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I.
244 Zunächst also einfach ein Referat über den Inhalt der ersten 40 Seiten der uns neu
geschenkten Dogmatik-Diktate, ergänzt und erklärt aus Herrmanns sonstigen Schriften und gelegentlich
aus meinem im S. S. 1908 nachgeschriebenen Kollegheft36.
1. Die Aufgabe der Dogmatikh besteht im Aufweis des Allgemeingültigen an der von der Gemeinschaft der Christen vertretenen
Religion (§ 137 [S. 1f.]), in der «Erzeugung einer
normativen («reinen») Lehre».i Die Gemeinde bedarf
dieses Nachweises zu ihrem «Schutz», nach außen: weil sie sich inmitten einer
wachsenden Kultur behaupten soll (§ 1 und 23 [S. 1.37]), nach innen: um nicht zu
verfallen und weil jedes ihrer Glieder danach verlangt, seinen geistigen Besitz
auch in den andern anzuschauenj (§ 23). Die Schwierigkeit dieses
Aufweises besteht darin, daß |557 Religion nicht wie
Wissenschaft und Sittlichkeit eine allgemein zugängliche Voraussetzung ist,
sondern ein besonderer individueller Lebensbesitz einzelner Menschen (§ 2 [S. 2f.]). Ein unübertragbares Individuelles ist in ihr mit dem Allgemeingültigen
verbunden.k Aber auch zur wirklichen
Erkenntnis der Gegenstände der Geschichtswissenschaft kommt es
ja nur auf dem Weg beteiligten Erlebens. Der durch die Schule
Rankes gegangene42 Historiker weiß, «daß der wesentliche Gehalt der Geschichte nur von dem
erfaßt wird, dem die Personen zu Offenbarungen werden, die er selbst erlebt»l (§ 3 [S. 3f.]). An dieser
bedingten Allgemein245gültigkeit der Historie
partizipiert die Dogmatik. Sie soll und kann 1. jedem Menschen zum Bewußtsein
bringen, daß das Suchen nach Religion ein unabweisbares Element auch seines
individuellen Lebens ist, 2. jedem irgendwie religiösen Menschen die christliche
Religion wenigstens in sich verständlich machen, 3. jedem Christen vor Augen
halten, wie er Religion gefunden hat. Der Entstehung der
Religion ist jenes Allgemeingültige eigen, das die Dogmatik aufweist.
Neben dieser eigentlichen hat sie dann auch eine sozusagen uneigentliche Aufgabe.
Hier würde die Dogmatik II eingreifen. Der an der Offenbarung entstehende Glaube
ist das neue Leben des Christen. Dieses spricht sich aus in bestimmten Gedanken.m Diese Gedanken zu entwic|558keln
ist die zweite, sekundäre Aufgabe der Dogmatik. Aber hier kann und darf sie keine
Allgemeingültigkeit, keine Normativität in Anspruch nehmen. Weder nach außen: «Die
Formen dieses neuen Lebens sind Gedanken und Motive, die in solcher Weise nur in
dem durch Gott befreiten Menschen wahr und wirksam sein können» (§ 23 [S. 37]).
«Für den Ungläubigen ihre Wahrheit zu erweisen, ist nicht möglich».n Noch nach
innen: «Die Lehre, die […] aus dem Glauben stammt, hat notwendig eine unermeßliche
Mannigfaltigkeit. … Andere sehen anderes und sollen das, weil sie wahrhaftig sein
sollen, auch anders aussprechen».o «Da hat jeder Lebendige seine eigene
Weise.»p
559 246 Es leuchtet ein, daß die Dogmatik unter diesen Umständen gerade in ihrem
eigentlichen Teil gar nicht und in dem Supplement über die unverbindlichen
Glaubensgedanken nur durch (grundsätzlich zufälliges!) sachliches Zusammentreffen
Dogmatik im Sinn einer Wissenschaft von den Dogmen sein kann. «Die Idee des Dogmas
als eines einheitlichen Lehrgesetzes ist dem Wirken des heiligen Geistes
zuwider.»q Wird der Name «Dogmatik» beibehalten,
so «geschieht es nur, weil wir, wie die ältere Dogmatik, den
christlichen Glauben nach Grund und Inhalt darstellen wollen und es unzweckmäßig
ist, ohne Not einen alten Namen fallen zu lassen» (§ 1 [S. 2]).
2. Bevor jene erste und eigentliche Aufgabe der Dogmatik in Angriff genommen
werden kann, ist polemische Sicherung nötig gegen eine Reihe von Mißverständnissen. Herrmann
faßt sie zusammen unter den Begriff «Die intellektualistische Auffassung von
Religion»49.
Religion ist die, wie wir nachher hören werden, in sich selbst begründete, nur als
wunderbare «geschichtliche» Tatsache anschaulich zu machende Fähigkeit, in
Ereignissen Handlungen eines Gottes zu sehen (§ 4 [S. 5]). Anders formuliert: «Den
als nachweisbar wirklich erfaßten Objekten gegenüber muß es sich entscheiden, ob
sich das Subjekt in einem Leben, das es für sich allein hat, oder in einem ‹innern
Leben ›behaupten kann. Das Erwachen des Individuums zu einem für es selbst
begründeten Bewußtsein eines solchen eigenen Lebens ist die Religion».r Wie kommt der Mensch zu dieser
«Fähigkeit», zu diesem «Erwachen»? – das ist das Problem der Dogmatik (§ 4–5 [S. 5]). – Es kommt nicht dazu auf dem in den bekannten
Gottesbeweisen betretenen Weg wissenschaftli|560cher Welterkenntnis. Der jenen Beweisen zugrunde
liegende Gedanke: Gott der Herr über allem! ist kraftvoll nur als Gedanke der
Religion selbst, nicht als Weg zur Religion. Auch der beachtlichste unter den
Gottesbeweisen, der kosmologische, führt nicht weiter als auf die Idee der
Gesetzmäßigkeit alles in Raum und 247 Zeit
Wirklichen. «Das Überweltliche, dem in unseren Tagen wieder die Naturforscher auf
die Spur kommen wollen, hat man mit den Entdeckungen des Spiritismus
zusammenzustellen, die, wenn etwas daran sein sollte, ohne Zweifel noch lange
Indianer in Aufregung versetzen können, aber für die Kulturmenschheit nichts
anderes bedeuten können als eine Erweiterung der Welt.» Theologen, die sich mit
einer solchen Metaphysik oder Naturwissenschaft verbinden, verraten die Sache, die
sie vertreten sollen.s «Ein bewiesener Gott ist Welt, und ein
Gott, der Welt ist, [ist] ein Götze.»t Gewiß hat der Glaube «die volle Würde der Erkenntnis»54, aber die
Wirklichkeit, mit der er es zu tun hat, muß jeder einzelne für sich erleben.
Unwiderlegbar durch die Wissenschaft, der wahren Wissenschaft sich freuend55/u, bringt er der falschen Wissenschaft, die ihn beweisen |561 will, den Tod. Sein Gott ist weder «nachweisbar» Wirklichkeit noch
auch nur Möglichkeit, und das ist kein Mangel, das muß so sein, weil er Gott und
nicht Welt ist. «Er wird nicht erkannt wie ein totes Ding. Denn an ihm ist nichts,
was nicht Leben wäre. Er wird also nur erkannt, wo er sein Leben offenbart, und es
ist seine Sache, wo und wem er es offenbaren will»v (§ 6 [S. 5–7]).
Der zweite ungangbare Weg zur Religion ist der Versuch ihrer Darstellung als
tiefstes
Motiv des menschlichen
Geisteslebens, wie Herrmann ihn bei Julius Kaftan unternommen sieht, auch dann nicht [gangbar],
wenn man darunter mit Eucken die Richtung auf ein wahrhaftiges, also
selbständiges persönliches Leben versteht und in ihr die tatsächliche Einwirkung
einer Überwelt zu erkennen meint. Denn wenn die Kaftansche Fassung dieses Gedankens die Religion dem Feuerbachschen Verdacht aussetzt, ihre 248 Gedanken möchten zwar schön, aber nicht wahr
sein, so ist gegen den in dieser Hinsicht vorsichtigeren Eucken zu sagen, daß er die religiöse
Überzeugung mit Gedanken begründet, die selber bereits Ausdruck religiöser
Überzeugung sind. Es ist das Unternehmen einer Religionsphilosophie als solches
und überhaupt, das damit in seinem Unwert erkannt ist. Was wir als
Religionsphilosophie kennen, kommt darauf hinaus, «daß Gedanken der Religion, die
von Theologen entwickelt waren, so lange und künstlich bearbeitet werden, bis sie
sich harmlosen Menschen als Erzeugnisse der Wissenschaft vorweisen lassen»w. Wir können uns
«durch die Bemühungen, der Religion den Philosophenmantel umzuhängen, nicht
gefördert fühlen. Solche Pracht müssen wir der römischen Kirche überlassen».x Das
gilt auch gegenüber der erkenntnistheoretischen Wendung
desselben Unterneh|562mens bei Troeltsch. Zur Verankerung
der Religion in der Vernunft, zur Behauptung der Wahrheit in der Wirklichkeit der
religiösen Erfahrungy, zur Umdeutung der psychischen Zuständlichkeit eines «Präsenzgefühls» in
ein religiöses «Apriori» gibt es («die von Troeltsch proklamierte Religionsphilosophie mag sonst sehr
interessant sein») keine wissenschaftliche Möglichkeit. Fruchtbar können die
religiösen Einsichten, von denen dieses Unternehmen schließlich getragen ist, nur
auf ihrem eigenen Boden seinz (§ 7 [S. 7–9]).
Eine dritte Abgrenzung ist nötig gegenüber Kants Auffassung, wonach Moral, sittlicher Idealismus oder Ernst es wäre, was unumgänglich zur
Religion führt. Wozu zu sagen ist, daß in der Tat im Akt sittlicher Überzeugung
die Macht des Guten als Macht über allem, also als Macht Gottes, die Freiheit des
Willens als wirklich, ein das Gute vollbringendes Selbst als vor249handen gedacht wird. Wogegen aber mit
Cohen und Natorp zu erinnern
wäre, daß die Beziehung des Menschen zu diesem Gedachten nie etwas anderes sein
kann als immer sich erneuernder sittlicher Ernst, so daß
Religion sich doch nur immer wieder auflösen könnte in Sittlichkeit oder aber zu
verstehen wäre als ein diese begleitendes, aber durchaus gegenstandsloses
Lebensgefühl. Gegen Kant wie gegen die
Neu-Kantianer ist nun aber zu
bemerken, daß die Voraussetzung jenes «Denkens» ein Erleben jenes Gedachten in der Verborgenheit des Individuums ist. «Der
sittlich kämpfende Wille eines Menschen |563 steht unter
einem Druck, den er selbst nicht überwinden könnte, den er nur los wird durch
einen bestimmten Gehalt seiner […] Erlebnisse. Zum Schaden der Sache gehen
Cohen und Natorp über den Hinweis auf diese Lage des
Menschen zu leicht hinweg.»aa
Wahre Religion trägt die Energie des sittlichen Willens in sich, sie verbindet
sich notwendig mit sittlichem Wollen, sie will selber sittliches Wollen sein, sie
ist aber weder von ihm erzeugt (Kant),
noch mit ihm identisch (Cohen), noch ist
sie jenes begleitende gegenstandslose Gefühl (Natorp), sondern sie hat neben jenem ihre eigene Wurzel und ihr
eigenes Lebenab (§ 8 [S. 9–11]).
Der vierte Gegner ist der Schleiermacher der Glaubenslehre und der Dialektik.
Religion soll nach ihm gegebene Wirklichkeit sein in dem als Einheit des
Selbstbewußtseins von Wissen und Wollen unterschiedenen rein subjektiven Gefühl
schlechthiniger Abhängigkeit. Dreierlei ist gegen diese Lehre des «großen
Mannes»ac zu sagen. 1. Gegen die Gegebenheit dieses Gefühls: Mit
dem christlichen Glauben jedenfalls steht es so, wie es Paulus
Phil. 3,12 und wie es
die Bitte: Dein Reich komme [Mt. 6,10] beschreibt; es ist kein
gegebener, vorhandener Gemütszustand, sondern ein beständiges Suchen und
Neuwerden, ein immer voll|564kommeneres Erleben
dessen, was 250 ihn geboren hat.ad 2. Gegen die Gegenstandslosigkeit,
das reine In-sich-selbst-Sein dieses Gefühls: der christliche Glaube lebt von der
Offenbarung. Er bedarf des immer neuen Verweilens bei der Macht, die ihn erzeugt.ae 3. Gegen seine
Beschreibung als Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit: Es ist
wohl Tatsache, daß wir uns in der Welt des nachweisbar Wirklichen lebendig
begraben fühlen, aber ein Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit
ist das gerade nicht. Der sittlich lebendige Mensch ist von der
über ihm zusam|565menbrechenden Welt nicht abhängig: «impavidum ferient ruinae»69. In der Religion aber ist er ganz und wirklich abhängig: im
Erlebnis freier Hingabe. Was Schleiermacher Gott nennt, ist das Schicksalaf (§ 9 [S. 11f.]).
Das Gemeinsame an allen diesen Versuchen, dem metaphysischen, dem
religionsphilosophischen, dem ethisch-idealistischen und dem Schleiermacherschenag, besteht darin, daß dabei die Religion auf etwas anderes zurückgeführt und
so vor dem Forum der Wissenschaft erklärt, gerechtfertigt, begründet werden soll.
Insofern sind sie alle «intellektualistisch» und abzuweisen.
3. Von der in sich selbst begründeten Wirklichkeit der Religion als
«geschichtliche Tatsache»72 ist nun zu reden. Im Gegensatz
zum alten der junge Schleiermacher der «Reden»ah ist zu hören mit seiner Auffas|566sung der Religion: formell als einer 251 geschichtlichen, d. h. nur bei einzelnen Menschen
auftretenden und anzuschauenden Erscheinung eines verborgenen Lebens der Seele,
inhaltlich als der zur Wahrheit kommenden Existenz des
Menschen, als individuelles Lebendigwerden in einer eigentümlichen Art, in der
gesamten Wirklichkeit Eines zu erleben, aus allen den Menschen berührenden
Ereignissen eine einzige lebendige Macht zu seiner Seele reden zu hören (§ 10 [S. 12–15]).
Es gibt aber einen Weg zu dieser verborgenen Wirklichkeit. Seine
neben der nachweisbaren Gesetzmäßigkeit der Natur und dem nachweisbaren Ziel eines
wahrhaftigen Wollens leicht übersehene Allgemeingültigkeit besteht in der
Notwendigkeit und – Undurchführbarkeit gerade des Gedankens des Individuums. Der Mensch, für den jenes anerkannt Allgemeine gültig ist,
ist ja der einzelne Mensch. Was bedeutet das? Er selbst soll wahrhaftig wollen; er selbst muß wissen um eine Wirklichkeit, die jeden
Augenblick die Negation dieser Möglichkeit bedeutet. Also: er
selbst muß sich die Paradoxie seiner eigenen Lage eingestehen, ohne sich
doch durch Resignation oder durch Zerstreuung (die «eigentliche Gottlosigkeit»)
darüber hinwegtrösten zu dürfen. Er muß, dem Reich der Wahrheit und dem Reich der
Wirklichkeit gleich sehr angehörend, ausschauen nach der Macht des Guten, nach dem Guten als Macht, in dessen Kraft er das
vorausgesetzte Selbst, ein Individuum erst werden müßte. «Durch diese Forderung
der Wahrhaftigkeit hängt die Religion mit der Ethik und der Logik zusammen. Darin
ist sie Rationalismus (sic). Sie ist vernünftig, denn es ist offenbar
unvernünftig, der Behauptung eines eigenen Lebens sich zu überlassen, aber die
kritische Frage nicht zu stellen, was dazu ein Recht gebe und uns über ein Leben
im |567 Schein erhebe».ai Das
Ziel dieses allgemeingültigen, als unausweichlich einzusehenden Weges, die Antwort
auf diese kritische Frage ist das verborgene individuelle Leben der Religionaj (§ 11 [S. 15f.]).
Aber diese Antwort kann der Mensch sich nicht selbst geben. Sie 252 muß als «Macht» in «unwiderstehlicher Wirklichkeit»
«über ihn kommen».ak Es handelt sich um Gott in der Religion, um den, der uns erlöst aus jenem
für uns selbst unüberwindlichen Zwiespalt. «Verstehen wir das unter Gott, eine
Macht, die so auf uns wirkt, daß wir in dieser Erfahrung die Kraft zur Überwindung
dieser Welt bekommen, dann versteht es sich von selbst, wir können diesen Gott
nicht anders erkennen, als dadurch, daß er sich uns selbst
offenbart, indem er auf uns wirkt».al Und es
muß das Erlebnis dieser Offenbarung, soll es wirklich das Ziel jenes Weges sein,
reines Erlebnis von Abhängigkeit und Freiheit zugleich, es muß
also die Offenbarung selbst eine Erscheinung sein, die uns demütigt und erhebt, Ehrfurcht und Vertrauen in uns erweckt,
geistige Macht und reine Güte ist (§ 12 [S. 16f.]).
Nach dem Maß der Kraft, mit der diese Erscheinung uns berührt, und des Ernstes unsrer Wahrhaftigkeit, die Dinge (d. h. unsre eigene Lage
und diese Erscheinung) so zu nehmen, wie wir sie sehen, fällt dann in der tiefsten
Verborgenheit unsres individuellen Lebens die Entscheidung darüber, ob wir die in
uns selbst das Leben schaffende Gewalt als leben|568dig behandeln wollenam, d. h. ob Gott uns eine Wirklichkeit, der Herr unsrer
Seele wird. Ist dies der Fall, dann werden wir ihn in allem suchen und finden, was
uns innerlich berührt. «Der Gott, der uns inmitten unsrer Abhängigkeit von dem
Grenzenlosen zu wahrhaftigem Leben bringt, läßt uns damit verstehen, daß er aus
der uns verborgenen Tiefe der Welt, zu der wir gehören, unser Leben als das, was
in ihr herrschen soll, heraufführt. In der reinen Hingabe des Vertrauens liegt der
Hinweis auf die Wirklichkeit, deren das Lebendige Herr wird».an
Das ist das «religiöse Erlebnis» mit dem Religion in uns
verwirklicht und unser Leben ein Leben in Wahrheit wird (§ 13 [S. 17–19]).
Wir befinden uns auf dem Höhepunkt des Herrmannschen Ge253dankengangs.
Als ich in Marburg hörte, wurde dieser Höhepunkt noch durch drei §§ apologetischen Inhalts gesichert: der erste handelte von der Religion als
Wahrheit gegenüber dem Vorwurf des Illusionismus, der zweite von dem positiven
Zusammenhang von Religion und Sittlichkeit, der dritte von der Religion als der
allein möglichen einheitlichen Auffassung des Wirklichen. Der spurlose Wegfall
dieser §§ in der spätem Fassung wird wohl nicht Zufall, sondern echtester Herrmann
sein. Apologetik ist für ihn eine subalterne, nur zum Verschwinden bestimmte
Angelegenheit. «Gotteserkenntnis ist der wehrlose Ausdruck des
religiösen Erlebens.»ao Die Front, gegen die sich sein Religions- und Offenbarungsbegriff richtet,
ist nicht, oder nur mit überlegener Ironie gelegentlich begrüßt,
das Anti-Christentum der modernen Philosophie, Naturund Geschichtswissenschaft.
Der Feind steht rechts, in der christlichen Theologie selbst.
Seiner und nur seiner Abschüttelung ist der jetzige |569
Schluß des entscheidenden 3. Kapitels der Herrmannschen Prinzipienlehre gewidmet.
Offenbarung ist das Ereignis, das uns selbst vor die Wirklichkeit Gottes stellt.
Im Gegensatz zu dieser «reinen» Lehre stehen der Traditionalismus, der Rationalismus, die Mystik. Der spezielle brennende
Zorn Herrmanns richtet sich gegen den ersten von diesen dreien. Offenbarung kann
nicht sein die Überlieferung von gläubigen Gedanken anderer und Glaube nicht das
Jasagen dazu. Gewiß kommt Offenbarung in der Überlieferung zum Ausdruck, aber
Religion begründet sie erst dadurch, daß sie in uns selbst religiöse Überzeugung
schafft. Kaum ein Gedanke, der bei Herrmann so häufig und so leidenschaftlich
auftritt wie dieser.83 An diesem Punkte mußte auch der blödeste Zuhörer oder Leser merken, was er
wollte und nicht wollte. Was er gegen Generalsuperintendenten, Konsistorien,
«positive» Theologen usf., die sich hier verfehlten, zu erinnern wußte, das ist
nicht zu sagen. «Römisches Christentum»84 verkörperte sich
ihm in dem Irrtum, daß Offenbarung Lehre sei. «Unwahrhaftigkeit»85,
«Unsittlichkeit»86, 254 «Sünde»87, «Verlei|570tung zum Bösen»88, kein Ausdruck ist ihm zu seiner Kennzeichnung zu scharf
gewesen. Von seinem verehrten Lehrer, dem «großen» Theologen Ritschl, hat er sich um
dieser Sache willen schließlich geschieden gewußt.ap Witterte
er diesen Feind, und er war immer und überall auf der Wache gegen ihn, dann kam es
ihm nicht darauf an, ausgerechnet Troeltsch nachzusagen, daß er gewiß «nur zu geschmackvoll»
sei, um sich selbst die Dekoration «positiv» beizulegenaq, und ausgerechnet Bousset in dürren Worten
«orthodoxer Beschränktheit» zu zeihen.ar Man kann damit rechnen: wo immer Herrmann auf das Problem der Offenbarung zu
reden kommt, da ist ihm diese Abgrenzung: sie ist nicht Lehre!
dringlicher als alles andre.as Die beiden andern Gegner sind Ra|571tionalismus und Mystik: Offenbarung ist nicht identisch mit Vernunft, denn als «ewige Wahrheit» oder als Erzeugnis unsres Denkens
läßt sich der uns rettende Vorgang nicht verstehen, nicht identisch endlich mit
der mystischen Gefühlserregung; denn nicht als Abwendung von,
sondern als Zuwendung zu der sich uns aufdringenden von uns selbst
verschiedenen Wirklichkeit versteht die Religion sich selber.at Es liegt
unverkennbar weniger Nachdruck Auf diesen Abgrenzungen, wie
sie denn auch über die Polemik des 2. Kapitels sachlich nicht hinausführen (§ 14 [S. 19–21]).
4. Der letzte Schritt ist die Anwendung dieses Religionsbegriffs auf das
Christentum. Die Befreiung des Menschen zu reinem Vertrauen, das religiöse
Erlebnis als solches, ist etwas Unbeschreibliches, darstellbar nur in der
Unerschöpflichkeit wahrhaftigen Lebens.au Sein Grund aber
ist namhaft zu machen. 255 Er muß, handelt es
sich anders um dieses Erlebnis, in der Geschichte liegen, in dem «von uns erlebten Faktum eines wunderbaren Menschen»»av bestehen, in welchem jenes erlösende
Paradox von Hoheit und Güte zur Erscheinung kommt. Irgend ein Mensch unsrer
Umgebung könnte uns sein – und ist uns vielleicht auch – dieser «wunderbare»
Mensch. Es gibt, im Unterschied zur geschriebenen, eine lebendige Überlieferung, bestehend in Personen, die in diesem Sinn Zeugen
der Wirklichkeit Gottes sind.aw Aber nun treffen
so und so viele Menschen darin zusammen, daß sie jene Erscheinung «reiner und
kräftiger» als sonstwo und schließlich einzigartig in der «geistigen
Person», |572 dem «innern Leben»
Jesu gefunden zu haben gewiß sind. Das ist ein wenn auch nicht jedermann
in seiner Bedeutung offenkundiges, so doch jedermann zugängliches Faktum, ebenso
zu unsrer eigenen konkreten Wirklichkeit gehörig «wie der Rock, den wir anziehen,
und das Haus, das wir bewohnen».ax Das
innere Leben Jesu ist die Heilstatsache.ay Die Menschen, für die
dieser Satz gilt, konstituieren die christliche Gemeinde. Jesus wird ihnen ein
Element ihres innern Lebens, wie die Überlieferung von ihm ein Element ihres
äußern Lebens bereits istaz (§ 15 [S. 22]).
Wie geht das zu? «Wir sollen zunächst nicht an Jesus glauben, sondern ihn einfach
sehen wollen.»ba Das Reich
Gottes, das Jesus nach den Synoptikern bringt, ist das seligmachende
Wunder der Herrschaft Gottes im Menschen selbst, bestehend in der Begründung des
sittlich Guten in ihm, d. h. seiner (in jenem Konflikt triumphierenden)
Selbständigkeit in einem auf Gemeinschaft gerichteten Wollenbb (§ 16 [S. 22–25]).
Dieses «Reich Gottes» bringt Jesus, d. h. er 256
gibt es den Seinen, daß Gott in ihrer Seele
herrscht: Er sagt den durch seine Erscheinung Erschütterten,
ihre Sünden seien ihnen vergeben, und darum und insofern schreibt er sich selbst
die Würde des Messias zu (§ 17 [S. 26f.]).
Soll nun die Person Jesu zur reinen Erscheinung der Macht Gottes auch für uns werden, dann muß er zu einer von uns selbst erlebten Tatsa|573che werden. Die neutestamentlichen Berichte
über ihn, auch die über seine Wunder, seine Auferstehung usf., ja gerade diese,
sind dazu an sich unvermögend. «Heilstatsache für einen Menschen kann nur das
sein, was sich ihm als wirklich aufdrängt, was er also nicht erst zu ‹glauben›
braucht, sondern einfach als wirklich anschaut».bc Aber auch «die historische Forschung
kann uns nicht vor den Erlöser Jesus Christus stellen. Sie kann uns nicht […]
helfen, den geschichtlichen Christus zu finden, von dem Christen behaupten, daß er
ihre Rettung sei.»bd Das
«innere» oder «geistige» Leben Jesu, um dessen Anschauung es geht, ist «nicht
irgendein Minimum des historisch Beweisbaren»be, sondern eine Tatsache, «in deren Erleben man die eigene
Existenz mit dem Allgewaltigen verbunden sieht».bf Es
ist, so meine ich Herrmanns Lehre darüber zusammenfassen zu dürfen, von hinten
betrachtet ein die kritisch oder unkritisch gewürdigte Überlieferung wie ein
Transparent unwiderstehlich durchleuchtendes Licht, von vorne betrachtet der
Gegenstand einer dasselbe Medium benützenden und durchbrechenden unmittelbaren
Erfahrung, einer Intuitionbg, wobei man die Souveränität dieses doppel|574ten Geschehens über jedes bloß historische Urteil
gar 257 nicht prinzipiell genug auffassen kann.
Historikerbh, die etwa mit ihren Entdeckungen das Leben unseres Glaubens berühren zu
können wähnten, würden uns «zu komischen Personen werden»bi (§ 18 [S. 27–29]).
Ist nun Glaube überhaupt Gehorsam gegen die
Macht, von der wir selbst aus eigener Erfahrung wissen, daß wir im Innersten von
ihr abhängenbj, so sind wir Christen davon überzeugt, daß diese Macht uns mehr als durch
alles andere darin offenbar wird, daß wir «die Gewalt der Person Jesu» über uns
erfahren. Glaube ist (ja nicht «bloßes Annehmenwollen von Lehren»!!, sondern) die
Kraft zur innern Überwindung der Verhältnisse, von denen wir äußerlich abhängig
sind, als solche Gottes Gabe und doch zugleich Werk unsres Gehorsams,
Wahrhaftigkeit, sofern er sich gründet auf die Besinnung auf das Wichtigste in der
Wirklichkeit, in unserm Leben. Eine sozusagen letztwillige Zusammenfassung dessen,
was er unter «Verkehr der Christen mit Gott» verstanden haben wollte, hat Herrmann
in seiner Auseinandersetzung mit Emil
Weber gegeben: «Ich war von dem Gedanken ausgegangen, daß
unser Verkehr mit Gott nur daraus erwachsen kann, daß er selbst sich von uns in
der Wirklichkeit finden läßt, in die er uns stellt. Was Andere uns über Gott sagen
mögen, hilft uns nur dann, wenn es uns zur Besinnung auf das bringt, was uns in
unsern eigenen Erlebnissen gegeben ist. Diesen Dienst können und müssen andere
Menschen uns leisten. Ohne solche Hilfe blieben wir in Äußerlichkeiten befangen,
von dem darin verborgenen Nahekommen Gottes merkten wir nichts. Einer Erziehung
durch menschliche Güte und Treue bedürfen wir alle. Es scheint auch, als würden
uns die Organe für die Herrlichkeit der Natur erst dadurch geöff|575net, daß wir Andere von ihr ergriffen sehen. 258 Wird das Nahen Gottes zum Menschen so durch Menschen
vermittelt, so vollzieht es sich in der Geschichte, die wir selbst erleben. Gott
erlöst uns, indem er sich von uns finden läßt. Aber wir Christen glauben sagen zu
dürfen, daß Jesus Christus unser Erlöser ist, und wollen damit gewiß nicht davon
lassen, daß Gott allein durch sein Nahen uns erlöst. Die christliche Gemeinde
meint also ohne Zweifel, daß in der Person Jesu so wie nirgends sonst die
Wirklichkeit Gottes uns faßbar wird. … Das Bewußtsein, daß wir das an Jesu haben,
nennen wir unsern Glauben an ihn. Solcher Glaube wird von uns erlebt als die
Gewißheit von der uns überwältigenden Wirklichkeit einer schöpferischen
Geistesmacht. Es ist undenkbar, daß wir uns das durch unser eigenes Bemühen
verschaffen könnten. Trotzdem wird solcher Glaube als unsere persönliche
Entscheidung in uns lebendig. Er ist neue Schöpfung Gottes und zugleich die von
uns geforderte Sinnesänderung oder Bekehrung.»bk (§ 19 [S. 29–31]).
Wir nähern uns dem Schluß der Herrmannschen Prinzipienlehre. Es erfolgt zunächst
der eigentliche Generalsturm gegen die lehrgesetzliche
Auffassung der Offenbarung und des Glaubens. Er ist (nach dem Gedruckten gegenüber
meinem Kollegheft) im letzten Jahrzehnt unverkennbar noch heftiger geworden.
Herrmann hat von seiner eigenen Fragestellung aus in der bekannten orthodoxen
Beschreibung des Glaubens als notitia, assensus, fiducia eine
psychologisch-genetische Darstellung, ja eine seelsorgerlich-technische Anweisung
zur Erzeugung des Glaubensvorgangs gesehen. Nicht genug kann er darum die
Vorordnung des assensus vor die fiducia verurteilen: Es ist sinnlos, daß ein Akt
des alten, unerneuerten Menschen, das intellektuelle Ja-Sagen zu Lehren der Hl.
Schrift oder der Kirche der Ursprung des erneuernden Glaubens, der fides salvifica
sein, daß eine Sünde, die Sünde gegen die Wahrhaftigkeit, die Bedingung zur
Begnadigung des Sünders sein soll, daß eine durch eigene Anstrengung den Sinnen
und dem Verstand entgegengestellte Behauptung, ein Werk also, Glaube heißen soll.
259 Wo bleibt da |576
das sola fide?bl In der so verstandenen Lehre vom
assensus meinte Herrmann den
eigentlichen Abfall der Orthodoxie von Lutherbm
und bis auf die Gegenwart (unbeirrt durch den z. B. von Ihmels erhobenen Einspruch gegen
diese Deutung) «eine schreckliche Wirklichkeit in unsrer Kirche», für ihn
unverkennbar das Übel aller Übel, zu sehenbn (§ 20 [S. 31–34]).
Demgegenüber nun Herrmanns Lehre von der Hl. Schrift. Es wird
kein Zufall sein, sondern mit der vorhin festgestellten Verschärfung im
Zusammenhang stehen, daß des Positiven, das über die Autorität der Bibel gesagt
wird, in den gedruckten Diktaten im Verhältnis zu 1908 weniger geworden ist. Der
Schlußsatz der früheren Fassung111 lautete: «Je mehr wir mit der Hl. Schrift verkehren, um so mehr
gewinnen wir die Überzeugung, daß hier mehr als irgendwo sonst das durch Gott
befreite persönliche Leben der Menschen oder der Glaube zum Ausdruck |577 kommt.» Was die jetzt vorliegenden §§ 21–22 [S. 34f.
35–37] bieten, sind genau betrachtet fast lauter Vorbehalte, mit
denen dieser Satz umgeben wird. Ahnte man früher noch etwas von der Korrelation,
die Herrmann in der «Ethik» so formulierte: «Wir
können nicht leben ohne den Halt einer Autorität, und wir leben nicht
wahrhaftig112, wenn wir nicht
selbständig sind»bo, so ist eine starke Überbetonung
zugunsten der zweiten Hälfte dieses Satzes jetzt kaum zu verkennen: «Aus dem, was
wir an ihr erleben113, erwächst unser Glaube an die
Bibel» [S. 36], so lautet jetzt die Quintessenz von Herrmanns positiver Ansicht,
ohne daß ein entsprechendes Gegengewicht vorhanden wäre, und das Ganze läuft aus
in eine Bekämpfung der Inspirationslehre mit der Begründung, sie sei 1. entstanden, als man nicht mehr mit Luther «in einem bestimmten Inhalt der Bibel» [ebd.]bp ihren Offenbarungs260charakter zu
begründen wußte, und sie sei 2. schon durch die von der Textkritik festgestellte
Mannigfaltigkeit der Lesarten unhaltbar geworden. Man ist deshalb nicht recht
darauf vorbereitet, in § 23 [S. 37–39] nun doch eine Bestimmung zu finden, wonach
die Dogmatik nicht, wie die Erlanger wollten, aus dem Glauben
des betreffenden Theologen, sondern aus der Hl. Schrift die
Erkenntnis der dem natürlichen Menschen verborgenen, dem Glauben sich enthüllenden
Wirklichkeit zu gewinnen habe. Und diese plötzlich gegen links sich richtende
Polemik ist seit 1908 neu hinzugekommen! Also wäre die vorhin
naheliegende Vermutung einer Linksentwicklung Herrmanns doch falsch? Aber sie war
doch dort |578 kaum zu leugnen! Oder hat er sich
gleichzeitig nach links und rechts entwickelt? Heißt es nicht
eine Seite später doch wieder, «daß die christliche Lehre tatsächlich nur als Ausdruck neuen persönlichen Lebens zu verstehen ist»?!115 Ich wollte wohl einmal
einen einwandfrei echten Herrmann-Schüler diese letzten Paragraphen kommentieren hören. Meine
Ansicht ist die, daß die Konsequenz der Herrmannschen Lehre
gerade in diesen Inkonsequenzen handgreiflich wird.
II.
Bis hierher Origenes-Herrmann. Nun also
der Mann, der nach empfangenem Unterricht κατὰ
σάρκα Abschied nehmen muß und doch, κατὰ πνεῦμα durchaus nicht Abschied nehmen
will, Gregorius
Thaumaturgus. Ich möchte zeigen, in welcher Richtung ich die Konsequenz der Theologie Herrmanns suche. Ich vermisse
sie bei ihm selbst nicht nur an dem zuletzt genannten Punkte.
Beginnen wir mit einer kleinen Synopse. Der allerletzte Absatz von Herrmanns
Dogmatik, im § 58 über die Trinitätslehre, lautete:
| W. S. 1907/08.116 |
W. S. 1915/16.117 |
| «Die religiöse Erkenntnis des Christen beginnt mit der Auffassung
offenbarer Tatsachen 261 in ihrer das
Gewissen treffenden Kraft, aber sie endigt mit dem Geständnis, daß der
Gott, dessen innerstes Wesen uns als Liebe offenbar geworden ist, uns
dennoch ein Gott bleibt, der in unzugänglichem Lichte thront, 1.Tim. 6,16.
Die Trinitätslehre hat deshalb eine hohe Bedeutung, weil sie uns daran
erinnert, daß der Gott, der uns durch sich selbst ewiges Leben gibt,
unerschöpflich sein muß und deshalb ein unermeßliches Geheimnis.» |
«Durch die Trinitätslehre werden wir daran erinnert, daß wir nur dann in der 261 Gemeinschaft mit Gott
ewiges Leben finden können, wenn er uns unerschöpflich bleibt,
also ein ewiges Geheimnis. Der Weg zur christlichen Religion ist der
unbedingte Wille zur Wahrheit oder zur Unterwerfung unter die Tatsachen,
die wir selbst erfahren. Aber ihr Anfang und Ende ist
trotzdem die Demütigung des Menschen vor dem
Unerforschlichen. 1.Tim. 6,16: ‹Gott |579 wohnt in einem
Lichte, da Niemand zukommen kann, welchen kein Mensch gesehen hat noch
sehen kann.›» |
Die Veränderung besteht dann, daß, vor allem durch die wörtliche Anführung der
Bibelstelle, der Grundgedanke: «Gott ist Geheimnis» noch stärker erklingt. Aus dem
«sie endigt» ist geworden: «ihr Anfang und Ende», aus dem «Geständnis»: die
«Demütigung des Menschen», und unser Finden des ewigen Lebens in der Gemeinschaft
mit Gott ist mit der Anerkennung des ganzen Sachverhalts ausdrücklicher verknüpft
worden. Eine geringfügige Verschiebung, wie es scheint, aber sie beleuchtet die
Bewegung des Herrmannschen Denkens in
diesem Absatz. Was passiert hier? Es gibt kein Wort, das für die Herrmannsche
Theologie bezeichnender ist als das Wörtchen «selbst». Sie steht
und fällt mit den Artikeln, daß der Mensch «selbst» wollen sollte und nicht kann
und sodann die Offenbarung «selbst» erleben oder erfahren muß. Hier aber,
unmittelbar vor Torschluß, wird uns gesagt, daß nicht nur am Ende, sondern auch am
Anfang der so verstandenen «Unterwerfung» unter die «Tatsachen» noch eine ganz
andere «Unterwerfung», eine Demütigung des 262 Menschen stattfinden müsse gegenüber dem «ewigen
Geheimnis», das Gott uns «bleiben» müsse und zwar bei Gefahr des Verlustes des
ewigen Lebens, das uns doch zuvor in der auf jener ersten Unterwerfung beruhenden
Gemeinschaft mit demselben Gott gesichert schien. Das heißt aber: Das Wörtlein
«selbst» scheint nun auf einmal doch kein letztes Wort dieser Theologie118 zu sein. Und die
Lehre vom «Weg zur Religion»119, die
sich um dieses Wörtlein kristallisiert, scheint nun auf einmal in Frage gestellt, nicht von der Welt aus, ihr gegenüber hat sie sich ja als
«allgemeingültig», so gut es ging, legitimiert, wohl aber – und ist dies nicht
viel gefährlicher? – von Gott aus. Die Realisierung unsrer Lebensgemeinschaft mit
ihm hängt an dieser zweiten, ganz ändern «Unterwerfung», die mit der ersten, der
«Unterwerfung» unter das «Selbst»-Erfahrene (vom Gewissen, von der Liebe Gottes
war hier in der älteren Fassung die Rede) gar nichts zu tun hat. Herrmann weiß:
das Geheimnis Gottes, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist «erfährt» man |580 eben nicht. «Auch wo er sich offenbart, bleibt Gott im
Dunkel wohnen.»bq Und doch ist gerade die Anerkennung dieses Geheimnisses keineswegs, wie man, 1001 mal die
bekannte Melanchthonstelle von den «beneficia Christi»121
zitierend, gemeint hat, ein Luxus, der auch unterbleiben kann, sondern (das sagt
Herrmann, nicht ich!) der Anfang und das Ende des «Wegs zur Religion»,
und die Unbedingtheit unsres Willens zur «Selbst»-Erfahrung ändert gar nichts an
der Notwendigkeit dieses letzten, ausgerechnet bei Anlaß der Trinitätslehre sich
meldenden Vorbehalts, unter die nach Herrmann selbst seine
Grundlehre vom «Weg zur Religion» zu stehen kommt.
Man kann einwenden, daß dieser merkwürdige Absatz bei Herrmann ganz vereinzelt
steht. Das ist richtig. Ich habe mich wenigstens in seinen andern Schriften
vergeblich nach Parallelen umgesehen. Nichtsdestoweniger steht er da und stellt
uns eine Frage um die andre. Wie hat sich Herrmann das Verhältnis dieses Gedankens
zu seiner übrigen Lehre gedacht? Warum findet er sich nicht in 263 irgend einer Form schon an ihrem «Anfang», wenn er
doch auch dorthin gehört? Müßte zwischen jener merkwürdigen
übergreifenden zweiten «Unterwerfung» und der bekannten ersten nicht sogar eine
durchgehende Beziehung stattfinden? Müßte dann, eben
angesichts ihres übergreifenden primären Charakters, nicht das Ganze der Lehre ein
sehr anderes Gesicht bekommen? Wäre dann nicht z. B. über die Bedeutung der Person
Jesu oder über die Autorität der Bibel noch etwas zu sagen, das jetzt verschwiegen
wird? Der Weg zum Glauben an den Gott, der uns auch in seiner
Offenbarung ewiges Geheimnis ist, – ja was würde das heißen? Sollte dann die
Dogmatik nicht vielmehr vom Wege Gottes zu uns zu reden haben? Aber ich greife
voraus.
581 Man wird mir sagen: Die Trinitätslehre und die merkwürdige Folgerung, die
Herrmann aus ihr gezogen hat, ist ja
nach ihm nur einer von jenen «Glaubensgedanken» des zweiten, supplementären,
unverbindlichen Teils der Dogmatik. Also kann das, was hier gesagt ist, eben doch
nur hier, zu guter Letzt, gesagt sein, eine Wahrheit, an der man sich «freut», von
der man aber keinen Gebrauch machen darf. Das ist wiederum richtig. So hat sehr
wahrscheinlich Herrmann selbst gedacht oder doch zu denken versucht. Aber das fragt sich eben, ob sich das, was hier gesagt ist, wenn es
einmal gedacht und gesagt ist, in dieser Weise unschädlich machen läßt. Man ist
sich freilich in der Theologie unsrer Tage nicht mehr darüber klar, daß es unwiderrufliche Gedanken gibt, die man nicht nachher durch
Erinnerung an ihre subjektive Bedingtheit wieder verharmlosen und neutralisieren
kann. Die angeblich «reformatorische Korrelation von Glaube und Offenbarung», in
der sich Schleiermachersche und
Ritschlsche «Wahrheitsmomente» so
schön vereinigen sollenbr, dazu der
vorwärts- und rückwärtslaufende «religionspsychologische Zirkel»123 in allen Ehren,
aber wenn man einmal daran gedacht hat, daß am Anfang und am Ende des
Spielplatzes, auf dem wir Theologen uns mit diesen Dingen 264 vergnügen, die Majestät des dreieinigen Gottes
|582 steht, der Vater, den niemand sieht
als in dem Sohne, der ihm selbst gleich ist,
durch den Geist, der (noch einmal) ihm selbst gleich ist, – wenn man einmal gedacht hat an die unaufhebbare
Subjektivität Gottes, der exklusiv sich selbst setzt, exklusiv
durch sich selbst erkennbar ist im actus purissimus124 seines
dreifaltigen Personseins – dann hat man daran gedacht und muß daran denken und kann diesen Gedanken nicht
mehr in Klammer setzen als bloßen «Glaubensgedanken». Sondern umgekehrt: der Löwe
zerbricht seinen Käfig, ein ganz anderes «Selbst» ist dann auf den Plan getreten
mit seiner «Wahrhaftigkeit», ein Apriori der sog. Religion wird
sichtbar oberhalb alles Erlebten und Erlebbaren, oberhalb aller Zirkel und Korrelationen, ein Apriori, von dem Troeltsch125 allerdings
nie auch nur geträumt hat, das aber auch nicht mit der gerechten Abschüttelung des
Troeltsch’schen Apriori zu erledigen
ist. In Klammer zu setzen ist dann nicht die Wahrheit dieses «frommen Gedankens»,
sondern die Wahrheit der Lehre vom «Weg zur Religion», und die Frage wird
dringlich, ob die Dogmatik nicht genau dort anfangen müßte, wo sie bei Herrmann aufhört. Herrmann auf dem Papier widerspricht mir natürlich. Aber es gibt auch einen
Herrmann im Himmel, der vielleicht nicht
widerspricht.
Doch genug von diesem Schlußabsatz. Ich habe breitere Gründe als diesen, Herrmann
anders zu verstehen, als er sich selbst verstand. – Lassen Sie uns nun in einer
Reihe von fünf Erwägungen auf das im ersten Teil Vernommene zurückkommen.
583 1. Herrmann hat für seine Lehre vom
«Weg zur Religion» Allgemeingültigkeit in Anspruch genommen. Man
kann diesen Punkt nicht genug beachten. Schon darum, weil eine ganze, sehr
konkrete Seite seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit nur von hier aus
verständlich ist. Von dem unvergeßlichen Herrmannschen Ernst ist
hier ein Wort zu sagen. Wie der allgemeine (selten ohne einen Einschuß von
Fichteschem Hochmut auftretende, aber gewiß in seiner Weise auch respektable) 265 Akademiker- und Gelehrtenernst aussieht, das
kann man in Deutschlands Universitätsstädten auf jeder Straße kennen lernen. Daß
es einmal eine nahezu priesterlich ernste Philosophie gegeben hat und vielleicht
einmal wieder geben wird, das ist uns in Marburg zu Herrmanns Zeit an den
Gestalten eines Cohen126 und Natorp127 eindrücklich geworden. Was einem in Herrmann
begegnete, war weder jenes noch dieses, sondern die Möglichkeit, daß Theologie, nicht nur als Parasit der vierten Fakultät, sondern Theologie
als solche ihren eigenen wissenschaftlichen Ernst haben könnte.
Es war Metall in Herrmanns Stimme – wer ihn gehört hat, hört es aus seiner Schrift
noch heute –, das Metall der prophetischen Mitteilung, die auf einen, freilich verborgenen, Sachverhalt hinweist, um den doch niemand ungestraft herumkommt und zu dessen Erkenntnis es nun eben einer
wissenschaftlichen Theologie bedarf. Diese Möglichkeit war das
eigentümlich Stählende für den theologischen Beruf, das man aus Herrmanns Lehre zu
empfangen meinte. Meinte! Die Möglichkeit! Es ist wahrlich kein Geringeres, daß
uns Herrmann schon diese Möglichkeit wieder gezeigt hat. Es war
eine Verheißung – der dann doch auch eine gewisse Enttäuschung folgte. Denn die
Strenge, mit der er jenen Anspruch begründete, stand zu dem
hohen Ernst, mit dem er ihn erhob, in einem höchst ungleichen
Verhältnis. Schien es nicht, als wollte er etwas sagen, was er dann im
entscheidenden Augenblick doch nicht sagte? Was heißt
«Allgemeingültigkeit» bei Herrmann? Wir hören, daß die Dogmatik partizipiere an
der Allgemeingültigkeit, mit der eine geschichtliche Tatsache, z. B. ein Charak|584ter, erkannt wird, indem man ihn erlebt. Das
ist schon in sich eine etwas fragwürdige Bestimmung. Aber wir hören auch, und das
ist zweierlei und wiederum in sich nicht unbedenklich, daß sie wegen ihrer
Grundforderung der Wahrhaftigkeit partizipiere an der Allgemeingültigkeit der
Logik und Ethik. So käme ihre Wissenschaftlichkeit zustande irgendwo in der Mitte
zwischen romantischer Unmittelbarkeitsphilosophie und kantischer
Gesetzeswissenschaft? Meinte es Herrmann so? Oder 266 redet er
nicht vielmehr so, als wüßte er über die zwei Ebenen Vernunft
und Erfahrung, mit denen er allein zu rechnen scheint, hinaus
noch von einer ganz andern Relation des Menschen zur «Wirklichkeit», einer
Relation, in der er in keiner Weise «steht», sondern in die er sich exklusiv gestellt sieht? Man bedenke noch einmal den entscheidenden Punkt
in Herrmanns Beweisführung, jene Lehre von der notwendigen kritischen Frage nach
dem eigenen Selbst des Menschen. Damit diese Frage allererst möglich sei, müßte es ein Maß, ein unbedingte Gültigkeit für jeden Menschen besitzendes
Urbild des menschlichen Selbst, ein wirkliches principium individuationis geben. Sodann: damit diese Frage notwendig sei, müßte der Mensch um dieses Urbild und seine Autorität wissen, er müßte sich von dorther in Frage gestellt sehen.
Endlich: damit das geschähe, damit der Mensch sich diese Frage
nun wirklich stelle (und darauf käme ja für Herrmanns Beweis
alles an), müßte zwischen ihm und jenem Urbild eine Erkenntnisrelation bestehen,
die alle Weigerung, jene Frage zu stellen, ausschlösse, die nur als die dem
Menschen sich mitteilende Selbsterkenntnis jenes Urbildes
begreiflich zu machen wäre. Der Mensch müßte jenseits, jenseits
von Vernunft und Erfahrung in dem durch die Trinitätslehre
bezeichneten Zusammenhang des Vaters Wort durch den Geist vernommen haben und damit in konkretestem Sinn in Frage gestellt
worden sein, durch Gottes Selbst in die Frage nach seinem eigenen Selbst. d. h. aber: es müßte die Offenbarung, zu der jene Frage nach Herrmann erst hinführen soll, schon als ihre Voraussetzung verstanden
werden. Und der auf diese Frage sich gründende Anspruch der Dogmatik auf
Allgemeingültigkeit wäre weder historisch noch
erkenntnistheoretisch, sondern streng theologisch aufzufassen als Demonstration
für die Allgemeingültigkeit des von Gott an den Menschen
gerichteten Anspruchs. Darum und dann fragt der Mensch nach seinem «Selbst», weil und wenn es Gott gefällt, ihm sich «Selbst» zu erkennen zu geben, weil und wenn Gottes Wort zu ihm ge267sprochen ist.
Zu |585
beginnen wäre in der Dogmatik mit dem «Deus dixit»128, nicht aber der völlig aussichtslose Versuch zu machen, es,
womöglich wieder als bloßen «Glaubensgedanken», auf dem Gipfel eines angeblichen
«Erlebens» (als ob es davon ein «Erleben» gäbe!) erst zu
gewinnen. Redet Herrmann nicht so, als ob er es – ich weiß natürlich, daß er nicht daran gedacht
hat, es zu tun –, aber als ob er es auch so
gemeint hätte? Wenn man das sagen dürfte, dann wäre der
Allgemeingültigkeitsanspruch und der daraus fließende große Ernst der Herrmannschen Theologie kein Rätsel mehr.
2. Mit am besten ist Herrmann sicher immer da, wo er sich im Kampf gegen die alte und die neue, die verschämte und die unverschämte
Apologetik befindet. Auch das beleuchtet eine Seite seiner
theologischen Persönlichkeit. Er war nicht nur persönlich überzeugter Christ (was
heißt das übrigens?), sondern – und das ist etwas ganz Seltenes auf Kanzeln und
Kathedern – seine Wissenschaft war geradezu konstituiert durch sein Wissen um das,
was die Alten die «Autopistie», das In-sichselbst-Gegründetsein
der christlichen Wahrheit nannten.129 Dieses Wissen ist Rattengift gegen alle geisteswissenschaftlichen
Klügeleien in der Theologie. Was begründet ist, das soll man fein unbegründet lassen. Herrmann schämte sich des Evangeliums nicht [vgl. Röm. 1,16]. So fehlte schon seinem leiblichen Gesicht gänzlich
jener Zug von weltgewandter Schlauheit, der nicht ganz selten gerade den
«systematischen» Theologen schon von weitem als solchen erkennen läßt. Er fehlt
auch seiner Theologie. Manche haben sie darum als naiv
empfunden, haben wohl schon als Marburger Studenten gemurrt über den «höhern
Konfirmandenunterncht», den man in diesen Vorlesungen empfange, geschnödet über
eine Ethik, die mit einem Paragraphen über «Die sittlich |586 erlaubte Erholung» ihr letztes Wort sagte130 – und das zu einer Zeit, da eben der Stern Troeltschs mit den weltweiten
Programmen und Perspektiven, die dort zu haben waren, seinem Zenit sich näherte!
Hierher gehört auch die berüchtigte Herrmannsche
Monotonie. Hat er nicht in allen seinen Schriften und in 268 dem kleinen Zyklus seiner drei bzw. zwei
Vorlesungen131
immer dasselbe gesagt? Ja, das hat erbs, aber das und seine Einfalt hing mit jenem merkwürdigen Wissen um die
Sache so eng zusammen, daß ich noch heute kein Wort dagegen zu sagen wagen würde.
Einfältig und monoton ist die Theologie der Gerechten immer gewesen. «Folget ihrem
Wandel nach!»133
Aber dieses gesagt, ist nun doch zu erwägen, was der Sinn jenes antiapologetischen
2. Kapitels der Dogmatik eigentlich sein möchte. So einfach ist es nämlich nicht,
wirklich einfach zu sein. Also: weder
aristotelisch-metaphysische Unterbauung der Religion, noch
Einordnung in eine idealistisch-philosophische Gesamtweltanschauung, noch Begründung von der Ethik her, noch
erkenntnistheoretische Analyse ihrer psychologischen Wirklichkeit. Sehr gut! Das
alles soll man sich sagen lassen und halten lernen von Jugend an [vgl. Mt. 19,20]. Aber von
welcher Höhe herunter kommt eigentlich dieser alles wegreißende Sturzbach? |587 Und was dann, wenn er sein heilsames Werk getan hat?
Irgendwohin muß die Sphinx der «Religion» doch gehören, irgend einen Namen muß sie
tragen, und darüber sachgemäße Auskunft zu geben, muß die Aufgabe der Dogmatik
doch sein. Herrmann sagt uns
vortrefflich, in was alles Religion nicht begründet ist. Ein
weites, leeres Loch tut sich auf, vor dem sich die meisten Zeitgenossen
kopfschüttelnd zurückzuziehen pflegten. Wer hielt es denn aus, mit ihm in diesen
Abgrund hinunterzublicken, nein, gerade in diesem Abgrund, nach Beseitigung aller
Schutzvorrichtungen, sich aufzustellen? Obwohl doch Herrmann – leider, möchte man
fast 269 sagen – das Seine getan hatte, das große
Loch auszufüllen, so daß man dort seines Erachtens wieder sollte stehen können.
Aber eben das, was da geschieht, geht nicht! Ich wiederhole ein Zitat:
«Gotteserkenntnis ist der wehrlose Ausdruck des individuellen Erlebens.»134 «Wehrlos» ist sehr gut. Aber «Ausdruck
des individuellen Erlebens» ist entschieden nicht gut. Denn auf den Respekt vor
dem Heiligen, den Herrmann hier offenbar in Anspruch nehmen
will, hat nun einmal weder das «individuelle Erlebnis» noch sein «Ausdruck» ein
Anrecht. Seine «Wehrlosigkeit» ist nicht die Wehrlosigkeit des
Göttlichen. Was ausdrücklich als «Erlebnis», als
«geschichtliche Tatsache» auftritt, das kann sich vor der Welt nicht in der Weise
verschließen, wie Herrmann es wollte, das ist, wie alles Menschliche, mannigfacher
Apologetik gar sehr bedürftig. Um seinetwillen die große Götterdämmerung
anzustellen, dürfte doch etwas verfrüht gewesen sein. Es ist in
der Welt und von der Welt, und Cohen und Natorp hatten
recht, wenn sie auch über die in diesem Weltwinkel
verbarrikadierte Theologie miteinander die Köpfe schüttelten. Herrmann hat
Natorp einmal entgegengehalten, «daß
man in keinem noch so zarten Objekt, und sei
es auch der verborgene Naturgrund der Seele, die Religion auffinden könne».bt Schön, vortrefflich, aber dann hätte vor allem er
selbst mit den Begriffen «Erlebnis» und «geschichtliche Tatsache» zum mindesten
ganz anders dialektisch umgehen müssen. Aber gerade das eben
zitierte Wort weist vielleicht darauf hin, daß Herrmann auch in diesem
Zusammenhang etwas |588 ganz anderes sagen wollte, als er
gesagt hat. Wie, wenn nun dieser letzte Versuch, das klaffende Loch der
Unbegründbarkeit der Religion auszufüllen durch das «individuelle Erleben», auch noch preisgegeben würde in der Erkenntnis, daß diese Größe Autopistie wahrlich nicht in Anspruch nehmen, sondern nur Hinweis sein kann auf den wirklich in sich selbst begründeten
Grund, der nun wirklich in keinem Sinn «Objekt», sondern unaufhebbares Subjekt
ist? Wenn nicht der Mensch, auch nicht in 270
seinem Erleben, so wenig wie in seinem Denken, sondern – ja wiederum Gott selbst in seinem Wort das Datum wäre, mit dem die
Dogmatik anzufangen hätte, aber wohlverstanden in keinem Sinn als Setzung unsres
Bewußtseins, sondern als der sich selbst Setzende gegenüber
unserm Bewußtsein und seinen Setzungen und nun in diesem
definitiven, durch keinerlei Manipulation mit dem Zirkel wieder aufhebbaren Oberhalb Gegenstand menschlicher Erkenntnis – der Erkenntnis, die nur als reine Selbsterkenntnis zu begreifen wäre,
also Gott sich selbst zu erkennen gebend durch sich selbst –, wenn es sich so
verhielte, dann allerdings wäre die Herrmannsche Abwehr gegen Thomas136 wie gegen Eucken137, gegen
Kant138 wie gegen Troeltsch139, wäre die Einfalt und die Monotonie seiner Lehre in sich sinnvoll.
Es wäre dann klar, woher die Polemik kommt und wohin sie führt, wahrlich nicht aus
der Armut, sondern aus dem Reichtum, nicht ins Leere, sondern in die Fülle. Dafür
brauchte sie dann vielleicht nicht so bitter und aufgeregt zu sein, könnte |589 mit dem von Herrmann nur nicht verstandenen Humor, den die
klassische alte Theologie noch hatte, für ein bißchen nicht so ernst gemeinte
Apologetik Spielraum lassen. Warum sollte man denn Gott, wenn
man seiner gewiß ist, nicht auch noch beweisen dürfen? Nun, Herrmann hat es nicht so gemeint. Aber ich frage wieder, ob er nicht gerade so
geredet hat, als ob er es so gemeint hätte?
Wird die Herrmannsche Kardinalfrage: Wie komme ich zum Glauben? nicht
gegenstandslos, wenn man ernst macht mit der größeren Herrmannschen Antwort von
der Autopistie der christlichen Wahrheit, zu der ich gar nicht zu kommen brauche,
weil sie zuerst zu mir gekommen ist? Ist die Souveränität über
allen Plunder, die wir an Herrmann geliebt haben, nicht unverständlich, wenn es
durchaus dabei bleiben muß, daß man ihn κατὰ
σάρκα verstehe?
3. Wir haben gesehen, auf welch unerhört scharfer Kante sich gerade das Zentrum
der Herrmannschen Religionstheorie befindet. Der «Weg zur
Religion» ist der Weg von der individuell erlebten Problematik von
Wahrheit und Wirklichkeit zu 271 ihrer ebenso
individuell erlebten Lösung in der Überwindung durch Gott oder in der freien
Hingabe an ihn. Es war Herrmann wichtig, daß er mit dem Aufweis dieses Weges im
Gegensatz zur Orthodoxie in der Lage sei, «von dem Vorgang der inneren Umwandlung
eine Anschauung» zu geben, zu zeigen, «quomodo detur Spiritus sanctus»bu. Vermutlich im Blick darauf hat ihn Troeltsch, Bosheit mit Bosheit
erwidernd, «einen unsrer lebendigsten Erbauungsschriftsteller»bv genannt. Es ist das im guten und weniger guten Sinn Pietistische bei Herrmann, auf das wir hier aufmerksam werden. Ganz
umsonst ist er gewiß nicht in seiner Jugend Amanuensis bei dem großen
Herzensvirtuosen Tholuck gewesen.bw Am
Problem der Seelsorge, an |590 der Genesis der Christlichkeit des Einzelnen ist
seine ganze Wissenschaft orientiert.bx Es
ist (grundsätzlich!) die Ebene des mittleren Kierkegaard144/by,
in der nach ihm die Theologie ihr Hauptquartier aufzuschlagen hätte. Um an der
Religion im Protestantismus teilzunehmen, «müssen wir des ewigen Gottes gewiß
werden, der mit uns selbst verkehrt. Das widerfährt niemandem sine magna
concussione animae. Wir müssen dazu die besondere Situation, in der wir uns
gegenwärtig befinden, mit Ernst und Wahrhaftigkeit durchleben. Wenn das richtig
ist, so hat die Theologie zu zeigen, daß es sich im Christentum um eine
Auseinandersetzung mit unsrer eigenen 272
gegenwärtigen Existenz handelt»bz. Ich brauche die unveräußerliche
Wahrheit dieses Gedankens |591 nicht besonders zu
unterstreichen, weil sie für sich selber spricht. Daß man in Herrmanns Vorlesungen in jeder Stunde angeredet wurde, das gehört wiederum zum Besten unsrer Marburger
Erinnerungen. Man soll es sich von Herrmann sagen und immer wieder sagen lassen,
daß das Problem der Dogmatik allerdings ein «Sachverhalt» ist, aber der
Sachverhalt in Beziehung auf die Offenbarung, in Beziehung auf
die göttliche Anrede an den Menschen, und der Mensch existiert als einzelner Mensch. Eine «theologia
irregenitorum»145 wäre in
jeder Form ein grober, zutiefst unsachlicher Unfug. Aber damit
ist noch nicht gesagt, daß das Problem der Dogmatik das
genetisch-psychologisch-seelsorgerliche ist, und das Allerbeste
bei Herrmann an diesem Punkt dürfte darin bestehen, daß ihm die Durchführung dieses Programms tatsächlich nicht gelungen
ist.ca Oder ist etwa seine Schilderung des «Wegs zur Religion» anschaulich? Ist sie wirklich die Schilderung eines Weges, auf dem wirklich der Mensch wandelt? Ich meine:
viel zu scharf ist dazu die Kante, über die er führt. Dieser Weg ist kein Weg. Das «erlebt», das «erfährt» man doch nicht; was man erlebt und
erfährt, ist doch immer gerade nicht das. Der akute, der tödliche Konflikt zwischen Wahrheit und
Wirklichkeit z. B.! Wann und inwiefern passiert uns denn so etwas? Wirklich in
anschaulichen Momenten unsrer innern Entwicklung, als nam273haft zu machende Station unsres
Weges? Nein, aber dann und insofern, als wir in das Gericht Gottes kommen. Anders sagen es eben nur die Pietisten! Weiter: was heißt
Lösung, Überwindung dieses Konfliktes? Wer dürfte denn eigentlich wagen zu
behaupten, er habe etwas Derartiges als seine Erfahrung hinter
sich? Wenn man sagen würde, daß in der uns er|592schienenen Gnade Gottes [vgl. Tit. 2,11] diese Lösung Ereignis ist, dann würde es
stimmen. Weiter: die merkwürdige, von Herrmann immer wieder hervorgehobene Dialektik von Abhängigkeit und
Freiheit, Widerfahrnis und Hingabe. Anschaulich geredet ist das wahrlich nicht und
erbaulich auch nicht, denn dann wäre, und das ist in der Tat des Pietismus letztes
Wort, ein merkwürdiges Schaukelspiel von Sic et Non147 der Gehalt dieses
tiefsten Lebensmomentes. Ist es sicher auch, aber eben darum
soll man im Pietismus nicht stecken bleiben. Sollte die Herrmannsche Formel ein
Hinweis sein auf eine Höhe jenseits von objektiv und subjektiv,
auf das «Reich Gottes» im neutestamentlichen Sinn, auf «Gerechtigkeit, Friede und
Freude», nicht in der Fragwürdigkeit unsres «innern Lebens», sondern «im Heiligen Geiste» [Röm. 14,17], durch den Gott unser Gott wird, dann
wäre alles klar und sachgemäß. So meint es leider Herrmann nicht, sondern er
triumphiert damit, im Gegensatz zur Orthodoxie ein wirkliches Erlebnis des Menschen zu beschreiben. Ohne es doch zu können, ohne in der großen Offenheit, die ihm eigen war, hindern zu können,
daß die unanschauliche Wirklichkeit Gottes die Schale des psychologischen
Pragmatismus, in die er sie, gelegentlicher besserer Einsicht zum Trotz,
einschließt, an allen Ecken und Enden sprengt. «Quomodo detur
spiritus sanctus» soll man eben nicht zeigen wollen, das war
schon bei Melanchthon nicht gut. Man
soll das Wort verkündigen, die Seelsorge der Predigt subordinieren und nicht umgekehrt, und durch das Wort den Geist,
Gott selber von sich zeugen lassen. Ist es nicht das, was
Herrmann eigentlich gemeint und gewollt hat?
4. Die Theorie von der Offenbarungsbedeutung des
274 «innern Lebens» Jesu. Sie
ist darum zum Schibboleth der Herrmannschen Theologie geworden, weil man an ihr am
deutlichsten Herrmanns Stellung in der Geschichte der neueren148 Dogmatik, seine Abgrenzung gegen Orthodoxie und Liberalismus, seine
Korrektur Schleiermachers durch
Ritschl und Ritschls durch Schleiermacher erkennen zu können glaubte. Wir lassen diese
historische Seite auf sich beruhen.
«Von dem Theologen erwarten wir, daß er nicht nur die Geschichte |593 der christlichen Gemeinde kennt, sondern daß er die Sache der
christlichen Gemeinde zu der seinigen macht. Wir stehen unserm Gegenstand nicht
frei gegenüber, sondern wir wollen durch ihn im Innersten bestimmt sein».cb In diesem, in der Tat Schleiermachersche
und
Ritschlsche Intentionen aufnehmenden
Bekenntnis zu einer – sollen wir sagen kirchlichen oder geschichtlichen? – Gebundenheit der Dogmatik sehe ich die prinzipielle Bedeutung der Herrmannschen Christologie. Geschichtliche
Gebundenheit dürfte leider bei Herrmann das Richtigere bezeichnen. Einerlei: es
war wirkliche Gebundenheit, was uns in der Zähigkeit, mit der er
auf «die Person Jesu» immer wieder zurückkam, in unvergeßlicher Weise begegnete,
eine Haltung, die dem bloß Geschichtlichen gegenüber keinen Sinn gehabt hätte und
die darum nach einer andern Deutung ruft als der von Herrmann selbst gegebenen.
Was wollte er mit seiner Christologie? Wir haben gesehen, welche Rolle das Wort
«Wirklichkeit» in diesem Teil seiner Lehre spielt: Was uns
Gott offenbart, das muß im selben Sinn etwas «Wirkliches» sein wie all das andre,
das in seinem Dasein und Sosein Gott nicht offenbart. Das trifft
bei allen Lehren über Jesus, das trifft bei den biblischen
Erzählungen von seinen Wundern usf. nicht zu, wohl aber bei seinem «innern Leben».
Daß ein solcher, diese geistigen Gesichtszüge bietender Mensch gelebt hat, das ist
«Wirklichkeit», und diese «Wirklichkeit» ist die christliche
Offenbarung. Ist? Ja, unter dem Vorbehalt, daß dieses «ist» im
Glauben erkannt wird. Das «ist» 275 selber steht unter keinem Vorbehalt. Man lese in
Herrmanns Dogmatik den merkwürdigen, ihm offenbar sehr wichtigen historischen § 55
über das christologische Dogma [S. 93–97], um sich zu überzeugen, daß das in der
Tat seine Meinung war, bei der er sich, wie es scheint, nicht mit Unrecht auf Luther berufen konnte:
«daß wir in der Macht des Menschen Jesus über uns den auf uns
wirkenden Gott selbst erfassen» [S. 95]. Das ist monophysitischcc, und das ist
unmöglich.cd In |594 der Macht des Menschen Jesus als solcher «erfassen» wir nie und
nimmer Gott selbst.ce Sie wäre, wenn sie in dieser Isolierung überhaupt
eine vorstellbare Größe wäre – was sie aber nicht ist –, eine geschichtliche, im
Quadrat der zeiträumlichen Entfernung notwendig abnehmende Potenz wie irgend eine
andere. Was uns Offenbarung Gottes ist, das kann als solches
keineswegs etwas «Wirkliches» sein im gleichen Sinn wie alles andre. Gewiß, es muß
«wirklich», aber es muß von Haus aus göttlichwirklich, es muß
menschlich, aber es muß von Haus aus gott-menschlich sein.cf Weil er der fleischgewordene Logos [vgl. Joh. 1,14] Gottes
ist, nicht in ihm an sich, «erfassen» wir Gott in dem Menschen Jesus. Gewiß in dem
Menschen Jesus, nämlich in der «Person»
Jesu, aber das ist es ja eben, daß die «Person» Jesu der Logos
ist, daß es abgesehen vom Logos eine «Person» Jesu überhaupt nicht gibt. Daß wir
in der Macht Jesu den wirkenden Gott «erfassen», diesen
Sachverhalt kann man nicht erst nachträglich auf Grund entsprechender Erlebnisse
feststellen, wie es nach Herrmanns Christologie (die darum selbst276verständlich in die unverbindliche Klasse B der
Theologumena gehört) sein soll. Sondern dieser Sachverhalt ist Anfang, Grund und
Voraussetzung, abgesehen von der die christliche Predigt und Dogmatik von Christus
kein einziges sinnreiches Wort sagen kann, ohne die sie unweigerlich in der Ge|595schichte stecken bleibt. Außer dem Weg von
oben nach unten gibt es hier überhaupt keinen Weg. Die orthodoxe Christologie ist
ein aus der Höhe von 3000 m steil abfließendes Gletscherwasser; damit kann man
etwas schaffen. Die Herrmannsche
Christologie, so wie sie dasteht, ist der hoffnungslose Versuch, eine stehende
Lagune mittelst einer Handpumpe auf dieselbe Höhe zu treiben. Das geht eben nicht.
Aber hat es denn Herrmann wirklich so gemeint? Oder hat er nicht auch hier von dem
angeblich platt-wirklichen, mit Haus und Rock vergleichbaren «innern Leben» Jesu
beständig geredet, als ob es zum vornherein selbstverständlich
wäre, daß dieses «innere Leben» – nicht an sich, nicht kraft
seiner historisch-psychologisch oder auch intuitiv faßbaren, mit denen anderer
geschichtlicher Phänomene etwa vergleichbaren Qualitäten, sondern – weil es Gott gefallen hat, in diesem Leben sich zu offenbaren, der Grund
des Glaubens ist? Was war es denn, was Herrmanns Reden über Jesus schließlich
trotz allem glaubwürdig machte? Wahrhaftig nicht das, was er als Beschreibung
dieser «Wirklichkeit» positiv vorzubringen wußte – es war in seinem Verhältnis zu
der Plerophorie des christologischen Dogmas mager und in seinem Verhältnis zum
Neuen Testament willkürlich genug –, wohl aber der Eindruck, den man empfing, daß
es sich in Sachen der Gottheit Christi für ihn um ein Apriori,
aller vorgeblichen Anagogik zum Trotz um eine causa judicata handle. Das Datum,
mit dem er anfing, war eben doch – man muß hier mit Bewußtsein
an seinem eigenen Protest vorübergehen – der auferstandene, der
erhöhte Christus. Von da aus würden dann auch die Rätselreden
verständlich, die er über das Verhältnis zwischen Geschichte und Glauben, zwischen
dem «Leben» Jesu und unserm Erleben dieses Lebens geführt hat.
Von einem 277 doppelten Akt haben wir hier
gehört, in dem die neutestamentliche Überlieferung sozusagen durchsichtig werde,
von der einen Seite durch die eigene Kraft des menschlichen Lebens Jesu, von der
andern durch die eigene Kraft unsrer, der gläubigen Christen erlebenden Intuition.
Aber wie verhalten sich diese beiden Bewegungen zueinander, sind das wirklich zwei
Bewegungen, und tragen sie den rechten Namen, wenn sie dem Menschen Jesus und wiederum uns, den Menschen,
zugeschrieben werden? Hat man denn etwas Wesentliches gesagt, wenn man hier von
der «unauflöslichen Korrelation von Offenbarung und Glaube» redet? Als ob nicht
gerade diese Unauflöslichkeit das Problem wäre, das hier auf Antwort wartet! Und
hat man etwas Wichtiges getan, |596 wenn man nach
Anweisung der «theozentrischen Theologie»151
innerhalb dieser Korrelation eine möglichst kräftige Betonung
des objektiven Moments, der Offenbarung, vollzieht? Als ob dann
nicht in der nächsten theologischen Generation mit demselben Recht wieder an eine
Unterstreichung des subjektiven Moments gedacht werden müßte! Es
würde aber einiges klar, wenn man jene nur scheinbar doppelte
und nur im sekundären Sinn menschliche Bewegung, jenes lucere
von hinten und intueri von vorne verstehen dürfte als einen einzigen Akt des im Wort durch den Geist in seiner Kirche herrschenden Königs Christus. Nachher, dieses principium theologiae
einmal anerkannt, könnte dann der «religionspsychologische Zirkel» noch immer in
Gebrauch genommen werden. Das ist freilich klar, daß zur Aussonderung gerade des
«innern Lebens» Jesu als des eigentlichen Offenbarungsträgers dann kein Grund mehr
bestünde. Sie wirkt von da aus wie ein Rudiment des pietistischrationalistischen
Versuchs, dem Ärgernis der auf alle Fälle unvermeidlichen Glaubens- und
Gehorsamsforderung auszuweichen, wie ein letzter Versuch, von dem aus, was menschliche Wahrhaftigkeit Wirklichkeit nennt, eine Brücke zu
schlagen zu dem, was nur durch göttliche Wahrhaftigkeit, durch
«veracitas Dei»152, Wirklichkeit ist. Es wäre dann zu sagen, daß die apostolische Ver278kündigung, für die
das Wunder der Epiphanie keineswegs bloß Glaubensinhalt, sondern Glaubensgrund war, und im selben Sinn
die Intentionen der orthodoxen Christologie sachgemäßer waren.
Gerade in ihrer Ärgerlichkeit liegt ihre Vorzüglichkeit. Sie kommt von dort her, wo Herrmann
seinen Worten nach erst hin will. Und dort153 kann man nicht hin wollen! Aber steht es nicht so, daß
er, seinen Worten zum Trotz, eigentlich auch von dort
herkommt? Daß er Eines meint, wo er von jenem
Doppelten redet, und das Regiment Christi in seiner Kirche, wo er uns auf Geschichte und Erlebnis |597 verweist? Sollte nicht das das Geheimnis jener Gebundenheit sein, die uns seine
Haltung so verehrungswürdig gemacht hat?
5. Das Problem des Lehrgesetzes. Wir sind am Ende unsres ersten
Teils aufmerksam geworden auf ein eigentümliches Auseinandergehen der Herrmannschen Gedanken. Auf der einen Seite: immer einseitigere,
heftigere Betonung des Gedankens, daß Offenbarung keine Lehre und Glaube kein
Fürwahrhalten sei, daß die Autorität der Bibel auf der Erfahrung und nur auf der
Erfahrung beruhe. Auf der andern Seite ein ebenfalls verschärfter Ausdruck des
Gedankens, daß der Inhalt der christlichen Lehre nicht aus dem Glauben, sondern
aus der Heiligen Schrift zu gewinnen sei. Was gilt nun? Fragt
man sich zunächst, auf welcher Seite der Antinomie, die Herrmann hier offenbar
vorgeschwebt hat, er selber, sein Herz, seine wissenschaftliche Persönlichkeit zu
suchen ist, so kann gar kein Zweifel sein: auf der ersten. Was
er mit seinem Nein gegenüber der Bibel und der Überlieferung wollte, das wurde
sehr klar, was das Ja besagen sollte, nicht ebenso. Die Warnung, sie ja nicht ohne
vorgängiges Erlebnis «für wahr zu halten», übertönte die Mahnung, sie vor allem
einmal respektvoll zur Kenntnis zu nehmen, weitaus. Wie denn auch seine eigenen
Ausführungen klar und überzeugend waren, wenn er seinen eigenen Faden spann, meist
recht gezwungen und künstlich dagegencg, 279 wenn er sich zur Ausnahme einmal an
Bibel und Kirchenlehre anzulehnen suchte. Die Gebundenheit, von der vorhin die
Rede war, galt wohl prinzipiell, aber sie wurde nicht konkret greifbar. Er war
kein Schriftgelehrter, sondern ein ausgesprochener Selbstdenker. Das ist kein
Vorwurf. Es muß auch solche Gestalten geben in der Theologie. Gerade als solchen
Selbstdenker haben wir Herrmann geschätzt. Es wehte Freiheitsluft in seinem Auditorium. Es war gewiß kein Zufall, daß während
langer Jahrzehnte jedes Semester eine kleine Karawane gerade von Schweizern die Wallfahrt nach Marburg |598 antrat
und sich dort überaus heimisch fühlte. Unser ohnehin gegen alle Autoritäten
rebellischer Sinn kam da auf seine Rechnung. Wir hörten es gerne, wenn der
Traditionalismus zur Rechten, der Rationalismus zur Linken, die Mystik nach hinten
zum alten Eisen fuhren und schließlich «die positive mit der liberalen Dogmatik in
dasselbe Grab geworfen» wurde.ch Wer Herrmann gehört hatte, der konnte sich nachher Johannes Müller157
schenken. Daß es mit dem Intellektualismus nichts sei und daß es auf das «Erleben»
ankomme, darüber wußte er Bescheid. Nun, das alles durfte und mußte grundsätzlich
so sein, sage ich noch heute, obwohl ich jetzt weiß, daß damals der alte Adam in
mir sich dieser Sache mehr freute als der neue. Freiheit ist an ihrem Ort und in
ihrem Zusammenhang ein wichtiger theologischer Grundbegriff, zusammenhängend mit
jener Notwendigkeit existentiellen Denkens, die jedenfalls in
der protestantischen Theologie nicht verleugnet werden darf. Aber erinnern wir uns
nun: 280 So gewiß es nach Herrmanns Anlage,
Neigung und sicher auch Sendung seine Sache war, dieses Anliegen der Freiheit (der
«Wahrhaftigkeit», sagte er lieber) wahrzunehmen in der Theologie, so sicher wußte
er darum, daß dieses Anliegen ein letztes und
einziges nicht sein kann. Wilhelm Herrmann gehört nicht in eine Reihe – passenderweise nicht einmal in eine Schriftenreihe! – mit Otto
Baumgartenci; er |599 hat nicht einfach in blinder Wut einen
primitiven philosophischen Autonomiegedanken auf das einzelne theologische Subjekt
übertragen; er kannte bestimmte Grenzen, über die hinaus er von jenem Recht des
Selbstdenkens, so teuer es ihm war, keinen Gebrauch machte und auch andere nicht
Gebrauch machen ließ, ohne ihnen auf die Finger zu klopfencj; er wußte, wenigstens grundsätzlich, daß es
gegenüber der Freiheit auch eine Autorität gibt in der
Theologie. Er verwies unerbittlich immer wieder auf die Geschichte, und zwar doch
nicht nur auf das innere Leben Jesu, sondern auch auf die Bibel, ja sogar auf die
sonstige kirchliche Überlieferungck als auf Normen, nach denen man sich zu richten habe in der
Dogmatik, wie er denn auch in der Gewinnung normativer Lehre durchaus das Ziel der
dogmatischen Arbeit gesehen hat. Er stand nicht hier mit seinem
Herzen, das kann man wohl sagen. Er wirkte nicht so überzeugend, wenn er das sagte. Er konnte nicht so klar machen, was er hier wollte. Aber halten wir fest: er hat das auch
gewußt und auch gesagt. Und nun besteht nach meiner Einsicht der
Schaden der Herrmannschen Theologie nicht etwa in dieser offenkundig vorliegenden Überbelastung der
einen Seite seines Schiffs, so daß 281 mit einem
kleineren oder größeren Ruck nach rechts, mit einer mehr oder weniger bescheidenen
Reaktion, mit einem von jenen in der Theologie so überaus beliebten
«Andrerseits!», also mit einer gewissen Mehrbetonung des Moments des Objektiven,
der Autorität usf. der Schaden zu beheben wäre. Im Gegenteil, würde ich sagen: die
Schräglage, in der dieses Schiff durch die Wellen streicht, als ob es aus einer
Seeschlacht käme, gehört wiederum mit zum Guten, zum Besten der Herrmannschen
Theologie. Sie verrät, daß hier in magna concussione animae gestritten worden ist. Eine |600 anständige
Theologie ist immer einseitig. Nicht die Überbetonung der Wahrhaftigkeit ist
schlimm bei Herrmann (sie ist vielmehr
gut!), und nicht damit ist zu helfen, daß man sie etwas weniger und dafür wohl gar
die «Geschichte» etwas mehr betont, das ist Apothekertheologie, bei der man zu
keinem vernünftigen Ende kommt (und Herrmann sei gepriesen, daß er kein Apotheker
war!). Es müßte aber Klarheit darüber bestehen, wie das kommt,
daß man das Eine und das Andre, und dann, wenn man kein Fellache
ist, wahrscheinlich das Eine mehr als das Andre, ohne doch das Andre etwa preiszugeben, betonen muß. Der Mangel an dieser
Klarheit ist der Schaden bei Herrmann.
Es kann doch, um bei der zweiten, weniger betonten Seite anzufangen, kaum
einleuchten, wenn er von Bibel und Dogma (in genauer Analogie zu der unmöglichen
Theorie von der «Macht des Menschen Jesus» [S. 95]) sagt, sie seien Ausdruck
menschlichen Glaubens, «fromme Gedanken anderer»160 – ganz
abgesehen davon, daß diese andern zufällig Apostel, Konzilienväter, Reformatoren
u. dgl. waren –, also an sich für uns unverbindlich, sie könnten uns aber Anlaß
werden, die Erfahrungen, von denen sie reden, auch zu machen,
und insofern würden sie davon161 autoritativ, maßgeblich-obligatorische Quellen der christlichen
Predigt und Dogmatik. Das geht eben nicht. «Fromme Gedanken anderer» verdienen nun
einmal als solche den qualifizierten Respekt nicht, den man vor
einer wirklichen Autorität hat. Sind Bibel und Dogma von Haus aus nichts anderes
als «fromme Gedanken anderer», dann haben sie 282
eben keine Autorität und können sie auch nicht bekommen. Denn,
und das ist hier das zweite: eine Autorität ist entweder da, oder sie ist nicht
da. Was nicht von Haus aus Autorität ist, das kann es auch nicht
werden; wie sollen wir denn dazu kommen, mittelst unsrer
Erfahrung Autoritäten aufzurichten? Das könnten schlechterdings nur Götzen sein.
Kein Wunder, daß das Positive, das Herrmann über die Autorität von Bibel und Dogma
zu sagen hatte, beim besten Willen dazu, so mager ausfiel, von der Warnung vor den
Götzen – er selber |601 nannte es so162 – zehnmal übertönt wurde. Und doch wollte er hier
etwas Positives sagen. Er hat die Bibel mit Emphase heilige
Schrift genannt und hat an dem Namen Dogmatik mit einem Grund, der kein Grund ist,
festgehalten, obwohl ihn doch nichts gehindert hätte, «Glaubenslehre» zu sagen.
Als ob er gewußt hätte, daß es sich dort, wo sein Finger etwas krampfhaft hinwies,
durchaus nicht um «Geschichte» handle. Als ob er der Meinung gewesen wäre, eines
Apostels Stimme sei durchaus nicht nur irgend eines frommen Menschen Stimme und
Luthers Stimme auch nicht und das Votum der Konzilien von Nicaea und Chalcedon
schließlich auch nicht, als gebe es a priori, vor aller
«Erfahrung», in der der einzelne zu diesen Dingen Stellung nimmt, so etwas wie
eine christliche Kirche, erbaut auf dem Grunde der Apostel und
Propheten [Eph. 2,20], d. h. auf der authentisch bezeugten Offenbarung, und beauftragt und ausgerüstet, sie
auf diesem Grunde authentisch zu verkündigen, – als handle es
sich in der Dogmatik schließlich doch nicht darum, auf Grund irrelevanter
«Erfahrungen» irrelevante «Glaubensgedanken» aufzustellen, sondern darum, begründet auf eine von Haus aus heilige Schrift
und geleitet durch ein von Haus aus respektables Dogma nach den
Normen der rechten authentischen christlichen Verkündigung zu
fragen. Hätte Herrmann etwa das gemeint, dann wäre es klar, daß er mit Fug und Recht mit dem
Liberalismus nichts zu tun haben wollte, so nahe er ihm zu stehen schien.
Und nun noch des Gegensatzes andre Seite: die Freiheit, die Wahrhaftigkeit. 283 Frage: Wer ist hier
eigentlich frei und wahrhaftig, das Maß aller Dinge, souverän über allen
Menschenworten? Wessen Interessen werden wahrgenommen bei der
unermüdlich wiederholten Beteuerung, daß Offenbarung keine Lehre und Glauben kein
Für-wahr-Halten sei? Sollte es schließlich doch nur das Recht der romantischen
Individualität sein, was hier verteidigt wird? Dann wäre freilich die
Schleiermacherbüste «aus Gips»cl, die Herrmann
als Kind auf seines Vaters |602 Schreibtisch stehen sah,
ein böses Omen gewesen. Ist wirklich der Mensch das Heiligtum,
das Herrmann in einer Art von panischem
Schrecken schützen zu müssen meint gegen das Gespenst des «Lehrgesetzes»164, das er von Rom, von der Orthodoxie, von
Ritschl – ja von woher nicht? –
drohen sieht, dann könnte man sich auch hier nur befremdet von seinem Tun
abwenden. Die Offenbarung verkündigen heißt auf alle Fälle der menschlichen Wahrhaftigkeit und Freiheit zu nahe treten – wir sollten
doch nicht vergessen, daß wir auch in unsrer Wahrhaftigkeit Lügner und gerade in
unsrer Freiheit Sünder sind –, heißt dem Menschen, dem ganzen
Menschen und zufällig zuerst seinem Kopf, etwas zumuten. Dem Menschen soll die Kirche die Offenbarung vorhalten durchaus
als «Lehre» (als was denn sonst, doch nicht in lyrischen
Gedichten, doch nicht in unzusammenhängenden Aphorismen, doch nicht als
unmaßgeblichen Herzenserguß?) und durchaus mit dem Anspruch, daß diese Lehre «für wahr zu halten» sei (für was denn sonst, doch nicht für ein
Märchen?). Wollte Gott, unsre Lehre wäre so glaubwürdig, daß sie für wahr gehalten
werden müßte! Dazu ist die Kirche da, das ist’s, was sie in
Sachen der Offenbarung tun kann: lehren, was man für wahr halten soll. Das andere,
das Unmittelbare, das, was nicht nur Lehre, nicht nur für wahr zu halten ist,
Gottes eigenes Wort an den Menschen, das geschieht auf einer
andern Ebene, aber nicht dann, wenn die Lehre und das Für-wahr-Halten
diskreditiert und vernachlässigt, sondern dann, wenn sie mit Fleiß auf der Ebene,
auf der die Kirche
284 etwas tun kann, getrieben
werden. Und dazu muß es eben Dogmatik geben, «normative Lehre», wie Herrmann selber gefordert hat. Aber das
Anliegen Herrmanns könnte auch hier tiefer liegen. Er könnte auch hier |603
die Souveränität des Wortes, des göttlichen Selbstwortes in
allen Menschenworten gemeint haben. Sein Kampf gegen das «Lehrgesetz» könnte positiv zu verstehen sein, als Appell zur Aufmerksamkeit auf den
souveränen Redner und Hörer oberhalb dessen, was wir sagen und
hören, als Erinnerung an den Sinn der Zumutung, die die Kirche
mit ihrer Lehre an den Menschen richtet, als Hinweis auf das unmittelbare
Geschehen auf jener obern Ebene, dem die Kirche nur dienen kann, als Warnung vor allen Direktheiten, als Protest gegen alle
Zerstreuung, mit der jenem Geschehen nicht gedient ist, als
stürmischer Ruf zur Sache, zum Thema, zu dem hin, um was es geht in der Bibel, im Dogma, in der Predigt, also als Kampf nicht
gegen, sondern für das «Lehrgesetz». Hat die Kirche diesen Ruf
etwa nicht nötig? Könnten wir Herrmann
dankbar genug sein, wenn er uns etwa das hätte sagen wollen? Und
wäre es dann nicht verständlich, daß die Dogmatik, die Theologie ganz frei sein muß, ebenso wie ganz gebunden, frei und
gebunden durch ihren Gegenstand, durch ihre Aufgabe?
Ich bin zu Ende. Herrmann hat gesprochen, und wir haben gehört. Fassen Sie das,
was ich Ihnen über mein Hören bei Herrmann gesagt habe, auf als
einen Versuch, dem nachzuleben, was er uns so oft gesagt hat: selber hören.