Predigt: Römer 14,10-12
Eine starke Welle von Aufregung und Entrüstung, ein ganzer Strom von Anklagen und Scheltworten geht in diesen Wochen durch das
64Warum sollte es uns nicht gut sein, meine Freunde, daß diese Welle und dieser Strom gekommen sind? Wir hatten allzu lange den Frieden mitten im Krieg, der doch kein Friede war. Wir fühlten uns zu sicher hinter dem Schutz unserer Soldaten und hinter den Versprechungen der großen wilden Tiere da draußen, sie wollten uns in Ruhe lassen. Wir hatten uns zu schnell gewöhnt an das Furchtbare, von dem die Welt voll ist. Wir leisteten es uns zu gemütlich, all die großen und kleinen Torheiten, in denen wir vorher gelebt hatten, fortzusetzen. Vor anderthalb Jahren, als die große Gefahr uns drohte, da konnte uns für einen Augenblick die tiefe, innerliche Frage: wo stehen wir eigentlich und wohin gehen wir?, die Frage: wie stehen wir zu Gott? [bewegen]; die Sehnsucht verzehrte uns: wir hatten bis jetzt einen toten Gott, wir brauchen einen lebendigen!, wir hatten bis jetzt eine Religion, wir brauchen Tatsachen der Liebe und der Gerechtigkeit, wir hatten bis jetzt Bildung und Kultur, wir brauchen ein Leben, stark, rein und einfach, das solchen Bedrohungen und Erschütterungen nicht mehr ausgesetzt ist. O wie sehnten wir uns damals einen Augenblick nach Gott, wie gerne hätten wir damals etwas von ihm gesehen, ergriffen, uns daran gehalten und damit getröstet. Aber das ist lange her, und jener fruchtbare Augenblick lebt nur noch in unserer Erinnerung. Es ging uns nur zu gut. Wir brauchten die bange Frage nicht zu beantworten. Wir konnten uns anders helfen als mit Gott. Wir konnten die fatale Rechnung, die uns vorgelegt wurde, wieder einmal hinausschieben auf später. Und das ist nun der Inhalt dieser letzten anderthalb Jahre gewesen für uns, daß das, was hätte geschehen müssen, noch nicht geschehen ist.
Warum sollte es uns nicht gut sein, daß wir nun auf einmal wieder aufgestört werden? Es war ja ganz unmöglich anders, als daß etwas Derartiges einmal kommen mußte. Gott müßte nicht Gott sein und wir nicht die Menschen, die ihn so dringend nötig haben, wenn solche Störungen ausbleiben könnten. In solchen Zeiten, die wir als Störungen übel empfinden, meldet sich eben einfach das Eigentliche, das Wahre wieder an, mit dem wir noch nicht in Ordnung sind. Die Frage taucht wieder auf: wo stehen wir? und wohin gehen wir?, die wir ja noch nicht beantwortet haben, und die Rechnung liegt wieder offen vor uns, deren Begleichung ja immer noch hinausgeschoben ist. Wollt ihr jetzt vielleicht einmal ernstlich an die Sache heran?, fragt uns eine solche Zeit. Wollt ihr jetzt vielleicht merken, daß es nicht geht mit eurer Ruhe, eurer Sicherheit, eurer Zufrie|65denheit? mit eurem Weitermachen und Immer-härter-Werden im Gewohnten? wollt ihr’s jetzt merken, daß euer bisheriger Gott ein Nichts, ein Gedankengötze war, der beim ersten Windstoß umfällt, daß ihr euch ausstrecken müßt nach Gott, dem Lebendigen, der euer Herz meint und sucht? wollt ihr’s jetzt einmal einsehen, daß ihr über einem Abgrund wandelt und daß einmal etwas ganz Neues, Anderes, Besonderes geschehen müßte, wenn euer Leben, auch euer schweizerisches Volksleben nicht einmal enden soll in Spott und Torheit? Wollt ihr jetzt? Das fragt uns die gegenwärtige Zeit. Das Leben, das unerbittliche Leben, das den ewigen Gesetzen Gottes gehorchen muß, es klopft wieder einmal an an unsere Fenster und rüttelt wie der Sturmwind an unseren Türen, will uns nicht schlafen lassen und läßt sich nicht abweisen. Wir sollen nicht unserer Wege gehen können, als ob nichts wäre. Wir sollen wissen, wie wir dran sind. Wir sollen merken, was uns nottut. Warum sollte uns das nicht gut sein, wenn wir so gefragt und geweckt werden? Gott selber steht vor der Türe.
Nun ist natürlich die Gefahr sehr groß, und ihr habt wohl selber vorhin im Stillen daran gedacht, daß wir auch diesmal wiederum antworten: noch nicht. Wir haben das schon so oft getan, warum sollte es diesmal anders gehen? Es ist ganz merkwürdig, wie geschickt wir Menschen doch sind, dem, was uns solche Störungen eigentlich zu sagen hätten, immer wieder auszuweichen. Ganz unheimlich gewandt verstehen wir es in solchen Zeiten, statt auf die große Hauptfrage, die uns gestellt wird, zu antworten mit Ja oder Nein, auf tausend Nebenfräglein tausend vielleicht ganz richtige Nebenantworten zu geben, statt die eine große Rechnung zu begleichen, über allerlei kleine Schuldenpöstlein zu studieren, die nichts damit zu tun haben, und so doch einen zahlungsfähigen Eindruck zu erwecken, statt einmal das Eine zu tun, was notwendig ist [vgl.
Wird es uns nun wieder so gehen mit dem, was wir jetzt erleben? Wir werden nun also wieder gefragt und geweckt. Wer sich damit trösten will: es sei ja lange nicht so gefährlich wie damals, der mag es tun. Wer die Augen auftun will, der kann sehen, daß gerade genug da ist, um uns zu fragen und zu wecken: unser Land gespalten in Deutsche und Welsche, |67 die sich nicht verstehen können, ein tiefer Unwille über den Geist, der in unserer Armee herrscht, und über die Persönlichkeiten, die diesen Geist verkörpern, ein schweres Mißtrauen auch gegenüber unserer
Ja, aber eben was?, nicht wahr! Und nun meldet sich wieder unsere Geschicklichkeit, immer der Hauptsache auszuweichen, und flüstert uns diesmal zu: das, was eigentlich geschehen müßte, Schweizervolk, bitte das jetzt noch nicht, auch diesmal wieder: jetzt noch nicht!, sondern jetzt etwas Anderes: jetzt wollen wir tüchtig schimpfen, schelten, wehklagen und aufbegehren übereinander, jetzt wollen wir uns mit lauter Stimme gegenseitig die Schuld zuschieben, jetzt wollen wir mit spitzigen Fingern aufeinander zeigen: ihr da tragt die Verantwortlichkeit, jetzt wollen wir einander angreifen und drücken und an die Wand pressen, jetzt ist der Augenblick da, euch einmal den Meister zu zeigen! Und diese Geschicklichkeit beweisen wir nun seit vielen Wochen, wir Schweizer. Wir meinen natürlich, es sei lauter Gerechtigkeitsgefühl und Vaterlandsliebe und gesunder Menschenverstand und wie das alles heißt, was uns jetzt so bewegt. Wir denken durchaus nicht daran, daß wir uns selbst und Gott einen blauen Dunst vormachen mit unserem Schelten und Reklamieren3 und Anklagen. Wir meinen getrost, ein gutes Werk damit zu tun. Und |68 doch könnten wir getrost alle die bösen Worte, die jetzt zwischen uns hin- und herfliegen, an einen Ort tun, sie sind alle so ziemlich gleich viel wert, sie bedeuten alle so ziemlich das Gleiche, nämlich: jetzt noch nicht, jetzt noch nicht heran an die inwendige Aufgabe des Aufbaus und der Befestigung eines neuen Lebens! jetzt noch nicht! jetzt noch nicht heran an den Sturz der Götzen und an den Dienst des Ewigen, Lebendigen. Jetzt noch nicht, jetzt noch nicht das Neue, das Andere, das Besondere – jetzt vorläufig noch das Andere, das diesmal zunächst liegt: jetzt einmal gehörig losgezogen und geurteilt über wen’s gerade trifft: über die Offiziere, die vor Gericht stehen, über den General4, über den
Das ist die göttliche Antwort auf das, was wir jetzt treiben im Schweizerland: Wir werden alle vor den Richterstuhl Christi gestellt werden, wir stehen schon davor, wir stehen im Lichte der ewigen göttlichen Wahrheit und sollten uns entscheiden. Statt dessen werfen wir armen Menschlein uns, als ob da noch Zeit zu verlieren wäre, zu Richtern unserer Mitmenschlein auf, richten die große Schicksalsfrage, die an uns alle gestellt ist, eins ans andere, um sie nicht selber beantworten zu müssen, schieben die große Rechnung eins dem Anderen hin, um sie nicht selber begleichen zu müssen. Es hat etwas unendlich Lächerliches an sich, wie wir jetzt so aufgeregt und feierlich die größten Sprüche gegeneinander tun, jeder, als ob ihn eigentlich die Sache nichts anginge, als ob nur der Andere, der |69 da drüben, nun einmal Vernunft annehmen sollte. Oder wollen wir wirklich im Ernst jene beiden angeklagten Offiziere zu Sündenböcken machen dafür, daß wir uns jetzt so beängstigt und beunruhigt fühlen? Haben wir etwa vorher nichts gewußt davon, daß
Oder wollen wir im Ernst unsere Welschschweizer verklagen, weil sie so |70 einseitig und offenkundig für die Franzosen Partei nehmen und mit ihrer Leidenschaft das ganze Land in Verwirrung bringen? wollen wir im Ernst sie schuldig sprechen? Wissen wir etwa nichts vom Parteinehmen? Sind wir etwa frei von diesem Gift, das jetzt durch die Welt geht? Darf ich euch daran erinnern, wie besonders am Anfang bei uns für die Deutschen Partei ergriffen wurde, wie die Mehrzahl von euch nichts wissen wollte von wirklicher, innerer Neutralität? Oder daran, wie übel es noch in jüngster Zeit ein paar welschschweizerischen Büblein gerade in unserer Gemeinde ergangen ist unter unseren Büblein?7 Und würden wir jetzt wohl so gelassen und ruhig sein, wenn der Krieg eine andere Wendung genommen hätte, wenn wir jetzt eine ähnliche Angst empfinden müßten, wie sie unsere welschen Eidgenossen vor dem Überhandnehmen des Deutschtums empfinden? Empört euch nur gegen ihr Parteinehmen! Empört euch gegen das Parteinehmen überhaupt! Empört euch gegen dieses leidige Fragen: wer hat Recht? und wer hat Unrecht?, aus dem soviel Gift und Hochmut und Streit hervorgeht und das den Krieg unter den Menschen nicht einschlafen läßt, empört euch gegen das Pharisäertum, das sich auf den hohen Thron setzt und die Menschen einteilt in Gerechte und Ungerechte. Aber bleibt nicht selber stecken in diesem pharisäischen Wesen, indem ihr unsere Welschen in besonderer Weise anklagt um dessen willen, was bei ihnen nur in besonders betrüblicher Weise zum Vorschein kommt.
Oder wollen wir schließlich, wie das jetzt auch gemacht wird, im Ernst den
Du aber, was richtest du deinen Bruder, und du anderer, was verachtest du deinen Bruder? Das sollten wir uns jetzt alle, aber eben ein jeder zu sich selbst sagen, wir anklägerischen Schweizer wir. Wir sollten uns sagen, daß es unendlich lächerlich und bequem ist, so herüber und hinüber zu schelten. Sehen sollten wir’s, wie Gott alle unsere Anklagen, alle in ein Bündel packt und darüber spottet und sie ins Feuer wirft. Spüren sollten wir’s bis ins Innerste, daß wir an einem unnützen und verderblichen Werk sind. Daß wir Pfuscharbeit tun, so eifrig wir daran sind, so ernste Gesichter wir dazu machen. Denn was wird das Ergebnis sein, wenn das nun das Einzige bleibt? Dann geht doch diese Zeit, wo Gott mit uns reden wollte, wieder unbenutzt vorüber wie die vorhergehenden. Dann werden eben neue Ereignisse, dann wird eine noch deutlichere Sprache nötig sein, um uns zu zwingen, das zu tun, was notwendig wäre. Wollen wir es darauf ankommen lassen? Müssen wir denn eigentlich durchmachen, was unsere Nachbarvölker jetzt durchmachen? muß uns am Ende unsere schweizerische Unabhängigkeit und Freiheit in Scherben vor die Füße geworfen werden, wie es dem Volke Israel ging oder dem Schweizervolk vor hundert Jahren, bevor wir einmal aufhören mit unserem «Jetzt noch nicht!» und mit unseren Possen, mit denen wir dem lieben Gott die Zeit stehlen? Ja, das muß vielleicht geschehen, aber warum, warum lassen wir es darauf ankommen?
Es könnte doch jetzt schon etwas Anderes geschehen! Müßte uns nicht die gegenwärtige Lage viel mehr zum Schweigen als zum Reden drängen? Zu einem tiefen, stillen Einkehren bei uns selber. Zu einem ernsten |72 Nachdenken über die eigentlichen Gründe unserer Lage. Zu einem inneren Eingehen auf die Frage: wo stehen wir und wohin gehen wir? Warum ist die Welt die Welt und der Mensch der Mensch, so wie sie jetzt sind? Und wie könnten sie anders werden? Da würde uns das Richten und Verachten Anderer gar nicht einfallen, wir hätten genug mit uns selber zu tun.
Denn wir wissen ja ganz gut, wie es anders werden könnte, wie es zu einem Leben kommen könnte, in dem der Krieg und Alles, was zum Kriege gehört, und der ganze übrige Berg von Menschensünde und Menschennot aufgehoben würde. Mit Gott würde das geschehen, wenn wir an Gott glauben würden. So wahr als ich lebe, spricht der Herr, mir sollen alle Kniee gebeugt werden, und alle Zungen sollen bekennen, daß ich der Herr sei [vgl.
Wollt ihr jetzt?, fragt er uns. O wir wollen jetzt!, wollen wir ihm antworten. Wir wollen jetzt an die Sache, an die Hauptsache heran! Wir wollen jetzt einsehen, daß das Neue, Besondere von da her geschehen muß! wir wollen jetzt merken, begreifen, verstehen! wir wollen’s jetzt sehen, daß du, der Lebendige, allein Gott bist [vgl.
- Nr. 148 «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von
H. Held , Strophen 1-3, nach der Predigt 4-6 (GERS [1952] 184,1-2.3–5; EG 134,1-2.3–5; Strophe 3 von 1891 fehlt beide Male, leichte Textabweichungen)