Ich möchte eigentlich eher sagen: meine armen Freunde!, meine arme Gemeinde! Denn ich bin heute in großer Betrübnis in die Kirche gekommen. Wir haben das neue Jahr nicht gut angefangen in Safenwil. Seht, nun haben wir Weihnacht gefeiert miteinander und die Freudenbotschaft von der Liebe Gottes gehört. Haben zusammen Neujahr gefeiert und uns dessen getröstet, daß unsere Zeit in Gottes Händen steht [Ps. 31,16]. Und die Stimme der Kanonen aus dem Elsaß kam uns zu Hilfe und sagte uns deutlicher als alle Predigten, daß wir in einer furchtbar ernsten Zeit stehen und daß wir allen Anlaß haben, auf Gott zu harren, zu wachen und zu beten mit ewigen Gedanken und heiligen Entschlüssen. Und nun hat das neue Jahr für uns so angefangen, daß eure armen Söhne und Töchter sich zu einem wüsten, sinnlosen Trinkgelage haben verleiten lassen.2 Auch eure Konfirmanden, die Kinder, die ihr mir anvertraut habt, damit ich ihnen den Weg zu Gott zeige. Und ihr seid ihre Eltern, Verwandten, Freunde, Bekannte. Ihr seid die Gemeinde, in der das geschehen ist. Es ist sozusagen vor euren Augen geschehen. Es ist eure Sache. Ich möchte euch fragen, ob ihr auch schon wieder darüber hinweggekommen seid wie über so manches Andere. Ich komme jedenfalls nicht |21 so schnell darüber hinweg. Für mich ist das nun etwas vom Traurigsten, das ich hier erlebt habe. Wahrscheinlich hättet ihr es lieber, wenn ich nicht davon reden würde. Darauf antworte ich, daß ich davon reden muß und daß ich meine Pflicht vernachlässigen würde, wenn ich nicht offen davon redete. Ihr könnt nachher wieder einmal über mich reden und schelten, wenn ihr wollt. Aber ich möchte nicht, daß ihr je von mir sagen könnt, ich sei wie ein Mietling geflohen, als der Wolf kam [vgl. Joh. 10,12]. Und darum sage ich euch heute: meine arme Gemeinde, es tut mir leid um euch, wir haben nicht gut angefangen.
Ihr braucht keine Strafpredigt zu erwarten. Es ist mir zu weh ums Herz dazu. Und ich bin überhaupt nicht euer Richter und habe euch nicht zu strafen. Ich stehe nicht über euch, sondern ich will mitten unter euch stehen. Ich habe nicht als ein Fremder über euch zu urteilen, sondern ich gehöre zu euch. Eure Sache ist meine Sache, eure Schuld ist meine Schuld, eure Sünde ist meine Sünde. Ich bin nicht euer geistlicher Polizist, der eure Übeltaten zu kontrollieren und ans Licht zu ziehen hätte. Ich kann euch sagen, daß mich diese traurige Geschichte ins eigene Gewissen brennt, daß ich mich selber gestraft fühle so sehr, daß ich nicht den Mund auftun könnte, um euch oder irgendwen zu tadeln. Ich kann nur das aussprechen, was das Gewissen uns allen sagt, nachdem das nun einmal geschehen ist, und was wir nicht überhören dürfen. Und das andere kann ich aussprechen, was auch in uns allen seufzt und betet nach einer Befreiung. Der Psalmsänger gibt mir jetzt das rechte Wort mit seinem Seufzer, der ihm auch aus tiefstem Herzen kam: Ach, daß die Hilfe aus Zion über Israel käme und der Herr sein gefangen Volk erlöste.
Ja, daß wir ein gefangenes Volk sind, das ist mir recht klar geworden in den letzten Tagen, während ich über diesen Vorfall nachdachte.
Das ist kein Vorwurf gegen euch, denn es betrifft mich so gut wie euch, wenn auch in anderer Weise. Es ist jetzt einfach wieder einmal an den Tag gekommen, daß ihr unter einer Macht steht. Die beherrscht sozusagen die ganze Gemeinde: Die Kinder, kaum daß sie aus der Schule sind, die Eltern, die Behörden, die Lehrer. Es muß Alles mit: gehorchen, schweigen, bewundern und wieder gehorchen. Ihr könnt nichts dafür, es ist eine Macht, ihr müßt eben mit. Ihr wißt nicht, was ihr tut. Ihr habt es nicht gern, wenn man diesen Punkt anrührt, wie ein Kranker aufschreit, wenn man seine Wunde berührt. Ihr seid sonst gerne aufrecht, seid stolz, ein jeder auf sein Recht und auf seine Freiheit. Aber euer Gewissen sagt euch, |22 daß hier eure schwache Stelle ist. Es gibt eine Macht, vor der ihr republikanischen, freisinnigen Männer und Frauen von Safenwil euch alle, fast alle bückt. Ich brauche das Wort jetzt gar nicht auszusprechen, so gut wißt ihr, was ich meine. Diese Macht beherrscht eure Seele, das ist jetzt an den Tag gekommen. Es wird in Safenwil nachgerade Alles möglich; wenn es nur im Namen dieser Macht geschieht, so nehmt ihr es hin, gewöhnt euch daran und findet es schließlich gut. Gehorchen, schweigen, bewundern und wieder gehorchen! Ist es so, oder ist’s nicht so? Man hat im Namen dieser Macht unsere jungen Leute an ein tägliches Leben unter groben Worten und Schimpfnamen, an die sklavische Abhängigkeit von den Launen eines Einzelnen gewöhnt. Ihr bedauert und mißbilligt es im Stillen, aber ihr schweigt und unterwerft euch. Man hat eure Kinder monatelang überarbeitet. Ihr wißt, daß damit ihre Gesundheit untergraben wird, und ihr habt Beispiele vor Augen, wie sich das rächen kann; aber ihr schweigt und unterwerft euch. Man hat Löhne verkürzt in der gleichen Zeit, in der man sich rühmt, wie gut die Geschäfte gehen. Ihr brummt und macht die Faust im Sack, aber ihr schweigt und unterwerft euch. Man übt eine großartige Wohltätigkeit, und ihr laßt euch verblenden und schweigt wieder und unterwerft euch. Und nun sind wir so weit, daß man es wagt, zum Lohn für Alles eure Kinder betrunken zu machen, und ihr schweigt wieder und unterwerft euch auch dem. Was wird noch Alles möglich werden? Was werdet ihr noch Alles hinnehmen müssen? Ja, ihr müßt eben, die Macht, die euch zum Schweigen und zur Unterwerfung zwingt, ist stärker als ihr. Ich sehe euch wie von einem Strome mitgerissen, dem ihr nicht widerstehen könnt. Ich kann euch nicht einmal tadeln, ich kann es euch nur wieder einmal sagen, und ich muß es euch, auch wenn es euch böse macht, mit deutschen Worten sagen: ihr seid ein armes, gefangenes Volk, ihr schleppt Fesseln hinter euch her und werdet zum Narren gehalten. Und das ist ein Elend, das einem das Herz zerreißen könnte, daß, während Gott der Herr draußen in der Welt seine gewaltige Sprache redet und die Menschheit erneuern will, wir hier in unserem Friedenswinkel tiefer und tiefer in die Gefangenschaft einer Macht geraten, die eine böse Macht ist.
Aber ich bin auch mit euch in der Gefangenschaft, wenn auch in etwas anderer Weise. Ich muß euch jetzt etwas sagen, was mich betrifft, was ich mir in diesen Tagen versucht habe klar zu machen. Ich habe mich in diesen Tagen und unter dem Eindruck dieses Vorfalls eigentlich zum |23 ersten Mal vor die Frage gestellt, ob die Safenwiler nicht am Ende einen anderen Pfarrer haben sollten. Ich habe mich sonst nie mit diesem Gedanken beschäftigt. Ich hatte mir vorgenommen, soviel von mir abhängt, lange hier zu bleiben, um meinetwillen und um euretwillen. Ich bin auch sehr gerne hier, und es würde mir sehr weh tun, weggehen zu müssen. Ich habe noch vor wenigen Wochen an meinen Vorgänger3 geschrieben, wie dankbar ich ihm sei, daß er mich hieher gebracht habe, und wie lieb mir die Safenwiler trotz Allem geworden seien. Und damit ist es mir aufrichtiger Ernst, und ich bleibe bei jedem Wort. Aber seht, nachdem ich nun das habe erleben müssen, daß einer der angesehensten Männer in der Gemeinde mir in dieser Weise die Konfirmanden verdirbt, um von meinen früheren Schülern und Schülerinnen gar nicht zu reden, und die Behörden, die Lehrer, die Eltern, die ganze Gemeinde schweigen und unterwerfen sich wie so manchem Anderen – da mußte ich doch einfach auf die Frage kommen, und ich möchte diese Frage jetzt allen Ernstes euch vorlegen: Meint ihr, daß irgend eine Aussicht besteht, daß ich mit dem, was ich unter euch zu vertreten habe, etwas erreiche gegenüber der Macht, die jetzt die Gemeinde beherrscht und immer mehr beherrscht?
Ihr4 wißt das hoffentlich, daß ich etwas Anderes zu vertreten habe, daß das Evangelium vom Reiche Gottes nicht das Gleiche ist wie das Evangelium des Mammons. Ihr wißt hoffentlich, daß ich mit meinem Amt einfach nicht mit eurem Strom schwimmen darf, wenn ich nicht ein Lump sein will.
Aber nun frage ich mich und frage euch, ob ich eigentlich der Mann bin, um in Safenwil Pfarrer zu sein. Hat mein Schwimmen gegen euren Strom auf die Länge eigentlich eine Aussicht? Denn damit ist’s natürlich nicht getan, daß nun so einer da ist in der Gemeinde, von dem man weiß: er zieht auf die andere Seite. Wenn das Pfarramt in Safenwil einen Sinn haben soll, so müßte von ihm eine Gegenmacht ausgehen gegen die herrschende Mammonsmacht, der Alles unterworfen ist. Und nun sage ich mir das und sehe euch an und eure Gefangenschaft und komme auf den traurigen Gedanken, daß ich nicht der rechte Mann bin. Ihr müßtet |24 einen Pfarrer haben, von dessen Predigten und von dessen Leben die Liebe Gottes ausginge mit einer solchen Kraft, daß ihr es spüren müßtet, daß ihr in Bewegung kämet, ob ihr’s wolltet oder nicht. Ein Mann sollte hier stehen, der euch einen neuen Geist geben könnte, damit ihr einmal wirklich erschreckt über euch selbst und seht, wo es euch fehlt und wie ihr eigentlich dran seid, damit einmal wirklich ein neuer Wille zu einem neuen Leben in euch erwacht. Einen Mann solltet ihr haben, der euch so von Gott reden könnte, daß der Berg, der auf euch liegt, bewegt würde, daß solche Dinge, wie sie jetzt vorgekommen sind, einfach von innen heraus unmöglich würden. Einen Mann, der euch Gott so lebendig zeigen könnte, daß eure große Angst, die ihr jetzt habt, von euch genommen und dafür eine große Liebe zueinander euch gegeben würde, daß ihr der bösen Mammonsmacht, die euch jetzt in den Krallen hat, die Macht eines gemeinsamen guten Wollens entgegenstellen könntet.
O wie gerne würde ich der Mann sein, der euch das geben könnte. Wie gerne würde ich das Pfarramt in Safenwil so ausfüllen, daß es einen Sinn hat, wenn da ein Pfarrer ist. Ich will euch sagen, daß das schon oft und oft mein Gebet gewesen ist, Gott möchte mich zu dem Mann machen, den ihr nötig habt. Aber ich muß euch nun auch sagen und lasse euch damit meine schmerzlichste Wunde berühren, daß ich weiß: ich bin jetzt der Mann nicht, den ihr nötig habt. Ich kann ganz offenbar nicht so zu euch reden und so mit euch leben, daß etwas anders wird in der Gemeinde. Im Gegenteil, wir wollen jetzt ganz aufrichtig sein: ich habe den Eindruck, die Gefangenschaft nimmt nicht ab, sondern zu. Ich muß jetzt daran denken, wie oft ich euch in diesen Jahren und, wie ich meinte, im Laufe des letzten Jahres ganz besonders eindringlich von Gott und Gottes Reich und Gottes Liebe und Gottes Macht – hört ihr’s: von der Macht Gottes! – geredet habe und von der seligmachenden Wahrheit, die uns in Jesus Christus entgegentritt, und von der großen Hoffnung auf eine Welt der Liebe und Freiheit, die er uns auftut, und von der Kraft des heiligen Geistes, um die wir bitten und die wir empfangen dürfen. Es war mir manchmal, ich könne es nicht noch stärker und deutlicher sagen. Aber es ist offenbar nicht stark und nicht deutlich genug gewesen für euch, denn ihr habt nichts davon gemerkt, daß es mir so ernst war, daß ihr selber hättet ernst machen müssen. Die große Mehrzahl von euch hat offenbar nur Worte gehört, denn ihr konntet ruhig beides nebeneinander tun: hier meine Worte hören und im Übrigen weiterleben in der alten Gefangen|25schaft. Für die große Mehrzahl von euch habe ich offenbar über die Köpfe hinweg und nicht in die Herzen hinein geredet, denn ihr habt jeweilen nachher wohl gesagt: es war heute eine schöne Predigt, oder sogar eine ernste Predigt!, oder ihr habt auch ein wenig geschimpft über mich, aber es ist jedenfalls nichts anders geworden. Es ist zu wenig Gottesliebe und Gottesgeist und Gotteskraft von mir ausgegangen, als daß ich euch hätte hindern können, eure alten Wege ruhig weiterzugehen. Ihr hört mir zu und laßt mich machen, wie man eben einem Pfarrer zuhört und ihn machen läßt. Und da muß ich mir nun sagen, daß ich nicht der rechte Mann bin, weil offenbar bei mir selber etwas ganz in der Tiefe noch nicht in Ordnung ist Gott gegenüber, und muß nun heute dastehen wie ein rechter blinder Blindenleiter [vgl. Mt. 15,14 par.], der nichts kann und ausrichtet. Ich stehe auch unter einer Macht, wie ihr, nämlich unter meiner Ohnmacht. Ich bin auch gefangen, nämlich in mein eigenes Wesen, mit dem ich euch nicht helfen kann. Und das ist auch ein herzzerreißendes Elend für mich, daß ich euch als euer Pfarrer in dieser großen, ernsten Zeit so gar keine Gotteshilfe bieten kann, nicht einmal so viel, um euch wenigstens von den gröbsten Torheiten und Kurzsichtigkeiten zurückzuhalten, euch wenigstens ein bißchen Luft zu machen in eurem Gefängnis. Es ist mir nicht gelungen.
Ich weiß nicht, ob euch das Textwort auch so aus dem Herzen geredet ist wie mir. Mir ist’s, das sei jetzt gerade wie für euch und mich geredet: Ach, daß die Hilfe aus Zion käme und der Herr sein gefangen Volk erlöste.
Vor Allem darum, weil wir da so schön und wahr hören, wo es uns eigentlich beiderseits im tiefsten Grunde fehlt und warum wir in der Gefangenschaft sein müssen, ihr in den Klauen der Mammonsmacht und ich in meiner Ohnmacht. Es fehlt uns an Gott. O wenn ihr das nur heute, nur dieses einzige Mal mit nicht so oberflächlichen, leichtfertigen Ohren hören wolltet5, wie ihr es schon hundertmal gehört habt, sondern nur dies einzige Mal mit dem Staunen und Entsetzen, das dieser Tatsache gebührt: es fehlt uns an Gott! Und das heißt: unser Leben hat keine Grundlage, es schwebt in der Luft, es hat keinen Halt und kein Ziel. Wenn wir nicht auf dem Grunde Gottes stehen und wenn wir unsere Blicke nicht auf die Sterne Gottes gerichtet haben, dann wird unser Leben |26 ein ganz sinnloses Ding, etwas ganz Unmögliches. Denn nur bei Gott ist Gerechtigkeit, Wärme, Kraft, Freudigkeit, Mut, und nur von ihm her kommen sie zu uns. Und nun sind wir tatsächlich ohne Gott. Ich will nicht bestreiten, daß viele einzelne Seelen unter uns Gott zu erkennen begonnen haben. Aber ich sehe eine Seele, und das ist unser aller Seele, die Seele dieses Dorfes, und um sie ist es mir zu tun, ich fühle es fast bis in die Fingerspitzen: sie macht es ohne Gott, will es ohne Gott machen, trotz aller aufrichtigen Frömmigkeit Einzelner da und dort. Wo aber Gott bei Seite steht, da gelten und herrschen die anderen Mächte. Und darum ist unsere Seele der Mammonsmacht ausgeliefert und muß schweigen und sich unterwerfen gegenüber allem Unrecht, und das ist euer Elend. Und darum ist unsere Seele der Ohnmacht ausgeliefert und hat das Evangelium vom Gottesreich nur so wie ein schwaches, fades Predigtwort, und daß es so ist, das ist mein Elend. Und Beides gehört zusammen und hat den gleichen Grund: ihr müßt tun, was ihr müßt, und ich kann euch nicht helfen. Ach, daß die Hilfe aus Zion käme! Es fehlt uns an Gott.
Das Zweite, was ich aus diesem Text für euch und für mich nehme, ist das: weil es uns an Gott fehlt, kann uns auch nur durch Gott geholfen werden. Seht, nun muß ich doch schon wieder anfangen zu hoffen. Es ist schon ungeheuer viel gewonnen, wenn wir einmal gemerkt haben: es fehlt uns an Gott!, an nichts Anderem. Der Fehler, der uns drückt, liegt an keiner Einrichtung, auch an keinem Menschen. Ich möchte euch herzlich bitten, diese Predigt nicht so zu verstehen. Ich sage noch einmal, daß ich damit keine Anklage erheben will gegen einen Menschen. Auch nicht gegen den, an den ihr wohl alle gedacht habt. Er ist auch nur ein armer Gefangener wie ihr und ich auch. Der Fehler liegt nicht an ihm. Es fehlt uns an Gott. Und auf der anderen Seite: ob ihr nun einen anderen Pfarrer bekommt früher oder später oder ob ich dableibe – solange es uns an Gott fehlt, wird nichts anders. Wenn uns das so ganz klar geworden ist, dann ist auch die Aussicht frei dahin, woher die Hilfe kommt. Zion ist die Gottesstadt, die reine, herrliche Gotteswelt, die über uns und in uns verborgen und verschüttet ist. Es müssen aus der Gotteswelt Wahrheitskräfte, Liebeskräfte, Gemeinschaftskräfte für euch kommen und ein wenig Geisteskraft für mich. Es müssen alle, denen unser Elend zu Herzen geht, ganz neu ansetzen mit Bitten und Flehen bei Gott, daß die Tore Zions aufgehen und die Hilfe, die dort bereit ist, zu uns komme. Es müssen alle, die [den] Heiland im Herzen lieb haben und vielleicht doch |27 erst von ferne den Saum seines Gewandes berührt haben [vgl. Mk. 6,56 par.], näher und näher zu ihm hintreten, damit er euch die Macht Gottes mitteilen kann, nicht in Worten, sondern in Kraft [vgl. 1.Kor. 4,20], die die Mammonsmacht zerbricht wie dürres Holz. Und damit er auch mir die Macht Gottes mitteile, die aus meinem ohnmächtigen ein machtvolles, befreiendes, erlösendes Reden und Wirken mache. Ach, daß der Herr sein gefangen Volk erlöste! Nur er kann es.
Aber er kann es und er will es. Der Psalmsänger hätte auch nicht so zu Gott seufzen können, wenn nicht dessen ganz gewiß gewesen wäre: Gott will helfen. Gott will erlösen. Haltet das mit mir fest als das Dritte. Ob bei uns ist der Sünde viel, bei Gott ist viel mehr Gnade.6 Das ist auch für uns wahr. Gott hat keine Freude an unseren Gefangenschaften, er zerbricht sie, sobald wir es ernstlich von ihm verlangen. Gott will unser Elend nicht währen lassen, er verwandelt es in Freude, sobald wir es einmal eingesehen haben, daß es ein Elend ist. Gott will unsere Seele, auch die Seele unseres Dorfes, nicht der Mammonsmacht und der Ohnmacht überlassen, sie darf nur erwachen und nach Gott schreien, so macht er Alles neu [vgl. Apk. 21,5]. Ja, das tut er. Und da muß ich nun zum Schluß doch wieder und trotz allem ganz getrost reden. Es ist merkwürdig, sowie wir wieder auf Gott blicken statt auf uns selbst, sehen wir auch Sieg und Überwindung und müssen einfach glauben und hoffen, ob wir gleich noch so betrübt sind. Ich muß daran denken, daß Jesus gelebt und einen so fröhlichen Kampf gegen die Höllenmächte von allen Sorten eröffnet und in seinem Kreuz einen so wundervollen Sieg über sie davongetragen hat. Da muß ich mir doch sagen: das kann doch nicht umsonst gewesen sein für uns, weder für euch in eurer Fabrik, noch für mich hier in der Kirche. Von dorther muß doch ganz einfach etwas von Gottes Macht schon jetzt für uns unterwegs sein. Noch ist es nicht bei uns angekommen, aber es kommt einmal. Noch kann es lange gehen, aber es kommt sicher. Wer Gott kennt, der weiß, daß wir auch in unserer Gemeinde nicht umsonst auf Hilfe und Erlösung warten.