20. August 1916

Predigt: 1 Johannes 3,14

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1.Johannes 3,14
Liebe Freunde!

Tod und Leben! Wir sprechen wieder einmal die tiefsten Gegensätze unseres Daseins aus, indem wir diese Worte aussprechen.

Wir sagen: Tod!, und vor unseren Augen liegt der Friedhof da draußen mit allen seinen Grabsteinen und Kreuzen, das dunkelste Geheimnis in |293 unserem Dorf und doch auch wieder das Sicherste für uns alle, weil alle unsere verschiedenen Wege dort endgiltig zusammenzulaufen scheinen unter einem Häuflein Erde und ein paar verwelkenden Blumen. Wir sagen: Tod! und denken an endlos lange Leidensstunden im Krankenzimmer und Spital, jetzt sind’s andere Menschen, die sie leiden, einmal werden du und ich so daliegen, von des Todes Hand berührt, und die Frage brennt uns: wozu das eigentlich, dieses Sinnlose, Schreckliche? Wir sagen: Tod!, und wir erinnern uns, daß Krieg rund um uns her ist, daß die Blüte der Völker fällt und fallen muß, nicht durch die Hand eines hohen Schicksals, sondern weil die Menschen in einem großen Irrtum schließlich keinen anderen Ausweg mehr wußten, als einander zu töten wie Kain und Abel, und wir gehören auch zu diesem ratlos verirrten Menschengeschlecht. Wir sagen: Tod! und denken daran, daß wir das Liebste nicht ewig lieb haben können, daß das Größte nicht ganz groß, das Wichtigste nicht auf die Dauer wichtig ist – denken an das Wegnehmen, Verlieren, Vergehen, das in unserem Leben ist, an das große Nichts, das hinter Allem verborgen ist, an die tiefe Traurigkeit, die uns manchmal überfällt mitten in der Arbeit oder in der Freude, an das Gericht, das unwidersprechlich ausgesprochen scheint über das ganze menschliche Wesen. Wir sagen: Tod!, und in uns antwortet der Tod: Ich bin der Sünde Sold! [vgl. Röm. 6,23].

Wir sagen aber: Leben! Und dasselbe Menschendasein ist ganz ein anderes geworden. Eine neue Erde unter uns und ein neuer Himmel über uns, und die alten sind vergangen [vgl. Apk. 21,1]. Wir sagen: Leben!, und das Gericht, das über der Menschheit und über uns allen steht um unserer Schwachheit willen, tritt zurück, und wir hören eine freundliche Verheißung: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! [Jes. 43,1]. Wir sagen: Leben!, und wir ahnen, daß es einen noch tieferen Grund in uns gibt als die tiefe Traurigkeit, und das muß etwas ganz Fröhliches sein! Wir sagen: Leben!, und eine Stimme in uns schreit, das sei eine Lüge, daß hinter Allem nur ein großes Nichts verborgen sei, es gebe ein großes, starkes Etwas, und das müsse zuletzt wahr sein und recht behalten. Wir sagen: Leben!, und alles Verlieren und Vergehen wird zu einem Spiel, das mit Ruhe anfängt und mit Ruhe aufhört; am Ursprung und Ende ist die Ewigkeit, das Bleibende, das Gewisse, das Haltbare. Wir sagen: Leben!, und wir können an den Völkermord im Kriege und an die anderen Irrtümer der Menschheit |294 denken mit einer festen Zuversicht auf den guten Willen, der es zuletzt in der Menschheit gewinnen muß – wir können ans Kranksein, Leiden und Sterben denken als tapfere Kämpfer, die auch in diesen Dunkelheiten etwas zu finden und zu gewinnen haben werden – wir können auf den Friedhof da draußen treten, und die Erdhügel und die Blumen reden uns statt von einem düsteren Geheimnis von einer großen, offenen Hoffnung. Wir sagen: Leben!, und in uns antwortet das Leben: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein! [Ps. 126,1f.].

Wir möchten alle gerne aus dem Tode in das Leben kommen, wie es in unserem Texte heißt.

Die meisten Menschen denken zwar nicht viel nach darüber. – Und zwar die Einen darum nicht, weil sie so stark und fest im Leben drin sind, daß sie es gar nicht nötig haben, lange zu studieren1 darüber, wie man hineinkommt. Ein rechtes, unverdorbenenes, fröhliches Kind z. B. ist einfach im Leben drin. Das sieht man an seinen lustigen und doch so tiefen Augen. Das hört man an seiner frischen, unverzagten Art, zu lachen und zu singen. Es gibt solche Kinder, ich habe besonders in ärmeren Familien schon solche angetroffen. Es sollten alle Väter und Mütter ihre Kinder einmal heimlich darauf ansehen, ob solch ein rechtes Lebenskind darunter ist, und wenn sie kein solches haben, müßten sie sich recht ernstlich überlegen, woher das wohl kommen mag. Es gibt aber zum Glück auch unter den Erwachsenen solche Lebensmenschen, die sind jung gewesen und älter geworden und haben eigentlich wie von sich aus nie etwas Anderes gewußt, als daß man dazu auf der Welt sei, um aus dem Tod ins Leben zu kommen, und mit jedem Tag, den sie neu antreten, machen sie auch wieder ein Stück von dieser glücklichen Reise. Freie, sichere, gottbegnadete Menschen, die wie selbstverständlich dem Tod den Rücken kehren und ins Leben hineinschauen. Die brauchen über die großen Gegensätze des Daseins: Tod und Leben wirklich nicht viel nachzudenken, und wenn wir alle solche Lebensmenschen wären, brauchten wir darüber auch keine Predigten zu halten und zu hören.

Aber bei vielen Anderen hat es leider nicht diesen guten, sondern einen bösen Grund, wenn sie über das Hineinkommen ins Leben nie |295 oder fast nie nachdenken, und der böse Grund ist der, daß sie so stark und fest im Tode drin sind, daß sie gar nicht merken, daß sie auf die Reise sollten. Da blicken die Augen nicht hell und lustig, sondern trüb und verlegen und unaufrichtig, weil sie schon zu viel Trauriges und Böses gesehen haben. Da verbergen sich auch hinter glatten Stirnen und heiteren Gesichtszügen mißliche Erfahrungen, krankhafte Neigungen, unlautere Meinungen und Absichten. Da ist vielleicht äußerlich eine große Sicherheit im Auftreten und Reden, Tun und Lassen, aber inwendig eine arge Ungewißheit: woher und wohin und wozu eigentlich Alles? Da ist vielleicht obenauf lauter Bravheit oder sogar ein scheinbar ganz inniges Verhältnis zu Gott und göttlichen Dingen, aber in der Tiefe die festeste Sklaverei unter verkehrte Verhältnisse und Gewohnheiten, das böseste Spiel von Launen und Vorurteilen und Leidenschaften. So leider schon bei vielen Kindern, so bei noch mehr Erwachsenen. Da ist der Tod das Natürliche, Selbstverständliche, wie bei den Anderen das Leben. Und da ist’s nur zu begreiflich, wenn auch sie lieber nicht nachdenken über diese Dinge.

Ich weiß nun nicht, ob wir, die wir hier sind, mehr zu den Einen gehören, die nicht viel nachdenken über Tod und Leben, weil sie es wirklich nicht nötig haben – oder zu den Anderen, die es nicht gerne tun, weil sie es nur zu nötig hätten. – Aber nötig und unnötig, gern und ungern, Nachdenken und Nicht-Nachdenken hin und her – das ist Tatsache, daß es in uns allen unser tiefstes Fragen und Begehren ist, aus dem Tode in das Leben zu kommen. Wenn wir hineinsehen könnten in die oft so merkwürdig verschlossenen Herzen unserer Mitmenschen oder auch nur einmal in unser eigenes Herz, was vielleicht das Schwerste ist, dann würden wir da überall im tiefsten Grunde dieses Fragen und Begehren sehen. Es gibt Menschen, die leben scheinbar für nichts Anderes als für ihren Beruf und Verdienst – aber eigentlich sind sie auf der Flucht vor dem Tode und suchen das Leben. Es sind Andere, die gehen scheinbar ganz einsam und verbittert und im Krieg gegen alle Übrigen ihren Weg, – aber das tun sie eigentlich nur, weil sie den Tod so hassen und solche Sehnsucht haben nach dem Leben. Es sind solche, die nur in der Natur draußen warm und freudig werden, im Wald oder gar weit weg von hier in den Bergen – es sind Andere, die sind wie toll auf alle lustigen Anlässe –und wieder Andere, denen das Leben verleidet ist und die überall etwas zu klagen und zu schelten haben – oh, man müßte sie alle nur verstehen, |296 wie sie es eigentlich meinen, so würde man den Kampf in ihnen sehen – oft einen Verzweiflungskampf, von Tod und Leben. In den Kindern schon ist dieses Fragen und Begehren das Inwendigste und Tiefste, aber auch noch bei den Alten, die scheinbar schon mit Allem fertig sind. In den vornehmen Herren und Damen, die es scheinbar so gut haben, und in den gewöhnlichen Männern und Frauen, hinter deren Leben scheinbar so gar nichts Besonderes steckt, in den Gebildeten und in den Ungebildeten, in denen, die wissen, daß sie fromm sind, und in den Unsicheren und Zweifelnden und in denen, die von allem religiösen Wesen nichts wissen wollen. Es stehen Alle, wir alle in diesem heimlichen Suchen und Kämpfen, daß wir vom Tode weg möchten und ins Leben hinein.

Wer es zu sehen vermöchte, der würde sehen, wie eigentlich alles unser Eifern und Reden, unser Weinen und Lachen, unsere Neigungen und Sonderbarkeiten, die Tugenden und die Fehler, durch die wir uns voneinander unterscheiden, zu erklären sind durch dieses heimliche Kämpfen in uns. Er würde vielleicht sogar sehen, wie auch in den großen traurigen Irrtümern der Menschheit, in unserem Dienst des goldenen Kalbes [vgl. Ex. 32] und in unserer Eitelkeit und in unserer Zank- und Kriegslust tief verborgen dieses Kämpfen ist, nur daß es den Weg verfehlt hat. –

Und noch etwas würde er sehen, etwas Gutes, Tröstliches, Hoffnungsvolles: wie wir durch dieses Fragen und Begehren in uns, sooft es auf falschem Wege geht, doch eigentlich alle mit Gott verbunden sind. Wir mögen in allen wichtigen und ernsten Dingen sehr verschieden sein von einander. Aber darin ist kein Unterschied zwischen uns, kein Unterschied sogar zwischen Bösen und Guten, Gläubigen und Ungläubigen – darin, daß wir alle ursprünglich und von Haus aus zu Gott gehören. Das zeigt sich eben in unserer inneren Unruhe und Bewegung, daß wir aus dem Tode in das Leben kommen möchten. Gott selber ist es, der uns vom Tode losreißt und zum Leben hinzieht. Und wenn es nun so kämpft und sucht in uns, dann sind wir nicht so ferne von Gott, sondern nehmen Teil an dem, was er selber will und tut. –

Und nun eröffnet sich eben von Gott her, zu dem wir gehören, eine Straße, die aus dem Tode ins Leben führt. Etwas unermeßlich Einfaches ist zu tun zur Lösung von dem, wonach wir alle suchen. Einen kleinen, vielleicht fast unbewußten Schritt über eine schmale, feine Grenze haben jene freien, glücklichen Menschen getan, die im Leben fest und stark drin sind. Und ein kleiner, fast unbewußter Schritt über die gleiche Grenze ist |297 noch nicht getan von den Anderen, die noch fester und stärker vom Tod umschlungen sind. Gott hat einen Sieg erfochten in den Einen, nicht mit Blitz und Donner, gar nicht äußerlich sichtbar und bemerkbar zunächst, sondern wie bei Elia in einem stillen, sanften Sausen [1.Kön. 19,12], und so sind sie auf einmal wie erwacht im Leben und in der ganzen Lebensfreude. Und in den Anderen ist Gott bis jetzt immer noch zu kurz gekommen; sie sind vielleicht auch gar keine schlechten und untüchtigen Leute, aber ein Sieg Gottes ist noch nicht in ihnen, und darum fehlt ihnen die Hauptsache zum Freisein und Glücklichsein, und die Macht des Todes liegt über ihnen wie ein schwerer Bann und Schatten. Und so könnte man es vielleicht von einer ganzen Gemeinde wie der unsrigen sagen: wir haben viele rechte Leute unter uns, gegen die nichts zu sagen ist, und wir haben guten Verdienst und wenig eigentlich Arme und geordnete Verhältnisse, und Schule und Kirche stehen an ihrem Platz und tun ihre Pflicht, aber das ist die feine inwendige Herzens- und Gewissensfrage, über die man freilich nicht diskutieren, sondern nur ganz still nachdenken kann, ob wir die Gottesstraße vom Tode zum Leben wohl schon gegangen sind, ob der Tod unter uns hier wohl noch mächtiger ist oder schon das Leben. Wir spüren manchmal das Ringen und Ziehen der Lebensgeister und Todesgeister hin und her, aber es ist noch zu keiner Klarheit und Entscheidung gekommen. Es wäre unwahr und undankbar, wenn wir sagen wollten: wir sind noch ganz im Tode drin, und die einfache, schöne Gottesstraße ist uns ganz unbekannt. Aber wir können auch das noch nicht sagen mit ganz freiem Gewissen und ohne Selbsttäuschung, was der Apostel Johannes von sich und seiner Gemeinde sagen konnte: wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind. Ich muß noch einmal sagen, daß die Grenze ganz schmal ist, die das eine Gebiet vom anderen trennt, und der Schritt ganz klein, der von der einen Seite auf die andere führt, aber es ist eine Grenze und ein Schritt, und ich möchte euch heute wieder einmal daran erinnern, daß das die wichtigste Zukunftsfrage auch für unsere Gemeinde ist, ob wir immer auf dieser Seite bleiben müssen mit unserem Wesen oder ob es einmal Klarheit und Entscheidung gibt nach der anderen Seite, ob uns die Gottesstraße einmal aufgehen wird und ob wir sie dann tapfer und fröhlich gehen werden.

Es gibt ein sicheres Kennzeichen für jedes einzelne Menschenkind und auch für eine ganze Gemeinde, ob wir uns schon von Gott, zu dem wir gehören, haben weisen lassen oder ob wir noch unsere eigenen Wege |298 rennen, ob der Schritt über die Grenze schon getan ist oder ob wir noch zögernd davor stehen: Wenn wir die Brüder lieben – dann ist’s gut, dann ist’s geschehen, dann sind wir dem Todesreich entgangen und jetzt schon im Leben drin. Wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode, für den ist das Himmelreich noch auf der anderen Seite. Sie muß wirklich einfach sein, die Lösung der Frage, um die wir alle innerlich ringen, wenn sie sich so einfach zeigt und offenbart, nur im Liebhaben oder Nicht-Liebhaben. Es könnte uns fast merkwürdig vorkommen, daß die gewaltigen Gegensätze Tod und Leben, die unser ganzes Dasein erschüttern und bewegen, schließlich auf ein so schlichtes, simples Ja oder Nein herauskommen sollen wie dieses: Liebhaben oder Nicht-Liebhaben. Das kann ja ein zweijähriges Kind schon begreifen. Aber es ist doch so: die Wegweiser auf der Gottesstraße sind die gleichen für die Kindlein und für die reifsten, gescheitesten Männer, und gerade an dieser Einfachheit können wir merken, daß wir es da mit der lautersten Wahrheit zu tun haben.

Wir lieben die Brüder! Lieben wir sie? Stimmt das Kennzeichen? Dann stimmt es auch mit der ganzen Lösung, dann sind wir im Leben.

Liebhaben heißt über die eigene Person hinwegsehen und sich vergessen können. Dann hat der Tod sein Recht an uns verloren. Die Vergänglichkeit, die Traurigkeit und die Sünde haben wahrhaftig nur ein Recht über uns, solange das liebe, dicke Ich unser Herz und unsere Gedanken einnimmt. Wenn wir die Brüder liebhaben und uns selbst ein wenig in die Ecke stellen können, dann fängt das fröhliche Leben an.

Liebhaben heißt Freude haben an den Anderen. Solange wir Freude haben an uns selbst und Ärger an den Anderen, sind wir im Tode. Denn die Zufriedenheit mit uns selbst und die Kritik an den Leuten ist immer das Falsche. Das ist die verkehrte Welt, und aus der kommt Zank und Krieg. Wenn wir Freude bekommen an den Leuten und dabei ganz bescheiden, aber sicher unseren eigenen Weg gehen, dann fängt das Leben an, dann ist der Streit von Kain und Abel zu Ende, bevor er angefangen hat.

Liebhaben heißt das Gute an den Menschen viel wichtiger nehmen als das Böse. Wenn wir so scharf aufpassen auf ihre Fehler und Sünden, wenn wir sie immer wieder einteilen in Böse und Gute, das ist der Tod, da muß uns das Leben und die Welt verleiden, denn je schärfer wir aufpassen, desto mehr Böses sehen wir und kommen zuletzt auf die Vermutung, es gebe wohl gar keine guten Menschen. Wird uns ihr Gutes wichtiger als |299 ihr Böses, dann werden wir ganz ruhig und sicher im Verkehr mit ihnen, und das Leben fängt an.

Liebhaben heißt helfen und einstehen wollen, wo man’s kann und darf. Man kann ja auch bloß zusehen dem Getriebe der Leute wie im Theater, und mancher ist noch recht stolz darauf, daß er bloß so ein Zuschauer ist. Aber das ist etwas ganz Unnatürliches, so gescheite Gedanken und Beobachtungen man sich dabei machen mag. Das ist der Tod, denn das ist etwas ganz Leeres. Das Leben fängt dann an, wenn wir begreifen, daß unser Dasein eine Aufgabe ist. Es warten um uns her eine ganze Schar von Verlegenen, Betrübten, Unsicheren, Verirrten. Sie warten nicht auf unser Zusehen, sondern auf unser Zugreifen, auf unser Wort und auf unsere Hand. Heraus mit den Kräften, die in uns sind! Das ist das Leben, daß wir einander behilflich werden.

Liebhaben heißt zusammenhalten. Sich die Hände geben und nicht mehr anders als gemeinsam Freude und Leid tragen, gemeinsam vorwärtskommen, gemeinsam gegen Not und Unrecht sich wehren wollen. Wo die Menschen wirklich zusammenhalten, da sind sie über die Grenze des Totenreichs hinaus. Ich denke an so viele Eheleute, deren Familienleben noch im Schatten und Bann steht: wie wird das sein, wenn sie einmal dieses «gemeinsam!» so ganz inwendig und tief begreifen werden! Mit was für ganz anderen Gedanken könnten wir an die Gräber unserer Verstorbenen treten, wenn wir im Leben wirklich mit ihnen eins gewesen wären; denn wenn wir im Leben eins werden, dann haben wir auch eine ewige Hoffnung, aber nur dann. Ich denke ganz besonders an das, was in unserer Gemeinde noch so sehr fehlt. Ich höre so manche Klage, auf die ich nichts zu antworten weiß als das: warum haltet ihr nicht zusammen? Ich sehe so manchen Übelstand, von dem ich weiß, er wird nie überwunden werden, solange kein Zusammenhalt ist in der Gemeinde. Zusammenhalten aber würde heißen: sich liebhaben! An wirklicher Bruderliebe würden alle Mäche der Erde zerbrechen. Bruderliebe würde das sichere Zeichen von Leben sein in unserer Gemeinde. Nicht wahr, da sehen wir ganz deutlich den Schritt über die Grenze, der getan werden müßte, und ein kleines Kind könnte uns sagen, warum er noch nicht getan ist.

So stehen wir wohl überall fragend vor dem einfachen Kennzeichen. Und gerade seine Einfachheit sagt uns, daß es etwas Gewaltiges ist, wenn die Gottesstraße sich öffnet vom Tode zum Leben. Aber das Gewaltige |300 kann geschehen. Wir können auf dieser Straße gehen. Christus hat das erlösende Wort gesprochen, auch für uns gesprochen: was geht uns der Tod an und das Totenreich, wir gehören zu den Lebendigen, weil wir zu Gott gehören. Das Wort ist noch nicht durchgedrungen. Sind wir noch schlafend, oder sind wir am Erwachen? Aber das ist sicher: der in uns angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden [vgl. Phil. 1,6]!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 177 «Jehovah, Jehovah, Jehovah, deinem Namen sei Ehre, Macht und Ruhm», Strophen 1.2; Strophe 1 von G. K. Pfeffel (1736–1809) 🎵
  • Nr. 251 «Wenn Christus, der Herr, zum Menschen sich neigt» von N. Kaiser, (1734–1800), Strophen 1.2.5 🎵

Sachfußnoten

1
= grübeln.↩