Predigt: Sacharja 8,23
Wir wollen zuerst diesen merkwürdigen Text erklären. Es ist die Verheißung eines Propheten. Sie will sagen: es soll einmal geschehen, daß es ein großes Aufwachen gibt unter den Menschen. Die vielen Gleichgiltigen, Oberflächlichen, Stumpfen, Kalten, Toten werden einmal an ihrem jetzigen Zustand keine Freude mehr haben. Sie werden sich umsehen und sich fragen: gibt’s denn nichts Anderes für uns, müssen wir immer fort|390fahren in unserer alten Art, immer weitertappen in unserer Finsternis? Da, o Freude, gehen ihnen die Augen auf: siehe da, mitten unter ihnen sind ein paar Wenige gewesen, Einer auf zehn, die haben schon früher etwas gemerkt, in denen ist etwas lebendig geworden, etwas Innerliches, Göttliches, Ewiges. Bei denen ist der liebe Gott gleichsam aus der Verborgenheit hervorgetreten, und darüber sind sie in aller Stille ein wenig anders geworden als die Anderen. So etwas Helles ist in ihnen und eine gewisse Freude und eine gewisse Kraft zum Leben, die die Übrigen nicht haben. Ihre Seele, ihre Gedanken, aber auch ihr ganzes gewöhnliches Leben hat einen unterirdischen Zufluß, von dem die Anderen nichts wissen. Ihre Augen blicken über alles Sichtbare, über diese ganze gegenwärtige Welt hinweg hin auf eine künftige Welt, aber die Anderen wissen noch nicht, wohin sie blicken, denn das Künftige ist noch nicht sichtbar. Und nun werden die Anderen, die Vielen, auf einmal aufmerksam auf diese Wenigen in ihrer Mitte. Was sind das für Leute? Die haben etwas, was wir nicht haben, die sind etwas, was wir nicht sind! Gebt uns auch davon! Zeigt uns, wie man auch so wird! Öffnet eure Gemeinschaft, wir wollen auch mithalten! O Freude! Nun ist’s nicht mehr wahr, daß es da so eine grobe, große Mehrheit gibt, zehn gegen eins, von Menschen, die nichts merken und verstehen, die so blöde und unempfänglich ihres Weges trotten und sich nur um das Nächste und Gewöhnlichste bekümmern wollen. Nein, nun haben alle etwas gemerkt, nun haben alle Sinn und Verständnis bekommen für den lieben Gott und seine Herrlichkeit, nun wollen alle wissen von den unterirdischen Quellen, und aller Augen wollen blicken auf das Künftige, das immer näher kommt und bald an den Tag treten muß. Und nun sind die Wenigen keine Wenigen mehr, so ein kleines, feines Kreislein von aufmerksamen Geistern, nun müssen sie nicht mehr so einsam sein unter der erdrückenden Mehrheit der Anderen. O, sie haben ja darunter gelitten, so einsam und unverstanden zu sein mit der Wahrheit, die sie selig machte, es tat ihnen weh, zu sehen, wie Alles an ihnen vorüberlief und weitermachte, als ob nichts wäre, sie konnten es nicht ertragen, nur so für sich selig zu sein und zu werden, wenn sie auf den großen Haufen sahen, der so gar nicht selig war. Damit ist’s nun vorbei. Nun können sie sagen, was sie schon lange sagen wollten. Nun können sie ihre Schätze auskramen und breit machen. Nun können sie geben, austeilen, verschenken. Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, daß Gott mit euch ist. O wie wunderbar, daß die Vielen nun einmal das |391 sagen können zu den Wenigen, wie wunderbar, daß die Wenigen nun einmal das zu hören bekommen von den Vielen. Da öffnet sich auf der einen Seite eine Schleuse, und wo bis jetzt eine große Leere war, da entsteht nun Fülle, an die Stelle des alten traurigen Nichts tritt das neue fröhliche Etwas. Da findet auf der anderen Seite das Elend der Besitzenden, die ihren Besitz für sich behalten müssen, sein Ende: sie wissen jetzt, wozu sie das sind, was sie sind. Sie wissen jetzt wohin mit dem, was sie haben. Also eine Bewegung unter den Menschen ist da in Aussicht gestellt, und zwar, wenn wir’s genau betrachten, eine doppelte Bewegung: eine, die von einigen Wenigen ausgeht, daß es weithin ausstrahlt und sichtbar wird: die haben Gott, und das heißt: die haben Freude, die sind etwas, die leben, denen gelingt es, bei denen kommt etwas Anderes zum Vorschein als das Wüste und Trübe, von dem sonst die Welt voll ist. Und eine andere Bewegung, die kommt von den vielen Übrigen, daß sie sich hinzumachen, weil sie nicht anders können, weil sie es nicht mehr ohne Gott machen wollen, weil sie das, was sie gesehen haben an jenen, auch an sich reißen müssen.
Liebe Freunde! Wenn wir diese große Gottesverheißung als Spiegel brauchen wollten in dem Sinn, daß wir uns jetzt etwa fragen würden: Ja, aber wo ist denn das? Wo geschieht denn Solches? Soll das denn etwa unter uns wahr sein?, dann könnte man über diesen Text eine sehr traurige und niederdrückende Bußpredigt halten. Wir müßten uns dann sofort gestehen: das ist gerade das, was uns fehlt. Wir haben unter uns keine Bewegung, weder von den Wenigen zu den Vielen, noch von den Vielen zu den Wenigen. Da wäre allerlei zu sagen gewesen. Ich hätte dann z. B. die ernsten und eifrigen Christen unter uns vorwurfsvoll fragen müssen, warum sie nicht statt allem Anderen1 viel lieber einmal einfach, wie es der Heiland befohlen hat, leben, leuchten und wirken wollen, daß die Anderen es merken müßten: die haben und sind etwas Anderes als wir, die haben einen neuen Geist, die sind die guten Boten einer neuen Welt. Ich hätte dann auch die vielen Kalten und Lauen unter uns wieder einmal anklagen müssen, wie lange das noch so weitergehen soll mit ihnen2
|392 und ob sie nicht auch bald ein wenig aufwachen möchten. Ich hätte dann vor Allem an mich selbst eine sehr bittere, ernste Frage stellen müssen. Ich will euch auch verraten, daß ich bereits eine ganze Predigt in diesem Sinn ausgedacht und aufgeschrieben hatte, und ihr könnt froh sein, daß ihr sie heute nicht hören müßt. Denn als ich fertig war, mußte ich Alles wieder durchstreichen und mir sagen: so darf und will ich gerade nicht mehr mit euch reden. Wir haben das Wort Gottes nicht, um uns darin zu spiegeln und dann traurig zu werden, weil wir da auf Schritt und Tritt wahrnehmen: Wir sind ganz anders! Bei uns ist das nicht wahr! Da kämen wir an kein Ende und sicher nicht zu Gott hin, von dem wir vor acht Tagen gehört haben, daß er uns fröhlich machen will in unserem Jammertal, ja daß er gerade in unserem Jammertal seine Freudenschöpfung wieder zu Ehren bringen will. Eine Verheißung ist eben eine Verheißung, und als das müssen wir sie nehmen. In der Zeitung und in den meisten gewöhnlichen Büchern hat’s keine Verheißungen, da wird nur Alles so beschrieben, wie es leider einmal ist. In unseren gewöhnlichen Gesprächen machen wir uns auch keine Verheißungen, sondern ganz trocken sagen wir uns das, was ist, als ob es nichts Anderes gäbe. Und solche Bußpredigten, wie ihr jetzt fast eine hättet hören müssen, sind auch keine Verheißungen. In der Bibel aber hat es Verheißungen, und das will sagen Ankündigungen von dem, was nicht ist, aber durch Gottes Macht geschehen soll. «Es ist der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifeln an dem, das man nicht siehet» [
Wir gehen nun wieder der Advents- und Weihnachtszeit entgegen. Ich freue mich darauf, euch in dieser Festzeit aufs neue das Evangelium zu sagen als das, was es ist, nämlich als die große Nachricht, daß Gott der Welt geholfen hat und daß auch uns geholfen werden soll, wenn wir uns wollen helfen lassen. Es ist in unser Leben hinein von oben her ein anderes Leben gekommen, an dem soll unser Leben gesund werden, wenn wir es annehmen. Es ist für uns vom Himmel her ein Befreiungskrieg eröffnet, der muß mit unserem Sieg endigen, wenn wir ihn mitkämpfen wollen. Es ist uns ein Heiland geboren, an dem haben wir einen Erlöser, wenn wir ihn unseren Heiland sein lassen. Das Evangelium ist also die |393 Nachricht von einer Tatsache, von einer Wahrheit, die einfach einmal wahr ist, ganz einerlei, was wir damit machen, ob wir sie annehmen oder nicht. Von dieser Wahrheit müßte geredet werden, auch wenn die Kirche ganz leer wäre, auch wenn es überhaupt keine Kirchen gäbe. Diese Wahrheit hat aber auch ihre Folgen, ihre Wirkungen in der Welt. Die Tatsache, daß wir zu Gott gehören als seine Kinder, daß Gott sich unser angenommen hat trotz der Finsternis, in die wir uns gehüllt haben, daß Gott Recht behalten muß in der Welt – diese Tatsache kann nicht umsonst wahr sein. Die göttliche Wahrheit kann oft aufgehalten werden, sie kann einen weiten, mühseligen Weg zu gehen haben, man wird nie zum Voraus sagen können, wie bald und in welchem Maß sie durchdringen wird, aber sie dringt durch, sie gewinnt’s, sie hat ganz bestimmte Wirkungen, wo sie nur sein und wachsen kann in den Menschenherzen. Und nun sagt uns die Bibel im Alten und Neuen Testament: das und das werden die Folgen und Wirkungen der Wahrheit sein in der Welt – und das sind eben die biblischen Verheißungen. Wer von der Wahrheit noch nichts gehört hat oder noch nichts Rechtes hat hören wollen, der kann begreiflicherweise über die Verheißungen nur den Kopf schütteln: Wie soll das möglich sein? Wer aber etwas weiß von dem stillen Wachsen der Wahrheit aus eigener Erfahrung, der wundert sich nicht so sehr, sondern denkt: ja, so muß es eben kommen unter uns und in der Welt, nicht aus der Luft, nicht durch einen Zauberschlag, aber aus der wachsenden Wahrheit heraus muß das und noch viel mehr werden und kommen.
Aus der großen Tatsache heraus, daß Gott uns im Heiland gesagt hat: ich will euer Gott und ihr sollt mein Volk sein! [vgl.
Liebe Freunde! Dann wird es geschehen, daß Einige von uns sich nicht mehr damit begnügen können, so für sich, für ihre eigene Person recht |394 und fromm, geistig lebendig und selig zu sein. Dieses Letztere haben wir ja jetzt schon. Es sind schon Leute da, an denen nichts auszusetzen und von denen viel zu rühmen wäre. Es sind Menschen unter uns, die angeregt sind, in denen innerlich etwas schafft. Die ein wenig hineingesehen haben in die Geheimnisse des Lebens, in die Freiheit hinein, in die Liebe hinein, in Gott hinein. Die vielleicht schon große Entschlüsse gefaßt und auch ein wenig betätigt haben. Aber noch ist das, was sie haben und sind, nur ihr Privatbesitz, sie haben es wie das Geld, nur für sich. Sie freuen sich darüber, daß sie etwas Besseres wissen und auch einen besseren Weg gehen als viele Andere, aber es bedrückt sie auch nicht, daß diese Vielen so anders sind, daß das, was in ihnen ist, nicht das Allgemeine ist. Es ist, wie wenn sie sich noch genierten mit ihrem Besitz, sie reden nicht gerne davon außer in ganz kleinem Kreise. Es gibt viele Stunden im Tag, wo sie ihr Tiefstes und Bestes einfach zurückstellen und nicht zeigen wollen, und gerade so machen sie es mit den meisten Menschen: sie tun nicht dergleichen als ob3! Und wirklich sind sie auch ganz allein unter den Anderen, niemand fällt’s ein zu denken, sie hätten etwas Besonderes, man sagt vielleicht von ihnen: ja, der studiert viel4! ja, die ist fromm! ja, das ist ein braver, feiner Mensch!, aber man läßt sie schön machen, es geht keine Anziehungskraft von ihnen aus, es geschieht nichts um sie herum. Das wird einmal ändern5, wenn die Wahrheit, die Advents- und Weihnachtswahrheit weiter gewachsen ist in uns. Dann werden diese Einigen, an die ich denke, es nicht mehr ertragen können, so für sich zu sein mitten unter den Menschen, ihr inneres Leben6 zu pflegen, ihre Gedanken zu bereichern, ihren Charakter zu verbessern, ihre Pflichten zu erfüllen. Dann |395 wird alles Göttliche, was in ihnen schlummert, nach einem Ausgang drängen. Ganz elend werden sie sich vorkommen in ihren Stüblein, auf ihren einsamen Spaziergängen, bei ihren schönen Gesprächen zu zwei oder drei, auf ihrem gewohnten Platz da in der Kirche oder hinter ihren lieben Büchern, und wenn es die Bibel wäre. Es wird etwas in ihnen aufwachen, das schreit: was bin ich, was habe ich, und wenn es das Höchste wäre, wenn ich es für mich allein habe oder nur für ein paar verständnisvolle Seelen, wenn die Welt und die Menschen um mich herum so trostlos die Gleichen bleiben, wenn ich’s nicht zeigen und geben kann, was in mir ist? Und wenn diese Unbefriedigtheit und Sehnsucht einmal über sie gekommen ist, dann werden sie ganz von selbst anfangen, sich zu fragen: wie kann ich’s zeigen? wie kann ich’s sagen? wie kann ich’s geben? O, sie werden erfinderisch werden ganz von selber, wenn einmal die Notwendigkeit sie drängt: es muß heraus! es muß leuchten und wirken da draußen, das, was da in mir wahr geworden ist! es kann und darf ja nicht nur in meinem Herzen wahr sein!
Wo sind sie in unserer Gemeinde, möchte ich euch heute fragen, die Gotteskinder, die früher als viele Andere Manches gemerkt und eingesehen haben? Haltet ihr es immer noch aus, so still eures Weges zu gehen für euch, meint ihr nicht auch, es könnte bald Zeit sein, die Schleusen zu ziehen, die euch von euren Mitmenschen, die euer Innerstes von eurem übrigen Leben trennen, kann die Verheißung, daß von euch etwas Lebendiges bewegend ausgehen soll, noch immer nicht in Erfüllung gehen? Ist wirklich das Feuerlein, das Gott doch angezündet hat, noch immer so schwach in euch, daß ihr immer noch ungefähr die gleichen langweiligen, harten Gesichter machen könnt wie die Anderen, daß die Anderen immer noch an euch vorbeigehen und denken können: nichts Besonderes!? Ist die Wahrheit noch immer nicht stark genug in euch, daß die Liebe, die erlösende, segnende, fröhliche Gottesliebe euch bald, sehr bald zu den Augen herausblicken muß, siegreich, unwidersprechlich, unwiderstehlich, so daß die Anderen wirklich zu euch sagen müssen, wie es hier geschrieben steht: wir wollen mit euch gehen, denn wir hören und sehen, daß Gott mit euch ist? Ist es noch nicht so weit mit euch, daß es die Anderen nun bald einmal glusten7 muß, was ihr wißt, auch zu wissen, was ihr könnt, auch zu können, euren Weg mit euch zu gehen?
396O meine Freunde, wenn die Wahrheit Gottes, die da heißt: Christ, der Retter ist da!8, in diesen Einigen einmal so wachsen würde, daß sie gleichsam zum Überströmen käme, daß man an ihren Augen und Worten, an ihrem Benehmen und ganzen Wesen den Eindruck bekäme: Gott ist mit ihnen! (und eben nicht nur an ihren besonderen Grundsätzen und Meinungen), dann bräuchte uns auch um die vielen Anderen, um die große Masse der Kalten, Äußerlichen, Toten nicht angst zu sein. Sie sind eigentlich alle reif für Gott, reif, das auch in sich aufzunehmen und zu haben, was jetzt nur in wenigen glücklichen Besitzenden verborgen ist und nicht an den Tag kann, die Einen mehr, die Anderen weniger. Es ist keinem wohl bei den Götzen, denen sie jetzt noch dienen. Es ist ihnen nicht so wohl, den Menschen, bei ihrem Tanz ums goldene Kalb [vgl.
Seht, dann ist sie da, die große Lebensbewegung, zuerst von den Wenigen zu den Vielen, dann von den Vielen zu den Wenigen, bis dieser dumme Unterschied zwischen den Wenigen und Vielen überhaupt ein Ende hat. Keine künstliche, gemachte, erzwungene Bewegung wird das sein, sondern natürlich, geworden, gewachsen, notwendig, wie Gott selbst natürlich und notwendig ist. Das ist die Verheißung, die wir jetzt mit in die Weihnachtszeit hinein nehmen wollen. Sie wird uns umso möglicher und glaublicher, je mehr wir die Wahrheit, die die Weihnacht uns jetzt wieder nahebringt, tief und ruhig anschauen. Sie wird sich, wie alle Verheißungen der Bibel, erfüllen, wenn wir danach begehren, daß sie sich erfülle.
- Nr. 11 «O daß ich tausend Zungen hätte» von
J. Mentzer , Strophen 1.5.6 (GERS [1952] 54,1.6.7; EG 330,1.-.-) - Nr. 168 «O daß doch bald dein Feuer brennte» von
G. Fr. Fickert , Strophen 1.2.6.7 (GERS [1952] 337,1.2.6.7; EG 255,1.2.6.7)