26. März 1916

Predigt: Matthäus 10,17-20

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Matthäus 10,17–20
… sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.
Liebe Freunde!

Hütet euch aber vor den Menschen! Das ist merkwürdig, daß Jesus seinen Jüngern, die er als frohe Gottesboten mit vollen Händen zu den Leuten schickt, nun eine solche düstere Warnung mit auf den Weg gibt. Hat er ihnen nicht Macht gegeben über das Böse und Traurige in der Welt? Hat er ihnen nicht die Freuden- und Friedensbotschaft aufgetragen, die ihnen alle Türen öffnen mußte? Hat er sie nicht getröstet: es gibt |125 einen Weg für euch, den ihr klug und einfältig gehen könnt? Und nun doch wieder: hütet euch vor den Menschen! Wir müssen uns sagen, daß wir diese Fortsetzung eigentlich nicht erwartet haben; denn das ist keine Fortsetzung in gerader Linie, wenigstens für unsere Augen nicht. Wir müssen stutzig werden über dieses Wort, denn das ist auf einmal eine andere Tonart. Wir müssen merken: der klare, einfache Auftrag, den der Heiland seinen Jüngern gibt, birgt noch Rätsel und Geheimnisse. Es ist auf diesem Weg noch Unerwartetes zu entdecken, zu erfahren. Das empfinden wohl alle die besonders gut, die es versuchen, von diesem Weg nicht nur zu hören, sondern ihn ein wenig zu gehen: ein wenig ihr Leben nicht nur als ein Dasein aufzufassen, sondern als einen Auftrag, ein wenig den lieben Gott nicht nur schalten und walten zu lassen, sondern sich ihm zur Verfügung zu stellen, ein wenig nicht nur als ein Mensch unter den anderen Menschen zu sein, sondern als ein Bote der göttlichen Güte und Freude. Ich meine, die müssen den Anstoß empfinden, der eigentlich darin liegt, daß es nun auf einmal heißt: hütet euch aber vor den Menschen! Ja, wie soll es denn nun weiter gehen auf diesem Gottesweg, der doch zu den Menschen führt? Wie ist’s denn nun mit der überwindenden Macht des Himmelreiches, die wir doch für uns haben, wenn wir diesen Weg gehen? Wo kommt die frohe Botschaft hin? So nützt die göttliche Klugheit und Einfalt den Jüngern des Heilands doch wieder nichts?

O es ist wahr, da liegt ein Anstoß, ein Ärgernis. Wir stehen da vor einem Punkt, wo die Rechnung nicht aufgehen will. Es versteht sich nicht von selbst, daß es den Jüngern des Heilandes so gehen mußte, wie er es ihnen da voraussagt. Es versteht sich durchaus nicht von selbst, daß Allen, die aufrichtig und freudig Christen sein möchten, eine solche Voraussage mit auf den Weg gegeben wird. Wir müssen uns sehr davor hüten, das so schnell einfach als das Richtige und Natürliche anzunehmen. Wir2 sind ja alle nur zu sehr daran gewöhnt, mißtrauisch zu sein gegen die Leute, immer gleich das Schlimme und Schlimmste von ihnen zu erwarten, immer sofort zu seufzen: da hat man’s wieder, so sind die Menschen!, uns selber bei jedem Puff, den wir bekommen, als die Leidenden und Verfolgten um der Gerechtigkeit willen [vgl. Mt. 5,10] zu fühlen. Wir sind ohnehin geneigt, an die göttliche Wahrheit nur mit einer Art Wehmut zu denken, uns damit zum vornherein im Winkel zu fühlen gegenüber all |126 dem Anderen, was in den Köpfen und Herzen der Menschen wahr ist. Wir sind ohnehin geneigt, aus unserem ganzen Christentum zum vornherein bloß ein Unterliegen, Ertragen, Dulden, Stillhalten, Schweigen zu machen, eine ewige Leidensgeschichte ohne Ostern und Auferstehung. Wir sind ohnehin geneigt, als das Wichtigste im christlichen Glauben und Leben die trostlose Anerkennung zu betrachten: Ja, das Dunkel, die Finsternis, das Gift, die Sünde, das Unrecht, der Schmerz, der Tod gehört eben in die Welt.3|

O, darin will uns der Heiland wahrhaftig nicht unterstützen, wenn er uns jetzt sagt: hütet euch vor den Menschen! O unser trauriges, trauriges Christentum, das aus dem Heiland fast einen Fürsten der Finsternis und des Todes gemacht hat, dessen letzte Weisheit wäre: Schick dich drein!4 O wie ist er uns doch, als er nach Gethsemane und Golgatha ging, so einen ganz anderen Weg vorangegangen! Sein notwendiges Leiden und das notwendige Leiden seiner Jünger kann nur der recht verstehen, der sich verwundern kann darüber, daß es notwendig ist. Nach dem Auftrag, den Jesus den Seinigen gegeben hat, hinzugehen und das Himmelreich zu verkündigen, ist wirklich etwas Anderes zu erwarten als die Aussicht auf Verfolgung, Anklage, Verurteilung und Strafe. Es ist nicht das Richtige und Natürliche, wenn es dazu kommen muß. Das Ziel, das Jesus sich selbst und seinen Jüngern gesteckt hat, heißt Segen und Sieg für die Menschen, Freude und Friede auf Erden zur Ehre Gottes [vgl. Lk. 2,14], Überwindung der höllischen Mächte, Durchbruch einer besseren Welt, in der das Alte vergangen ist [vgl. 2.Kor. 5,17]. Hütet euch vor den Menschen!, das ist eine Störung auf dem Wege zu diesem Ziel, das ist etwas Unerhörtes, Grausiges, das da zwischenhineintritt. Der Schatten der Passion, des Leidens von den Menschen, den Jesus da seinen Jüngern vorhersagt, gehört eigentlich nicht zu ihrem Leben und Beruf, so wenig wie das Kreuz, das die Menschen ihm selber bereitet haben, eigentlich zu seinem Leben und seiner Sendung gehört. Wenn wir aufmerksam nachdenken über die ersten Zeiten in der Wirksamkeit Jesu und über jene ersten Worte der Aussendung an seine Jünger, dann sehen wir deutlich, wie eigentlich Alles eine ganz andere Richtung nehmen wollte. Petrus hatte in |127 seiner Weise ganz recht mit seinem Protest, als Jesus ihnen von seinem Leiden und Sterben sprach: Herr, das widerfahre dir nur nicht! [Mt. 16,22]. Er meinte es zwar noch menschlich und nicht göttlich damit, aber er empfand doch ganz richtig das Dumpfe, Fremde, Schreckliche, das da den Siegeslauf des Himmelreichs unterbrechen wollte. Er verstand zwar die großen Friedensgedanken Gottes noch nicht mit seinem leidenschaftlichen Widerspruch, aber er war zum Glück auch aus anderem Holz als jener alte Eli, der bei dem kommenden Unheil nur seufzen konnte: er ist der Herr, er tue, was ihm wohlgefällt! [1.Sam. 3,18], sondern er lehnte sich auf gegen das Ungeheuerliche, gegen diese schreckliche Störung des Himmelreichs. Mit diesem Trotz: das geht nicht! das darf nicht sein! konnte er später, als er besser sehen gelernt hatte, wie Gott arbeitet und schafft, ein rechter Zeuge werden nicht vom toten, sondern vom lebendigen Heiland, ein Bote der Auferstehung. Wir wollen nun gar nicht gescheiter und frömmer sein wollen als so ein Petrus. Es ist wirklich ein Ärgernis, etwas Kaltes, Fremdes, Gottwidriges darin, daß der Weg Jesu mit dem Kreuze enden, daß er auch seinen Jüngern sagen mußte: Hütet euch vor den Menschen! Nur wenn wir daran wirklich Anstoß nehmen, werden wir begreifen, daß Gott mit dem Leiden des Heilands und mit unserem Leiden etwas will.

Die Leidensgeschichte des Heilands, liebe Freunde, ist aus einem Ärgernis zu einer Gotteskraft geworden [vgl. 1.Kor. 1,23f.], zu der größten, die unter den Menschen wirksam geworden ist, durch seine Auferstehung. Ohne die Auferstehung wäre und bliebe sie Ärgernis, Unsinn, Lüge, die furchtbarste, entscheidende Niederlage Gottes. Die Auferstehung ist der Sieg des Himmelreichs. Es tobte die Sünde der Menschen gegen den Heiland daher und wurde widerlegt durch die Liebe Gottes, die in ihm war. Es schlich sich die Schwachheit an ihn heran, und er hat mit ihr gerungen und ist von der Schwachheit rings umgeben stark geblieben. Es stand die Gottesfremdheit der Erde wie ein Berg vor ihm, er aber hat ihn bewegt, indem er mit Gott in das tiefste Dunkel hinein gegangen ist. Es streckte der Tod sein Szepter über ihm aus, und er ist ihm erlegen und hat es erliegend doch zerbrochen, denn vor seinem Leben mußte das Sterben als Lüge dastehen. Es mußten in der Leidensgeschichte des Heilands alle die alten großen Feinde Gottes höher und gewaltig ihr Haupt erheben und mußten sich alle schlagen lassen. Sie mußten erwachen und das Äußerste wagen für ihre Sache und mußten |128 einsehen, daß ihre Sache verloren sei. Es mußte der Fürst dieser Welt seine feinsten und tiefsten Kräfte mobil machen, ein ganzes umgekehrtes Himmelreich gleichsam mit Zeichen und Wundern, mit Propheten und Aposteln mußte aufstehen, um seine Macht zu bekunden, und das Ergebnis war, daß seine Macht gebrochen war. Jesus ist gestorben, aber in seiner Auferstehung kam’s an den Tag, daß damit nichts verloren, sondern das Größte erarbeitet und gewonnen war. Die Apostel konnten später nicht nur ruhig und ergeben, sondern mit der strahlendsten Freude vom Sterben Jesu reden, von diesem scheinbar so dumpfen, fürchterlichen Schlag gegen die Sache des Himmelreichs. Das Kreuz wurde ihnen aus einem Schrecken zu einem Ehren- und Freudenzeichen. Jener dunkle Tag wurde ihnen zum Beginn der neuen Welt. Und das alles beruhte nicht auf einer Einbildung von ihnen. Denn die neue Welt war da. Von dem Gekreuzigten gingen erlösende Kräfte aus, viel reicher und tiefer und weiter als zuvor. Die Freude und der Friede waren nun vorhanden für alle, die sie haben wollten. Vor den alten Feinden Gottes brauchte hinfort keiner mehr Respekt zu haben, der sich nicht selber dazu verurteilen wollte. Das Reich des Lebens war angebrochen und begann seinen Befreiungsgang durch die gefangene Welt. Nun sehen wir von der Auferstehung des Heilands aus zurück auf Alles, was vorher geschehen ist, und nun begreifen wir Alles. Begreifen, wie Jesus zu seinen Jüngern das Sonderbare sagen konnte: des Menschen Sohn muß leiden und sterben!, ja, jene Feinde Gottes mußten eben ihren Weg zu Ende gehen, um ein Ende zu nehmen. Begreifen es, wie Jesus im Angesicht von Tod und Teufel den bitteren Kelch ergreifen und zu Gott sagen konnte: nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [Lk. 22,42), ja mit diesem Stillhalten, Dulden und Tragen hat er eben etwas getan, hat sich als Werkzeug in Gottes Hand gelegt in jener dunklen Nacht, damit dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht werde [vgl. 2.Tim. 1,10]. Begreifen können wir jetzt auch, wie unrecht Petrus hatte, als er Jesus zurückhalten wollte: Herr, das widerfahre dir nur nicht! [Mt. 16,22], denn das Leiden und Sterben mußte ihm ja widerfahren, wenn er sein Werk vollenden wollte. Aber auch das können wir begreifen, wie Petrus, anders als er meinte, mit seinem Widerspruch auch recht hatte, denn das Leiden und Sterben war zwar das vorletzte, aber nicht das letzte Wort in Jesu Lebenswerk, das letzte mußte heißen: Sieg, Leben und Freude.

129Wenn wir an das alles recht ruhig denken, dann tut sich auch das bittere Wort: Hütet euch vor den Menschen! und alle diese Worte Jesu von dem notwendigen Leiden seiner Jünger vor uns auf. Ich möchte sagen, wir müssen nur recht stark an die Auferstehung des Heilands glauben, müssen uns nur recht deutlich den Sinn seiner Leidensgeschichte vor Augen halten, dann wird uns alles das, was er uns über unser eigenes Leiden von den Menschen zu sagen hat, hell und klar. Es hängen ja eben Beide, Jesus und seine Jünger, aufs innigste zusammen. Es gelten hier wie dort die gleichen Ursachen und Wirkungen. Es sind hier wie dort die gleichen Anfänge, Wege und Ziele. Er selber hat uns neben sich gestellt: der Jünger ist nicht über seinen Meister noch der Knecht über den Herrn [Mt. 10,24]. Auch die Leidensgeschichte der Jünger hat einen tiefen, reichen, notwendigen Sinn als vorletztes Wort. Das letzte Wort aber heißt anders. Alles kommt auf das letzte Wort an, auch bei ihnen.

Jesus läßt uns keinen Augenblick im Zweifel darüber, wie dies letzte Wort lauten wird. Er will uns wahrhaftig nicht wehmütig und schwermütig machen, wenn er uns ankündigt, daß auf dem Wege mit ihm und in seinem Dienste nicht lauter Freude und Annehmlichkeit zu erwarten ist. Er will uns wahrhaftig nicht vergelstern5 und ängstigen, als ob die Menschen, zu denen er uns schickt, unsere heimlichen Feinde wären, wie es so manche liebe Christen mit den sog. Weltleuten halten. Und er will uns noch weniger auffordern, das Leiden, die Einsamkeit, den Spott und die Anklagen der Menschen, das Märtyrertum noch extra aufzusuchen oder ein besonderes Wesen daraus zu machen, wenn es uns nun einmal ein wenig an den Kragen geht. Das sind alles ganz kindliche Sachen. Das wäre alles Leidensgeschichte ohne Ostern!

Wir wollen dann auch gar nicht lange sagen, wie wahr Jesus geredet hat, als er den Seinen und uns damit anzeigte: das vorletzte Wort wird Leiden, Demütigung, Schmach heißen. Das ging eben an denen, die dort vor ihm standen, alles ganz wörtlich in Erfüllung: Sie kamen vor die Ratsversammlungen und in die Synagogen als Angeklagte, sie mußten vor Fürsten und Statthaltern stehen und vor Priestern und Pfaffen und mußten sich Verbrecher nennen lassen. Das ist auch in allen Zeiten, wo die göttliche Wahrheit sich in besonderer Weise regte unter den Menschen, z.T. wieder ganz wörtlich in Erfüllung gegangen. Es gibt eine merkwürdige |130 Geschichte des Christentums, von dem frommen Gottfried Arnold verfaßt6, in der gezeigt wird, wie die wahren und lebendigen Jünger des Heilands eigentlich all die Jahrhunderte hindurch angeklagt und verurteilt worden sind, und dieses Buch ist eine merkwürdige Illustration zu diesen Worten Jesu. Es wäre auch allerlei zu sagen davon, wie es wirklich jedem, der mit dem Gruß des lieben Gottes zu den Leuten kommen will, nicht leicht, sondern schwer gemacht wird, seinen Glauben nicht nur zu haben, sondern seines Glaubens zu leben. Wie er keine Dankbarkeit zu erwarten hat, sondern daß die Leute lauern und passen auf seine Fehler, um ihm unrecht geben zu können, wie er, wenn auch nicht gerade vor Gericht und zur Geißelung, so doch in ein Kreuzfeuer von Geschwätz und harten Urteilen hinein muß, wie man da nicht als ein Freund und Wohltäter dastehen kann, sondern fast ein wenig als der allgemeine Feind und Angreifer, gegen den sich Alles wehrt. Es ist eben die alte Sache: regt sich die Wahrheit, so will die Lüge zeigen, daß sie auch noch am Leben ist, naht sich das Himmelreich, so kommt der Fürst dieser Welt mit seinem umgekehrten Himmelreich daher und will auch noch nicht verspielt haben. Und dann haben es eben [die], die Christen sein und auch etwas sagen möchten mit ihrem Christentum, oft nicht gerade schön, und je ernster es uns werden wird mit dem inwendigen Glauben und je mutiger wir uns getrauen werden, das Inwendige auch tapfer herauszustellen, desto weniger schön werden wir es haben. Aber wir wollen davon jetzt schweigen, damit doch ja nicht etwa das Eine oder Andere doch wehmütig und bedenklich werde wegen der kleinen oder großen Leidensgeschichte, in der es vielleicht drinsteht oder die ihm noch bevorsteht. Und damit doch ja Keines sich etwas darauf zugute tut, daß es etwa auch schon einmal ein klein wenig um des Heilands willen geplagt worden ist von den Leuten. Das Leiden von den Menschen, und wenn es noch so schwer wäre und noch so ungerechtfertigt, es wird uns eigentlich sofort zu einer Gefahr für unsere Seele und für die Sache des Himmelreichs, wenn wir dabei verweilen, wenn wir es wichtig und ernst nehmen, wenn wir es uns in Gedanken immer wieder ausmalen wollen, wie wir als Jünger des Heilands doch so geplagt und verschupft7 sein müssen, wie die Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit in der Welt doch so groß ist usw. Jenes |131 Buch, das ich eben nannte, ist im Grunde doch ein unangenehmes Buch trotz seiner vielen Vorzüge, weil es die ungerechte Anklage der Welt gegen die wahren Christen nur mit einer großen Gegenanklage zu beantworten weiß. O wir wollen uns doch ja nicht gefallen in der Rolle der Einsamen und Verfolgten, wir wollen uns doch ja nicht beständig im Prozeß fühlen den Leuten gegenüber um des lieben Gottes willen. Sonst wird aus der göttlichen Passion flugs eine höchst menschliche mit allerlei Eitelkeit und Wehleidigkeit und selbstverschuldeter Lächerlichkeit. Nur keine Leidensgeschichten ohne Ostern, ohne das letzte Wort!

Sieh, nicht darum hat Jesus wahr geredet, weil er den Seinigen gesagt hat: es wird allerlei Trübes über euch kommen von den Leuten – das hätte ein gewöhnlicher anderer Mensch auch sagen können –, sondern darum, weil er ihnen mit dem letzten Wort das vorletzte erhellt und gedeutet, es aus einem Ärgernis zu einer Gotteskraft gewandelt hat. Habt ihr’s gehört, wie gleichsam etwas jubelt und singt in diesen düsteren Worten, die mit «Hütet euch» anfangen? Warum das Leiden von den Menschen? Um meinetwillen! Zu welchem Zweck? Damit ihr Zeugnis ablegen könnt von dem, was in euch ist, bei Juden und Heiden. Woher nehmen das rechte, starke Zeugnis in der großen Not? Sorget nicht, es wird da sein in euren Herzen und auf euren Lippen, ihr seid’s nicht, die reden werden, sondern eures Vaters Geist, der in euch ist! Ja, was ist denn das? Was heißt denn das alles? Heißt das: was das Schicksal schickt, ertrage!? Heißt das: habt Geduld und ergebt euch drein!? Nein, das ist ja das Himmelreich, die Gottesherrschaft, der fröhliche, befreiende neue Geist, die Macht, Teufel auszutreiben und Tote zu erwecken, die Jesus seinen Freunden eröffnet und mitgeteilt hat. Das Himmelreich läßt sich nicht aufhalten, sein Weg kann wohl für eine Weile durchkreuzt, aber nicht auf die Länge gesperrt werden. Seine lebendigen Wasser können durch das Gerede und Getue der Unverständigen und Boshaften wohl eine Weile gestaut werden, nachher brechen sie nur umso mächtiger durch. Laß sie nur reden und urteilen über dich, allerhand planen und vornehmen gegen dich! Das kann dir persönlich vielleicht sehr unangenehm werden, das kann dich in ernste, schwierige Lagen bringen. Das Himmelreich kann nur stärker werden und wachsen, je mehr man dich plagt. Denn je mehr man dich plagt, umso besser hast du Gelegenheit, zu zeigen, wer du eigentlich bist und was du in dir hast. Je dunkleren Rauch man um dich macht, umso heller kann ja das Licht deines Vaters im Himmel brennen. Wenn du wirklich |132 um des Heilands willen verachtet und geplagt wirst, so ist das ja eine wundervolle Gelegenheit, vom Heiland zu zeugen, nicht mit Seufzern und Ansprachen, sondern durch Fröhlichkeit und Unerschrockenheit, dadurch, daß du doch ja bleibst, was du bist, und dich doch ja nicht etwa irre machen lässest. Und da gibt uns nun Jesus einen großen Trost: wenn wir nur sein wollen, was wir doch sind, brauchen wir keinen Augenblick zu sorgen: wie soll ich’s denn anstellen, daß ich Gott Ehre mache und meine Sache gut vertrete und das Himmelreich vorwärts bringe bei den Leuten? Nichts von alledem. Es geht dann, wie es im Himmelreich immer geht: es kommt das Rechte, Gute, Kräftige von selber da, wo der Mensch sich Gott zur Verfügung gestellt hat, steigt empor aus der Seele und findet seinen Ausdruck, jetzt durch Reden und jetzt durch Schweigen, jetzt durchs Tun und jetzt durchs Bleibenlassen. Du kleiner Mensch darfst dich einmal ein wenig vergessen in solchen Momenten und Zeiten und gleichsam zuhören und zusehen, was Gott mit dir vornimmt. Das Himmelreich soll sich und wird sich offenbaren und bewähren, gerade wenn’s dir nicht schön geht. Und du darfst dich dafür hergeben. Darum mußt du geduldig sein und dich schicken können. Darum mußt du ertragen können. Darum mußt du wie der Heiland sagen können: dein Wille geschehe! [vgl. Mk. 14,36 par.], wenn die Leute dir Sturm und Not und Dunkel bereiten, nicht weil Sturm und Not und Dunkel und die Torheit und Bosheit der Leute der Wille Gottes wäre, aber weil es der Wille Gottes ist, gerade jetzt in dieser Verwirrung und gerade durch dich einen Sieg zu erringen. Himmelreich! Auferstehung! Leben! heißt das letzte Wort, darum darfst du dir das vorletzte nicht mißfallen lassen, mußt es als ein rechter Kämpfer und Dulder auf dich nehmen, daß dir allerlei passiert, was dich nicht freuen kann, darfst aber auch fest dich daran halten, daß nichts sinnlos und zwecklos sein wird, was du so als Kämpfer und Dulder für den lieben Gott auf dich nimmst. O, diesen Himmelreichssinn im Leiden für ihre Sachen haben die ersten Christen gut erfaßt. Paulus und Silas wußten, warum sie Loblieder sangen, als man sie in Philippi wundschlug und ins Gefängnis warf [Act. 16,25]. Und an der Gotteskraft und am Gottesgeist, der aus ihnen redete, hat es ihnen auch nicht gefehlt. Es wurde Alles wahr an ihnen, was ihr Meister ihnen von der Überwindung des Ärgernisses gesagt hatte. Sie sahen es vor Augen, wie ihre Seufzer, ihre Tränen, ihr Blut zu einer lebendigen Saat wurde. Das letzte Wort erleuchtete das vorletzte mächtig von innen her|133aus. Sie mußten auch dieses vorletzte und das Leiden schließlich liebgewinnen, weil es ihnen soviel brachte. Sie konnten zuletzt einander nicht genug rühmen von diesem Siegesweg, den sie mit dem Heiland gehen durften.

Wenn wir nun wieder das alles überdenken, verstehen wir wohl, daß Jesus das vom Sich-Hüten vor den Menschen und von den Verfolgungen seiner Jünger ganz ruhig und fröhlich sagen konnte. Ja, es war ein Anstoß in diesen Worten, und es ist ein harter Anstoß darin für uns alle, daß diese Worte so wahr sind; aber noch wahrer ist, daß der Anstoß sein muß um des großen Schrittes vorwärts willen, der nachher kommt. Es ist eben doch nur eine Fortsetzung seines großen Auftrags an uns, wenn er uns sagt: es wird euch manchmal bös genug gehen. Denn die Auferstehungsbotschaft steht hinter dieser Leidensverkündigung und lautet: ihr aber werdet in dem allem weit überwinden [vgl. Röm. 8,37], und der Geist des Vaters, der in euch ist, wird das letzte Wort sprechen. Freuet euch über das vorletzte!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 39 «Aus meines Herzens Grunde» von G. Niege, Strophen 1-3 (GERS [1952] 75,1.2.5; EG 443,1.2.6, beidesmal mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott! Du Leben, das die Welt durchwallt» von A. E. Fröhlich, Strophen 1-3 (GERS [1952] 186,1.2; Strophe 3 fehlt) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 19. März ist in Barths Kalender notiert: «Predigt u. Taufe in Laupen». Vermutlich hat er in der Gemeinde seines Bruders Peter eine Safenwiler Predigt wiederholt. Über eine Vertretung in Safenwil erfährt man nichts.↩
2
Der hier beginnende Abschnitt ist mit Blaustift in Klammern gesetzt.↩
3
Ende des eingeklammerten Abschnitts.↩
4
Vgl. das Lied von Ambrosius Blarer «Wie’s Gott gefällt, so g’fällts mir auch», Strophe 3:
«Ich schick mich drein»
(EKG 281,3; nicht in den Schweizer Gesangbüchern) 🎵
.↩
5
= einschüchtern.↩
6
Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie von Anfang des Neuen Testaments bis 1688 (1699–1700), 2 Bde., Frankfurt/M. 1729 📖.↩
7
= benachteiligt.↩