Predigt: 1 Johannes 3,15-18
Die Liebe! Wunderbares erlösendes Wort! Wie schnell ist es ausgesprochen oder aufs Papier gesetzt, wie schnell gehört oder gelesen. Und wie gern reden und hören wir davon, nicht wahr? Es ist ja ein ganzes Meer in diesem Wort von dem Leben, das wir eigentlich alle suchen, und wir werden dem Apostel
Und darum macht es uns Freude, das Wort Liebe auszusprechen und anzuhören. Fast mit einer gewissen Verzweiflung klammem wir uns daran: Liebe! Das ist die Wahrheit! Das ist’s, was ich brauche! Das ist das allein Wichtige in der Welt! Und wir haben nur zu recht! Denkt, in wieviel hunderten und tausenden von Kirchen jetzt eben in dieser Stunde von der Liebe geredet werden mag, und alle die Pfarrer und Zuhörer können sich nicht satt roicien und satt hören an diesem Wort, denn sie spüren dabei alle den großen Hunger und Durst, der nun einmal in uns Menschen ist. Und sie haben recht, und es könnten gar nicht genug Kirchen und Kapellen gebaut werden, um immer wieder das Geheimnis der Liebe zu verkündigen in alle vier Winde hinaus. Und wenn wir im täglichen Leben von einer Tat hören, von der wir den Eindruck haben: die ist aus Liebe geschehen!, und wenn wir einem Menschen begegnen, der von wirklicher Liebe erfüllt und getrieben ist, dann durchfährt es uns wie ein elektrischer Schlag, und wir können alles Nebensächliche und Ungünstige vergessen und müssen es uns gestehen, ob wir wollen oder nicht, daß da etwas ganz Großes, etwas Göttliches ist. Und umgekehrt, wir mögen längst gewöhnt und abgestumpft sein für allerhand Gemeinheiten und Schlechtigkeiten, wenn wir aber sehen, wie gegen die Liebe gefrevelt wird, dann empört sich doch immer wieder unser Innerstes wie unter einem Peitschenhieb, und es mag ein Mensch noch so reich, noch so gescheit, noch so fromm sein, es ist aber keine Liebe in ihm, so haben wir ein feines Gefühl, das uns sofort sagt: dem fehlt die Hauptsache. Und wie recht, wie recht haben wir, wenn wir diesen Maßstab anlegen! Das Wort begleitet uns in die Einsamkeit, und wir hängen es vielleicht als Spruch an die Wand, um es vor uns zu haben beim Einschlafen und beim Erwachen: Gott ist die Liebe! [vgl.
Aber wohin sind wir gekommen? Das Wort Liebe?! Ist’s mit dem Worte getan? Dürfen wir uns dabei beruhigen: davon rede und höre ich gerne, da ist das ganze Geheimnis Gottes und das ewige Leben dahinter? Kindlein, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit! Es liegt in diesem Satz des
Und unheimlich ist der Eifer, mit dem im privaten und öffentlichen Leben Liebe, Liebesarbeit, Liebestätigkeit geübt wird, wenn es soweit kommt. O, das Bewußtsein ist ja sehr stark unter uns, daß den Armen, den Kranken, den verwahrlosten Kindern, denen, die mit irgend einem Nachteil behaftet ins Leben gekommen sind, den Trinkern, und jetzt im Kriege den Gefangenen, den Internierten, unseren bedürftigen Soldaten geholfen werden müsse, daß alle diese blutenden Wunden am Leib unserer Gesellschaft nicht offen und unverbunden bleiben dürfen. Die Not um uns her stört uns doch, und aus der Tiefe unseres Wesens bricht immer wieder wie eine verschüttete Quelle das Bedürfnis hervor: ich möchte etwas tun, wenn ich kann, für die Brüder, die böser dran sind als ich, und so sind unsere Vereine und Anstalten entstanden, und so wird offen und in der Stille viel getan. Und doch ist etwas Unheimliches an dieser Liebe, und nur kurzsichtige Menschen können sich mit alledem, und wenn noch zehnmal mehr geschähe, zufrieden geben. Denn wo geht eigentlich unsere Liebe auf den Grund? Wo ist die Liebe, die einmal nicht nur Wunden verbinden, sondern verhindern will, daß Wunden geschlagen werden? Wir unterstützen vielleicht gerne die oder jene ärmere Familie, aber wir haben uns noch nie die Mühe genommen, einmal auch nur gründlich nachzudenken darüber, woher eigentlich die kuriosen Gegensätze von Reichtum und Armut kommen. Wir reden gerne einem Trinker zu, er solle doch lassen von seinem Laster, aber wenn man uns fragt, welche Verhältnisse und Gewohnheiten es eigentlich sind, die so manchen Mann ins Laster treiben, ob er will oder nicht, dann werden wir empfindlich und stumm. Wir zahlen gerne unsere Beiträge an die verschiedenen Anstalten, besonders gerne darum, weil wir dann denken, die Pflicht loszusein, uns zu überlegen, warum es überhaupt solche Anstalten geben |305 muß und ob sie nicht viel eher eine Schande als eine Ehre für ein Volk sind, so nützlich und notwendig sie sein mögen. Warum kommt unsere Liebe und Liebestätigkeit immer zu spät, immer erst dann, wenn eigentlich nicht mehr zu helfen, sondern nur noch zu flicken ist? Spielt nicht alle unsere Liebe, auch die eifrigste, immer nur die traurige Rolle der Sanität im Kriege?! Setzen wir nicht am Ende das wunderbare Wort: die Liebe höret nimmer auf! [
Liebe – sie ist das Allerheiligste, aber können wir erwarten, daß es uns im Ernst zuteil werde, das, wonach wir alle so sehnlichst verlangen im Grunde, wenn wir ja doch nur spielen wollen damit? Liebe – ja, sie ist das Wunderwort, in dem Erlösung, Freiheit, Freude auf uns wartet, aber wie kann uns das Wunder erscheinen, wenn wir wollen, daß es doch nur ein Wort bleibe? Liebe – ja, Gott ist die Liebe, und die Liebe ist das große Geheimnis Gottes, vor dem wir nicht tief und innig genug staunen und anbeten können, aber wie soll sich das Geheimnis uns erschließen, wie soll der Gott, der die Liebe ist, zu uns kommen können, wenn wir wohl reden und hören wollen von ihr und etwas fühlen und uns rühren und interessieren lassen und auch wohl einmal ein wenig probieren lieb zu haben – wenn wir aber nicht wollen in Tat und Wahrheit uns von der Liebe ergreifen und erfüllen lassen? Wer wird auf des Herrn Berg gehen, und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist [
Seht, das können wir nicht annehmen. So können wir uns nicht ausschließen lassen. Nicht wahr, da empört sich unsere Seele dagegen: nein, die Liebe ist auch etwas für mich, für uns! Nein, die Liebe ist uns kein bloßes Wort, kann’s und darf’s nicht sein. Und wenn’s zehnmal und |306 hundertmal wahr wäre, daß wir immer nur das Spiel getrieben haben. Es schreit etwas in uns: es ist wahr: unser Kirchenwesen und Christentum, unser Predigen und Predigtenhören von der Liebe ist ein armseliges, furchtsames, fruchtloses Ding! es ist wahr: wir sehen und hören im Leben von Liebe, aber wir leben wie vor der Mauer und wollen nicht gehorsam werden! es ist wahr: wir üben Liebe aneinander und tun es nirgends, nirgends gründlich aus lauter Furcht und Halbheit! Es ist wahr – aber es kann nicht wahr sein, daß dieses wunderbare Wort für uns nichts sei, daß wir nicht liebhaben und Liebe erfahren können. Und wenn der Nebel noch so dick ist, der auf dem Land liegt, er muß zerreißen. Und wenn der Berg noch so hoch ist auf dem Wege vor uns, er muß hinweg. Und wenn der Bann noch so schwer ist, der über uns verhängt sei, er muß gebrochen werden. Wir können von der Liebe nicht lassen. Es ist etwas in uns, das sich gegen dieses Urteil auflehnt, das wir doch, wenn wir aufrichtig sind, selbst über uns aussprechen müssen. Es ist ein Trotz in uns, der sagt: dennoch!
Wißt ihr, was für ein Trotz das ist? Er hat scheinbar gar keinen Grund! Wir haben scheinbar nicht das geringste Recht zu behaupten, daß wir mit der Liebe, der wirklichen Liebe etwas zu schaffen haben. Aber ohne Grund und ohne Recht ist eben in uns eine Erinnerung3 an die Liebe Christi: Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen! Wir können es nicht vergessen, daß die Liebe einmal Tat und Wahrheit geworden ist in der Menschheit, auf der Erde, nicht in dem, was wir bis jetzt gedacht und getan haben, wahrhaftig nicht, aber damals, als Jesus lebte und starb. Dort war einer, der nicht nur redete und hörte, sondern tat. Dort war einer, der nicht nur fühlte, sondern gehorsam war bis zuletzt [vgl.
Das ist der Grund unseres Trotzes, daß wir von der Liebe nicht lassen können in aller unserer Lieblosigkeit. Sonst haben wir keinen Grund. Gott ist unser Grund, der uns dort seine Liebe hat erscheinen lassen. – Das gibt uns das Recht, darauf zu pochen, daß aus dem Wunderwort Liebe noch einmal eine Wahrheit werden muß auf der Erde und für uns alle. Wir haben sonst kein Recht dazu. Gott gibt uns das Recht, der es dort ausgesprochen hat aller unserer Schwachheit zum Trotz, daß wir für die Liebe bestimmt und geschaffen sind.
Und so sollen sich denn auf diesen Grund stellen und so sollen denn dieses Recht in Anspruch nehmen alle, die aufrichtig erschrocken sind über das Spiel, das wir treiben und getrieben haben: Gott ist wahrhaftig und alle Menschen Lügner [
- Nr. 83 «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von
Fr. Oser , Strophen 1-3 (GERS [1952] 194,1.3.2; EG 377,1-3 «Zieh an die Macht») - Aus dem Lied Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von
G. Arnold die Strophen 4-6 (GERS [1952] 306,4-6 mit Textabweichungen; EG 388, nur die Strophen 5b und 6 entsprechen den Schweizer Fassungen)