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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 14,10-12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 14,10-12, 13. Februar 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 63–72.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Römer 14,10-12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 63-72</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 311</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 14,10-12, 13. Februar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1752">KBA 1289</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-02-13">13. Februar 1916</date>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.10 Röm.14.12">Römer 14,10–12</ref>
              <quote>Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du anderer, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richtstuhl Christi dargestellt werden. Denn es stehet geschrieben: So wahr als ich lebe, spricht der Herr, mir sollen alle Kniee gebeugt werden, und alle Zungen sollen Gott bekennen. So wird nun ein jeder für sich selbst Gott Rechenschaft geben.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Eine starke Welle von Aufregung und Entrüstung, ein ganzer Strom von Anklagen und Scheltworten geht <hi rend="italic">in diesen Wochen</hi> durch das <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName>. Auf eine lange Zeit scheinbarer Ruhe und Sicherheit und Zufriedenheit ist auf einmal ein förmlicher Ausbruch von Unwillen und Unruhe gefolgt. Ein geringfügiger Anlaß konnte diesem Ausbruch rufen, und nun ist er da, und noch ist kein Ende abzusehen.<note xml:id="n01">Die Unruhen entstanden, als Neutralitätswidrigkeiten des militärischen Nachrichtendienstes zugunsten der <orgName ref="kbga-actors-8827">Mittelmächte</orgName> publik wurden. Der innere Friede zwischen den Sprachengruppen konnte nur mit Mühe durch einen Prozeß gegen die Generalstabsobersten <persName ref="kbga-actors-6186">K. Egli</persName> und <persName ref="kbga-actors-6224">F. M. von Wattenwyl</persName> wiederhergestellt werden. Vgl. 
          <bibl corresp="kbga-bibls-2003">
            <persName ref="kbga-actors-1487">E. Bonjour</persName>, 
            <hi rend="italic">Geschichte der schweizerischen Neutralität. Vier Jahrhunderte eidgenössischer Außenpolitik</hi>, 
            Bd. II, 
            Basel / Frankfurt M. 1980<hi rend="sup">6</hi>, 
            S. 159–168.</bibl>    
               </note> Man spielt jetzt hüben und drüben mit starken, gefährlichen Worten: man hat auf der einen Seite bereits von Revolution geredet und auf der anderen von einer noch schärferen Säbelherrschaft. Es scheint auf alle Fälle, daß wir vor sehr ernsten, folgenschweren Entscheidungen stehen. Ich habe den Ausspruch gehört, daß unser Land vielleicht seit hundert und mehr Jahren keine so ernste Zeit durchgemacht habe wie diese gegenwärtigen Wochen.</p>       
        <p>
                        <pb xml:id="p064" ed="pga" rend="noPipe"/>Warum sollte es uns nicht gut sein, meine Freunde, daß diese Welle und dieser Strom gekommen sind? Wir hatten <hi rend="italic">allzu lange</hi> den Frieden mitten im Krieg, der doch kein Friede war. Wir fühlten uns zu sicher hinter dem Schutz unserer Soldaten und hinter den Versprechungen der großen wilden Tiere da draußen, sie wollten uns in Ruhe lassen. Wir hatten uns zu schnell gewöhnt an das Furchtbare, von dem die Welt voll ist. Wir leisteten es uns zu gemütlich, all die großen und kleinen Torheiten, in denen wir vorher gelebt hatten, fortzusetzen. <hi rend="italic">Vor anderthalb Jahren</hi>, als die große Gefahr uns drohte, da konnte uns für einen Augenblick die tiefe, innerliche Frage: wo stehen wir eigentlich und wohin gehen wir?, die Frage: wie stehen wir zu Gott? [bewegen]; die Sehnsucht verzehrte uns: wir hatten bis jetzt einen toten Gott, wir brauchen einen lebendigen!, wir hatten bis jetzt eine Religion, wir brauchen Tatsachen der Liebe und der Gerechtigkeit, wir hatten bis jetzt Bildung und Kultur, wir brauchen ein Leben, stark, rein und einfach, das solchen Bedrohungen und Erschütterungen nicht mehr ausgesetzt ist. O wie sehnten wir uns damals einen Augenblick nach Gott, wie gerne hätten wir damals etwas von ihm gesehen, ergriffen, uns daran gehalten und damit getröstet. Aber das ist lange her, und jener fruchtbare Augenblick lebt nur noch in unserer Erinnerung. Es ging uns nur zu gut. Wir brauchten die bange Frage nicht zu beantworten. Wir konnten uns anders helfen als mit Gott. Wir konnten die fatale Rechnung, die uns vorgelegt wurde, wieder einmal hinausschieben auf später. Und das ist nun der Inhalt dieser letzten anderthalb Jahre gewesen für uns, daß das, was hätte geschehen müssen, noch nicht geschehen ist.</p>
        <p>Warum sollte es uns nicht gut sein, daß wir nun auf einmal <hi rend="italic">wieder aufgestört</hi> werden? Es war ja ganz unmöglich anders, als daß etwas Derartiges einmal kommen mußte. <hi rend="italic">Gott</hi> müßte nicht Gott sein und wir nicht die Menschen, die ihn so dringend nötig haben, wenn solche Störungen ausbleiben könnten. In solchen Zeiten, die wir als Störungen übel empfinden, meldet sich eben einfach das Eigentliche, das Wahre wieder an, mit dem wir noch nicht in Ordnung sind. Die Frage taucht wieder auf: wo stehen wir? und wohin gehen wir?, die wir ja noch nicht beantwortet haben, und die Rechnung liegt wieder offen vor uns, deren Begleichung ja immer noch hinausgeschoben ist. <hi rend="italic">Wollt ihr jetzt</hi> vielleicht einmal ernstlich an die Sache heran?, fragt uns eine solche Zeit. <hi rend="italic">Wollt ihr jetzt</hi> vielleicht merken, daß es nicht geht mit eurer Ruhe, eurer Sicherheit, eurer Zufrie<pb xml:id="p065" ed="pga" break="no"/>denheit? mit eurem Weitermachen und Immer-härter-Werden im Gewohnten? <hi rend="italic">wollt ihr’s jetzt merken</hi>, daß euer bisheriger Gott ein Nichts, ein Gedankengötze war, der beim ersten Windstoß umfällt, daß ihr euch ausstrecken müßt nach Gott, dem Lebendigen, der euer Herz meint und sucht? <hi rend="italic">wollt ihr’s jetzt</hi> einmal einsehen, daß ihr über einem Abgrund wandelt und daß einmal etwas ganz Neues, Anderes, Besonderes geschehen müßte, wenn euer Leben, auch euer schweizerisches Volksleben nicht einmal enden soll in Spott und Torheit? <hi rend="italic">Wollt ihr jetzt</hi>? Das fragt uns die gegenwärtige Zeit. Das Leben, das unerbittliche Leben, das den ewigen Gesetzen Gottes gehorchen muß, es klopft wieder einmal an an unsere Fenster und rüttelt wie der Sturmwind an unseren Türen, will uns nicht schlafen lassen und läßt sich nicht abweisen. Wir sollen nicht unserer Wege gehen können, als ob nichts wäre. Wir sollen wissen, wie wir dran sind. Wir sollen merken, was uns nottut. Warum sollte uns das nicht gut sein, wenn wir so gefragt und geweckt werden? Gott selber steht vor der Türe.</p>
        <p>Nun ist natürlich die Gefahr sehr groß, und ihr habt wohl selber vorhin im Stillen daran gedacht, daß wir auch diesmal wiederum antworten: noch nicht. Wir haben das schon so oft getan, warum sollte es diesmal anders gehen? Es ist ganz merkwürdig, <hi rend="italic">wie geschickt</hi> wir Menschen doch sind, dem, was uns solche Störungen eigentlich zu sagen hätten, immer wieder auszuweichen. Ganz unheimlich gewandt verstehen wir es in solchen Zeiten, statt auf die große Hauptfrage, die uns gestellt wird, zu antworten mit Ja oder Nein, auf tausend Nebenfräglein tausend vielleicht ganz richtige Nebenantworten zu geben, statt die eine große Rechnung zu begleichen, über allerlei kleine Schuldenpöstlein zu studieren, die nichts damit zu tun haben, und so doch einen zahlungsfähigen Eindruck zu erwecken, statt einmal das Eine zu tun, was notwendig ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], uns mit unzähligen kleinen Dingen zu beschäftigen, die vielleicht auch notwendig sind, solange eben das Eine nicht geschehen ist. Und so geht die Zeit um, und wir haben viel zu denken, zu reden und zu tun, und auf einmal ist’s wieder gewöhnliche Zeit, und das Leben klopft und rüttelt nicht mehr so heftig an unseren Fenstern und Türen, und wir sehen hinaus und entdecken voll Freude: Gott steht nicht mehr draußen. Wir waren ja etwas erschrocken, aber es ging schließlich ganz gut ohne ihn, und es wird nun wohl auch weiter so gehen. Haben wir diese Geschicklichkeit, Gott auszuweichen, nicht vortrefflich bewiesen am <hi rend="italic">An<pb xml:id="p066" ed="pga" break="no"/>fang des Krieges? Noch nicht jetzt!</hi>, sagten wir und taten Geld und Vorräte auf die Seite. Noch nicht jetzt!, sagten wir und waren mit Leib und Seele bei dem Aufmarsch unserer Armee an den Grenzen des Landes. Noch nicht jetzt!, sagten wir und nahmen Partei für die Deutschen oder für die Franzosen und wollten es so gut verstehen wie der liebe Gott selber, wer Recht habe und wer nicht. Noch nicht jetzt!, sagten wir und taten allerlei Gutes und Nötiges für unsere Soldaten und für die Opfer des Krieges in der Nähe und in der Ferne. Alles nichts Böses, vieles davon ganz ausgezeichnet sogar. Wenn nur nicht das unheimlich geschickte Noch nicht jetzt! hinter Allem gewesen wäre! Es war aber dahinter. Wir haben diese Zeit ganz vortrefflich ausgefüllt damit, Vieles, sehr Vieles zu denken, zu reden, zu tun und dabei doch das, was eigentlich hätte geschehen müssen, nicht geschehen zu lassen. Die Entscheidung für Gott hat sich nicht ereignet. Die tiefe, innerliche Frage blieb ungelöst. Die neue Grundlegung des Lebens in neuen Herzen und Gewissen, die Beseitigung der Religion und die Herrschaft des lebendigen Gottes in uns, dazu ließen wir es nicht kommen. Das Einzige, was einen Sinn hatte, wenn wir die grimmige Not des Lebens sahen und verstanden, dieses Einzige haben wir uns erspart. Und das kam denn auch <hi rend="italic">zum Vorschein</hi> für alle, die sehen wollten, in dem, was sich in dieser Zeit in unserem Vaterland und auch in unserer Gemeinde ereignet hat. Es kam zum Vorschein, was ja ganz selbstverständlich ist, daß der alte Baum keine neuen, guten Früchte zeitigen kann. Aller Jammer, aller Übermut, aller Streit, alles Unrecht, alle Menschenfurcht, die noch seither unter uns waren, reden eine deutliche Sprache; sie sagen uns: wenn wir die Entscheidung für Gott hinausschieben, so schieben wir auch unsere Erlösung hinaus. Wenn wir die Gleichen bleiben wollen mit dem alten unnützen Gott, dann muß uns eben der lebendige Gott im Gleichen lassen. Wenn wir nicht anfangen wollen mit Glauben, dann steht eben der Berg von Leid und Torheit, der auf uns liegt, unbeweglich. Das ist wieder ein Gottesgesetz, das sich da an uns erfüllt hat. So ist’s uns also gegangen mit dem, was wir bei Kriegsausbruch erlebt haben.</p>
          <p>Wird es uns nun wieder so gehen mit dem, was wir jetzt erleben? Wir werden nun also wieder <hi rend="italic">gefragt und geweckt</hi>. Wer sich damit trösten will: es sei ja lange nicht so gefährlich wie damals, der mag es tun. Wer die Augen auftun will, der kann sehen, daß gerade genug da ist, um uns zu fragen und zu wecken: unser Land gespalten in Deutsche und Welsche, <pb xml:id="p067" ed="pga"/> die sich nicht verstehen können, ein tiefer Unwille über den Geist, der in unserer Armee herrscht, und über die Persönlichkeiten, die diesen Geist verkörpern, ein schweres Mißtrauen auch gegenüber unserer <orgName ref="kbga-actors-7798">höchsten Landesbehörde</orgName>, ein stiller, zäher Überdruß gegenüber den Lasten, die das Militärwesen uns aufnötigt, eine allgemeine böse Verärgerung unten gegen Alles, was von oben kommt, und eine ebenso böse Verachtung oben gegen die Stimmung des Volkes, das die Notwendigkeiten der Zeit nicht begreife. Dazu nun ein Prozeß gegen zwei unserer höchsten Offiziere vor den Augen des ganzen Landes und, was noch schlimmer ist, vor den Augen des ganzen Auslandes, Straßentumulte in einer unserer größten Städte<note xml:id="n02">Der Obersten-Handel hatte sich «zum öffentlichen Skandal» ausgewachsen. «Volksversammlungen faßten protestierende Resolutionen. In <placeName ref="kbga-places-249">Lausanne</placeName> wurde am deutschen Konsulat die Fahne heruntergerissen, worauf Militär die Ordnung wieder herstellte.» <bibl corresp="kbga-bibls-2003">
                                <persName ref="kbga-actors-1487">E. Bonjour</persName>, a.a.O., S. 161.</bibl>
               </note>, Massenversammlungen, die es alle laut und deutlich aussprechen: wir wollen anders regiert sein, und das alles in einem Augenblick, wo unmittelbar an unserer Grenze, vor unseren Augen und Ohren der Krieg heftiger tobt als je zuvor. Das sollte doch wohl genug sein zum Fragen und zum Wecken. Da haben doch wohl auf allen Seiten diejenigen recht, die uns zurufen: nun gilt’s! nun muß etwas geschehen!</p>
          <p>Ja, aber eben was?, nicht wahr! Und nun meldet sich wieder unsere <hi rend="italic">Geschicklichkeit</hi>, immer der Hauptsache auszuweichen, und flüstert uns diesmal zu: das, was eigentlich geschehen müßte, Schweizervolk, bitte das jetzt noch nicht, auch diesmal wieder: jetzt noch nicht!, sondern jetzt etwas Anderes: jetzt wollen wir tüchtig schimpfen, schelten, wehklagen und aufbegehren übereinander, jetzt wollen wir uns mit lauter Stimme gegenseitig die Schuld zuschieben, jetzt wollen wir mit spitzigen Fingern aufeinander zeigen: ihr da tragt die Verantwortlichkeit, jetzt wollen wir einander angreifen und drücken und an die Wand pressen, jetzt ist der Augenblick da, euch einmal den Meister zu zeigen! Und diese Geschicklichkeit <hi rend="italic">beweisen wir</hi> nun seit vielen Wochen, wir Schweizer. Wir meinen natürlich, es sei lauter Gerechtigkeitsgefühl und Vaterlandsliebe und gesunder Menschenverstand und wie das alles heißt, was uns jetzt so bewegt. Wir denken durchaus nicht daran, daß wir uns selbst und Gott einen blauen Dunst vormachen mit unserem Schelten und Reklamieren<note xml:id="n03">= sich beklagen, sich beschweren.</note> und Anklagen. Wir meinen getrost, ein gutes Werk damit zu tun. Und <pb xml:id="p068" ed="pga"/> doch könnten wir getrost alle die bösen Worte, die jetzt zwischen uns hin- und herfliegen, an <hi rend="italic">einen</hi> Ort tun, sie sind alle so ziemlich gleich viel wert, sie bedeuten alle so ziemlich das Gleiche, nämlich: jetzt noch nicht, jetzt noch nicht heran an die inwendige Aufgabe des Aufbaus und der Befestigung eines neuen Lebens! jetzt noch nicht! jetzt noch nicht heran an den Sturz der Götzen und an den Dienst des Ewigen, Lebendigen. Jetzt noch nicht, jetzt noch nicht das Neue, das Andere, das Besondere – jetzt vorläufig noch das Andere, das diesmal zunächst liegt: jetzt einmal gehörig losgezogen und geurteilt über wen’s gerade trifft: über die Offiziere, die vor Gericht stehen, über den General<note xml:id="n04">In der <orgName ref="kbga-actors-8712">schweizerischen Armee</orgName> gibt es nur <hi rend="italic">einen</hi> (jeweils vom <orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrat</orgName> gewählten) General als Oberbefehlshaber der gesamten Armee, und dies auch nur im «Aktivdienst», d.h. (vor allem) in Kriegszeiten. Während des 1. Weltkriegs war <persName ref="kbga-actors-840">Ulrich Wille</persName> (<date from="1848" to="1925">1848–1925</date>) General.</note>, über den <orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrat</orgName><note xml:id="n05">«<orgName ref="kbga-actors-7798">Bundesrat</orgName>» heißt die (siebenköpfige) Regierung der <orgName ref="kbga-actors-8387">Eidgenossenschaft</orgName>. Jährlich wechselnd füngiert einer der Bundesräte als «Bundespräsident».</note>, über die Welschschweizer, über die <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokraten</orgName><note xml:id="n06">Gegen die neutralitätswidrige Haltung des Generalstabs wandte sich auch die <orgName ref="kbga-actors-6132">Sozialdemokratische Partei der Schweiz</orgName>. Sie forderte die Einberufung der Bundesversammlung. <persName ref="kbga-actors-1487">Bonjour</persName> schreibt weiter: «Sozialistische Refraktäre machten ihrem Antimilitarismus in haßerfüllten Reden Luft» (<bibl corresp="kbga-bibls-2003">a.a.O., S. 161</bibl>). Ausführlicher Bericht bei 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2384">
              <persName ref="kbga-actors-3921">J. Ruchti</persName>, 
              <hi rend="italic">Geschichte der Schweiz während des Weltkrieges 1914-1919, politisch, wirtschaftlich und kulturell</hi>, 
              Bd. I, 
              Bern
                                1928, 
              S. 158–219</bibl>.</note>. Ja, über wen wird heute in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> nicht geurteilt hin und her? Das Wort Gottes aber <hi rend="italic">deckt</hi> uns allen unsere ganze Geschicklichkeit <hi rend="italic">auf</hi> und sagt uns, was davon zu halten sei: Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Christi gestellt werden!</p>
          <p>Das ist die göttliche Antwort auf das, was wir jetzt treiben im <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName>: Wir werden alle vor den Richterstuhl Christi gestellt werden, wir stehen schon davor, wir stehen im Lichte der ewigen göttlichen Wahrheit und sollten uns entscheiden. Statt dessen werfen wir armen Menschlein uns, als ob da noch Zeit zu verlieren wäre, zu Richtern unserer Mitmenschlein auf, richten die große Schicksalsfrage, die an uns alle gestellt ist, eins ans andere, um sie nicht selber beantworten zu müssen, schieben die große Rechnung eins dem Anderen hin, um sie nicht selber begleichen zu müssen. Es hat etwas unendlich Lächerliches an sich, wie wir jetzt so aufgeregt und feierlich die größten Sprüche gegeneinander tun, jeder, als ob ihn eigentlich die Sache nichts anginge, als ob nur der Andere, der <pb xml:id="p069" ed="pga"/> da drüben, nun einmal Vernunft annehmen sollte. Oder wollen wir wirklich im Ernst jene beiden <hi rend="italic">angeklagten Offiziere</hi> zu Sündenböcken machen dafür, daß wir uns jetzt so beängstigt und beunruhigt fühlen? Haben wir etwa vorher nichts gewußt davon, daß <orgName ref="kbga-actors-8712">unsere Armee</orgName> ohne die Spionagegeschäfte, mit deren Betrieb jene sich verdächtig gemacht haben, so wenig bestehen könnte wie irgend eine andere Armee? Haben wir nichts gewußt davon, daß diese Dinge zum Krieg gehören wie der Löffel zum Essen und daß ihr einziger Fehler wahrscheinlich darin bestanden hat, daß sie sich erwischen ließen? Ja, empört euch nur gegen den Krieg, der solche Dinge notwendig macht, empört euch gegen die Menschheit, die ohne Krieg nicht auskommen kann, empört euch gegen den Menschen, der innerlich so ist, daß er Krieg führen muß, aber seid keine Pharisäer und empört euch nicht über ein paar Mitmenschen, die sich im Dienst des Krieges, der in diesem Fall sogar noch Dienst des Vaterlandes heißen kann, die Finger beschmutzt haben, als ob sie besonders schuldig wären. Oder wollen wir etwa im Ernst den <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-840">General</persName></hi> und den <orgName ref="kbga-actors-7798"><hi rend="italic">Bundesrat</hi></orgName> dafür beschuldigen und verantwortlich machen, daß wir nun seit anderthalb Jahren unter einem strengen, straffen Militärregiment stehen? Waren wir nicht froh darüber, als die Gefahr drohend war? Haben wir noch nicht besser begriffen, was der Krieg ist? Daß der Krieg eine Gefangenschaft ist, unter der die Menschheit schmachtet, eine Gefangenschaft, die man wohl sprengen, aber nicht mildern kann? Ein Höllenapparat, den man wohl zerschmettern, den man aber, wenn er einmal aufgezogen ist, nicht aufhalten kann. Ich glaube, der General hat soweit ganz recht, wenn er sagt: Krieg ist Krieg, Militär ist Militär, und zum Militär gehören nun einmal all die unangenehmen Dinge, die uns jetzt aufregen. Haßt ihn nur, den Krieg, und haßt diese Notwendigkeit, daß wir Militär haben müssen – es ist Zeit, daß dieser Haß einmal wirklich tief und stark werde in unserem Volk –, und haßt, ich sage es noch einmal, die gottentfremdete Natur des Menschen, die meint, Gewalt und Krieg gehörten zum Leben – es ist Zeit, daß wir da einmal lernen zu hassen bis auf die Wurzeln –, aber macht es euch nicht so bequem, ein paar Mitmenschen zu hassen, die den Krieg und das Militärwesen ja nicht erfunden haben, die in dem großen höllischen Spiel, in das wir nun einmal verwickelt sind, auch nur Marionetten, Puppen sind und über deren Dienste ihr überdies noch vor Kurzem sehr froh wäret.</p>
          <p>Oder wollen wir im Ernst unsere <hi rend="italic">Welschschweizer</hi> verklagen, weil sie so <pb xml:id="p070" ed="pga"/> einseitig und offenkundig für die Franzosen Partei nehmen und mit ihrer Leidenschaft das ganze Land in Verwirrung bringen? wollen wir im Ernst sie schuldig sprechen? Wissen wir etwa nichts vom Parteinehmen? Sind wir etwa frei von diesem Gift, das jetzt durch die Welt geht? Darf ich euch daran erinnern, wie besonders am Anfang bei uns für die Deutschen Partei ergriffen wurde, wie die Mehrzahl von euch nichts wissen wollte von wirklicher, innerer Neutralität? Oder daran, wie übel es noch in jüngster Zeit ein paar welschschweizerischen Büblein gerade in unserer Gemeinde ergangen ist unter unseren Büblein?<note xml:id="n07">
                            R. Weber hat weder in der lokalen Presse noch im Archiv der Gemeinde <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> Näheres über den Vorgang gefunden (Brief vom <date when="1996-11-21">21.11.1996</date> an den Hrsg.). Er vermutet einen Zusammenhang mit den in <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref> erwähnten Auseinandersetzungen. Die «Büblein» wären dann keine Kinder, sondern junge Burschen, vielleicht Studenten.</note> Und würden wir jetzt wohl so gelassen und ruhig sein, wenn der Krieg eine andere Wendung genommen hätte, wenn wir jetzt eine ähnliche Angst empfinden müßten, wie sie unsere welschen Eidgenossen vor dem Überhandnehmen des Deutschtums empfinden? Empört euch nur gegen ihr Parteinehmen! Empört euch gegen das Parteinehmen überhaupt! Empört euch gegen dieses leidige Fragen: wer hat Recht? und wer hat Unrecht?, aus dem soviel Gift und Hochmut und Streit hervorgeht und das den Krieg unter den Menschen nicht einschlafen läßt, empört euch gegen das Pharisäertum, das sich auf den hohen Thron setzt und die Menschen einteilt in Gerechte und Ungerechte. Aber bleibt nicht selber stecken in diesem pharisäischen Wesen, indem ihr unsere Welschen in besonderer Weise anklagt um dessen willen, was bei ihnen nur in besonders betrüblicher Weise zum Vorschein kommt.</p>
        <p>Oder wollen wir schließlich, wie das jetzt auch gemacht wird, im Ernst den <orgName ref="kbga-actors-6132">
                            <hi rend="italic">Sozialdemokraten</hi>
                        </orgName> die Schuld zuschieben an der allgemeinen Verwirrung? Etwa darum, weil sie am deutlichsten ausgesprochen haben, was ja das ganze Volk bedrückt? weil sie am kräftigsten Widerspruch erhoben haben gegen die Wege, die wir jetzt mit allen anderen Völkern gehen müssen? Gewiß sind sie dabei nicht in die Tiefe gegangen mit ihren Anklagen, aber wer ist denn der Prophet, der gegenüber der Kriegsnot, unter der eine ganze Welt leidet, mit göttlicher Tiefe und Wahrheit reden könnte? Gewiß sind sie dabei von sehr menschlichen Torheiten, Übertreibungen und Verdrehungen nicht frei geblieben, aber wer kann das, <pb xml:id="p071" ed="pga"/> was uns alle plagt, aussprechen, ohne dabei jemandem wehe und unrecht zu tun? Sollte es darum unausgesprochen bleiben, wenn es doch eben in der Hauptsache wahr war? Meint man im Ernst, daß ein paar Zeitungen die Bewegung hätten entfachen können, die jetzt durch unser Land geht? Zeitungen und Parteien können immer nur das melden und beim Namen nennen, was schon längst da ist. Klagt nur über die Verwirrung, die wir jetzt haben im <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName>, klagt nur darüber, daß eine solche Verwirrung möglich ist, klagt vor Allem darüber, daß wir in einer so verworrenen, verkehrten Welt leben, in der das, was Alle im Grunde denken, nicht gesagt werden darf, ohne daß Unglück angerichtet wird. Aber macht euch die Sache nicht so leicht, daß ihr über ein paar Zeitungsschreiber und Redner klagt, die die vorhandene Verwirrung auch offen ausgeplaudert haben!</p>
        <p>Du aber, <hi rend="italic">was richtest du</hi> deinen Bruder, und du anderer, was verachtest du deinen Bruder? Das sollten wir uns jetzt alle, aber eben ein jeder zu sich selbst sagen, wir anklägerischen Schweizer wir. Wir sollten uns sagen, daß es unendlich lächerlich und bequem ist, so herüber und hinüber zu schelten. Sehen sollten wir’s, wie Gott alle unsere Anklagen, alle in ein Bündel packt und darüber spottet und sie ins Feuer wirft. Spüren sollten wir’s bis ins Innerste, daß wir an einem unnützen und verderblichen Werk sind. Daß wir Pfuscharbeit tun, so eifrig wir daran sind, so ernste Gesichter wir dazu machen. Denn was wird das Ergebnis sein, wenn das nun das Einzige bleibt? Dann geht doch diese Zeit, wo Gott mit uns reden wollte, wieder unbenutzt vorüber wie die vorhergehenden. Dann werden eben neue Ereignisse, dann wird eine noch deutlichere Sprache nötig sein, um uns zu zwingen, das zu tun, was notwendig wäre. Wollen wir es darauf ankommen lassen? Müssen wir denn eigentlich durchmachen, was unsere Nachbarvölker jetzt durchmachen? muß uns am Ende unsere schweizerische Unabhängigkeit und Freiheit in Scherben vor die Füße geworfen werden, wie es dem Volke <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> ging oder dem Schweizervolk vor hundert Jahren, bevor wir einmal aufhören mit unserem «Jetzt noch nicht!» und mit unseren Possen, mit denen wir dem lieben Gott die Zeit stehlen? Ja, das muß vielleicht geschehen, aber warum, warum lassen wir es darauf ankommen?</p>
        <p>Es könnte doch jetzt schon etwas Anderes geschehen! Müßte uns nicht die gegenwärtige Lage viel mehr zum Schweigen als zum Reden drängen? Zu einem tiefen, stillen Einkehren bei uns selber. Zu einem ernsten <pb xml:id="p072" ed="pga"/> Nachdenken über die eigentlichen Gründe unserer Lage. Zu einem inneren Eingehen auf die Frage: wo stehen wir und wohin gehen wir? Warum ist die Welt die Welt und der Mensch der Mensch, so wie sie jetzt sind? Und wie könnten sie anders werden? Da würde uns das Richten und Verachten Anderer gar nicht einfallen, wir hätten genug mit uns selber zu tun.</p>
        <p>Denn wir wissen ja ganz gut, wie es anders werden könnte, wie es zu einem Leben kommen könnte, in dem der Krieg und Alles, was zum Kriege gehört, und der ganze übrige Berg von Menschensünde und Menschennot aufgehoben würde. Mit Gott würde das geschehen, wenn wir an Gott glauben würden. So wahr als ich lebe, spricht der Herr, mir sollen alle Kniee gebeugt werden, und alle Zungen sollen bekennen, daß ich der Herr sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.10 Phil.2.11">Phil. 2,10f.</ref>]! Das ist’s, was von uns aus geschehen müßte. O wenn wir einmal anfangen wollten, weniger geschickt und gescheit zu sein, wenn wir uns jetzt in unserer Bedrängnis sammeln wollten, um dieses Eine zu tun, was uns und mit der ganzen Welt auch unser Schweizervolk erlösen könnte aus seinen Verwirrungen! Wenn wir uns jetzt einmal verstehen und nicht weltklug, sondern klug in Gott sein und werden wollten! Wenn wir uns jetzt merkten, tief merkten: es kommt so gar nicht darauf an, irgendjemand schuldig zu sprechen, es kommt aber Alles darauf an, daß ein jeder sich selbst schuldig spreche, schuldig dessen, daß wir Gottes Güte bis jetzt so frevelhaft und kleinlich zurückgehalten –seht, dann könnte und wollte Gott uns helfen.</p>
          <p>Wollt ihr jetzt?, fragt er uns. O wir wollen jetzt!, wollen wir ihm antworten. Wir wollen jetzt an die Sache, an die Hauptsache heran! Wir wollen jetzt einsehen, daß das Neue, Besondere von da her geschehen muß! wir wollen jetzt merken, begreifen, verstehen! wir wollen’s jetzt sehen, daß du, der Lebendige, allein Gott bist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.16.20">Jes. 16,20</ref>]!</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lied:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-73" type="song">Nr. 148 «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName>, Strophen 1-3, nach der Predigt 4-6 (GERS [1952] 184,1-2.3–5; EG 134,1-2.3–5; Strophe 3 von 1891 fehlt beide Male, leichte Textabweichungen)</bibl>
            <!-- alt
            <ref type="pub" subtype="bib1-ein1924" target="b0148">Nr. 148</ref> «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von H. Held, Strophen 1-3, nach der Predigt 4-6 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 184, 1-2. 3-5</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 134, 1-2. 3-5</bibl>; Strophe 3 von 1891 fehlt beide Male, leichte Textabweichungen)
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          </listBibl>
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    </body>
  </text>
</TEI>
