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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 18,29-30</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 18,29-30, 14. November 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27046 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 453–463.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 18,29-30</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 297</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 18,29-30, 14. November 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1738">KBA 1275</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1915-11-14">14. November 1915</date>
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      <epigraph>
        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.18.29 Ps.18.30">Psalm 18,29–30</ref>
        <quote>Du erleuchtest meine Leuchte; der Herr, mein Gott, macht meine Finsternis licht. Mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über die Mauer springen.</quote>
                        </cit>
      </epigraph>
      <salute>
                        <pb xml:id="p454" ed="pga" rend="noPipe"/> Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Das ist nun wieder so ein rechtes <hi rend="italic">Bibelwort</hi>, freilich nur ein Muster aus vielen tausend gleich schönen und noch schöneren. Ein Wort, das uns so recht zeigen kann, wie gut man dran ist, wenn man zu Gott sagen kann: mein Gott! und von seinem Leben: mit Gott! Das will uns die Bibel eigentlich auf allen Seiten zeigen, will zu dir und zu mir sagen: du könntest auch <hi rend="italic">so gut dran sein!</hi>, will zu allen Safenwilern sagen: ihr könntet auch so gut dran sein!, will zu der ganzen Welt sagen, zu der Welt voll von Geldsäcken, Schnaps und Kanonen, voll von Spitälern, Gefängnissen und Irrenhäusern, voll von unzufriedenen, zankenden Menschen: du arme Welt, wie könntest du so gut dran sein — <hi rend="italic">wenn</hi>, ja wenn zuerst aus ein paar Menschenherzen da und dort und dann aus ein paar hundert und aus ein paar tausend Menschenherzen und schließlich aus vielen Millionen Menschenherzen es herauskäme, was eigentlich schon lange herausmöchte, herauskäme wie ein Stoß und ein Schrei, der Ruf: mein Gott! und: mit dir, mein Gott! Da könnten wir auf einmal das Reich Gottes offen sehen, das jetzt immer nur inwendig in uns ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.21">Lk. 17,21</ref>], daß wir gar nichts Rechtes davon spüren. Denn wenn es jetzt so vielfach <hi rend="italic">nicht gut</hi> steht um uns, so kommt es vielleicht nur daher, daß Gott nicht <hi rend="italic">unser</hi> Gott ist und daß wir unser Leben nicht <hi rend="italic">mit ihm</hi> leben. Wir lassen Gott so ferne von uns stehen; wir denken wohl, daß er der Gott der Sterne oder der Engel oder der Gott der alten Juden sei und heutzutage nur der Gott der ganz frommen Leute, wir denken gar nicht daran, daß er unser Gott, dein und mein Gott ist, und daß wir daran nicht denken wollen, das ist an allem Verfehlten bei uns schuld. Auch das hilft mit, daß wir nicht recht wissen oder nicht recht dran glauben, daß unser Leben mit Gott gelebt sein müßte. Mit Erfolg! Mit Vergnügen! Mit guten Freunden! Mit schönem Ertrag! Mit gutem Verdienst! — ja, das alles begreifen wir, aber: Mit Gott! — das begreifen wir nicht, und das ist sehr schlimm, denn von Gott her käme uns gerade das alles, was uns — wir wissen es recht gut — fehlt trotz dem Vielen, das wir mitmachen und mitschleppen. Und darum bleibt uns das Reich Gottes etwas Verborgenes, etwas, das uns immer nur von Weitem beunruhigt und sehnsüchtig macht, daß wir ganz wehmütig werden, wenn wir daran denken. Und Gott würde uns doch alsobald <hi rend="italic">erhören</hi>, wenn wir kämen und recht die Hände nach ihm ausstreckten. Wenn die Millionen einmal rufen werden in tiefster Herzensnot: mein Gott! und: mit Gott!, <pb xml:id="p455" ed="pga"/> o was wird das für eine Umkehrung geben und wie wird da der Krieg und der Eigennutz der Leute und aller faule Zauber in der Welt so bald aufhören.</p>
        <p>Aber du und ich, wir können eigentlich schon jetzt anfangen, so zu rufen: mein Gott!, und wir würden schon merken, was das für ein Aufräumen gäbe unter unseren Ängsten und Verdrössen und Mißverständnissen und fatalen Geschichten, mit denen wir jetzt geplagt sind. Und wenn die in den anderen Dörfern und Kantonen noch ein wenig warten wollen, so könnten doch wir in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ruhig schon jetzt damit anfangen, so zu rufen: unser Gott!, wie Gott eben gerufen sein will, und wenn wir allein dann auch nicht radikal aufräumen könnten mit allem Traurigen und Bösen, das unter uns ist, so würden wir doch unsere Wunder erleben, wie schon jetzt Vieles, Vieles ganz anders, schöner, fröhlicher, klarer würde bei uns. Gott erhört, vom lieben Gott her geschieht etwas, wenn man ihn anruft, darum ist er eben der <hi rend="italic">liebe</hi> Gott, der es gut mit uns meint, und nicht irgend so ein Götze. In der ganzen Bibel lesen wir davon, wie Gott erhört, wie von ihm her immer etwas geschieht, wenn die Menschen sagen: mein Gott! und: mein Leben <hi rend="italic">mit</hi> Gott! In unserem Text hören wir, wie gut der König <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> dran gewesen ist.</p>
          <p>Aber zuerst muß ich euch noch von einem <hi rend="italic">Gespräch</hi> erzählen, das ich letzthin gehabt habe. Ich lief vor ein paar Tagen mit einem anderen Pfarrer in den Straßen von <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName><note xml:id="n01">Am 11. November 1915 fand in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> jene Tagung der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Aargau statt, bei der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> die Abschaffung des traditionellen Eröffnungsgottesdienstes der Synode beantragte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="../volume/03/p100#p100">S. 100f.</ref></bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-134"><persName ref="kbga-actors-1513">Busch</persName>, S. 99</bibl>.</note>herum, und wir redeten miteinander davon, wie wir eigentlich mit Gott dran seien. Er sagte zu mir, die Erde sei doch eigentlich ein rechtes <hi rend="italic">Jammertal</hi> und das Leben der meisten Menschen etwas Elendes und im Grunde Verfehltes und man dürfe sich doch nicht täuschen darüber: das werde im Großen Ganzen nie anders werden als so. Das Einzige und Beste sei noch, daß da und dort einmal eine Seele ihren Weg zu Gott und zu einem gewissen Frieden mit sich selbst und den Anderen finden könne und daß es jenseits des Grabes ein besseres Leben gebe. Ich antwortete ihm darauf, das sei mir nun <hi rend="italic">zu wenig</hi>, und wenn das Alles wäre, was wir von Gott glauben und erwarten könnten, dann möchte ich nicht dabei sein. Der Andere fuhr aber fort <pb xml:id="p456" ed="pga"/> und kam auf die Pfarrer und auf die Kirche zu sprechen und sagte: <hi rend="italic">wir Pfarrer</hi> können im Großen Ganzen bei den Leuten nichts ausrichten mit unserem Predigen und Unterrichten, es bleibt im Ganzen doch Alles, wie es ist, und wenn wir alle zwei Jahre einmal irgendwo ein kleine Besserung erreichen können bei einem Menschen, so sollen wir zufrieden [sein], und das sei nun einmal unser Los und das Los aller Menschen, daß man seine Sache tun müsse, so gut man könne, aber im Ganzen werde nichts anders. Ich antwortete wieder: damit sei ich <hi rend="italic">nicht zufrieden</hi> und das sei mir nicht genug, und wenn das so wäre, dann wollte ich nicht mehr Pfarrer sein und überhaupt nichts! Nun kam er wieder: Ja, aber <hi rend="italic">es ist</hi> doch einfach so, und in meiner Gemeinde sieht es nicht anders aus. Ich antwortete: ja, gewiß ist es so, und in meiner Gemeinde sieht es auch nicht anders aus, aber beim lieben <hi rend="italic">Gott</hi> ist es nicht so, und bei ihm sieht es anders aus, und wenn wir besser beten und mehr glauben würden, dann würde es auch bei uns anders sein, und in deiner und meiner Gemeinde würde es anders aussehen, und überhaupt würde das Leben ein anderes Leben sein schon jetzt lange vor dem Sterben, und nicht nur ein paar Seelen brauchten den Weg zum Vater zu finden, sondern alle Kreatur, und nicht nur zu so einem halben neuen Wesen, das im Grunde doch das alte ist, sondern zu einer ganzen Erneuerung ihres Wesens von Grund auf, und die Erde brauchte kein Jammertal zu sein, sondern Gottes Freudenreich. So könnten wir mit Gott dran sein. Und wir Pfarrer könnten mehr tun als bloß da und dort in langer, mühseliger Arbeit eine kleine Besserung zu erreichen, wir könnten uns selber und den Leuten immer wieder sagen: daß wir mit Gott ganz anders dran sind, als wir gewöhnlich meinen, und darum ist unser Beruf doch nicht so eine verfehlte Sache, wie es allerdings zuerst aussieht. Da sah er mich so von der Seite an und meinte: ja, dann müßten wir aber <hi rend="italic">Propheten</hi> sein, wie die Männer in der Bibel. Meinst du etwa, du seist ein solcher Prophet? Nein, sagte ich, das meine ich nicht, daß ich ein Prophet sei, aber das meine ich: daß wir dafür die <hi rend="italic">Bibel</hi> haben und daß in der Bibel immer wieder von Menschen die Rede ist, die viel von Gott erwartet und dann auch viel von ihm bekommen haben. Sie haben Gott nicht wenig, sondern viel zugetraut, und darum war dann auch in ihrem Leben das Göttliche kein solches dünnes Bächlein wie bei uns, sondern ein großmächtiger Wasserstrom. Und darum wollen wir doch den Leuten in unseren Gemeinden aus der Bibel zeigen, wie das ist, wenn man viel <pb xml:id="p457" ed="pga"/> von Gott erwartet statt wenig. — Das war unser Gespräch in <placeName ref="kbga-places-1">Aarau</placeName> darüber, wie wir mit Gott dran sind.</p>
        <p>Warum erzähle ich euch das? Weil ich dieses Gespräch, das ich da mit einem Anderen hatte, schon sehr oft <hi rend="italic">mit mir selbst</hi> hatte und immer wieder mit mir selbst halten muß. Denn die Antworten, die ich ihm gab, waren ja wohl die richtigen, aber ich verstehe ihn doch ganz gut und bin oft ganz in seiner Stimmung und seinen Gedanken drin und muß nach Luft schnappen und habe die richtige Antwort für mich selber gar nicht immer bei der Hand. Es ist etwas Merkwürdiges mit den richtigen Antworten, wenigstens bei den großen, wichtigen Fragen des Lebens: man muß sie eigentlich immer wieder suchen und neu finden. Und wenn man eine Antwort schon zehnmal Anderen gegeben hätte — man kann wieder in Verlegenheit kommen, wenn man sie sich selber geben, sich selber trösten und ermuntern und zurechtweisen sollte. Und in diesem Gespräch handelte es sich ja um die ganz tiefe Frage, ob wir das Leben und die Welt <hi rend="italic">von der Menschenseite aus</hi> betrachten sollen oder von der Gottesseite. Vor dieser Frage bin ich schon oft verlegen gewesen und wußte mir nichts Rechtes zu sagen, und euch ist’s gewiß auch schon so gegangen. Es ist eben einfach so, daß wir manchmal in einem Zustand sind, da müssen wir alles von der Menschenseite ansehen. Es kann vorkommen, daß wir jahrelang in einem solchen Zustand drin sind wie in einem bösen Traume, andere Male geht’s rascher vorbei, aber keinem, auch dem lebendigsten Gottesmenschen bleibt’s erspart, daß er von Zeit zu Zeit da durch muß. <hi rend="italic">Das</hi> ist freilich ganz schlimm, wenn man aus diesem Zustand nicht mehr herauskommt, die richtige Antwort nicht mehr findet und niemand, der sie einem recht kräftig geben könnte. Aber jedenfalls wenn man in diesem Zustand drin ist, dann ist Alles wahr, was mein Freund sagte: dann ist die Welt ein Jammertal, dann sieht man die Menschen als eine große böse Gesellschaft an, dann muß man denken: es ist doch nichts zu machen, und kommt sich mit seinem Denken und Tun so windig vor, dann sieht man den lieben Gott nur noch so am fernen Rand des Lebens wie ein duftiges Wölklein, dem man doch nicht nachlaufen kann, und wenn man einem dann sagt: du solltest eben glauben, dann antwortet man auch so betrübt von der Seite her: ich kann doch das nicht, ich bin doch kein solcher Gottesmensch, daß ich so glauben könnte, bist du’s etwa? Ja, wie soll’s nun da <hi rend="italic">weitergehen?</hi> Seht, da geht’s eben nicht weiter, und wenn man die richtigen <pb xml:id="p458" ed="pga"/> Antworten noch so gut weiß, auch wenn man sie noch viel schöner und fester wüßte als ich in meinem Gespräch mit dem Anderen. Da geht’s nicht weiter, wenn Gott nicht hilft und diesem unglücklichen Zustand ein Ende macht.</p>
        <p>Und jetzt stehen wir schon mitten in unserem Texte drin. Das haben wir dann an Gott, was der König <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> da von ihm sagt mit den Worten: du erleuchtest meine Leuchte! Das will sagen: du <hi rend="italic">machst mein Licht hell</hi>. Wir haben alle ein Licht in uns. Das ist unser Gewissen und das, was uns unsere Eltern gelehrt, und das, was wir auf unserem Lebensweg selbst gemerkt, und vor Allem alles das, was wir mit Gott und von ihm her schon erfahren haben. Das alles ist ein Licht, das eigentlich unser Leben ganz hell machen müßte. Getrost müßten wir sein und freudig und in allen schwierigen Lagen das Rechte treffen und uns durch gar nichts einschüchtern lassen. Die Leuchte in uns müßte einfach unseren ganzen Lebensweg bestrahlen, daß wir gar nicht stolpern und irren könnten. Aber nun geschieht’s eben, daß sie oft nur so glumst<note xml:id="n02">= glimmt.</note> und flackert, und statt starker Strahlen fällt nur ein matter, trüber Schein heraus. Was ist los? Das Gewissen schlummert, der Trost ist so schwach, die Klarheit über das Rechte so gering, die Freudigkeit gar hat sich ganz verkrochen und ist fast nicht zu spüren. Was ist geschehen? Die Leuchte in uns gibt nicht hell. Das, was wahr ist und was wir ganz gut wissen, gilt auf einmal nicht so recht, was wir erfahren haben, ist wie vergessen, was Gott uns schon gesagt, wie weggeblasen. Ganz klein ist unser Zutrauen geworden, daß doch natürlich der liebe Gott recht habe, und in ganz erbärmlicher Angst stehen wir da im Dunkeln unter allerlei riesengroßen Gespenstern, denen wir mehr Macht zutrauen als ihm. Das ist offenbar dem König <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> auch manchmal so gegangen, etwa damals, als <persName ref="kbga-actors-3722">Saul</persName> ihn ums Leben bringen wollte [vgl. 
          <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.18.10 1.Sam.18.11">1.Sam. 18,10f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.19.10">19,10</ref>], oder als er auf der Flucht war vor seinem eigenen Sohn Absalom [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.15.14">2.Sam. 15,14</ref>], oder zu der bösen Zeit, wo er in böser Lust den <persName ref="kbga-actors-2256">Uria</persName> hatte töten lassen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Sam.11">2.Sam. 11</ref>]. Aber in all dieser Not und Sünde drin erfuhr er auch immer wieder, wie wunderbar er mit Gott dran war. Und das erfahren wir eben auch in solchen Zeiten: Du erleuchtest meine Leuchte! Gott will doch alle die Gotteslichtlein, die in uns angesteckt sind, nicht im Stiche lassen. Gott will doch nicht haben, daß alles das <pb xml:id="p459" ed="pga"/> Gute, was er dir schon getan und gesagt hat, nur so in dir vergraben sei. Glaub’s nur, er denkt immer an dich, auch wenn du in der tiefsten Traurigkeit bist, auch wenn du denkst: ich komme gar nicht mehr durch, auch wenn du dich ganz in irgend eine Torheit verrannt hast.</p>
        <p>Was heißt das: du erleuchtest meine Leuchte? Das heißt: der liebe Gott zeigt dir oft durch ein ganz kleines Ereignis, oft durch irgend ein gutes Wort, das du hörst, durch eine gute halbe Stunde, daß es noch etwas Anderes gibt als alles das, was dich drückt und plagt und unsicher macht: Ach was, mußt du auf einmal denken, wie habe ich mich so verbohren können? wie habe ich nur so ins Blaue hinein jammern oder mich fürchten oder mich ärgern können? es gibt doch noch etwas Anderes. Ja, woher kommt nun dies Andere, das du jetzt auf einmal siehst und das dich wenigstens ein klein wenig fröhlicher und sicherer wieder macht? Gewußt hast du’s ja immer, gekannt hast du’s wohl, gesagt hast du’s ja oft: wenn ich das nicht hätte! Ja, du hast es gehabt, aber du hast nicht daran geglaubt, hast nicht dran glauben können und wollen, daß das Leben eine Gottesseite hat und daß man es auch von dort aus ansehen kann und daß von dort aus gesehen das ganze Leben ein anderes Gesicht hat. Dein Kranksein z.B. sieht nicht mehr aus wie eine unerträgliche böse Last, sondern wie das Kreuzeszeichen, unter dem nun gerade du um das ewige Leben kämpfen darfst. Die unangenehmen, dummen Leute, die dich plagen, sehen nicht mehr aus wie Teufel und Plagegeister, sondern wie arme, gefangene Seelen, die dir sicher im Grunde nichts anhaben können, sondern denen du eigentlich aus ihrer Gefangenschaft helfen müßtest. Deine eigenen Schwächen und Fehler nicht mehr wie Blöcke, die eben daliegen und über die du nicht wegkönntest, sondern wie feindliche Schützengräben, die sehr wohl erstürmt werden können. Die ganze Welt schließlich nicht mehr wie ein Jammer- und Tränental, in dessen Schrecken und Torheiten der liebe Gott so von Weitem hineinsieht, sondern wie ein lebendiges, wichtiges Wesen, an dem Gott beständig an der Arbeit ist und mit dem er sehr viel vorhat. Sieh, das ist die hell gewordene Leuchte in uns. Wir wissen das alles ja recht gut, wir wissen sehr wohl, daß diese Ansicht des Lebens von der Gottesseite aus die rechte ist. Aber es ist nötig, daß Gott selber diese Einsicht immer wieder stark mache in uns, daß wir es wirklich glauben, es aufs neue wieder glauben lernen, daß es so ist. Und das tut Gott; gib nur acht, daß du die Gelegenheiten nicht versäumst, bei denen er es tun <pb xml:id="p460" ed="pga"/> will, alle die Gelegenheiten, wo er bei dir anklopft, um dich wieder anders sehen zu lehren<note xml:id="n03">
                            <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «… um dich wieder anders sehen zu lernen»; Änderung vom Hrsg.</note>.</p>
        <p>Aber Gott tut noch mehr: Der Herr, mein Gott, macht <hi rend="italic">meine Finsternis licht</hi>. Es ist sehr oft, nein, fast immer nicht damit getan, daß unser Lichtlein wieder ein wenig besser brennt, daß Gott durch seine Güte alles das, was wir ja schon wissen, wieder stark und sicher werden läßt, so daß wir wieder die rechte Ansicht vom Leben, die Ansicht von der Gottesseite statt von der Menschenseite haben. Es ist eben da gar Vieles in dir und in mir, das können wir nicht anders nennen als «meine Finsternis». Das ist nicht die Finsternis des Lebens oder der Welt da draußen, sondern das ist die Finsternis, die <hi rend="italic">in</hi> uns ist. Wenn wir die Gottesseite unseres Lebens oft so lange und gründlich vergessen und Gott gar nichts Rechtes mehr zutrauen, dann wächst sicher da drüben auf der Menschenseite alles mögliche sehr Unerfreuliche: Schmutz und Schlamm sammeln sich an, Unkraut schießt üppig empor, Schlangen, Kröten und Salamander wimmeln und ringeln sich dazwischen herum, und wenn wir oft so jammern, unser Licht in uns wolle nicht hell geben, so liegt es gewöhnlich auch daran, daß wir die Scheiben ganz abscheulich haben anlaufen lassen. Oder ist’s nicht so? Sieh, du hast dich vielleicht durch irgend ein Leid dahin treiben lassen, daß du nun so grimmig in dich verschlossen dahinlebst, ein hartes, strenges Gesicht machst und es für eine große Tugend hältst und rühmst, daß du niemerem nüt nachfragest<note xml:id="n04">«Niemerem nüt» = niemandem nichts. «Ich frage niemandem nichts nach» = Jedermann läßt mich kalt.</note> und schuldig seist. Ein Anderes ist vielleicht giftig, bös und scharf geworden mit seinem Mundwerk, teils weil es dazu angelegt war, teils weil es sich so viel wehren mußte, und jetzt benutzt es jahraus jahrein seine Zunge wie die Deutschen ihre großen Kanonen, bald auf dem östlichen, bald auf dem westlichen Kriegsschauplatz. Und wieder ein Anderer hat vielleicht in allem Frieden und ohne besondere Not einen dicken, gewaltigen Jähzorn in sich groß werden lassen mit den Jahren und läßt den von Zeit zu Zeit explodieren, daß es die größten Verwirrungen gibt um ihm herum. Es gibt aber auch ganz verborgene und geheime solcher Unkrautpflanzen und Kröten in unserem Gemüt und Leben, wir haben alle solche, manchmal riesengroße, manchmal ganz feine, zarte, um die es uns fast schade scheint, sie aus<pb xml:id="p461" ed="pga" break="no"/>zurotten. Auch der König <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> wußte sehr wohl, was er sagte, als er sagte: meine Finsternis. Das ist eben alle die Finsternis, an der wir selber schuld sind, die wir an unseren Brillen- und Lampengläsern selbst mit uns herumtragen. Da ist’s wohl begreiflich, daß wir seufzen: ach, ich kann eben nicht glauben, oder: ich kann nicht viel glauben, sondern nur wenig, ich habe so keinen Segen davon, der liebe Gott ist immer so weit weg am Rand draußen und nicht in der Mitte. Ja natürlich, da können wir dann allerdings noch lange seufzen! Da nützt es uns dann wenig, zu wissen und vielleicht sogar zu glauben, daß das Leben auch eine Gottesseite habe. Was hilft’s uns, wenn es eben die andere Seite ist, und auf dieser Seite treiben die Unkräuter und die Tiere ihr Wesen. Es ist schön und nötig, daß wir die Gottesseite überhaupt wieder einmal sehen, aber es ist noch schöner und nötiger, daß die Gottesseite kräftig durchschlage, daß man auf dieser Seite etwas merke von dem, was da auf der anderen lebt und wirkt. Es ist wunderbar, daß Gott meine Leuchte erleuchtet, aber es ist noch wunderbarer, daß er auch meine Finsternis licht macht. Und das ist wahr, das tut Gott.</p>
        <p>Das ist nun wieder eine ganz besondere Reihe von Erfahrungen, durch die <hi rend="italic">das</hi> geschieht, daß Gott wieder einmal putzt bei unsereinem, Unkraut ausjätet, Schlamm wegfegt, Schlangen und Krotten<note xml:id="n05">= Kröten.</note> dahin wirft, wohin sie gehören. Meistens sind das keine sehr angenehmen Erfahrungen. Etwa wenn man wieder einmal gründlich anrennen muß mit seinem Kopf. Oder wenn einem etwas aufgedeckt wird, daß man sich gehörig schämen muß. Oder daß man sich glatt geirrt hat in etwas und sich und vielleicht auch Anderen gestehen muß: ich hatte eben Unrecht, fertig! Das erfahren wir doch eigentlich alle noch recht häufig, daß wir plötzlich so eine übermächtige Stimme hören, die zu uns sagt: weg damit!, und wir wissen ganz gut, was weg sollte!, und eine starke Hand kommt und putzt. Die Gelegenheiten heißt es nun wieder begreifen und ergreifen, und da dürfen wir dann nicht dumm tun und nichts merken wollen und schön nennen, was wüst ist — notwendig, was gar nicht sein müßte — am Ende gar noch fromm und göttlich, was sehr menschlich ist. Gott machen lassen! Er macht’s schon, er macht auch dickste Finsternis licht.</p>
        <p>Aber jetzt weiß <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> wahrhaftig noch mehr zu sagen davon, was <pb xml:id="p462" ed="pga"/> man an Gott haben kann. Er fährt fort: mit dir kann ich <hi rend="italic">Kriegsvolk zerschlagen</hi> und mit meinem Gott <hi rend="italic">über die Mauer</hi> springen. Das sind gewaltige Sachen. Daß das nichts so Leichtes ist, ein Kriegsvolk zu zerschlagen, das haben jetzt alle die zu ihrem Leidwesen erfahren müssen, die mit dem gewaltigen Kriegsvolk der Deutschen angebunden haben, und es sieht aus, wie wenn sie gar nicht fertig würden damit. Und über eine Mauer springen, nicht einmal klettern, sondern auch noch springen, das stellt man sich auch nicht gerade einfach vor. Aber David sagt eben: mit Dir, mein Gott! Da sehen wir, was dieses «mit Gott» ausmacht: was sonst nicht wahr sein könnte, das wird «mit Gott» einfach wahr. Aber worum handelt es sich denn da? Seht, es ist etwas Großes, wenn wir wieder Vertrauen und Glauben haben und die Gottesseite des Lebens wieder recht klar sehen. Aber es ist nicht genug. Es ist etwas ganz Großes, wenn die Gottesseite auf der Menschenseite so recht durchschlägt und zum Vorschein kommt und unser Leben von allem Kleinen, Schmutzigen so recht gereinigt und durch und durch geheiligt wird. Aber das ist auch noch nicht genug. Der liebe Gott will uns noch mehr geben. Es sind eben Kriegsvölker und hohe Mauern da und stehen drohend vor uns in unserem Leben, Gewalten und Hindernisse, an denen scheinbar unser Glaube und unser redlichstes Bemühen nichts ändern. Denkt jetzt einmal so an die Tatsache, daß alle Menschen, auch die frömmsten und brävsten, so ganz natürlich immer zuerst an sich denken, und wie ungeheuer schwer es sein müßte, daß wir davon loskämen. Denkt an die Tatsache, daß wir Menschen alle so stolz sind, es so furchtbar schwer haben, einander etwas wirklich zu verzeihen. Denkt an die Tatsache, daß wir alle so schrecklich schnell den Mut verlieren, oft im Voraus schon, und daß wir alle fast nicht dazu zu bringen sind, einmal einfach getrost zu leben wie etwa so ein Zweijähriges. Denkt an die Tatsache, daß wir alle, die Braven und die Bösen, die Frommen und die weniger Frommen, ein Raubtierlein in uns haben, das ums Leben gern beißt und kratzt, angreift und sich wehrt. Es gibt noch mehr solcher Tatsachen. Das sind Tatsachen, die mit den besonderen Fehlern, die dann ein jedes noch für sich hat, gar nichts zu tun haben; so sind wir zunächst einfach alle, und alles Putzen und Ordnungmachen, das Gott an uns übt, scheint daran wenig oder nichts zu ändern. Diese Tatsachen des Menschenlebens zusammengenommen, das ist die «Welt». Und wenn man diese Tatsachen ansieht, dann kann man <pb xml:id="p463" ed="pga"/> wohl der Meinung sein: die Welt wird doch nie anders. Da bleiben eben die Gottesseite und die Menschenseite ewig auseinander. Ja, dann wäre wirklich das Leben im Grunde etwas Trostloses, und alles Glauben und Putzen hätte eigentlich wenig Wert. Denn aus diesem finsteren Grunde muß doch immer neu die Angst und das Mißtrauen und der Geiz und das Wüste und Leid und Tränen emporsteigen, und was hilft es dann, wenn Gott auch immer wieder unsere Leuchte leuchten läßt und unsere Finsternis licht macht? Meinst du? Ja, wenn es wahr wäre. Es ist aber eben nicht wahr. Mit Gott wird eben das Unmögliche möglich. Mit Gott wird das Kriegsvolk des Bösen da in der Menschennatur und Weltnatur zerschlagen. Mit Gott wird über die Mauer gesprungen. Dafür haben wir Jesus Christus und seine Botschaft und sein Kreuz. Das ist die große Erfahrung, die uns hier geradeso gut glauben und siegen hilft wie dort. Ja, wir verstehen den lieben Gott erst recht, meine Freunde, wenn wir verstehen, daß er gerade das will und kann, das Unmögliche möglich machen, der Welt, nicht nur unserer Angst und unseren Fehlern, nein, der Welt, nämlich dieser bösen Welt den Todesstoß geben, damit seine neue, andere Welt leben kann. Die Gottesseite im Leben soll nicht nur so durchscheinen, sondern sie soll zuletzt allein da sein. Ja, sie ist schon jetzt allein da, wenn wir glauben. Von Jesus her geht ein Geist durch die Welt, der führt die Gottesseite zum vollen Sieg. Was braucht’s? Es braucht nur, daß wir besser mit Gott gehen, mit mehr Respekt Gott folgen, wenn er uns auch da vorwärts gehen heißt, mit mehr Inbrunst ihn anrufen, daß er uns auch da helfe, mit mehr Willigkeit uns treiben lassen, wenn seine Lichter und Kräfte kommen und uns der ganzen neuen Welt engegentragen, wenn er uns verheißt: siehe, ich mache Alles neu! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]. Das braucht’s. Und so sind wir mit Gott dran.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lied:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-36" type="song">Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von <persName ref="kbga-actors-1356">I. Franz</persName>, Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 7-9 (= GERS [1952] 59,1-3 und 6-8 mit 
              Textabweichungen; EG 331,1-3 und 9-11)</bibl>
          <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0025">Nr. 25</ref>: «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz, Strophen 1-3 und
(nach der Predigt) 7-9 (<bibl><title level="m">GERS [1952]</title> 59, 1-3 und 6-8 mit Textabweichungen</bibl>;
<bibl><title level="m">EG</title> 331, 1-3 und 9-11</bibl>)</item>-->
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</TEI>
