 (1. Advent)
Ja, das ist’s, was wir uns heute, zum Beginn der Advents- und Weihnachtszeit vor Allem wollen sagen lassen: Es braucht weite Tore und hohe Türen, damit Gott mit seiner Erleuchtung, mit seiner Freudigkeit, mit seiner Erlösungsmacht, mit seiner ganzen göttlichen Lebendigkeit bei uns einziehen kann. Denn Gott ist nicht ein kleiner, sondern ein großer Gott. Und diese Wahrheit darf uns nicht eine bloße Verstandeserkenntnis bleiben, sondern zu einer praktischen Lebenseinsicht muß uns das werden: Gott ist groß! [
Seht, man könnte eigentlich das ganze Leid der Welt und auch das ganze Leid jedes einzelnen Menschenlebens vollständig beschreiben mit den Worten: Gott ist draußen, und wir sind drinnen. Gott ist draußen in einer großen Gotteswelt voll Freude und Frieden und Leben, wir sind drinnen in einem engen, dunklen Häuslein, wo man nicht recht atmen kann, wo man einander drückt und auf die Füße tritt und keine Freude |399 hat. Dieser Unterschied von draußen und drinnen, das ist unser Elend. – Es fehlt nicht gänzlich an Verbindung zwischen draußen und drinnen. Der Gottesfrühling da draußen kann ja nicht gänzlich umsonst sein für uns. Das helle Licht, das bei Gott ist, umgibt unser verschlossenes Häuslein von allen Seiten, und die Lichtstrahlen suchen und suchen, ob sie nirgends einen Eingang finden. Rings um uns her wehen und rauschen die göttlichen Freiheitsstürme und lassen unser Häuslein manchmal in seinen Grundfesten erzittern und möchten nichts lieber, als da einen Ziegel vom Dach werfen und dort einen Fensterladen aufreißen, damit frische Luft hinein käme zu uns. Und die Vöglein Gottes jubilieren, und die Blumen Gottes strömen ihren süßesten Geruch aus rund um uns her, für uns, daß wir wenigstens ahnen sollen: da draußen, bei Gott, ist nicht Dezember wie bei uns, da scheint und duftet und tönt es ununterbrochen, ein ewiger Frühling! Und davon ahnen wir auch etwas. Wir sind ja in einer so merkwürdigen Unruhe in unserem Häuslein. Wir wissen ganz gut: es gibt nicht nur unser enges, kleines, winkliges Drinnen, es gibt ein Draußen, das ist anders, ganz anders! Wir wissen ganz gut: es müßte nicht Alles so sein, wie es bei uns, wie es jetzt ist. Wir wissen ganz gut: unser enges, altes Häuslein ist nicht die ganze Welt, es muß da draußen ein Weltall geben, für uns zwar unsichtbar, aber es ist da! O, wer etwas Sicheres davon wüßte, wer da einmal hineinsehen, ein paar Atemzüge tun, ein wenig zuhören dürfte, nur einmal und nur ein wenig in dem Anderen sein und leben da draußen!|
Und darum spitzen wir die Ohren und werden ganz still, wenn unser Häuslein wieder einmal erzittert unter den Stürmen, von denen wir denken: das ist nun1 Gott!, wenn die freundlichen Töne draußen erschallen! oder wenn da drinnen mitten in unserem Menschengedränge drin einer seine Stimme erhebt und uns sagt: ich will euch etwas erzählen von dem, was draußen ist, wie es bei Gott ist, wie es wäre, wenn Gott bei uns, wenn das Draußen drinnen wäre! O, da passen wir auf, auch wenn wir bald merken: er weiß eigentlich nicht mehr als wir auch, er hat es doch nicht gesehen, er redet nur so, auch wenn es nur eine erfundene Geschichte wäre oder eine Volksrede über den Zukunftsstaat2 oder eine |400 Erklärung der Offenbarung Johannis, o, da passen wir auf, wenn wir merken: der redet von dem da draußen, denn das kommt ja unseren eigenen liebsten Gedanken entgegen, da möchten wir ja eben auch dabei sein. O, wie sind wir froh, daß unser verschlossenes Häuslein wenigstens so ein paar alte blinde, schmutzige Butzenscheiben [hat], durch die wenn auch nicht Licht, so doch eine gewisse Helligkeit hereinfällt. Seht nur, wie die Menschen sich an diese paar armseligen Scheiben drängen und stoßen, und immer wieder drückt sich einer hervor und reibt und reibt mit seinem Finger, ob er sie nicht ein bißchen heller und klarer machen könnte, und von Zeit zu Zeit jauchzt einer und ruft den Anderen: ich hab’s! ich sehe etwas!, und für einen Augenblick ist’s, wie wenn der Schmutz weichen wollte, und Viele drängen sich herbei, um auch etwas zu sehen von dem da draußen, aber für gewöhnlich sieht man nicht viel, die Scheiben sind zu alt und zu blind zum rechten Hindurchsehen, und schnell hat sich wieder eine trübe Schicht darüber gebildet, und bald laufen die Leute wieder auseinander: es ist nichts, man sieht doch nichts!, und enttäuscht und spöttisch und verbittert murmeln und murren sie untereinander: man hat uns betrogen, das da draußen ist doch unsichtbar, wir müssen uns wohl begnügen mit dem Sichtbaren, mit unserer alten Hütte, mit ihrem Halbdunkel, mit ihrer schlechten Luft, mit dem Gedränge und Gestoße da drinnen.|
Es fehlt sogar nicht an ein paar wirklichen Ritzen und Spalten in unserem Häuslein, da fällt wirkliches Licht hinein in unser Dunkel, da strömt wirkliche frische Luft herein in unsere dumpfen Stubengerüche. Und diesen paar Löchlein in der Mauer haben wir es zu verdanken, daß wir nicht ganz blind sind, daß wir nicht gänzlich ersticken müssen. Ja, es sind so ein paar Stellen in der Welt, und auch in jedem einzelnen persönlichen Leben gibt es solche, das sind Öffnungen, die das Draußen mit dem Drinnen verbinden. Um diese Öffnungen herum sitzen ganz still und andächtig eine Anzahl aufmerksame, gleichsam auserwählte Leute, die lauschen mit angespannten Ohren, die sehen sich fast die Augen aus, die suchen tiefe, tiefe Atemzüge zu tun, und dann und wann hört man sie etwas ausrufen: o wie wunderschön, wie herrlich, wie wahr! Ja, sagen sie, wie wunderbar ist’s, daß wir in der Weltfinsternis wenigstens das haben, wenigstens den Sonntag, wenigstens die Bibel, wenigstens das Gewissen, wenigstens die Kinder, wenigstens die schöne Natur, oder auch noch bescheidener: daß man wenigstens seine Pflicht tun kann, daß man we|401nigstens gesund sein darf! Ja, wenigstens das, wenigstens diese paar Öffnungen zwischen draußen und drinnen. Und vielleicht rufen und locken sie auch von Zeit zu Zeit die Anderen: kommt doch etwas näher zu unseren Ritzen und Spalten, schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist [
Aber!, ja aber, wir müssen ehrlich sein, es bleibt dabei, trotz den blinden Scheiben und trotz den paar wirklichen Öffnungen: Gott ist draußen und wir drinnen. Und darum bleibt auch unser Elend, der Jammer unseres widerspruchsvollen, in sich zerrissenen Daseins. Trotz aller Religion, trotz allem Glauben an das Gute, trotz allem Trost und aller Zufriedenheit, die wir uns oft für eine Zeitlang verschaffen können. Das sind doch immer nur Lichtblicke, Ruhepausen, schöne Fieberträume, aber nicht Erlösungen, Befreiungen, Veränderungen, Erneuerungen unseres Zustandes! Es bleibt immer der schreckliche Gegensatz: Gott draußen, wir drinnen! Gott im Himmel, wir auf der Erde! [vgl.
Darauf nun die Antwort in der frohen Botschaft der Adventszeit: Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Was heißt das? Heißt das, wir sollten mehr religiöses und kirchliches Leben haben, wie man so sagt? Heißt das, wir sollten bräver und besser sein, als wir sind? Heißt das, wir sollten da und dort mehr |403 Gutes tun, als wir vielleicht bis jetzt getan haben? Heißt das, wir sollten zufriedener sein mit dem Guten und Schönen, das wir doch jetzt schon haben? Ach nein, das wäre ja nur wieder das Alte! Das wären ja nur wieder jene Spalten und Ritzen in der Mauer unseres Gefängnisses, die gottlob da sind und durch die wir hinausspähen mögen ins Freie, solange wir nichts Besseres haben, die aber eben nichts ändern daran, daß Gott draußen ist und wir drinnen. Nein, Advent ist nicht das Alte, sondern ein Neues. Advent heißt: Gott will hereinkommen zu uns! Gottes Freudenund Friedenswelt will auch da sein, wo jetzt unser Menschenhäuslein steht! Alles, was Gott ist und hat, das soll auch da wachsen, grünen und blühen, wo jetzt unsere Traurigkeit und unsere Sünde ihr Wesen haben! Der Himmel kommt auf die Erde! Das Jenseits will hinein ins Diesseits! Gott will, daß das gar nichts mehr sei: «draußen» und «drinnen»! Das Draußen will unser Drinnen ganz erfüllen, und unser Drinnen soll draußen sein, die Gotteswelt in der Menschenwelt, die Menschenwelt in der Gotteswelt. Das heißt Advent. Advent heißt, von uns Menschen aus betrachtet: dem großen Gott einen großen Eingang machen.
Nur da fehlt’s! O wenn nun alle Betrübten, Beunruhigten, Sorgenvollen, Zweifelhaften, die vielleicht hier sind, das hören wollten und könnten: nur da fehlt’s! Advent! Gott will herein! Aufmachen, weit aufmachen! Wenn ihr das ausrichten wolltet denen, die zu Hause geblieben sind, euren Frauen und Männern und Angehörigen: Gott will herein! aufmachen! Wenn dieses Wort doch einmal Schall und Klang bekommen würde, daß es überall hineintönen würde, wo Menschen meinen: wir müssen traurig sein! wir müssen hassen! wir müssen streiten! wir müssen knausern! wir müssen feig und charakterlos und menschenfurchtsam sein! wir müssen mit den Wölfen heulen! Nein: Gott will herein, aufmachen, weit aufmachen! Advent! Es ist Zeit, vom Schlaf aufzustehen [vgl.
Und wenn ihr mich jetzt fragt: wo sollen denn die hinkommen: diese weiten Tore und hohen Türen in der Welt, und wie müssen die aussehen, |404 dann gebe ich für heute soviel zur Antwort: In unserem inwendigen Menschen [vgl.
Du fragst: wie soll ich? wie kann ich? wie werde ich anders, als ich bin? Wie mache ich aus der kleinen Spalte, durch die ich Gott erblicke, ein großes Tor? Wie komme ich zu großen Gedanken von Gott, daß Gott zu mir kommen kann? Sieh, so darfst du gar nicht fragen. Denn du weißt, wie es damit ist. Du weißt, daß ich dir das alles nicht sagen könnte, wenn Jesus es nicht uns allen gesagt hätte. Du weißt, daß wir nichts wüßten von einer göttlichen Antwort auf unsere Gefangenschaft in dem dunklen, engen Menschenhäuslein, wenn Jesus sie nicht für die ganze Menschheit gegeben hätte. Sieh, da ist ja die Türe aufgetan, da ist ja unser Gefängnis gesprengt, da ist ja kein Draußen und Drinnen mehr, da ist ja Gott hereingekommen, die Gotteswelt in die Menschenwelt, das Jenseits ins Diesseits, der Himmel auf die Erde. Da ist Advent, Gottesankunft. «Wer mich siehet, der siehet den Vater» [
- Nr. 90 «Wie soll ich dich empfangen» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 und nach der Predigt 4-6 (GERS [1952] 104,1-3.4–6; EG 11,1-3.4–6 mit leichten Textabweichungen)