Wir haben am letzten Sonntag gehört, wie wir Menschen in einer großen Verlegenheit sind, weil wir mit unseren Gedanken vor einer Mauer stehen. Die Steine, aus denen diese Mauer zusammengesetzt ist, heißen: Sünde, Leid, Lüge, Unterdrückung, Einsamkeit, Kriegführen, unnützes Leben, Kranksein, Empfindlichsein, Sterben. Und der große Herr, der diese Mauer gebaut hat, die uns so verlegen macht, heißt das Schicksal. Wohlverstanden: das Schicksal hat eigentlich keine Macht über uns, ja das Schicksal ist überhaupt nichts, gar nichts. Es ist nur in unseren Gedanken etwas. Es ist selber nur ein Gedanke, eine Meinung in uns Menschen, die Meinung nämlich, das alles müsse so sein. Und weil für uns Menschen Alles darauf ankommt, was da in uns ist, darum gewinnt allerdings das Schicksal eine tödliche Gewalt über uns. Wir denken da drinnen im Kämmerlein unseres Herzens: ich bin einmal so, die Menschen sind einmal so, die Welt ist einmal so, und siehe da, nun wird es auf einmal wahr auch da draußen: nun mußt du so sein in deinem Reden und Tun, nun muß es so zugehen auf der Straße und in den Häusern von Safenwil und auf der Balkanhalbinsel2 und in Berlin und überall, nun steht sie auf einmal da, die Schicksalsmauer, riesenhoch zwischen Himmel und Erde, daß überall und immer das Böse und Traurige wirklich sein muß, und wir rennen vergeblich mit unseren Köpfen dagegen und können nur seufzen über das schwere Leben und die gottlose Menschheit und die dunkle Welt, und das ist eben unsere tiefe, große Verlegenheit.
Aber nun ist ja in diese Schicksalsmauer ein Loch gemacht, und wir brauchen in Wirklichkeit gar nicht so verlegen zu sein. Es muß gar nicht |358 Alles so sein, wie wir denken. Das Böse muß nicht sein! Der Kummer und die Sorge müssen nicht sein! Die Schatten von Vergänglichkeit und Tod auf unserem Leben müssen nicht sein! Gott ist’s, der regiert3, nicht das Schicksal! Laßt nur Gott in euch sein, wo jetzt das Schicksal ist! Laßt nur Gott von innen stoßen, dann wird auch die äußere Welt anders, es versinkt die Lügenwelt und Todeswelt, die nur aus unserem gott-losen Herzen stammt, und es geht hervor aus unserem mit Gott geeinten Herzen die neue Welt der Freude und des guten Willens! Laßt Gott sich bewegen in euch, ihr Menschen, wie er es möchte, dann seht ihr, wie das Schicksal, von dem ihr so verlegen und traurig redet, wirklich nichts ist. Sollte Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm rufen Tag und Nacht, und sollte er’s mit ihnen verziehen? Ich sage euch: er wird sie erretten in einer Kürze! [Lk. 18,7f.]. Der uns das gesagt hat vom Schicksal und vom Menschen und von Gott, der das Loch gemacht hat für uns in die Mauer – wenn wir’s nur merken wollten! –, das ist Jesus Christus. Wir wollen heute noch mehr hören von dieser unserer Errettung.
Warum merken wir es eigentlich nicht, daß in Jesus Christus ja Alles für uns bereit ist, was wir nötig haben: der feste Glaube an Gott und der feste Unglaube an das Schicksal, und damit der Durchbruch durch die Mauer, die uns gefangen hält, und damit die Erlösung von der bösen Welt, die doch nur aus uns selbst heraus gekommen ist, – warum merken wir es nicht? warum greifen wir nicht zu? warum gehen wir nicht hindurch durch das offene Tor? warum geschieht es nicht, das Einfache, die Umkehrung in uns: daß wir einmal schweigen mit unserem törichten: Es muß so sein! Es muß das Böse geben, es muß immer wieder etwas Trauriges geschehen, es muß jeder seine Erfahrungen machen, es muß jeder Mensch einmal sterben – und dafür nur noch eins wissen wollen: Gott muß sein! Hat es uns Christus nicht deutlich genug gezeigt, daß kein Schicksal, kein Naturgesetz, kein Verhängnis, kein dunkles, unerforschliches «Es» sein muß, wenn im Menschen die Umkehrung geschieht? Was hat er gesagt zu den Leuten, die tief, tief in den Schmutz geraten waren? Deine Sünden sind dir vergeben! [Mk. 2,5 par.]. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr! (Joh. 5,14; 8,11]. Was hat er gesagt zu dem unheilbar Kranken: Steh auf, nimm dein Bett und wandle! [Mk. 2,9 par.]. Was hat er sogar zu Toten gesagt: Lazarus, komm heraus! [Joh. 11,43]. |359 Was hat er zu der ganzen irrenden, leidenden, unvollkommenen Menschheit gesagt: Das Reich Gottes ist inwendig in euch! [Lk. 17,21]. Gott muß sein, Gott allein! Und wir wissen, wie damals etwas geschehen ist an dieser Menschheit, und die Menschen haben es gesehen, gehört, mit Händen betastet [vgl. 1.Joh. 1,1], daß Gott allein groß und mächtig ist [vgl. Ps. 62,12]. Steht sie nicht in ihm selber, in Jesus Christus, lebendig vor uns, diese große Umkehrung des Herzens: Gott muß sein! Gott ist groß! Gott ist wichtig!, durch die das Schicksal seine tödliche Gewalt verliert über die Welt und zu dem wird, was es eigentlich ist, eine Meinung, eine Seifenblase, ein Dunst, der nur aus unseren gottes-leeren Seelen emporgestiegen ist! Warum geschieht sie nicht auch in uns, diese Umkehrung?
O nicht wahr, wir wittern es eigentlich alle, wenn wir diese großen Namen «Gott» und «Christus» hören, daß da eine Errettung winkt, ein Ende unserer Verlegenheiten, wir spüren, daß da gerüttelt wird an den Ketten, in die uns unsere eigene Verdrehtheit geschlagen hat, wir ahnen, daß da etwas mit uns geschehen will von innen heraus, wodurch Alles auch äußerlich anders würde mit uns, wir hören in diesen Namen den Aufruf zur Freiheit: Zerreißt wie Simson eure Bande, und wie die Adler sollt ihr sein!4 Und weil wir alle danach seufzen und uns sehnen, darum sind wir heute z. B. in die Kirche gekommen, Brave und weniger Brave, Gläubige und weniger Gläubige, Eifrige und Gleichgiltigere, Pharisäer und Zöllner, wie schon damals jene zwei Menschen miteinander hinaufgingen in den Tempel, um zu beten. Es ist eben in uns allen etwas, was auf Gott hinzielt und hinstrebt, nämlich auf den Durchbruch durch die Mauer von Sünde, Leid und Tod, die uns so verlegen macht. Aber das In-die-Kirche-Gehen ist ja nur ein Anzeichen von diesem Zielen und Streben in uns Menschen. Es gehen Viele nicht in die Kirche, und es ist doch auch in ihnen, und wir wollen sie auch verstehen und uns darüber freuen, daß sie mit uns sind in dem, was wir hier suchen. Es ist ja gar nicht anders möglich; denn was wir hier suchen, sucht im Grunde jeder Mensch. Es meint Mancher, er sei gleichgiltig gegen Gott, und ist es im Grunde doch gar nicht, denn er sucht so gut wie irgend ein gläubiger oder, wie man heutzutage sagt: religiöser Mensch das Loch, das aus der Schicksalsmauer, aus dem schrecklichen: Es muß so sein! hinausführt zu |360 einem wirklichen Leben. Und es spottet Mancher über Gott und göttliche Dinge, ja er erklärt, an nichts Derartiges mehr zu glauben, und statt ihn darum zu bemitleiden oder zu verachten, sollten wir ihn dafür lieb haben. Er spottet, weil er ganz mit Recht das Empfinden hat, ein Gott, der im wirklichen Leben ein solcher Fremdling ist, daß man immer nur allerlei über ihn glauben, meinen und reden kann, sei eigentlich kein Gott. Er glaubt nicht an den Unsichtbaren, weil er ganz mit Recht das Verlangen hat, man müßte Gott in der Welt sehen, hören und greifen können, es müßte in der wirklichen Welt der Menschen etwas geschehen zum Beweis, daß dieser Unsichtbare kein bloßer Traum ist. Ja seht, gerade alle die sind mit uns, und wir wollen uns darüber freuen, daß es Unzählige sind, die gerade in dieser Kriegszeit trotzig die Faust gen Himmel heben und schreien möchten: Wenn ein Gott wäre, so dürfte er dieses namenlose Unrecht und Elend nicht zulassen. Die haben eben auch immer gehört, Gott sei das, was man das Schicksal nenne, und alles Schreckliche und Scheußliche im Leben müsse hingenommen werden als Gottes Wille, aber jetzt ist ihnen dieses Schicksal so unerträglich geworden, daß sie es nicht mehr aushallen und lieber Gott preisgeben als zugeben: Das alles muß so sein! O, die sind auf dem rechten Wege, ob sie es wissen oder nicht. Die können sich auch nicht zufrieden geben mit dem Schicksalsgefängnis, in das wir uns selbst eingeschlossen und das wir seit Jahrhunderten immer verziert haben mit den schönen Worten «göttliche Vorsehung», «geheimer Ratschluß des Himmels», «Wille des Höchsten» und wie das alles heißt. Die wittern auch etwas davon, daß Gott, der lebendige Gott, nicht ein Verhängnis ist, sondern ein Erretter, ein Erlöser, ein Heiland, ein Befreier vom Verhängnis. Sie leugnen Gott, gerade weil sie Gott suchen, weil sie bei uns sogenannten gläubigen Christen so wenig Verständnis und Mitarbeit finden für das, was sie bewegt, weil sie uns so gelassen von Gott reden hören, als ob er nur so ein Götze wäre, der das Weltall im Kreis am Finger laufen ließe5 und nicht der «Durchbrecher aller Bande»6, der in uns in unserem Gewissen, in unserer Seele und dann in unserem Leben und im Weltall zu Ehren kommen will als der, der er ist: der Er’ste und Letzte [vgl. Apk. 1,11]. Man hört jetzt so oft seufzen und klagen unter uns über die vielen leeren Kirchenbänke. O, wir sollten zuerst |361 daran denken, daß die großen Namen «Gott» und «Christus» in unserer Kirche wieder einen ganz anderen Klang und Sinn bekommen müssen. Der Klang und Sinn, den sie in der Bibel haben, daß die Gleichgiltigen, die Spötter, die Gottesleugner merken: da handelt es sich um unsere Sache, da wird gerade nach dem gesucht und gerungen, wonach wir auch suchen und suchen müssen, weil wir Menschen sind, da heißt es in Wahrheit: Immanuel! Gott mit uns! [vgl. Jes. 7,14]. Gott mit uns Menschen, in uns Menschen gegen das Schicksal. Gott muß sein! gegen: Es muß sein! Wahrheit gegen Lüge! Freude gegen Traurigkeit! Gerechtigkeit gegen Unterdrückung! Gesundheit gegen Krankheit! Leben gegen Tod! Laßt das wieder unsere Predigt und unseren Glauben, unsere Religion und unser Leben werden, ihr gläubigen Christen, und seht zu, ob dann die Ungläubigen nicht auch wieder in unserer Sache ihre eigene erkennen werden, weil sie die Menschheitssache ist, an der niemand vorübergehen kann! Und solange diese unsere großen Worte «Gott» und «Christus» diesen neuen, nein uralten Klang nicht wieder bekommen haben in unseren Kirchen, unterdessen versteht sie wenigstens, diese Ungläubigen, versteht, daß sie, wenn auch auf anderen, uns unbegreiflichen Wegen nicht gegen uns, sondern mit uns sind im Tiefsten, was sie treibt und bewegt! Es ist in uns und in der ganzen Menschheit, und heute mehr als je, etwas, das stürmen möchte gegen die Schicksalsmauer, das von Gott, dem lebendigen Gott, eine Errettung erwartet. In diesem Drang und in dieser Ahnung sind schon der Pharisäer und der Zöllner, der Gerechte und der Ungerechte, der Fromme und der Gottlose, in den Tempel gegangen, um zu beten. Und über diesen Drang, über diese Ahnung in uns wollen wir uns freuen.
Hungernde und Dürstende wir alle! Vertrocknetes Land allüberall? Wo ist die Stelle, an der die fruchtbaren, segensreichen Ströme Gottes zuerst hereinbrechen werden? Wo wird sich die Hölle öffnen, daß Christ der Retter7 hinuntersteigen und den Geistern im Gefängnis die frohe Botschaft predigen [vgl. 1.Petr. 3,19] kann? Wo wird es zuerst die große Umkehrung geben: Gott mit uns!, durch die das Schicksal seine Macht verliert? Darauf gibt unser Gleichnis die Antwort. Das geschieht, wo ein Mensch von ferne steht und seine Augen nicht aufheben will gen Himmel und an seine Brust schlägt und spricht: Gott, sei mir Sünder gnädig! Der |362 geht hinab in sein Haus gerechtfertigt. Der ist kein verlegener Mensch mehr. Der fürchtet sich nicht mehr vor dem Schicksal. Der macht kein unbefriedigtes, enttäuschtes Gesicht mehr. Der kann sich freuen. Der erwartet noch etwas vom Leben. Der füllt seinen Platz aus in der Welt. Dem gelingt’s. Der gewinnt’s. Der wird gerettet. Ja, mit dem fängt überhaupt etwas Neues an auf der Erde, eine Menschheit, an der Gott sein Wohlgefallen hat [vgl. Lk. 2,14] und die Gott lieben und loben kann. Gerechtigkeit, Wahrheit, Treue und wie sie alle heißen, die hohen Ideale, nach denen wir uns vergeblich ausstrecken, da werden sie natürliche Kräfte. Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen [Apk. 21,3]. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern Herrn Jesus Christus! [1.Kor. 15,55.57]. Gott, sei mir Sünder gnädig! Was tut er denn Besonderes, der Mensch, der so redet vor Gott? Gerade nichts Besonderes, sondern etwas ganz Einfaches: Er nimmt das Böse und Traurige des Lebens auf sich. Er weiß und anerkennt, daß es nur da ist, weil es in ihm ist. Er sagt nicht: o du böse Welt da draußen!, sondern: o du böse Welt da in mir! Er sagt nicht: Schicksal!, sondern er sagt: Schuld! Er sagt nicht: es ist ein Verhängnis, es muß so sein!, sondern er sagt: Ich bin’s! ich bin das Verhängnis; weil ich so bin, wie ich bin, muß es so sein, wie es ist! Er jammert nicht: O Geldgier, o Eitelkeit, o Streitlust der Menschen!, sondern er gesteht sich’s: in mir das alles; in mir der Mammon, in mir die böse Lust, in mir der Völkerkrieg, in mir der Tod! Er beklagt sich nicht: o ich armer Mensch!, sondern er bekennt: Ich Sünder! Und darum bittet er auch Gott um keine Gaben als nur die eine: um Gottes Gnade, um einen neuen Anfang, um Gott selber! Er bittet nicht um Gesundheit und Wohlergehen für sich selber, auch nicht für seine Kinder und Verwandten, er bittet nicht um Trost im Unglück, um Vergebung der Sünden, um einen sanften, seligen Tod, er bittet nicht einmal für das Gute und den Fortschritt in der Welt und für das Vaterland und daß der Krieg bald aufhöre – das alles nicht, nur um das Eine, um Gottes Gnade, daß Gott in ihm gegenwärtig sei als der Erste statt als der Zweite, daß es in ihm endlich einmal heiße: Gott muß sein! statt: Es muß sein! Alles Andere interessiert ihn nicht als das Eine: Gott und seine Seele!8 Seine Seele, die jenen dunkeln Mächten, Gewalten, Verhältnissen, Ordnungen, Gesetzen da draußen allein das |363 Szepter in die Hand gegeben hat, so daß sie nun die Welt beherrschen. Gott, der diese Welt im Inneren, vom Inneren aus, von der Seele aus bewegen, verändern, erneuern will. Darum ringt und kämpft dieser Mensch, das ist das Große, Einfache, das er tut. Solche Menschen braucht Gott. Das sind die Mitarbeiter, die er sucht für sein Werk. Das sind die Menschen, für die Christus gelebt hat und gestorben ist. Für die er das Loch gemacht hat in die Schicksalsmauer. In denen er selber, Christus, fortlebt und segnend und erneuernd weitergeht durch die Menschheit. In solchen Menschen bricht das Reich Gottes an auf Erden. Solche Menschen können hier in der Kirche sein und in anderen Kirchen und Kapellen, aber auch bei denen, die nie in eine Kirche gehen, unter den Gebildeten und unter den Ungebildeten, unter den Reichen und unter den Armen, unter den Tüchtigen und unter den Nichtsnutzigen. Nur das muß gesagt sein, daß gerade die Ungläubigen, die Ungebildeten, die Armen, die Nichtsnutzigen insofern im Vorteil sind, als sie stärker als die Anderen am eigenen Leib erfahren, was Sünde, Leid und Tod ist, und dadurch ungestümer, notwendiger getrieben werden zu dem, was jener Zöllner tat. Nicht umsonst ist es eben ein Zöllner, ein Gottloser und Ungerechter, an dem uns Jesus zeigt, wie das Gottesreich, die Wahrheit hindurchbricht durch die Schicksalsmauer. Wie auch Paulus es einmal sagt: «was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er die Weisen zu Schanden machte, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß er zu Schanden machte, was stark ist, und das Unedle und Verachtete hat Gott erwählt und das da nichts ist, daß er zunichte machte, was etwas ist» [1.Kor. 1,27f.]. Es ist immer mehr Wahrscheinlichkeit da, daß die kleinen Leute das Große und Einfache tun als die großen Leute. Damit soll niemand ausgeschlossen sein. Wir könnten und dürften es alle tun. Warum hätte nicht auch der Pharisäer an des Zöllners Stelle stehen und gerechtfertigt werden können? Jesus wird aber gewußt haben, was er sagte, wenn er nur durch den Zöllner, durch den kleinen Mann, die rechte Antwort geben läßt!
Vom Pharisäer, liebe Freunde, wollen wir kein Weites und Breites machen, das haben wir nicht nötig, weil wir ihn nur zu gut kennen. Das ist eben der Mensch, der nicht gerechtfertigt wird, bei dem nichts geschieht, keine Umkehrung, keine Bewegung der Welt durch Gott von innen, der Mensch, den Gott nicht brauchen kann, für den Christus vorläufig umsonst gelebt und geblutet hat. Er stellt sich neben die Welt |364 und betrachtet sie von außen, wie man über den Zaun in den Garten des Nachbars hinüberguckt, und schüttelt den Kopf über sie: ei du böse Welt, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, Zöllner usw. Überall das Schicksal, überall Sünde, Leid und Tod, überall: es muß so sein!, nur nicht in ihm selber. Ja ja, man hat ja auch seine Fehler, wie jedermann, aber daneben doch auch gute Absichten, guten Willen, gute Leistungen da und dort. Im Ganzen: Note 5-6 für sich selber, Note 2-3 für die Welt9, die im Argen liegt [vgl. 1.Joh. 5,19]. Wer kann etwas dagegen einwenden? Und wo es so steht, da gibt’s nicht viel zu beten, jedenfalls nicht zu bitten, höchstens zu danken, daß Alles so schön in der Ordnung ist: hier ich, dort die Welt! Hier mein Glaube, meine Bravheit, mein Christentum, mein Eifer für das Gute, dort die Anderen weit hintendrein in dem allem. Wären sie nur erst alle so weit wie ich, nicht wahr, dann wollen wir weiterbeten. Vorläufig kann schöne Ruhe walten. – Was sollen wir dazu sagen? Man kann den Pharisäer nicht widerlegen. Die Pharisäer waren wirklich fromme, eifrige, gerechte, patriotische Leute. Und bis auf den heutigen Tag kann man den Pharisäern, was Glauben und Leben betrifft, wenig oder nichts vorhalten, worauf sie nicht prompt antworten könnten: ja, aber wir sind doch immer noch besser als die und jene, redet mit denen zuerst! Gott selber kann mit den Pharisäern in den Kirchen und außer den Kirchen, in den Pfarrhäusern und in den Schulhäusern, in den Villas und unter den Strohdächern vorläufig nichts machen, als sie stehen lassen in ihrer großen Sicherheit. Ja, stehen lassen. Und mit ihnen bleibt auch die Schicksalsmauer stehen, vor der die Menschheit so verlegen ist, die von der verkehrten Welt in unserem Inneren herkommt. Wie sollte sie auch umfallen können, wenn wir’s nicht merken wollen, daß das Verkehrte in uns, nicht außer uns ist? Wie sollte Gott uns bewegen können, wenn wir es gar nicht wollen, sondern ganz zufrieden sind mit uns und nur über die Welt und das Leben allerlei zu brummen und zu kritisieren haben? Das ist sicher: wenn wir alle Pharisäer bleiben wollen, dann ist alles Zielen und Streben nach Gott in uns armen Menschen umsonst, dann können wir es gar nicht verstehen, was das bedeutet: Gott muß sein!, geschweige denn, daß wir es je erfahren! Der Pharisäer hat uns also auch etwas zu sagen: nämlich daß es so nicht geht, nicht geht mit der Sicherheit und Zufriedenheit und mit der Note 5-6 für sich selber. Wenn |365 wir das wollen, dann müssen wir eben in der großen Lebensverlegenheit weiterwandern, wer wir auch seien, bis wir es einmal satt haben.
Das, liebe Freunde, ist die Antwort, die göttliche Antwort auf unsere Frage: warum geschieht nichts? warum merkt man nichts oder so wenig von dem, was Christus für uns getan hat? Such sie, die Zöllner unter uns, die das Große, Einfache tun wollen: Gott, sei mir Sünder gnädig! Such in dir selber, wieviel oder wie wenig von diesem Zöllner in dir ist! Und such sie, nein, die brauchst du nicht zu suchen, die Pharisäer, die dem lieben Gott nichts zu sagen haben als: Gott, ich danke dir usf., und sieh genau zu, ob solch ein Pharisäer nicht am Ende ganz in deiner Nähe wohnt. Sieh dort den Weg und hier das Hindernis, dort die offene Türe, hier das siebenfach verriegelte Schloß. Willst du dich immer noch verwundern darüber, daß unsere Errettung sich verzögert? Und weißt du jetzt, wann sie anbrechen wird?