20. Februar 1916

Predigt: Matthäus 10,1-4

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Matthäus 10,1–4
Liebe Freunde!

Wer will ein Streiter Christi sein? Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen und hat Menschen nötig, die seine Sache zu ihrer eigenen Sache machen möchten. Die Liebe Gottes will sich unter uns offenbaren, und sie sucht Leute, die ihr vertrauen und die sich ihr hingeben wollen. Der heilige Geist möchte jetzt Freude bringen in unsere Herzen und in unser Leben, und er braucht Seelen, die sich seinem Wirken eröffnen und zur Verfügung stellen. Es ist Kampfzeit, Arbeitszeit, Entscheidungszeit. Ich glaube, daß sich gegenwärtig die guten und die bösen Geister streiten um uns mit größerer Heftigkeit als sonst, etwa wie sich einst die Engel und die Teufel um die Leiche des Mose gestritten haben sollen [Jud. 9]. Ich glaube, daß jetzt entweder einige von uns einen großen Schritt vorwärts werden tun müssen in unserem Verhältnis zu Gott, oder aber es gibt nun für uns alle einen Stillstand, der in Wirklichkeit ein furchtbarer und vielleicht tödlicher Rückschritt wäre. Und nun braucht es Streiter Christi, das will sagen: Menschen, die Gott jetzt verstehen und die den großen Schritt vorwärts den Anderen voran jetzt tun wollen. Dazu möchte ich euch heute wieder einladen und aufrufen und euch fragen: wo sind die Menschen, die vom Himmelreich, von der Liebe Gottes, vom heiligen Geist etwas gemerkt haben und die gehorsam werden wollen? und wollt ihr nicht solche Menschen sein? Seht, da sind wir nun wieder in der Kirche beieinander und haben alle die Sehnsucht in uns nach etwas Höherem und Besserem. Aber wir sind auch eine Schar, die alle noch nicht recht wissen, was wir wollen, oder nicht recht wollen, was wir eigentlich alle wissen. Aus dieser Schar möchte ich alle die aufrufen können, die einen Entschluß fassen wollen. Denn das ist jetzt nötig. Und darum wollen wir jetzt davon hören, wie Jesus seine Jünger zu sich gerufen und ihnen Vollmacht und Auftrag gegeben hat.

Jesus hat sie zu sich gerufen, diese zwölf Leute von Simon Petrus bis Judas Ischarioth. Ein ganz entscheidender, wunderbarer Vorgang war das. Wir wollen gut darüber nachdenken, was da geschehen ist, und wollen uns Schritt für Schritt sagen: so ruft Jesus uns auch zu sich, und das kann uns auch geschehen. Jesus hat damit zu diesen Zwölfen gesagt: ihr gehört von jetzt an nicht mehr zu den Leuten, ihr seid nun etwas ganz Besonderes |74 geworden, ihr habt jetzt den ganz besonderen Auftrag, die Leute lieb zu haben und ihnen Gott zu zeigen. Denkt: nicht mehr zu den Leuten gehören und doch einen solchen Auftrag an sie haben! Wie mußte es ihnen da zugleich angst und wohl ums Herz werden! Angst, denn es fällt uns doch so furchtbar schwer, uns von den Leuten loszureißen und wirklich anders zu werden, als die Leute sind. Wohl ums Herz, denn wir wissen doch alle ganz gut, daß wir auf dem Holzweg sind, solange wir einfach den Weg der Leute gehen, und möchten uns noch so gern zu etwas Besserem verhelfen lassen. So etwas Besseres schenkte Jesus seinen zwölf Jüngern, als er sie zu sich rief, aus den Leuten heraus, auf seinen neuen Weg. O liebe Freunde, wollt ihr nicht auch einmal dem Zug eures Herzens und dem Ruf Jesu nachgehen1, der euch einladet, etwas Besonderes zu werden? Es ist niemand von euch dazu bestimmt, zu sein, wie die Leute sind. Gott sieht uns nicht einfach als einen Haufen Leute an, sondern er hat für jeden wahrhaftig einen ganz eigenartigen und noblen Weg bereit, den wir gehen dürfen: frei und selbständig und glücklich, ohne links und rechts zu sehen. Gott wartet auf Menschen, denen es verleidet ist, den anderen Weg mit der großen Schar zu gehen, und die den Mut haben, einmal nur mit ihm zu wandern. Warum soll nicht ich, warum [sollst] nicht du ein solcher Mensch sein? Fürchte dich nicht mehr, freue dich nur, und komm! Aber ist nicht am Ende doch etwas Hochmütiges dabei, anders als die Leute und etwas Besonderes sein zu wollen? Nein, keine Rede, es handelt sich nicht ums Hochmütigwerden, sicher nicht. Hochmut gibt’s nur, wo die Menschen an sich selber denken und für sich selber leben und immer von sich selber reden. Und gerade das hat Jesus ja seinen Jüngern genommen. Er hat es ihnen eigentlich nirgends verboten, aber er hat ihnen einfach die Freude daran, diese fatale Freude am lieben kleinen Ich genommen. Er hat sie in eine Bergluft hinaufgeführt, wo das Ich nicht mehr atmen kann, sondern sterben muß. Er hat ihnen die Menschen gezeigt, wie sie sind, mit all ihrem Elend und ihren Sündendummheiten und wie sie so gefangen sind unter allerlei falschen Meinungen und unter Mächten, die doch gar keine Mächte sind, wie ein weites Erntefeld hat er ihnen die Menschen gezeigt. Und er hat ihnen Gott so groß und lebendig vor die Augen gestellt, die Liebe Gottes, wie sie uns nachgeht, und die Kraft Gottes, wie sie an der Arbeit ist, uns |75 zu helfen. Und das war eben die Bergluft, in die er sie führte, daß er ihnen die Ohnmacht der Menschen und die Macht Gottes so wichtig machte, daß sie sich selbst darüber fröhlich ein wenig vergessen konnten. Da gab’s nichts von Hochmut, da gab’s nur den demütigen, schlichten Wunsch: o helfen, helfen möchten wir den Leuten, unseren Brüdern, helfen mit dem, was allein eine Hilfe ist, mit Gott helfen. Wahrhaftig, da ist auch wieder ein Zug des Herzens auch in uns und ein Ruf Jesu an uns. Wir würden eigentlich gerne los von uns selber, wenn wir nur wüßten, was wir dann ergreifen und haben sollten, wenn wir unseren kleinen Stolz und unsere kleinen Wünschlein fahren ließen. Und nun tritt Gott uns vor Augen und bietet uns gerade dieses Größere, Wichtigere an, das uns von uns selbst befreien kann. Er sagt zu uns: wen da dürstet, der komme! [vgl. Joh. 7,37], wer da müde und traurig geworden ist in seiner eigenen Lebensgeschichte, der komme und erlebe hier eine größere Geschichte! Wem seine eigene Sache verleidet ist, der komme und stelle sich hier in den Dienst meiner Sache! Hier wartet Freiheit und Freude. Hier winkt ein hohes, außerordentliches Ziel: in der Menschenwelt drin die Gotteswelt verkündigen, Gottes freundlichen Auftrag an die Leute erfassen und ausrichten, glauben, lieben und hoffen an einem dunklen Ort [vgl. 2.Petr. 1,19], damit er hell werde. Wer ist da zu haben dafür? Wen verlangt danach, so frei zu werden?

Und wie erstaunt mögen diese zwölf Jünger Jesu zuerst einander angesehen haben! Sie hatten ja einander nicht gekannt, oder sie hatten einander von einer ganz anderen Seite gekannt. Das hatten sie nicht voneinander erwartet, daß sie sich auch einmal auf diese Weise finden würden. Das hatte der Fischer Petrus sicher nicht vermutet, wenn er am Zollhaus vorbei ging, daß er mit dem Matthäus da drin noch einmal unter einer Fahne stehen solle. Und doch geschah nun das alles, als Jesus seine Jünger zu sich rief. Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.2 Das war doch etwas vom Wunderbarsten, wie da so ganz verschiedene Leute, die früher kalt aneinander vorbeigingen, nun auf einmal zusammenstehen und zusammenarbeiten konnten, nicht nur so äußerlich und für eine Zeit lang wie in einem Geschäft, sondern gerade im Tiefsten, Inwendigsten, wie alle diese Menschen mit so verschiedenen Köpfen und Herzen einander ansehen konnten mit dem stillen Gedanken: Der meint |76 es auch wie ich, auf den kann ich mich verlassen, dem kann ich’s sagen, wenn ich ein trauriges Herz habe, und dem kann ich auch wieder etwas sein, weil ich es ja auch meine wie er. Wie mußten sie sich da wundern, daß sie es früher so lange hatten machen können ohne dieses Verständnis, diese Gemeinschaft, dieses tiefe Miteinanderleben in Freud und Leid. In diesem Miteinanderleben ging es ihnen vielleicht am stärksten auf, wie ganz anders, schöner, freudiger das Leben wird, wenn die Menschen einmal anfangen, es mit Gott zu wagen und mit ihm Ernst zu machen. Das ist eben die wunderbare Verwandlung: wenn wir einmal so recht frei werden von den Leuten, dann finden wir dafür Menschen; wenn wir uns so recht losmachen können von uns selbst, dann hört das Alleinsein auf. Es entsteht dann zwischen den Menschen etwas, das ist viel tiefer und reicher als die besten gesellschaftlichen Beziehungen, als die aufrichtigste Freundschaft und die herzlichste Kollegialität. Es entsteht dann das Band zwischen uns, das von Gott selber geknüpft ist. Das ist dann ein Verhältnis, das nicht nur für einige Zeit und mit gewissen Schranken gilt; sondern immer neu und immer reicher und weiter fließt das Sich-Verstehen und -Liebhaben, das Sich-Helfen und Hand-in-Hand-Gehen aus dem Bewußtsein: wir haben ja etwas, das ist größer als wir, wir haben ja unseren Auftrag, unsere Sache, unser Ziel. Wir meinen doch beide Gott, wie sollten wir es da nicht gut miteinander meinen. Wenn man doch das so recht sagen könnte allen den Vielen, die sich allein fühlen, allen denen, die wohl viel Verkehr haben, aber keinen Anschluß, allen denen, die sich müde gerieben haben an der unmöglichen Aufgabe, den Kampf des Lebens allein durchzukämpfen. Hier ist das, was ihr sucht! Kommt nur einmal heraus aus der Schar, die nicht weiß, was sie will, kommt nur einmal heraus aus euren vier Wänden, hier wartet eine Liebe und Wärme, eine gemeinsame Freude auf euch, die viel größer ist, als ihr es euch vorstellt und begehrt, hier, wo Gott der Herr ist, hier, wo man nicht mehr sich selber leben möchte, sondern seiner Sache [vgl. Röm. 14,7f.].

Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich. Liebe Freunde, was muß das für ein Aufbrechen und Zusammenkommen und Sich-in-Reih-und-Glied-Stellen gewesen sein! Ein ganz einzigartiges Rufen und Gehorchen, mit nichts Ähnlichem zu vergleichen. Sie kannten ja Jesus alle längst. Sie hatten seine Einladung: Folget mir nach! [Mt. 4,19 u.ö.] vernommen. Sie hatten die Botschaft vom Himmelreich gehört. Sie waren bewegt und erschüttert von den Gottesworten, die sie gehört, und von den Gottes|77taten, die sie gesehen hatten. Als Freunde und Zuschauer hatte er sie längst zu sich gerufen, und sie hatten auch die Verheißung, daß daraus noch mehr werden sollte, daß er noch Besseres für sie in Bereitschaft hatte: ich will euch zu Menschenfischern machen! [Mt. 4,19 par.]. Aber die Erfüllung dieser Verheißung stand immer noch aus. Sie waren immer noch bloß tief bewegte Zuhörer und Zuschauer, noch nicht selber hineingezogen in die Arbeit und in den Kampf, in dem Jesus selber stand. Nun war die festliche große Stunde angebrochen, wo Jesus sie von allen Seiten zu sich rief. Nun war die Stunde der Entscheidung angebrochen. Wer jetzt bloß zuhören und zusehen wollte, der mußte jetzt zurückbleiben. Wem die Verkündigung des Gottesreiches ein bloßes erbauliches, interessantes Schauspiel war, der war jetzt nicht dabei. Aber wer es jetzt spürte: die Sache des Gottesreiches geht mich an, ich kann nicht mehr anders leben und sein als so, daß ich dieser Sache mein Herz hingebe, ich habe genug gehört, ich muß nun handeln, ich habe genug gesehen, ich muß nun neu anfangen, – der kam und stellte sich ein unter die Fahne und antwortete Jesus, wie einst die alten Propheten Gott geantwortet haben: hier bin ich, Herr, sende mich! [Jes. 6,8]. Ja, ein neuer Anfang war es, was dort geschah bei jenem Übergang der Zwölfe vom Hören und Sehen zum Tun. Es war eine Stunde, bei der man denken mußte an den ersten Tag, an dem Gott in seiner Schöpferkraft sprach: es werde! [Gen. 1,3]. Ja, es wurde dort etwas, als Jesus rief und die Apostel gehorchten.

Es3 geschieht uns ja auch sonst, daß wir gerufen werden, etwa um eine Arbeit zu besorgen, einen Dienst zu leisten, einen Beitrag zu zahlen, einem Verein beizutreten, eine «gute Sache» zu unterstützen. Aber das ist nicht das gleiche Rufen und Gehorchen. Das alles kann eine große Veränderung und Bewegung in unser Leben hineinbringen. Es kann uns für eine Zeit lang vielleicht sehr lebhaft beschäftigen und aufregen. Es kann auch gewisse Folgen haben für unser Leben und das der anderen. Wir werden alle Tage gerufen und müssen alle Tage gehorchen. Aber dieses Rufen und Gehorchen hat nichts zu tun mit der Schöpfung Gottes, die dort wieder einsetzte, als Jesus seine Jünger rief. Es bleibt dabei Alles im Alten: wir selber, die Menschen, das Leben, die Welt. Wir spielen dabei wohl wie die Kinder mit Klötzlein und bauen aus den vorhandenen Klötzlein Türme und Häuser, aber es wird [und] wächst nichts Neues. |78 Das Leben nimmt weiter seinen Gang und bleibt das Leben. Das Dorf bleibt das Dorf. Die gleichen erfreulichen Eigenschaften, aber auch die gleichen Nöte, Sünden und Schwierigkeiten zeigen sich immer wieder, nur in immer neuen Formen.

Als Jesus rief und die Apostel gehorchten, da setzte aus dem eigenen Leben Gottes ein neuer Trieb an. Da kam’s wieder an den Tag, daß Gott nicht tot, sondern lebendig ist. Das, wozu sie Jesus rief, war mehr als ein Beruf, mehr als ein Liebeswerk, mehr als ein Verein, er rief sie zum Dienste Gottes. Und wo das einem Menschen so recht ins Herz hinein gesagt wird: du mußt nur Gott dienen!, da geschieht etwas wirklich Neues unter der Sonne [vgl. Pred. 1,9]. Jene Männer haben’s gehört und gemerkt: Gott will noch etwas, und zwar mehr, als die Menschen wollen, im Himmel sind noch Pläne und Absichten, und zwar größere, als die größten Gelehrten es sich zu denken vermögen, auf der Erde soll noch etwas geschehen, und zwar Herrlicheres, als alle Frommen glauben und hoffen. Und das tönte ihnen so stark und freudig in die Herzen hinein: Gott will noch etwas!, daß es in ihrem Leben etwas wie einen Frühling gab. Denn daran mußten sie nun immer denken, darauf mußten sie sich freuen, danach sich ausstrecken. Und wenn sie gleich allen Jammer und alle Torheit der Welt berghoch um sich sahen und wenn sie gleich tausend gescheite und fromme Menschen um sich sahen, die ihnen zuflüsterten: es wird doch nicht anders! schickt euch drein! es ist der Herr, er tue, was ihm wohlgefällt!, wie einst der alte, schwache Vater Eli [1.Sam. 3,18], so konnten sie es doch nicht mehr vergessen und aus den Augen lassen: nein, Gott will noch mehr als das, was jetzt ist und geschieht! und mußten als Antwort auf alles Leid und Unrecht der Welt sich Gott nur noch herzlicher, inniger, vollständiger zur Verfügung stellen, mußten als Gegenwirkung gegen allen Widerstand, den sie fanden, nur noch freudiger, treuer, sicherer sein, was sie waren, Gottes Kinder. Sie mußten das Böse und Traurige, das sie sahen, als eigene Verantwortlichkeit und Last auf sich nehmen und zu Gott flehen: mach doch Alles wahr, was du uns gesagt hast! Dein Wille geschehe! Und erlöse uns von dem Übel! [Mt. 6,10.13 par.]. Sie wurden hineingerissen in den Kampf, den Jesus kämpfte. Sie mußten das Leben selber so ansehen, wie er es ansah, statt ihn nur darüber reden zu hören. Sie mußten selber so reden, wie er redete, statt nur seine Worte zu bewundern. Sie mußten sich sagen, daß es an ihnen sei, auch seine Taten zu tun, statt bloß ihm verehrungsvoll von Weitem |79 zuzusehen. Sie mußten auf einmal drin stehen in der göttlichen Erlösungsarbeit statt draußen. So war’s, als ihre große Stunde anbrach. So war’s, als seine Verheißung an ihnen in Erfüllung ging, als sie von bloßen Nachfolgern, Zuhörern und Zuschauern selber zu Menschenfischern gemacht wurden. So wurde es Frühling in ihrem Leben. Und es war ein Frühling für die ganze Welt. Denn indem es nun solche Menschen gab in der Welt, gab es da einen neuen Anfang des Lebens überhaupt.

Jesus gab ihnen ja Macht über die unsauberen Geister, daß sie sie austrieben und heilten alle Seuchen und alle Krankheiten. Dieses Wort «Macht» erklärt uns am besten die Bedeutung jener Stunde.

Es4 ist dort eben nicht nur eine Religion gegründet worden. Es geschah dort etwas Wesentliches mehr, als daß diese zwölf Männer ein neues inneres Gefühl, einen neuen Glauben, einen neuen Eifer für Gott und göttliche Dinge bekommen hätten. Ach, das hatten sie ja schon vorher: Jesus hatte ihnen ja tiefen Eindruck gemacht, Gottes Ernst und Gottes Güte waren ihnen doch wichtig geworden, sie hatten viel nachdenken müssen über die Gründe und Ziele des Lebens und waren, so gut sie es konnten, damit fertig geworden. Gerade wie Viele von uns einen solchen Eindruck und solches Nachdenken längst erlebt haben. Wenn wir uns die Apostel in unserer Zeit denken wollten, so müßten wir sie uns vor jener Stunde vorstellen als fleißige, ernste Kirchgänger, als eifrige Beter und Bibelleser, als Menschen, die so recht erfaßt sind und Interesse gewonnen haben.

Aber seht, das Wort «Macht» in unserem Text sagt uns recht deutlich, daß es noch etwas Weiteres, Tieferes, Kräftigeres gibt. Die Größe jener Stunde, in der5 Jesus sie berief, bestand gerade darin, daß Jesus sie von der Religion weg und zu Gott selbst hin rief. Er machte sie zu Menschen, die nicht nur fühlten, sondern glaubten, die nicht nur glaubten, sondern wollten, die nicht nur wollten, sondern handelten, die nicht nur handelten, sondern etwas erreichten. Das ist der Weg von der Religion weg zu Gott selbst hin. Er machte sie zu neuen Menschen, indem er ihnen die Macht gab, die er selber hatte, so daß nun in ihnen und um sie herum etwas geschah, etwas Wirkliches, Greifbares, Sichtbares, so daß nun in ihnen und um sie herum etwas anders wurde, die Macht, böse Geister auszutreiben und Krankheiten zu heilen. Sie spürten diese Macht wohl vor Allem an sich selber, daran, daß sie nun ganz in die Hand Gottes |80 gegeben waren, daß sie sich seinem Willen nicht mehr verschließen und widersetzen, daß sie keine Vorbehalte mehr gegen ihn machen konnten; sie mußten einfach mit, sie konnten sich nicht mehr fürchten, sie konnten keine kleinlichen Einwände mehr machen, sie konnten nichts Anderes mehr suchen als das, was er ihnen zeigte und aufgab. Sie waren wohl immer noch fehlerhafte, sündige, schwache, dumme Menschen, aber das Schwergewicht gleichsam in ihnen lag auf der anderen Seite, zog sie in der Richtung, in der ihr Auftrag war; das, was sie im Innersten trieb, stellte sie nun zu Gott hin und legte sie als Instrumente in Gottes Hand, damit er sie brauche nach seinem Willen. Ihre eigenen bösen Geister und Krankheiten wurden ausgetrieben durch die Macht, die Jesus ihnen gab. Aber auch die bösen Geister und Krankheiten um sie herum bekamen diese Macht zu spüren. Wo diese neuen Menschen hinkamen, da fing schüchtern und leise und doch ganz deutlich und bestimmt ein neues Leben an. Es gibt nichts Stärkeres in der Welt, liebe Freunde, als Menschen, die sich ganz bescheiden, aber auch fröhlich und sicher Gott übergeben haben. Die Macht der bösen Geister in der Welt, die Macht der Selbstsucht, die Macht des Geldes, die Macht des Stolzes, die Mächte der dunklen Übel, die wir Krankheit, Schicksal, Verhältnisse nennen, sind große Mächte, aber die Macht des guten Willens und der Liebe in einem Menschen, der sich auf die Seite Gottes stellt, ist noch größer. Mit solcher Macht hat Jesus die Seinigen ausgerüstet, als sie nun wirklich die Seinigen geworden waren. Die große festliche Stunde, der neue Anfang in ihrem Leben, machte sie zu den Stärkeren. Sie sollten jetzt nur gehen und es aufnehmen mit dem Leben und mit den Menschen. Sie sollten jetzt nur gehen und frei reden von dem, was in ihnen war. Sie sollten jetzt nur gehen und Hand anlegen an das große Werk der Hilfe und Erlösung für die Leute. Sie gingen jetzt nicht nur mit einem Wort, nicht nur mit einer Meinung, nicht nur mit einer Überzeugung. Sie gingen mit einer Macht, und wo Macht ist, geschieht etwas.

Seht, darum war jene Stunde ein neuer Anfang im Leben überhaupt, nicht nur in ihrem Leben, eine neue Schöpfungsstunde. Es gab von da an Menschen, denen eine Macht gegeben war, eine Macht von Gott. Es war jetzt wieder das in der Welt der Menschen, was in der Welt der Natur ja immer gewesen ist: das Wirkende, Wachsende, Treibende, Schaffende, Erneuernde. Gott war jetzt wieder an der Arbeit, weil diese Menschen sich dazu hergaben, Streiter Christi zu werden. Wo diese Menschen |81 hinkamen, da merkten die Armen, die Betrübten, die Trauernden, die Gefangenen, die Unterdrückten, die, die Unrecht litten: es gibt etwas Anderes, Besseres, und das brach mit Gewalt herein, und Gesundheit, Klarheit, Freude, Gerechtigkeit, Freiheit begannen da zu sein. Und es tat sich ein Weg auf vor vielen, vielen Augen, der aus allem Streit und aller Gefangenschaft und aller Unwahrheit und aller Not herausführt. Und da und dort fingen auch andere an, diesen Weg fröhlich zu gehen.

O meine Freunde, meint ihr nicht auch, es würde sich lohnen, wenn da und dort eines von uns sich auch aufmachen würde, um mit den Aposteln von der Religion, die wir ja alle haben, weg und zu Gott selbst hin zu treten? Meint ihr nicht auch, es wäre für Viele von uns das Vernünftigste und das Einfachste, sie würden nur einmal vom Hören und Sehen zum Tun übergehen und den neuen Anfang auch machen, den Gott uns schon lange anbietet? Meint ihr nicht auch: das ist’s, was uns fehlt, die Macht Gottes, die wie ein Feuer nach innen und außen strahlt, das ist’s, was uns helfen würde, wenn Einige, Viele von uns sich von Gott diese seine Macht würden schenken lassen, das ist’s, worauf6 wir eigentlich alle warten, daß wir solche Menschen auch unter uns hätten?! Solche Menschen braucht es in dieser Entscheidungszeit, Menschen, die sich entscheiden wollen für Gott und die dann einmal durch das Fragen und Diskutieren und Pröbeln7 hindurchgedrungen sind und sich entschieden haben! Wo sind sie, diese Menschen?, muß ich euch heute wieder fragen. O zaudert nicht länger! O sitzt nicht da und seht jedes das andere an und denkt nicht: geh du voran! O denkt nicht länger, ihr könnt mit Gott und dem Leben in Ordnung sein, bevor nun etwas geschehen ist. Jesus ruft euch, und ihr habt ihn gehört: Jesus will euch Macht geben, und ihr wißt, wie uns diese Gottesmacht nötig ist. Nun muß es geschehen, daß ihr kommt, ihr, die es angeht, und euch hergebt zum Dienste Gottes. Es ist auch jetzt so, jetzt mehr als je: die Ernte ist groß, der Arbeiter sind wenige [Mt. 9,37]. Und das geht dich an!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 5 «Nun danket all und bringet Ehr» von P. Gerhardt, Strophen 1-5 (GERS [1952] 46,1-5; EG 322,1-5 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 297 «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold (GERS [1952] 306; EG 388) 🎵

Sachfußnoten

1
Oder: «nachgeben»?↩
2
Vgl. das französische Sprichwort: «Les hommes se rencontrent et les montagnes non.»↩
3
Der hier beginnende Absatz ist von Barth mit Blaustift in eckige Klammern gesetzt; vielleicht hat er ihn in der Predigt weggelassen.↩
4
Eckige Klammern wie oben bei Anm. 3.↩
5
Mskr.: «denen»; Änderung vom Hrsg.↩
6
Mskr.: «was, worauf»; Streichung vom Hrsg.↩
7
= herumprobieren.↩