Predigt: Matthäus 7,7: "Er kann auch anders"
Diese Worte Jesu sind eine Erlaubnis, eine Freiheit, die er uns gibt im Namen Gottes, Allen, die sie haben und davon Gebrauch machen wollen. |337 Und seht, das war der «Geist der ersten Zeugen», von dem wir vorhin gesungen haben2, daß die Menschen damals, in den Zeiten des Heilands und der Apostel, diese Erlaubnis hatten und brauchten. Ihr könnt daran denken, wie die kranken Leute sich von allen Seiten an den Heiland herandrängten, um gesund zu werden. Und so nicht nur die Kranken, sondern auch die Armen, die von der Sorge auf den nächsten Tag geplagt waren ihr Leben lang, und die Reichen, die ihr Geld und ihr Besitz brannte wie eine Wunde, die groben, verachteten Sünder und Sünderinnen, denen ihre Finsternis so bitter verleidet war, und die feinen, frommen Leute, die spünen, daß sie sich mit aller Religion und Tugendhaftigkeit keine rechte Lebensfreude und Lebenskraft erwerben konnten. Sie kamen alle, die Mühseligen und Beladenen [vgl.
Und nun frage ich mich und euch, warum wir eigentlich in einer so ganz anderen Zeit leben, in der uns ein solches Wort und seine Erfüllung wie ein seltsames Wunder berührt, das uns nichts angeht. Das ist ja klar: die Erlaubnis, die Freiheit, die Jesus da den Menschen gibt, ist kein Zwang, kein Befehl. Wir können davon Gebrauch machen, wir können es aber auch bleiben lassen, ganz wie wir wollen. Es kann uns niemand schelten, wenn wir nicht bitten, nicht suchen, nicht anklopfen wollen. Aber warum tun wir es eigentlich nicht von uns aus? Haben wir keinen Anlaß dazu? Gibt’s in unserem Leben keine Fragen, keine Sorgen, keinen Druck, keine Sünden, kein Unrecht, die uns eigentlich dazu treiben müßten? Das kann ja doch gar nicht sein. Ich weiß doch, wie viele einsame, müde, betrübte Menschen es unter uns gibt, wie viel wir einander zu leid tun mit Härte und Leidenschaft, wie viele Tränen im Stillen geweint und wie viele Fäuste manchmal geballt werden gegen Gott und die Menschen und das Schicksal, in wie vielen Herzen eine große Verbitterung und Enttäuschung ist. Oder ist’s nicht so? Oder geht es uns etwa so gut, daß uns keine Not brennt? Oder sind wir zu stolz oder zu schüchtern dazu, uns unsere Not einzugestehen? Oder haben wir uns etwa an die Not gewöhnt, daß sie uns etwas Selbstverständliches geworden ist? Ich fürchte manchmal, es sei dieses Letztere, und das sei ein wichtiger Grund, warum wir jetzt in einer so anderen, ein wenig armseligen Zeit leben. Wir sind gewöhnt daran, daß von Zeit zu Zeit so ein schwarzer Leichenzug durchs Dorf zieht. Wir sind gewöhnt daran, daß es Spitäler, Gefängnisse, Irrenhäuser geben muß für allerlei Unglückliche. Gewöhnt daran, daß das Geld die Welt regiert4. Gewöhnt daran, daß die Schwachen den Starken weichen und erliegen müssen. Gewöhnt daran, daß man die kleinen |339 Spitzbuben hängt und die großen laufen läßt5. Gewöhnt daran, daß wir alle unsere Fehler haben. Gewöhnt daran, daß die Freude im Leben der allermeisten Menschen in eine ganz kleine Ecke zusammengeht. O, wir haben uns ja auch daran gewöhnt, daß die Menschen miteinander Krieg führen und die ganze Welt in Brand gesetzt haben. Wir haben uns an Alles gewöhnt und denken vielleicht, das sei gerade christlich und recht, wenn man sich an Alles gewöhnen könne. Und doch können wir uns ja an die Not der Welt und an alle ihre notwendigen Übel gar nicht gewöhnen. Es ist etwas in uns, das schreit dagegen und will sich nicht beruhigen lassen. Das möchte sich wehren gegen die Sorge und den Zweifel, gegen die dumpfen, drückenden Verhältnisse, gegen die vielen Lügen, mit denen wir einander anlügen, gegen das Elend der Armen und gegen den Krieg, ja auch gegen das Kranksein und Sterben, das streckt sich aus und ruft, ob es denn keine Erlösung gebe, das will es einfach nicht glauben, daß all das sein muß. Dieses Schreien ist eigentlich in uns allen, in allen Menschen, auch in den ganz Abgestumpften und Gleichgiltigen. Wollte Gott, es würde einmal ganz stark in uns, daß wir es gar nicht mehr aushielten!|
So war es, als Jesus kam. An ihm sahen sie, daß die Not der Welt, das ewige Sündigen und Leiden und Sterben eigentlich nicht sein müßte, daß es einen Sieg gibt über die Mächte, die unsere Welt so dunkel machen. Und da hielten Viele es nicht mehr aus, und das Schreien nach einer Erlösung brach ganz stark aus ihrem verborgenen Inneren hervor, und man brauchte sie nicht erst zu heißen: bittet, suchet, klopfet an!, sie taten es ganz von selbst, sie machten sich wie Hungernde und Dürstende an Gott heran, als sie sahen: man darf! Gott will, uns soll geholfen sein6, wenn wir uns nur nicht gewöhnen wollen an die Hilflosigkeit, wenn wir uns nur wollen helfen lassen. Es gab, wie Jesus einmal sagte, einen Sturm auf das Himmelreich [vgl.
Ich muß aber noch zwei Worte sagen von dieser Erlaubnis, damit wir sie recht verstehen für den Fall, daß wir auch einmal Gebrauch davon machen möchten.
Sie ist die Erlaubnis, zu Gott zu schreien aus unserer Not und gegen unsere Not und gegen die Not der Welt. Es hat ja wohl immer etwas in den Menschen rumort gegen den Druck des Lebens, gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt, gegen alle die angeblich notwendigen Übel, die uns umgeben. Wir kennen das alle nur zu gut. Es ist in allen Menschen, auch in den gottlosen, ein gewisses Bitten und sogar Beten, ein gewisses Suchen, ein gewisses Anklopfen, mit dem sie deutlich genug zeigen, daß sie sich doch nicht gewöhnen können an das Böse und Traurige des Lebens, daß sie sich dagegen wehren möchten. Sieht man nicht überall, wie die Leute eigentlich unzufrieden sind mit sich selbst und den Anderen und sich nach etwas Besserem sehnen? Hört man nicht genug Brummen und Seufzen und Klagen in der Welt? Hört man nicht manchmal wahre Verzweiflungsschreie von eingeschlossenen Seelen, die sich in wildem Zorn gegen ihr Schicksal auflehnen? Sieht man nicht, wie die Menschen eigentlich auf allen Gebieten daran sind, Ausweglein und Mittel zu probieren, um aus dem jetzigen Zustand der Welt irgendwie hinauszukommen zu etwas Höherem? Wozu sind wir denn hieher in die Kirche gekommen, als weil ein Bitten, Suchen, Anklopfen in uns ist und weil wir gedacht haben, vielleicht könnte es hier eine Antwort finden? Ja, wir gleichen alle den Gefangenen, die in ihren Zellen an alle vier Wände und an den Fußboden und an die Decke klopfen in der beständigen Erwartung, von der anderen Seite auch ein Lebenszeichen zu bekommen. So |341 hat schon Jesus die Menschen gefunden. Aber er hat mit seiner Erlaubnis wahrhaftig nicht gemeint: fahrt nur fort mit dem, was ihr ohnehin tut, fahrt nur fort zu seufzen und zu reklamieren7 und unzufrieden zu sein, fahrt nur fort, allerhand zu studieren8 und probieren, zu träumen und zu unternehmen, ein bißchen zu beten und ein bißchen zu arbeiten. Das alles tun wir ja schon, aber von dem wissen wir auch, wie wenig es uns im Grunde hilft. Sein Bittet! Suchet! Klopfet an! ist größer und schöner. Es bedeutet: ihr dürft zu Gott schreien gegen eure Not. Und das will sagen: ihr dürft ihr auf den letzten Grund gehen. Gott will euer Verbündeter sein und euch helfen, wenn ihr euch ihm verbündet. Gott will das Leid und die Sünde und die ganze Unvollkommenheit der Welt auch nicht. Er hat die Welt geschaffen, und zwar nicht schlecht, sondern sehr gut [vgl.
Das Andere aber, was von dieser Erlaubnis zu sagen ist, ist das, daß sie eine ganz ernstgemeinte Erlaubnis und Freiheit ist und nicht ein bloßer Schein. Wenn Jesus uns sagt: Gott hilft, wendet euch an ihn, so werdet ihr’s erfahren!, so meint er nicht: Schickt euch in das Unvermeidliche und nehmet Alles, wie es kommt! Nein, er meint wirklich: Gott hilft! O, was ist das für eine schreckliche Verwirrung, in der wir sind! Wenn man uns sagt: auf Gott kommt’s an, von ihm hängt Alles ab, dann meinen wir gleich: also müssen wir alles Hoffen und Erwarten und Streben aufgeben und tatenlos mit gefalteten Händen abwarten, was nun wohl kommen werde. Und da werden dann die Einen wirklich ganz faul und hoffnungslos vor lauter Glauben und sagen: Gott macht’s schon!, und unterdessen haben der Tod und der Teufel alle Gewalt in der Welt und denken gar nicht daran abzudanken. Und die Anderen wenden sich zornig und verächtlich von einem solchen Glauben ab, wo gar nichts geschieht, und sagen: die Menschen tun eben doch besser, sich in ihrer Not selber zu helfen. Was für eine Verwirrung, was für eine Gottlosigkeit, daß wir bei dem gewaltigen Worte «Gott» doch immer zunächst an etwas Fernes, Unbekanntes, Unlebendiges denken, an ein geheimes Schicksal, mit dem wir nichts zu tun haben. Jesus weiß es besser. Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für euch! [
Nein, wir haben es noch nicht getan. Noch ist uns offenbar die Not der Welt nicht11 groß genug, um uns dazu zu treiben. Noch hat sie uns nicht12 dahin getrieben, wo allein eine Antwort zu finden ist. Noch trauen wir es Gott nicht ernstlich zu, daß bei ihm eine Antwort und Erlösung ist.
Und unterdessen muß uns das Wort vom Bitten, Suchen, Anklopfen ein Wunder, ein Rätselwort, ein Geheimnis sein. Die ganze Gotteswelt ist in ihm verschlossen. Verschlossen für jetzt. Bis wir es einmal nicht mehr aushalten und die Erlaubnis hören und von ihr Gebrauch machen.
- Nr. 162 «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von
K. H. von Bogatzky , Strophen 1-3 (GERS [1952] 334.1.2.–; EG 241,1-3; Textabweichungen jeweils in Strophe 2) - Nr. 31 «Ach bleib mit deiner Gnade» von
J. Stegmann , Strophen 1-3 (GERS [1952] 208,1-3; EG 347,1-3; jeweils mit Textabweichungen)