3. Dezember 1916

Predigt: Psalm 24,7-10 (1. Advent)

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I. Advent
Psalm 24,7-10
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!
Liebe Freunde!

Ja, das ist’s, was wir uns heute, zum Beginn der Advents- und Weihnachtszeit vor Allem wollen sagen lassen: Es braucht weite Tore und hohe Türen, damit Gott mit seiner Erleuchtung, mit seiner Freudigkeit, mit seiner Erlösungsmacht, mit seiner ganzen göttlichen Lebendigkeit bei uns einziehen kann. Denn Gott ist nicht ein kleiner, sondern ein großer Gott. Und diese Wahrheit darf uns nicht eine bloße Verstandeserkenntnis bleiben, sondern zu einer praktischen Lebenseinsicht muß uns das werden: Gott ist groß! [Hiob 36,26], und dann heißt das eben: es muß weit aufgetan werden, wenn er herein soll in unser Leben, in unsere Menschenwelt, wenn wir wirklich danach begehren, nicht nur von ihm zu hören, sondern ihn zu spüren, ihn zu haben, uns von ihm segnen zu lassen, wenn er wirklich soll wahr machen können, was er ja will und verheißen hat: zu uns zu kommen, bei uns zu sein, unser Gott zu sein. Zu einem Löchlein kann er nicht herein bei uns, wie er auch in einem Winkelein nicht Platz haben wird, sondern wenn’s nicht anders geht, weil unsere gewohnten Eingänge zu eng und niedrig sind, dann müssen sie eben größer gemacht werden, und wenn die ganze Wand darüber zu Grunde gehen sollte. Gott kann sich nicht nach uns richten! Wir müssen uns nach ihm richten! Es heißt: entweder – oder! Entweder weitermachen ohne Gott, dann kann Alles bei uns bleiben, so wie es ist. Oder aber: Gott mit uns! [Jes. 7,14], dann aber: dem großen Gott auch einen großen neuen Eingang bei uns! Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!

Seht, man könnte eigentlich das ganze Leid der Welt und auch das ganze Leid jedes einzelnen Menschenlebens vollständig beschreiben mit den Worten: Gott ist draußen, und wir sind drinnen. Gott ist draußen in einer großen Gotteswelt voll Freude und Frieden und Leben, wir sind drinnen in einem engen, dunklen Häuslein, wo man nicht recht atmen kann, wo man einander drückt und auf die Füße tritt und keine Freude |399 hat. Dieser Unterschied von draußen und drinnen, das ist unser Elend. – Es fehlt nicht gänzlich an Verbindung zwischen draußen und drinnen. Der Gottesfrühling da draußen kann ja nicht gänzlich umsonst sein für uns. Das helle Licht, das bei Gott ist, umgibt unser verschlossenes Häuslein von allen Seiten, und die Lichtstrahlen suchen und suchen, ob sie nirgends einen Eingang finden. Rings um uns her wehen und rauschen die göttlichen Freiheitsstürme und lassen unser Häuslein manchmal in seinen Grundfesten erzittern und möchten nichts lieber, als da einen Ziegel vom Dach werfen und dort einen Fensterladen aufreißen, damit frische Luft hinein käme zu uns. Und die Vöglein Gottes jubilieren, und die Blumen Gottes strömen ihren süßesten Geruch aus rund um uns her, für uns, daß wir wenigstens ahnen sollen: da draußen, bei Gott, ist nicht Dezember wie bei uns, da scheint und duftet und tönt es ununterbrochen, ein ewiger Frühling! Und davon ahnen wir auch etwas. Wir sind ja in einer so merkwürdigen Unruhe in unserem Häuslein. Wir wissen ganz gut: es gibt nicht nur unser enges, kleines, winkliges Drinnen, es gibt ein Draußen, das ist anders, ganz anders! Wir wissen ganz gut: es müßte nicht Alles so sein, wie es bei uns, wie es jetzt ist. Wir wissen ganz gut: unser enges, altes Häuslein ist nicht die ganze Welt, es muß da draußen ein Weltall geben, für uns zwar unsichtbar, aber es ist da! O, wer etwas Sicheres davon wüßte, wer da einmal hineinsehen, ein paar Atemzüge tun, ein wenig zuhören dürfte, nur einmal und nur ein wenig in dem Anderen sein und leben da draußen!|

Und darum spitzen wir die Ohren und werden ganz still, wenn unser Häuslein wieder einmal erzittert unter den Stürmen, von denen wir denken: das ist nun1 Gott!, wenn die freundlichen Töne draußen erschallen! oder wenn da drinnen mitten in unserem Menschengedränge drin einer seine Stimme erhebt und uns sagt: ich will euch etwas erzählen von dem, was draußen ist, wie es bei Gott ist, wie es wäre, wenn Gott bei uns, wenn das Draußen drinnen wäre! O, da passen wir auf, auch wenn wir bald merken: er weiß eigentlich nicht mehr als wir auch, er hat es doch nicht gesehen, er redet nur so, auch wenn es nur eine erfundene Geschichte wäre oder eine Volksrede über den Zukunftsstaat2 oder eine |400 Erklärung der Offenbarung Johannis, o, da passen wir auf, wenn wir merken: der redet von dem da draußen, denn das kommt ja unseren eigenen liebsten Gedanken entgegen, da möchten wir ja eben auch dabei sein. O, wie sind wir froh, daß unser verschlossenes Häuslein wenigstens so ein paar alte blinde, schmutzige Butzenscheiben [hat], durch die wenn auch nicht Licht, so doch eine gewisse Helligkeit hereinfällt. Seht nur, wie die Menschen sich an diese paar armseligen Scheiben drängen und stoßen, und immer wieder drückt sich einer hervor und reibt und reibt mit seinem Finger, ob er sie nicht ein bißchen heller und klarer machen könnte, und von Zeit zu Zeit jauchzt einer und ruft den Anderen: ich hab’s! ich sehe etwas!, und für einen Augenblick ist’s, wie wenn der Schmutz weichen wollte, und Viele drängen sich herbei, um auch etwas zu sehen von dem da draußen, aber für gewöhnlich sieht man nicht viel, die Scheiben sind zu alt und zu blind zum rechten Hindurchsehen, und schnell hat sich wieder eine trübe Schicht darüber gebildet, und bald laufen die Leute wieder auseinander: es ist nichts, man sieht doch nichts!, und enttäuscht und spöttisch und verbittert murmeln und murren sie untereinander: man hat uns betrogen, das da draußen ist doch unsichtbar, wir müssen uns wohl begnügen mit dem Sichtbaren, mit unserer alten Hütte, mit ihrem Halbdunkel, mit ihrer schlechten Luft, mit dem Gedränge und Gestoße da drinnen.|

Es fehlt sogar nicht an ein paar wirklichen Ritzen und Spalten in unserem Häuslein, da fällt wirkliches Licht hinein in unser Dunkel, da strömt wirkliche frische Luft herein in unsere dumpfen Stubengerüche. Und diesen paar Löchlein in der Mauer haben wir es zu verdanken, daß wir nicht ganz blind sind, daß wir nicht gänzlich ersticken müssen. Ja, es sind so ein paar Stellen in der Welt, und auch in jedem einzelnen persönlichen Leben gibt es solche, das sind Öffnungen, die das Draußen mit dem Drinnen verbinden. Um diese Öffnungen herum sitzen ganz still und andächtig eine Anzahl aufmerksame, gleichsam auserwählte Leute, die lauschen mit angespannten Ohren, die sehen sich fast die Augen aus, die suchen tiefe, tiefe Atemzüge zu tun, und dann und wann hört man sie etwas ausrufen: o wie wunderschön, wie herrlich, wie wahr! Ja, sagen sie, wie wunderbar ist’s, daß wir in der Weltfinsternis wenigstens das haben, wenigstens den Sonntag, wenigstens die Bibel, wenigstens das Gewissen, wenigstens die Kinder, wenigstens die schöne Natur, oder auch noch bescheidener: daß man wenigstens seine Pflicht tun kann, daß man we|401nigstens gesund sein darf! Ja, wenigstens das, wenigstens diese paar Öffnungen zwischen draußen und drinnen. Und vielleicht rufen und locken sie auch von Zeit zu Zeit die Anderen: kommt doch etwas näher zu unseren Ritzen und Spalten, schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist [Ps. 34,9], sehet, wie gut wir es immer noch haben in der allgemeinen Lebenstraurigkeit. Und die Einen und Anderen geben ihnen Gehör und machen sich wirklich auch etwas näher herzu, und wenn auch viele Andere lachen und schelten: man sieht und merkt ja doch nichts Rechtes, die Welt bleibt ja doch immer die gleiche und die Menschheit auch, es lohnt sich ja doch nicht, sich eure Mühe zu geben wegen diesen paar Löchlein ins Freie – wenn auch die meisten Anderen trüb und finster im Inneren der Hütte sitzen bleiben, trotzig und verbittert sich weiter im Schlamm und Staub herum wälzen oder knurrend wie böse Hunde in einem Winkel miteinander zanken – es bleibt doch dabei, daß eigentlich Alle, Alle, die in der Hütte sind, auch wenn sie es nicht wissen, auch wenn sie es gar nicht wissen wollen, tatsächlich leben von den paar winzig kleinen Öffnungen, durch die das Drinnen mit dem Draußen verbunden ist, leben von dem bißchen Licht und Luft, das da eben hereinkann, leben von dem bißchen Liebe, Treue, Freude, Gewissenhaftigkeit, das wir, so wie wir jetzt dran sind, eben noch haben unter uns. Denkt euch nur, wir könnten auch jene paar «wenigstens» nicht mehr sagen – wenigstens der Sonntag, wenigstens unsere Kleinen, wenigstens unsere Pflicht –, dann wäre das Leben nicht nur schwer, sondern unerträglich, die Welt nicht nur ein Jammertal, sondern eine Hölle. Daß es nicht so ist, verdanken wir jenen paar wirklichen Spalten und Ritzen.

Aber!, ja aber, wir müssen ehrlich sein, es bleibt dabei, trotz den blinden Scheiben und trotz den paar wirklichen Öffnungen: Gott ist draußen und wir drinnen. Und darum bleibt auch unser Elend, der Jammer unseres widerspruchsvollen, in sich zerrissenen Daseins. Trotz aller Religion, trotz allem Glauben an das Gute, trotz allem Trost und aller Zufriedenheit, die wir uns oft für eine Zeitlang verschaffen können. Das sind doch immer nur Lichtblicke, Ruhepausen, schöne Fieberträume, aber nicht Erlösungen, Befreiungen, Veränderungen, Erneuerungen unseres Zustandes! Es bleibt immer der schreckliche Gegensatz: Gott draußen, wir drinnen! Gott im Himmel, wir auf der Erde! [vgl. Pred. 5,1]. Wir sind für die Freude bestimmt und müssen traurig sein. Wir sind für das Gute geboren und müssen das Böse tun [vgl. Röm 7,19]. Es lebt in uns eine |402 Sehnsucht nach Reinheit, und wir müssen im Dreck waten. Wir möchten miteinander und füreinander leben, und das Leben stellt uns gegeneinander. Wir möchten uns liebhaben, und wir sehen, wie uns tatsächlich unendlich vielen Menschen gegenüber nur Gleichgiltigkeit und Haß möglich ist. Wir möchten das Schöne sehen, und immer und immer wieder stoßen wir auf das Häßliche. Wir glauben, daß das Göttliche, das Ewige ist, aber so wie wir verlangend die Hand danach ausstrecken, stoßen wir wieder auf das Menschliche, Weltliche, Vergängliche, Diesseitige, sehen wir, daß wir eben in das Menschliche ganz eingeschlossen sind. Was Wunder, wenn Viele an der Welt, an der Menschheit, an Gott verzweifeln, nichts mehr wissen und hören wollen von jenen spärlichen Lichtblicken, Ruhepausen, Träumen, verachten die Religion und Alles, was damit zusammenhängt: Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben und Fluch vor Allem der Geduld!3 Ja, was Wunder?! Alles Murren gegen Gott, alle Gotteslästerung, alle Gottesleugnung, alles Schreien: es ist kein Gott! [Ps. 14,1], das manchmal aus gequälten, gehetzten Menschenherzen hervorbricht, ist wahrhaftig nichts Unnatürliches, nichts Unvernünftiges, sondern nur der ganz starke, schreckliche Ausdruck einer Wahrheit: Gott ist draußen, wir sind drinnen! Gott ist in einem seligen Jenseits, wir in einem trotz Allem schaurigen Diesseits, Gott ist in der Freiheit, wir sind in der Gefangenschaft. O entsetzlicher Widerspruch der Welt: Gott lebt, aber er lebt nicht für uns! Gott segnet uns, aber sein Segen erreicht uns nicht! Gott sucht uns, aber wir sind nicht zu finden! Gott ist, aber für uns ist es immer wieder, wie wenn Gott nicht wäre! O entsetzlicher Widerspruch in der Menschenbrust: Wir ahnen etwas, aber wir sehen es nicht! Wir merken etwas, aber wir greifen es nicht; wir strecken uns aus nach einem Höheren, aber wir fallen immer wieder ins Niedere zurück! Wir glauben an Gott, aber wir haben ihn nicht! Von Gott her wahrhaftig eine große Bereitschaft und Bereitwilligkeit und von uns her wahrhaftig eine große Sehnsucht, und dazwischen trotz Allem der böse Unterschied und Gegensatz: Er draußen, wir drinnen!

Darauf nun die Antwort in der frohen Botschaft der Adventszeit: Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Was heißt das? Heißt das, wir sollten mehr religiöses und kirchliches Leben haben, wie man so sagt? Heißt das, wir sollten bräver und besser sein, als wir sind? Heißt das, wir sollten da und dort mehr |403 Gutes tun, als wir vielleicht bis jetzt getan haben? Heißt das, wir sollten zufriedener sein mit dem Guten und Schönen, das wir doch jetzt schon haben? Ach nein, das wäre ja nur wieder das Alte! Das wären ja nur wieder jene Spalten und Ritzen in der Mauer unseres Gefängnisses, die gottlob da sind und durch die wir hinausspähen mögen ins Freie, solange wir nichts Besseres haben, die aber eben nichts ändern daran, daß Gott draußen ist und wir drinnen. Nein, Advent ist nicht das Alte, sondern ein Neues. Advent heißt: Gott will hereinkommen zu uns! Gottes Freudenund Friedenswelt will auch da sein, wo jetzt unser Menschenhäuslein steht! Alles, was Gott ist und hat, das soll auch da wachsen, grünen und blühen, wo jetzt unsere Traurigkeit und unsere Sünde ihr Wesen haben! Der Himmel kommt auf die Erde! Das Jenseits will hinein ins Diesseits! Gott will, daß das gar nichts mehr sei: «draußen» und «drinnen»! Das Draußen will unser Drinnen ganz erfüllen, und unser Drinnen soll draußen sein, die Gotteswelt in der Menschenwelt, die Menschenwelt in der Gotteswelt. Das heißt Advent. Advent heißt, von uns Menschen aus betrachtet: dem großen Gott einen großen Eingang machen.

Nur da fehlt’s! O wenn nun alle Betrübten, Beunruhigten, Sorgenvollen, Zweifelhaften, die vielleicht hier sind, das hören wollten und könnten: nur da fehlt’s! Advent! Gott will herein! Aufmachen, weit aufmachen! Wenn ihr das ausrichten wolltet denen, die zu Hause geblieben sind, euren Frauen und Männern und Angehörigen: Gott will herein! aufmachen! Wenn dieses Wort doch einmal Schall und Klang bekommen würde, daß es überall hineintönen würde, wo Menschen meinen: wir müssen traurig sein! wir müssen hassen! wir müssen streiten! wir müssen knausern! wir müssen feig und charakterlos und menschenfurchtsam sein! wir müssen mit den Wölfen heulen! Nein: Gott will herein, aufmachen, weit aufmachen! Advent! Es ist Zeit, vom Schlaf aufzustehen [vgl. Röm 13,11]! Wir müssen ja das alles nur, solange Gott nicht zu uns gekommen ist, und Gott kommt, wo er kommen kann, wo er weite Tore, hohe Türen in der Welt findet! O wer hilft, auf diese göttliche Antwort nun einmal zu hören? Wer hilft, sie weiterzugeben hinein in das Innere des dunkeln Menschheitshauses? Wer hilft dieser Stimme Kraft geben, daß Viele, Alle sie vernehmen, daß es zu einer großen gemeinsamen Anstrengung kommt, das zu tun, was es braucht: dem großen Gott einen großen Eingang zu verschaffen?

Und wenn ihr mich jetzt fragt: wo sollen denn die hinkommen: diese weiten Tore und hohen Türen in der Welt, und wie müssen die aussehen, |404 dann gebe ich für heute soviel zur Antwort: In unserem inwendigen Menschen [vgl. Röm 7,22 u.ö.] müssen sie aufgetan werden, denn aus dem inwendigen Menschen heraus ist auch die Traurigkeit und Sünde des jetzigen Menschenwesens gekommen. Der Mensch ist immer das, was er inwendig ist. Ist er inwendig ein Gefangener, Geknechteter, Unterdrückter, so ist er es auch auswendig, in allen seinen Worten, Taten und Erfahrungen. Kann Gott wieder hineintreten als Befreier in sein Herz, so tritt er auch hinein als Befreier in sein ganzes Leben. Wir haben eine zu kleine Meinung von Gott, zu kleine Gedanken über ihn, zu kleine Erwartungen ihm gegenüber, wir trauen ihm nicht zu, daß er größer sein könnte als das, was wir vielleicht durch unser kleines Gucklöchlein von ihm wahrzunehmen vermögen. Wir meinen, Gott habe nichts Größeres im Sinn, als so ein bißchen zu scheinen, in einem Winkelein auch da zu sein in oder über unserem Weltelend. Wir fürchten, es könne Gott nicht gelingen, uns anders zu machen und auch die Leute und die Verhältnisse anders zu machen, wir halten das Böse in der menschlichen Natur und alle die Hindernisse der Freude in unserem Leben und in der Welt draußen für viel zu wichtig und ernst und groß, als daß Gott etwas daran ändern könnte. Kurz, unsere ganze Seele ist auf einen kleinen Gott zugeschnitten. Nur ein kleiner Gott, so ein Götzlein hat da innen Platz, und darin sind wir alle Heiden, nicht nur die, denen durch die Mission der lebendige Gott gebracht und gezeigt werden soll. Große Gedanken und Hoffnungen auf Gott erschrecken uns einfach, ängstlich fragen wir unsere gute Aargauer Vernunft, ob es wohl möglich sein sollte, daß Gott wirklich Gott ist, und ziehen uns ängstlich schnell wieder zurück in unser Schneckenhäuslein: Nein, es wird wohl nicht so sein, und ich bleibe doch lieber bei meinen alten, gewohnten Religionsgötzlein. Und dann muß eben Gott, der wirkliche, lebendige, große Gott draußen bleiben, nicht nur draußen vor unserer Seele, sondern draußen vor unserem ganzen Wesen, und nichts hilft es uns, daß er uns ja erlösen will, nichts hilft uns unsere eigene große Sehnsucht, uns erlösen zu lassen. Weite Tore, hohe Türen will sagen: Große Gedanken für den großen Gott! Und wenn die Wände unseres engen Menschenhäusleins darüber nach allen Seiten auseinanderfallen sollten, und wenn deine Familie und deine Bekannten über deine Zuversicht und Freudigkeit einmal alle in Erstaunen geraten sollten, und wenn du dir selber höchst unvernünftig und närrisch vorkommen solltest mit deinem Glauben, und wenn du für eine Zeitlang ganz kühn und |405 einsam und seltsam dastehen müßtest mit dem, was in dir in Bewegung gekommen ist. Das macht doch nichts! Du hast das Alte lange genug probiert, nun probiere einmal das Neue. Sieh zu, ob Gott nicht zu dir kommt, mit seinem ganzen Licht und mit seiner ganzen Kraft, wenn du es wagst, dein Ich und die Welt deines Ich einmal klein werden zu lassen und dafür Raum zu schaffen in dir für ihn, wie er ist. Sieh zu, ob du dann immer noch seufzen mußt: Gott draußen, wir drinnen! Sieh zu, ob’s dann nicht Advent wird: Gottesankunft auf deutsch, zuerst bei dir, dann um dich herum! Ich sage dir, nicht aus meinem Kopf, nicht nach meiner Idee, nicht als Menschenweisheit, sondern als Wort Gottes an dich: wo Gott weite Tore und hohe Türen findet, da zieht er auch ein, jetzt schon, als der König der Ehren, als der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit! Und solche Menschen, bei denen Gott einziehen kann, werden dann selber zu Eingangstüren Gottes für die Anderen, für die Menschenwelt um sie herum. Du muß auftun! Du mußt Eingangstüre werden!

Du fragst: wie soll ich? wie kann ich? wie werde ich anders, als ich bin? Wie mache ich aus der kleinen Spalte, durch die ich Gott erblicke, ein großes Tor? Wie komme ich zu großen Gedanken von Gott, daß Gott zu mir kommen kann? Sieh, so darfst du gar nicht fragen. Denn du weißt, wie es damit ist. Du weißt, daß ich dir das alles nicht sagen könnte, wenn Jesus es nicht uns allen gesagt hätte. Du weißt, daß wir nichts wüßten von einer göttlichen Antwort auf unsere Gefangenschaft in dem dunklen, engen Menschenhäuslein, wenn Jesus sie nicht für die ganze Menschheit gegeben hätte. Sieh, da ist ja die Türe aufgetan, da ist ja unser Gefängnis gesprengt, da ist ja kein Draußen und Drinnen mehr, da ist ja Gott hereingekommen, die Gotteswelt in die Menschenwelt, das Jenseits ins Diesseits, der Himmel auf die Erde. Da ist Advent, Gottesankunft. «Wer mich siehet, der siehet den Vater» [Joh. 14,9]. Also sieh ihn, sieh ganz ruhig und still und tief auf das, was an der Weihnacht geschehen ist, dann geht dein Tor auf, weit auf, und deine Gedanken werden groß und größer, und du wirst anders, als du bist, und dann kommt Gott. Auf die Frage: wie soll ich? wie kann ich? ist Jesus die Antwort. Und darum dürften wir eigentlich gar nicht so fragen. Denn, liebe Freunde, wir dürften in der Adventszeit nicht dergleichen tun4, als ob Jesus gar nicht da wäre.

Amen.
406
Lied:
  • Nr. 90 «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 und nach der Predigt 4-6 (GERS [1952] 104,1-3.4–6; EG 11,1-3.4–6 mit leichten Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Oder: «von»?↩
2
Vgl. z. B. die berühmte Schrift von Th. More, De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia (1516), deutsch: Utopia, übersetzt von G. Ritter, Berlin 1922, Nachdruck 1990 📖.↩
3
J. W. von Goethe, Faust I, V. 1605f. (Studierzimmer) 📖. ↩
4
= so tun.↩