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15. Oktober 1915, aus Bern Lieber Freund!
Ich habe dir auf deinen freundlichen Gratulationsbrief lange nicht geantwortet. Ich bin nämlich seit 8 Tagen mit Fränzeli in Bern bis nächsten Donnerstag zum Ferienmachen. Es ist schön, daß du Pate sein willst; der kleine Markus wächst munter heran in Safenwil, und auch Nelly geht es so gut, daß sie bald wieder aufstehen darf. Ihre Schwester ist bei ihr. Die Blumen von deiner lieben Braut haben ihr große Freude gemacht.
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Unterdessen erlebe ich hier wieder einmal Bern. Am Sonntag hörte ich Schädelin und machte am Montag einen großen Spaziergang mit ihm, auf dem wir uns gut verstanden. Nur zu gut, denn das Ende war, daß ich mich von ihm kaufen ließ, übermorgen für ihn zu predigen im Münster!! Eine schlichte Safenwilerpredigt zwar nur, aber immerhin … Ich war auch 2 Tage in Laupen und habe mich diesmal mit Peter und Lenchen recht gut verstanden. Man muß mit Peters helvetischen Allüren wohl etwas mehr Geduld haben, als wir es hatten. Es ist nicht so schlimm gemeint, und er will eigentlich etwas Anderes. In seiner Umgebung vertritt er stark unsre Seite, wahrscheinlich kehrt er nur gegen unsern Nihilismus seine helvetischen Wichtigkeiten so hervor. Man muß ihn machen und werden lassen und ihm möglichst viel zutrauen, damit hilft man ihm am besten. Auch Lenchen fand ich diesmal recht aufgeschlossen. […]
Dein «Glocken»-Artikel wurde überall mit Interesse gelesen. Aber mit dem Schluß ist niemand recht einverstanden. Schädelin findet ihn einfach zu glatt, zu pfarrhausaufdemlandmäßig sicher, er warnt dich vor dem «erdrückenden» Einfluß Kutters, in dessen Feuer doch auch viel Pech und Harz mitbrenne. […] Gestern war ich mit Fränzeli bei Frl. v. Mülinen und Mme. Pieczinska und wurde für den bewußten Vortrag über das Gewerkschaftswesen so breitgeschlagen, daß ich zuletzt annehmen mußte. Erst am 18. März. Doch werde ich daraufhin diesen Winter wieder allerlei treiben müssen, was «es» nicht ist. Mme. Pieczinska begrüßte in Fränzeli das neue Geschlecht und die reine Kind- und Torheit inmitten der Kriegsgreuel. […]
Herzlichen Gruß!