19. November 1916

Predigt: Jesaia 44,21-23

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Jesaja 44,21–23
Liebe Freunde!

Wenn wir an Gott denken wollen, müssen wir uns vor Allem immer wieder das sagen, daß bei Gott lauter Jauchzen ist, Jubel, Singen, Klingen und Lachen, lauter Freude mit einem Wort. Wenn wir das erkennen wollen, dürfen wir freilich nicht in den Spiegel gucken und nicht in die Zeitung, überhaupt nicht in die Menschenwelt hinein. Denn in unserer Menschenwelt, in der inneren und äußeren, da sieht’s freilich bös aus. Da ist soviel Sünde, soviel Unglück. Da sehen wir soviele Augen, aus denen uns ein böses Gewissen anblickt, soviele Stirnen, die vom Leid des Lebens tiefe Furchen bekommen haben. Da haben die menschlichen Leidenschaften soviel Schändung und Verwüstung angerichtet. Da ist durch die menschliche Selbstsucht soviel Härte und Kälte in Alles hineingekommen. Da ist der Krieg. Da ist der Tod. Wenn wir in die Menschenwelt hineinsehen, o, da[nn sehen wir] immer nur Adam und Eva, die vom |382 Paradies ausgeschlossen [werden, un]d2 der Engel mit dem blitzenden Schwert verwehrt ihnen den Eingang [vgl. Gen. 3,23f.]. Da sehen wir das Schicksal regieren und den Teufel, da sehen wir in den Abgrund hinein. Wenn wir in den Spiegel und in die Zeitung gucken und wollen dann überhaupt noch an Gott denken, dann muß uns Gott ganz schrecklich vorkommen. Finster und böse steht er da im Hintergrund, gleichsam an die Wand gedrückt von all der Gottlosigkeit. Eine dunkle Erinnerung sagt uns, daß diese unsere ganze Welt etwas ganz Anderes ist als das, was Gott will, daß Gott eigentlich nichts Anderes im Sinn haben kann als die Zerschmetterung dieses ganzen Wesens. Und zu der Last, die wir ohnehin haben mit unserem bösen Gewissen, mit unserem Erdenleid, mit unserer Sterblichkeit, gesellt sich als doppelte Last die Gewißheit, daß Gott, wenn er ist, gegen uns sein muß. Bei Gott ein Jauchzen? Eine große Freude? Ach, wer wird auf diesen Gedanken kommen, wenn wir uns selbst ansehen?

Ja, aber wer heißt uns denn uns selbst ansehen, um Gott, wie er ist und wie es bei Gott ist, zu erkennen? Will uns nicht die Bibel von der ersten bis zu letzten Seite gerade davon abbringen, uns selbst anzusehen? Ist sie nicht ganz voll von der großen Aufforderung: hebet eure Augen in die Höhe und sehet! [Jes. 40,26]? Und was haben wir da soeben gelesen? Jauchzet, ihr Himmel, rufe, du Erde, ihr Berge frohlocket, der Wald und alle Bäume drinnen! Das ist freilich nicht unsere Menschenwelt, das sind die Naturwelten über uns und unter uns. Aber das sind auch Schöpfungen Gottes, so gut wie wir mit unserem Menschenleben und mit unserer Weltgeschichte, die wir so wichtig nehmen, ja sogar ältere, ursprünglichere Schöpfungen. Die großen, schönen Gedanken Gottes, die da heißen Leben, Wachstum, Entfaltung, Vermehrung, haben sich in den Naturbezirken, wir müssen es zu unserer Schande gestehen, viel reiner und völliger erhalten können als in unserem Menschenbezirk. Da ist denn auch die Freude, die bei Gott ist, sehr wohl zu erkennen, da herrscht sie beständig. Wir sind umgeben von Himmel und Erde, Bergen und Wäldern, und das heißt eigentlich: wir sind umgeben von einem großen göttlichen Jubel. Wenn vielleicht gerade du noch nichts davon gemerkt hast, so ist das noch kein Beweis dagegen, es ist doch wahr. Alle die |383 Werke Gottes in der Natur rühmen seine Schöpfergedanken, seine Lebensgedanken. Die Gestirne sagen es unserer kleinen Erde, die Berge den Tälern, die Ströme dem Meer, die Nacht dem Tage, der Sommer dem Winter, die Bäume den Vöglein auf ihren Zweigen, daß Gott groß und wunderbar ist in seinem Willen und in seinem Leben. Alles, was da so still um uns her geschieht in der Höhe und in der Tiefe, ist ein Zeugnis davon, daß bei dem, der aller Dinge Grund und Wesen3, der im Ursprung, im Anfang ist, Freude waltet und nicht Traurigkeit. Ganz einsam ist die Menschenwelt in diesem großen Ganzen mit ihrer Traurigkeit. Nur von uns Menschen aus betrachtet kann Gott finster und schrecklich aussehen, ist er gleichsam verhüllt von einer Zorneswolke. Darum hat uns auch Jesus ausdrücklich geheißen, nicht in die Menschenwelt hineinzustarren, wenn wir Gott erkennen wollen, wie er ist, sondern: Sehet die Vögel unter dem Himmel an! Sehet die Lilien auf dem Felde an! [vgl. Mt. 6,26.28], und hat das Kommen des Reiches Gottes nicht beschrieben als eine menschliche, seelische oder äußerliche, Machenschaft, sondern als ein unaufhaltsames natürliches Geborenwerden, Wachsen und Sich-Entfalten gleich dem, das in den Lebensbezirken da draußen Gottes Ehre verkündigt [vgl. z. B. Mk. 4,26–32].|

Und doch gibt’s vielleicht auch in der Menschenwelt gleichsam dünne Spalten in der Mauer, durch die wir in die verlorene Herrlichkeit Gottes hineinblicken können. Es müssen besonders unsere Kindlein so etwas Ursprüngliches, Göttliches an sich haben, sonst hätte Jesus kaum von ihnen gesagt: werdet wie sie! [Mt. 18,3]. Und ich für mich glaube, daß wir Menschen alle, groß und klein, etwas von einem solchen ursprünglichen, reinen Gotteskindlein an uns und in uns haben, nur daß es leider ganz verdeckt und verschüttet ist, weil wir’s nicht gelten lassen. Im Spiegel sehen wir nichts davon, und in der Zeitung lesen wir nichts davon, von dem Gotteskindlein in den Menschen. Nur Gott selber kennt es. Nur in einzelnen seltenen Augenblicken unseres Lebens mag es geschehen, daß in unserer Seele etwas vorgeht, wie wenn aus einem tiefen Brunnen silberne Luftkugeln an die Oberfläche des Wassers gestiegen kommen und schnell wieder vergehen: flüchtige Erinnerungen an etwas Großes, Liebes, Gütiges, Schönes, das nicht ist wie unser übriges Leben, wie |384 unsere übrige Menschenwelt: Erinnerungen an Gott selber, außerhalb der Zorneswolke, die über unserem Wesen liegt. Und das stimmt dann zusammen mit dem, was wir da draußen und da droben wahrnehmen in dem stillen Gang der göttlichen Werke: Es ist bei Gott und in Gott ein Leben, das ist lauter Jubel. Alle Freude, die in der Schöpfung ist und die uns aus Kinderäuglein entgegenstrahlt, kann nur der Ausfluß sein einer unversieglichen himmlischen Freudenquelle.|

Ich weiß ja wohl, daß wir uns Gott und den Himmel mit unseren kurzen, unzulänglichen Menschengedanken nicht vorstellen können, und ich bin nicht hier, um euch Phantasien vorzutragen. Aber nur damit ihr versteht, was ich meine, wenn ich sage: bei Gott ist Freude!, möchte ich es doch wagen zu sagen: bei Gott, im Himmel wird gespielt. Der grimmige Ernst, mit dem wir unsere Pflichten erfüllen, ist menschlich, nicht göttlich. Das ganze bewußte, absichtliche, planmäßige Wesen, in dem wir jetzt äußerlich und innerlich leben, ist, so notwendig es sein mag, ein Stück von der Menschen- und nicht von der Gotteswelt. Bei Gott kommt alles Tun und Denken von innen heraus, aus der Freude heraus, wie im unberührten Wald draußen, wie bei den Kindlein, bevor man sie in die Schulbänke geschraubt hat. Darum heißt es auch an einer der merkwürdigsten Stellen der Bibel von der göttlichen Weisheit: Ich spielte vor dem Herrn allezeit auf seinem Erdboden, und meine Lust ist bei den Menschenkindern [Spr. 8,30f.]. Darum haben auch die alten Maler so recht gehabt, die, wenn sie die Herrlichkeit Gottes darstellen wollten, tausend Engel malten mit Geigen und Harfen und Notenheften, ein großes fröhliches Orchester, in das man gleich einstimmen möchte, und nicht etwa einen Haufen ernste, erfahrene, strenge Menschengesichter. Spielen und Musikmachen ist himmlisch, weil es aus der Freude heraus kommt, ein böses Gesicht machen aber, und wenn es noch so gut gemeint wäre, ist sicher irdisch, weil es aus unseren irdischen Menschentraurigkeiten heraus kommt. Und wenn Gott von Zeit zu Zeit wieder etwas spricht und geschehen läßt in unsere verkehrte Menschenwelt hinein, dann ist es in erster Linie immer etwas Freudiges und nichts Anderes, wie ja auch das Größte, was Gott in unserer Welt hat geschehen lassen: die Geburt des Heilands, angekündigt worden ist mit den ausdrücklichen Worten: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren soll [Lk. 2,10]. Und was Gott in uns einzelnen Menschen schaffen will und was er sich zum Ziel der Entwicklung der Welt und |385 Menschheit gesetzt hat, das ist Freude und wieder Freude. Ich habe diese Woche das Wort eines aufrichtig frommen Mannes gelesen: ein Christ dürfe nie scherzen!4 Das ist so ziemlich eines der schlimmsten Mißverständnisse der göttlichen Wahrheit. Schnurstracks steht dem gegenüber das Wort, das Paulus im Philipperbrief immer aufs neue ausspricht: Freuet euch, und abermals sage ich euch: freuet euch! [Phil. 4,4]. Dazu hat Gott uns den Heiland gegeben, und dazu redet er mit uns, daß es auch in der Menschenwelt wieder einmal nicht nur ein kleines Scherzen, sondern ein großes Jauchzen geben könne. Und wer wirklich ein Christ ist, der darf, nein, der muß jetzt schon sich mitfreuen über das, was sich da vorbereitet.

Denn es ist ja gerade nicht so, als ob dieser Jubel, der bei Gott ist, in seiner unsichtbaren Welt gleichsam eingeschlossen oder eben auf die Naturbezirke beschränkt wäre unter Ausschluß unseres menschlichen Jammertales. Wir dürfen uns mit unseren finsteren, traurigen Gesichtern und mit unseren finsteren, traurigen Gedanken vor Gott nicht etwa rechtfertigen und sagen: ja, wir sind eben Menschen und nicht Sterne oder Wolken, nicht Vögel unter dem Himmel oder Lilien auf dem Feld! Wir sind leider Gottes keine Kindlein mehr, und weit, weit weg hat sich das Reich der göttlichen Herrlichkeit von uns zurückgezogen. Wir sind auf der Erde und nicht im Himmel. Wir sind in Safenwil und nicht bei Gott. Wir sind in der harten Wirklichkeit und nicht in der Freiheit und Freude des Paradieses. Und nun taucht sie wieder empor, die Menschenwelt mit ihrer ganzen Finsternis: da donnern die Kanonen, da klirrt das Geld, da seufzen Gefangene und Gebundene, da toben die bösen Geister in den Menschen, da hat der Tod das letzte Wort. Da darf der Teufel sagen: ich bin der Herr dieser Welt! Was hilft uns die Freude, die bei Gott sein mag? O was ist auch das mit uns Menschen, daß wir so gottlos seufzen und jammern dürfen! Daß wir nicht merken, wie wir mit solchem Seufzen Gott und uns selbst und unsere Mitmenschen anlügen. Daß wir nicht einsehen: gerade dieses Seufzen und Uns-Abwenden von Gott, als |386 ob er ferne wäre, ist die eigentliche Ursache unseres andauernden Elends in der Menschheit. Gott und der ganze Jubel, der bei ihm ist, ist uns nicht ferne. Nicht nur, daß er uns von allen Seiten umgibt in den Naturwerken, nicht nur, daß jene Spalten und Ritzen da sind in unserer Menschenwelt, durch die wir etwas ahnen können von der göttlichen Herrlichkeit. Nein, mitten hinein ist er getreten in unser Menschenwesen durch sein lebendiges Wort, angekündigt in Mose und den Propheten, erschienen und erfüllt in Jesus Christus. Mitten in der Verwirrung der Weltgeschichte und auch mitten in den Dunkelheiten unserer persönlichen Lebensgeschichten hat er eine Gottesgeschichte angefangen. Mitten in unsere alten Verhältnisse und Gewohnheiten und Gedanken hinein hat er verkündigen lassen: ich schaffe ein Neues! und hat es getan. Und sein Wort heißt: Freude für die Welt!, und die Gottesgeschichte bedeutet Freude für die Menschheit!, und das Neue, das uns verkündigt ist, ist Freude für dich und mich!

Und nun wollen wir noch etwas hören von diesem Einbruch des göttlichen Lichtes in unsere menschlichen Dunkelheiten, und wie Gott die Freude, die bei ihm ist, wirklich auch auf die Erde gestellt hat.

Daran gedenke, Jakob und Israel, denn du bist mein Knecht: Ich habe dich bereitet, daß du mein Knecht seist, Israel, vergiß mein nicht! Was hat Gott an uns getan durch Christus? Er hat uns in unvergeßlicher Weise gesagt, daß wir sein sind, daß wir zu ihm gehören. Das ist eine Freude. Denn wenn wir uns selbst ansehen, müssen wir immer denken: wir sind, was die Verhältnisse aus uns machen, wir sind unter der Sünde, wir sind des Todes!, und das bedeutet Traurigkeit. Nun hören wir durch Christus etwas Anderes: nein, ihr Menschen, ihr seid Gottes5. Was euch anhaftet an Wüstem, Abscheulichem, Giftigem, was ihr einander beständig antut, die verkehrte Welt, die ihr euch aufgebaut habt, das alles gehört gar nicht zu euch, das seid gar nicht ihr selber, das ist etwas Unnatürliches, das über euch gekommen ist. Der wahre Gott zeigt uns in Christus den wahren Menschen, daß wir den Mut bekommen, trotz dem Sündenfall und allen seinen Folgen, trotz all dem Bitteren, Häßlichen, was wir da in uns und um uns wahrnehmen alle Tage, wieder an uns selbst, an die Menschheit zu glauben. Ja, Christus ist auch ein Spiegel, aber nicht unsere Erbärmlichkeit erkennen wir in ihm, sondern unsere ursprüngliche Göttlichkeit, |387 trotz allem Bösen. Wenn Christus in unsere Nähe kommt, wenn wir ihn an uns herankommen lassen, dann erwacht in uns das Gotteskindlein, und fröhlich dürfen wir uns auf Gottes Seite hinüberstellen gegen die Sünde, gegen das Leid, gegen den Tod, gegen den ganzen Druck der Menschenwelt, obwohl wir das durch unser bisheriges Sein und Denken und Tun so gar nicht verdient haben. Gegen Alles, was gegen uns sprechen mag, dürfen wir uns einfach darauf berufen: der da, Christus, hat es uns durch sein Leben und Sterben gesagt, wer wir sind und wo wir hingehören, ich glaube es ihm, ich lasse es nun einfach ohne Umstände wahr sein. So hat es der Zöllner Levi einfach ohne Umstände wahr sein lassen, was Jesus ihm sagte: Folge mir nach! [Mk. 2,14 par.]. Und mitten im kalten Winter, mitten im Weltkrieg, mitten in der Nacht einer gottlosen Welt, an der wir selbst schuld sind, dürfen wir es einfach ohne Umstände wahr sein lassen, was Jesus auch uns sagt: Folget mir nach! Ihr seid Gottes! Im Namen Gottes des Wahrhaftigen sagt er es uns, da wir noch Sünder sind [vgl. Röm. 5,8]: Ich habe dich bereitet, daß du mein Knecht seist, Israel, vergiß mein nicht! Das muß gelten, das muß wahr sein, Allem zum Trotz, wenn wir nicht Gott zum Lügner machen wollen [vgl. 1.Joh. 1,10]. Und damit ist eben die Freude auf die Erde gestellt anstelle unserer Traurigkeit.

Ich vertilge deine Missetaten wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich! Da hören wir’s, daß Gott uns nichts vorspiegelt durch den Heiland, was nicht ist, sondern daß er mit seinem Wort etwas tut an uns. Die Freude, die wir haben dürfen, ist keine Einbildung, sie hat ihren Grund in einer Tatsache. Denn wenn Gott redet, so geschieht es, er gebietet, so steht es da [Ps. 33,9]. Wie es am Anfang war, als Gott sprach: es werde Licht!, da ward Licht [Gen. 1,3]! So ist das Wort, das Freudenwort: ihr seid Gottes!, das wir vom Heiland hören, zugleich auch der Sieg über alles das in uns, was Gott entgegensteht. Es mag wohl sein, daß in deinem und meinem Leben bis jetzt noch wenig zu spüren ist von diesem göttlichen Sieg über unsere Missetat und Sünde. Es ist wohl wahr, daß wir jetzt noch danach lechzen müssen, in unserer Menschenwelt mehr zu sehen von diesem Sieg Gottes. Aber das liegt nicht an Gott und nicht am Heiland, sondern daran, daß wir es noch nicht recht haben hören wollen, sein Schöpfer- und Freudenwort: ihr seid Gottes! Wir sind noch gar in uns selbst gekehrt, unseren eigenen Gedanken und den menschlichen Unvollkommenheiten zugekehrt, statt |388 daß wir uns Gott zukehren und dem, was er uns ein für allemal gesagt hat. Wir bohren noch gar gerne in uns selbst herum und wühlen in unserem menschlichen Sündenschlamm, statt daß wir der Wahrheit Gottes in uns die Ehre geben. Dann kann eben Gott auch noch nicht zu Ehren kommen bei uns, und sein Sieg verzögert sich, und die Freiheit von der Finsternis kommt nicht, und die Freude bleibt aus. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich! Gottes Wahrheit ist wahrer als die Wahrheit des Teufels! Gottes Verheißung ist wichtiger als die Sünde! Gottes Zusage: ihr gehört zu mir! ist ernster als das Ernsteste, was unser Gewissen und unsere Erfahrung uns vorhalten kann! Gottes Macht steht über dem Bösen in uns wie die Macht der Sonne über Wolken und Nebeln. Ich vertilge sie!, sagt er uns durch den Heiland, und daran müssen wir uns halten. Sieh, wie diese Vertilgung der Sünde wahr geworden ist an König David [2.Sam. 12,13] und am Zöllner im Tempel [Lk. 18,14], an Zachäus [Lk. 19,9] und an der großen Sünderin [Lk. 7,47], einfach weil sie sich an Gottes Zusage gehalten haben. Sieh, wie der verlorene Sohn die schöne Heimat wieder gesucht und gefunden hat, einfach weil er sich daran gehalten hat: ich habe ein Vaterhaus und einen Vater, und ich bin doch sein Sohn, wiewohl ich’s nicht wert bin [Lk. 15,21f.]. Sieh, wie in Christus die Macht des Guten hereingebrochen ist von oben in unser Menschenwesen, wie um ihn herum die verborgenen Gotteskeime zu grünen und blühen begannen, wie da ein Reich der Sündenvergebung und Sündentilgung gestiftet worden ist, das wachsen und wachsen und zuletzt Alles umfassen will. Sieh, wie die ganze Bibel uns verkündigt, nicht: Menschheit, du bist verdammt!, sondern: Menschheit, du bist erlöst!, nicht: Menschheit, du sollst dich fürchten!, sondern: Menschheit, du darfst dich freuen!

O liebe Freunde! Soll’s denn eigentlich nicht wahr sein, was da steht: der Herr hat’s getan! Der Herr hat Jakob erlöst und ist in Israel herrlich!? Wollen wir denn ewig das Jauchzen, das bei Gott ist, dem Himmel und der Erde, den Bergen und den Bäumen überlassen, wo wir es doch so ganz anders haben könnten? Wollen wir mit den Pharisäern und Schriftgelehrten in unseren menschlichen Traurigkeiten stecken bleiben, statt mit Christus und seinen Aposteln Gott die Ehre zu geben? Soll der Einbruch des göttlichen Lichtes in unsere Dunkelheiten wie nicht geschehen sein?

Oder soll Alles wahr sein, was Gott zu uns gesagt und für uns getan hat? |389 Soll’s wahr sein: Weicht, ihr Trauergeister, denn der Freudenmeister, Christus, tritt herein6? Soll’s wahr sein, daß Gott in unser menschliches Elend hinein die Einladung gestellt hat: Kommt, denn es ist Alles bereit! [Lk. 14,17] und daß diese Einladung das Einzige ist, das wir in unseren Gedanken bewegen und ernst nehmen dürfen, wenn uns Gott wirklich Gott ist?

Da müssen wir nun wählen, uns entscheiden, für das Eine oder für das Andere, für das Reich Gottes oder für das Reich der Traurigkeit. Wir können nicht beide vermischen oder unklar zwischen beiden hin und her schwanken. Aber die Entscheidung sollte uns nicht schwer fallen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 23 «O Höchster, deine Gütigkeit» von M. Jorissen nach Ps. 36, Strophen 1.3 (GERS [1952] 10,1.3) 🎵
  • Nr. 237 «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai die Strophen 6.7 (GERS [1952] 255,6.7; EG 70,6.7, jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Unter die Orts- und Terminangabe des Mskr. schrieb Barth mit Bleistift: «Während der ‹Evangelisation› von J. Vetter!» Vgl. dazu Barths Bericht an Thurneysen: Bw.Th. I, S. 161–165 📖. Zu seiner eigenen Predigt schrieb Barth am Montag, den 20. 11.: «Gestern Morgen erwachte ich nach Nellys Zeugnis mit dem schlaftrunkenen Freudenwort: ‹Hit darf ich predige!› Doch tat ich in Würdigung der Sachlage (daß nämlich in der Gemeinde keine Bewegung, sondern nur eine gewisse Verblüffung entstanden ist) keinen scharfen Schuß, sondern redete freundlich mit Jerusalem, gegenüber all den Bewußtseinsvorgängen und dem grausigen Sündengedonner ruhig feststellend …, daß bei Gott Freude sei» (a.a.O., S. 164).↩
2
Das Mskr.-Blatt ist durch Zusammenkleben mit einem anderen Blatt (vgl. oben S. 380, Anm. 6) beschädigt; die Textergänzungen beruhen auf Vermutungen des Hrsg.↩
3
Assoziation an eine Zeile aus der 5. Strophe von G. Tersteegens Lied «Gott ist gegenwärtig» (Nr. 174; GERS [1952] 201,4; EG 165,5) 🎵:
Aller Dinge Grund und Leben …↩
4
[Th.] Wangemann, Gustav Knak. Ein Prediger der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Ein Lebensbild aus dem ewigen Leben und ein Spiegelbild für das zeitliche, Basel 18812, S. 67 📖: «‹Ein Christ›, so äußerte er [Knak] sich in einer Gesellschaft, ‹darf nicht nur nicht spotten, sondern auch nicht scherzen, er wird dadurch in der Sammlung des Gemüths und im Andenken an den Herrn Jesum nothwendig gestört.›» Gustav Knak (1806–1870), führender Vertreter der pommerschen Erweckungsbewegung.↩
5
Siehe oben S. 246, Anm. 4.↩
6
Letzte Strophe des Liedes «Jesu, meine Freude» von J. Franck (Nr. 240,5; GERS [1952] 280,5; EG 396,6) 🎵. Dort aber:
«... denn mein Freudenmeister, Jesus ...»↩