Predigt: Matthäus 10,16
Als ein rechter Christ zu den Leuten gehen und unter ihnen sein, nicht wahr, das kommt uns immer wieder als eine schrecklich schwere Aufgabe vor, und immer wieder möchten wir denken, da habe doch eigentlich der Heiland zu viel von seinen Jüngern verlangt. Wir haben ja am letzten Sonntag wieder etwas Näheres darüber gehört, daß darin das rechte Christentum sich zeige, daß wir die Leute grüßen vom lieben Gott, sie so recht stark erinnern durch unsere Worte und unser Wesen an die Heimat, in der sie alle zu Hause sind, sie so recht mächtig zum Vater rufen, zu dem sie gehören. Aber nicht wahr, du liebe Zeit, da hat nun ein jedes so an seine Leute denken müssen, vielleicht an die zu Hause in der eigenen Familie, vielleicht an die Nachbarn, vielleicht an allerlei andere Safenwiler Leute. Vielleicht hat auch das Eine oder Andere gerade in der vergangenen Woche wieder Erfahrungen gemacht mit den Leuten, wie sie nun eben |101 einmal so sind und wie sie’s treiben. Und da hat es so in der Stille bei sich denken müssen, wie schön es doch sei, hier in der Kirche einen solchen Vorsatz zu fassen, und wie schwierig, ihn nachher auszuführen: die Leute nun wirklich vom lieben Gott zu grüßen als des Heilands treue und aufrichtige Boten und Gesandten. Denn die Leute, ach die Leute, sind so ganz anders, als daß sie nur so stillhalten und etwas merken wollten, wenn man mit einem Wort oder Blick oder Zeichen oder mit einer Frage aus der Freudenwelt und Wahrheitswelt Gottes zu ihnen kommt. Sie wollen eben gerade nicht stillhalten und nichts merken, oder sie tun doch so. Sie tun so, als ob sie sich Augen und Ohren zuhielten, um von dem Gruß des lieben Gottes nichts zu vernehmen. Sie tun so, als ob es gar nichts Anderes für sie gebe als das Wetter und die Schlacht vor
Und du weißt auch ganz gut: es kann dann noch ganz anders kommen, als daß man sich bloß nicht versteht: wenn du nun tapfer und treu bleiben und das Andere, das, was von Gott in dir ist, beharrlich zeigen und leuchten lassen möchtest, dann geht’s bald einmal bös. Ja, etwa so ein frommes Wort oder ein schönes Sprüchlein, das vertragen die meisten Leute schon noch, wenn sie nicht von den ganz bösen sind. Aber wenn du nun das Andere in dir damit zeigst, daß du eben ein Anderer bist als sie, einer mit einem anderen Sinn, Herzen und Gewissen, wenn sie deinem Wesen anspüren, daß du wirklich eine andere Richtung genommen hast, wenn sie dir gar noch etwas anspüren wie eine stille Einladung: kommt, ihr solltet eigentlich auch Andere werden, wenn von dir so ein stiller Zug und Zwang ausgeht, ganz lieb, aber auch ganz fest, daß es ihnen ist, als wollest du ihnen einen anderen Boden unter die Füße schieben, dann wird’s eben schlimm. Dann zeigen sie bald nicht nur den Panzer, sondern auch die Stacheln daran. Das erlauben sie nicht einmal |102 dem Pfarrer, geschweige denn dir. Da fängt alsbald ein schwerer innerer Kampf an zwischen dir und ihnen. Und in diesem Kampf stehst du so hilflos da. Denn es handelt sich da ja eben nicht wie bei einem Zank ums Rechthaben, ums Worte-Wechseln, kleine Vorteile Gewinnen, den Anderen zum Schweigen zu bringen. O, so ein Zank ist eine leichte Sache, da haben wir alle Klauen und Zähne, um uns zu wehren, so einen Zank hat man auch schnell ausgefochten. Aber ganz anders ist es mit dem Kampf um Gott, den ein Christ mit den Leuten auszufechten hat, unter denen er nun einmal ist. Da nützt einem Alles, was einem bei einem rechten Zank nützen kann, so gar nichts, es schadet nur. Da handelt es sich eben nur um die eine Frage: was ist nun schließlich größer, stärker, tiefer: der Gottessinn in dir oder der Weltsinn unter den Menschen um dich her? Und bei dieser inneren Kraftprobe, bei der man nicht mit allerlei äußeren Mittelein nachhelfen kann, wo es sich einzig danach entscheidet, wer nun mehr seelisches Gewicht hat, wo nur eines hilft, sich noch stärker und noch stärker an Gott anzuklammern, bei dieser Kraftprobe fühlt man sich eben auch bald müde und einsam und verlassen. Man seufzt im Stillen: ach, warum sind die Leute alle so anders, daß ich gar nicht an sie herankomme und so ringen muß mit ihnen? Oder warum muß ich denn so ein Anderer sein unter ihnen? Es ist so schwer, so schwer, wirklich ein Christ zu sein2, ein Mensch mit einem anderen Sinn, mit neuen Gedanken, mit größeren Hoffnungen und einem ernsteren Willen als die Leute. Die Leute danken es einem nicht, die Leute wehren sich dagegen, die Leute können so viel dagegen tun mit allen ihren stumpfen und spitzen Waffen – und ich bin so wehrlos gegen sie mit meiner Kraft, die bloß inwendig ist und eben noch lange nicht stark genug zum Sieg.|
Und nun spricht es ja Jesus selber deutlich genug aus, die große Schwierigkeit seiner Jünger und Boten: siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe! O nicht wahr, das ist so? Jesus meinte da gar nichts Hochmütiges und Selbstgerechtes und Liebloses damit. Er wollte nicht etwa sagen: die Christen sind die braven, guten, lieben Schafe – er wußte zu gut, daß unter den Christen genug borstige, stolze, launische, |103 willwänkische3 Gesellen sind so gut wie unter den Anderen. Er wollte auch nicht die Anderen verurteilen und von ihnen sagen, sie seien lauter böse, gefräßige, räuberische Wölfe, als ob nicht auch unter denen, die seiner Fahne noch nicht folgen wollen, viele liebe, tüchtige, ernste Menschen wären. Er wollte nur zu seinen Jüngern sagen: seht, ich sende euch in eine Lage, in der ihr zunächst einmal nicht die Stärkeren, sondern die Schwächeren sein werdet. Ihr habt ja eine Macht in euch, die größte zwischen Himmel und Erde, die Gottesmacht, mit der sich keine andere messen und gegen die zuletzt nichts, gar nichts aufkommen kann. Und darum geht ganz getrost und zweifelt keinen Augenblick, predigt und sprecht: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, machet die Kranken gesund, reinigt die Aussätzigen, wecket die Toten auf, treibet die Teufel aus! [
Ihr werdet nicht die Willkommenen, Triumphierenden, Beliebten bei ihnen sein, wenn ihr zu ihnen kommt, um sie vom lieben Gott zu grüßen, sondern im Gegenteil: sie werden es sehr leicht haben, euch darauf zu antworten: was sollen wir damit? das verstehen wir doch nicht!, und was wollt ihr dann machen, solange ihr ihnen eben noch nicht mit überlegener Kraft die Augen geöffnet und die Herzen weich und reich gemacht habt? Sie werden es sehr leicht haben, euch sehr gescheit allerlei Weltweisheit zu behaupten und zu beweisen, z. B. daß man ganz unmöglich anders könne, als zuerst an sich selbst zu denken, daß der Dienst des Mammon in der Welt durchaus unvermeidlich und nötig sei, daß ein greifbarer, womöglich eß- und trinkbarer Vorteil im Leben allezeit mehr wert sei als eine Wahrheit, die nur im Herzen wahr ist, daß man von den Menschen doch ja nicht zu viel verlangen und erwarten dürfe, daß die Verhältnisse mächtiger und realer seien als die schöne Lehre Christi und daß man immer am besten tue, vor Allem die Verhältnisse zu berück|104sichtigen. Ja, was wollt ihr auf alles das antworten, solange eben eure Kraft noch tief verborgen in euch ist, solange ihr eben noch nicht, wie der junge
Und wenn ihr nun anfangen wollt, eure Gottesmacht zu gebrauchen, wenn ihr nun beginnen wollt zu wirken, zu reden, zu leben mit den Kräften der Liebe und der Wahrheit, o wie leicht werden es da die Leute haben, gegen eure ersten bescheidenen Versuche aufzukommen. Wie leicht wird es ihnen fallen, eure Meinung zu verdrehen, euren guten Willen anzuzweifeln, allerlei Unerfreuliches gegen euch vorzubringen, allerlei berechtigte und unberechtigte Anklagen gegen euch zu erheben, eure tatsächlichen Erfolge zu verkleinern und zu vertuschen. Sie brauchen nur so recht Alles von der kleinen, persönlichen, menschlichen Seite aus aufzufassen, sie brauchen bloß mit recht langen Fingern auf alles das zu zeigen, was euch noch nicht gelungen ist und wo ihr auch noch Fehler habt, dann seid ihr erledigt und abgetan. Was wollt ihr dagegen machen, bevor eure Liebeskraft und Wahrheitskraft so stark aus euch hervorgebrochen ist, daß der Widerspruch und Widerstand schweigen muß, wie der Schnee zergeht, wenn die Sonne scheint, weil die Macht der Lüge und der Selbstsucht gebrochen sind durch die Gottesmacht, die in euch ist? Was wollt ihr machen, bevor eure innere Kraft so groß ist? Nichts könnt ihr machen, sagt Jesus seinen Jüngern, ihr seid eben die Schwächeren. Denn ihr könnt ja eben um alles das nicht mit den Leuten zanken und |105 rechthaben, ihr könnt ihnen nicht ihre eigenen Waffen um die Ohren schlagen, denn wenn ihr es so über sie gewinnen würdet, wäret ihr ja meine Jünger nicht mehr. Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Und damit gibt uns Jesus ganz recht, wenn wir finden, es sei schwer, ein rechter Christ zu sein unter den Leuten. Ja, es ist schwer, darum, weil wir noch so ganz am Anfang stehen mit dem Gebrauch der Kraft, die in uns ist, darum, weil wir die Gottesmacht, die uns geschenkt ist, noch lange nicht erworben haben, um sie zu besitzen5 und anzuwenden und zur Geltung zu bringen unter den Leuten.
Und nun weiß Jesus auch recht gut, daß, wenn wir das einmal gemerkt haben – und das merken wir noch ziemlich bald –, zwei große Gefahren lauern auf seine Jünger und Nachfolger. Die eine Gefahr ist die, daß wir zu uns selber sagen: so kann ich eben in der Welt und unter den Leuten nicht viel anfangen mit dem Himmelreich. So ist das, was ich meine und was ich den Leuten zeigen könnte, wahrscheinlich zu hoch und zu gut für sie. So will ich mich nicht länger ärgern, betrüben und aufregen über sie, will mit meinem Gott allein sein, sie machen lassen und nur dafür sorgen, daß ich selbst für mich auf dem rechten Wege bleibe und selig werde. So ist der Gruß vom lieben Gott, den ich auszurichten hätte, wahrscheinlich nichts für die Welt, und es wird sich dann eben im Himmel oder in einer späten, besseren Zukunft zeigen, daß Gott doch Meister ist. So lasse ich vorläufig die Leute die Leute sein und diene in der Verborgenheit meinem Heiland! Das tönt nun alles sehr schön und könnte noch viel schöner gesagt werden, aber das ist in den Augen Jesu eine Gefahr, ein offener Abgrund. Denn wenn diese Gedanken uns beherrschen, dann gehören wir sicher nicht mehr zu ihm. Sein Weg führt uns unter allen Umständen zu den Leuten und nicht von ihnen weg in die stille Klause eines heimlichen Christentums. Entweder wir richten unentwegt den Gruß des lieben Gottes aus mit tapferem Reden und Tun, oder wir sind nicht mehr sein. Es ist die Gefahr da für uns Christen, daß wir schließlich die Leute gehen lassen und nur noch ohne Falsch sind wie die Tauben: harmlos, fromm für uns selber, stillvergnügt!, und ihr wißt alle, wie groß diese Gefahr ist.|
Die andere Gefahr ist die, daß wir zu uns selber sagen: So muß ich nun eben in der Welt und unter den Leuten leben, auch wenn ich ihnen das |106 Himmelreich nicht zeigen und schenken kann. So ist das, was ich eigentlich meine und möchte, offenbar unpraktisch und wird besser zunächst ein wenig zurückgestellt. So will ich nicht länger der Narr im Spiel sein, sondern mich den Leuten, wie sie nun einmal sind, anpassen. So will ich den Gruß vom lieben Gott für die Leute für mich behalten, will nicht mehr so schroff anders sein als sie, sondern mich schön so einrichten, daß ich nirgends unter die Räder komme. So wird ja wohl Gott zuletzt und zuoberst irgendwie Meister sein, aber vorläufig ist die Welt Welt, und dem heißt es Rechnung tragen. Das tönt nun auch wieder sehr schön, aber auch das ist in den Augen Jesu eine Gefahr, ein offener Abgrund. Wenn diese Gedanken uns beherrschen, haben wir uns von ihm geschieden. Denn sein Weg führt uns unter keinen Umständen zu den Leuten, damit wir werden, wie sie sind, sondern damit wir ihnen Gottes Licht leuchten lassen. Der Gruß des lieben Gottes will ausgerichtet sein durch eine unzweideutig klare Haltung gegenüber den Leuten und ihrer Art, oder wir sind nicht mehr Jesu Jünger. Das ist die andere Gefahr für uns Christen, daß wir schließlich sind, wie die Leute sind, und nur noch klug sein können wie die Schlangen: gescheit, gewandt, überall zu gebrauchen, Hans Dampf in allen Gassen! Und ihr wißt alle, wie groß auch diese Gefahr ist.
Und nun sieht Jesus diese Gefahren links und rechts und weiß, woher sie kommen und wie sie überwunden werden können, und weist uns auf Gott hin als auf unseren Herrn und Erlöser und Helfer, der allezeit bei uns ist und uns nicht im Stich lassen will. Denn seht, das ist ein Hinweis auf Gott, den Lebendigen, nicht irgend ein schlauer Ratschlag, wenn Jesus seinen Jüngern sagt: seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Er redet da von zwei sehr verschiedenen Geschöpflein Gottes, von denen jedes etwas Göttliches hat, was das andere nicht hat. Nähmen wir jedes für sich und wollten es nachahmen, das wäre eben die Gefahr, der Abgrund. Nehmen wir sie beide miteinander mit ihrem ganzen Gegensatz und Widerspruch zueinander, dann redet Gott aus ihnen und tröstet uns und verheißt uns, daß sein Weg gar nicht so schwierig ist, wenn wir ihn nur mit ihm gehen wollen.
So6 müssen wir eben Gott finden, wir Menschen. Wir müssen unsere Augen weit auftun, um alle seine Werke zu sehen. Wir dürfen nicht unserem trockenen Verstand folgen, der uns blind in eine Richtung weist, |107 sondern wir müssen Gott sehen lernen in allen seinen Werken, dann werden wir reich in ihm und können ihm dienen. Gott ist im Gewittersturm und Gott ist im Frühlingssonnenschein. Gott ist im Löwen und Gott ist im zitternden Mäuslein. Gott ist in der fleißigen Ameise und Gott ist im gaukelnden Schmetterling. Gott ist in der Sonne und Gott ist in dem glanzlosen Moos, das auf den Steinen wächst. Gott ist in der Schlange und Gott ist in der Taube. Wir sehen Gegensätze, Gott ist diesseits und jenseits. Wir sehen Widersprüche, Gott ist im Ja und im Nein. Wir dürfen kein Werk Gottes für sich allein anbeten, das ist eben Götzendienst, dann machen wir uns unsere Größenwahnsgötzen und unsere Kleinigkeitsgötzen, unsere Leidenschaftsgötzen und unsere Sanftmutsgötzen, unsere Klugheitsgötzen und unsere Harmlosigkeitsgötzen. So verleugnen wir Gott. Wir müssen Gott selber sehen und anbeten, so wie er ist und lebt gerade in den wunderlichen, herrlichen Widersprüchen und Gegensätzen seiner Werke. Die Helle des Blitzes und das Dunkel der Nacht, das ist Gott. Die Majestät der Berge und die Unendlichkeit des Meeres, die Wunderwelt der Sterne und die Wunderwelt in einem Wassertropfen, die Stärke des Tigers und die Zartheit des Rehs, die Klugheit der Schlangen und die Harmlosigkeit und stille Vergnügtheit der Tauben. Seht, liebe Freunde, bevor wir Gott gefunden haben und in jedem Augenblick eigentlich, wo wir uns nicht ganz stark an ihn anklammern, da stehen wir beständig vor der Wahl, vor der Entscheidung, vor dem Entweder-Oder zwischen zwei Torheiten; da sind wir beständig daran, der Gefahr links in die Arme zu laufen, um der Gefahr rechts zu entgehen. Haben wir Gott gefunden und halten wir uns an ihn, dann hört das törichte Entweder-Oder auf, dann fallen die Götzen links und rechts, dann [ist] die Gefahr hier und die Gefahr dort erkannt und überwunden, dann gehen wir kühn und sicher und frei zwischen diesem und dem anderen Abgrund hindurch.
Wir dürfen und wir können stillvergnügte und kluge Menschen sein, wir Christen. Wir dürfen und wir können ganz einsam und still vor Gott unseren Weg gehen und uns offen sagen, daß wir jetzt noch recht allein sind und recht wenig ausrichten mit unserem Gottesgruß an die Leute – und brauchen doch keinen Augenblick daran zu denken, die Leute gehen und machen zu lassen, brauchen keinen Augenblick Angst zu haben, sie könnten uns nicht verstehen, sie könnten uns zu gescheit sein mit allen ihren Gründen, sie könnten es am Ende doch durchsetzen und gewinnen, |108 so wie sie’s treiben, und aus unserem zaghaften kleinen Lieben und Hoffen könnte am Ende doch nichts werden. Nein, nein, geh du nur still deinen Weg und sei ohne Falsch wie die Tauben, aber sei auch ganz sicher, daß du den Leuten noch lange klug genug bist, jetzt schon, daß du jetzt schon auf deine Weise zu leben verstehst, fröhlich, glücklich, erfolgreich, so gut, nein besser als sie auf ihre Weise. Und brauche sie nur, diese deine Klugheit, und zeige es ihnen alle Tage, daß du besser zu leben, zu denken, zu reden weißt als sie, daß du vor ihrer Klugheit keinen Respekt hast, sondern dich tapfer an das hältst, was zuletzt klug ist.
Wir dürfen und wir können aber eben auch klug sein wie die Schlangen, wir Christen, wir dürfen und können die Welt Welt sein lassen und sie nehmen, wie sie ist, und allerlei, was jetzt vorläufig so ist, wie es ist, anerkennen und mitmachen – und brauchen doch keinen Augenblick daran zu denken, zu werden, wie die Leute sind, brauchen keinen Augenblick unsere Überzeugung zu verleugnen und unsere Fahne einzuziehen und es aufzugeben, das zu sein und zu zeigen, was wir sind, nämlich Gottes frohe Kinder. Nein, nein, geh du nur deinen Weg und lebe mit den Leuten und richte dich ein nach ihnen und nimm Rücksicht auf sie und sei klug wie die Schlangen, die überall durchkommen – aber sei auch ganz sicher, daß du jetzt schon ein Anderer bist unter ihnen, etwas Besonderes, daß du sie beeinflussest mit deiner Art und nicht sie dich mit der ihrigen. Und sei und bleibe wirklich ein Anderer, und bleib deiner Sache, der Sache Gottes, treu, und zeige und sage es ihnen alle Tage, daß das, was jetzt ist, nicht bleiben kann und daß es so nicht weiter geht, und behalte die Augen offen, daß du dich nicht einschläfern lässest, und hör nie auf, für das Neue einzustehen, das du in deinem Herzen trägst und das kommen will.
Seht, wir dürfen und wir können den Abgrund links und den Abgrund rechts vermeiden, wir Christen, wir dürfen und können Beides sein: harmlos und klug, klug und harmlos, und gehen doch keine faule goldene Mittelstraße zwischen Gott und der Welt, sondern den Weg Gottes, der in die Welt hinein und durch sie hindurch führt, damit die Welt erlöst werden kann. Denn Gott der Herr hat die Welt und die Leute lieb, und das sollen wir Christen wissen und sollen darum die Welt nicht fliehen und ihr nicht gleich werden, sondern mit Gott in der Welt drin sein, wie Gott selber auch drin ist in allen ihren Widersprüchen. Auf diesen Weg Gottes weist uns Jesus hin und macht uns damit mutig, seine Jünger zu |109 sein und zu bleiben. Das sollen wir machen, wenn unsere innere Kraft jetzt noch zu klein ist, als daß der volle Sieg schon erscheinen könnte. Auf Gott können wir jetzt schon sehen. Mit Gott werden wir jetzt schon weder links noch rechts stecken bleiben. Mit Gott gehen wir jetzt schon dem vollen Durchbruch und Sieg entgegen. Denn auf diesem Weg zwischen den Abgründen links und rechts, auf dem Weg der Schlangenklugheit und der Taubeneinfalt Gottes wächst in uns die Kraft, aus der der volle Sieg einmal kommen wird. Ist es so schwer, mein Jünger zu sein, ein Schaf mitten unter Wölfen?, fragt uns Jesus. Es ist schwer, es ist unmöglich ohne Gott. Mit Gott aber ist es nicht schwer.
- Nr. 163 «Eine Herde und ein Hirt» von
Fr. A. Krummacher , Strophen 1-3 (GERS [1952] 385,1-3; EKG 220,1-3) - Nr. 278 «Gott ist getreu! Sein Herz, sein Vaterherz verläßt die Seinen nie» von
E. Liebich , Strophen 1-3 (GERS [1952] 287,1-3 mit Textabweichungen)