Predigt: Johannes 16,27 (Konfirmation)
Der Vater hat euch lieb! Um das zu merken und zu verstehen, seid ihr nun zwei Jahre in die Unterweisung gegangen. Wenn ihr von Allem, was wir zusammen gesprochen haben, nur das Eine Sätzlein behalten wollt, so habt ihr genug. Der Vater hat euch lieb. Das ist das ganze Christentum. Wer das weiß, der ist ein Christ, ein Nachfolger Jesu, ein fröhlicher, seliger Mensch und ein guter, tüchtiger Mensch obendrein. So möchte ich euch auch heute, zum Schluß unserer Unterweisung und als Abschiedswort nur das Eine sagen: der Vater hat euch lieb.
Das hat Jesus nicht nur so gesagt, sondern das hat er durch die Tat und durch sein ganzes Leben in die Menschheit gebracht, daß wir das wissen können. Ihn selber hat dies Bewußtsein, daß Gott ihn lieb habe, hinweggeführt aus der Heimat, aus dem Beruf, aus der Familie hinein in sein Heilandsleben voll Sorgen, Entbehrungen und Enttäuschungen. Immer sicherer und klarer wurde es ihm, daß hinter der Welt und dem Menschenleben nicht ein Schicksal, nicht ein böser Tyrann und strenger Schulmeister verborgen sei, sondern eine große, wunderbare Güte. Die ist die Wahrheit des Lebens. Die herrscht über Allem. Die tröstet und heilt und erfreut, die macht stark und löst die Schwierigkeiten, wo sie hinkommt. Diese große Güte, die die Wahrheit ist und von der Alles kommt, nennt er den Vater, den Vater im Himmel, weil sie so unendlich groß und hoch ist wie der Himmel. Und die Menschen nannte er des Vaters Kinder. Weil sie doch eben zu dem großen, verborgenen |143 Freudenquell, der hinter dem Leben und hinter der Welt unsichtbar rauscht, hingehören, wie Kinder zu ihrem Vater gehören. Seines Stammes und Geschlechts sind sie [vgl.
Der Vater hat euch lieb! Wenn wir das hören, dies Allerwahrste und Allersicherste, was es gibt — was fängt dann an? Die Religion? Das Christentum? Das Bravsein? Das Glück? O ja, das alles auch, aber zuerst etwas noch viel Einfacheres und viel Schöneres: das wahrhaftige Leben fängt da an. Jesus hörte das: der Vater hat mich lieb! Und darum hatte er das wahrhaftige, schöne, starke Freudenleben, darum war er eben Gottes lieber Sohn, und die Engel mußten ihm dienen [vgl.
Und endlich ist er gegangen und hat sich von seinen Feinden ans Kreuz schlagen lassen, und wieder war’s die große Gottesliebe in ihm, die ihn dahin geführt hat. Das Böse mußte sich auswirken und austoben in seiner Gewalt und mußte es zuletzt erfahren vor den Augen aller Welt, daß es etwas gibt, was noch größer ist als seine größte Gewalt. Nirgends deutlicher als auf
Und endlich und zuletzt hat uns Jesus auch über den Tod hinaus die ewige Liebe Gottes leuchten lassen, daß uns das Sterben keine Gedanken mehr machen muß, indem sein Tod eigentlich des Todes Ende war, der Anfang eines herrlichen Auferstehungslebens wurde, dessen Wirkungen wir immer noch spüren und immer deutlicher spüren werden. Wir merken es ja doch wahrhaftig, wie Jesus lebt trotz seines Todes, wie er auferstanden ist von den Toten und lebt in Ewigkeit. Das geschah, weil der Vater ihn so lieb hatte und weil er in seinem Leben und Sterben nichts wollte als diese Liebe des Vaters. Und nun kommt er ja und sagt auch uns: der Vater hat euch lieb; sagt uns: ich lebe, und ihr sollt auch leben! [
Sieh, so hat Jesus die Liebe Gottes in die Menschheit und zu dir und mir gebracht. Was tut er eigentlich damit Anderes, als daß er uns sagt, was wir ja im Grunde ganz gut wissen? Er holt heraus, was im Grunde in uns allen ist. Er weckt uns aus einem ganz unnatürlichen Schlaf. Gelt, du weißt, das, was du im Schlaf denkst, was du träumst, das ist nicht das Wahre, das sind bloß Spiegelbilder und Erinnerungen von Wahrem, Grübeleien und Spielereien mit dem Wahren, manchmal böse Schatten aus dem wahren Leben. Du bist schon manchmal froh gewesen, aus solchen dummen, bösen Träumen aufzuwachen. Sieh, Alles, was mit der Liebe Gottes nichts zu tun [hat], alles Dunkle und Traurige, alles |145 Falsche und Schlechte in unserem Leben ist eigentlich nur ein böser Traum, nicht die Wahrheit. Jesus weckt uns auf aus dem bösen Traum und stellt uns hinein in das wahre, wahrhaftige Leben. Das besteht darin, daß wir’s hören: der Vater hat euch lieb!
Liebe Konfirmanden, diese Gottesstimme hört ihr ganz deutlich, wenn ihr jetzt im Frühling, der hoffentlich nicht mehr weit ist, durch den Wald geht oder über die Felder oder wenn ihr des Nachts emporseht zum Sternenhimmel. Nicht wahr, ihr werdet nie zu denen gehören, die das alles sehen und nichts dabei denken oder die denken: nur Bäume, nur der Himmel, nur Vögel, nur die Natur. O dieses «Nur», mit dem uns das Beste verloren geht, das eben hinter den Dingen steht. O ihr müßt lachen über dieses törichte «Nur», das überall nur Sachen sieht und Geräusche hört und nichts von dem Wahrhaftigen, das darin und dahinter ist. Die Freude ist darin und wartet auf dich, daß du kommst und dich auch freust. Sieh, wie das alles funkelt und spiegelt und sich bewegt und singt und klingt! Meinst du, das sei für nichts? Meinst du, das sei «nur» Natur? Nein doch, die Freude wartet im Wald und auf der Heide3, die Freude wartet im kleinen Brüderlein oder Schwesterlein zu Hause, das du bis jetzt noch gar nicht recht gekannt hast, die Freude wartet im Spiel mit den Kameraden, das du bis jetzt noch gar nicht recht verstanden und betrieben hast, wartet in schönen, merkwürdigen Büchern, die dich bis jetzt gar langweilig angesehen haben. Du weißt schon, welche Freude: nicht die Freude, wo man lärmt und Geld ausgibt und dumm und träg und frech wird dabei, das ist ja gar keine Freude, das gehört ja eben zum Traum, aus dem wir aufgewacht sind. Die Freude ist ja gerade das, daß wir etwas merken von der großen verborgenen Güte und Schönheit des Lebens, daß wir die Stimme hören: der Vater hat euch lieb!, daß es uns selber ganz lieb ums Herz wird, daß eine große Freude, eine schöne Klarheit in uns entsteht. O daß wir so lange denken konnten: nur Bäume! nur das Brüderlein! und daß wir so lange springen mochten nach künstlichen, abgeleiteten, törichten Freudlein, stau nach der Freude zu greifen, die man nicht suchen muß, die man einfach hat, die da ist, nach der Freude an Allem, an all dem, |146 was der Vater uns eben über den Weg schickt, um uns zu sagen, wie lieb er uns hat.
Aber schickt er uns denn immer nur Freude?, denkt ihr. Nein, wahrhaftig nicht. Auch den Schmerz. Und der Schmerz ist der Bruder der Freude und gehört auch zum Leben. Seht, wieviel große Menschen herumgehen mit traurigen Gesichtern. Sie haben Leid durchgemacht. Man hat ihnen Unrecht getan. Sie haben viele Sorgen. Sie mühen sich mit schwierigen Fragen. Sie haben etwas auf dem Gewissen. Das ist der Schmerz, der wird auch euch nicht erspart bleiben: Ärger, Verdruß, Enttäuschung, Herzeleid, Zorn, Verzweiflung, das alles wird sich zu Zeiten auch bei euch einstellen. Aber warum sind sie alle so unzufrieden, so verbittert, so versteinert in ihrem Unglück? Das müßte nicht so sein. Warum sieht es auf einmal so finster aus in ihrer Seele? Warum wissen sie auf einmal nichts mehr anzufangen mit dem Leben oder machen aus lauter Schmerz etwas ganz Törichtes, Verkehrtes daraus? O die Armen, sie schlafen noch, sie sind mitten in einem bösen Traum. Das ist nicht das Wahrhaftige, was hinter dem Schmerz verborgen ist. Das Wahrhaftige ist eine große Kraft, die der Vater uns gerade durch den Schmerz geben will. Auch durch den Schmerz sagt er uns, daß er uns lieb hat, das ist nicht anders und wird uns gerade vor dem Kreuze Christi ganz klar. Je schwerer das sein wird, was dir vielleicht widerfährt im Leben, desto lieber hat dich der Vater. Er will dich stark machen. Meinst du, Gott arbeite nicht auch daran, das Dunkle, das Traurige, das Böse zu überwinden? Sieh, nun darfst du sein Mitarbeiter, sein Mitkämpfer sein. Dazu mußt du freilich dein Teil Schmerz tragen. Aber nicht, damit du geplagt seiest, sondern damit du ein recht fester, sicherer, klarer Mensch werdest mit einem sicheren Halt und Grund. Nur nicht träumen, wenn es dir hart ergeht! Nur nicht meinen: o weh, warum ist mir das widerfahren, nur nicht die Hände sinken lassen, nur nicht stillestehen und umkehren auf dem Weg der Kinder Gottes. Nein, fragen den Vater im stillen Gebet: Was willst du, daß damit geschehen soll? Dann wird er dir antworten. Bald wird’s heißen: Wehr dich, das muß nicht sein, das kannst du anders machen! Bald wird’s heißen: schweigen und warten und tragen! Aber immer wirst du dabei Gottes Mitarbeiter sein, immer wirst du dabei gewinnen, stärker und fester werden. Der Vater hat dich lieb! Das ist das wahre, wahrhaftige Leben, das hinter dem Schmerze verborgen ist.
147 Und nun siehst du gar mancherlei Menschen um dich herum, gute und böse, feine und grobe, solche, die du gern hast, und solche, die du nicht leiden kannst. Eine merkwürdige, bunte Gesellschaft, und du bist mitten darunter und mußt mit ihnen leben. Engel hat’s keine dabei, und du bist auch keiner, gelt, das weißt du?! Merkst du’s? Jetzt könntest du wieder schlafen und träumen und ein ganz verkehrtes Leben leben. Könntest anfangen zu träumen und zwei Abteilungen machen: die Braven und Rechten und die mit dir recht sind4 auf die eine Seite und die Schlimmen und die, die dir zuwider sind, auf die andere. Stellst dich natürlich auf die Seite der Braven, gelt, und denkst: ich liebe, die mich lieben [vgl.
Wollen wir noch etwas sagen von der weiten Welt und davon, was denn eigentlich dies ganze Gewimmel der Menschlein auf der Oberfläche der Erde für einen Sinn hat? Ihr werdet nun groß, und allerlei Fragen werden an euch herankommen. Fragen: wie man denken soll über das Leben? wie man sich einrichten und benehmen soll? wie man Stellung nehmen soll zu all dem, was die Menschheit bewegt? Und dahinter steckt die noch größere Frage: was eigentlich das Leben überhaupt sei und zu bedeuten habe. Es kommt etwas darauf an, wie ihr da antworten werdet. Denn die Menschen sind die Welt und machen die Welt. Ihr seid jetzt noch die Jungen. Bald werdet ihr die Alten sein, Männer und Frauen, und dann wird es auch von euch abhängen, wie die Welt dann sein wird. Wieder kann man Schlafgedanken und Traumgedanken haben vom Leben und von der Welt. Man kann sie ansehen als ein Jammertal, in dem alles Unrecht und alles Elend und alle Teufelei ihren Gang nehmen dürfen und wo man zu Allem schweigen muß. Man kann das Leben ansehen als eine prächtige Gelegenheit, sich soviel als möglich und auf jede Weise lustig zu machen8. Man kann es sich zur Aufgabe machen, recht reich und angesehen und geehrt zu werden. Man |149 kann die Welt auch als einen großen Nebel ansehen, in dem man eben herumtappt und herumstolpert, ohne daß das einen tieferen Sinn und Zweck hätte. Das alles ist Traum. Seht, wie böse die Menschheit jetzt gerade träumt! Weil sie lange, lange so geträumt hat und immer noch so träumt, darum muß jetzt Krieg sein. Man kann aber auch aufwachen aus solchen Träumen, kann sich hineinstellen in das wahrhaftige Leben, das hinter dem Treiben und Wimmeln und Arbeiten und Kriegen der Menschen verborgen ist. Hören wir’s? Der Vater [hat] euch lieb! Hinter Allem und über Allem steht Einer, und der heißt Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Der läßt es nicht zu, daß die Welt ein großer Unsinn und Jammer sei, der weiß nichts von Geiz und Willkür und Gewalt, der läßt nicht Alles seine Wege gehen. Sondern über den Menschenwegen und Menschengedanken und Menschentaten waltet und regiert er mit fester Hand von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und durch Alles hindurch will er die Menschen seinem Ziele entgegenführen, und das Ziel heißt Gemeinschaft mit ihm, und jedes Menschenlebens Sinn soll darin bestehen, daß es auf seine Weise diesem Ziele zuwandert. Das alles einfach, weil er uns so lieb hat. Sieh, da ist die Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei: daß Gottes Reich und Herrlichkeit zu uns komme, daß die Menschen alle Gott gehorsam werden und darum miteinander leben in Bruderliebe und Reinheit und Gerechtigkeit. Das ist unser Ziel. Ihr kennt es alle. Ihr könnt gar kein anderes Ziel haben, weil euch doch Gott so lieb hat. Ihr könnt gar nicht für etwas Anderes leben, jetzt und wenn ihr groß seid, als für dieses Ziel, weil ihr ja doch des Vaters Kinder seid.
Aber nun denkt ihr, das sei zuviel verlangt. Nun erschreckt ihr überhaupt vor der Höhe und Tiefe des Christenglaubens, der einen ganzen Menschen erfassen und hineinziehen will in den Gehorsam Gottes. Ihr denkt zurück an so manche Stunde, wo wir von unserer Lebensaufgabe geredet haben und wo wir alle uns gestehen mußten, wie weit, weit weg wir sind von dem, was wir sollten. Ach dieses Wort: wir sollten! ach dieser aufgehobene Finger des Pfarrers, des Vaters, der Mutter, der uns sagt: du mußt! oder: du darfst nicht! Ach diese unruhige Gewissensstimme, die uns immer mahnt und heißt und verbietet! Wie schwer und hart ist’s doch, ein Christ zu sein9, wie müßte man da aus der eigenen |150 Haut schlüpfen, um das alles zu erfüllen, was dazu gehört! Merkt ihr’s, liebe Konfirmanden, daß das noch einmal der Traum ist, der böse Traum, wenn wir so denken und reden von Gott und seinem Willen? Seht, das ist ja gerade der böseste aller bösen Träume, wenn wir meinen, Gott habe uns nicht lieb, sondern sei ein harter Meister, der uns unzählige schwere Lasten auflege, der uns durch Pfarrer und Eltern plage mit allerlei, was man solle und nicht solle. Nicht doch! Gerade nicht! Gott hat euch lieb! Versteht ihr das Tiefste, was das heißt? Er macht, daß ihr ihn auch wieder lieb habt und daß dann eins nach dem anderen kommt und geschieht in eurem Leben, wie aus dem Samen von selbst die Pflanze, die Blüte und die Frucht kommt. Denkt jetzt nicht an eure Fehler und dummen Gewohnheiten und Leidenschaften, denkt jetzt an den Vater, der die Güte selber ist. Denkt jetzt nicht an eure Jugendstreiche und an die Schwierigkeiten und Aufgaben, die vor euch liegen, sondern denkt an den Vater, dessen Güte doch wahrhaftig größer ist als Alles, was ihr nicht gut gemacht habt und nicht gut machen werdet. Der Vater hat euch lieb, er macht euch zu anderen Menschen, er stellt euch in seinen Dienst, er läßt seine Liebe leuchten in eurem Leben, daß es ein ganz anderes, herrliches Leben wird, wie es das Leben unseres Heilandes gewesen ist. Denkt nicht an euch. Denkt an den Vater. Redet mit ihm darüber. Ihr wißt, was ich damit meine. Dann wißt ihr gar nichts mehr von: man soll! man muß! man befiehlt mir! man verbietet mir! Dann seid ihr die freisten Menschen der Welt, weil ihr dann in der Freiheit Gottes seid. Aus euch selber kommt dann das Gute, weil es in euch ist. Nicht auf einen Schlag. Und euer heutiger Entschluß, wenn ihr ihn fassen wollt, ist nur ein Anfang. Aber ein Anfang, der eine Fortsetzung und eine Vollendung haben wird. Es wird dann auch von euch heißen in den nächsten wichtigen Lebensjahren, in die ihr nun eintretet: Sie nahmen zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen [vgl.
- Nr. 3: «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen?» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 48,1-3; EG 325,1-3) - Nr. 237, Strophen 6 und 7 aus dem Lied «Wie schön leuchtet der Morgenstern» von
Ph. Nicolai (= mit erheblichen Textabweichungen gegenüber GERS [1952] 255,6-7; EG 70,6-7)