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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: Johannes 16,27 (Konfirmation)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Johannes 16,27 (Konfirmation), 2. April 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 142–151.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: Johannes 16,27 (Konfirmation)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 142-151</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 267</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 16,27 (Konfirmation), 2. April 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1708">KBA 1245</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1915-04-02">2. April 1915</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1915-04-02">2. April 1915</date>, Nachmittag</dateline>
          <head type="event">Konfirmation<note xml:id="n01">Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Verständnis und Praxis von Unterweisung und Konfirmation
vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1641">
                                <hi rend="italic"><ref type="pub-" target="../texts?facet-volume=18">Konfirmandenunterricht 1909–1921</ref></hi></bibl>. Ein Unterrichtsheft <persName ref="kbga-actors-2151"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName></persName> aus dem
Jahrgang 1914/15 ist allerdings nicht erhalten. Aus Barths <ref type="kba-objects-id" target="91490">Notizbuch</ref> geht hervor,
daß in diesem Gottesdienst 43 Konfirmanden, 26 Mädchen und 17 Jungen, konfirmiert
wurden. Die Konfirmationssprüche entnahm <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> allesamt den Kapiteln
<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.40 Jes.66">Jes. 40–66</ref>, wobei kein Spruch zweimal vorkam. Zum <term ref="kbga-terms-69">Abendmahl</term> gingen die
Konfirmierten im Ostersonntagsgottesdienst.</note>
                    </head>
          <epigraph>
          <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.27">Johannes 16,27</ref>
          <quote>Der Vater hat euch lieb.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Konfirmanden!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Der Vater hat euch lieb! Um das zu merken und zu verstehen, seid ihr nun zwei Jahre in die Unterweisung gegangen. Wenn ihr von Allem, was wir zusammen gesprochen haben, nur das Eine Sätzlein behalten wollt, so habt ihr genug. Der Vater hat euch lieb. Das ist das ganze <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term>. Wer das weiß, der ist ein Christ, ein Nachfolger Jesu, ein fröhlicher, seliger Mensch und ein guter, tüchtiger Mensch obendrein. So möchte ich euch auch heute, zum Schluß unserer Unterweisung und als Abschiedswort nur das Eine sagen: der Vater hat euch lieb.</p>
          <p>Das hat Jesus nicht nur so gesagt, sondern das hat er durch die Tat und durch sein ganzes Leben in die Menschheit gebracht, daß wir das wissen können. Ihn selber hat dies Bewußtsein, daß Gott ihn lieb habe, hinweggeführt aus der Heimat, aus dem Beruf, aus der Familie hinein in sein Heilandsleben voll Sorgen, Entbehrungen und Enttäuschungen. Immer sicherer und klarer wurde es ihm, daß hinter der Welt und dem Menschenleben nicht ein Schicksal, nicht ein böser Tyrann und strenger Schulmeister verborgen sei, sondern eine große, wunderbare Güte. Die ist die Wahrheit des Lebens. Die herrscht über Allem. Die tröstet und heilt und erfreut, die macht stark und löst die Schwierigkeiten, wo sie hinkommt. Diese große Güte, die die Wahrheit ist und von der Alles kommt, nennt er den Vater, den Vater im Himmel, weil sie so unendlich groß und hoch ist wie der Himmel. Und die Menschen nannte er des Vaters Kinder. Weil sie doch eben zu dem großen, verborgenen <pb xml:id="p143" ed="pga"/> Freudenquell, der hinter dem Leben und hinter der Welt unsichtbar rauscht, hingehören, wie Kinder zu ihrem Vater gehören. Seines Stammes und Geschlechts sind sie [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.28">Act. 17,28</ref>]. Seine Art tragen sie an sich. Seine Stimme hören sie besser als ihre eigene. Und das Lichtlein, von ihm angezündet, flackert in ihnen allen, in den Bösen und in den Guten, in den Gerechten und in den Ungerechten.<note xml:id="n02">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/27/p136#fn_n05">S. 136f., Anm. 5</ref>.</note> Wenn sie’s nur merken, wo sie hingehören, wenn sie nur die Entdeckung machen, wer sie eigentlich sind, wenn sie nur aufnehnen, was ihnen vor die Türe gelegt ist, dann ist ihnen geholfen, dann kann ihnen die ganze Welt nichts mehr anhaben, die Versuchungen nicht und das Traurige nicht und der Tod nicht.</p>
          <p>Der Vater hat euch lieb! Wenn wir das hören, dies Allerwahrste und Allersicherste, was es gibt — was fängt dann an? Die Religion? Das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term>? Das Bravsein? Das Glück? O ja, das alles auch, aber zuerst etwas noch viel Einfacheres und viel Schöneres: das wahrhaftige Leben fängt da an. Jesus hörte das: der Vater hat mich lieb! Und darum hatte er das wahrhaftige, schöne, starke Freudenleben, darum war er eben Gottes lieber Sohn, und die Engel mußten ihm dienen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.13">Mk. 1,13</ref> par.]. Aber er hatte ja das alles nicht nur für sich. Nun mußte er eben der Heiland werden. Nun ist er umhergezogen und hat Allen wohlgetan, indem er Allen die Liebe Gottes gezeigt und gebracht hat. Denkt, wie er ihnen so wunderbar das Himmelreich beschreiben konnte mit der herzlichen inneren Freude am Guten, wo man viel, viel mehr tut, als einem befohlen ist, mit der Sorglosigkeit, wo man sich keine grauen Haare wachsen läßt wegen Geld und Brot und Kleidern, mit der Feindesliebe, die eben darin besteht, daß man keine Feinde mehr hat, mit der feinen, zurückhaltenden Art gegen alle bösen Menschen, die man eben gar nicht eigentlich als Böse ansehen kann, sondern als arme, schwache Brüder und Schwestern, wie man selber arm und schwach ist. Mit dem allem wollte ja Jesus gar nicht sagen: Ihr sollt, ihr müßt!, sondern einfach zeigen wollte er’s den Menschen: so geht’s zu, so gut habt ihr’s, wenn ihr’s hört: der Vater hat euch lieb! Denkt, wie er den Kranken geholfen und die Armen getröstet hat. Damit wollte er nicht Aufsehen erregen, und auch nicht darum war’s ihm zu tun, jenen paar Leutlein zu helfen, die den Weg zu ihm fanden. Sondern ans Licht stellen <pb xml:id="p144" ed="pga"/> wollte er’s, wie die Liebe Gottes über Alles Meister wird, wenn man sie wirken läßt: über blinde Augen, taube Ohren, lahme Beine, über Aussatz und böse Geister und noch über ganz andere Dinge. Wenn ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so werdet ihr Berge versetzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.17.20">Mt. 17,20</ref> par.]. Wo die Liebe Gottes ist, da ist der Sieg über die Leiden dieser Zeit.</p>
          <p>Und endlich ist er gegangen und hat sich von seinen Feinden ans Kreuz schlagen lassen, und wieder war’s die große Gottesliebe in ihm, die ihn dahin geführt hat. Das Böse mußte sich auswirken und austoben in seiner Gewalt und mußte es zuletzt erfahren vor den Augen aller Welt, daß es etwas gibt, was noch größer ist als seine größte Gewalt. Nirgends deutlicher als auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> hören wir den Ruf: der Vater hat euch lieb! Die ewige Güte, die hinter Allem verborgen ist, läßt die Welt nicht los, soweit sie sich von ihr entfernt, läßt die Menschen nicht los trotz all dem Gift, das tief innen in uns steckt, läßt dich und mich nicht los, sooft wir dem lieben Gott aus der Schule gelaufen sind.</p>
          <p>Und endlich und zuletzt hat uns Jesus auch über den Tod hinaus die ewige Liebe Gottes leuchten lassen, daß uns das Sterben keine Gedanken mehr machen muß, indem sein Tod eigentlich des Todes Ende war, der Anfang eines herrlichen Auferstehungslebens wurde, dessen Wirkungen wir immer noch spüren und immer deutlicher spüren werden. Wir merken es ja doch wahrhaftig, wie Jesus lebt trotz seines Todes, wie er auferstanden ist von den Toten und lebt in Ewigkeit. Das geschah, weil der Vater ihn so lieb hatte und weil er in seinem Leben und Sterben nichts wollte als diese Liebe des Vaters. Und nun kommt er ja und sagt auch uns: der Vater hat euch lieb; sagt uns: ich lebe, und ihr sollt auch leben! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.19">Joh. 14,19</ref>].</p>
          <p>Sieh, so hat Jesus die Liebe Gottes in die Menschheit und zu dir und mir gebracht. Was tut er eigentlich damit Anderes, als daß er uns sagt, was wir ja im Grunde ganz gut wissen? Er holt heraus, was im Grunde in uns allen ist. Er weckt uns aus einem ganz unnatürlichen Schlaf. Gelt, du weißt, das, was du im Schlaf denkst, was du träumst, das ist nicht das Wahre, das sind bloß Spiegelbilder und Erinnerungen von Wahrem, Grübeleien und Spielereien mit dem Wahren, manchmal böse Schatten aus dem wahren Leben. Du bist schon manchmal froh gewesen, aus solchen dummen, bösen Träumen aufzuwachen. Sieh, Alles, was mit der Liebe Gottes nichts zu tun [hat], alles Dunkle und Traurige, alles <pb xml:id="p145" ed="pga"/> Falsche und Schlechte in unserem Leben ist eigentlich nur ein böser Traum, nicht die Wahrheit. Jesus weckt uns auf aus dem bösen Traum und stellt uns hinein in das wahre, wahrhaftige Leben. Das besteht darin, daß wir’s hören: der Vater hat euch lieb!</p>
          <p>Liebe Konfirmanden, diese Gottesstimme hört ihr ganz deutlich, wenn ihr jetzt im Frühling, der hoffentlich nicht mehr weit ist, durch den Wald geht oder über die Felder oder wenn ihr des Nachts emporseht zum Sternenhimmel. Nicht wahr, ihr werdet nie zu denen gehören, die das alles sehen und nichts dabei denken oder die denken: nur Bäume, nur der Himmel, nur Vögel, nur die Natur. O dieses «Nur», mit dem uns das Beste verloren geht, das eben hinter den Dingen steht. O ihr müßt lachen über dieses törichte «Nur», das überall nur Sachen sieht und Geräusche hört und nichts von dem Wahrhaftigen, das darin und dahinter ist. Die Freude ist darin und wartet auf dich, daß du kommst und dich auch freust. Sieh, wie das alles funkelt und spiegelt und sich bewegt und singt und klingt! Meinst du, das sei für nichts? Meinst du, das sei «nur» Natur? Nein doch, die Freude wartet im Wald und auf der Heide<note xml:id="n03">Vgl. das <bibl corresp="kbga-songs-85" type="song">Lied «Im Wald und auf der Heide, da such’ ich meine Freude» von <persName ref="kbga-actors-5806">J. W. Bornemann</persName> (1767–1851)</bibl>, z.B. in: <bibl corresp="kbga-bibls-2450">
                                <hi rend="italic">Liederschatz und Gesanglehre für die deutsche Jugend</hi>, Teil I, hrsg. von Fr. Clausing und A. Plochg, Münster/Westf. 1929<hi rend="sup">4</hi>, S. 79f.</bibl>
               </note>, die Freude wartet im kleinen Brüderlein oder Schwesterlein zu Hause, das du bis jetzt noch gar nicht recht gekannt hast, die Freude wartet im Spiel mit den Kameraden, das du bis jetzt noch gar nicht recht verstanden und betrieben hast, wartet in schönen, merkwürdigen Büchern, die dich bis jetzt gar langweilig angesehen haben. Du weißt schon, welche Freude: nicht die Freude, wo man lärmt und Geld ausgibt und dumm und träg und frech wird dabei, das ist ja gar keine Freude, das gehört ja eben zum Traum, aus dem wir aufgewacht sind. Die Freude ist ja gerade das, daß wir etwas merken von der großen verborgenen Güte und Schönheit des Lebens, daß wir die Stimme hören: der Vater hat euch lieb!, daß es uns selber ganz lieb ums Herz wird, daß eine große Freude, eine schöne Klarheit in uns entsteht. O daß wir so lange denken konnten: nur Bäume! nur das Brüderlein! und daß wir so lange springen mochten nach künstlichen, abgeleiteten, törichten Freudlein, stau nach der Freude zu greifen, die man nicht suchen muß, die man einfach hat, die da ist, nach der Freude an Allem, an all dem, <pb xml:id="p146" ed="pga"/> was der Vater uns eben über den Weg schickt, um uns zu sagen, wie lieb er uns hat.</p>
          <p>Aber schickt er uns denn immer nur Freude?, denkt ihr. Nein, wahrhaftig nicht. Auch den Schmerz. Und der Schmerz ist der Bruder der Freude und gehört auch zum Leben. Seht, wieviel große Menschen herumgehen mit traurigen Gesichtern. Sie haben Leid durchgemacht. Man hat ihnen Unrecht getan. Sie haben viele Sorgen. Sie mühen sich mit schwierigen Fragen. Sie haben etwas auf dem Gewissen. Das ist der Schmerz, der wird auch euch nicht erspart bleiben: Ärger, Verdruß, Enttäuschung, Herzeleid, Zorn, Verzweiflung, das alles wird sich zu Zeiten auch bei euch einstellen. Aber warum sind sie alle so unzufrieden, so verbittert, so versteinert in ihrem Unglück? Das müßte nicht so sein. Warum sieht es auf einmal so finster aus in ihrer Seele? Warum wissen sie auf einmal nichts mehr anzufangen mit dem Leben oder machen aus lauter Schmerz etwas ganz Törichtes, Verkehrtes daraus? O die Armen, sie schlafen noch, sie sind mitten in einem bösen Traum. Das ist nicht das Wahrhaftige, was hinter dem Schmerz verborgen ist. Das Wahrhaftige ist eine große Kraft, die der Vater uns gerade durch den Schmerz geben will. Auch durch den Schmerz sagt er uns, daß er uns lieb hat, das ist nicht anders und wird uns gerade vor dem Kreuze Christi ganz klar. Je schwerer das sein wird, was dir vielleicht widerfährt im Leben, desto lieber hat dich der Vater. Er will dich stark machen. Meinst du, Gott arbeite nicht auch daran, das Dunkle, das Traurige, das Böse zu überwinden? Sieh, nun darfst du sein Mitarbeiter, sein Mitkämpfer sein. Dazu mußt du freilich dein Teil Schmerz tragen. Aber nicht, damit du geplagt seiest, sondern damit du ein recht fester, sicherer, klarer Mensch werdest mit einem sicheren Halt und Grund. Nur nicht träumen, wenn es dir hart ergeht! Nur nicht meinen: o weh, warum ist mir das widerfahren, nur nicht die Hände sinken lassen, nur nicht stillestehen und umkehren auf dem Weg der Kinder Gottes. Nein, fragen den Vater im stillen Gebet: Was willst du, daß damit geschehen soll? Dann wird er dir antworten. Bald wird’s heißen: Wehr dich, das muß nicht sein, das kannst du anders machen! Bald wird’s heißen: schweigen und warten und tragen! Aber immer wirst du dabei Gottes Mitarbeiter sein, immer wirst du dabei gewinnen, stärker und fester werden. Der Vater hat dich lieb! Das ist das wahre, wahrhaftige Leben, das hinter dem Schmerze verborgen ist.</p>
          <p>
                        <pb xml:id="p147" ed="pga" rend="noPipe"/> Und nun siehst du gar mancherlei Menschen um dich herum, gute und böse, feine und grobe, solche, die du gern hast, und solche, die du nicht leiden kannst. Eine merkwürdige, bunte Gesellschaft, und du bist mitten darunter und mußt mit ihnen leben. Engel hat’s keine dabei, und du bist auch keiner, gelt, das weißt du?! Merkst du’s? Jetzt könntest du wieder schlafen und träumen und ein ganz verkehrtes Leben leben. Könntest anfangen zu träumen und zwei Abteilungen machen: die Braven und Rechten und die mit dir recht sind<note xml:id="n04">= sich dir gegenüber anständig verhalten.</note> auf die eine Seite und die Schlimmen und die, die dir zuwider sind, auf die andere. Stellst dich natürlich auf die Seite der Braven, gelt, und denkst: ich liebe, die mich lieben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.46">Mt. 5,46</ref> par.], und hasse, die mich hassen. Und bist freundlich mit diesen und kratzbürstig mit den Anderen. Und so durchs ganze Leben fort eine beständige Auswahl, ein fortwährendes Urteilen und Abteilen und Richten. O du kleiner lieber Gott, du mit deinem Weltgericht! Merkst du, daß das ja alles nur ein Traum ist, und zwar ein ganz böser? Sieh, nun geht die Sonne auf und weckt dich: der Vater hat euch lieb! Euch!, nicht nur dich! Der Vater, der aller Menschen Vater ist. Auch der Vater der Bösen und derer, die dir zuleid leben<note xml:id="n05">= dir schaden, dich ärgern.</note>, und derer, die du sonst nicht gern hast. Dann auch dein Vater, obwohl über dich auch allerlei zu sagen wäre. Merkst du, daß auch hinter den Menschen allen etwas verborgen ist, aber etwas ganz Anderes, als was man zuerst meint: nicht Böse und Gute, nicht Engel und Teufel, nicht Angenehme und Widerwärtige — das ist ja alles ganz gleichgiltig —, aber daß sie alle Kinder des Vaters sind und darum alle Brüder und Schwestern, das ist das Verborgene, Wahrhaftige. Denk, Gott hat an der ganzen Gesellschaft um dich her sein herzliches Wohlgefallen, und sei du nur froh, daß du auch zu der Gesellschaft gehören darfst. Denn sie alle gehören ja doch eigentlich zu ihm, und er hat ihnen seine Feuerfunken in die Seele<note xml:id="n06">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/27/p136#fn_n05">S. 136f., Anm. 5</ref>.</note> gegeben, und sie alle sind eigentlich traurig und plagen sich sehr und sehnen sich nach dem wahrhaftigen Leben. Alle, und die, die du für die bösesten hältst, am allermeisten. Und Gott arbeitet an allen diesen Menschen und erzieht sie, jedes auf seine Weise, wie er auch dich erzieht, und macht dabei gar keinen Unterschied. Diesen Unterschied von Bösen und Guten machst du unter deinen Mitmenschen, wen du sel<pb xml:id="p148" ed="pga" break="no"/>ber die Stimme der Liebe Gottes nicht mehr hörst. Dann fängst du an, an seiner Stelle Weltrichterlis zu spielen. Die Wahrheit ist, daß wir alle zusammengehören, daß wir alle sehr unvollkommene Leute sind, daß wir aber auch alle getrost und freudig und tapfer unseren Weg gehen dürfen, wenn wir nur hören wollen, daß Gott uns lieb hat. Sieh da, wie werden da auf einmal die Menschen um uns her etwas ganz Anderes: gute Kameraden und Genossen und Freunde werden sie, manchmal auch arme Wesen, denen wir helfen müssen, mit denen es gilt, Geduld zu haben, deren böse Eigenschaften man ein wenig muß schlucken können, um ihnen nicht noch mehr zu schaden. Brüder und Schwestern sind sie und wir, das ist das Wahrhaftige, das hinter ihnen allen steckt. Fort da mit dem Hochmut und mit dem Geplapper und Gerätsch<note xml:id="n07">= Geschwätz, Klatsch.</note> über sie und mit der kleinen, engen Liebe und Achtung, die nur Wenigen zu Gute kommt. Und dafür wollen wir einander ein bißchen besser kennen lernen und zu verstehen suchen und dann Hand in Hand gehen und uns statt am Bösen an dem Göttlichen freuen und aufrichten, das der Vater jedem Menschenkind anvertraut hat.</p>
          <p>Wollen wir noch etwas sagen von der weiten Welt und davon, was denn eigentlich dies ganze Gewimmel der Menschlein auf der Oberfläche der Erde für einen Sinn hat? Ihr werdet nun groß, und allerlei Fragen werden an euch herankommen. Fragen: wie man denken soll über das Leben? wie man sich einrichten und benehmen soll? wie man Stellung nehmen soll zu all dem, was die Menschheit bewegt? Und dahinter steckt die noch größere Frage: was eigentlich das Leben überhaupt sei und zu bedeuten habe. Es kommt etwas darauf an, wie ihr da antworten werdet. Denn die Menschen sind die Welt und machen die Welt. Ihr seid jetzt noch die Jungen. Bald werdet ihr die Alten sein, Männer und Frauen, und dann wird es auch von euch abhängen, wie die Welt dann sein wird. Wieder kann man Schlafgedanken und Traumgedanken haben vom Leben und von der Welt. Man kann sie ansehen als ein Jammertal, in dem alles Unrecht und alles Elend und alle Teufelei ihren Gang nehmen dürfen und wo man zu Allem schweigen muß. Man kann das Leben ansehen als eine prächtige Gelegenheit, sich soviel als möglich und auf jede Weise lustig zu machen<note xml:id="n08">= es sich angenehm machen.</note>. Man kann es sich zur Aufgabe machen, recht reich und angesehen und geehrt zu werden. Man <pb xml:id="p149" ed="pga"/> kann die Welt auch als einen großen Nebel ansehen, in dem man eben herumtappt und herumstolpert, ohne daß das einen tieferen Sinn und Zweck hätte. Das alles ist Traum. Seht, wie böse die Menschheit jetzt gerade träumt! Weil sie lange, lange so geträumt hat und immer noch so träumt, darum muß jetzt Krieg sein. Man kann aber auch aufwachen aus solchen Träumen, kann sich hineinstellen in das wahrhaftige Leben, das hinter dem Treiben und Wimmeln und Arbeiten und Kriegen der Menschen verborgen ist. Hören wir’s? Der Vater [hat] euch lieb! Hinter Allem und über Allem steht Einer, und der heißt Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Der läßt es nicht zu, daß die Welt ein großer Unsinn und Jammer sei, der weiß nichts von Geiz und Willkür und Gewalt, der läßt nicht Alles seine Wege gehen. Sondern über den Menschenwegen und Menschengedanken und Menschentaten waltet und regiert er mit fester Hand von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und durch Alles hindurch will er die Menschen seinem Ziele entgegenführen, und das Ziel heißt Gemeinschaft mit ihm, und jedes Menschenlebens Sinn soll darin bestehen, daß es auf seine Weise diesem Ziele zuwandert. Das alles einfach, weil er uns so lieb hat. Sieh, da ist die Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei: daß Gottes Reich und Herrlichkeit zu uns komme, daß die Menschen alle Gott gehorsam werden und darum miteinander leben in Bruderliebe und Reinheit und Gerechtigkeit. Das ist unser Ziel. Ihr kennt es alle. Ihr könnt gar kein anderes Ziel haben, weil euch doch Gott so lieb hat. Ihr könnt gar nicht für etwas Anderes leben, jetzt und wenn ihr groß seid, als für dieses Ziel, weil ihr ja doch des Vaters Kinder seid.</p>
          <p>Aber nun denkt ihr, das sei zuviel verlangt. Nun erschreckt ihr überhaupt vor der Höhe und Tiefe des Christenglaubens, der einen ganzen Menschen erfassen und hineinziehen will in den Gehorsam Gottes. Ihr denkt zurück an so manche Stunde, wo wir von unserer Lebensaufgabe geredet haben und wo wir alle uns gestehen mußten, wie weit, weit weg wir sind von dem, was wir sollten. Ach dieses Wort: wir sollten! ach dieser aufgehobene Finger des Pfarrers, des Vaters, der Mutter, der uns sagt: du mußt! oder: du darfst nicht! Ach diese unruhige Gewissensstimme, die uns immer mahnt und heißt und verbietet! Wie schwer und hart ist’s doch, ein Christ zu sein<note xml:id="n09">Vgl. die beiden Lieder von <bibl corresp="kbga-songs-86" type="song">
                                <persName ref="kbga-actors-2243">Chr. Fr. Richter</persName>: «Es ist nicht schwer, ein Christ zu sein» und «Es kostet viel, ein Christ zu sein»</bibl>, z.B. in: <bibl corresp="kbga-bibls-1629">
                                <hi rend="italic">Evangelischer Liederschatz für Kirche, Schule und Haus. Eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten</hi>, gesammelt und nach den Bedürfnissen unserer Zeit bearbeitet von Albert Knapp, Stuttgart/Tübingen
                        1850<hi rend="sup">2</hi></bibl>, Nr. 1363 und 1364.</note>, wie müßte man da aus der eigenen <pb xml:id="p150" ed="pga"/> Haut schlüpfen, um das alles zu erfüllen, was dazu gehört! Merkt ihr’s, liebe Konfirmanden, daß das noch einmal der Traum ist, der böse Traum, wenn wir so denken und reden von Gott und seinem Willen? Seht, das ist ja gerade der böseste aller bösen Träume, wenn wir meinen, Gott habe uns nicht lieb, sondern sei ein harter Meister, der uns unzählige schwere Lasten auflege, der uns durch Pfarrer und Eltern plage mit allerlei, was man solle und nicht solle. Nicht doch! Gerade nicht! Gott hat euch lieb! Versteht ihr das Tiefste, was das heißt? Er macht, daß ihr ihn auch wieder lieb habt und daß dann eins nach dem anderen kommt und geschieht in eurem Leben, wie aus dem Samen von selbst die Pflanze, die Blüte und die Frucht kommt. Denkt jetzt nicht an eure Fehler und dummen Gewohnheiten und Leidenschaften, denkt jetzt an den Vater, der die Güte selber ist. Denkt jetzt nicht an eure Jugendstreiche und an die Schwierigkeiten und Aufgaben, die vor euch liegen, sondern denkt an den Vater, dessen Güte doch wahrhaftig größer ist als Alles, was ihr nicht gut gemacht habt und nicht gut machen werdet. Der Vater hat euch lieb, er macht euch zu anderen Menschen, er stellt euch in seinen Dienst, er läßt seine Liebe leuchten in eurem Leben, daß es ein ganz anderes, herrliches Leben wird, wie es das Leben unseres Heilandes gewesen ist. Denkt nicht an euch. Denkt an den Vater. Redet mit ihm darüber. Ihr wißt, was ich damit meine. Dann wißt ihr gar nichts mehr von: man soll! man muß! man befiehlt mir! man verbietet mir! Dann seid ihr die freisten Menschen der Welt, weil ihr dann in der Freiheit Gottes seid. Aus euch selber kommt dann das Gute, weil es in euch ist. Nicht auf einen Schlag. Und euer heutiger Entschluß, wenn ihr ihn fassen wollt, ist nur ein Anfang. Aber ein Anfang, der eine Fortsetzung und eine Vollendung haben wird. Es wird dann auch von euch heißen in den nächsten wichtigen Lebensjahren, in die ihr nun eintretet: Sie nahmen zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.52">Lk. 2,52</ref>].</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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        <div type="songs">
          <pb xml:id="p151" ed="pga" rend="noPipe"/>
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-20" type="song">Nr. 3: «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen?» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 48,1-3; EG 325,1-3)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-48" type="song">Nr. 237, Strophen 6 und 7 aus dem Lied «Wie schön leuchtet der Morgenstern» von <persName ref="kbga-actors-4872">Ph. Nicolai</persName> 
              (= mit erheblichen Textabweichungen gegenüber GERS [1952] 255,6-7; EG 70,6-7)</bibl>
          </listBibl>
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  </text>
</TEI>
