4. April 1915

Predigt: 1 Korinther 15,25-26 (Ostern)

151
268
Ostern
1.Korinther 15,25–26
Christus muß aber herrschen, bis daß er alle seine Feinde unter seine Füße lege. Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod.
Liebe Gemeinde!

Das ist nicht wahr, daß die Traurigkeit und Unzufriedenheit etwas sei, was zum Leben gehöre und nicht anders sein könne. O ja, dunkle Erfahrungen müssen wir machen und dunkle Gedanken können uns dann wohl allen kommen, aber daß es dann finster werden müsse in unserer Seele und trüb unsere Augen und freudlos unser Leben, das steht nirgends geschrieben, das meinen wir nur. Christus hat die Traurigkeit aufgehoben, zuerst in ihm selber, dann bei Anderen, bei unzähligen Menschen, bei Allen, die seine Stimme hören. Auch deine Traurigkeit ist aufgehoben durch ihn. Er sagt dir nicht: Sei nicht traurig! — das würde dir ja gar nichts helfen, aber er zeigt dir den lebendigen Gott1 als die |152 eigentliche Macht in deinem Leben. Und diese Macht verwandelt jeden noch so schweren Anlaß deines Leides in einen Grund des Friedens und der Freude. Diese Macht kann gar keine Finsternis schaffen oder zulassen, sie wirkt lauter Licht. Groll und Verzweiflung kommen aus dir selbst, nicht von Gott. Warum willst du nicht Gott in dir walten lassen, du traurige Seele, von dem du lauter Kraft und Seligkeit haben kannst? So herrscht Christus über seinen Feind, die Traurigkeit, und legt ihn sich unter die Füße. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden! [Mt. 5,4]. Selig! Das ist die Wahrheit!

Und auch das ist nicht wahr, daß gewisse Fehler und Schwächen notwendig zum Menschen gehörten und daß man sich mit einer gewissen Unvollkommenheit des Menschenwesens abfinden müsse. Und diese Unvollkommenheit heißt dann Unfriede, Geiz, Lotterhaftigkeit, Prahlerei, Rücksichtslosigkeit, wehleidige Weichlichkeit und was noch alles. O, das meinen wir nur, daß das so sein müsse. Oder hat nicht Christus diesen Feind, die Sünde, aufgehoben? Wie denn? Etwa damit, daß er gesagt hat: ihr müßt brav sein! ihr sollt dieses tun und jenes lassen? Nein, sondern ganz einfach damit, daß er uns den guten Gott zeigt und uns verhilft zu der Entdeckung, daß er unser Vater ist und wir seine Kinder, d.h. daß wir zu ihm gehören. Gehören wir aber zu ihm und sind sein, lebt sein Sinn und sein Wort in uns, was haben wir dann für Gemeinschaft mit der Torheit, mit der Schwäche, mit der Lüge, mit dem Unrecht, mit all dem Plunder von Verkehrtheiten, mit denen wir uns selbst und Anderen das Leben vergällen? Das alles gehört ja gar nicht zu Gott, darum gehört es auch nicht zu uns, geht uns nichts an, wir müssen eben gerade nicht so sein. Warum machen wir denn soviel Umstände, wir armen, plunder- und sündenbeladenen Leute? Warum plappern wir, daß eben jeder Mensch seine Fehler habe? Christus herrscht, herrscht über das Böse. Auch über dein und mein Böses. Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit! [Mt. 5,6]. Selig! Das ist die Wahrheit!

Und wieder ist’s nicht wahr, daß Elend und Unrecht notwendig zum Leben und zur Welt gehören. Immer haben die Armen es bös gehabt. Immer haben die Großen in der Welt die Kleinen geplagt und aufgefres|153sen. Immer sind die Leidenschaften dagewesen und haben die Menschen an Geist und Körper ruiniert. Immer hat es Gegensätze gegeben und darum Kampf und Unrecht und Krieg. Und darum wird’s immer so sein. O, das ist ja gar nicht so, das meinen wir nur. Das alles muß so sein, weil Schuld auf den Menschen liegt, und das ist die Schuld, daß wir uns vom lebendigen Gott, von der Lebensquelle, abgewandt haben. Aus dieser Abwendung müssen ja Elend und Unrecht, Krieg und alle traurigen menschlichen Verhältnisse hervorgehen. Aber Christus hat ja doch die Schuld überwunden, aufgehoben diese Entfernung zwischen Gott und uns, zwischen der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit und uns Menschen, die wir die Welt und ihre Verhältnisse machen. Er hat uns den Vater gezeigt, der eine neue Welt schafft, in der er uns zu anderen Menschen macht. Er hat uns vorgebetet: Dein Reich komme zu uns! [Mt. 6,10] und hat uns damit hineingerissen in die große Lebensbewegung, durch die unsere Schuld und alle ihre Folgen hinweggefegt werden. Er hat, ans Kreuz genagelt, die menschliche Schuld auf sich genommen, schmerzlichst an sich erfahren und damit zugleich besiegt durch seinen Gehorsam und seine Liebe, die größer waren als alle menschliche Schuld; sein reines Herz hat es im Sterben gewonnen über die böse Welt. Und jetzt brauchen wir, in seiner Nachfolge, auch keine Angst mehr zu haben vor dieser bösen Welt. Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! [Mt. 5,8]. Selig! Wiederum ist das die Wahrheit!

Aber der Tod? Haben wir ihm auch ein solches bestimmtes: Es ist nicht wahr! entgegenzustellen? Groß ist die Gewalt des Todes und das Unheil, das er anrichtet. Er zerreißt die Bande der innigsten Liebe und Gemeinschaft unter den Menschen. Er stört und unterbricht ihre Arbeit, auch ihre Arbeit für Gottes Reich, indem er hier einen, dort einen herausnimmt, wahllos auch die Besten und die am nötigsten wären. Er stellt das Leben des Menschen still mitten in seiner Entwicklung, wenn er kaum erst angefangen hat, wirklich zu leben, reif zu sein für Gott. Er macht aus allem menschlichen Leben etwas Unvollkommenes, Unvollendetes; die abgebrochene Säule ist sein sprechendes Bild2, er ist ebenso |154 sinnlos wie sie. Er breitet einen grauen Schatten von Vergänglichkeit und Hinfälligkeit aus über das Menschenwesen, lange bevor er da ist: Lohnt es sich denn, sich Mühe zu geben und nachzudenken, lohnt es sich, zu glauben, zu lieben, zu hoffen, wo man doch nach kürzerer oder längerer Zeit von Allem fort muß? Der Tod hat Unzähligen den Mut, die Freude, die Kraft zum Leben genommen, lange bevor er wirklich die Hand nach ihnen ausstreckte. Er hat seine Hand auch an Christus gelegt, hat das Leben ausgelöscht, in dem noch so unsagbare Schätze schlummerten, hat die Augen geschlossen, aus denen noch so viel Klarheit und Liebe hätte leuchten können, hat den Mund versiegelt, der Worte des ewigen Lebens redete [vgl. Joh. 6,68]. So groß ist die Gewalt des Todes. O wenn wir da auch sagen könnten: es ist nicht wahr!, wie von der Traurigkeit, der Sünde, von der Schuld der Menschen! Aber ist der Tod nicht etwas ganz Anderes? Etwas, das nicht überwunden werden kann? Etwas, das wir hinnehmen müssen?

Nicht wahr, ihr habt alle schon mit Menschen geredet, die ihren Mund weit auftaten und euch sagten: wenn wir einmal gestorben sind, dann ist’s aus mit uns. Es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie dies stirbt, so stirbt er auch. Es fährt Alles an einen Ort, es ist Alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub [Pred. 3,19f.]. Und wie der Baum fällt, so liegt er [vgl. Pred. 11,3]. Das ist nicht etwa eine neumodische Meinung. Leute, die so geredet haben, hat es zu allen Zeiten gegeben. Die Worte, in die ich diese Meinung soeben gekleidet habe, stammen aus der Bibel, aus dem Alten Testament sogar, und sind mehr als zweitausend Jahre alt. Wir wollen uns nicht wundern darüber, wenn noch immer so geredet wird. Das hat seine guten Gründe. Aber etwas lernen können wir von Menschen, die so reden, etwas, was uns dann eigentlich sofort dazu verhilft, zu merken, wie unrecht sie haben. Fragt einen solchen Redner, ob er auch glaube an eine Überwindung der Traurigkeit, des Bösen, des Elends und Unrechts in der Welt, ob er etwas wisse, das Meister werde über diese Tyrannen und Feinde des Menschengeschlechts? Was gilt’s, er wird die Achsel zucken und euch sagen: Ich weiß nicht! Vielleicht! Ich habe noch nicht darüber nachgedacht! Ich merke nicht viel davon! Es wird wohl Alles so sein müssen! Armer Mensch, es fehlt dir also nicht nur daran, daß du an den Tod glaubst und keinen Rat und keine Rettung gegen ihn weißt. Du mußt auch an die Finsternis glauben, an die Torheit der Menschen, an das |155 Unrecht und an die Lüge, an den Teufel, wenngleich du ihn wahrscheinlich nicht so nennst. Daß du an den Tod glaubst und daß es mit dem Tode aus sei, wie du sagst, das ist nur ein Anzeichen dafür, daß du überhaupt keine Hoffnung hast gegenüber all dem, von dem die Menschen plaudern: es muß so sein! Offenbar kann man gar nicht allein reden über die Frage: Glaube an den Tod! oder Glaube an ein ewiges Leben!, sondern sofort wird die Frage viel größer und tiefer: Glaube an jene Feinde der Menschheit und an ihre Notwendigkeit und Unüberwindlichkeit! oder Glaube an den lebendigen Gott! Und der Tod ist dann schwerlich so etwas ganz Anderes als jene anderen Feinde. Er gehört zu ihnen, er steht mit ihnen in der gleichen Reihe, als das letzte Stück gleichsam. Der letzte Feind ist der Tod!, wie Paulus sagt.

Wir erfahren das übrigens noch besser an uns selber, nicht nur an den sogenannten Zweiflern und Ungläubigen. Angst, Zweifel und Unsicherheit dem Tod gegenüber, Lebensüberdruß und Verzweiflung, Mutlosigkeit gegenüber unserer Schwachheit, Hoffnungslosigkeit gegenüber den Leiden und Ungerechtigkeiten der Menschheit, das gehört eng zueinander, das bildet unter sich einen festen Zusammenhang in unserem Leben. Wenn das Eine da ist, dann werden auch immer die Anderen nicht lange ausbleiben. Und das ist kein Zufall, sondern das muß so sein. Oder ist nicht die tiefste aller Traurigkeiten die Traurigkeit darüber, daß wir so schnell dahin müssen, als flögen wir davon [vgl. Ps. 90,7.10]? Ist nicht das Ende all unserer Verkehrtheiten die Weisheit: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot! [1.Kor. 15,32]? Liegt nicht die Kraft alles Elends und Unrechts in der Welt darin, daß der Tod über die Menschheit regiert und uns den Mut und die Freude nimmt, an Wahrheit und Gerechtigkeit zu glauben? O, der Tod mit seinem Schrecken, mit der lähmenden Unsicherheit, die er über uns bringt, mit seinem furchtbaren Urteil: Nun ist alles aus! ist nicht ein zufälliges Übel neben allerlei anderen, sondern der Tod ist der Sünde Sold [Röm. 6,23], der Traurigkeit und der Ungerechtigkeit Sold, ihr Ende und Ertrag gleichsam. In dem einen Feind, dem letzten, triumphieren alle Feinde der Menschheit. Und wie Sünde, Traurigkeit und Ungerechtigkeit da sein müssen, wo Gott, der lebendige Gott [nicht ist], so muß der Tod sein Szepter schwingen über eine Welt, über Menschen, die es ohne den lebendigen Gott machen wollen. Ganz recht fassen sie ihn auf, wenn sie sagen: es ist Alles aus, es ist Alles umsonst, es gibt nichts |156 weiter! Das Leben ohne Gott endigt im Tod, in der Nichtigkeit, in der Zerstörung, in der Sinnlosigkeit. Laß die sogenannten Ungläubigen nur reden, laß den Unglauben in dir selber nur reden: sie haben ganz recht! Man muß an den Tod glauben, es ist Alles aus, wo Gott nicht ist.

Aber das alles wollen wir ja nur hören, um zu merken und zu lernen, daß der Tod nichts Anderes [ist] als alle anderen Fürsten und Mächte im Leben. Er ist eine Folge, die letzte Folge unserer Gottesfremdheit. Und da sollten wir nun nichts wissen, was stärker und größer ist als der Tod? Laßt sehen, was verkündigt uns der heutige Tag? Ostern heißt er, und an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten erinnert er uns. Was ist denn da geschehen? Da hat zum ersten Mal das Leben triumphiert über den Tod. Oder wenn wir es genauer sagen wollen: Da haben zum ersten Mal Menschen die klare, bestimmte, unumstößliche Erfahrung gemacht, daß das Leben, das Leben aus Gott den Tod überwindet. Diese Menschen waren die Jünger Jesu. Ihnen ist ihr Meister Jesus Christus, der gekreuzigt, gestorben und begraben war, am dritten Tag erschienen als der Lebendige. Der Tod hatte keine Gewalt über Jesus. Die Menschen hatten ihn angeklagt, verurteilt, hingerichtet. Sie hatten es ihm gemacht, wie sie es eben machen, wenn ihnen einer ihresgleichen im Wege ist, sie hatten zueinander gesagt: Hinweg mit ihm! [Lk. 23,18]. Sie gedachten ihn der Zerstörung, der Nichtigkeit, der Sinnlosigkeit, dem ganzen Fluch des Todes zu überliefern. Sie dachten: tot ist tot! wenn er gestorben ist, so lebt er nicht mehr! und wenn sein Herz aufgehört hat zu schlagen, so ist er nicht mehr. Sie hatten ganz recht. In der Welt ohne Gott ist es so. Sie begingen nur den einzigen Fehler, daß sie trotz ihrer Frömmigkeit nicht mit Gott rechneten. Sie nahmen es als selbstverständlich an, daß der Tod Jesus überwinden werde. Auch die Jünger Jesu dachten nicht anders, trotzdem sie Jesus kannten und liebten. Von der Wirklichkeit des lebendigen Gottes wußten sie auch noch nicht. Sie fürchteten den Tod und hielten ihn für die größere Macht als das, was ihnen in Jesus erschienen war. Sie wußten eben alle noch nicht, wer der war, den sie ans Kreuz geschlagen.

Und nun war das alles, was geschehen war und was sie gedacht hatten, auf einmal wie ein Schattenspiel, wie ein Gespensterspuk, der vergeht, sobald die erste Morgenröte kommt. Ja, getötet hatten sie ihn, begraben war er. Aber war denn das der Tod: das Ende seines Lebens, der Abbruch seines Wirkens, die Zerreißung der Liebesbande, die er gewo|157ben? War die Wahrheit tot, die Gott in seiner Person hineingestellt in die Welt, die Bewegung erlahmt, die durch ihn entstanden, der Geist gelöscht, der aus ihm redete? Gerade das, was seine Feinde mit seinem Tod wollten, was seine Freunde dabei fürchteten — gerade das war ja doch eben einfach nicht möglich. Sieh, da war er wieder, wie wenn er nie von ihnen gegangen wäre: redete mit ihnen, mahnte sie und erheiterte sie, ging mit ihnen über Land, war mit ihnen am See, aß und trank mit ihnen, und sie konnten ihm nur immer zuhören, sich an ihm freuen, vor ihm niederfallen und ihn anbeten: mein Herr und mein Gott! [Joh. 20,28]. Ja, darin war jetzt keine Überschwenglichkeit und Übertreibung. Er hatte ihnen ja Gott gezeigt und seine Welt, diese Welt der Wahrheit und der Liebe und der Freude, er war ja doch Gottes Sohn und Gesandter gewesen. Da konnten sie doch gar nicht mehr denken an den Abschied in Gethsemane, an die lange, furchtbare Qual auf Golgatha, an den bangen letzten Seufzer, der ihnen zuerst zu sagen schien: nun ist’s aus!, wie die Feinde frohlockten: nun ist’s aus! Das alles war ja doch gar nicht wahr. Klar und herrlich stand er vor ihnen, Freude weckte er in ihren Seelen, Friede wurde es in ihren aufgeregten Sinnen, dankbar sahen sie zu ihm empor, und willig bereiteten sie sich, nun erst recht, seinem Rufe Gehorsam zu leisten. So gewann es die Welt Gottes, in der Christus lebte, über die Welt ohne Gott, gewann es das Leben über den Tod, die Wahrheit über den Schein. Gott sagte zu ihnen in Christus: der Tod ist nicht!

Und, meine Freunde, das ist’s, was Christus nun auch uns sagt. Er sagt es uns nicht mit Worten. Er sagt es uns auch nicht etwa damit, daß er uns auffordert, an die Geschichten von seiner Auferstehung im Neuen Testament zu glauben. O, das wäre eine Ungewisse Gewißheit gegenüber einer so gewaltigen Macht wie dem Tod. Und niemand, dem diese Geschichten vielleicht Verständnisschwierigkeiten machen, soll darum denken, der Osterglaube sei nichts für ihn. O nein, durch die Tat sagt uns Christus: der Tod ist nicht! Er zeigt uns, wer Gott ist, er eröffnet uns Gottes Welt und führt uns mit fester Hand hinein. Er läßt vor unseren Augen die Sonne aufgehen. Er schenkt uns sein eigenes wunderbares Leben. Er macht uns zu anderen Menschen. Hinter uns, unter uns liegen geschlagen und gefesselt die alten Feinde: Traurigkeit, Sünde, Unrecht! Und jetzt fragt er uns: was soll euch nun der Tod? Was hat das für euch zu sagen, wenn ihr früher oder später einmal gehen müßt |158 den Weg, auf dem Keiner mehr zurückkommt, wenn ihr von euren Lieben und Liebsten Abschied nehmen müßt, heute von diesem, morgen von jenem, wenn über dem ganzen Menschengeschlecht die Ordnung waltet, daß es uns gesetzt ist, einmal zu sterben [vgl. Hebr. 9,27]? Natürlich müssen wir sterben, das gehört zu unserem natürlichen Dasein wie Essen und Trinken und Schlafen, wie Frühling und Herbst, wie Tag und Nacht. Aber der Tod? Das Ende, die Vernichtung, die Sinnlosigkeit? Der Tod als Feind, vor dem man die Waffen strecken müßte? Vor dem man gestehen müßte: nun ist’s aus?! Das gilt nur, wo Gott nicht ist.

In der Welt Gottes ist das Sterben ein selbstverständliches Naturereignis, durch das das Leben, das wahrhaftige Leben gar nicht berührt wird. Was Gott dir geschenkt und in dir geschaffen hat, das ist und bleibt, das kann nicht sterben. Was du erlebt und getan hast im Vertrauen und Gehorsam gegen Gott, das hast du, und kein Tod kann es dir nehmen. Ihre Werke folgen ihnen nach [Apk. 14,13]. Was du bist, nämlich Gottes liebes Kind, das bist du, und wenn du hundertmal sterben müßtest. Du hast die Stimme Christi gehört, und sie hat dir gesagt: der Vater hat euch lieb! [Joh. 16,273], und damit stehst du gleichsam auf Granitgrund, gegen den der Tod nichts, gar nichts vermag. Der Tod kann auflösen und zerstören, was zeitlich ist — arme Menschen, deren Seele nur aus zeitlichen Meinungen, Wünschen, Begierden, Leidenschaften besteht —, du aber hast ewiges Leben. Was ewig ist, kann der Tod nicht töten, eben weil es ewig ist. Sieh, das ist die Tat Christi, durch die er uns sagt, uns so gut wie Petrus und Johannes: Ich bin auferstanden! Ich lebe! [vgl. Lk. 24,34; 1.Kor. 15,5; Apk. 1,17f.]. Er beweist sich einfach an uns als der Lebendige, redet mit uns, schafft in uns, zieht uns hinein in sein Leben, so stark, bis auch wir auf seinen und unseren und unserer Mitmenschen Tod zurückblicken können als auf den letzten Feind, der aufgehoben ist wie alle anderen. Tod, wo ist dein Stachel? [1.Kor. 15,55]. Wie solltest du uns scheiden können von der Liebe Gottes? [vgl. Röm. 8,35].

Aber wir sind noch nicht zu Ende. Ein überwundener Feind ist kein Feind mehr. Wo der Schrecken aufhört, da fängt die Freude an. Die höllische Gewalt muß, in Fesseln geschlagen, Gott dienen. Die Auferste|159hung Jesu Christi von den Toten zeigt uns nicht nur den ewigen Sieg des Lebens über den Tod, sondern das Andere, Größere: Wie gerade aus dem Tode Leben geboren wird. Es sind auch andere gute und weise Männer mutig und unverzagt gestorben und haben in der Erinnerung ihrer Freunde lange fortgelebt. Aber dabei hat man doch immer auch ihren Tod bedauert und beklagt, und jedenfalls fiel es niemandem ein, zu sagen: durch ihren Tod haben sie Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht [vgl. 2.Tim. 1,10]. Das sagt uns die Osterbotschaft von Jesus. Er lebt nicht, trotzdem er gestorben ist, sondern gerade weil er gestorben ist, gestorben als das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trug [Joh. 1,29], gestorben als der Held Gottes, der bis zuletzt seine Fahne hochhielt4; gerade damit hat er das gewaltigste, eindringlichste Zeugnis abgelegt von Gott, der kein toter, sondern der lebendige Gott ist. Indem er sein Blut vergoß, hat er die neue Gotteswelt hienieden unter den Menschen aufgerichtet, die Gotteswelt, der der Tod nichts anzuhaben vermag. Indem er sein Haupt neigte, seufzte und verschied [vgl. Joh. 19,30], hat er sich bewiesen als das Kind Gottes, das wohl sterben, aber nicht vergehen kann. Und darum hat er sich auch seinen Jüngern trotz dem Kreuz gerade als der Gekreuzigte offenbart als der Lebendige. Den sie wiedersahen und der vor ihnen herging, das war gerade der, dessen Leib gebrochen, dessen Blut vergossen war. Ihr Erlöser und Befreier, das war gerade der geplagte und gemarterte Gottesknecht.5 Jetzt erst, wo er das getan und erlitten, sahen sie die Gotteswelt offen. Und sie haben fortan von seinem Tod nie mit Schrecken geredet, nie mit Bedauern, nie mit Klagen, sondern immer nur mit großer Dankbarkeit und Freude. Die Erinnerung an das, was auf Golgatha geschehen, wurde ihnen zu einem beständigen Siegesfest. Da gerade, in |160 diesem zerschlagenen, toten Menschen am Kreuz, war ihnen das Leben offenbar und geschenkt worden, das sie des Todes spotten ließ.

Und nun dürfen wir uns auch darin fröhlich neben Petrus und Johannes und all die Anderen stellen. Die Osterbotschaft sagt uns nicht nur, daß wir keine Angst haben müssen vor dem Sterben, weil Gott größer ist als der Tod — sie sagt uns: freut euch darauf! Im Sterben verborgen schlummert ein neues, vollendeteres Leben. Was wir davon jetzt schon haben, das verheißt es uns ganz bestimmt: Sterben heißt nicht Enden, sondern gerade Anfangen. Anfangen mit dem vollkommenen Leben in Gott, das hier begonnen in uns zu wachsen. Eins sein mit Gott ohne die Schwachheiten und Torheiten und Verführungen dieses Lebens. Eins sein mit Gott, wie Christus es war, als er sagen konnte: es ist vollbracht [Joh. 19,30]. Das Arbeitsgerät niederlegen, das der Vater uns anvertraut, und bei ihm ausruhen als sein liebes Kind. Wir können es uns ja unmöglich ausmalen und wollen es nicht tun, was das heißt, ganz bei Gott sein!, aber das ist doch sicher, daß wir nach dem, was wir jetzt schon an Gott haben, nur noch Größeres erwarten und uns darauf freuen dürfen. Und zu diesem noch Größeren führt uns der Tod. Sollten wir uns nicht freuen auf den Tod, auf diesen gebändigten Feind der Menschheit, der uns jetzt auch Gutes tun muß? Ja, das sagt uns die Osterbotschaft: Freut euch! Das Leben ist stärker als der Tod. Und der Tod muß nur noch herrlicheres Leben bringen.

Seht, so können wir auch gegen alles Klagen und Seufzen und Zweifeln über den Tod ganz getrost einwenden: das ist ja gar nicht wahr! Selig sind die Toten, die im Herrn sterben von nun an! [Apk. 14,13]. Ja, selig! Das ist wiederum die Wahrheit. Gott behält auch da das letzte Wort und da erst recht. Denkst du: ja, wenn man’s nur glauben könnte! Du mußt’s ja gar nicht glauben. Du brauchst überhaupt nichts zu glauben. Aber du darfst’s leben, das ist viel mehr. Laß dich von Christus hineinziehen in sein Leben, in die schöne Gotteswelt, die die Wahrheit ist. Er hat jetzt in der Passionszeit wieder so ernst und eindringlich mit uns geredet. Er kommt jetzt im Abendmahl6 wieder zu uns mit seiner freundlichen Einladung: Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid! [Mt. 11,28]. Er klopft in dieser ganzen großen, ernsten Kriegszeit |161 so gewaltig an unseres Herzens Tür7. Wohl denen, die ihn hören. Die brauchen dann gar nichts zu glauben, die wissen’s: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 129: «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von L. Lorenzen, Strophen 1.5.7 (= GERS [1952] 1.5; EG 114,1.6; Strophe 7 im GERS [1891] ist ein Kompilation aus den letzten beiden Strophen des Liedes) 🎵
  • Nr. 344: «Jesus, meine Zuversicht» von O. von Schwerin, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 165,1-3; EG 526,1-3) 🎵

Sachfußnoten

1
Die Rede vom «lebendigen Gott» ist ein zentrales Motiv bei Hermann Kutter, vgl. z.B.: Wir Pfarrer, Leipzig 1907, S. 151f. 📖: «Warum predigen wir gegen den Reichtum? Weil er Sünde ist? Nein. Sondern weil er ein Götze ist, der dem lebendigen Gott im Wege steht. Warum rufen wir die Armen zum Himmelreich? Weil Armut Tugend ist? Nein. Sondern weil der lebendige Gott mit ihnen sein Reich baut. Warum können wir mit der bloßen Moral nichts mehr anfangen? … weil sie den Gegensatz zwischen Mammonsreich und Gottesreich zugunsten doktrinärer Sätze verwischt und es noch nie vermocht hat, den lebendigen Gott zum Elemente menschlichen Daseins zu machen. Warum, meine Freunde, wird unsere Predigt entschieden, furchtos, gefährlich? Weil wir so bedeutende Pfarrer geworden sind? Nein, nein! Sondern weil wir den lebendigen Gott in unser Bekenntnis aufgenommen, in unsere Herzen eingeschrieben haben.»↩
2
Die abgebrochene Säule auf dem Friedhof ist ein beliebtes Symbol in der klassizistischen Kunst; vgl. z.B. M. Lemberg / G. Oberlik, Sprechende Steine. Grabmalkunst zwischen Renaissance und Romantik im Marburger Raum, Marburg 1987, S. 58f. 📖↩
3
Dies war der Text der Konfirmationspredigt, s. oben S. 142.↩
4
Vgl. Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, hrsg. vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Bd. VI, München 1973, Sp. 1152 s. v. 📖 «Fahne»: «Christus ist in hochm[ittel]a[lterlichen] Bildern bei den mit der Auferstehung verbundenen Szenen mit F[ahne] geschildert … Voraus geht solchen Bildern die Schilderung Christi mit dem Kreuzstab … Hält Christus die F[ahne], so hat diese vom 12. bis zum letzten Viertel des 14. Jh. regelmäßig militärischen Zuschnitt, von da an die Form der Kirchen-F[ahne]. — Dasselbe gilt für die vom Lamm Gottes gehaltene F[ahne].»↩
5
Vgl. die Predigtreihe über das Gottesknechtslied Jes. 52,13-53,12 oben S. 79–141.↩
6
Die am Karfreitag konfirmierten Jugendlichen nahmen erstmals am Abendmahl teil.↩
7
Aus Strophe 3 des Liedes «Ich habe nun den Grund gefunden» von J. A. Rothe (Nr. 229, GERS [1952] 262; EG 354) 🎵:
Deswegen klopft er für und für
So stark an unsere Herzens Tür.
↩