28. November 1915

Predigt: Johannes 3,26-36 (I) (1. Advent)

474
299
I. Advent
Johannes 3,26–36 (I)
Liebe Gemeinde!

Ich weiß nicht, ob ihr den Sinn der vorgelesenen Worte gleich beim Anhören vorhin verstanden habt. Ich glaube es nicht, er wird einem nicht einmal beim Lesen so schnell klar. Es liegt zu viel darin. Zu viel Neues für unser gewöhnliches Denken. Zu viel Wichtiges für unser Leben. Zu viel von Gott. Gottes Wort kann man nicht nur so hinnehmen und begreifen und sich seine Meinung darüber bilden wie irgend ein Menschenwort. Wir erfahren das immer wieder: solange wir es so machen wollen, bleibt es kalt und leer und hat uns nichts zu sagen. Oder wir meinen zwar etwas verstanden zu haben, aber bei Lichte besehen ist es ein ärgerliches, unglückliches Mißverständnis. Gottes Wort will gesucht sein. Gottes Wort erschließt sich nur dem, der in Aufmerksamkeit und Demut immer aufs neue darum ringt, in seinen Sinn einzudringen.

475 Ich möchte mich nun an den vier Sonntagen der Adventszeit, in die wir mit heute eintreten, nur an diesen vorgelesenen Abschnitt halten. Er enthält nicht zu wenig, sondern nur zu viel Gotteswahrheit für vier Predigten. Aber ich möchte euch nicht nur predigen, sondern ich möchte, daß ihr mit mir in diese Fülle von Gotteswahrheit eindringt. Und darum richte ich heute vor Allem die Bitte an euch: ihr müßt mir helfen! Ihr dürft mich hier nicht nur vorlesen und predigen lassen, sondern ihr müßt diesen Abschnitt, Evangelium Johannes, Kapitel 3 am Schluß, auch selbst zu Hause lesen, und zwar immer wieder lesen, wie ich es auch tun muß. Ihr müßt mit mir suchen, mit euren Gedanken den Gedanken Gottes, die hier zu uns reden, innerlich entgegenzukommen. Ihr müßt die ganze Zeit über in Aufmerksamkeit und Demut darum ringen, daß ihr Sinn sich uns wirklich ein wenig erschließe. Ihr müßt mit mir und für mich darum beten, daß uns Gottes Wort nicht kalt und leer bleibe, sondern lebendig werde. Ich richte diese Bitte an alle die, denen es ernst ist, wenn sie in dieser Adventszeit in die Kirche kommen. Am letzten Mittwoch ist uns gesagt worden, daß unsere Kirche sofort zu einer Kirche des Lebens und der Hoffnung wird, sobald wir uns in der Kirche dem lebendigen Gott entgegenstrecken, sobald wir das, was wir hier tun, ernst nehmen, aber im Ernst ernst nehmen, meine Freunde.1 Der liebe Gott wartet darauf, daß solches Ernstnehmen einmal kommt, in der Kirche und außerhalb der Kirche, damit er uns segnen kann, wie er uns nach seiner Güte eigentlich segnen möchte. Und darum bitte ich euch alle, daß es euch ernst sei in dieser Adventszeit, daß ihr mir helft, daß ihr mit mir ringt um das Verständnis des Gotteswortes. Ihr dürft mich nicht stecken lassen. Ich habe das Gefühl, daß ihr mich zu oft reden und stecken laßt, gerade wie ich wohl weiß, daß ich euch oft im Stich lasse und euch nicht helfe, nicht ernst genug mit euch suche nach Licht und Klarheit und Kraft, nicht aufrichtig und nicht innig genug für euch und mit euch bete. Das muß anders werden. Bei euch und bei mir. Wir müssen einander mehr helfen. Dann kann Gott uns auch mehr segnen. O wenn wir an der Weihnacht einander etwas bezeugen könnten von einem erfahrenen Segen Gottes!

Johannes der Täufer redet mit uns in den vorgelesenen Bibelworten. |476 Das ist der rechte Mann der Adventszeit. Der Mann, der uns gleichsam die Tür auftun will zu dem Größeren, der an der Weihnacht zu uns kommt. Er war der letzte große Prophet des merkwürdigen Volkes Israel. In ihm erschien noch einmal die ganze reiche Gotteserfahrung und Gotteshoffnung dieses Volkes wie gesammelt in einem starken, lodernden Feuer. Man könnte diese Gotteserfahrung und Gotteshoffnung Israels zusammenfassen in die beiden Wörtlein: Gott will! Wie Mose, wie Elia, wie Amos, wie Jesaja, wie Jeremia, so sehen wir Johannes wie von innen heraus glühend in diesem: Gott will! Er zittert gleichsam unter der furchtbaren Last, die mit dieser Erkenntnis auf ihn gelegt ist, und unter der Spannung, mit der er in dieser Erkenntnis in die Zukunft blicken muß. Er ist der Sohn eines Priesters am Tempel in Jerusalem, aber es genügt ihm nicht, Gott mit Gebet und Opfer zu dienen an heiliger Stätte nach frommer Väter Sitte. Er ist ein hochbegabter, intelligenter, tiefer Mensch, aber es genügt ihm nicht, den Gedanken Gottes nachzugehen in der abwägenden, gelassenen, kühlen Art der damaligen und heutigen Gelehrten, es genügt ihm nicht, so als ein frommer und gescheiter Mann einen ruhigen Weg zu gehen in den alten Geleisen und nur so nebenbei und tropfenweise und mit vielen Wenn und Aber von dem zu leben und von dem zu reden, was eigentlich wahr ist. Er ist ein Kind seines Volkes und hat sein Volk lieb und steht mitten in seinem Leben drin, aber es genügt ihm nicht, die Leute einfach zu nehmen, wie sie sind, ihnen zu helfen, fromm zu sein, so wie sie fromm sein wollen, ihnen den lieben Gott so zu zeigen, wie sie ihn nun einmal sehen wollen. Er konnte das alles einfach nicht, wenn er schon wollte. Er muß seinen Vater und die anderen Priester in Jerusalem, er muß die Gelehrten und die Frommen alle, er muß sein ganzes Volk mit seiner Tugend und seinem Glauben ihre Wege gehen lassen. Er schilt sie nicht, er verwirft sie nicht, er klagt niemand persönlich an. Es handelt sich ja um viel Größeres als um persönliches Recht und Unrecht. Aber er muß einen anderen Weg gehen. Ihn würde das große: Gott will! auf allen jenen Wegen nicht in Ruhe lassen. Er muß die Behaglichkeit seines Elternhauses und die schönsten Lebensaussichten auf Glück und Erfolg und schließlich sogar das äußere Zusammenleben mit den Menschen, mit der Volksgemeinschaft im Stiche lassen, und jetzt ist er in der Wüste am Jordan, lange Zeit in völliger Einsamkeit, in dürftigster Kleidung, mit der einfachsten Nahrung vorlieb nehmend, ein Sonderling und weltfremder |477 Mensch, sinnlos scheinbar herausgerissen aus dem ganzen natürlichen Wesen. So schwer trägt er unter seiner Last, so stark lebt er nicht in der Gegenwart der Menschen, sondern in der Zukunft Gottes. Und als er nun doch nicht einsam bleibt, als die Menschen zu ihm kommen, erst einzelne und dann immer mehrere in dem heißen Hunger nach etwas Anderem, Größerem, den die Menschen im tiefsten Grunde immer haben, als sie von ihm hören wollen, was ihn bewegt, da muß er den Schatz von Gotteserfahrung und Gotteshoffnung, der in ihm verborgen ist, ans Licht stellen als etwas, an dem sie sich nicht beruhigen, nicht erfreuen, nicht erbauen können, als etwas ganz furchtbar Neues und Fremdes ihrer ganzen Art gegenüber, da kann er ihnen nicht eine Religion predigen, nicht etwas Belehrendes, Friedliches, Tröstliches, sondern er muß sie alle, die Frommen und die Gottlosen, die Gelehrten und die Ungelehrten, die Tugendhaften und die Sünder vor eine furchtbar schwere Entscheidung stellen, und diese Entscheidung heißt: Buße oder Gericht! Entschlossene Hinwendung zu Gott, dem lebendigen Gott, und Erneuerung des ganzen Lebens aus seinen Kräften! oder aber Weiterfahren in den altgewohnten Geleisen und dann früher oder später der Untergang in der hoffnungslosen Nacht eines trotz aller Religion und Rechtschaffenheit von Gott gelösten, Gott nicht ernst nehmenden Lebens. Das war das ungeheure, unbedingte: Gott will!, diese Stimme, die Israel im Unterschied von allen anderen Völkern schon in seinen ältesten Zeiten vernommen hatte. Das war Mose und Elia, wieder lebendig geworden. Das war Johannes, der letzte Prophet.

Denn der nach ihm kam, war zwar auch ein Prophet, aber zugleich viel mehr als das. Wenn wir das, was in Jesus Christus war im Unterschied zu Johannes dem Täufer, jetzt auch in zwei Wörtlein zusammenfassen wollten, so müßten wir vielleicht sagen: bei ihm heißt es statt: Gott will! Gott ist! Johannes stellt das Ungeheure, Neue, Andere, das bei Gott Wahrheit ist und gilt, vor die Welt und vor die Menschen hin, Jesus pflanzt es in die Welt hinein als etwas, was nun einfach da ist und nicht mehr beseitigt werden kann. Johannes fordert zu einer Entscheidung auf, Jesus bringt eine Entscheidung. Beide verkündigen das nahe Himmelreich, aber Johannes steht draußen und weist darauf hin, Jesus steht drinnen und eröffnet es und teilt daraus mit. Johannes lebt in der Verheißung, Jesus lebt in der Erfüllung. Das ist auch der Unterschied zwischen der Adventsbotschaft und der Weihnachtsbotschaft.

478 Aber zuerst soll nun Johannes zu uns reden. Wir wollen nicht an Johannes vorbei zu Jesus eilen. Wir wollen die Adventszeit nicht überspringen, sondern ernst nehmen. Der Mann mit dem unerbittlichen: Gott will! hat uns etwas zu sagen, das wir hören müssen, wenn es uns ernst ist, zu Jesus selbst zu kommen. Wir dürfen ihm nicht kommen mit dem Einwand, daß sein Ruf: Tut Buße! [Mt. 3,2] uns zu schroff und streng sei und daß wir lieber gleich die freundliche Einladung des Heilands: Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid! [Mt. 11,28] hören möchten. Ja wahrhaftig, das ist unser Weihnachtsziel, diese Einladung zu hören, zu hören: siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren soll [Lk. 2,10], und solche Freude einfach zu haben. Aber seht, wir können das gar nicht recht hören, können gar keine solche Freude haben, wenn wir das Andere nicht auch gehört haben, den hohen, harten Ruf des Täufers, der Adventsbotschaft: Gott will!

Wer den Johannes malen wollte, meine Freunde, der müßte ihn darstellen als einen Mann, der vornübergebeugt, mit der Hand seine Augen beschattend, ganz versunken ist in etwas, was er vor sich sieht, was er von Weitem näher und immer näher kommen sieht. Es ist, als ob er Alles um sich her vergessen hätte. Man lacht um ihn her, er lacht nicht mit. Man weint, er weint nicht mit. Man streitet, er weiß nicht warum. Man rennt und läuft, er weiß nicht wohin. Man betet, er kann seine Hände nicht falten, er hat einen anderen Gott. Er sieht nicht das, was ist, sondern das, was werden will. Er sieht die Absichten Gottes. Er sieht, wie Gott dem Menschen eine andere Bestimmung gegeben hat als die zu dem Leben in Leidenschaft, Hartherzigkeit, Unaufrichtigkeit und Unfrieden, in dem er jetzt lebt. Er sieht, wie besonders das Volk Israel mit seiner wundervollen Vergangenheit etwas ganz Anderes sein könnte im Kreis der Völker, wenn es Gottes Willen gelten lassen würde. Er sieht so viele, viele Einzelne und ganze Stände und Berufe, die unter alteingewurzelten und fast nicht zu verändernden Fehlern und Irrtümern leiden und immer wieder auch die Anderen leiden machen. Er sieht die Schatten der Lüge, der Torheit, der bewußten Sünde lagern über der weiten Menschheitswelt und weiß: so müßten die Seelen nicht verkrüppeln und dahinsiechen, so müßten die Lebensumstände den Menschen nicht verkrümmen und einschnüren und das Beste in ihm ersticken, so müßte die Welt nicht krank sein. Denn er sieht Gott, den |479 Schöpfer und Herrscher, ihn, der lauter Güte, Wahrhaftigkeit, Ordnung und Freude ist, sieht, wie aus Gott das Leben strömen könnte, wie der Mensch ein anderer Mensch sein könnte und die Welt eine andere Welt. Er leidet unter dem ungeheuren Zwiespalt zwischen dem Leben Gottes und dem Leben der Menschen, der doch nicht zu sein brauchte. Er jubelt wohl innerlich darüber, daß es etwas Anderes gibt als das Menschenwesen, und doch kommt größer und stärker immer wieder das Leiden über ihn, das Leiden an dem Zwiespalt und Gegensatz, der da ist. Dieses Leiden verleidet ihm das harmlose Mitmachen und Weiterleben mit den Leuten. Dieses Leiden treibt ihn aus dem Elternhaus und von Allem weg hinaus in die Wüste. Dieses Leiden macht’s, daß er alle Frömmigkeit und Bravheit, die in seinem Volke war, nicht anerkennen kann als etwas Ernstes, so ernst sie gemeint waren. Dieses Leiden treibt ihm das schwere Wort: Buße, völlige Umkehr! auf die Lippen. Seht ihr’s nicht, ruft er in sein Volk hinaus in der Angst und Bedrängnis seiner Seele, daß nur Eines helfen kann, daß nur Eines ernst genug ist: die rückhaltlose Anerkennung, daß unser Weg Sünde ist, gottlos, weil wir es von Grund aus ohne Gott machen, die rückhaltlose Anerkennung Gottes und seiner Gerechtigkeit, der ernste, tatkräftige Wille anzuhalten, umzukehren und mit Gott zu gehen? Seht ihr den Willen Gottes nicht? Und aus diesem Leiden heraus strömt nun auch seine ganze Predigt.

Was will er eigentlich, der Mann in der Wüste? Wecken möchte er die Menschen alle, daß sie zu sich kommen und die Augen auftun und den Zwiespalt und Gegensatz auch sehen und sehen, daß Gottes Wesen ein anderes ist als alles Menschenwesen. Geflohen ist er vor dem Getümmel der Leute, die ihn nicht verstanden, und jetzt erträgt er es doch wieder nicht, einsam zu bleiben, er kann nicht allein bleiben, er muß verstanden werden, er muß Leidensgefährten finden, Menschen, die mit ihm die ungeheure Not tragen wollen, unter der er fast zusammenbricht, und die große Hoffnung, die ihm aufgegangen ist und die ihm doch zur Qual wird, die Hoffnung: Gott will ein Anderes schaffen. Solche Leidensgefährten will er werben mit seiner Predigt, Menschen möchte er gewinnen, die sich mit ihm furchten vor Gott und mit ihm auf Gott hoffen, Menschen, die mit ihm aufrichtig seufzen unter der Last eines von Gottes Güte gelösten Lebens, Menschen, die mit ihm klar sind darüber, daß das, was man so gewöhnlich denkt und will und tut, nicht genügt, |480 weil es die Fesseln nicht sprengt, in denen wir liegen, Menschen, die mit ihm das Vorläufige als Vorläufiges erkennen und im Ernst und mit Freude eines Besseren warten. Menschen sucht er, die sich mit ihm vorbereiten wollen auf das, was Gott will.

Und die nun zu ihm kommen und aufwachen und seinen Schmerz verstehen und auch zu leiden beginnen unter seinen Leiden und ganz persönlich ihre Sünde erkennen und Gott die Ehre geben wollen, solche Menschen tauft er im Jordan und weiht sie damit zu Gliedern der verborgenen Gemeinde der Unruhigen, der Wartenden, der Sehnsüchtigen, derer, denen es ernst ist mit Gott. Keine neue Religion und Religionsgemeinschaft wurde in jener Wüste begründet, wohl aber kamen von dort Menschen zurück, denen alle Religion zu klein und kraftlos geworden war und die nach etwas Besserem verlangten, als alle Religion den Menschen bieten konnte, die hungerten und dürsteten nach dem lebendigen Gott [vgl. Ps. 42,3] und die in ihrem Leben als Soldaten, als Zöllner [vgl. Lk. 3,12–14], als gewöhnliche Leute anfingen, sich zu reinigen, um nicht unwürdig dazustehen, wenn Gott kommen und sie sättigen wollte.

Advent ist nicht Weihnacht. Johannes ist nicht Christus. Aber fragt euch selbst: dürfen wir an diesem Mann und seiner Botschaft vorübergehen? Müßte uns nicht gerade unsere heutige Zeit in seine Schule führen? Und kann uns Christus aufgehen als das rechte Freudenlicht, bevor wir durch diese Schule gegangen sind? Seht, wenn wir Johannes nicht haben wollen, dann scheiden wir uns auch von Christus. Christus kann nicht zu uns reden, wenn wir Leute sein und bleiben wollen, wie die waren, unter denen Johannes zuerst so einsam seine Last tragen mußte, daß er in die Wüste entrinnen mußte. Christus redet zu denen, die nicht in der Gegenwart der Menschen leben wollen, sondern in der Zukunft Gottes. Christus redet zu solchen, die sich hier nicht zu Hause fühlen können, die vornübergebeugt spähen nach dem, was kommen will. Christus redet zu denen, denen Gott eine große Beunruhigung geworden ist, zu den Leidensgefährten des Johannes, zu der verborgenen Gemeinde der Sehnsüchtigen, derer, die über alle gewohnte Religion hinaus nach dem lebendigen Gott verlangen und die rein werden möchten, um diesem Gott entgegenzugehen. O wenn wir doch nur schon deutlich und kräftig etwas von diesem Verlangen hätten, wir stünden anders da. Jünger Jesu zu sein, meine Freunde, das ist etwas gar |481 unbegreiflich Hohes. Das würde heißen: hineingezogen sein vom Heiland in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, hineingestellt sein in das neue Leben von Gott her, das in Jesus erschienen ist2. Jünger Jesu sein, das würde heißen: den heiligen Geist haben, Vergebung der Sünden, Auferstehung, ewiges Leben.3 Das alles nicht nur kennen, sondern haben. Das ist nichts Unmögliches. Die Weihnachtsbotschaft bringt gerade dieses scheinbar Unmögliche an uns heran: Ihr seid Kinder Gottes! [vgl. Gal. 3,26]. Eure Sünden sind euch vergeben! Nehmet hin den heiligen Geist! [Joh. 20,22]. Das will uns das Kindlein in der Krippe sagen.

Aber, meine Freunde, ich fürchte, wir sind allesamt vorläufig gar nicht in der Lage, das verstehen zu können. Wie soll uns die Kunde von dem Neuen, das mit dem Christkind zu uns kommt, eine Freude sein, wo wir ja gar nichts Neues erwarten? Wie soll uns das Weihnachtslicht, das uns sagt, daß Gott uns lieb hat, zu einer Kraft werden, wo uns doch Gottes Liebe und Gottes Zorn im Grunde so gleichgiltig ist? Wie soll uns das Wort von der Versöhnung zwischen Gott und Welt [vgl. 2.Kor. 5,19] ein Trost sein, wo wir ja gar nicht leiden unter dem Zwiespalt, der jetzt Gott und Welt auseinanderreißt? Ich fürchte, meine Freunde, wir sind zu bequem, zu gelassen, zu zufrieden, zu sicher allesamt, wir kennen das Suchen und Verlangen nach Gott zu wenig, als daß wir uns einfach Jünger Jesu nennen dürften. An der Weihnacht will sich uns Jesus selbst wieder anbieten mit all seinen Gaben, will uns zum soundsovielten Mal zurufen: Folget mir nach! Werdet meine Jünger und werdet selig mit mir! Wie werden wir dann dastehen? Wird das geschehen? Kann das geschehen? Oder werden wir uns stattdessen zum soundsovielten Mal durch ein christliches Fest darüber hinwegtäuschen, daß ja gerade das doch nicht geschieht? Bei Gott ist kein Ding unmöglich [Lk. 1,37]. Ich weiß nur das, daß wir jetzt allen Anlaß hätten, vor Allem einmal Jünger des Johannes zu werden, und das will sagen, Menschen, die beunruhigt sind durch seine Botschaft: Gott will! Wacht auf! Seht, wie ihr dran seid! Seht, wie ferne Gott euch und eurem Leben und eurer Welt ist! Erkennt, daß ihr schuld seid, daß in euch ein neues Verhältnis zu Gott anfangen muß, wenn es nicht schlimmer und immer schlimmer werden soll! Fanget heute an zu hoffen, daß Gott etwas an euch tun |482 kann und tun will. Fanget heute an, in den kleinen Dingen reiner, liebevoller, ehrlicher, treuer, mutiger zu werden, um euch damit bereitzustellen für die großen Dinge. Ach, wenn wir nur dieses Verlangen einmal hätten, um die Erfüllung brauchte uns nicht bange zu sein! Wenn wir nur einmal Advents- und Johanneschristen würden, dann könnten wir sicher an der Weihnacht die frohe Botschaft der Wahrheit hören und Christus-Christen werden.4

Seht, ich weiß, daß ihr oft darunter zu leiden habt, daß wir Pfarrer euch von Gott nicht so reden können, wie es Christus konnte, nicht mit solcher Liebe und Einfachheit und nicht mit solcher überirdischer Kraft. Wir können euch nicht einmal Christus so deutlich und lebendig vor Augen malen [vgl. Gal. 3,1], wie wir gerne möchten und wie ihr es nötig hättet. Ich weiß wohl, woran das liegt. Aber ich denke oft: wenn wir euch und mit euch uns selbst nur wenigstens so bewegen könnten, wie Johannes der Täufer eine Anzahl Menschen bewegen konnte! Wenn wir euch nur wenigstens das einmal sagen könnten, daß ihr es hören müßt: Wir können nicht schlafen und ruhig sein, wir können nicht immer weiterfahren und uns genug sein lassen mit dem, was wir unsere Religion heißen. Es ist von Gott mehr zu erwarten als so. Wir können im Innersten nicht froh und gelassen sein, bis dieses «Mehr von Gott» zum Vorschein kommt. Wir können nicht satt sein, sondern wir müssen hungern und dürsten nach Gott. Wir sind in der Gefangenschaft und müssen frei werden. Und der Weg zur Freiheit ist die Umkehr des Einzelnen. Der Weg der Freiheit fängt damit an, daß du, gerade du, heute, gerade heute, damit anfängst: dich vor Gott zu fürchten und auf Gott zu hoffen und im Blick auf Gott dein kleines Leben zu führen. Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! [Mt. 3,2]. Das ist noch nicht die frohe Botschaft des Heilands, aber warum hört ihr nicht wenigstens einmal auf diese Johannesbotschaft, solange wir euch aus eigener Schwachheit das, was größer ist als Johannes, noch nicht so sagen können, wie es gesagt sein müßte? Warum tut ihr so oft, als ob es euch nichts anginge, wenn wir euch, so gut wir’s können, aber wahrhaftig nicht nach unserem Kopf sagen: Gott will! Warum beklagt ihr euch darüber, wenn wir es euch immer wieder sagen müssen, daß Gottes |483 Wesen ein anderes ist als unser Wesen? Warum scheltet ihr uns, wenn dabei die Wahrheit manchmal in harter und unangenehmer Weise an den Tag treten muß? Johannes der Täufer hat den Leuten ganz andere Dinge gesagt über ihr Leben, als ich euch je gesagt habe. O wenn ihr mir das doch glauben wolltet, daß ich, wenn ich hier manchmal etwas sagen muß, was euch scharf und unerhört vorkommt, es nicht sage aus Übermut und Sicherheit und Streitlust, sondern aus Leid und Schmerz darüber, daß ich sehe, wie weit wir von Gott entfernt leben, und daß ich euch mit Allem nichts Anderes sagen möchte als immer das Eine: Gott will! Gott will etwas Anderes! Gott will, daß wir endlich einmal unruhig werden und Leid tragen um ihn, damit dann Christus zu uns reden kann! Ich sage das nicht, um uns Pfarrer zu rechtfertigen. Wir machen es oft herzlich ungeschickt. Wir gehören zu euch, wir sind ganz im gleichen Spital krank wie ihr auch. Es ist auch ganz gleichgiltig, ob wir Pfarrer hier mit Erfolg oder ohne Erfolg reden. Aber das ist nicht gleichgiltig für uns und für euch, ob wir weiterschlafen oder ob wir uns durch die Stimme: Gott will!, käme sie, woher sie wolle, einmal wecken lassen, damit es nach der Adventszeit Weihnacht bei uns werden kann und nicht nur im Kalender. Das ist nicht gleichgiltig, ob wir immer in der gleichen ungöttlichen Ruhe bleiben wollen oder ob die Stimme des Predigers in der Wüste uns einmal erreicht: Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige! [Mt. 3,3 par.].

Ich sage es noch einmal: Advent ist nicht Weihnacht. Und Johannes ist nicht Christus. Johannes wollte auch nicht Christus sein. Und er wußte, daß das, was er den Menschen gab mit seinem Ruf: Tut Buße!, noch [nicht] die Befreiung, Stärkung und Beseligung war, die sie nötig hatten. Er kannte Jesus, und er hat zwischen Jesus und sich eine scharfe Scheidelinie gezogen: Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel! Dieses Wort richtet zwischen ihm und Jesus. Johannes weiß, wer der Mensch ist, dem es vom Himmel gegeben ist, und welcher der andere, dem es nicht gegeben ist. Das Leid, das Johannes in sich trug und aus dem heraus er redete, war etwas Anderes als die Liebe Gottes, die in Jesus war. Die Furcht vor Gott, die Johannes in den Menschen wecken wollte, war etwas Anderes als der mächtige Zug zum Vater, der von Jesus ausging. Die Hoffnung auf Gott, für die Johannes begeistern wollte, war etwas Anderes als die kindliche Freude an Gott, in der Jesus lebte. Jesus war es gegeben vom Himmel. Und Jo|484hannes sah das ein und wollte nichts Anderes sein als Jesu Vorläufer und Wegbereiter. Und das ist gerade das Große an ihm, daß er nicht der Größte sein wollte, sondern mit seiner Verheißung zurücktreten konnte, als die Erfüllung da war. Aber auch seine Wegbereitung war eine Gottestat. Und diese Wegbereitung ist auch uns bitter nötig. Bevor der Heiland zu uns kommen kann, müssen wir die Stimme des Predigers in der Wüste gehört haben. Denkt daran, wenn ihr an die kommende Weihnacht denkt.

Amen.
Herr unser Gott! In dieser Adventszeit dürfen wir wieder hören, daß du uns in deinem Sohne Jesus Christus berufen hast aus der Finsternis zu deinem wunderbaren Lichte, aus der Angst und Not und Sünde der Welt zu der herrlichen Freiheit und Freude deiner Kinder. Dafür möchten wir dir danken, und unser Herz sehnt sich, deine Geschenke anzunehmen. Aber o Gott, wir wissen, daß du uns nicht beschenken kannst, solange wir schlafen wollen. Du kannst nichts mit uns anfangen, solange wir in unserer Ruhe und Sicherheit bleiben wollen. Wir haben hier in der Kirche nichts zu suchen, solange wir dich und deine Wahrheit gar nicht suchen. Und der Heiland hat uns nichts zu geben, solange wir es nicht gemerkt haben, daß wir einen Heiland nötig haben. Rühre du selber uns an und wecke uns auf! Mach Du uns unruhig! Hilf uns, daß wir geistig arm werden! Hilf uns Leid tragen! Hilf uns hungern und dürsten! Hilf uns, dir sehnsüchtig und in aufrichtigem Verlangen entgegensehen und dir den Weg bereiten, daß du, der König der Ehren, einziehen kannst in unsere Mitte.
Gemeinde. Kirche.
Lied:
  • Nr. 89: «Nun jauchzet, all ihr Frommen» von M. Schirmer, Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 4 und 5 (= GERS [1952] 103,1-3; 4.5; EG 9,1.3.4; 5.6) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. E. Thurneysens Vortrag Unsere Hoffnung und die Kirche, a.a.O. (oben S. 465, Anm. 1), besonders S. 172–174. 📖 ↩
2
Mskr.: «… erschienen sei»; Korrektur vom Hrsg.↩
3
Vgl. Symbolum Apostolicum, BSLK, S. 21,21-23. 📖 ↩
4
Mskr.: «… die frohe Botschaft der Wahrheit werden und Christus-Christen werden»; Korrektur vom Hrsg.↩