3. September 1916

Predigt: 1 Johannes 3,19-20

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1.Johannes 3,19–20
Liebe Freunde!

Jesus Christus hat nicht umsonst gelebt. Die Türe, die damals aufgegangen ist, ist nicht wieder ins Schloß gefallen. Die Quelle, die dort aufgebrochen ist, ist nicht ganz verschüttet. Das angezündete Licht ist nicht wieder erloschen. Es ist etwas geschehen seither und geschieht noch. Wenig genug. (Es hätte viel, viel mehr geschehen sollen und geschehen können!) Aber auch nicht nichts. Das, was dort begonnen hat, ist in seinem Lauf aufgehalten, gestört worden, aber nicht unterdrückt, nicht vernichtet, nicht aus der Welt geschafft. Es geht seinen Gang weiter in |308 aller Verborgenheit und ist in aller Stille das Wichtigste und Einflußreichste in der Welt, wichtiger und stärker als alles Geld und alle Kanonen der Menschen. Es hat Zeit, es kann warten. Es drängt und treibt nur ganz heimlich und innerlich in Millionen von Menschenseelen einer Entscheidung entgegen, die jetzt offenbar noch nicht reif ist. Einmal wird sie dann reif, und das Verborgene bricht hervor an die Öffentlichkeit. Es wird dann aus dem Wenigen viel werden. Es wird sein wie das Losbrechen eines lang gehemmten Stromes. Die Menschen werden sich wundern, wie sie nur jahrtausendelang blinzeln oder gar die Augen schließen konnten, statt sie weit zu öffnen. Die Erde wird dann voll werden von der Erkenntnis des Herrn, wie es schon die alten Propheten gesagt haben, daß es kommen müsse [vgl. Jes. 11,9; Hab. 2,14 u. ö.]. Daß das komme, dazu hat Jesus Christus gelebt. Er hat mit seinem Leben diesem Kommen die Bahn gebrochen.

Man könnte manchmal daran zweifeln. Aber es ist ein Zeichen dafür da, daß dieses Verborgene auch in dieser Zwischenzeit, in der wir leben, wo Gott scheinbar einfach wartet, da ist und seinen Lauf geht. Man könnte alle Menschen in zwei Gruppen einteilen: in solche, die das Zeichen merken und verstehen, und in solche, die nichts merken und verstehen. Die Ersteren haben dann tief inwendig in sich eine gewisse Klarheit und Freudigkeit, während in den Letzteren etwas Verworrenes und darum Betrübtes, Unzufriedenes ist. Aber vielleicht sagen wir besser, daß wir alle etwas von beiden Sorten Menschen in uns haben, und Beides kämpft und ringt in uns miteinander: das Merken und das Nicht-Merken, das Verstehen und das Nicht-Verstehen. Wenn wir weiter wären in dem Achtgeben auf das Zeichen, wenn wir uns mehr Mühe geben würden, darin weiter zu kommen, dann könnte Gott auch besser voran machen mit seiner verborgenen Arbeit. Wir müßten aufmerksamer werden, so könnte die Zwischenzeit, wo so wenig geschieht, an dem wir Freude haben können, wo die eigentliche Herrlichkeit des Lebens gleichsam unterirdisch ist, abgekürzt werden.

Das Zeichen von dem, was Gott in der Stille tut, ist das, daß Menschen sich liebhaben können. Es gibt ja Vieles, was Liebe heißt und keine ist; aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Es gibt auch ein rechtes Sich-Liebhaben. Und wo das ist, da könnten wir merken, daß Gott sich nicht zurückgezogen hat aus der Welt. Da kommt etwas an den Tag von dem, was Christus unter uns Menschen begründet und angefangen hat, ja von |309 Gottes eigener, großer Arbeit. Wie das Licht und die Wärme von der Sonne kommen, so alles rechte Sich-Liebhaben von Gott. Wo etwas davon ist, da zeigt sich’s, daß das gleiche in der Menschheit ist, was ihr vor 2000 Jahren in Christus aufgegangen ist und daß das nicht aufhören kann, an uns zu schaffen. Sich-Liebhaben ist etwas Stilles und Ruhiges, je mehr Lärm es macht, desto weniger echt und recht ist es – und doch ist gerade es das Anzeichen von etwas ganz Stürmischem, Gewaltigem, Unruhigem, das in den Menschen, ja auch in der Natur vor sich geht, von dem Wachsen und Drängen der Herrlichkeit Gottes, die ans Licht treten und endlich allein da sein will. Sich-Liebhaben ist etwas ganz Schlichtes und Unauffälliges: in den Zeitungen und in den Parlamenten ist nicht davon die Rede, nicht einmal in der Gemeindeversammlung von Safenwil1, da hat man überall Wichtigeres zu reden – und doch spüren Alle, die das Leben auch nur ein wenig kennen, ganz deutlich, daß es sich da um das Allerwichtigste handelt, um das, wovon in den Familien und Gemeinden und Völkern schließlich Alles abhängt. Sich-Liebhaben ist auch ganz etwas Natürliches, Einfaches, Selbstverständliches, das sogar bei den Tieren vorkommt. Wie sollte man sich nicht liebhaben, wenn man sich einmal haben muß? «Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen?» [Jes. 49,15]. Und doch ist hinter diesem Natürlichen das größte, unbegreiflichste Wunder verborgen, das Wunder eines Lebens, ja einer ganzen Welt, das2 Alles übersteigt, was wir sonst und für gewöhnlich an uns selbst und aneinander wahrnehmen. Wer merkt und versteht das Zeichen? Wer dringt hindurch aus Groll und Neid zum fröhlichen Lachen, aus dem Druck zur Freiheit, aus dem Tod zum Leben? Wer will mit voran, daß Gott auch voran machen kann mit seinem verborgenen Tun? Daran, am rechten Sich-Liebhaben, erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, daß wir nicht zu zweifeln brauchen, sondern uns auf Gott verlassen können.

Man möchte ja schon manchmal zweifeln, ob Gott eigentlich recht hat oder ob nicht das Leben ein großer Unsinn ist, in dem niemand recht hat und in dem man am besten darauf verzichtet, etwas Besseres zu erwarten. Denkt nur an das, was wir in den letzten Tagen erlebt haben: ein Volk, das |310 nun während zwei Jahren wie wir die Segnungen des Friedens erfahren durfte, stürzt sich nun, ohne den Schatten eines ernsthaften Grundes, nur aus Politik, die man im Privatleben Diebstahl nennen würde, auch noch in die Flammenhölle des Krieges.3 Und in den gleichen Tagen stehen angesehene und mächtige Männer auf und stellen die Frage, ob wir Schweizer nicht auch mitmachen wollten?4 Also das ist nun der Ertrag von dem, was die Menschen aus all dem Furchtbaren dieser Zeit hätten lernen sollen? Und wenn wir, die wir hier sind, wahrscheinlich alle uns gegen diese Vorgänge empören und den Krieg von Herzen satt haben und verabscheuen – können wir darum, wenn wir’s ernst nehmen, an uns selber mehr Freude haben? Das Schweizervolk will nächstens zum dritten Mal seinen Bettag in der Kriegszeit begehen5, was wollen wir damit? Ist in dieser Zeit etwas von einem anderen, besseren Geist unter uns entstanden, von dem Geist, aus dem allein eine andere, bessere Zukunft hervorgehen könnte? Wo sind auch nur die Einzelnen, die aufstehen und bekennen dürften: ich bin in diesen Jahren friedliebender, gerechter, wahrhaftiger – oder wir wollen sagen: tiefer, ernster, einfacher geworden, habe diese große Zeit gut benützt, habe auf Gottes gewaltige Stimme gehört und bin ihm näher gekommen? Ist nicht Alles im Alten und sind wir nicht alle die Gleichen? Da mag nun ein Jeder in seine eigene Seele hineinleuchten – Gott weiß es und sieht es, wie aufrichtig er dabei sein wird –, ich meine aber, wenn wir auf uns sehen und unseren eigenen Worten zuhören und uns selbst beobachten, wie wir’s treiben miteinander, so werden wir daraus kaum große Hoffnungen schöpfen und sagen können: |311 ja, es geht vorwärts mit uns, und es kommen bessere Zeiten, geschweige denn, daß wir behaupten könnten, wir spürten etwas von dem, was Gott tut und geschehen läßt. Im Gegenteil, nicht wahr, da kommt Zweifel um Zweifel, da kommt es uns vor, Gott tue wenig oder nichts in der Welt und habe sich wohl vor unserem ganzen Treiben, vor dem der Rumänen und Italiener6 so gut wie vor dem von uns Schweizern, traurig und mit Verachtung zurückgezogen. Wir sehen eben, wohin wir auch blicken, ganz andere Gedanken und Kräfte im Spiel als die Gedanken und Kräfte Gottes. Wir sehen alles mögliche Menschliche im Lauf in der Welt, aber nicht das, was Christus da angefangen hat. Der bekannte deutsche Schriftsteller Friedrich Naumann, der früher selber Pfarrer war, um sich dann ganz der Politik zuzuwenden, hat vor ein paar Wochen die Worte geschrieben: «Man wird geneigt, die ganze Wirkung des Evangeliums für eine Art Traum und Einbildung zu halten. Man fragt sich: wo sind denn nun die Wunderkräfte der Menschlichkeit, wo ist das Christentum als Gewissen der Völker, wo ist der im Verborgenen wandernde unsterbliche Heiland?»7 Und ein gelehrter Mann in Basel hat ebenfalls vor kurzem den klaren Beweis zu führen gesucht, daß der Krieg mit allen seinen Schrecken eine völlig unvermeidliche Erscheinung im Menschenleben sei, weil die männliche Natur nun einmal nach dieser Abwechslung verlange.8 Was sollen wir dazu sagen? Haben diese Leute nicht am Ende recht? Wo sieht man eigentlich in der Welt oder auch nur in unserem Dorfe etwas von den Wirkungen des Evangeliums? Wo sind die Menschen, denen man nicht wirklich jene allgemein menschliche, natürliche Streitund Kriegslust anspürte, auch wenn sie sich noch so verstellen und |312 bezähmen? Seht, das ist der Zweifel, so kann unser Herz uns verdammen und tut es, wenn wir nur ein wenig gewahr werden, was die Menschen und was wir selbst sind!

Und nun fragt es sich, ob wir nur das sehen; ob wir nur Augen haben für das, was von den Menschen kommt und was die Menschen tun. Dann müssen wir zweifeln. Dann wollte ich auch sagen: es gibt keine Wahrheit und keinen Fortschritt. Es bleibt Alles im Alten, und wir bleiben alle die Gleichen. Es ist eine Narrheit, etwas Besseres zu erwarten. Es geht Alles nur im Kreis herum in dieser unvollkommenen Welt oder wie der Pendel9 einer Uhr hin und her zwischen Gut und Böse. – Aber wer merkt, der merkt, und wer versteht, der versteht das Zeichen von dem, was im Verborgenen geschieht: nicht auf den Schlachtfeldern, nicht in den Zeitungen, nicht auf der Straße, nicht in den Versammlungen, nicht in den Kirchen und Kapellen – eigentlich nicht einmal in unseren Seelen –, denn bei Allem, was wir tun und denken, kann auch der Zweifel sich einstellen und muß unser Herz uns zuletzt verdammen. Es geschieht aber etwas im Verborgenen bei Gott und darum schließlich doch auch überall: auch mitten in den Ausbrüchen der menschlichen Sünde, mitten im Greuel der Verwüstung [Dan. 9,27 u. ö.], auch da, wo scheinbar nur das Geld und die Kanonen etwas gelten, auch da, wo scheinbar nur die Leidenschaften und die törichtsten Vorurteile das Wort haben, auch in den schmutzigsten und gottlosesten Seelen. Es geschieht etwas nicht von den Menschen, aber von Gott her. Gott läßt seinen Willen geschehen. Gott hat einen reinen, klaren Willen im Gegensatz zu all der Verworrenheit und Dunkelheit, die wir an uns selbst und im Leben gewöhnlich wahrnehmen. Gott hat einen gütigen, freundlichen Willen, ganz anders als die Kälte und das Gift, von denen wir unsere Mitmenschen und uns selbst erfüllt sehen. Gottes Wille ist ewig, nicht hin und her, auf und ab [schwankend] wie unser Wille. Gottes Wille geschieht jetzt heimlich, wie hinter einem Vorhang, unsere Blicke und Gedanken vermögen ihn nicht zu erreichen. Gottes Wille ist gehindert, er hat zu kämpfen und eine schwere Arbeit zu tun. Sein größtes Hindernis ist wohl unser blinder Geist. Aber hinter allem Bösen, Traurigen, Gottwidrigen, das wir sehen, ist ganz gewiß auch immer dieser Gotteswille, der geschieht, der nicht zurück, sondern immer vorwärts geht. Wenn wir nur sein Zeichen besser |313 verstünden, dann wäre es mit dem Zweifel vorbei. Das Zeichen ist das rechte Sich-Liebhaben.

Ihr müßt das ganz einfach verstehen. Eine Mutter, die von Weitem an alle ihre Kinder denkt, jedem nachgeht auf seinen besonderen Wegen, für jedes einen besonderen guten Wunsch und vielleicht ein besonderes Gebet hat. Ein Mann und eine Frau, die sich Jahr für Jahr besser verstehen und schneller vergeben und treuer helfen können. Ein Soldat im Feld, der sein Letztes teilt mit den Kameraden, vielleicht mit dem Feind. Ein Arbeiter, in dessen Kopf auf einmal ein Licht aufgeht, daß das gemeinsame über dem eigenen persönlichen Interesse steht. Zwei Freunde, die sich’s vorgenommen haben, unter allen Umständen daran zu glauben, daß der Andere das Rechte will. Das sind alles scheinbar ganz einfache, natürliche, menschliche Dinge. Aber die geschehen nicht von den Menschen, sondern von Gott her. Da leuchtet ein Funke auf im Menschenleben vom Leben Gottes. Da wächst in unserer alten Welt ein Same von der neuen Welt Gottes. Nicht wahr, da fällt uns gar nicht ein, uns damit zu rühmen, wenn wir jemand recht lieb haben, oder daraus ein Verdienst zu machen. Bravsein, Fleißigsein, Gescheitsein, sogar Frommsein – das kann unser Eigenes sein, das können wir selbst machen, wenn wir wollen, und dann auch stolz sein darauf – das Liebhaben nicht. Da wissen wir alle recht gut: das kommt nicht aus mir, sondern das kommt über mich, das kommt zu mir wie ein Geschenk, ich muß eben liebhaben. Und wenn wir die Welt ansehen und sehen, daß es unter all dem Haufen von Irrtum und Sünde, mitten im Krieg, mitten in Safenwil auch das gibt, daß Menschen sich liebhaben, dann wissen wir auch recht gut, daß das nicht aus der Welt selbst kommt, nicht aus der Politik, nicht aus dem wirtschaftlichen Fortschritt, nicht aus dem, was man in der Schule oder Kirche lernt, nicht aus der Kunst oder Wissenschaft – sondern aus einem Strom, der gerade umgekehrt fließt als alle diese Ströme. Wie ein rechtes Wunder steht dieses Zeichen da unter uns.

Und daran, an diesem Zeichen, erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz damit stillen, daß, so uns unser Herz verdammt, Gott größer ist denn unser Herz. Dieses Zeichen steht gegen Alles, was uns zum Zweifeln veranlassen könnte. Wie eine Bergspitze über die Nebel und Wolken emporragt, so das Zeichen Gottes über alles Gewöhnliche und Menschliche. Es scheint so schlicht und bescheiden, aber Gott ist dahinter, der Gott, dessen Wille vor 2000 Jahren wieder gewaltig |314 in Bewegung gekommen ist und der seitdem nicht mehr ruhen will. O, wir können das ganz ruhig nebeneinander stellen: alles unbegreifliche Tun der Menschen, alles Elend und alle Verzweiflung auf der Erde, alles Unheimliche und Trübe, was jedes in sich selber finden [kann] – das alles auf die eine Seite, und dann verdammt uns unser Herz und fragt: was haben wir, was habe ich mit Gott zu schaffen, ist Gott nicht ein Fremdling geworden unter uns [vgl. Jer. 14,8]? Auf die andere Seite das kleine, bescheidene, natürliche Sich-Liebhaben unter den Menschen da und dort, das man kaum fassen und wahrnehmen kann, an dem wir so gar kein Verdienst haben, über das so furchtbar wenig zu sagen ist zu unserem Lob, weil wir es alle nur haben wie ein Geschenk, wie ein Wunder in unserem sonstigen Wesen drin – das auf die andere Seite, aber nicht wahr, ihr spürt, ohne daß ich es beweise – beweisen kann man das ja nicht –, wie die Schale der Waage sich nach dieser Seite senkt und wie es klar ans Licht tritt: Gott ist größer als unser Herz, größer als unser Meinen von ihm, größer als das, was wir fassen können von seinem Tun und Wirken. Was in einem Hause vorgeht, wo man anfängt, einander zu verstehen und ernst zu nehmen, das ist viel wichtiger als die Kriegserklärung von Rumänien. Was einem jungen Mädchen passiert, das vielleicht seiner Mutter einen lieben Wunsch zum Opfer bringt aus Liebe, das ist viel wichtiger, als was alle schweizerischen Obersten in die Zeitung schreiben.10 Was zwischen zweien Menschen zum Vorschein kommt, die einander anfangen Vertrauen zu schenken, das ist unendlich viel wichtiger als der viele Unverstand, von dem wir alle Tage lesen und hören müssen. Wichtiger auch als der Unverstand, den wir alle in uns tragen. Wichtiger als das Wichtigste, was einem manchmal das Leben verleiden könnte. Wichtiger als unsere menschliche Sünde, und wichtiger als unser Glaube, wichtiger sogar als der Tod – so sicher Christus der Sieger geworden ist über alles das, so sicher er uns eine Welt eröffnet hat, in der das alles nicht mehr ist. Das Große wird uns ganz klein, wenn uns dieses Kleine groß wird, wenn wir dieses Zeichen Gottes merken und verstehen. Denn durch dieses Kleine sehen wir gleichsam hinein in das Allergrößte. Noch ist der Vorhang vor dem Willen Gottes. Aber wer hineingesehen hat, der täuscht sich nicht mehr. Nur der Gott, der größer ist als unser Herz, erkennt auch alle Dinge, er sieht in ihr Innerstes hinein, in das Innerste unserer Seelen |315 und Verhältnisse, und weiß, wieviel die Uhr geschlagen hat, auch wenn wir es nicht wissen. Wenn wir einmal an seinem Zeichen etwas gemerkt und verstanden haben von seiner Größe, dann merken und verstehen wir auch, daß in all dem scheinbar Großen und Wichtigen in der Welt und in unserem Leben auch seine Hand ist, daß auch alle die bösen Geister und Gespenster, die jetzt vor unseren Augen ihr seltsames Spiel treiben, zuletzt ihm dienstbar sein müssen. Der erste Riß durch den Vorhang ist gemacht, nicht von uns, aber von Gott selber, als er mit dem Leben und dem Blut Christi sein Reich auf Erden neu gründete. Er wird sich weiter öffnen. An uns aber ist’s, uns zu freuen darüber, daß sein Geist uns Zeugnis gibt, daß wir seine Kinder sind [vgl. Röm. 8,16]. An uns ist’s, uns liebzuhaben und ganz fest durch dieses Zeichen hinein zu sehen und dem großen, herrlichen Geheimnis des Lebens nachzusinnen. An uns ist’s, von dem wunderbaren Gott weitere, größere Eröffnungen zu erwarten. Denn Christus stirbt hinfort nicht mehr [vgl. Röm. 6,9],

Amen.
Lied:
  • Nr. 225 «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 und nach der Predigt 4.6.9 (GERS [1952] 1-3.4.6.10; EG 351,1-3.5b+6b.9.13) 🎵

Sachfußnoten

1
Die Gemeindeversammlung war – und ist auch heute – im Aargau die oberste Entscheidungsinstanz der (politischen) Gemeinde. Ihr gehören alle stimmberechtigten Bürger – damals: Männer – des Ortes an.↩
2
Mskr.: «die»; Korrektur vom Hrsg.↩
3
Am 28.8.1916 erklärte Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg, nachdem die Alliierten ihm das Banat, Siebenbürgen und die Bukowina zugesprochen hatten.↩
4
Am 23.8.1916 hatte der Aarauer Arzt Dr. E. Bircher anläßlich des Scheiterns wirtschaftlicher Verhandlungen mit den Mächten der Entente in der Solothurner Zeitung darüber geklagt, «daß die Schweiz sich vor dem Auslande zu sehr ducke». Der Kommandant der II. Division, Oberst Tr. de Loys, schrieb an Dr. Bircher einen zustimmenden Brief. Dieser wurde ohne Wissen und Willen des Autors publiziert und löste empörte Kommentare aus: es gebe jetzt «in der Schweiz eine Kriegspartei, die unsere Jugend zur Schlachtbank führen wolle». «Oberst de Loys als Kriegshetzer. Was gedenkt der Bundesrat zu tun?» Die Affäre endete damit, daß de Loys seine Unvorsichtigkeit entschuldigte und einen strengen Verweis entgegennahm. Vgl. J. Ruchti, Geschichte der Schweiz während des Weltkrieges 1914-1919, politisch, wirtschaftlich und kulturell, Bd. I, Bern 1928, S. 225–227 📖.↩
5
Vgl. unten S. 322.↩
6
Italien hatte bereits am 23.5.1915 die Neutralität verlassen und Österreich-Ungarn den Krieg erklärt.↩
7
Vgl. Fr. Naumann, Nach dreizehn Jahren. Nachwort zur 6. Auflage der «Briefe über Religion», Berlin 1916, in: Werke, Bd. I, Köln / Opladen 1964, S. 868f. 📖: «Dann ist man geneigt um der Herzenshärte willen, die oft auch bei denen auftritt, die besonders fromm aussehen wollen, die gesamte Gegenwartswirkung des Evangeliums für eine An von erträumter Romantik zu halten und sie bei neuen Plänen nicht mehr einzusetzen. Ich gestehe, daß ich in der berufsmäßigen täglichen wirtschaftspolitischen Arbeit manchmal mit einer gewissen Enttäuschung gefragt habe, wo denn nun die Wunderkräfte der Menschlichkeit sind, die aus so vielem Religionsunterricht hervorquellen sollen. Wo ist das Christentum nicht als Gesetzgebung, aber als Gewissen der Völker? Wo ist der im Verborgenen wandernde unsterbliche Heiland? … Sind wir noch Christen?»↩
8
Konnte nicht verifiziert werden.↩
9
Laut Deutsches Wärterbuch von J. Grimm und W. Grimm, Bd. VII, Leipzig 1889, Sp. 1540 📖, wird das Wort «Pendel» masculinisch und neutrisch gebrauche.↩
10
Siehe oben S. 310, Anm. 4.↩