Predigt: Jesaia 53,10-12 (Karfreitag)
Der Karfreitag ist ein Siegestag, ein Freudentag. Zum Karfreitag paßt es schlecht, ein düsteres, schwermütiges Gesicht zu machen und schwarze Kleider zu tragen, als ob da um einen Toten zu klagen wäre. Wir sind zwar — wohl die Meisten — von Jugend an an solche Karfreitage gewohnt Und ich muß euch gestehen, daß ich durch meine Karfreitagspredigten in früheren Jahren auch dazu beigetragen habe, euch diesen Tag düster und schwermütig zu machen. Ich habe auch da zuweilen so dringend geredet von der tiefen Not Jesu am Kreuz, von der großen, schweren Schuld der Menschen, die da offenbar wird, und von der unerreichbar hohen und edlen Gesinnung, die Jesus da gezeigt hat und hinter der wir Menschen so weit zurückbleiben. Da seid ihr gewiß oft recht traurig und niedergeschlagen aus der Kirche gegangen und habt dann bei euch gedacht: ja, das liegt wohl am Karfreitag, da muß es wohl so hart und streng und trüb zugehen. Und dann freuten wir uns alle auf den Ostertag, wo man endlich wieder von der Freude und vom Leben reden darf. Denkt, ich könnte jetzt nicht mehr so vom Sterben Jesu reden wie andere Jahre, und wenn ich manchmal doch noch so davon rede, daß das Schwere und Traurige daran euch den stärksten Eindruck macht, dann ist’s gleichsam nicht meine Absicht, und ich möchte davon frei werden. Warum soll ich’s euch nicht sagen, daß mich gerade der |133 Krieg auch zu einer anderen Auffassung und inneren Stellung gegenüber dem Kreuze Christi geführt hat?
Ich1 sehe jetzt in diesem Ereignis viel deutlicher die erlösende Gnade Gottes wirksam als sein Urteil über uns, das uns niederschmettert, und sein strenges Gesetz, das uns arme, unvollkommene Menschen nach unerreichbaren Höhen wandern heißt. Gottes Gnade, das ist die Offenbarung seiner Güte gegen uns, seines guten, freundlichen Willens gegen das Menschengeschlecht, seiner Herrlichkeit und Liebe, mit der er uns seine Welt eröffnet und uns das Leben schenkt. Es ist mir jetzt viel klarer geworden, wie Karfreitag und Ostern eng zusammengehören und wie darum schon der Karfreitag recht verstanden ein Freudentag ist, an dem wir von nichts Anderem reden sollten als von der Liebe Gottes. Das Wort Gottes sollte gerade heute gar nichts Anderes in uns wecken und schaffen als Seligkeit. Denn das ist ja das Wunderbare, daß Jesus uns durch sein Sterben selig macht — nicht ängstlich und nicht verwirrt, nicht niedergeschlagen, nicht pessimistisch — selig! Und aus dieser Seligkeit, die er uns gibt, muß dann wieder Alles fließen, was wir brauchen: Selbsterkenntnis, Reue, Einsicht, guter Wille, tapfere Taten und tapfere Worte für Gott, Bruderliebe, Gerechtigkeit und Wahrheit in der Welt, froher, fester Kampf gegen das Böse und schließlich Sieg über Sieg der Sache Gottes im Großen und im Kleinen, bei dir und bei mir, hier im Dorf und in der Welt draußen. Das Reich Gottes kommt, wo die Freude an Gott in den Menschen Überhand nimmt, und diese Freude an Gott strömt nirgends so kräftig wie vom Kreuze Christi her. Wollt ihr mir’s verzeihen, wenn ich euch bisher lange nicht deutlich genug darauf hingewiesen habe? Wollt ihr nun mit mir weiterwandern, lernend an den wunderbaren Taten Gottes? Haben wir nicht alle vieles gelernt seit dem letzten Karfreitag? Wie sollten wir nicht gerade auch in der tiefsten Lebensfrage gelernt haben und lernen wollen? An der Bibel liegt es nicht, wenn wir bisher nicht recht gesehen haben, daß im Kreuze Christi die Liebe Gottes viel größer ist als das Traurige und Schreckliche, was es uns freilich auch zu sagen hat.
Hört, wie freudig der Prophet in unserem Text im Leiden des Gottesknechtes zuletzt einfach eine große Erlösungs- und Freiheits- und |134 Lebensbotschaft erkennt und verkündigt! Da klingt die Klage über sein trauriges Los und über die Schuld der Menschen daran nur noch eben nach, und Alles muß sich auflösen in Jubel und Dankbarkeit über das, was Gott durch dieses Leiden getan hat. Unsterblichkeit und ewiges Leben hat der Gemarterte und der Geplagte, der Mann der Schmerzen und der Verachtung! Im fruchtbaren Boden keimt und treibt die lebendige Gottessaat, die er, der Einsame und Verstoßene, ausgeworfen. Seine Qual wird zu Brot für die Hungrigen und zu Wasser für die Dürstenden. Sein Leiden schafft Gerechtigkeit und Umkehr. Ihm erliegen die zahllosen Scharen derer, die fern und fremd, bös und trotzig und doch trostlos und ohne Gott ihre eigenen Wege gingen. Den Gewalten des Bösen nimmt er ihre Stärke und stellt sie in Gottes Dienst; denn nachdem sie sich an ihm haben auswirken und austoben dürfen, hat er sie überwunden und ihnen ihren teuflischen Sinn genommen. Die Heuchler und die Feiglinge und die Charakterlosen, die Geldmenschen und die Säbelraßler und die Unwahrhaftigen und die Toren — er trägt ihre Schuld. Sie alle sind gewesen, sie sind nicht mehr. Gottes Knecht hat den neuen Menschen geschaffen. Wollen wir nicht glauben an den neuen Menschen, der auf
Ihr kennt die Strophe aus dem Lied «Ein feste Burg ist unser Gott» von
Seht, das ist im Tode Christi geschehen. Er ist das Gericht über alles Böse, über die ganze Welt der Lüge, der Ungerechtigkeit, der Gewalt, über den Teufel. Was gerichtet ist, das gilt nicht mehr, das hat keine Kraft mehr, das ist verurteilt, Schein und Schatten zu sein. Ist das nicht eine Freudenbotschaft? Als Christus verurteilt und zum Tode gebracht wurde, da mußte das Böse gleichsam aus seinem letzten, verborgensten Schlupfwinkel hervor und ans Licht treten. Das war nicht nur so ein gewöhnlicher Fall von Lüge, Haß und Verblendung, wie wir sie auch |135 etwa sonst erleben, wo man sagen könnte: es mangelt an besserer Erziehung und Aufklärung, an besseren Gesetzen und Verhältnissen. Da bleibt uns gar keines mehr übrig von jenen Löchlein des Selbstbewußtseins, aus denen wir Steine werfen könnten nach anderen Leuten und in denen sich zugleich der Teufel verbirgt, der uns selber in den Krallen behalten möchte. Nein, da wird es sonnenklar, daß wir es einfach sehen müssen: Mitten drin in unserer wohlgeordneten Menschenwelt, in unserem stolzen, guten Menschenwesen, mitten drin in dem, was wir für unser Bestes hielten, sitzt ja der Feind, der Feind der Wahrheit, der Feind des Rechtes, der Feind der Liebe, der Feind Gottes, unser Feind, mit dem wir doch einfach nicht gemeinsame Sache machen können, weil er nicht zu uns gehört. Sieh, wie sie den Willen Gottes tun wollen, wie sie eifern für ihren Tempel, für das, was fromm und recht ist; und was steckt in ihrer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, was kommt dabei heraus? Eine große Selbstsucht, eine große Angst vor dem lebendigen Gott, der eben nicht in steinernen Mauern und papierenen Büchern wohnt, sondern Geist und Wahrheit ist, und darum ein großer Haß gegen sein lebendiges Wort und darum die Kreuzigung seines Gesandten. Ist das nicht eine Freude, zu sehen, wie da das Böse aus seinem schönen, erbaulichen Dunkel ans Licht getrieben wird?
Sieh da den
Seht da den
Seht auch die Leute von
Eine Freude!? Wundert es euch, daß ich das alles eine Freude nenne, diese Entdeckung des Feindes an Orten, wo man ihn gar nicht vermutet hätte? Nicht wahr, ihr versteht mich: ich meine nicht die Schadenfreude, die sich selbstgerecht über jene Menschen erhebt; ich meine nicht die Freude am Bösen, die sich daran ergötzt, überall Schlechtigkeiten zu entdecken, um dann mit Fingern darauf zu zeigen. Nein, nein — denn das sind ja nicht Andere, die dort Christus ans Kreuz bringen, das sind wir selbst, das ist unsere Welt; was sie denken und tun, denken und tun wir; die Schlupflöcher mit den schönen Namen, in denen sich ihr wahres Wesen verbarg, sind unsere Schlupflöcher. Und wenn’s nun klar wurde am Karfreitag, wie der Feind der Menschheit in ihnen, unter ihnen, mitten drin in ihrer Herrlichkeit wohnte, so erkennen wir zugleich unseren Feind. Ist das nicht eine Freude, ist das nicht die Morgenröte der anbrechenden Erlösung? Wir leiden ja doch gerade darunter, daß wir das Böse nicht sehen. O wenn wir es sehen würden, wir wären frei davon. Wenn wir es sehen würden, ein Schauer würde uns packen, wir würden uns sagen: das kann und will ich ja nicht sein, damit kann ich ja nichts zu schaffen haben. Der Gottesfunke in unserer Seele5 würde hell |137 aufleuchten und alles das in uns und um uns verbrennen, was nicht göttlich ist. Aber wir sehen nicht: wir sehen wohl das offenbare Verbrechen, die groben Fehler und Laster, und bemühen uns, sie zu meiden, aber wir sehen den Feind nicht, den viel gefährlicheren Feind, der in dem steckt, was von Allen anerkannt und geliebt und gefördert und gelobt wird: in unseren Tugenden, in unserem Christentum, in unserem Wohlstand, in unserer Kultur, in unserer Bildung, in unserer Gerechtigkeit. Wir gehen unseren Weg und fühlen wohl dumpf, daß etwas nicht in Ordnung ist, daß wir eigentlich alle leiden an einer geheimen Krankheit, aber nirgends können wir sie greifen. Wir sind unbefriedigt vom Leben, wir schütteln den Kopf über uns selbst, über die Welt und die Menschen, und dann trösten wir uns doch wieder, uns und Andere damit, daß ja getan werde, was man könne, daß doch recht viel Löbliches und Gutes da sei in uns und um uns. Und nach diesem Trost kommt doch wieder die dumpfe Unruhe, und wir wittern: irgendwo steckt ein Feind, der Feind, der uns schadet, bedroht, vergiftet, verbittert, den Atem nimmt. Was soll aus uns werden, was soll das Leben, wenn immer dieser Feind da ist? Oder ist’s nicht so? Seht einander an! Geht in die Häuser! Fragt einander! Wieviel glückliche Menschen, wieviel gute Gewissen, wieviel Sonnenschein, wieviel wirkliche Lebensfreude und Lebensruhe ist unter uns zu finden — trotz allem Guten, das wir haben und tun?! Und nun muß gerade dieser verborgene Feind an den Tag, darf sich nicht mehr verstecken in jenen schönen Schlupflöchern und Burgen, muß sich zeigen, wo er ist und wie er ist und wer er eigentlich ist. Das ist der große Triumph von
Ich möchte etwas vom Krieg sagen. Im Krieg, so schrecklich er ist und so merkwürdig das klingen mag, ist eine große Freude verborgen: die Freude, daß der Feind sichtbar wird. Wenn die Menschen sich vom Geld regieren lassen, wenn sie sich mit Gewalt Recht verschaffen wollen, wenn sie ihr Interesse über die Liebe stellen, wenn ihnen ihre Ehre mehr wert ist als die Gerechtigkeit, dann — was dann? Dann müssen die |138 Menschen irgendeinmal oder immer wieder mit Schützengräben und 42-cm-Geschützen6 und Unterseebooten und Torpedos und Fliegerbomben einander zu Leibe gehen, dann muß das Blut fließen stromweise, dann müssen die Witwen und Waisen ihr Leid zum Himmel schreien, dann müssen die Völker einander hassen und aushungern und zu Grunde richten. Da hilft ihnen keine Wohlfahrt und keine Kultur, keine Bildung und kein Christentum, keine Kunst und keine Tugenden. Da muß der Tod Gewalt haben über Allem. Da muß Krieg sein. Über diese Folgen erschrecken wir jetzt und reden sentimental von den armen Menschen, die es trifft, und bedauern uns selbst im Voraus für den Fall, daß es uns auch noch treffen sollte. Warum wollen wir uns nicht lieber freuen, daß wir jetzt, durch diese Folgen geweckt, einmal den Feind sehen können, der uns tatsächlich immer beunruhigt und plagt, der uns höhnisch lachend hintereinander und abwechselnd und miteinander die «kleinen» Übel der Friedenszeit und die «großen» Übel der Kriegszeit, die Übel im Safenwiler Leben — und die Übel in deinem und meinem Charakter bereitet!
O wenn wir ihn einmal sehen, dann hat er keine Kraft mehr, dann hört das alles auf mit den Übeln des Lebens, den großen und den kleinen. Und jetzt können wir ihn sehen. Aber der Krieg ist ja nur ein Abbild des Kreuzes Christi. Hier wie dort entsteht eine große Klarheit: die Klarheit darüber, daß uns alles Gute und vielleicht Vortreffliche, das wir haben mögen in unserem Wesen und in unserem Charakter, das wir tun mögen in unserem Leben, in unserer Welt, daß uns das alles nichts hilft, daß wir mit dem allem und trotz dem allem zu den größten, entsetzlichsten Sinnlosigkeiten im Stande sind, daß uns trotz dem allem das wahrhaftige Leben verschlossen ist, — wenn uns das Eine fehlt. Was ist das Eine? Wo ist der Feind? Wir haben uns von Gott abgewandt. Wir waren in der Heimat des Lebens und haben sie verlassen, um in die Wüste zu laufen, wo es nur Sand und Steine gibt. Wir waren an der Quelle der Wahrheit und der Seligkeit und sind davongerannt, um uns selber löchrige Brunnen zu graben [vgl.
Meine Freunde, das ist keine Strafpredigt, die da vom Kreuze Christi an uns ertönt, das ist das Wort von der Versöhnung [vgl.
Und mit Gott wird uns da mit einem Schlag der neue Mensch bekannt, der Mensch, der wir eigentlich sind, wenn aller falsche Schein von uns abgefallen. Das warst du!, sagt uns Christus, und das war eure Welt!, und sieht auf seine Feinde hin. Und das bist du!, ertönt jetzt die Stimme, und jetzt dürfen wir ihn selber ansehen, und das ist eure Welt, ihr Menschen! Dort waren die Lügen, das Unrecht, der Hochmut, die Gleichgiltigkeit, hier ist die Wahrheit, die Gerechtigkeit, der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl.
Da leuchtet die Wahrheit auf und triumphiert über allen Schein. Da bricht das wahrhaftige Leben auf mitten aus all unserem unvollkommenen, unbefriedigten, verknorzten Wesen. Da wird der Grund unseres Daseins und Wesens wieder sichtbar. Da ist die Rückkehr der Menschheit, deine und meine Rückkehr zu unserem Ursprung, zu dem, was wir eigentlich sind, nach all den Schwindeleien und Torheiten, in denen wir uns bewegten. Da steht Gottes Welt weit offen, die Welt der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Und das alles für uns. Nichts kann uns mehr hindern, nichts mehr uns trennen von dem, was Gott uns da gibt. Unsere Schuld? Er trägt unsere Schuld. Unsere Sünde? Sie ist nicht mehr. Unsere Fehler und Laster? Unsere «Verhältnisse» und «Probleme»? Was sind sie, wenn Gott uns sein Leben schenkt? — Und wir? Was haben wir bei dem allem zu tun? Nur dankbar zu sein für die Freude, die Gott uns macht. Dankbar sein ist Alles.
- Nr. 112: «O Haupt voll Blut und Wunden» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 148,1-3; EG 85,1.2.4) - Nr. 132: «Jesus lebt, mit ihm auch ich» von
Chr. F. Gellert , Strophen 1-3.5.6 (= GERS [1952] 169,1-3; EG 115,1-3)