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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Johannes 3,15-18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Johannes 3,15-18, 27. August 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 300–307.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Johannes 3,15-18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 300-307</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 341</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Joh 3,15-18, 27. August 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1781">KBA 1319</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1916-08-27">27. August 1916</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                        <placeName>Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-08-27">27. August 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                 <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.15 1.Joh.3.18">1.Johannes 3,15–18</ref>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Meine Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Die Liebe! Wunderbares erlösendes <hi rend="italic">Wort!</hi> Wie schnell ist es ausgesprochen oder aufs Papier gesetzt, wie schnell gehört oder gelesen. Und wie gern reden und hören wir davon, nicht wahr? Es ist ja ein ganzes Meer in diesem Wort von dem <hi rend="italic">Leben</hi>, das wir eigentlich alle suchen, und wir werden dem Apostel <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> gerne recht geben, wenn er die Liebe einfach das ewige Leben nennt. Wir hören in diesem Wort alle etwas von unserer Heimat, und wir ahnen darin etwas von unserem höchsten Ziel. Alle Weinenden in der Welt sind eigentlich darüber traurig, daß ihnen die Liebe fehlt, und alle Fröhlichen freuen sich darüber, daß sie die Liebe kennen und haben. In allem Sündigen und Wüsttun<note xml:id="n01">= Sich-ungebärdig- Aufführen.</note> der Menschen ist auch ein geheimes Verlangen nach Liebe, das wütend an seinen Ketten rüttelt und nicht aus noch ein weiß, und wo der Mensch sich erhebt zu edlen, freien, freudigen Gedanken und Taten, da ist’s die Liebe, die ihn treibt und trägt. Die Liebe ist der geheime <hi rend="italic">Mittelpunkt</hi> der Welt und unseres Lebens, geheim, denn wir sehen und hören beständig gar viel Anderes, was nicht Liebe ist, aber doch der Mittelpunkt, denn wir mer<pb xml:id="p301" ed="pga" break="no"/>ken es eigentlich alle, daß sie der Ursprung ist, der uns mit magnetischer Kraft anzieht und zu dem wir wieder hin müssen.</p>
          <p>Und darum macht es uns Freude, das Wort Liebe auszusprechen und anzuhören. Fast mit einer gewissen Verzweiflung <hi rend="italic">klammem</hi> wir uns daran: Liebe! Das ist die Wahrheit! Das ist’s, was ich brauche! Das ist das allein Wichtige in der Welt! Und wir haben nur zu recht! Denkt, in wieviel hunderten und tausenden von <hi rend="italic">Kirchen</hi> jetzt eben in dieser Stunde von der Liebe geredet werden mag, und alle die Pfarrer und Zuhörer können sich nicht satt roicien und satt hören an diesem Wort, denn sie spüren dabei alle den großen Hunger und Durst, der nun einmal in uns Menschen ist. Und sie haben recht, und es könnten gar nicht genug Kirchen und Kapellen gebaut werden, um immer wieder das Geheimnis der Liebe zu verkündigen in alle vier Winde hinaus. Und wenn wir im täglichen Leben von einer <hi rend="italic">Tat hören</hi>, von der wir den Eindruck haben: die ist aus Liebe geschehen!, und wenn wir einem Menschen begegnen, der von wirklicher Liebe erfüllt und getrieben ist, dann durchfährt es uns wie ein elektrischer Schlag, und wir können alles Nebensächliche und Ungünstige vergessen und müssen es uns gestehen, ob wir wollen oder nicht, daß da etwas ganz Großes, etwas Göttliches ist. Und umgekehrt, wir mögen längst gewöhnt und abgestumpft sein für allerhand Gemeinheiten und Schlechtigkeiten, wenn wir aber sehen, wie gegen die Liebe <hi rend="italic">gefrevelt wird</hi>, dann empört sich doch immer wieder unser Innerstes wie unter einem Peitschenhieb, und es mag ein Mensch noch so reich, noch so gescheit, noch so fromm sein, es ist aber keine Liebe in ihm, so haben wir ein feines Gefühl, das uns sofort sagt: dem fehlt die Hauptsache. Und wie recht, wie recht haben wir, wenn wir diesen Maßstab anlegen! Das Wort begleitet uns in die <hi rend="italic">Einsamkeit</hi>, und wir hängen es vielleicht als Spruch an die Wand, um es vor uns zu haben beim Einschlafen und beim Erwachen: Gott ist die Liebe! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8">1.Joh. 4,8</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.16">16</ref>]. O wie gern möchten wir es als <hi rend="italic">Überschrift</hi> und Stempel über unser Leben setzen können, um uns selbst und die anderen Leute zu überzeugen: wir sind auf dem rechten Weg. Es kann den <hi rend="italic">Reichen</hi> nicht wohl sein bei ihrem Geld; sie müssen wenigstens einen Teil davon alle Jahre hergeben für Arme, für Kranke, für gemeinnützige Vereine, sie freuen sich darüber, daß sie es können, daß doch auch ihr Leben unter der Liebe steht. Es ist unserem ganzen <hi rend="italic">Volk</hi> nicht wohl dabei, bloß materielle Fortschritte und allenfalls Fortschritte in der Bildung zu machen, und darum müssen alle die wohltätigen Anstalten im Lande sein, <pb xml:id="p302" ed="pga"/> und wir zahlen willig unsere Beiträge dafür, nur weil wir das Wort Liebe nicht vermissen möchten in unserem Volksleben. Es könnte den <hi rend="italic">Staatsmännern</hi> und Fürsten nicht wohl sein auf ihren hohen Posten, wenn nicht auch sie irgendwie unter der Liebe sein könnten mit ihren Plänen und Unternehmungen, und sogar das Schrecklichste, für das sie verantwortlich sind, der Krieg, soll durch die Liebe, die Vaterlandsliebe gedeckt und entschuldigt sein. Und dem dunkelsten Rätsel, dem <hi rend="italic">Tode</hi>, zu Trotz schreiben wir es auf die Grabsteine: Die Liebe höret nimmer auf [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>]! und ahnen kaum, wie tief und wahr das ist, wenn wir gerade gegen den Tod das Wunderwort Liebe aussprechen!</p>
          <p>Aber wohin sind wir gekommen? Das <hi rend="italic">Wort</hi> Liebe?! Ist’s mit dem Worte getan? Dürfen wir uns dabei beruhigen: davon rede und höre ich gerne, da ist das ganze Geheimnis Gottes und das ewige Leben dahinter? Kindlein, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit! Es liegt in diesem Satz des <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName> eine ganze Flut von wichtigen und schweren Fragen für uns. Was <hi rend="italic">wollen wir eigentlich</hi>, wenn wir nach Liebe verlangen? Wollen wir einen schönen Ton hören, der unser Herz rührt und bewegt, wie ein Schweizer in <placeName ref="kbga-places-62">Amerika</placeName> gern einmal unter all den fremden Leuten einen Brief aus der Heimat bekommt und liest? Oder wollen wir eine köstliche Frucht pflücken von einem Baum, den wir nicht gepflanzt und nicht gepflegt haben und die uns darum nicht gehört? Oder wollen wir eine kostbare Decke legen über allerhand Schmutz und Gerumpel in der Hoffnung, daß es niemand einfallen werde, sie aufzuheben? Wissen wir eigentlich, was <hi rend="italic">die Liebe ist?</hi> Etwas nicht zum Davon-Reden und -Hören, sondern etwas Lebendiges, das geschehen will! Etwas Eigenes, das man nicht ernten kann, man habe denn gesät! Etwas Feines und Reines, das nicht in jede begehrliche Hand fallt, die sich danach ausstreckt! Etwas Wahrhaftiges, das man nicht ungestraft bloß so als Überschrift und Stempel verwendet! O meine Freunde, wenn wir bei unserem so eifrigen Verlangen nach Liebe einmal ernst und aufrichtig werden, dann ist’s mir, müßten wir eigentlich vor Allem <hi rend="italic">erschrecken</hi> über uns selbst, erschrecken darüber, was wir eigentlich für ein Spiel treiben mit diesem Allerheiligsten. Oder ist’s nicht so? Hat es nicht geradezu etwas Unheimliches, gerade an das unendlich viele, eifrige Predigen und Hören von der Liebe in den <hi rend="italic">Kirchen</hi> zu denken? Ist das eigentlich ein Spiel, oder ist etwas daraus geworden? In unserem Text ist z. B. von zwei großen schlimmen Erscheinungen die Rede, vom Haß, <pb xml:id="p303" ed="pga"/> der zum Totschlag, zum Krieg führt, und von dem Mammonssinn, der sich, zufrieden in seinem Besitz, innerlich verschließt vor der Not der anderen, die nichts besitzen. Das sind Dinge, die gegen die Liebe sind; die Liebe Gottes, das ewige Leben, heißt es, kann nicht bleiben in den Menschen, wenn diese Dinge gelten. <hi rend="italic">Darf</hi> man das sagen und <hi rend="italic">will</hi> man das hören in den Kirchen, ja oder nein? <hi rend="italic">Hat</hi> man das gesagt, und <hi rend="italic">ist</hi> das gehört worden in den Kirchen, ja oder nein? Haben es die Pfarrer gepredigt, daß die Liebe der Gleichgiltigkeit und dem Trotz der Menschen ihre Waffen aus der Hand nehmen [will], daß die Liebe allen Besitz und alles Genießen zum Unrecht macht, solange daneben der Jammer der Brüder zum Himmel schreit, oder haben sie über diese peinlichen Dinge geschwiegen oder nur undeutlich geredet? Und wenn sie davon gepredigt haben, hat man’s gehört und aufgenommen, und ist etwas daraus geworden unter den Christen, oder haben sie sich davor gefürchtet und die Ohren verstopft? Ihr mögt selber urteilen. Mir kommt diese Frage unheimlich vor. Mir kommt’s vor, an diesem Spiel mit der Liebe könnte noch einmal unser ganzes Kirchenwesen und Christentum einfach zu Grunde gehen. Und jedenfalls dürfen wir uns nicht wundern, wenn es ehrliche Menschen gibt, die schon jetzt der Meinung sind, was wir hier treiben, sei Schall und Rauch, denn es sei ja doch nur ein Liebhaben mit Worten und mit der Zunge, eine Liebe, die die Wahrheit zu scheuen hat. – Oder ist’s nicht etwas Unheimliches, wie wir alle uns <hi rend="italic">freuen darüber</hi>, im Leben draußen von Zeit zu Zeit etwas zu sehen und zu hören von wirklicher Liebe oder einen von den seltenen Menschen kennen zu lernen, denen man’s anspürt: sie sind so stark, weil so viel Liebe in ihnen ist? Und dann sagen wir: ja, ein merkwürdiges, rührendes Erlebnis das! ein lieber, interessanter Mensch! und fahren fort genau wie bisher, ganz gleich empfindlich, ganz gleich zugreifig und behäbig in Geldsachen wie gestern. Ich denke daran, wie es mit den Büchern und Erzählungen von <persName ref="kbga-actors-1412">Leo Tolstoj</persName> gegangen ist. <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstoj</persName> ist einer der gewaltigsten Propheten der Liebe gewesen, und man kann ihn nicht lesen, ohne auf Schritt und Tritt zu spüren: ja, er hat recht! ja, so ist’s! Und er wurde gelesen, und man hat unendlich viel gescheite und wahre Dinge über ihn gesagt, und man hat ihn teilweise als Schriftsteller bis in den Himmel erhoben.<note xml:id="n02">Einen Bericht über die Publikationen aus Anlaß von <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstojs</persName> 80. Geburtstag im Jahre <date when="1908">1908</date> resümiert 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2409">
            Chr. Sulz, 
            <hi rend="italic">Die Aufnahme Tolstois in der zeitgenössischen deutschen Kritik</hi>, 
            in: L. N. Tolstoi. Aufsätze und Essays zum 50. Todestag, 
            hrsg. von N. Ludwig, 
            Halle/Saale 1960, 
            S. 125</bibl>, folgendermaßen: «So hat man denn den russischen Bauern-Grafen … als Propheten, Apostel, Patriarchen, Menschheitsftihrer, Pilger, Bekenner, als Philosophen, Religionsstifter, Sozialreformer, Erzieher, Lehrer, Kämpfer für Freiheit und Recht, ja als das Gewissen <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> gefeiert…»</note> Und dann <pb xml:id="p304" ed="pga"/> fuhr man auch weiter wie bisher, und es trifft sich merkwürdig, daß nun gerade die Zeit, die sich an <persName ref="kbga-actors-1412">Tolstojs</persName> Zeugnis von der Liebe erbaut und begeistert hat, den größten und schrecklichsten Krieg fuhren muß. Ist das nicht unheimlich, diese Freude, die wir haben an der Liebe, und diese völlige und selbstverständliche Unwilligkeit, aus der Liebe Wahrheit werden zu lassen?</p>
          <p>Und unheimlich ist <hi rend="italic">der Eifer</hi>, mit dem im privaten und öffentlichen Leben Liebe, Liebesarbeit, Liebestätigkeit geübt wird, wenn es soweit kommt. O, das Bewußtsein ist ja sehr stark unter uns, daß den Armen, den Kranken, den verwahrlosten Kindern, denen, die mit irgend einem Nachteil behaftet ins Leben gekommen sind, den Trinkern, und jetzt im Kriege den Gefangenen, den Internierten, unseren bedürftigen Soldaten geholfen werden müsse, daß alle diese blutenden Wunden am Leib unserer Gesellschaft nicht offen und unverbunden bleiben dürfen. Die Not um uns her stört uns doch, und aus der Tiefe unseres Wesens bricht immer wieder wie eine verschüttete Quelle das Bedürfnis hervor: ich möchte etwas tun, wenn ich kann, für die Brüder, die böser dran sind als ich, und so sind unsere Vereine und Anstalten entstanden, und so wird offen und in der Stille viel getan. Und doch ist etwas Unheimliches an dieser Liebe, und nur kurzsichtige Menschen können sich mit alledem, und wenn noch zehnmal mehr geschähe, zufrieden geben. Denn wo geht eigentlich unsere Liebe auf den Grund? Wo ist die Liebe, die einmal nicht nur Wunden verbinden, sondern verhindern will, daß Wunden geschlagen werden? Wir unterstützen vielleicht gerne die oder jene ärmere Familie, aber wir haben uns noch nie die Mühe genommen, einmal auch nur gründlich nachzudenken darüber, woher eigentlich die kuriosen Gegensätze von Reichtum und Armut kommen. Wir reden gerne einem Trinker zu, er solle doch lassen von seinem Laster, aber wenn man uns fragt, welche Verhältnisse und Gewohnheiten es eigentlich sind, die so manchen Mann ins Laster treiben, ob er will oder nicht, dann werden wir empfindlich und stumm. Wir zahlen gerne unsere Beiträge an die verschiedenen Anstalten, besonders gerne darum, weil wir dann denken, die Pflicht loszusein, uns zu überlegen, warum es überhaupt solche Anstalten geben <pb xml:id="p305" ed="pga"/> muß und ob sie nicht viel eher eine Schande als eine Ehre für ein Volk sind, so nützlich und notwendig sie sein mögen. Warum kommt unsere Liebe und Liebestätigkeit immer zu spät, immer erst dann, wenn eigentlich nicht mehr zu helfen, sondern nur noch zu flicken ist? Spielt nicht alle unsere Liebe, auch die eifrigste, immer nur die traurige Rolle der Sanität im Kriege?! Setzen wir nicht am Ende das wunderbare Wort: die Liebe höret nimmer auf! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.8">1.Kor. 13,8</ref>] darum auf die Grabsteine der Toten, weil unsere Liebe im Leben immer gerade da aufhört, wo sie anfangen sollte? Ist das nicht unheimlich?, frage ich, unsere Liebe, die nicht in Wahrheit liebhaben will? – und ist das alles nicht eben ein Spiel mit dem Allerheiligsten?|</p>
          <p>Liebe – sie <hi rend="italic">ist</hi> das <hi rend="italic">Allerheiligste</hi>, aber können wir erwarten, daß es uns im Ernst zuteil werde, das, wonach wir alle so sehnlichst verlangen im Grunde, wenn wir ja doch nur spielen wollen damit? Liebe – ja, sie <hi rend="italic">ist</hi> das <hi rend="italic">Wunderwort</hi>, in dem Erlösung, Freiheit, Freude auf uns wartet, aber wie kann uns das Wunder erscheinen, wenn wir wollen, daß es doch nur ein Wort bleibe? Liebe – ja, <hi rend="italic">Gott</hi> <hi rend="italic">ist</hi> die Liebe, und die Liebe ist das große Geheimnis Gottes, vor dem wir nicht tief und innig genug staunen und anbeten können, aber wie soll sich das Geheimnis uns erschließen, wie soll der Gott, der die Liebe ist, zu uns kommen können, wenn wir wohl reden und hören wollen von ihr und etwas fühlen und uns rühren und interessieren lassen und auch wohl einmal ein wenig probieren lieb zu haben – wenn wir aber <hi rend="italic">nicht</hi> wollen in Tat und Wahrheit uns von der Liebe ergreifen und erfüllen lassen? Wer wird <hi rend="italic">auf des Herrn Berg</hi> gehen, und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.3 Ps.24.4">Ps. 24,3f.</ref>]. Wir sind nicht reines Herzens und haben keine unschuldigen Hände, wir mit unserer Liebe, in der so wenig Wahrheit ist. So sind wir denn ausgeschlossen, so ist denn die Liebe, der große sonnige Mittelpunkt der Welt Gottes, nichts für uns? So müssen wir mit einem bloßen, leeren Wort schließlich dastehen als solche, die wohl möchten, aber nichts im Ernste zu Stande bringen, als solche, die wohl könnten, aber nie dazu kommen, daß sie einmal wahrhaftig wollen?</p>
          <p>Seht, das können wir <hi rend="italic">nicht annehmen</hi>. So können wir uns nicht ausschließen lassen. Nicht wahr, da empört sich unsere Seele dagegen: nein, die Liebe ist auch etwas für mich, für uns! Nein, die Liebe ist uns kein bloßes Wort, kann’s und darf’s nicht sein. Und wenn’s zehnmal und <pb xml:id="p306" ed="pga"/> hundertmal wahr wäre, daß wir immer nur das Spiel getrieben haben. Es schreit etwas in uns: es ist <hi rend="italic">wahr</hi>: unser Kirchenwesen und Christentum, unser Predigen und Predigtenhören von der Liebe ist ein armseliges, furchtsames, fruchtloses Ding! es ist wahr: wir sehen und hören im Leben von Liebe, aber wir leben wie vor der Mauer und wollen nicht gehorsam werden! es ist wahr: wir üben Liebe aneinander und tun es nirgends, nirgends gründlich aus lauter Furcht und Halbheit! Es ist wahr – aber es kann <hi rend="italic">nicht wahr sein</hi>, daß dieses wunderbare Wort für uns nichts sei, daß wir nicht liebhaben und Liebe erfahren können. Und wenn der Nebel noch so dick ist, der auf dem Land liegt, er muß zerreißen. Und wenn der Berg noch so hoch ist auf dem Wege vor uns, er muß hinweg. Und wenn der Bann noch so schwer ist, der über uns verhängt sei, er muß gebrochen werden. Wir können von der Liebe nicht lassen. Es ist etwas in uns, das sich gegen dieses Urteil auflehnt, das wir doch, wenn wir aufrichtig sind, selbst über uns aussprechen müssen. Es ist ein Trotz in uns, der sagt: dennoch!</p>
          <p>Wißt ihr, <hi rend="italic">was für ein Trotz</hi> das ist? Er hat scheinbar gar keinen Grund! Wir haben scheinbar nicht das geringste Recht zu behaupten, daß wir mit der Liebe, der wirklichen Liebe etwas zu schaffen haben. Aber ohne Grund und ohne Recht ist eben in uns eine Erinnerung<note xml:id="n03">
                            <ref corresp="A">Mskr.</ref> irrtümlich: «in uns Erinnerung in uns»; Streichung vorn Hrsg.</note> an die Liebe Christi: Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen! Wir können es nicht vergessen, daß die Liebe einmal <hi rend="italic">Tat und Wahrheit</hi> geworden ist in der Menschheit, auf der Erde, nicht in dem, was wir bis jetzt gedacht und getan haben, wahrhaftig nicht, aber damals, als Jesus lebte und starb. Dort war einer, der nicht nur redete und hörte, sondern tat. Dort war einer, der nicht nur fühlte, sondern gehorsam war bis zuletzt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.8">Phil. 2,8</ref>]. Dort war einer, der nicht nur probierte auf der Oberfläche, sondern dem Übel und dem Bösen auf den Grund ging. Das war Liebe, wirkliche Liebe. Und wir können es nicht vergessen, daß damit auch uns <hi rend="italic">ein Weg aufgetan</hi> wurde: wir sind ihn zwar noch nicht gegangen, wir haben erst etwas geahnt, erst geseufzt, erst einen feinen, fernen Lichtstrahl aufgefangen von der ganzen Wahrheit: wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen! Wir sind auch bestimmt zum Handeln, zum Ernstmachen, zum Gründlichwerden in der Liebe. Das wissen wir nicht aus <pb xml:id="p307" ed="pga"/> dem, was wir bis jetzt getan haben, wohl aber aus dem, was er uns und der ganzen Menschheit gesagt hat.</p>
          <p>Das ist <hi rend="italic">der Grund</hi> unseres Trotzes, daß wir von der Liebe nicht lassen können in aller unserer Lieblosigkeit. Sonst haben wir keinen Grund. Gott ist unser Grund, der uns dort seine Liebe hat erscheinen lassen. – Das gibt uns <hi rend="italic">das Recht</hi>, darauf zu pochen, daß aus dem Wunderwort Liebe noch einmal eine Wahrheit werden muß auf der Erde und für uns alle. Wir haben sonst kein Recht dazu. Gott gibt uns das Recht, der es dort ausgesprochen hat aller unserer Schwachheit zum Trotz, daß wir für die Liebe bestimmt und geschaffen sind.</p>
          <p>Und so sollen sich denn auf diesen Grund <hi rend="italic">stellen</hi> und so sollen denn dieses Recht in <hi rend="italic">Anspruch</hi> nehmen alle, die aufrichtig erschrocken sind über das Spiel, das wir treiben und getrieben haben: Gott ist wahrhaftig und alle Menschen Lügner [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.4">Röm. 3,4</ref>]. Es ist aber der Weg offen, der von dem leeren Wort zur Tat und zur Wahrheit führt.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lieder:</head> 
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            <bibl corresp="kbga-songs-88" type="song">Nr. 83 «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von <persName ref="kbga-actors-1389">Fr. Oser</persName>, Strophen 1-3 (GERS [1952] 194,1.3.2; EG 377,1-3 «Zieh an die Macht»)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-60" type="song">Aus dem Lied Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von <persName ref="kbga-actors-1342">G. Arnold</persName> die Strophen 4-6 (GERS [1952] 306,4-6 mit Textabweichungen; EG 388, nur die Strophen 5b und 6 entsprechen den Schweizer Fassungen)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1914" target="b0083">Nr. 83</ref> «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von Fr. Oser, Strophen 1-3 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 194, 1. 3. 2</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 377, 1-3 «Zieh an die Macht»)</bibl>
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            <item>Aus dem Lied <ref type="pub" subtype="bib1-ein1934" target="b0297">Nr. 297</ref> «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold die Strophen 4-6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [<date when="1952">1952</date>] 306, 4-6 mit Textabweichungen</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 388, nur die Strophen 5b und 6 entsprechen den Schweizer Fassungen)</bibl>
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