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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Hebräer 13,8 (Neujahr)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Hebräer 13,8 (Neujahr), 1. Januar 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29003 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 1–10.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Hebräer 13,8 (Neujahr)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 1-10</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 305</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Hebr 13,8 (Neujahr), 1. Januar 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1746">KBA 1283</ref>. </bibl>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.8">Hebräer 13,8</ref>
              <quote>Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Nun sind wir wieder über das schmale Brücklein hinübergegangen, das von einem «<hi rend="italic">Gestern</hi>» zu einem «<hi rend="italic">Heute</hi>» hinüberführt, und das «Gestern» war ein altes Jahr, das zu Ende ist, und das «Heute» ein neues, das anfängt. Und wenn auch ein solcher Jahresübergang sich nur menschlicherweise von irgend einem anderen gestern und heute unterscheidet, so wird es uns doch, wenn das Jahr wechselt, jedesmal besonders deutlich, daß es ein gestern und ein heute gibt, daß wir unterwegs sind, daß wir beständig über solche schmalen Brücklein gehen, Wege hinter uns und Wege vor uns, daß unser Leben kein Liegen und Sitzen ist, sondern, ob wir’s wollen oder nicht, ein Gehen und Laufen und manchmal ein Fliegen. Und weil wir Wanderer sind, möchten wir wissen, woher wir kommen und ob das Brücklein, auf dem wir eben stehen, uns trägt und wohin wir gehen. Und auf diese Fragen soll uns heute das Wort: Jesus Christus gestern und heute derselbe und in Ewigkeit! Antwort geben.</p>
        <p>Zuerst etwas vom <hi rend="italic">Gestern</hi>. Was war gestern? Ein Tag deines Lebens, der nun <hi rend="italic">hinter dir</hi> liegt, und mit dem gestrigen ein ganzes Jahr, das nun vergangen ist, eines von den abgezählten Jahren, die uns zur Verfügung stehen<note xml:id="n01">Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> scheint ein ursprüngliches «standen» in «stehen» korrigiert zu sein.</note>. Für dich eins von den schönen Jugendjahren des Werdens und Lernens und Reifwerdens. Für dich eins von den wunderbaren Jahren der Kraft, der Schaffensfreude, des Fruchtbringens. Für dich eins von den feinen, stillen Altersjahren, wo man weise und klar ins Leben hinaussieht und ruhig sich des Lebens freut, wie es geworden ist. Vorbei das Jahr! Vorbei die Zeit! Vergangene Zeit, das war gestern! Es wäre traurig, wenn es so wäre. Denn was vergangen ist, das ist nicht mehr. Wenn das Gestern dir nur ein vergangener Tag, ein vergangenes Jahr ist, dann ist es jetzt Nichts für dich, dann stehst du, dann stehen wir alle mit leeren Händen da. Aber das ist nicht wahr. Das Gestern ist nicht Nichts. Das Gestern ist <pb xml:id="p002" ed="pga"/> nicht eine vergangene Zeit. Jesus Christus ist das Gestern. Dein Gestern und unser aller Gestern war nicht eine leere Zeit, sondern in der Zeit eine Erfahrung. Wir haben nicht nur gelebt, sondern es ist etwas mit uns geschehen. Wir sind nicht nur dagewesen, sondern es ist etwas in uns gewachsen. Wir sind nicht nur älter geworden, sondern es ist an uns gearbeitet worden einem Zweck und Ziel entgegen. Wir sind nicht nur gegangen und hieher gekommen, sondern wir sind in eine ganz bestimmte Richtung gewiesen und gedrängt worden. Wir sind nicht nur Menschen gewesen, sondern Gottes Reich ist zu uns gekommen. Es brauchte keines von uns ein gleichgiltiges, kaltes, oberflächliches Wesen [zu sein], Christus hat zu unseren Herzen geredet gestern und im vergangenen Jahr und in all den vergangenen Jahren, hat uns gesagt, daß wir Gottes Kinder seien, und hat damit unserem Leben einen ungeheuren Sinn und eine tiefe Bedeutung gegeben. Es braucht keines in Unreinheit und Sünde hineinzugeraten und zu versinken, Christus hat uns den guten, heiligen Gotteswillen ganz nahe gebracht, so nahe, daß wir ihn als unseren eigenen Willen erkennen und lieb gewinnen müssen. Es braucht keines trostlos und hoffnungslos seines Weges zu ziehen. Christus ist zu uns gekommen und hat uns eine gewisse Zuversicht gegeben, hat uns gesagt, wie der ewige Gott es mit uns meint und wie wir im Kampf mit allem Leid und allen Teufeln in seinem Dienste stehen<note xml:id="n02">
          <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «sehen»; Korrektur vom Hrsg.</note>. Es brauchen auch die Menschen untereinander sich das Leben nicht zu vergiften und zu verderben auf der Erde durch Gier und Mißtrauen und Streit, Christus hat uns gezeigt, längst gezeigt, daß es auch ohne das geht und daß es etwas Anderes, Besseres gibt; es geht von ihm her ein Weg durch die Menschheitsgeschichte, das ist ein Weg der Gemeinschaft, der Brüderlichkeit und des Friedens, der kreuzt unsere alten Selbstsuchtswege und macht sie überflüssig, und wir können auf seinen neuen Wegen gehen.|</p>
        <p>Seht, das alles und noch viel mehr hat uns Christus gestern gesagt und im ganzen vergangenen Jahr und in all den vergangenen Zeiten hinter uns, dem einen früher, dem anderen später, jedem auf seine Weise, aber uns allen hat er’s gesagt, die gute Gottesbotschaft hineingebracht in unser Leben und in unsere Welt. Und das war nicht nur so gesagt, sondern das hat uns alle irgendwie berührt, das ist bei uns allen irgendwie hineingegangen und zu unserem Eigentum geworden. Einige mögen ganz treu <pb xml:id="p003" ed="pga"/> gewesen sein mit dem, was sie empfangen haben, und denen ist es zur tiefsten Kraft und zur größten Seligkeit ihres Lebens geworden. Andere wieder haben es nicht so ganz an sich herankommen lassen und haben nun auch nur so eine gelegentliche Freude und Stärkung daran. Wieder Andere haben sich nur eben davon berühren und aufrühren lassen und spüren eigentlich erst in der Beunruhigung ihres Gewissens, daß sie auch etwas daran haben. Aber irgendwie haben wir alle etwas davon, sind alle hineingezogen in die Gotteswirkung, die von dort ausgeht, leben wir im Grunde alle von dieser Gotteswirkung. Sieh, diese Erfahrung, das, was da von Christus her in dir entstanden und gewachsen ist, das ist dein Gestern. Das Reich Gottes, das zu dir gekommen ist, das ist dein Gestern. Und das Reich Gottes, das ins ganze Menschen- und Erdenleben hineingekommen ist und im Verborgenen und offen arbeitet an der Aufhebung seiner Sünde und seines Jammers, das ist das Gestern auch in der Weltgeschichte. Laß fahren dahin den Tag, das Jahr, die Zeit – sie sind freilich dahin und kommen nicht wieder, sie sind jetzt Schatten und nichts [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.144.4">Ps. 144,4</ref>]. Aber nicht dahin ist Christus, der gestern war, Gott, der gestern in Christus an dir, an uns arbeitete. Und nicht als ein armer, sondern als ein königlich reicher Mann trittst du vom Gestern hinüber ins Heute, denn Christus ist da, der uns gerecht macht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.33 Röm.8.34">Röm. 8,33f.</ref>].</p>
          <p>Was war gestern? Du blickst <hi rend="italic">traurig drein</hi> und denkst an die vielen Enttäuschungen und Schmerzen, die du hinter dir hast, Enttäuschungen mit dem, was du erwartet und gehofft hattest, Enttäuschungen mit den Menschen, Enttäuschungen mit deinen eigenen Fähigkeiten, Schmerzen des Leibes und Schmerzen der Seele, die du durchgemacht hast, die dich gestern bis an die Schwelle des neuen Jahres begleitet haben. Man steht manchmal so, nicht wahr, und blickt zurück, und es kommt einem vor, es sei einem Alles, aber auch Alles anders gegangen, als man es sich gewünscht, alles Betrübliche sei über einen gekommen, was man sich nur denken kann. Und auf die Frage: was war gestern? müßtest du dann antworten: viel Leid, viel Bitterkeit. Es wäre wieder schlimm, wenn wir so vom Gestern Abschied nehmen und ins Heute hinüber wandern müßten. Aber sieh, das ist wiederum nicht wahr, für gar Keines von uns. Jesus Christus ist das Gestern, auch für die Leidtragenden und Betrübten, gerade für sie. Er ist durch die tiefsten Tiefen menschlicher Enttäuschungen und Schmerzen hindurchgegangen und hat sie wie ein Krieger seine Feinde überwunden für Gott und mit Gott und darum auch für uns, <pb xml:id="p004" ed="pga"/> denn wenn wir betrübt und angefochten sind, so tritt er nun zu uns und sagt uns, daß wir Gefährten seines Kampfes und Sieges werden dürfen, und damit gibt er unserem Leid einen anderen Sinn, als es sonst hat, einen so anderen Sinn, daß man getrost das Wort: selig! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.4">Mt. 5,4</ref>] davor setzen darf. Und wenn er mit uns geredet hat, dann ist unser Leid nicht mehr Leid, sondern eben ein Stücklein von seiner Herrlichkeit. So hat er gestern, in den vergangenen Zeiten, auch mit uns, auch mit dir geredet, wie Schweres du auch hinter dir hast. Du hast nicht nur gelitten, sondern du bist auch getröstet worden. Du hast nicht nur tragen müssen, sondern es wurde dir auch geholfen. Du wurdest nicht nur niedergedrückt, sondern du wurdest auch innerlich ruhiger und stärker, als du vorher warst. Du hast nicht nur Nacht und Dunkel gesehen, sondern auch etwas von Gott, der aus der Finsternis Licht macht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.18.29">Ps. 18,29</ref>]. Was hast du gemacht mit Christus, der da war und dir sein Kreuz vorantrug und dir das deine wollte tragen helfen? Vielleicht hast du ihn freudig erkannt und willkommen geheißen. Vielleicht hast du halb auf die Stimme deines Schmerzes gehört und halb auf seine Stimme. Vielleicht hast du dich hochmütig von ihm abgewandt und mit deinem Leid allein sein wollen. Das mußt du selber wissen. Aber das weißt du auch selber, daß du auf alle Fälle in deinem Leid noch etwas Anderes erfahren hast als Leid, daß da eine starke Hand war und da ist, die dich herausziehen und dein Leid in Freude verwandeln wollte. Sieh, das ist dein Gestern, und das ist die königliche Straße, auf der du herkommst, die Straße, die vom Kreuz zur Auferstehung führt, die Straße Christi. Wo bleibt da die Bitterkeit? Als ein Mensch, der Herrlichkeit in Aussicht hat, darfst du vom Gestern ins Heute herüberkommen.|</p>
          <p>Was war gestern? Du schlägst <hi rend="italic">die Augen nieder</hi> und denkst daran, daß gestern in deinem Leben eine ganze Reihe von Gelegenheiten waren, des lieben Gottes Hand zu ergreifen und ihn beim Wort zu nehmen, so recht die Zeit zu benutzen und etwas zu lernen beim Älterwerden und vorwärtszukommen in der Aufrichtigkeit und in der Selbstlosigkeit und in der Liebe, die trägt und duldet und überwindet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.7">1.Kor. 13,7</ref>], vorwärtszukommen in deinem Verhältnis zu den Mitmenschen, vielleicht gerade zu einem bestimmten Menschen, der dir ein besonderes Rätsel und eine Extraaufgabe für dich ist. Und nun denkst du daran, daß du die allermeisten von diesen Gelegenheiten nicht benutzt hast. Du hast immer den rechten Moment verpaßt. Du hast im Gegenteil aus den rechten <pb xml:id="p005" ed="pga"/> Momenten noch böse gemacht. Aus den Siegen, die du hättest erfechten können, wurden arge Niederlagen, aus den frohen Fortschritten, die du hättest machen können, peinliche Beschämungen, Stillstände und Rückschritte. Das ist dein Gestern: viel versäumt! viel verfehlt!, und nun sollst du mit diesem Abschied ins Heute hinüber. Das wäre nicht gut. Aber das ist eben nicht wahr. Jesus Christus ist das Gestern. Auch wenn da noch so viel Dummheiten und Verdrehtheiten vorgekommen sind. Auch wenn du noch so oft taub und blind vor den Gelegenheiten des lieben Gottes gestanden bist. Er ist nie zu den Menschen gegangen, um sie gleichsam festzunageln auf ihre Torheit und Bosheit: sieh, was du für Einer bist! Seine Stimme ist’s nie, die Stimme, die uns sagt: du hast gefehlt! du hast gesündigt! du bist gefallen! du hast ein Jahr umsonst zugebracht oder gar zu deinem Schaden! Das ist freilich auch eine gute Stimme, die so mit uns redet, es ist die Stimme unseres Gewissens, und wir wollen sie hören, aber wir müßten zur Verzweiflung kommen, wenn wir nichts Anderes hören würden als das. Er sagt uns immer: sieh, du willst ja im Grunde etwas Anderes, Besseres, und du kannst es auch, und du darfst dich nicht fürchten vor deiner eigenen Schwachheit, und nun geh und sündige hinfort nicht mehr! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.14">Joh. 5,14</ref>]. Und diese Stimme hast du gestern auch gehört. Du hast nicht nur versäumt und verpaßt, sondern es ist auch die heiße Sehnsucht in dir lebendig geworden nach einer Stunde des Durchbruchs und der Erlösung. Du bist nicht nur gefallen, sondern du wolltest auch wieder aufstehen und kamst wenigstens bis auf die Knie. Du hast dich nicht nur geschämt bis in den Boden hinein, sondern hinter der Beschämung spürtest du leise schon wieder des lieben Gottes Hand, die dich aufrichten wollte. Es ist nicht nur dein Stolz und deine Sicherheit zerbrochen worden, sondern es fing in dir an eine heiße Liebe zu dem, der befreien kann, und ein ehrlicher Haß gegen deine Fesseln. Du mußt wiederum selber wissen, was du dann mit dieser Heilandsstimme und Heilandsregung, die da an dich kam, gemacht hast, aber sie ist an dich gekommen. Dein Gestern war nicht lauter Dummheit und Bosheit, sondern da war Christus, und der tat dir eine Tür auf. Und auf die offene Tür zu gehst du, wenn du nun vom Gestern zum Heute herüberwanderst.|</p>
          <p>Und nicht der <hi rend="italic">Krieg</hi> und nicht alle Schrecken und Teufeleien auf Erden dürfen uns darin irre machen, daß Christus unser Gestern ist. Es müssen’s ja alle die Menschen, die jetzt so gegeneinander wüten, fühlen, daß sie <pb xml:id="p006" ed="pga"/> eigentlich etwas Anderes ersehnen und wollen, als was sie jetzt tun. Ja, es sagen’s zuletzt auch Alle sogar ganz ausdrücklich, daß sie eigentlich das Leben ersehnen und wollen, das in Jesus Christus angefangen hat. Es sind da gerade in der letzten Zeit von beiden kriegführenden Parteien wieder sehr merkwürdige Bekenntnisse abgelegt worden.<note xml:id="n03">Möglicherweise bezieht sich <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf umlaufende Gerüchte über Friedensverhandlungen. Laut 
            <bibl corresp="kbga-bibls-2344">Basler Nachrichten, 
              Jg. 71, Nr. 627, vom 10.12.1915, 
              S. 1</bibl>, hat allerdings Reichskanzler <persName ref="kbga-actors-902">von Bethmann Hollweg</persName> im Berliner <orgName ref="kbga-actors-8623">Reichstag</orgName> am <date when="1915-12-09">9.12.1915</date> festgestellt, «daß an den in der gegnerischen Presse aufgetauchten Gerüchten von den Friedensverhandlungen <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschlands</orgName> kein wahres Wort sei. … <persName ref="kbga-actors-1347">Bülow</persName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, Staatssekretär <persName ref="kbga-actors-6215">Solf</persName> im <placeName ref="kbga-places-403">Haag</placeName>, <persName ref="kbga-actors-683">Prinz Max von Baden</persName> in <placeName ref="kbga-places-329">Stockholm</placeName>, <persName ref="kbga-actors-6192">Kardinal Hartmann</persName> in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>, allen wurde der Auftrag angedichtet, den Frieden zu vermitteln. … Auf die sozialdemokratische Friedensinterpellation erwiderte der Kanzler, es wäre eine Torheit, wenn <orgName ref="kbga-actors-7792">Deutschland</orgName> jetzt Friedensangebote machte.»</note> Sie möchten alle gerne von der Krippe von <placeName ref="kbga-places-385">Bethlehem</placeName> herkommen und dem Reiche des Friedensfürsten zustreben. Da mag es uns nun freilich sonderbar vorkommen, daß sie auf diesem Weg noch Krieg führen können, und gar leicht kommen wir auf den Gedanken, das müsse alles Heuchelei und Falschheit sein. Ich glaube doch, wir tun besser, das mit ein bißchen mehr Geduld und Verständnis anzuhören. Da ist eben auch in allem Kriegführen und Blutvergießen drin wieder Christus, den die Menschheit nicht vergessen kann. Sie schießen wohl aufeinander, aber Unzählige tun es in der heißen Hoffnung, es möchte bald das letzte Mal sein. Sie kämpfen gegeneinander, und doch nicht die Menschen gegeneinander im Grunde, sondern die Menschen gegen das finstere Schicksal, das sie zum Kämpfen zwingt. Sie tun sich Leid und Not an und wollen doch eigentlich nicht das Böse tun, sondern seufzen auf allen Seiten: Erlöse uns von dem Bösen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.13">Mt. 6,13</ref> par.]. Es ist der gleiche inwendige Gegensatz in der ganzen Menschheit, wie er in uns allen ist. Was daraus werden wird? Ob die Hoffnung und der Haß gegen das Böse und das Seufzen der Herzen einmal so stark wird, daß es zu wirklichen Überwindungen kommt? Das weiß Gott. Aber sicher ist’s, daß auch in der großen Welt Christus am Werke ist. Das Gestern ist nicht lauter Tyrannei und Blut und Mord, sondern auch ein starkes Anklopfen des Liebes- und Friedensgeistes, des Gottesgeistes, der in Christus war. Und dieses Anklopfen hören wir, wenn wir vom Gestern ins Heute hinübergehen.</p>
        <p>Was ist’s denn mit dem <hi rend="italic">Heute</hi>? Ach, man geht so oft aus einem alten <pb xml:id="p007" ed="pga"/> Jahr in ein neues, vom Gestern ins Heute hinüber und erwartet gar nichts Anderes, als daß Alles im Gleichen bleiben werde. Weiter geht die Zeit, ein neuer Tag, ein neues Jahr wird angetreten, und eh’ man sich’s versieht, ist man schon wieder in der Mitte, am Ende angelangt, und wieder heißt’s: vorbei die Zeit! von dem, was uns jetzt neu ist, und wieder haben wir nichts in Händen als eine leere Erinnerung, die schnell genug blaß und immer blasser wird. Das ist ein trauriges Heute, das man mit diesem Gedanken: bald vorbei! antreten muß. Und traurig ist’s, wenn man denken muß: nun geht eben die lange, graue Reihe meiner Enttäuschungen und Schmerzen einfach um ein Stücklein weiter. Und traurig ist’s, wenn man seine gestrigen Dummheiten und Verdrehtheiten ansehen und dann ins neue Jahr hinüber muß mit dem Gedanken: Fortsetzung folgt! Und traurig ist’s, wenn man in die Welt hinaus sehen muß und seine Zeitungen liest am Neujahrsmorgen und nichts Anderes weiß als: Krieg und böse Zeiten gestern und heute dieselben! Dann ist ja zwischen gestern und heute kein Unterschied, beide sind eingetaucht in das gleiche Elend. Dann gleicht unsere Lebenswanderung einer Reise durch <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName>, wo man tagereisenweit links und rechts immer die gleichen Bilder vor sich hat, oder noch besser jener Turnübung, bei der kommandiert wird: An Ort, marsch! Was ist’s dann für eine klägliche Sache um so viele Neujahrsfeiern! Was feiert ihr denn, wenn’s ja doch nichts Neues gibt? Der Tod sieht euren Feiern zu, der Tod, und kommandiert: An Ort!</p>
          <p>Aber der Tod hat nichts zu sagen an unserem Heute, wenn wir’s nur wieder recht kräftig hören wollen: Jesus Christus gestern und heute derselbe. Die Erfahrung, die du gestern gemacht hast, die wir alle gestern gemacht haben, sie geht mit uns hinein ins Heute. Und nun denk darüber nach: diese Erfahrung heißt, daß etwas mit dir geschehen, daß etwas in dir gewachsen, daß an dir gearbeitet worden, daß du in eine bestimmte Richtung gedrängt, daß Gottes Herrschaft an dich herangekommen ist. Diese Erfahrung hat es also an sich, daß sie gar nicht die gleiche sein kann gestern wie heute. Sie ist eben etwas Lebendiges, Werdendes, Wachsendes, Treibendes, Umsichgreifendes. Sie will und sie muß von gestern auf heute um sich greifen, Raum gewinnen, in die Tiefe streben, schöner, reicher und immer stärker werden. Gerade weil Jesus Christus gestern und heute derselbe bleibt, weil die Gotteswirkung, die von ihm ausgeht, nicht hinter uns zurückbleibt wie eine vergangene Station unseres Lebensweges, sondern uns begleitet, gerade darum können wir heute nicht im Gleichen <pb xml:id="p008" ed="pga"/> bleiben wie gestern. Wo Gotteswirkung ist, da ist Wachstum. Und weil unser Gestern Gotteswirkung war, muß unser Heute Wachstum sein. Dem «Vorbei die Zeit!» hast du ein «Vorwärts in der Zeit, die mir bleibt!» entgegenzustellen, den Wellen und Wogen des Leidens und der Sorge den triumphierenden Siegesruf des Seefahrers, der Land vor sich gesehen hat, dem Ekel und Verdruß über dich selbst die Zuversicht: mir sind meine Sünden vergeben!, dem fluchwürdigen Verbrechen und dem entsetzlichen Elend des Krieges den unentwegten Blick auf die Erlösung vom Bösen. Nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht.<note xml:id="n04">Aus <bibl corresp="kbga-songs-146" type="song">
                                Strophe 10 des Liedes Nr. 42 «Die goldne Sonne» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS [1952] 77; EG «Die güldne Sonne» 449.12)</bibl>.</note> Jesus Christus gestern und heute derselbe, und darum wir heute nicht mehr dieselben, sondern ein klein wenig treuer, tapferer, freudiger, zuversichtlicher als gestern, darum in unserem Leben ein klein wenig mehr Liebe und Wahrheit als gestern, darum in unserer Welt ein klein wenig mehr Gerechtigkeitskraft und Friedenskraft als gestern. Die Erfahrung von gestern hat heute zugenommen. Das Traurige von gestern muß heute noch etwas kleiner, stiller werden. Dazu ist der Sohn Gottes gestern erschienen, daß er heute die Werke der Teufels zerstöre<note xml:id="n05">
                                  <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «erschienen»; Korrektur vom Hrsg.</note> [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.8">1.Joh. 3,8</ref>]. Sehet, welch eine Liebe hat uns gestern der Vater erzeigt, daß wir heute Gottes Kinder sollen heißen [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.1">1.Joh. 3,1</ref>]. Das ist unser Heute: Wieder Christus und nur Christus. Aber kein toter, kein gemalter, kein vergangener, kein historischer Christus. Sondern Christus, des lebendigen Gottes Sohn [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.16">Mt. 16,16</ref>], der selber lebendig ist und uns weiterführt.|</p>
        <p>Das ist unser Heute: wirklich ein Brücklein, auf dem wir weiterkommen, von einem Ufer ans andere. Es sind dann noch andere reißende Ströme und Abgründe zu überschreiten, aber wir wollen jetzt nur einmal das Brücklein unseres Heute betreten, das eben gerade vor uns liegt. Und was heißt nun das? Das heißt die Gotteswirkung in unserem Gestern sehen wollen. Nicht immer so kurzsichtig sein und immer gerade das Andere sehen in unserem Leben, was nichts ist, was nicht wichtig ist, was traurig ist. Wer heißt dich seufzen darüber, daß du wieder ein Jahr älter geworden bist? Freu du dich darüber, Christus war doch da, was willst du denn mehr? Wer heißt dich klagen über deine Kümmer und Kümmerlein? Sieh da jetzt einmal auf Christus und auf sein Leiden und was das Leiden mit ihm für ein Ende nimmt. Wer heißt dich herumwühlen in <pb xml:id="p009" ed="pga"/> deinen Sünden, statt dich daran zu halten, daß es Christus gut machen will mit dir? Was räsonnierst und klagst du über den Krieg, statt nach dem Frieden zu greifen, den Christus dir und allen Menschen zu geben hat? Sehen, Christus sehen statt alles Anderen, Christus anerkennen als die Gotteswirkung, die alles Böse und Traurige überwindet, Ja sagen, zugreifen, ernst machen, gehorsam werden, das ist’s. Nimm an das lebendige Gestern, laß es wirken, schalten und walten, ergib dich ihm, liefere dich ihm aus, tu dich ganz auf, wirf alle Bedenken und Vernunftgründlein weg, laß geschehen, was schon an dir geschehen ist und noch mehr geschehen will, dann kommt das noch viel lebendigere, das freudenvolle Heute. Dann gehst du über das Brücklein und kommst weiter, und indem du weiterkommst, kommt das ganze Menschenvolk, ja die ganze Welt ein Schrittlein weiter. Christus, dein Christus, unser Christus, der Christus von heute! O, der Jahreswechsel ist eine geringfügige Sache, eine Kalenderaffäre, über die es sich nicht verlohnt, ein Wort zu verlieren; aber das ist die allergewaltigste Sache, daß der Christus von gestern nun unser Christus von heute werde. Such ihn, laß ihn mit dir reden, laß ihn in dir wirken!, das ist das Einzige, Allumfassende, was wir einander zum Neujahr wünschen müssen. Das wünsche ich euch, liebe Gemeinde, zum Jahresanfang. Begnügt euch nicht mit dem, was ihr erfahren habt, ihr müßt noch unendlich viel mehr erfahren. Das müßt ihr mir wünschen um meinetwillen und um eurer selbst willen, damit ich euch mit ganz neuem Ernst und neuer Freudigkeit alle Sonntage von dieser wachsenden, treibenden, um sich greifenden Erfahrung reden kann. Das wollen wir der ganzen Welt wünschen, die krank ist und die einmal gesund, und zwar ganz gesund werden muß. Sie kann durch nichts gesund werden als dadurch, daß diese ihre tiefste, heiligste Erfahrung, die Christuserfahrung, wachse in ihr.</p>
        <p>Wenn dieser Wunsch nur ein wenig in Erfüllung geht, dann wissen wir auch, <hi rend="italic">wohin</hi> wir gehen, vom Gestern ins Heute, Schritt um Schritt, Brücklein nach Brücklein der Ewigkeit entgegen. Die Ewigkeit ist nichts Neues. Die Ewigkeit stand schon über unserem Gestern, und sie steht über unserem Heute. Die Ewigkeit ist die Gotteswirkung, die keine Schranken und kein Ende mehr findet, das Leben, das ganz von ihr durchdrungen und erfüllt ist. Die Ewigkeit ist Gottes eigenes Leben. Dahin gehen wir. Das ist das Ende unseres Weges, wenn wir mit Christus vom Gestern ins Heute gehen. Wir sehen dieses Ende, und es ist gut, daß wir es sehen, <pb xml:id="p010" ed="pga"/> daß es bei den Schritten und Brücklein nicht bleibt. Aber zunächst wollen wir einmal über das Brücklein gehen, du und ich.</p>
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        <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
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        <div type="prayer">
          <p>Herr unser Gott, durch deine Güte sind wir hieher gekommen, und durch deine Güte soll es mit uns weiter gehen. Wir brauchen nichts Neues im neuen Jahr, wir brauchen nur, daß uns das Alte einmal neu werde. Wir brauchen keine besondere Hilfe, wir brauchen nur die Hilfe, die schon da ist, anzunehmen und anzuwenden. Rede du mit uns, daß wir dich erkennen und mit dir anfangen wollen. Laß Christus lebendig werden in uns, in unserer Gemeinde, in der Welt. Laß hervorbrechen deine Herrlichkeit, wie du uns verheißen hast. Laß uns getrost sein in der Gewißheit, daß du da bist, und laß uns tapfer werden in der Gewißheit, daß du lebst und willst, daß wir auch leben. Und so bereite uns, daß wir auch im neuen Jahr uns bereit machen und deines Reiches warten.</p>
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        <div type="songs">  
          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-47" type="song">Nr. 67 «Nun laßt uns gehn und treten» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-5 (GERS [1952] 132,1.2.4.5.7; EG 58,1.2.4.5.7)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-119" type="song">Nr. 311 «Mit dem Herrn fang’ alles an!» von <persName ref="kbga-actors-8803">Chr. Hohlfeldt</persName>, Strophen 1-3 (Reichs-Lieder 77,1-3)</bibl>
          </listBibl>
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</TEI>
