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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Sacharja 8,23</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Sacharja 8,23, 26. November 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29050 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 389–397.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Sacharja 8,23</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 389-397</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 352</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Sach 8,23, 26. November 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1792">KBA 1330</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-11-26">26. November 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Sach.8.23">Sacharja 8,23</ref>
              <quote>So spricht der Herr Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allerlei Sprachen der Heiden einen jüdischen Mann beim Zipfel ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, daß Gott mit euch ist!</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Wir wollen zuerst diesen merkwürdigen <hi rend="italic">Text</hi> erklären. Es ist die Verheißung eines Propheten. Sie will sagen: es soll einmal geschehen, daß es ein großes <hi rend="italic">Aufwachen</hi> gibt unter den Menschen. Die vielen Gleichgiltigen, Oberflächlichen, Stumpfen, Kalten, Toten werden einmal an ihrem jetzigen Zustand keine Freude mehr haben. Sie werden sich umsehen und sich fragen: gibt’s denn nichts Anderes für uns, müssen wir immer fort<pb xml:id="p390" ed="pga" break="no"/>fahren in unserer alten Art, immer weitertappen in unserer Finsternis? Da, o Freude, gehen ihnen die Augen auf: siehe da, mitten unter ihnen sind <hi rend="italic">ein paar Wenige</hi> gewesen, Einer auf zehn, die haben schon früher etwas gemerkt, in denen ist etwas lebendig geworden, etwas Innerliches, Göttliches, Ewiges. Bei denen ist der liebe Gott gleichsam aus der Verborgenheit hervorgetreten, und darüber sind sie in aller Stille ein wenig anders geworden als die Anderen. So etwas Helles ist in ihnen und eine gewisse Freude und eine gewisse Kraft zum Leben, die die Übrigen nicht haben. Ihre Seele, ihre Gedanken, aber auch ihr ganzes gewöhnliches Leben hat einen unterirdischen Zufluß, von dem die Anderen nichts wissen. Ihre Augen blicken über alles Sichtbare, über diese ganze gegenwärtige Welt hinweg hin auf eine künftige Welt, aber die Anderen wissen noch nicht, wohin sie blicken, denn das Künftige ist noch nicht sichtbar. Und nun werden die Anderen, die Vielen, auf einmal <hi rend="italic">aufmerksam</hi> auf diese Wenigen in ihrer Mitte. Was sind das für Leute? Die haben etwas, was wir nicht haben, die sind etwas, was wir nicht sind! Gebt uns auch davon! Zeigt uns, wie man auch so wird! Öffnet eure Gemeinschaft, wir wollen auch mithalten! O Freude! Nun ist’s nicht mehr wahr, daß es da so eine <hi rend="italic">grobe, große Mehrheit</hi> gibt, zehn gegen eins, von Menschen, die nichts merken und verstehen, die so blöde und unempfänglich ihres Weges trotten und sich nur um das Nächste und Gewöhnlichste bekümmern wollen. Nein, nun haben alle etwas gemerkt, nun haben alle Sinn und Verständnis bekommen für den lieben Gott und seine Herrlichkeit, nun wollen alle wissen von den unterirdischen Quellen, und aller Augen wollen blicken auf das Künftige, das immer näher kommt und bald an den Tag treten muß. Und nun sind die Wenigen <hi rend="italic">keine Wenigen mehr</hi>, so ein kleines, feines Kreislein von aufmerksamen Geistern, nun müssen sie nicht mehr so einsam sein unter der erdrückenden Mehrheit der Anderen. O, sie haben ja darunter gelitten, so einsam und unverstanden zu sein mit der Wahrheit, die sie selig machte, es tat ihnen weh, zu sehen, wie Alles an ihnen vorüberlief und weitermachte, als ob nichts wäre, sie konnten es nicht ertragen, nur so für sich selig zu sein und zu werden, wenn sie auf den großen Haufen sahen, der so gar nicht selig war. Damit ist’s nun vorbei. Nun können sie sagen, was sie schon lange sagen wollten. Nun können sie ihre Schätze auskramen und breit machen. Nun können sie geben, austeilen, verschenken. Wir wollen <hi rend="italic">mit euch gehen</hi>, denn wir hören, daß Gott mit euch ist. O wie wunderbar, daß die Vielen nun einmal <hi rend="italic">das</hi> 
            <pb xml:id="p391" ed="pga"/> sagen können zu den Wenigen, wie wunderbar, daß die Wenigen nun einmal <hi rend="italic">das</hi> zu hören bekommen von den Vielen. Da öffnet sich auf der einen Seite eine Schleuse, und wo bis jetzt eine große Leere war, da entsteht nun Fülle, an die Stelle des alten traurigen Nichts tritt das neue fröhliche Etwas. Da findet auf der anderen Seite das Elend der Besitzenden, die ihren Besitz für sich behalten müssen, sein Ende: sie wissen jetzt, wozu sie das sind, was sie sind. Sie wissen jetzt wohin mit dem, was sie haben. Also eine <hi rend="italic">Bewegung</hi> unter den Menschen ist da in Aussicht gestellt, und zwar, wenn wir’s genau betrachten, eine doppelte Bewegung: <hi rend="italic">eine</hi>, die von einigen Wenigen ausgeht, daß es weithin ausstrahlt und sichtbar wird: die haben Gott, und das heißt: die haben Freude, die sind etwas, die leben, denen gelingt es, bei denen kommt etwas Anderes zum Vorschein als das Wüste und Trübe, von dem sonst die Welt voll ist. Und eine <hi rend="italic">andere</hi> Bewegung, die kommt von den vielen Übrigen, daß sie sich hinzumachen, weil sie nicht anders können, weil sie es nicht mehr ohne Gott machen wollen, weil sie das, was sie gesehen haben an jenen, auch an sich reißen müssen.</p>
          <p>Liebe Freunde! Wenn wir diese große Gottesverheißung als <hi rend="italic">Spiegel brauchen</hi> wollten in dem Sinn, daß wir uns jetzt etwa fragen würden: Ja, aber wo ist denn das? Wo geschieht denn Solches? Soll das denn etwa unter uns wahr sein?, dann könnte man über diesen Text eine sehr traurige und niederdrückende Bußpredigt halten. Wir müßten uns dann sofort gestehen: das ist gerade das, was uns fehlt. Wir haben unter uns keine Bewegung, weder von den Wenigen zu den Vielen, noch von den Vielen zu den Wenigen. Da wäre <hi rend="italic">allerlei zu sagen</hi> gewesen. Ich hätte dann z. B. die ernsten und eifrigen Christen unter uns vorwurfsvoll fragen müssen, warum sie nicht statt allem Anderen<note xml:id="n01">Den ursprünglichen <ref corresp="A">Mskr.</ref>-Text: «warum sie uns eine Evangelisation um die andere bescheren, statt …» hat <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> zugunsten des jetzigen gestrichen.</note> viel lieber einmal einfach, wie es der Heiland befohlen hat, leben, leuchten und wirken wollen, daß die Anderen es merken müßten: die haben und sind etwas Anderes als wir, die haben einen neuen Geist, die sind die guten Boten einer neuen Welt. Ich hätte dann auch die vielen Kalten und Lauen unter uns wieder einmal anklagen müssen, wie lange das noch so weitergehen soll mit ihnen<note xml:id="n02">Hier lautete der Text ursprünglich: «wieder einmal fragen müssen, was eigentlich die vielen leeren Bänke da in der Kirche Sonntag für Sonntag zu bedeuten haben …»</note> 
            <pb xml:id="p392" ed="pga"/> und ob sie nicht auch bald ein wenig aufwachen möchten. Ich hätte dann vor Allem an mich selbst eine sehr bittere, ernste Frage stellen müssen. Ich will euch auch verraten, daß ich bereits eine ganze Predigt in diesem Sinn ausgedacht und aufgeschrieben hatte, und ihr könnt froh sein, daß ihr sie heute nicht hören müßt. Denn als ich fertig war, mußte ich Alles wieder durchstreichen und mir sagen: so darf und will ich gerade nicht mehr mit euch reden. Wir <hi rend="italic">haben das Wort Gottes nicht</hi>, um uns darin zu spiegeln und dann traurig zu werden, weil wir da auf Schritt und Tritt wahrnehmen: Wir sind ganz anders! Bei uns ist das nicht wahr! Da kämen wir an kein Ende und sicher nicht zu Gott hin, von dem wir vor acht Tagen gehört haben, daß er uns fröhlich machen will in unserem Jammertal, ja daß er gerade in unserem Jammertal seine Freudenschöpfung wieder zu Ehren bringen will. Eine <hi rend="italic">Verheißung</hi> ist eben eine Verheißung, und als das müssen wir sie nehmen. In der Zeitung und in den meisten gewöhnlichen Büchern hat’s keine Verheißungen, da wird nur Alles so beschrieben, wie es leider einmal ist. In unseren gewöhnlichen Gesprächen machen wir uns auch keine Verheißungen, sondern ganz trocken sagen wir uns das, was ist, als ob es nichts Anderes gäbe. Und solche Bußpredigten, wie ihr jetzt fast eine hättet hören müssen, sind auch keine Verheißungen. In der Bibel aber hat es Verheißungen, und das will sagen Ankündigungen von dem, was nicht ist, aber durch Gottes Macht geschehen soll. «Es ist der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifeln an dem, das man nicht siehet» [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.11.1">Hebr. 11,1</ref>]. Und durch den <hi rend="italic">Glauben</hi> kommen wir zu Gott und zu einem guten Ende. <hi rend="italic">So</hi> wollen wir jetzt auch die Verheißung unseres Textes hören und nicht mit dem leidigen Spiegel in der Hand, und wenn Alles wahr und recht wäre, was der Spiegel uns sagen könnte.</p>
          <p>Wir gehen nun wieder der Advents- und Weihnachtszeit entgegen. Ich freue mich darauf, euch in dieser Festzeit aufs neue das Evangelium zu sagen als das, was es ist, nämlich als die große Nachricht, daß Gott der Welt <hi rend="italic">geholfen hat</hi> und daß auch uns geholfen werden soll, wenn wir uns wollen helfen lassen. Es ist in unser Leben hinein von oben her ein anderes Leben gekommen, an dem soll unser Leben gesund werden, wenn wir es annehmen. Es ist für uns vom Himmel her ein Befreiungskrieg eröffnet, der muß mit unserem Sieg endigen, wenn wir ihn mitkämpfen wollen. Es ist uns ein Heiland geboren, an dem haben wir einen Erlöser, wenn wir ihn unseren Heiland sein lassen. Das Evangelium ist also die <pb xml:id="p393" ed="pga"/> Nachricht von einer Tatsache, von einer Wahrheit, die einfach einmal wahr ist, ganz einerlei, was wir damit machen, ob wir sie annehmen oder nicht. Von dieser Wahrheit müßte geredet werden, auch wenn die Kirche ganz leer wäre, auch wenn es überhaupt keine Kirchen gäbe. Diese Wahrheit hat aber auch ihre <hi rend="italic">Folgen</hi>, ihre Wirkungen in der Welt. Die Tatsache, daß wir zu Gott gehören als seine Kinder, daß Gott sich unser angenommen hat trotz der Finsternis, in die wir uns gehüllt haben, daß Gott Recht behalten muß in der Welt – diese Tatsache kann nicht umsonst wahr sein. Die göttliche Wahrheit kann oft aufgehalten werden, sie kann einen weiten, mühseligen Weg zu gehen haben, man wird nie zum Voraus sagen können, wie bald und in welchem Maß sie durchdringen wird, aber sie dringt durch, sie gewinnt’s, sie hat ganz bestimmte Wirkungen, wo sie nur sein und wachsen kann in den Menschenherzen. Und nun sagt uns die Bibel im Alten und Neuen Testament: das und das werden die Folgen und Wirkungen der Wahrheit sein in der Welt – und das sind eben die biblischen <hi rend="italic">Verheißungen</hi>. Wer von der Wahrheit noch nichts gehört hat oder noch nichts Rechtes hat hören wollen, der kann begreiflicherweise über die Verheißungen nur den Kopf schütteln: Wie soll das möglich sein? Wer aber etwas weiß von dem stillen Wachsen der Wahrheit aus eigener Erfahrung, der wundert sich nicht so sehr, sondern denkt: ja, so muß es eben kommen unter uns und in der Welt, nicht aus der Luft, nicht durch einen Zauberschlag, aber aus der wachsenden Wahrheit heraus muß das und noch viel mehr werden und kommen.</p>
          <p>Aus der großen Tatsache heraus, daß Gott uns im Heiland gesagt hat: ich will euer Gott und ihr sollt mein Volk sein! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.7.23">Jer. 7,23</ref>], muß <hi rend="italic">auch das wahr werden</hi>, daß die Menschen einmal in die Bewegung geraten, von der unser Text redet. Das ist sogar eine von den Verheißungen, die sich zuerst erfüllen müssen, wenn die Wahrheit wirklich in uns wachsen kann. Sie hat sich sogar schon erfüllt, wenn auch immer erst an einzelnen Orten und für kurze Zeit, noch nicht bleibend und für die ganze Christenheit. Und ich rede euch heute davon, bevor wir in die Weihnachtszeit hineingehen, um euch zu sagen: wenn wir das Evangelium nicht umsonst hören, wenn die Wahrheit in uns wachsen kann, dann wird diese Verheißung als eine der ersten auch an uns in Erfüllung gehen, daß wir so bewegt werden untereinander.</p>
          <p>Liebe Freunde! Dann wird es geschehen, daß <hi rend="italic">Einige</hi> von uns sich nicht mehr damit begnügen können, so für sich, für ihre eigene Person recht <pb xml:id="p394" ed="pga"/> und fromm, geistig lebendig und selig zu sein. Dieses Letztere haben wir ja jetzt schon. Es sind schon <hi rend="italic">Leute da</hi>, an denen nichts auszusetzen und von denen viel zu rühmen wäre. Es sind Menschen unter uns, die angeregt sind, in denen innerlich etwas schafft. Die ein wenig hineingesehen haben in die Geheimnisse des Lebens, in die Freiheit hinein, in die Liebe hinein, in Gott hinein. Die vielleicht schon große Entschlüsse gefaßt und auch ein wenig betätigt haben. Aber noch ist das, was sie haben und sind, nur ihr <hi rend="italic">Privatbesitz</hi>, sie haben es wie das Geld, nur für sich. Sie freuen sich darüber, daß sie etwas Besseres wissen und auch einen besseren Weg gehen als viele Andere, aber es bedrückt sie auch nicht, daß diese Vielen so anders sind, daß das, was in ihnen ist, nicht das Allgemeine ist. Es ist, wie wenn sie sich noch genierten mit ihrem Besitz, sie reden nicht gerne davon außer in ganz kleinem Kreise. Es gibt viele Stunden im Tag, wo sie ihr Tiefstes und Bestes einfach zurückstellen und nicht zeigen wollen, und gerade so machen sie es mit den meisten Menschen: sie tun nicht dergleichen als ob<note xml:id="n03">= sie tun den meisten Menschen gegenüber so, als ob sie ihr Tiefstes und Bestes nicht hätten.</note>! Und wirklich sind sie auch ganz allein unter den Anderen, niemand fällt’s ein zu denken, sie hätten etwas Besonderes, man sagt vielleicht von ihnen: ja, der studiert viel<note xml:id="n04">= denkt viel nach.</note>! ja, die ist fromm! ja, das ist ein braver, feiner Mensch!, aber man läßt sie schön machen, es geht keine Anziehungskraft von ihnen aus, es geschieht nichts um sie herum. Das wird einmal <hi rend="italic">ändern</hi><note xml:id="n05">= sich ändern. «Ändern» wird im Schweizerischen nicht-reflexiv gebraucht.</note>, wenn die Wahrheit, die Advents- und Weihnachtswahrheit weiter gewachsen ist in uns. Dann werden diese Einigen, an die ich denke, es <hi rend="italic">nicht mehr ertragen</hi> können, so für sich zu sein mitten unter den Menschen, ihr inneres Leben<note xml:id="n06">«Inneres Leben» ist ein zentraler Begriff in der Theologie von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Lehrer <persName ref="kbga-actors-181">Wilhelm Herrmann</persName>; vgl. z. B. dessen Buch 
            <bibl corresp="kbga-bibls-1791">
              <hi rend="italic">Die Gewißheit des Glaubens und die Freiheit der Theologie</hi>, 
              Freiburg i.B., 1889<hi rend="sup">2</hi>, 
              S. 59</bibl>: «… zum Glauben kommt jeder nur, wenn seine innere Entwicklung nicht damit abschließt, daß er sich in jene Überlieferung eingewöhnt, sondern wenn er selbst an Jesus Christus die Erfahrung macht, daß er in ihm mit Gott zusammentrifft. Dann erst eignet er sich nicht nur die Glaubensgedanken Anderer äußerlich an, sondern er hat dann den Glauben selbst, aus welchem solche Gedanken hervorgehen. … er macht … die Erfahrung der wunderbaren Thatsache, daß Gott in ihm ein neues inneres Leben mit neuem Sinn und Muth ins Dasein ruft.»</note> zu pflegen, ihre Gedanken zu bereichern, ihren Charakter zu verbessern, ihre Pflichten zu erfüllen. Dann <pb xml:id="p395" ed="pga"/> wird alles Göttliche, was in ihnen schlummert, nach einem Ausgang drängen. Ganz elend werden sie sich vorkommen in ihren Stüblein, auf ihren einsamen Spaziergängen, bei ihren schönen Gesprächen zu zwei oder drei, auf ihrem gewohnten Platz da in der Kirche oder hinter ihren lieben Büchern, und wenn es die Bibel wäre. Es wird etwas in ihnen aufwachen, das schreit: was bin ich, was habe ich, und wenn es das Höchste wäre, wenn ich es für mich allein habe oder nur für ein paar verständnisvolle Seelen, wenn die Welt und die Menschen um mich herum so trostlos die Gleichen bleiben, wenn ich’s nicht zeigen und geben kann, was in mir ist? Und wenn diese Unbefriedigtheit und Sehnsucht einmal über sie gekommen ist, dann werden sie ganz von selbst anfangen, <hi rend="italic">sich zu fragen</hi>: wie kann ich’s zeigen? wie kann ich’s sagen? wie kann ich’s geben? O, sie werden erfinderisch werden ganz von selber, wenn einmal die Notwendigkeit sie drängt: es muß heraus! es muß leuchten und wirken da draußen, das, was da in mir wahr geworden ist! es kann und darf ja nicht nur in meinem Herzen wahr sein!</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Wo sind sie</hi> in unserer Gemeinde, möchte ich euch heute fragen, die Gotteskinder, die früher als viele Andere Manches gemerkt und eingesehen haben? Haltet ihr es immer noch aus, so still eures Weges zu gehen für euch, meint ihr nicht auch, es könnte bald Zeit sein, die Schleusen zu ziehen, die euch von euren Mitmenschen, die euer Innerstes von eurem übrigen Leben trennen, kann die Verheißung, daß von euch etwas Lebendiges bewegend ausgehen soll, noch immer nicht in Erfüllung gehen? Ist wirklich das Feuerlein, das Gott doch angezündet hat, noch immer so schwach in euch, daß ihr immer noch ungefähr die gleichen langweiligen, harten Gesichter machen könnt wie die Anderen, daß die Anderen immer noch an euch vorbeigehen und denken können: nichts Besonderes!? Ist die Wahrheit noch immer nicht stark genug in euch, daß die Liebe, die erlösende, segnende, fröhliche Gottesliebe euch bald, sehr bald zu den Augen herausblicken muß, siegreich, unwidersprechlich, unwiderstehlich, so daß die Anderen wirklich zu euch sagen müssen, wie es hier geschrieben steht: wir wollen mit euch gehen, denn wir hören und sehen, daß Gott mit euch ist? Ist es noch nicht so weit mit euch, daß es die Anderen nun bald einmal glusten<note xml:id="n07">= gelüsten.</note> muß, was ihr wißt, auch zu wissen, was ihr könnt, auch zu können, euren Weg mit euch zu gehen?</p>       
          <p>
                        <pb xml:id="p396" ed="pga" rend="noPipe"/>O meine Freunde, wenn die Wahrheit Gottes, die da heißt: Christ, der Retter ist da!<note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-songs-37" type="song">
                                Schlußzeile der 2. Strophe des Liedes «Stille Nacht, heilige Nacht» von <persName ref="kbga-actors-2664">J. Mohr</persName> (EG 46)</bibl>.</note>, in diesen Einigen einmal so wachsen würde, daß sie gleichsam zum Überströmen käme, daß man an ihren Augen und Worten, an ihrem Benehmen und ganzen Wesen den Eindruck bekäme: Gott ist mit ihnen! (und eben nicht nur an ihren besonderen Grundsätzen und Meinungen), dann bräuchte uns auch um <hi rend="italic">die vielen Anderen</hi>, um die große Masse der Kalten, Äußerlichen, Toten nicht angst zu sein. Sie sind eigentlich <hi rend="italic">alle reif</hi> für Gott, reif, das auch in sich aufzunehmen und zu haben, was jetzt nur in wenigen glücklichen Besitzenden verborgen ist und nicht an den Tag kann, die Einen mehr, die Anderen weniger. Es ist keinem wohl bei den Götzen, denen sie jetzt noch dienen. Es ist ihnen nicht so wohl, den Menschen, bei ihrem Tanz ums goldene Kalb [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.32">Ex. 32</ref>], im Sumpf ihrer trüben Leidenschaften, in ihrem Hochmut und in ihrer Rechthaberei und Eitelkeit. Es kann ihnen doch nicht wohl sein in all den Gefängnissen von verkehrten Gedanken und Gewohnheiten, die sie sich selbst gebaut haben. Glaubt es doch nicht, daß irgend einer in der Gemeinde, und wenn er der härteste, unzugänglichste Kopf wäre, im Ernst gottlos, freudlos, leblos sein will. Er ist es eben, weil er nicht anders kann, weil er nichts Besseres kennt. Es ist eine große Armut, ein vertrocknetes Land bei den Vielen, viel zu Vielen, die so stumpf dahin leben. Aber es wird doch niemand <hi rend="italic">gern</hi> arm sein, <hi rend="italic">gern</hi> verdursten! Nein: das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.19">Röm. 8,19</ref>]! Ja, sie <hi rend="italic">warten auf euch</hi>, auf euch, die ihr euer Bestes bis jetzt immer noch versteckt und verleugnet. Sie werden gerne zu euch kommen, zehn zu einem, wenn ihr es ihnen zeigen werdet. «Gebt ihr ihnen zu essen!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.6.37">Mk. 6,37</ref> par.]. Zeigt es ihnen! Freilich nicht nur mit Predigten und Vorträgen! Nicht nur damit, daß ihr eure eigenen Wege geht, daß ihr als die Frömmeren oder auch als die Feineren, Gescheiteren, Nachdenklicheren bekannt seid. Das richtet nichts aus, sowenig als man mit einer gemalten Sonne den Frühling machen kann. Laßt ihr die Sonne selber aufgehen, und ihr werdet <hi rend="italic">Wunder erleben</hi>. Das Gute, das Göttliche, wenn es an den Tag tritt in eurem Leben, es wird sie mitreißen wie ein Strom, es wird zünden wie ein Feuer, es wird weiterwuchern wie eine ansteckende Krankheit, es wird Ringe ziehen wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Es <hi rend="italic">wird</hi> gesehen werden in eurer Verwandtschaft, im Geschäft, wo <pb xml:id="p397" ed="pga"/> ihr Tag für Tag ein- und ausgeht, in den Behörden oder Vereinen, wo ihr mitzureden habt. Sie <hi rend="italic">werden</hi> zu euch kommen, zehn zu einem, um euch zu sagen: wir beneiden dich! wie machst du’s nur, so glücklich zu sein, so liebevoll, so frei von Vorurteilen und Empfindlichkeiten, so unbedingt aufrichtig und fest, wenn’s drauf ankommt? Wie kannst du nur in der Welt sein und doch so eine ganz andere Art haben als die Welt, ein Safenwiler sein und doch so ganz und gar kein gewöhnlicher Safenwiler? Wie kannst du’s nur? Was ist dein Geheimnis? Wir möchten es auch wissen – ja, wir möchten mit dir gehen, denn wir haben gemerkt, daß Gott mit dir ist! Und dann <hi rend="italic">wird</hi> etwas geschehen um euch herum, das Größte, Freudigste, was überhaupt unter Menschen geschehen kann.</p>
          <p>Seht, dann <hi rend="italic">ist sie da</hi>, die große Lebensbewegung, zuerst von den Wenigen zu den Vielen, dann von den Vielen zu den Wenigen, bis dieser dumme Unterschied zwischen den Wenigen und Vielen überhaupt ein Ende hat. Keine künstliche, gemachte, erzwungene Bewegung wird das sein, sondern natürlich, geworden, gewachsen, notwendig, wie Gott selbst natürlich und notwendig ist. Das ist die <hi rend="italic">Verheißung</hi>, die wir jetzt mit in die Weihnachtszeit hinein nehmen wollen. Sie wird uns umso möglicher und glaublicher, je mehr wir die Wahrheit, die die Weihnacht uns jetzt wieder nahebringt, tief und ruhig anschauen. Sie wird sich, wie alle Verheißungen der Bibel, erfüllen, wenn wir danach begehren, daß sie sich erfülle.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lieder:</head> 
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            <bibl corresp="kbga-songs-167" type="song">Nr. 11 «O daß ich tausend Zungen hätte» von <persName ref="kbga-actors-5549">J. Mentzer</persName>, Strophen 1.5.6 (GERS [1952] 54,1.6.7; EG 330,1.-.-)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-115" type="song">Nr. 168 «O daß doch bald dein Feuer brennte» von <persName ref="kbga-actors-1353">G. Fr. Fickert</persName>, Strophen 1.2.6.7 (GERS [1952] 337,1.2.6.7; EG 255,1.2.6.7)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-gesd" target="b0011">Nr. 11</ref> «O daß ich tausend Zungen hätte» von J. Mentzer, Strophen 1. 5. 6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 54, 1. 6. 7</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 330, 1.-.-</bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1926" target="b0168">Nr. 168</ref> «O daß doch bald dein Feuer brennte» von G. Fr. Fickert, Strophen 1. 2. 6. 7 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 337, 1. 2. 6. 7</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 255, 1. 2. 6. 7</bibl>)</item>
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