Predigt: 1 Korinther 15,25-26 (Ostern)
Das ist nicht wahr, daß die Traurigkeit und Unzufriedenheit etwas sei, was zum Leben gehöre und nicht anders sein könne. O ja, dunkle Erfahrungen müssen wir machen und dunkle Gedanken können uns dann wohl allen kommen, aber daß es dann finster werden müsse in unserer Seele und trüb unsere Augen und freudlos unser Leben, das steht nirgends geschrieben, das meinen wir nur. Christus hat die Traurigkeit aufgehoben, zuerst in ihm selber, dann bei Anderen, bei unzähligen Menschen, bei Allen, die seine Stimme hören. Auch deine Traurigkeit ist aufgehoben durch ihn. Er sagt dir nicht: Sei nicht traurig! — das würde dir ja gar nichts helfen, aber er zeigt dir den lebendigen Gott1 als die |152 eigentliche Macht in deinem Leben. Und diese Macht verwandelt jeden noch so schweren Anlaß deines Leides in einen Grund des Friedens und der Freude. Diese Macht kann gar keine Finsternis schaffen oder zulassen, sie wirkt lauter Licht. Groll und Verzweiflung kommen aus dir selbst, nicht von Gott. Warum willst du nicht Gott in dir walten lassen, du traurige Seele, von dem du lauter Kraft und Seligkeit haben kannst? So herrscht Christus über seinen Feind, die Traurigkeit, und legt ihn sich unter die Füße. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden! [
Und auch das ist nicht wahr, daß gewisse Fehler und Schwächen notwendig zum Menschen gehörten und daß man sich mit einer gewissen Unvollkommenheit des Menschenwesens abfinden müsse. Und diese Unvollkommenheit heißt dann Unfriede, Geiz, Lotterhaftigkeit, Prahlerei, Rücksichtslosigkeit, wehleidige Weichlichkeit und was noch alles. O, das meinen wir nur, daß das so sein müsse. Oder hat nicht Christus diesen Feind, die Sünde, aufgehoben? Wie denn? Etwa damit, daß er gesagt hat: ihr müßt brav sein! ihr sollt dieses tun und jenes lassen? Nein, sondern ganz einfach damit, daß er uns den guten Gott zeigt und uns verhilft zu der Entdeckung, daß er unser Vater ist und wir seine Kinder, d.h. daß wir zu ihm gehören. Gehören wir aber zu ihm und sind sein, lebt sein Sinn und sein Wort in uns, was haben wir dann für Gemeinschaft mit der Torheit, mit der Schwäche, mit der Lüge, mit dem Unrecht, mit all dem Plunder von Verkehrtheiten, mit denen wir uns selbst und Anderen das Leben vergällen? Das alles gehört ja gar nicht zu Gott, darum gehört es auch nicht zu uns, geht uns nichts an, wir müssen eben gerade nicht so sein. Warum machen wir denn soviel Umstände, wir armen, plunder- und sündenbeladenen Leute? Warum plappern wir, daß eben jeder Mensch seine Fehler habe? Christus herrscht, herrscht über das Böse. Auch über dein und mein Böses. Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit! [
Und wieder ist’s nicht wahr, daß Elend und Unrecht notwendig zum Leben und zur Welt gehören. Immer haben die Armen es bös gehabt. Immer haben die Großen in der Welt die Kleinen geplagt und aufgefres|153sen. Immer sind die Leidenschaften dagewesen und haben die Menschen an Geist und Körper ruiniert. Immer hat es Gegensätze gegeben und darum Kampf und Unrecht und Krieg. Und darum wird’s immer so sein. O, das ist ja gar nicht so, das meinen wir nur. Das alles muß so sein, weil Schuld auf den Menschen liegt, und das ist die Schuld, daß wir uns vom lebendigen Gott, von der Lebensquelle, abgewandt haben. Aus dieser Abwendung müssen ja Elend und Unrecht, Krieg und alle traurigen menschlichen Verhältnisse hervorgehen. Aber Christus hat ja doch die Schuld überwunden, aufgehoben diese Entfernung zwischen Gott und uns, zwischen der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit und uns Menschen, die wir die Welt und ihre Verhältnisse machen. Er hat uns den Vater gezeigt, der eine neue Welt schafft, in der er uns zu anderen Menschen macht. Er hat uns vorgebetet: Dein Reich komme zu uns! [
Aber der Tod? Haben wir ihm auch ein solches bestimmtes: Es ist nicht wahr! entgegenzustellen? Groß ist die Gewalt des Todes und das Unheil, das er anrichtet. Er zerreißt die Bande der innigsten Liebe und Gemeinschaft unter den Menschen. Er stört und unterbricht ihre Arbeit, auch ihre Arbeit für Gottes Reich, indem er hier einen, dort einen herausnimmt, wahllos auch die Besten und die am nötigsten wären. Er stellt das Leben des Menschen still mitten in seiner Entwicklung, wenn er kaum erst angefangen hat, wirklich zu leben, reif zu sein für Gott. Er macht aus allem menschlichen Leben etwas Unvollkommenes, Unvollendetes; die abgebrochene Säule ist sein sprechendes Bild2, er ist ebenso |154 sinnlos wie sie. Er breitet einen grauen Schatten von Vergänglichkeit und Hinfälligkeit aus über das Menschenwesen, lange bevor er da ist: Lohnt es sich denn, sich Mühe zu geben und nachzudenken, lohnt es sich, zu glauben, zu lieben, zu hoffen, wo man doch nach kürzerer oder längerer Zeit von Allem fort muß? Der Tod hat Unzähligen den Mut, die Freude, die Kraft zum Leben genommen, lange bevor er wirklich die Hand nach ihnen ausstreckte. Er hat seine Hand auch an Christus gelegt, hat das Leben ausgelöscht, in dem noch so unsagbare Schätze schlummerten, hat die Augen geschlossen, aus denen noch so viel Klarheit und Liebe hätte leuchten können, hat den Mund versiegelt, der Worte des ewigen Lebens redete [vgl.
Nicht wahr, ihr habt alle schon mit Menschen geredet, die ihren Mund weit auftaten und euch sagten: wenn wir einmal gestorben sind, dann ist’s aus mit uns. Es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie dies stirbt, so stirbt er auch. Es fährt Alles an einen Ort, es ist Alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub [
Wir erfahren das übrigens noch besser an uns selber, nicht nur an den sogenannten Zweiflern und Ungläubigen. Angst, Zweifel und Unsicherheit dem Tod gegenüber, Lebensüberdruß und Verzweiflung, Mutlosigkeit gegenüber unserer Schwachheit, Hoffnungslosigkeit gegenüber den Leiden und Ungerechtigkeiten der Menschheit, das gehört eng zueinander, das bildet unter sich einen festen Zusammenhang in unserem Leben. Wenn das Eine da ist, dann werden auch immer die Anderen nicht lange ausbleiben. Und das ist kein Zufall, sondern das muß so sein. Oder ist nicht die tiefste aller Traurigkeiten die Traurigkeit darüber, daß wir so schnell dahin müssen, als flögen wir davon [vgl.
Aber das alles wollen wir ja nur hören, um zu merken und zu lernen, daß der Tod nichts Anderes [ist] als alle anderen Fürsten und Mächte im Leben. Er ist eine Folge, die letzte Folge unserer Gottesfremdheit. Und da sollten wir nun nichts wissen, was stärker und größer ist als der Tod? Laßt sehen, was verkündigt uns der heutige Tag? Ostern heißt er, und an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten erinnert er uns. Was ist denn da geschehen? Da hat zum ersten Mal das Leben triumphiert über den Tod. Oder wenn wir es genauer sagen wollen: Da haben zum ersten Mal Menschen die klare, bestimmte, unumstößliche Erfahrung gemacht, daß das Leben, das Leben aus Gott den Tod überwindet. Diese Menschen waren die Jünger Jesu. Ihnen ist ihr Meister Jesus Christus, der gekreuzigt, gestorben und begraben war, am dritten Tag erschienen als der Lebendige. Der Tod hatte keine Gewalt über Jesus. Die Menschen hatten ihn angeklagt, verurteilt, hingerichtet. Sie hatten es ihm gemacht, wie sie es eben machen, wenn ihnen einer ihresgleichen im Wege ist, sie hatten zueinander gesagt: Hinweg mit ihm! [
Und nun war das alles, was geschehen war und was sie gedacht hatten, auf einmal wie ein Schattenspiel, wie ein Gespensterspuk, der vergeht, sobald die erste Morgenröte kommt. Ja, getötet hatten sie ihn, begraben war er. Aber war denn das der Tod: das Ende seines Lebens, der Abbruch seines Wirkens, die Zerreißung der Liebesbande, die er gewo|157ben? War die Wahrheit tot, die Gott in seiner Person hineingestellt in die Welt, die Bewegung erlahmt, die durch ihn entstanden, der Geist gelöscht, der aus ihm redete? Gerade das, was seine Feinde mit seinem Tod wollten, was seine Freunde dabei fürchteten — gerade das war ja doch eben einfach nicht möglich. Sieh, da war er wieder, wie wenn er nie von ihnen gegangen wäre: redete mit ihnen, mahnte sie und erheiterte sie, ging mit ihnen über Land, war mit ihnen am See, aß und trank mit ihnen, und sie konnten ihm nur immer zuhören, sich an ihm freuen, vor ihm niederfallen und ihn anbeten: mein Herr und mein Gott! [
Und, meine Freunde, das ist’s, was Christus nun auch uns sagt. Er sagt es uns nicht mit Worten. Er sagt es uns auch nicht etwa damit, daß er uns auffordert, an die Geschichten von seiner Auferstehung im Neuen Testament zu glauben. O, das wäre eine Ungewisse Gewißheit gegenüber einer so gewaltigen Macht wie dem Tod. Und niemand, dem diese Geschichten vielleicht Verständnisschwierigkeiten machen, soll darum denken, der Osterglaube sei nichts für ihn. O nein, durch die Tat sagt uns Christus: der Tod ist nicht! Er zeigt uns, wer Gott ist, er eröffnet uns Gottes Welt und führt uns mit fester Hand hinein. Er läßt vor unseren Augen die Sonne aufgehen. Er schenkt uns sein eigenes wunderbares Leben. Er macht uns zu anderen Menschen. Hinter uns, unter uns liegen geschlagen und gefesselt die alten Feinde: Traurigkeit, Sünde, Unrecht! Und jetzt fragt er uns: was soll euch nun der Tod? Was hat das für euch zu sagen, wenn ihr früher oder später einmal gehen müßt |158 den Weg, auf dem Keiner mehr zurückkommt, wenn ihr von euren Lieben und Liebsten Abschied nehmen müßt, heute von diesem, morgen von jenem, wenn über dem ganzen Menschengeschlecht die Ordnung waltet, daß es uns gesetzt ist, einmal zu sterben [vgl.
In der Welt Gottes ist das Sterben ein selbstverständliches Naturereignis, durch das das Leben, das wahrhaftige Leben gar nicht berührt wird. Was Gott dir geschenkt und in dir geschaffen hat, das ist und bleibt, das kann nicht sterben. Was du erlebt und getan hast im Vertrauen und Gehorsam gegen Gott, das hast du, und kein Tod kann es dir nehmen. Ihre Werke folgen ihnen nach [
Aber wir sind noch nicht zu Ende. Ein überwundener Feind ist kein Feind mehr. Wo der Schrecken aufhört, da fängt die Freude an. Die höllische Gewalt muß, in Fesseln geschlagen, Gott dienen. Die Auferste|159hung Jesu Christi von den Toten zeigt uns nicht nur den ewigen Sieg des Lebens über den Tod, sondern das Andere, Größere: Wie gerade aus dem Tode Leben geboren wird. Es sind auch andere gute und weise Männer mutig und unverzagt gestorben und haben in der Erinnerung ihrer Freunde lange fortgelebt. Aber dabei hat man doch immer auch ihren Tod bedauert und beklagt, und jedenfalls fiel es niemandem ein, zu sagen: durch ihren Tod haben sie Leben und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht [vgl.
Und nun dürfen wir uns auch darin fröhlich neben
Seht, so können wir auch gegen alles Klagen und Seufzen und Zweifeln über den Tod ganz getrost einwenden: das ist ja gar nicht wahr! Selig sind die Toten, die im Herrn sterben von nun an! [
- Nr. 129: «Wach auf, mein Herz, die Nacht ist hin» von
L. Lorenzen , Strophen 1.5.7 (= GERS [1952] 1.5; EG 114,1.6; Strophe 7 im GERS [1891] ist ein Kompilation aus den letzten beiden Strophen des Liedes) - Nr. 344: «Jesus, meine Zuversicht» von
O. von Schwerin , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 165,1-3; EG 526,1-3)