Predigt: 1 Johannes 3,19-20
Jesus Christus hat nicht umsonst gelebt. Die Türe, die damals aufgegangen ist, ist nicht wieder ins Schloß gefallen. Die Quelle, die dort aufgebrochen ist, ist nicht ganz verschüttet. Das angezündete Licht ist nicht wieder erloschen. Es ist etwas geschehen seither und geschieht noch. Wenig genug. (Es hätte viel, viel mehr geschehen sollen und geschehen können!) Aber auch nicht nichts. Das, was dort begonnen hat, ist in seinem Lauf aufgehalten, gestört worden, aber nicht unterdrückt, nicht vernichtet, nicht aus der Welt geschafft. Es geht seinen Gang weiter in |308 aller Verborgenheit und ist in aller Stille das Wichtigste und Einflußreichste in der Welt, wichtiger und stärker als alles Geld und alle Kanonen der Menschen. Es hat Zeit, es kann warten. Es drängt und treibt nur ganz heimlich und innerlich in Millionen von Menschenseelen einer Entscheidung entgegen, die jetzt offenbar noch nicht reif ist. Einmal wird sie dann reif, und das Verborgene bricht hervor an die Öffentlichkeit. Es wird dann aus dem Wenigen viel werden. Es wird sein wie das Losbrechen eines lang gehemmten Stromes. Die Menschen werden sich wundern, wie sie nur jahrtausendelang blinzeln oder gar die Augen schließen konnten, statt sie weit zu öffnen. Die Erde wird dann voll werden von der Erkenntnis des Herrn, wie es schon die alten Propheten gesagt haben, daß es kommen müsse [vgl.
Man könnte manchmal daran zweifeln. Aber es ist ein Zeichen dafür da, daß dieses Verborgene auch in dieser Zwischenzeit, in der wir leben, wo Gott scheinbar einfach wartet, da ist und seinen Lauf geht. Man könnte alle Menschen in zwei Gruppen einteilen: in solche, die das Zeichen merken und verstehen, und in solche, die nichts merken und verstehen. Die Ersteren haben dann tief inwendig in sich eine gewisse Klarheit und Freudigkeit, während in den Letzteren etwas Verworrenes und darum Betrübtes, Unzufriedenes ist. Aber vielleicht sagen wir besser, daß wir alle etwas von beiden Sorten Menschen in uns haben, und Beides kämpft und ringt in uns miteinander: das Merken und das Nicht-Merken, das Verstehen und das Nicht-Verstehen. Wenn wir weiter wären in dem Achtgeben auf das Zeichen, wenn wir uns mehr Mühe geben würden, darin weiter zu kommen, dann könnte Gott auch besser voran machen mit seiner verborgenen Arbeit. Wir müßten aufmerksamer werden, so könnte die Zwischenzeit, wo so wenig geschieht, an dem wir Freude haben können, wo die eigentliche Herrlichkeit des Lebens gleichsam unterirdisch ist, abgekürzt werden.
Das Zeichen von dem, was Gott in der Stille tut, ist das, daß Menschen sich liebhaben können. Es gibt ja Vieles, was Liebe heißt und keine ist; aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Es gibt auch ein rechtes Sich-Liebhaben. Und wo das ist, da könnten wir merken, daß Gott sich nicht zurückgezogen hat aus der Welt. Da kommt etwas an den Tag von dem, was Christus unter uns Menschen begründet und angefangen hat, ja von |309 Gottes eigener, großer Arbeit. Wie das Licht und die Wärme von der Sonne kommen, so alles rechte Sich-Liebhaben von Gott. Wo etwas davon ist, da zeigt sich’s, daß das gleiche in der Menschheit ist, was ihr vor 2000 Jahren in Christus aufgegangen ist und daß das nicht aufhören kann, an uns zu schaffen. Sich-Liebhaben ist etwas Stilles und Ruhiges, je mehr Lärm es macht, desto weniger echt und recht ist es – und doch ist gerade es das Anzeichen von etwas ganz Stürmischem, Gewaltigem, Unruhigem, das in den Menschen, ja auch in der Natur vor sich geht, von dem Wachsen und Drängen der Herrlichkeit Gottes, die ans Licht treten und endlich allein da sein will. Sich-Liebhaben ist etwas ganz Schlichtes und Unauffälliges: in den Zeitungen und in den Parlamenten ist nicht davon die Rede, nicht einmal in der Gemeindeversammlung von
Man möchte ja schon manchmal zweifeln, ob Gott eigentlich recht hat oder ob nicht das Leben ein großer Unsinn ist, in dem niemand recht hat und in dem man am besten darauf verzichtet, etwas Besseres zu erwarten. Denkt nur an das, was wir in den letzten Tagen erlebt haben: ein Volk, das |310 nun während zwei Jahren wie wir die Segnungen des Friedens erfahren durfte, stürzt sich nun, ohne den Schatten eines ernsthaften Grundes, nur aus Politik, die man im Privatleben Diebstahl nennen würde, auch noch in die Flammenhölle des Krieges.3 Und in den gleichen Tagen stehen angesehene und mächtige Männer auf und stellen die Frage, ob wir Schweizer nicht auch mitmachen wollten?4 Also das ist nun der Ertrag von dem, was die Menschen aus all dem Furchtbaren dieser Zeit hätten lernen sollen? Und wenn wir, die wir hier sind, wahrscheinlich alle uns gegen diese Vorgänge empören und den Krieg von Herzen satt haben und verabscheuen – können wir darum, wenn wir’s ernst nehmen, an uns selber mehr Freude haben? Das Schweizervolk will nächstens zum dritten Mal seinen Bettag in der Kriegszeit begehen5, was wollen wir damit? Ist in dieser Zeit etwas von einem anderen, besseren Geist unter uns entstanden, von dem Geist, aus dem allein eine andere, bessere Zukunft hervorgehen könnte? Wo sind auch nur die Einzelnen, die aufstehen und bekennen dürften: ich bin in diesen Jahren friedliebender, gerechter, wahrhaftiger – oder wir wollen sagen: tiefer, ernster, einfacher geworden, habe diese große Zeit gut benützt, habe auf Gottes gewaltige Stimme gehört und bin ihm näher gekommen? Ist nicht Alles im Alten und sind wir nicht alle die Gleichen? Da mag nun ein Jeder in seine eigene Seele hineinleuchten – Gott weiß es und sieht es, wie aufrichtig er dabei sein wird –, ich meine aber, wenn wir auf uns sehen und unseren eigenen Worten zuhören und uns selbst beobachten, wie wir’s treiben miteinander, so werden wir daraus kaum große Hoffnungen schöpfen und sagen können: |311 ja, es geht vorwärts mit uns, und es kommen bessere Zeiten, geschweige denn, daß wir behaupten könnten, wir spürten etwas von dem, was Gott tut und geschehen läßt. Im Gegenteil, nicht wahr, da kommt Zweifel um Zweifel, da kommt es uns vor, Gott tue wenig oder nichts in der Welt und habe sich wohl vor unserem ganzen Treiben, vor dem der Rumänen und Italiener6 so gut wie vor dem von uns Schweizern, traurig und mit Verachtung zurückgezogen. Wir sehen eben, wohin wir auch blicken, ganz andere Gedanken und Kräfte im Spiel als die Gedanken und Kräfte Gottes. Wir sehen alles mögliche Menschliche im Lauf in der Welt, aber nicht das, was Christus da angefangen hat. Der bekannte deutsche Schriftsteller
Und nun fragt es sich, ob wir nur das sehen; ob wir nur Augen haben für das, was von den Menschen kommt und was die Menschen tun. Dann müssen wir zweifeln. Dann wollte ich auch sagen: es gibt keine Wahrheit und keinen Fortschritt. Es bleibt Alles im Alten, und wir bleiben alle die Gleichen. Es ist eine Narrheit, etwas Besseres zu erwarten. Es geht Alles nur im Kreis herum in dieser unvollkommenen Welt oder wie der Pendel9 einer Uhr hin und her zwischen Gut und Böse. – Aber wer merkt, der merkt, und wer versteht, der versteht das Zeichen von dem, was im Verborgenen geschieht: nicht auf den Schlachtfeldern, nicht in den Zeitungen, nicht auf der Straße, nicht in den Versammlungen, nicht in den Kirchen und Kapellen – eigentlich nicht einmal in unseren Seelen –, denn bei Allem, was wir tun und denken, kann auch der Zweifel sich einstellen und muß unser Herz uns zuletzt verdammen. Es geschieht aber etwas im Verborgenen bei Gott und darum schließlich doch auch überall: auch mitten in den Ausbrüchen der menschlichen Sünde, mitten im Greuel der Verwüstung [
Ihr müßt das ganz einfach verstehen. Eine Mutter, die von Weitem an alle ihre Kinder denkt, jedem nachgeht auf seinen besonderen Wegen, für jedes einen besonderen guten Wunsch und vielleicht ein besonderes Gebet hat. Ein Mann und eine Frau, die sich Jahr für Jahr besser verstehen und schneller vergeben und treuer helfen können. Ein Soldat im Feld, der sein Letztes teilt mit den Kameraden, vielleicht mit dem Feind. Ein Arbeiter, in dessen Kopf auf einmal ein Licht aufgeht, daß das gemeinsame über dem eigenen persönlichen Interesse steht. Zwei Freunde, die sich’s vorgenommen haben, unter allen Umständen daran zu glauben, daß der Andere das Rechte will. Das sind alles scheinbar ganz einfache, natürliche, menschliche Dinge. Aber die geschehen nicht von den Menschen, sondern von Gott her. Da leuchtet ein Funke auf im Menschenleben vom Leben Gottes. Da wächst in unserer alten Welt ein Same von der neuen Welt Gottes. Nicht wahr, da fällt uns gar nicht ein, uns damit zu rühmen, wenn wir jemand recht lieb haben, oder daraus ein Verdienst zu machen. Bravsein, Fleißigsein, Gescheitsein, sogar Frommsein – das kann unser Eigenes sein, das können wir selbst machen, wenn wir wollen, und dann auch stolz sein darauf – das Liebhaben nicht. Da wissen wir alle recht gut: das kommt nicht aus mir, sondern das kommt über mich, das kommt zu mir wie ein Geschenk, ich muß eben liebhaben. Und wenn wir die Welt ansehen und sehen, daß es unter all dem Haufen von Irrtum und Sünde, mitten im Krieg, mitten in
Und daran, an diesem Zeichen, erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz damit stillen, daß, so uns unser Herz verdammt, Gott größer ist denn unser Herz. Dieses Zeichen steht gegen Alles, was uns zum Zweifeln veranlassen könnte. Wie eine Bergspitze über die Nebel und Wolken emporragt, so das Zeichen Gottes über alles Gewöhnliche und Menschliche. Es scheint so schlicht und bescheiden, aber Gott ist dahinter, der Gott, dessen Wille vor 2000 Jahren wieder gewaltig |314 in Bewegung gekommen ist und der seitdem nicht mehr ruhen will. O, wir können das ganz ruhig nebeneinander stellen: alles unbegreifliche Tun der Menschen, alles Elend und alle Verzweiflung auf der Erde, alles Unheimliche und Trübe, was jedes in sich selber finden [kann] – das alles auf die eine Seite, und dann verdammt uns unser Herz und fragt: was haben wir, was habe ich mit Gott zu schaffen, ist Gott nicht ein Fremdling geworden unter uns [vgl.
- Nr. 225 «Ist Gott für mich, so trete» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 und nach der Predigt 4.6.9 (GERS [1952] 1-3.4.6.10; EG 351,1-3.5b+6b.9.13)