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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 18,1-8: "Er kann auch anders"</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 18,1-8: "Er kann auch anders", 22. Oktober 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29045 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 344–356.</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29045</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 18,1-8: "Er kann auch anders"</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 344-356</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 347</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth / Eduard Thurneysen: Er kann auch anders! [Predigt über Luk. 18,1–8], in: ders., Suchet Gott, so werdet ihr leben!, Bern 1917 (2. Auflage München 1928), S. 16-29 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Lk 18,1-8: "Er kann auch anders", 22. Oktober 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1787">KBA 1325</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1916-10-22">22. Oktober 1916</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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          <head>
                        <idno>347</idno>
                    </head>
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-10-22">22. Oktober 1916</date>
                    </dateline>
          <head type="header">Er kann auch anders!<note xml:id="n01">In dem Predigtband:
            <bibl corresp="kbga-bibls-1461">
              <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> / <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>,
              <hi rend="italic">Suchet Gott, so werdet ihr leben!</hi>,
              Bern 1917,
              S. 16–29</bibl>, ist die Predigt vom <date when="1916-10-22">22. Oktober 1916</date> unter dieser
              Überschrift abgedruckt. Unsere Wiedergabe folgt der Druckfassung. Die Seitenzahlen
              des Buches werden zwischen || mitgeführt. In der <bibl corresp="kbga-bibls-1461">
                                <edition rend="normal">2. Auflage</edition> des Buches,
                München 1928</bibl>, steht die Predigt auf S. 18–31. Der Blattspiegel ist anders. Zum
textkritischen Apparat, der Textdifferenzen des Manuskripts gegenüber der für
den Druck bearbeiteten Fassung festhält, siehe das Vorwort, oben <ref type="pub" target="../volume/29/pr010#pr010">S. X</ref>.</note></head>
              

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.1 Lk.18.8">Lukas 18,1–8</ref><note xml:id="n02">Der biblische Text ist im Buch, nicht aber im Manuskript ausgeschrieben.</note>

              <quote>Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis, daß man allezeit beten und nicht laß werden solle, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselbigen Stadt, die kam zu ihm und sprach: «Rette mich vor meinem Widersacher!» Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: «Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, dieweil aber mir diese Witwe so viel Mühe macht, will ich sie retten, auf daß sie nicht zuletzt komme und mich zerkratze<note xml:id="n03">Im Luthertext, dem <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> ansonsten folgt, heißt es hier: «und betäube mich». Vgl. dagegen:
                <bibl corresp="kbga-bibls-2412">
                  <hi rend="italic">Das Neue Testament übersetzt von C. Weizsäcker</hi>,
                  Freiburg i.B. / Leipzig 1894<hi rend="sup">7</hi>,
                  S. 140</bibl>: «und mir das Gesicht zerkratzt».</note>.» Da sprach der Herr: Höret hie, was der ungerechte Richter saget! Sollte aber Gott nicht auch retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s mit ihnen verziehen? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze. Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Stellt euch vor<note xml:id="na">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Liebe Freunde! Nun wollen wir uns einmal vorstellen».</note>, wir wären mit Gott so dran, wie wir es uns gewöhnlich denken, das Leben wäre so, wie es uns schon in der Schule und nachher von allen sogenannten «erfahrenen» Leuten beschrieben wird, die Welt wäre so, wie sie aussieht, wenn wir die Zeitung gelesen haben. Zum Glück ist ja das alles nicht so<note xml:id="nb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «nicht wahr».</note>; aber wir wollen es uns einmal vorstellen, es wäre so.</p>
          <p>Dann könnten wir also schon nicht singen: «Was Gott tut, das ist <pb xml:id="p345" ed="pga"/> wohlgetan!»<note xml:id="n04">Eingangslied des Gottesdienstes; <bibl corresp="kbga-songs-162" type="song">s. unten</bibl> <!-- <ref type="pub" target="#fn_n19">Anm. 19</ref> -->.</note> Und wenn wir es vielleicht doch gerne singen, weil es so ein schönes bekanntes Lied ist, müssen wir im stillen die Worte ganz anders setzen, etwa: «Was das Schicksal schickt, ertrage!» Denn nach der Meinung der «Erfahrenen» und der Zeitungen <pb n="17" ed="A"/> ist Gott im Grunde das Schicksal<note xml:id="nc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Denn bekanntlich ist ja im Grunde das Schicksal Gott.»</note>: Über Allem ist ein Verhängnis. Es muß alles so sein, wie es ist, und es muß alles so kommen, wie es kommt. Hinter allem<note xml:id="nd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Denn über Allem».</note> sind die Naturgesetze. Die Gelehrten haben sie in neuerer Zeit entdeckt, nachdem vernünftige<note xml:id="ne">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «alle vernünftigen».</note> Menschen schon lange vermutet haben, daß es nicht anders sein könne. Naturgesetz ist der Lauf der Sonne und der Gestirne, die Bahn der Wolken und die Wege der Gewässer<note xml:id="nf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «der Gewässer auf Erden».</note>, das Wachstum im Frühling und das Vergehen im Herbst. Naturgesetz das Geborenwerden, Starkwerden, Abnehmen und Sterben der Menschen, Naturgesetz Krankheit und Gesundheit, Hungern und Sattwerden, Leid und Freude in ihrem Leben. Naturgesetz auch die Entscheidung zum Guten oder zum Bösen in ihrer Brust. Es hat alles seine Ursachen<note xml:id="ng">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «seine natürlichen Ursachen».</note>. Das Leben und die Welt sind eigentlich schon fertig, nicht nur was gestern war, sondern auch, was heute und morgen sein wird; denn es lag gestern schon bereit in den Ursachen, was heute und morgen in den Wirkungen an den Tag kommt. Es ist ganz in der Ordnung, daß jeder Mensch ein gewisses heißes Bedürfnis nach Freude in sich trägt; aber es ist auch ganz in der Ordnung, daß jeder früher oder später durch bittere Enttäuschungen belehn, ganz<note xml:id="nh">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «durch bittere Erfahrungen ganz».</note> anspruchslos und bescheiden wird: «Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil.»<note xml:id="n05">
            <bibl corresp="kbga-bibls-2413">
            <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName>,
            <hi rend="italic">«Der Ring des Polykrates</hi>
                                <choice>
                                    <sic ed="pga"/>
                                    <corr type="misprint">»</corr>
                                </choice>,
            Ende von Strophe 9</bibl>:<q rend="block">
              <lg>
                <l xml:space="preserve">Des Lebens ungemischte Freude</l>
                <l xml:space="preserve">Ward keinem Irdischen zu teil.</l>
              </lg>
            </q></note> Es ist sehr begreiflich, daß gewisse hohe Ideale von Liebe und Brüderlichkeit sich immer und immer wieder in der Menschheit geltend machen<note xml:id="ni">
            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gemacht haben».</note>; aber es ist ebenso begreiflich, daß auch das wilde Tier von Zeit zu Zeit in der Menschheit erwacht und daß man dann mit jenen Idealen nicht viele Umstände <pb xml:id="p346" ed="pga"/> machen kann. Es ist ganz natürlich, daß jeder Mensch ein Gewissen hat und sich sogar manchmal eines<note xml:id="nj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «sich manchmal sogar ein Gewissen».</note> macht; aber es ist auch natürlich, daß es gewisse Punkte gibt, wo man dem Gewissen einfach nicht mehr folgen kann. <pb n="18" ed="A"/> Es muß eben immer beides sein: das Böse und das Gute, das Schöne und das Traurige, das Leben und der Tod: beides hat seine Gründe, beides kommt zuletzt aufs Gleiche<note xml:id="nk">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «denn Beides hat seine Gründe, Beides ist Naturgesetz, Beides kommt im Grunde auf das Gleiche»</note> heraus⌜, beides ist Natur⌝. Das Mitleid guter Seelen und die Rücksichtslosigkeit der Gewaltmenschen, der gelobte Frieden, den wir solange genossen haben, ohne es zu merken, und der böse Krieg, der dann auf einmal «ausbrach», wie man sagt<note xml:id="nl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «der dann auf einmal da war».</note>, und nun nicht mehr aufhören will, die Sattheit und Sicherheit der Reichen und die Blöße und Unruhe der Armen, das heitere, unschuldige Spiel der Kindlein und der bittere Ernst der Erwachsenen in ihren Händeln und Geschäften, es muß alles so sein, es ist alles so gewesen, seit es Menschen gegeben hat, ⌜es sind alles nur Stufen⌝, und es wird alles so bleiben, solange es Menschen geben wird. Armer Mensch, <hi rend="italic">so</hi> bist du dran, so stehst du unter den Verhältnissen, so bist du<note xml:id="nm">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «unter den Naturgesetzen, du bist».</note> in der Hand des Schicksals! Armer Mensch, du darfst das manchmal für ein paar Augenblicke vergessen, z. B. am Sonntag in der Kirche oder auf einem schönen Spaziergang, wo dich die «Natur» so heiter, so freundlich anlacht, als wüßte sie gar nichts von den «ewigen ehernen großen Gesetzen»<note xml:id="n06">Vgl.
            <bibl corresp="kbga-bibls-117">
            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
            «<hi rend="italic">Das Göttliche</hi>»,
            Strophe 6</bibl>: <q rend="block">
            <lg>
              <l>Nach ewigen, ehrnen,</l>
              <l>Großen Gesetzen</l>
              <l>Müssen wir alle</l>
              <l>Unseres Daseins</l>
              <l>Kreise vollenden.</l>
            </lg>
          </q></note>, unter denen sie ist und nach denen alles aufs Gleiche herauskommt. Aber du wirst deinem Schicksal nicht entrinnen; es wird dich am Montag schon wieder finden. Armer Mensch! Du darfst zwar – in den Klauen des Schicksals, wie du bist – jenes erhabene Gefühl in dir haben und pflegen, das man Religion nennt<note xml:id="n07">
                            <persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName> bezeichnete <date when="1799">1799</date> das Wesen der Religion als «Anschauung und Gefühl»:
                 <bibl corresp="kbga-bibls-1729">
                   <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern</hi>,
                   hrsg. von H.-J. Rothert
                   (Philosophische Bibliothek
                   255),
                   S. 41 (<edition rend="normal">Originalausgabe</edition> S. 73) u.ö. 1830</bibl> definierte er Frömmigkeit als «eine Bestimmtheit des Gefühls oder des unmittelbaren Selbstbewußtseins»:
                 <bibl corresp="kbga-bibls-36">
                   <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt</hi>,
                   Bd. I,
                   Berlin 1830,
                   in: Sämmtliche Werke, 1. Abth.,
                   Bd. 3;
                   <edition rend="normal">Neuausgabe</edition> von M. Redeker,
                   Berlin 1960,
                   S. 14 (Leitsatz zu § 3)</bibl>.</note>, du darfst, wenn du willst und wenn es dich freut ⌜und <pb xml:id="p347" ed="pga"/> wenn du das krampfhafte Kunststück fertig bringst⌝, deinem Schicksal den Namen<note xml:id="nn">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «den schönen Namen».</note> «Gott» geben und zu ihm emporblicken, bald in tiefer, ängstlicher Ehrfurcht, bald ein wenig widerwillig wie ein störrisches Schulkind. Ja, das darfst du; aber du sollst ja nicht die törichte Meinung <pb n="19" ed="A"/> hegen, als ob durch deine Religion oder durch deinen Gott irgend etwas anders werden könnte in der Welt<note xml:id="no">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «in der Welt der Naturgesetze».</note>. Im Gegenteil: beten heißt nach den neuesten Entdeckungen «Einswerden mit dem Schicksal»<note xml:id="n08">Konnte nicht verifiziert werden.</note>. Mache schnell Frieden zwischen dem Gefühl in dir und dem Schicksal über dir, dann bist du «fromm» und erst noch ein moderner Mensch, und schreib dir tief ins Herz, daß alles aufs Gleiche herauskommt und ewig im Gleichen bleibt.<note xml:id="np">Anstelle der beiden letzten Sätze («Im Gegenteil …») heißt es im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «… es ist ja doch nur dein Gefühl in dir, und es ist ja doch nur das Schicksal über dir, es kommt ja doch Alles aufs Gleiche heraus und bleibt ewig im Gleichen.»</note>
            </p>
          <p>Ja, so etwa mag sie aussehen, die Welt<note xml:id="nq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Nicht wahr, liebe Freunde, so etwa sieht die Welt aus».</note>, wie wir sie uns gewöhnlich denken. So etwa steht es im Blatt<note xml:id="nr">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «in der Zeitung».</note>. So etwa haben wir es schon als klein<note xml:id="n09">= als Kinder.</note> gelegentlich gehört ⌜als größte Weisheit⌝ und konnten<note xml:id="ns">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «konnten’s».</note> gar nicht glauben, daß es so sein könne, und als wir größer wurden, mußten wir doch merken, daß viele gescheite Leute daran glauben, und weil es gar so schön und erbaulich und eindringlich immer wieder gesagt wurde, färbte es doch ein wenig ab auf uns, und nun kann es wohl sein, daß wir Gott und die Welt und das Leben wirklich ungefähr so ansehen.<note xml:id="nt">Anstelle der zweiten Satzhälfte («und weil es …») heißt es im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und wenn wir ganz ehrlich sein wollen, müssen wir uns gestehen, daß wir jetzt selber die Welt und das Leben und Gott ungefähr so ansehen.»</note> Recht deutlich wie ein großes Bild sollten wir uns diese Welt, wie sie in den Gedanken der Menschen<note xml:id="nu">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wollen wir uns jetzt diese Welt, wie sie so nach und nach in unseren Gedanken».</note> gewachsen ist, diese Schicksalswelt, in der nichts anders <pb xml:id="p348" ed="pga"/> wird, vor Augen<note xml:id="nv">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «vor uns hin».</note> stellen. Hört, wie Jesus sie abbildet: «Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.» Also ein rechter willkürlicher Despot und Tyrann, heute gut gelaunt und morgen übelzeitig<note xml:id="n10">= einer, mit dem man schlecht auskommt.</note>, jenseits von gut und böse<note xml:id="n11">Vgl.
            <bibl corresp="kbga-bibls-2414">
            <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>,
            <hi rend="italic">Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft</hi>,
            Leipzig 1886</bibl>.</note>, bald so, bald so, wie es ja solche große Herren gibt. Ist dieser große Herr nicht leibhaftig das Schicksal, das ⌜angebliche⌝ Naturgesetz, das wir zum lieben Gott gemacht haben? Ist diese Stadt, die einen so Übeln Regenten hat, nicht genau die Welt, wie sie – in unseren Köpfen steht und in der Zeitung und sogar in manchem gelehrten und frommen Buch? 
                    </p>
          <p> <pb n="20" ed="A"/> Aber es fehlt noch etwas in diesem Bild, nämlich wir selbst<note xml:id="nw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wir selbst, meine Freunde».</note>, wir Menschen, die wir nun in dieser Schicksalswelt leben müssen. <hi rend="italic">Leben</hi> müssen!, versteht das wohl! Es ist<note xml:id="nx">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «denn es ist».</note> damit nicht getan, daß wir sagen: Ich denke mir’s so, sondern wenn das alles wahr ist, was wir gesagt haben<note xml:id="ny">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «ich denke mir’s so, wie wir’s eben gesagt haben, sondern wenn das alles wahr ist».</note>, wenn die Welt so aussieht ⌜in unserem Geist⌝, dann müssen wir<note xml:id="nz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «dann müssen [wir] also».</note> in dieser Welt <hi rend="italic">leben</hi>⌜, denn wir müssen es immer so haben, wie wir es haben <hi rend="italic">wollen</hi>⌝. Der arme Mensch, der ganz in den Klauen des Schicksals ist und zum Trost ein bißchen Religion haben darf, dieser arme Mensch bist du<note xml:id="naa">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «bist du – und ich».</note>! Du und ich und unsere Kinder, wir mit unserem Leid und Kummer, mit unseren Träumen und Hoffnungen, mit unseren unruhigen Herzen, wir mit unserer lebendigen Seele – wir Menschen ausgeliefert, untertan dem ungerechten Richter, dem blinden Schicksal, dem Gut und Böse, Glück und Unglück, Leben und Tod das Gleiche sind. Wir müssen nun leben in dieser Schicksalswelt, wie die griechische Sage erzählt von dem Urmenschen <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName>, der von einem neidischen, bösen Gott an einen Felsen geschmiedet wurde.<note xml:id="n12">Nach älterer Sage brachte <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> den Menschen das Feuer und wurde deshalb von <persName ref="kbga-actors-8920">Zeus</persName> an einen Felsen gefesselt und von <persName ref="kbga-actors-8806">Herakles</persName> befreit. Nach späterer Überlieferung bildete <persName ref="kbga-actors-3913">Prometheus</persName> aus Lehm den ersten Menschen; vgl.
            <bibl corresp="kbga-bibls-2415">
            Art. «<hi rend="italic">Prometheus</hi>»
            in: Brockhaus Enzyklopädie,
            Bd. 17,
            Mannheim 1992<hi rend="sup">19</hi>,
            S. 534f.</bibl>
          </note> Da eine Familienmutter, die fast zusammenbricht <pb xml:id="p349" ed="pga"/> unter der Last jahrelanger freudloser Sorge und Arbeit. Tröste dich, gute Frau, und schleppe deine Last, es ist dein Beruf und Schicksal<note xml:id="nab">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «beruhige dich, gute Frau, und schleppe deine Last, das ist nun dein Schicksal.»</note>⌜, sag’ ja dazu⌝! Da ein junger Mensch, der sich krank hingelegt hat, achselzuckend tritt der Arzt von seinem Bett zurück: Wieder einer! wieder eine! Tuberkulose!<note xml:id="nac">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Lungentuberkulose!»</note> Ja, wir müssen alle einmal sterben, der früher, der später! Naturgesetz! Da einer, in dem das Gewissen sich empört gegen<note xml:id="nad">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «über».</note> das Unrecht der Starken an den Schwachen, der Regierenden<note xml:id="nae">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «der Mächtigen und Regierenden».</note> am Volke. Beruhige dich doch<note xml:id="naf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Tröste dich».</note>, mein Lieber, es ist immer so gewesen, das ist der Lauf der Welt. Da Kinder, die mit ererbten Fehlern und Lastern auf die Welt kommen und nun einer hoffnungslosen Zukunft entgegen<pb n="21" ed="A"/>wachsen. Was wollt ihr? Es hat alles seine Gründe, es ist alles Natur! Da die Völker alle, die jetzt nicht aufhören sollen, zu bluten ⌜und⌝ zu hungern, zu hassen ⌜und⌝ zu morden, die aufheulen möchten vor Qual ⌜und Wut⌝: Wozu das alles? muß das sein? ⌜wie lange,⌝ wie<note xml:id="nag">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und wie».</note> lange noch? Und darauf die Antwort der großen ernsten Gottesgelehrten<note xml:id="nah">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «der großen deutschen Professoren und Gottesgelehrten».</note>: «Das ist die Wirklichkeit! Beugt euch vor ihr! Lernet in dieser schaurigen Wirklichkeit unseren Herrgott erkennen, der eben ein harter Herr ist!»<note xml:id="n13">Falls der Satz ein echtes Zitat sein sollte, könnte er aus derselben Quelle stammen wie das bei <ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>.</note> ⌜«Beten heißt Einswerden mit seinem Schicksal!»⌝ Und mit solcher Antwort, mit solchem Trost sollen nun Menschen, lebendige Menschen etwas anfangen! Weil<note xml:id="nai">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «etwas anfangen, damit sollen sie nun leben, denn eine andere Antwort, einen anderen Trost kann es ja nicht geben, wenn die Welt wirklich so ist, wie wir sie uns denken?! Und weil …»</note> wir Menschen sind, du und ich, ist doch etwas in uns, das <hi rend="italic">schreit</hi> gegen das Böse und Traurige und will sich nicht dämpfen lassen, ist etwas in uns, das ruft: «Das <hi rend="italic">kann</hi> ja nicht wahr sein, daß Hunderttausende von der Arbeit und<note xml:id="naj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «von der Arbeit, von der Sorge und».</note> vom Elend einfach an die Wand gedrückt werden; das <hi rend="italic">kann</hi> doch nicht ⌜wahr⌝ sein, daß es einfach heißt: Sterben und fertig!, daß die Mächtigen immer recht haben und die Schwachen immer unrecht, daß es <pb xml:id="p350" ed="pga"/> eine Bestimmung zum Bösen geben, daß das Tränenvergießen und Blutvergießen auf der Erde nicht aufhören soll! Das <hi rend="italic">kann</hi> ja nicht wahr sein, weil es nicht recht ist.» Es ist etwas in uns, das schreit: «Es muß<note xml:id="nak">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «müßte».</note>
            <hi rend="italic">das</hi> wahr sein, was recht ist!» Aber was hilft uns alles Jammern, wenn wir nun einmal unter dem ungerechten Richter stehen, wenn das Schicksal, das blinde Naturgesetz Gott<note xml:id="nal">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «das Wahre».</note> ist? Seht, nun verstehen wir schon wieder etwas von den Worten Jesu: «Es war aber eine Witwe in derselbigen Stadt, die kam zu dem Richter und sprach: ‹Rette mich vor meinem Widersacher!› Und er wollte lange nicht.» Ja natürlich! Arme Witwe, was suchst du Recht, wo keines zu finden ist? Von dem harten Kopf, dem alles gleich ist außer <pb n="22" ed="A"/> seiner eigenen Laune? Armer Mensch, niedergedrückt<note xml:id="nam">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Armer Mensch mit deiner lebendigen Seele, der du niedergedrückt wirst».</note> durch deine Widersacher, die dunklen Sündenmächte, Verhältnismächte, Todesmächte dieser Welt, was suchst du etwas Besseres, wenn du doch unter dem<note xml:id="nan">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «einem».</note> Schicksal stehst, das Böses und Gutes wahllos über dich ausschüttet in unerbittlicher natürlicher Entwicklung? Armer Mensch, es ist nichts zu wollen, es ist nichts zu machen, wenn es wahr ist, daß das die Welt ist, was die gescheiten Leute so nennen, wenn das Schicksal Gott ist.</p>
          <p>Aber was hören wir nun? Die Witwe läßt sich nicht abschrecken und abweisen, sie bittet einfach weiter. Sie kümmert sich gar nicht um die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters. Sie glaubt nur an eines: an ihr gutes Recht, an ihre Not und an die Kraft ihres Bittens. Sie glaubt gerade an das Unsinnige, Unmögliche, daß man Wasser aus dem Felsen schlagen könne wie <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName><note xml:id="nao">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Mose».</note> in der Wüste [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.17.6">Ex. 17,6</ref>], daß sie Recht finden werde, wo keines zu finden ist. Sie kann nichts tun als bitten, aber das tut sie, Tag und Nacht liegt sie dem Mann in den Ohren: Du kannst, du mußt, du wirst mich retten vor meinem Feind! Und siehe da, das Wunder geschieht. Der harte Kopf wird müde, unwirsch, verlegen, zuletzt sogar ängstlich – man weiß nie, was so einer aufgeregten Frau noch in den Sinn kommen kann. – «Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor keinem Menschen scheue, dieweil mir aber diese Witwe so viel Mühe macht, will ich sie retten, auf daß sie nicht zuletzt komme und mich zerkratze!» Und nun <pb xml:id="p351" ed="pga"/> fließt das Wasser aus dem Felsen, nun gibt es ein Loch in die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters. ⌜Er kann auch anders!⌝ Er muß tun<note xml:id="nap">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Richters, daß er tun muß».</note>, was er in seiner Laune und Steckköpfigkeit<note xml:id="n14">= Starrköpfigkeit.</note> gar nicht tun wollte. Kaum, daß er’s weiß: bin ich’s? oder bin ich’s nicht?, muß er der Witwe helfen, sie bekommt Recht und der <pb n="23" ed="A"/> Hausherr oder Krämer, der sie geplagt hatte, Unrecht, und so ist sie<note xml:id="naq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und sie ist».</note> aus ihrer Not gerettet durch ihr inständiges, zähes, böses, gefährliches Bitten. Ja, so kann manchmal so ein Kleines Fraueli etwas ausrichten, sogar bei ganz großen Herren. Wenn nur alle Fraueli und Mannli in der Welt sich merken wollten: es geht manches, vielleicht alles, wenn man nur recht daran glaubt, daß es geht.</p>
          <p>Wie nun, wenn es uns auch so gehen könnte mit der großen bitteren Schicksalswelt, in die wir uns eingeschlossen haben mit unseren Gedanken? Wenn der arme Mensch, der in diesem Gefängnis sitzt, sich einmal um keinen Preis mehr zufrieden geben wollte mit dem kuriosen Gefühl, das man Religion heißt und durch das doch keine Freiheit kommt, nicht mehr zufrieden mit den<note xml:id="nar">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «mit jenen».</note> Antworten und Trostgründen, die man gibt und geben muß, wenn das Schicksal Gott ist! Wenn der arme Mensch zu sich selber sagen würde: Du leidest zu stark unter der Not des Lebens; es kann gar nicht sein, daß das nicht <hi rend="italic">anders</hi> sein kann! Du hast zu großen Hunger und Durst nach deinem Recht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>], nach deinem Menschenrecht! Es ist ⌜ganz⌝ unmöglich, daß für dieses Recht nirgends in der Welt Raum sein soll!<note xml:id="nas">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «unmöglich, daß das, was Recht ist, in dieser Welt nirgends sein kann».</note> Steht’s nicht in dir geschrieben, daß du zur Freude geschaffen bist, du und alle Menschen, sieh in die Äuglein deines Kindes und sag’ nein! Weißt du nicht ganz gut, daß wir alle zum Liebhaben da sind und nicht zum uns Anschnauzen und uns an die Gurgel Springen? Ist’s dir nicht auch, gegen das Gewissen sei eigentlich nichts zu machen, als daß man ihm eben Recht gibt? Ist’s dir nicht auch, es müsse für dich und auch für deine verlottertsten und verbittertsten<note xml:id="nat">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «es müsse auch für die verlottertsten, verdrehtesten».</note> Mitmenschen irgendwie eine Vergebung, einen Ausweg geben und keiner, gar keiner könne wirklich und endgültig zum Bösen verdammt sein? Ist’s dir nicht auch, das Sterben und Sterben <pb n="24" ed="A"/> der Menschen sei eigentlich nichts Natürliches, etwas, gegen das man sich ganz <pb xml:id="p352" ed="pga"/> anders wehren müßte – und wenn man sich nicht mehr wehren kann, dann müsse es jenseits des Sterbens und ihm zum Trotz ein Leben geben, das nicht mehr stirbt, so daß eben zuletzt das Leben Wahrheit ist und nicht das Sterben? Ja, <hi rend="italic">ist</hi> dir das alles nur so, oder ist das alles nicht <hi rend="italic">wahr</hi> im Himmel und auf Erden, weil es in deinem Herzen wahr ist?<note xml:id="nau">Der Satz lautet im <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ist das alles nicht wahr in deinem Herzen?»</note> ⌜Sind das menschliche Schwärmereien, oder sind das nicht die göttlichen Friedensgedanken über die Menschen, die sich da nach langem, schwerem Schlaf wieder regen und bewegen wollen in deiner Seele?⌝ Ist das nicht dein Recht, ⌜dein göttliches Recht,⌝ das du hast gegen die Sünde und das Leid und den Tod, wie jene Witwe ihr Recht harte gegen ihren Widersacher? ⌜Und ist dein Recht dann etwas anderes als Gottes eigene ewige Gerechtigkeit?⌝ Und wenn nun der arme Mensch weiterfahren und zu sich selber sagen würde: Nun glaubst du nur noch an dein Recht und denkst gar nicht mehr an die Ungerechtigkeit des ungerechten Richters!? Nun glaubst du nur noch an alles das, was in deinem Herzen⌜, was bei Gott⌝ wahr ist, und was kümmert dich das Schicksal, was kümmern dich Verhältnisse und Naturgesetze, die ja doch nur in unseren Gedanken, Zeitungen<note xml:id="nav">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «was kümmern dich die Naturgesetze, die in unseren Gedanken, in den Zeitungen».</note> und Büchern wahr sind? Recht muß doch Recht bleiben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.94.15">Ps. 94,15</ref>]. Und glaubst dich tiefer und tiefer in diesen Glauben hinein, für den du ja in dir selber einen festen Grund hast: daß hinter dem Schicksal etwas ganz anderes verborgen sein muß, daß es gar nicht so ernst sein kann mit dem großen Naturgesetz, alles müsse immer sich selbst gleich bleiben<note xml:id="naw">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Naturgesetz: es bleibt Alles im Gleichen!»</note>, daß die eherne Wirklichkeit gar kein so unbeweglicher Götze sein kann, wie die großen Professoren dergleichen tun<note xml:id="n15">«Dergleichen tun» bedeutet in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> «so tun, als ob»: «wie die großen Professoren vorgeben».</note>, daß es gar nicht wahr ist, wenn man sagt, Gott sei nichts anderes <pb n="25" ed="A"/> als der geheimnisvolle Mechaniker, der diese schauerliche Weltmaschine gebaut und aufgezogen hat in einer kuriosen Laune<note xml:id="n16">Vgl.
            <bibl corresp="kbga-bibls-2416">
            W. Pannenberg,
            Art. «<hi rend="italic">Gott V. Theologiegeschichtlich</hi>»,
            in: RGG<hi rend="sup">3</hi>,
            Bd. II,
            Tübingen 1958,
            Sp. 1728</bibl>: «… konnte Descartes die Unveränderlichkeit der Naturgesetze so direkt als Ausdruck der Unveränderlichkeit Gottes verstehen. Darum konnte er auch ähnlich wie Newton Gott als vollkommenen Ingenieur vorstellen, der die Welt als mechanisches Kunstwerk, das wie eine Uhr ohne die Notwendigkeit weiterer Eingriffe funktioniert, ins Dasein gesetzt hat.»</note>. Glaubst dich tiefer <pb xml:id="p353" ed="pga"/> und immer tiefer in den Glauben hinein, das Letzte, das Hinterste, das Eigentliche in der Welt, muß doch eine Hilfe, eine Befreiung, eine Erlösung, eine Rechtfertigung sein für mich armen Menschen, für uns Menschen allesamt. Dieses Letzte, Hinterste, Eigentliche aber, <hi rend="italic">das</hi> ist Gott.<note xml:id="nax">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «allesamt, ich muß mein Recht haben, die Welt, die in meinem Herzen wahr ist, die muß überhaupt wahr sein, und dieses Letzte, Hinterste, Eigentliche, das ist Gott.»</note> ⌜Und <hi rend="italic">darum</hi> muß mein Recht hervorbrechen und siegen, <hi rend="italic">darum</hi> muß die Welt, die in meinem Herzen wahr ist, überhaupt wahr sein. Denn⌝ Gott ist ein Gott, der hilft und vom Tode errettet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.68.21">Ps. 68,21</ref>], und alles andere, was scheinbar davorsteht, das sind nur Gespenster und Götzen<note xml:id="nay">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Götzen und Gespenster».</note>, die weichen ⌜und fallen⌝ müssen. Weißt du, armer Mensch, was geschehen würde, wenn du so glauben würdest? O, es könnte vielleicht lange gehen, wie die Witwe auch lange bitten mußte; denn das Schicksal sitzt gar fest, an das wir alle so lange geglaubt haben mit unseren Gedanken. Wir haben uns gar fest daran gewöhnt<note xml:id="naz">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gewöhnt daran».</note>, unter dem Schicksal zu leben und alles Traurige und Böse natürlich zu finden, in gar vielen Kirchen ist jahrhundertelang so gepredigt worden, als ob der liebe Gott, von dem wir singen: Was Gott tut, das ist wohlgetan! eigentlich nur unser<note xml:id="nba">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «das».</note> Schicksal wäre. Und wir lernen es gar langsam<note xml:id="nbb">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gar schwer».</note>, so tief und rein an das Gute zu glauben, ⌜daß es in Bewegung kommt. Es fällt uns gar schwer, statt «Einszuwerden mit unserem Schicksal»⌝ so kräftig<note xml:id="nbc">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zu glauben, daß es etwas nützt, so kräftig».</note> und zäh und bös zu bitten, daß es dem ungerechten Richter in den Ohren gellt. Und darum dürfen wir uns dann nicht wundern, wenn wir mit unserem Glauben vielleicht lange, lange wie vor einer Mauer stehen müssen, und müssen <hi rend="italic">warten</hi> können, bis das Eis zum Schmelzen kommt, wie jene Witwe eben auch vor allem <hi rend="italic">warten</hi> mußte. Aber einmal kommt’s dann, daß <pb n="26" ed="A"/> ob deinem Glauben das Schicksal wackeln muß auf seinem Götzenthiron. Sieh, wie es ein verlegenes Gesicht macht, wie es sich fürchtet wie der Richter vor dem aufgeregten Fraueli: «Auf daß sie nicht zuletzt komme und mich zerkratze!» Ja, es fürchtet sich vor deinem Glauben, vor nichts sonst. Wollen kannst du nichts gegen das Schicksal, gegen Sünde, Leid und Tod!<note xml:id="nbd">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «gegen das Leid, gegen die Sünde, gegen den Tod!»</note> Machen kannst du nichts dage<pb xml:id="p354" ed="pga" break="no"/>gen! Was du dagegen machen willst und machst, das ist Spiel und Kindergeschrei, man sieht’s heutzutage. Du kannst aber dagegen glauben: dann gibt’s ein Loch ins Schicksal, dann weicht es auf einmal zurück. Der große Herr kann<note xml:id="nbe">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zurück und kann».</note> auch anders! Auf einmal kommt es<note xml:id="nbf">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «anders, dann kommt es auf einmal».</note> an den Tag, daß er gar nicht so ein großer Herr ist. Denn der Glaube ist Leben, das Schicksal aber ist nur ein Gedanke, ein törichter, trauriger Menschengedanke. Wenn das Leben kommt, dann müssen die Gedanken fliehen, und es kommt an den Tag, was dahinter versteckt war: Gott, der lebendige Gott, der Gott, der mit uns ist und nicht gegen uns, der Gott, der ⌜eben⌝ Gedanken des Friedens über uns hat und nicht des Leides [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.11">Jer. 29,11</ref>], der mit uns streiten will gegen unsere Widersacher: «Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tode erretten; Tod, ich will dir ein Gift sein; Hölle, ich will dir eine Pestilenz sein!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Hos.13.14">Hos. 13,14</ref>]. Ja, wenn gegen das Schicksal der Glaube daherkommt, dann fließt Wasser aus dem Felsen, dann geschieht etwas Neues in der Welt, dann greift Gott nach dem Zepter, das ihm gehört. Nun geschieht, was nach den Naturgesetzen niemals geschehen durfte: es bleibt nicht mehr alles im Gleichen; es passieren heute Dinge, die gestern nie vorgekommen wären; es werden morgen Ursachen und Wirkungen auftreten, die uns heute noch verschlossen sind. Es wird möglich, was eben noch unmöglich war: daß die Unterdrückten ihr Recht bekommen, ⌜die Zerstreuten und Un<pb n="27" ed="A"/>einigen sich zusammentun,⌝ die Betrübten fröhlich werden, die armen Reichen ihr Geld hergeben können, wenn’s sein muß, Engländer und Deutsche können sich wieder<note xml:id="nbg">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «aufrichtig».</note> die Hand geben, ⌜Kranke werden gesund,⌝ die<note xml:id="nbh">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «und die».</note> Sterbenden gehen ins Leben und nicht in den Tod⌜, und sogar wir Pfarrer erwachen⌝! O, das ist die größte Revolution von allen Revolutionen, wenn gegen das Schicksal der Glaube daherkommt. Die Revolution, die nur die Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung Gottes ist.</p>
          <p>«Da sprach der Herr: Höret hier, was der ungerechte Richter sagt!» Wie er nachgeben und ein gerechtes Urteil fällen muß, wie die Lügenwelt unserer verkehrten Gedanken versinkt, wenn der Glaube, die Liebe, die Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.13">1.Kor. 13,13</ref>] an ihre scheinbar ewigen<note xml:id="nbi">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «wenn der Glaube und die Liebe und die Hoffnung an ihre scheinbar so mächtigen».</note> Pforten hämmert. <pb xml:id="p355" ed="pga"/> Aber nun wird es dir fast angst, und du möchtest antworten, du habest eben keinen solchen Glauben, keine solche Liebe und Hoffnung, um ein Loch zu schlagen in das Schicksal, es sei kein solches Leben in dir, um hindurchzubrechen durch das Netz der verkehrten, trostlosen Gedanken, das wir uns gesponnen haben, es sei gar ein weiter Weg von dir in deiner Lage, in eurer Familie, in unserem Ort<note xml:id="nbj">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «von dir, von deiner Lage, in eurem Haus, in unserem <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> mit Allem, was drum und dran hängt –».</note> zum lebendigen Gott, der hilft und errettet. Du möchtest neidisch auf das Fraueli blicken, das mit dem ungerechten Richter so fröhlich fertig wurde, und denkst: So weit bringe ich’s nicht in meinem Leben, daß ich mir auch so meine Rechtfertigung einfach erobere, und das kommt ⌜wohl⌝ heutzutage nicht mehr vor.</p>
          <p>O was sind wir doch für törichte Menschen! «Sollte Gott nicht auch retten seine Auserwählten, die zu ihm rufen Tag und Nacht, und sollte er’s mit ihnen verziehen? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze!» Wenn wir doch auch das einmal merken wollten, daß ja für uns gesorgt ist! ⌜Die ganze grimmige Schicksalswelt, <pb n="28" ed="A"/> die uns erschreckt und gefangen hält, ist ja wirklich ein böser Traum, den wir durchaus nicht träumen <hi rend="italic">müssen</hi>.⌝ Wir <hi rend="italic">stehen</hi> ja gar nicht unter dem ungerechten Richter. Wir <hi rend="italic">brauchen</hi> gar nicht zu sorgen und zu «plangen»<note xml:id="n17">«Plangen» (<ref corresp="B">Mskr.</ref>: «blangen») = sehnlich erwarten.</note>: Wie komme ich wohl zu meinem Recht? ⌜Es <hi rend="italic">braucht</hi> gar keine inneren Krämpfe und Zuckungen, um mit dem großen Herrn fertig zu werden.⌝ Es ist gar nicht an dem, daß wir uns Kummer machen müßten, wie wir mit unserem kleinen Glauben die verschlossene Schicksalspforte sprengen sollen<note xml:id="nbk">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «könnten».</note>. Es ist alles schon geschehen, was geschehen mußte. Das Loch in die Mauer ist gemacht. Das hat Christus für uns getan. Er hat mit dem Schicksal gerungen bis auf den Tod<note xml:id="nbl">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «bis auf den Tod durch den Glauben».</note>, und da hat es weichen müssen, und Gottes Herrlichkeit wurde sichtbar in seinem Leben und Sterben, und seither können wir <hi rend="italic">wissen</hi>, daß Gott der Herr der Welt ist und kein ⌜Teufel noch⌝ Schicksal. Da ist die Lügenwelt unserer Gedanken versunken ein- für allemal, und das Leben hat begonnen. Nein, es ist kein weiter Weg von uns zu Gott. Gott<note xml:id="nbm">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «zu Gott, denn Gott».</note> ist uns so nahe, als er uns überhaupt sein kann. Gott <hi rend="italic">gibt</hi> uns Recht. Gott <hi rend="italic">will</hi> uns helfen. Bei Gott <hi rend="italic">ist</hi> Vergebung <pb xml:id="p356" ed="pga"/> der Sünden, Erlösung vom Übel<note xml:id="nbn">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Erlösung vom Übel, Vergebung der Sünden».</note> und ewiges Leben. Das liegt alles offen vor uns, weil Christus offen vor uns steht. Wir müssen nur auf ihn schauen.<note xml:id="nbo">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Das liegt alles offen vor uns, wenn wir an Christus denken.»</note> Sein Errettungswerk ist in vollem Gang. ⌜Wir müssen nur mitgehen.⌝ Ja, sollte Gott nicht retten seine Auserwählten⌜, und sollte er’s mit ihnen verziehen⌝? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze!</p>
          <p>Warum merken wir so wenig davon?, fragst du. Und Jesus antwortet dir mit der Gegenfrage: «Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?» Wunderbare Lage, in der wir sind zwischen diesen beiden Fragen drin! <pb n="29" ed="A"/> Ist die Schicksalswelt nicht enthüllt in ihrer ganzen Lügenhaftigkeit und Unmöglichkeit? Ist der Weg nicht offen, der aus ihr herausführt<note xml:id="nbp">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «Ist der Weg nicht gezeigt, der aus ihr hinausführt?»</note>: der Weg der bittenden Witwe, die stärker war als der ungerechte Richter? Sind wir nicht die Auserwählten Gottes, die diesen Weg längst mit Christus gehen könnten?<note xml:id="nbq">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «die diesen Weg längst gehen könnten, weil er offen ist?»</note> Und wir sind immer noch drin in unserem Gefängnis, tasten ratlos herum an seinen Mauern, seufzen über unsere Unvollkommenheit und über die Unerforschlichkeiten des Lebens<note xml:id="nbr">Msrk.: «über die Lasten des Lebens»</note>⌜, fragen, fragen – während Gott längst uns etwas gefragt hat!⌝ Müssen wir auch heute wieder<note xml:id="n18">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/29/p343#p343">S. 343</ref>.</note> sagen von unserer Erlösung: «Sie ist <hi rend="italic">da</hi>, sie ist <hi rend="italic">geschehen</hi>, es ist alles <hi rend="italic">bereit</hi> – aber noch ist sie verschlossen für uns und hilft uns nichts, weil <hi rend="italic">wir</hi> nicht bereit sind?» Ich will lieber sagen: «Gott sei Dank, der uns den Sieg <hi rend="italic">gegeben</hi> hat durch unseren Herrn Jesus Christus» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>] – und Gott helfe<note xml:id="nbs">
                            <ref corresp="B">Mskr.</ref>: «geb’s».</note>, daß wir bald einmal aufwachen aus allen unseren Träumen und Phantasien und merken, daß der Tag angebrochen ist.</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>[Amen.]<note xml:id="n19"> <persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName> war am <date when="1916-10-22">22. Oktober</date> zu Besuch in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. Er äußerte sich zustimmend zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Predigt (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p159#p159">S. 159</ref>)</bibl>.
          </note></salute>
        </div>

        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
                <bibl corresp="kbga-songs-162" type="song"> Nr. 270 «Was Gott tut, das ist wohlgetan» von <persName ref="kbga-actors-1840">S. Rodigast</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 282,1-3; EG 372,1-3);</bibl>
                <bibl corresp="kbga-songs-89" type="song"> Nr. 344 «Jesus, meine Zuversicht» von <persName ref="kbga-actors-8792">O. von Schwerin</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 165,1-3; EG 256,1-3).</bibl>
          </listBibl>

                <!-- alt
                <p>Lieder:
                <ref type="pub" subtype="bib1-ein1933" target="b0270">Nr. 270</ref> «Was Gott tut, das ist wohlgetan» von S. Rodigast, Strophen 1-3 (<ref type="pub" subtype="ges29-abk"><bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 282, 1-3</bibl></ref>; <ref type="pub"><bibl><title level="m">EG</title> 372, 1-3</bibl></ref>);
                <ref type="pub" subtype="bib1-ein1936" target="b0344">Nr. 344</ref> «Jesus, meine Zuversicht» von O. von Schwerin, Strophen 1-3 (<ref type="pub" subtype="ges29-abk"><bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 165, 1-3</bibl></ref>; <ref type="pub"><bibl><title level="m">EG</title> 256, 1-3</bibl></ref>). –</p>
                -->

            
                           
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  </text>
</TEI>
