Das Schriftprinzip der reformierten Kirche
DAS SCHRIFTPRINZIP DER REFORMIERTEN KIRCHE
In einem Brief vom 16. März 19251 wandte sich stud. theol.
Auf diesen Tag hatte
Am Abend dieses Tages wiederholte
Für die Wiederholung des Vortrages in Bern hatte
Von diesen ersten Vorträgen in der
Kleinere Abweichungen der Zitate im Text von den von Barth zitierten Quellen wurden stillschweigend korrigiert.
Das Schriftprinzip der reformierten Kirche
Es wird zur Klarheit dienen, wenn ich sofort sage, daß das, was ich mitteilen
möchte, ein Kapitel Dogmatik ist. Dogmatik ist nicht Predigt, nicht
Meditation, nicht Bibelauslegung. Sie ist freilich auch «Leben», aber – sprechen
wir das fatale Wort sofort aus: dieses Stück Leben ist Lehre.
Alle unfreundlichen Gedanken, die sich einzustellen pflegen, wenn man von
«Theorie» redet im Gegensatz zur «Praxis», treffen die Dogmatik mehr als andere
«Theorien». Aber man soll sich ihrer nicht |503 schämen,
sowenig wie des Evangeliums [vgl.
Die Theologen sind die Nächsten, denen diese Aufgabe gestellt ist, wahrlich nicht als ein Ding, das man einmal lernen kann, um nachher damit fertig zu sein, weil man es nun weiß oder weil man es nun nicht mehr braucht, sondern als eine dauernde, wenn auch für die meisten nur innere Aufgabe des theologischen Berufs, die aber als solche keinen Pfarrer zu irgendeiner Zeit seines Lebens ruhig lassen dürfte. Ich wage die Behauptung, daß die Stellung des Theologen im Geistesleben wie im Volksleben eine andere, bedeutsamere wäre, wenn dieser Satz allgemeiner Anerkennung sich erfreuen dürfte. Aber die Aufgabe ist grundsätzlich der ganzen Kirche, jedem Christen gestellt. Ernsthaft denken an das, als was wir alle angeredet sind in unsrer Taufe, heißt unmittelbar: |504 wissen, daß wir nicht Zuschauer, sondern verantwortlich beteiligt sind bei der Kirche, an ihrem Auftrag und bei dessen Ausführung, beim Tun und Unterlassen der Kirche, bei ihrem Erkennen und Irren, bei ihrer Kraft und Unkraft. Die notwendige Kritik an der Kirche wird in dem Augenblick fruchtbar, wo sie zur beteiligten Sorge um die Kirche und damit zur Selbstkritik wird. Daß es Theologen gibt, darf nicht bedeuten, daß den andern diese Sorge um die Kirche abgenommen ist. Auch nicht die Sorge um die Dogmatik, um die Erhaltung oder Wiedergewinnung reiner kirchlicher Lehre als des Rückgrats sinnvoller kirchlicher Verkündigung. Steht es nicht gut mit dieser Arbeit, dann mag man in erster Linie die Theologen zur Rede stellen, aber nicht anders als so, daß man sich mithaftbar neben sie stellt. Und soll diese Arbeit wieder besser getan werden, dann sollen in erster Linie die Theologen Buße tun und an das vernachlässigte Werk gehen, aber nicht so, als ob die andern mit gekreuzten Armen abwarten dürften, ob es jenen wohl gelingen werde. Dogmatik hat wie jede Wissenschaft ihre rein zünftige Seite, um deren Einzelheiten sich nicht jedermann zu bemühen braucht. Aber was die Zunft schließlich tut, das tut sie im Guten oder Bösen vikarierend für das Ganze. Sie kann es nicht tun, ohne die tragende Solidarität der andern Glieder in Anspruch zu nehmen. Auch dieser Satz ist heute nicht mehr oder noch nicht wieder selbstverständlich. Fassen Sie meinen Vortrag, abgesehen von der Belehrung über den speziellen Gegenstand, der er dienen möchte, auch auf als einen Versuch, diesen Anspruch wenigstens anzumelden.
Das Schriftprinzip! Ich habe damit einen der elementarsten Grund217sätze der Verkündigung unsrer reformierten Kirche genannt; und nur das Elementarste dieses Grundsatzes soll uns heute beschäftigen. Man versteht unter dem Schriftprinzip im weitern Sinn den doppelten Satz, daß die Bibel Alten und Neuen Testamentes von allen sonstigen möglichen Autoritäten qualitativ unterschieden ist als Gottes Wort, und daß sie in dieser ihrer qualitativen Einzigartigkeit Regel der kirchlichen Verkündigung ist. Aber ich beschränke mein Thema: nur [auf] den ersten dieser beiden Sätze, das Schriftprinzip im engern Sinn, also den grundlegenden Satz, daß die Bibel Gottes Wort ist. 1. Seinen Sinn und Zusammenhang, 2. seinen Gegensatz, 3. seine Begründung möchte ich zum Gegenstand unsrer Überlegung machen. Ich werde also heute nicht sprechen von seiner Anwendung: von den diesem Dogma entsprechen|505den Aufgaben: der Auslegung der Bibela, der dogmatischen Satzbildungb, der Predigtc endlich. Mit der entscheidenden Voraussetzung dieser Spezialfragen haben wir es heute zu tun.d
I
Versuchen wir es zunächst, uns den Sinn und die Tragweite dieses Satzes in seinem eigenen Zusammenhang klar zu machen.
Die Bibel als eine Sammlung antiker religiöser Literatur ist ein historisches Datum. Sie ist als solches zunächst und immer wieder schlecht und recht ein Gegenstand der historischen Wissenschaft. Nennt die Dogmatik als die Wissenschaft von den Grundsätzen der christlichen Kirche dieses Schrifttum Heilige Schrift, Gottes Wort, so ist das ein Urteil, das dem Historiker als solchem notwendig fremd und schlechterdings unmöglich ist. Er sieht und kennt hier wie überall nur Menschenworte, fromme, originelle, tiefsinnige, auf bedeutsame Wahrheitszusammenhänge hinweisende vielleicht, aber doch nur Menschenworte. Er hat hoffentlich Verständnis dafür, daß er sich hier in einer Sphäre sehr merkwürdiger Menschenworte befindet, daß er hier vor Problemen steht, die ihm so nicht alle Tage begegnen, daß der Anspruch dieser Menschenworte, mehr zu sein als das, sich hier zu einer Dringlichkeit erhebt, die ernstlich zu denken gibt. Aber die formalen Analogieen dieses Anspruchs zu dem, was ihm 218 auch in anderweitigem religiösem Schrifttum begegnet, sind handgreiflich. Zu dem Urteil: hier, gerade hier ist Gottes Wort, heilige Schrift, im strengen, kategorialen, exklusi|506ven Sinn dieses Satzes, hat er als Historiker keine Möglichkeit. Er kann ihn nicht widerlegen, er kann ihn aber als Historiker auch nicht bestätigen. Die christliche Kirche weiß, muß wissen, daß sie, indem sie jenem Anspruch der Bibel selbst nachgeht und recht gibt, die Propheten und Apostel als solche ernst nimmt, ohne Anführungszeichen, eine Einsicht vollzieht, bei der ihr die historische Wissenschaft, und wäre ihr Verständnis für die Eigentümlichkeit und Bedeutsamkeit dieser Literatur noch so groß, gerade am entscheidenden Punkt nicht helfen kann. Gewiß auch nicht in den Weg treten, aber ebenso gewiß: nicht helfen.
Die Erkenntnis der christlichen Kirche: die Bibel ist Gottes Wort, greift denn auch zunächst zurück auf eine primäre Erkenntnis in bezug auf den Gegenstand dieser Literatur. Sie sieht in dem Datum Bibel, nicht von diesem zu trennen, aber sozusagen in diesem verhüllt, verborgen, aber auch enthalten und dargeboten (sie selber sagt: «bezeugt»!) ein anderes Datum, die Offenbarung, das Wort, das die Verfasser der Schrift nicht sowohl gesprochen und geschrieben als gehört, vernommen, empfangen haben. Sie meint auch damit ein historisches Datum, ein Geschehen in der Zeit. Um seinetwillen, weil sie nicht anders von ihm weiß als durch das Medium der Bibel, also – aber das bedeutet keinen Wertunterschied – im – Sinn einer sekundären Erkenntnis nennt sie die Bibel Gottes Wort. Auch jene primäre Erkenntnis, die Erkenntnis der Offenbarung als solcher, ist für den Historiker als Historiker unvollziehbar. Das Subjekt der Ereignisse, die den Gegenstand der Bibel, das Woher des Zeugnisses ihrer Verfasser bilden, ist für ihn der Mensch oder die Menschheit, ihr Rahmen die Zeit, ihr Gesetz die Analogie des sonstigen geschichtlichen Geschehens. Er kann und soll über die singuläre Rolle und Bedeutung des Göttlichen, des Numinosen als Objekt des Menschen gerade an Hand der biblischen Geschichte staunen und nachdenken. Einem Historiker, der mit seiner «Methode», sei sie welche sie wolle, auf diesem Boden nicht etwas aus dem Konzept geraten sollte, wäre wohl auch als Historiker nicht zu trauen. Aber das hilft uns wenig: Gott selbst als Subjekt, als handelnd in der Geschichte, die Ewigkeit als Grenze der Zeit, das Geschehen ohne Analogie in der sonstigen Geschichte, das Wunder, das alles als solches entzieht sich seiner Wahrnehmung darum doch. Er kann das alles wiederum nicht leugnen, aber er ist als Historiker wiederum außerstande, das alles etwa als 219 geschehen zu behaupten. Und gerade das alles meint die christliche Kirche, wenn sie von Of|507fenbarung redet. Sie muß, wenn sie es wagt, das Zeugnis der Schrift anzunehmen, wie es lautet, wissen, daß ihr die historische Wissenschaft am entscheidenden Punkt gewiß wiederum nicht in den Weg treten, aber wiederum, auch bei bestem Willen und bester Einsicht, nicht helfen kann.
Wir haben damit eine Grenze abgesteckt. Der Satz: die Bibel ist Gottes Wort bezieht sich, im sekundären wie im primären Sinn verstandene, in seinem Subjekt auf ein historisches Datum. Das Prädikat aber: Gottes Wort, das ja vielmehr das Subjekt zum Prädikat macht und selber regierendes Subjekt sein will, ist als historisches Datum gerade unkenntlich. Wenn die christliche Kirche den durch diesen Satz bezeichneten Erkenntnisweg geht, so geschieht es auf eigenen Füßen; sonst geschieht es gar nicht.
Das Faktum, von dem wir ausgehen, besteht darin, daß die christliche Kirche es
wagt, von Gott zu redenf, als ob sie
Erkenntnis Gottes hätte |508 und vermitteln könnte. Sie
weiß aber, sie soll es besser wissen 220 als alle ihre Kritiker, daß Gott nur
durch Gott erkannt werden kann24. Wo immer Erkenntnis
des Gottes, den nie jemand gesehen [vgl.
510 1. Der Umfang dessen, was in diesem Satz Bibel heißt, ist bezeichnet durch den Begriff des Kanons.k Er bedeutet: in diesen und diesen bestimmten Schriften hat die Kirche
bisher kräftiges Zeugnis der Offenbarung, Wort Gottes vernommen. Warum gerade in
diesen und nicht in andern? Die Kirche hat den Kanon «geschaffen» im Bewußtsein,
daß es zur Beantwortung dieses Warum? nicht etwa nur – das alles hat freilich
mitgeredet – antiquarisch-gelehrte, kirchenpolitische, theologische Gründe,
sondern als entscheidenden Grund ein absolutes Darum! gebe, daß
sie die biblischen Schriften aus der Masse der übrigen nicht erst auszuwählen,
sondern nur als schon ausgewählt zu erkennen habel, daß Gottes Wort die Bibel, diese und diese Schriften,
als Gottes Wort bezeichnet.m Die Unvollziehbarkeit gleich dieser ersten Bestimmung für 222 die
historische Betrachtung leuchtet ein. Daß sie der in sich folgerichtige Sinn der
Kanonsbildung ist, daß man diese, ohne diesen einen allerdings
nur theologisch verständlichen Grund über allen Gründen zu
bedenken, letztlich gerade nicht versteht, wird man darum doch
nicht leugnen können. Den Namen
Man muß aber, gerade wenn man die Kanonsbildung nicht historisch, sondern
dogmatisch, vom Standpunkt der (Offenbarung erkennenden) Kirche aus versteht,
hinzufügen: sie kann, auf ihr Ergebnis gesehen, grundsätzlich nicht abgeschlossen
sein. Der Akt ist göttlich, sein Ergebnis als solches menschlich, relativ,
wandelbar. In der Reformationszeit haben viele reformierte Kirchen35, aber zu
2. Zwischen einzelnen Teilen der bis auf weiteres als Subjekt des Prädikates «Wort
Gottes» erkannten Literatur, zwischen dem Alten und |512
dem Neuen Testament insbesondere kann ein grundsätzlicher
Unterschied in Beziehung auf unsern Satz nicht anerkannt werden.
Daß der Historiker auch hier anders urteilt, von den Dokumenten von zwei oder vier
oder noch mehr verschiedenen Religionen redet, die in der Bibel vereinigt seien,
das ist sein gutes Recht, hat aber mit dem Sinn unsres Satzes gar nichts zu tun.
Als die Kirche sich durch Übernahme des alttestamentlichen Kanons als
Rechtsnachfolgerin der Synagoge erklärte, da hat sie den Unterschied der
christlichen und der 223 israelitischen Religion zwar wahrhaftig erkannt, aber als relativ erkannt gegenüber der Einheit
der Offenbarung, die sie bei
3. Prinzipiell ist dagegen der Unterschied, in dem Propheten und Apostel als Zeugen der Offenbarung gemeinsam allen übrigen Menschen gegenüberstehenr, mag es immer, ich rede hypothetisch, Zeugen derselben einen Offenbarung außerhalb der Bibel geben, die als solche noch nicht erkannt sinds, mag immer der Erfolg dieses Zeugnisses der sein, daß die Offenbarung ändern Menschen in derselben existentiellen Weise Offenbarung wird wie jenen, mag es dann immer unter diesen ändern Menschen solche geben, die man ebensogut wie jene Zeugen Jesu Christi nennen kann, ja die vielleicht, wiederum historisch betrachtet, viel wirksamere, mächtigere, eindrücklichere Zeugen Jesu Christi sind als jene ersten, die biblischen. Sollte nicht der und jener erfahrungsmäßig ganz mit Recht bekennen dürfen, daß er in christlicher Hinsicht durch seine fromme Mutter viel mehr empfangen habe als durch die ganze Bibel? Wozu zu bemerken ist, daß es sich bei der Erkenntnis der |515 Bibel als des Wortes Gottes weder um ein historisches noch um ein solches erfahrungsmäßiges Werturteil über die zufällige Quelle christlicher Anregung handelt, sondern um die Erkenntnis einer Norm aller derartigen Werturteile. Man kann vielleicht seiner Lebtage «mehr haben» von solchen ändern, uns direkter zugänglichen und verständlichen Zeugen und doch wissen, daß es über diesen noch Zeugen in einem ändern Sinn gibt, Zeugen erster Hand, an deren Zeugnis die Glaubwürdigkeit und Autorität unsrer nächsten Gewährsmänner gemessen sein, sich bewährt haben muß. Daß es Gesetz ist, nicht daß es uns einleuchtet, begründet die Priorität des Propheten- und Apostelwortes vor ändern Worten.t
225 4. Man könnte fragen, ob denn eine solche grundsätzliche Priorität von
Menschenworten gegenüber andern Menschenworten überhaupt christlich zulässig sei,
ob es oberhalb aller Menschenworte eine andere Norm geben dürfe
als die absolute des ungesprochenen ewigen göttlichen Logos? Antwort: Auch wir
unterscheiden zwischen Gottes Wort als Offenbarung und als Heilige Schrift. Aber
wir trennen nicht. Wir sagen (selbstverständlich im vollen Bewußtsein, etwas zu
tun, was wir als Historiker nicht tun dürften): Wie die Offenbarung selbst mitten
in der Geschichte, selbst Geschichte ist, Menschwerdung Gottes,
Eingang des Ewigen in die Verborgenheit des Zeitlichen und gerade so Offenbarung, |516 so ist auch das Zeugnis von
ihr ein irdisches, relatives, menschliches Geschehen und gerade als solches Zeugnis von der Offenbarung. Das Gegenüber von Gotteswort und
Menschenwort, von Absolutem und Relativem besteht nicht für sich; es besteht im
Gegenüber von Menschenwort und Menschenwort, von Relativem und Relativem.u In
diesem Gegenüber jenes erkennen, Licht im
Dunkeln sehen, die Einzigartigkeit Gottes mitten in der
Flucht der Erscheinungen49 in einer Erscheinung, die an sich in der Tat
gar nicht einzigartig ist: das heißt Gottes Wort erkennen: in
Jesus Christus und in der Schrift, die von ihm zeugt [vgl.
5. Die Form, in der uns die Bibel Offenbarung vermittelt und [die] insofern selber Wort Gottes ist, ist das prophetisch-apostolische Zeugnis. Man kann von diesem Zeugnis die Offenbarung nicht lösen als etwas für sich dahinter Stehendes, für sich zu Betrachtendes. Der Versuch, über die Quellen hinaus zu den Fakten vorzustoßen, die jenseits der Quellen stehen, kann dem Historiker nicht verwehrt werden; er stößt dann z. B. auf das Seelenleben der biblischen Schriftsteller, auf jene religionsgeschichtliche Entwicklung, an besonders wichtiger 226 Stelle auf die paar dunklen Umrisse, die man etwas optimistisch als das «Leben Jesu» zu bezeichnen pflegt, auf den Anfang der Tragödie, die man Kirchengeschichte heißt. Kein Zweifel, daß es das alles irgendwie, mehr oder weniger erkennbar, gibt. Aber das alles hat mit Offenbarung nichts zu tun. Die Offenbarung steht, nein sie geschieht, für uns in der Schrift, sie geschieht, es gibt hier kein Ausweichen: in den biblischen Texten, in den Worten und Sätzen, in dem, was die Propheten und Apostel als ihre Zeugen sagen wollten und gesagt haben.v Das ist das relative Recht der Lehre von der Verbalinspiration, auf deren Unrecht wir gleich kommen. Darin liegt ihr Recht: Die Texte gehen uns nicht als «Quellen» an, sondern als Zeugnis. Und das Zeugnis ist nicht in irgendeinem Faktum hin|517ter den Quellen zu suchen, sondern in den Texten.w Aus diesem Ring darf man, um hier53 zu verstehen, nicht herausspringen. Kurz formuliert: Die Wirklichkeit der Offenbarung ist indirekt identisch mit der Wirklichkeit der Bibel. Indirekt: wir wissen, daß die Bibel Eines ist, die Offenbarung ein Anderes. Aber identisch: die Offenbarung «ist» oder «geschieht» für uns nicht an sich, ihr Geschehen für uns ist die Bibel.x
6. Keine Erkenntnis der Bibel als Gottes Wort ohne konkretes Wissen um ihren historischen Charakter, um die Möglichkeit, sie historisch zu betrachten, d. h. aber: um die Nicht-Selbstverständlichkeit jener Erkenntnis. Erkenntnis der Bibel als des
Wortes Gottes ist ein Geschehen, ein immer neu sich ereignender, zu vollziehender
Durchbruch. Die Wand, die zu durchbrechen ist, ist die restlos anzuerkennende
historische Bedingtheit des biblischen Zeugnisses. Wer diese
Wand ignoriert oder wegleugnet und die Bibel zum Orakel macht, der leugnet die
Offenbarung, denn er leugnet die Ent227scheidung. Der Satz, daß die Bibel Gottes
Wort ist, bezeichnet aber eine Entscheidung, stattfindend auf des Messers Schneide
zwischen Unglauben und Glauben. Die biblischen Texte wollen54 nicht
Wort Gottes sein, sondern als solches reden und gehört werden,
entdeckt werden und sich zu entdecken geben. Es kann sich nicht darum handeln, für
das Ärgernis blind zu sein, nicht um |518 den unmöglichen
Versuch, es durch irgendeinen pseudo-wissenschaftlichen Handgriff zu beseitigen –
Pseudo-Wissenschaft ist jeder Versuch, das Wort Gottes in der Bibel direkt aufzuweisen –, sondern es handelt sich darum, das Ärgernis zu sehen und durch die Gnade Gottes zu überwinden.
Nicht menschliche Irrtumslosigkeit – in keiner Beziehung – macht
diese Zeugnisse zum Zeugnis Gottes selbst, sondern das Licht göttlicher Wahrheit, das in ihnen, den Zeugnissen irrender Menschen wie
wir, leuchtet.y Das gilt nun gegen die Verbalinspirationslehre
des 17. Jahrhunderts, die an Stelle der von Menschen in menschlicher Bedingtheit
vollzogenen Konzeption des biblischen Zeugnisses ein himmlisches Diktat setzen
wollte. Das gilt aber ebenso und noch schärfer gegen das absurde «Gott in der
Geschichte» der neuern Theologie58, mit dem man |519 den Entscheidungscharakter
jener Erkenntnis einem durch die Romantik pantheistisch verwöhnten Geschlecht zu
verhüllen suchte. Beide Lösungen, unter sich verwandter, als es auf den ersten
Anblick aussieht, bedeuten, daß man, als, im Zusammenhang mit ändern
geistesgeschichtlichen Verschiebungen, die Möglichkeit einer rein historischen
Sehweise schwerer zu wiegen begann, als es im Mittelalter und in der
Reformationszeit der Fall gewesen war, den dialektischen Mut, den jedenfalls
II
Wir haben den Gegensatz zu verstehen, in dem das reformierte
Schriftprinzip gebildet ist und Bedeutung hat. – Die Kirche lebt von der
Offenbarung, von der in der göttlichen Entscheidung und sonst in nichts
begründeten Teilnahme an Gottes Selbsterkenntnis. Sie wagt es, von Gott zu reden,
weil sie selbst von Gott angeredet ist. Aber diese Teilnahme ist nicht
unmittelbar, sondern mittelbar. Zwischen dem Wort Gottes, das dort, damals Fleisch
geworden [vgl.
Aber das ist 229 reformierte Lehre von der Bibel. Die katholische Lehre lautet anders. Nach ihr bedarf es keiner
solchen Brücke über den Abgrund der Zeit. Die Kirche ist nach ihr selber die
Brücke oder vielmehr – der Abgrund der Zeit wird hier grundsätzlich übersehen –
die gerade Straße, die von der Offenbarung heraus –, nein, die Offenbarung |521 fortsetzend, in die Folgezeit hineinführt. Die Bibel
ist nur die erste Stufe der Kirche, auf der sich alle weitern kontinuierlich
aufbauen. Nicht der einzelne Gläubige zwar, aber die Kirche als solche ist nach
katholischer Ansicht unmittelbar zur Offenbarung, fraglos, direkt, undialektisch
ihre Trägerin und Repräsentantin. Vom bescheidenen Dorfpriester bis zum Papst und
durch den Papst bis zu den Aposteln läuft eine ebene, auch zuletzt nur mäßig
ansteigende Linie, so hoch immer die relative Dignität dieser erste Stufe
geschätzt werden mag. Es gibt nach der Feststellung des Trienter Konzils ein in
der katholischen Kirche neben der Bibel her ununterbrochen weitergehendes Reden
Christi oder des Heiligen Geistes, die Tradition, die von den
Christen mit derselben Pietät und Ehrfurcht wie die Bibel aufzunehmen und zu
verehren ist.ab Wo die Kirche ist, da ist Christus.ac Die Zeitschranke, der
«garstige Graben», |522 von dem
Wer diese Lösung der Frage noch nie bewundert, noch nie Heimweh nach ihr empfunden
hat, ist nicht in der 230 Lage, zu wissen, was er tut, wenn er der reformierten
Auffassung beipflichtet. Sie kann und darf uns nicht leicht fallen. Die
reformierte Unterscheidung zwischen dem Evangelium in der Gegenwart und dem «Und
Gott sprach» in der Bibel, die so scharf auch im Luthertum nie vollzogen wurde,
sie bedeutet offenbar grundsätzlich eine Brechung in dem
Verhältnis zwischen Kirche und Offenbarung. Indem die Kirche diese Unterscheidung
vollzieht, stellt sie sich selbst, ihren Zusammenhang, ihre Gleichzeitigkeit mit
der Offenbarung in Frage. Sie anerkennt, daß sie sich durch ein
von ihr selbst, vom kirchlichen Amt sowohl wie vom christlichen Geist in den
einzelnen verschiedenes, ihr selbst göttlich überlegenes Gegenüber im Schach gehalten weiß.ad Daß sie wahre Kirche ist, der Leib, an
dem Christus das |523 Haupt ist [vgl.
Eins muß unzweideutig klar sein: es darf sich bei diesem Gegensatz 232 nicht etwa um eine Unterbietung der
katholischen Lehre von der Gleichzeitigkeit handeln. Dies wäre dann der Fall, wenn
mit der Aufrichtung des Schriftprinzips eine Apotheose der Geschichte beabsich|525tigt, wenn es,
wie
527 Und das ist ihr Einwand gegen die katholische Kirche, daß diese in sich selbst so
herrlich zu sein, daß sie einer solchen Bewährung und täglichen Neubegründung
durch das Urteil einer höhern Instanz nicht bedürftig zu sein meint, daß sie wohl
Autorität ausüben, aber bei Lichte besehen keiner Autorität sich beugen,
sondern89 schlechterdings selber
Autorität sein will. Es genügt nicht, wenn geantwortet wird, der
überlegene König und Richter oberhalb der Kirche sei eben der in ihr lebende
Christus oder der zu Pfingsten über sie ausgegossene Heilige Geist. Wir werden uns
hüten zu widersprechen; er ist es. Aber wenn damit wirklich ein
Kriterium oberhalb der Kirche bezeichnet sein soll, dann müßte damit gemeint sein:
der menschgewordene, der gekreuzigte Christus, dessen Leben verborgen ist und nur
insofern offenbar, als er sich offenbart durch seinen Geist, in der konkreten
Entscheidung auf des Messers Schneide zwischen Unglaube und Glaube, zwischen
Ärgernis und Gnade. Es müßte der Geist gemeint sein, den weder
die Kirche noch die Welt platterdings «hat», sondern um den die
Kirche (und das ist ihr Prärogativ vor der Welt) nach wie vor Pfingsten bittet, um ihn zu empfangen, bittet mit demjenigen Ernst, mit dem
man bittet um etwas, das man, indem man es empfängt, immer wieder empfangen muß,
wie man, indem man atmend lebt, immer neu atmen muß: «Veni
creator Spiritus!»90 Es müßte auch der Begriff des Geistes den
Augenblick, die Entscheidung des Geistes bezeichnen, die Feuerflamme, die nach der
Pfingsterzählung [
Aber ich möchte unsern Einwand gegen die katholische Lehre eigentlich nur der
Vollständigkeit halber, nur halblaut zur Sprache gebracht haben. Zum Kampfe gegen
Rom besteht heute, auf die innere Lage gesehen, kein Anlaß, wohl
aber sehr viel, vor unserer eigenen Türe zu wischen. Der erhobene Einwand gilt
nämlich vor allem auch gegen die breite Masse dessen, was sich heute in hundert
Spielarten reformierte, protestantische, evangelische Lehre heißt. Ich denke nicht nur an den sog. Liberalismus, wenn ich sage: wir haben fast
alles, was der Kirche des Papstes in diesem Punkt vorzuhalten ist, mutatis
mutandis, in ungeschickterer und unklassischerer Form auch
wieder getan: aus dem Bauplan, nach dem der Bau sich richten müßte, ein harmloses
unterstes Stockwerk gemacht, verwischt jenes kritische Dritte zwischen Gott und
Mensch, sein Wort in jener unauflöslich realen historischen zweiten Bedeutung des
Begriffs, versucht und immer wieder versucht den verbote|529nen Sprung in die Unmittelbarkeitam, den einst die Reformatoren nicht nur
der römischen Kirche, sondern im selben Atemzug auch den damaligen Schwärmern
vorgeworfen habenan, mit Christus zu verkehren probiert wie mit unsres235gleichen oder gar
geredet, wie wenn wir selbst Christus wären, und mit dem Geist operiert, als ob
wir ihn in Gestalt unsrer Wissenschaft, unsres bißchen Ethos, unsres religiösen
Bewußtseins in der Tasche hätten oder mittels aktivistischen Aufschwungs in die
Tasche bekommen könnten.
III
Wer nun zur Begründung des Schriftprinzips das Rechte sagen
wollte, der müßte jene im Evangelium [
Ich beginne sofort mit dem entscheidenden Eingeständnis. Der Satz: die Bibel ist
Gottes Wort hat mit der Gleichung a = a das Gemeinsame, daß seine Begründung nur
in einer Umschreibung und Erläuterung des Satzes selbst bestehen kann. Als zur
Reformationszeit und nachher die katholischen Gegner die Reformierten fragten,
woher und wie anders denn die Schrift als göttliche Autorität kenntlich und
glaubwürdig werden könne, wenn nicht durch die übergeordnete Autorität der Kirche,
da antworteten diese mit der harten, aber einzig möglichen Aufstellung, daß die
Heiligen Schriften eine in sich selbst, nicht im Urteil der Menschen begründete
Autorität hättenao, 236 daß man ebensogut nach dem Recht der Unterscheidung von hell und
dunkel, weiß und schwarz, süß und bitter fragen könneap, daß es innerhalb der Kirche eine methodische
Unmöglichkeitaq, eine Beleidigung der Schrift sei, nach einem Beweis |531 für ihren Ursprung auch nur zu fragenar. Das waren keine Verlegenheitsauskünfte, das war die Antwort der Einfalt
und der Klugheit. Für den Satz, daß das Menschenwort der Bibel Gottes Wort ist,
kann es offenbar nur einen einzigen und unvergleichlichen Grund geben, der
entweder sich selber setzt oder gar nicht besteht und der
entweder schon erkannt und anerkannt ist oder gar nicht wahrgenommen wird.as Die Existenz der wahren, der aus ihrem Ursprung immer wieder wahr
werdenden christlichen Kirche, die sich nach dem ersten Satz der
Das 16. Jahrhundert schon,
Heute müssen wir uns erst wieder gewöhnen lernen an jenen zwar ärgerlichen, aber
unvermeidlichen logischen Zirkel
Zwei Wege tun sich auf, wenn wir zum Schluß versuchen, die Bedeutung dieses alles
entscheidenden Faktors näher zu bestimmen. Am Ende des einen steht noch einmal die
Verbalinspirationslehre des 17. Jahrhun|539derts und das moderne «Gott in der Geschichte», am Ende des andern der Pietismus
und die Erlebnistheologie. Das mahnt zur Vorsicht. – Unvermeidlich scheint sich
bei der Durchführung des Gedankens vom Geisteszeugnis folgende Unterscheidung
einzustellen: Einmal: Der Geist, Gott redet zu uns aus den
Worten der Propheten und Apostel als ihr eigenster Urheber, aus
dem Geist haben sie geredet und geschrieben, wie sie durch den Geist selber der
Offenbarung teilhaftig waren. Also: dem Geist, Gott in den Worten, in der Bibel
gilt es gehorsam zu sein. Sodann: Der Geist, Gott bezeugt uns, daß die Propheten und Apostel nicht aus sich selber geredet
haben, wie die Offenbarung nicht aus ihnen, sondern aus ihm war. Der Geist in uns macht uns der Offenbarung, von der jene zeugen, teilhaftig.
Also: dem Geist, Gott in uns selber gilt es gehorsam zu sein. Diese Unterscheidung
ist unvermeidlich und richtig. Beides ist wahr. Beides ist zu bedenken. – Aber
wenn der erste Gedanke vom Geist in der Bibel für sich zu Ende
gedacht wird, führt er auf die merkwürdig trockene und unfruchtbare Vorstellung
von einem in weiter historischer Ferne und Fremde hoch dastehenden Heiligtum, aus
dem die Stimme Gottes wirklich zu vernehmen wir uns umsonst bemühen. Wie sollten
wir? Weil die Menschen, die die Bibel schrieben, göttliche Dinge gesehen und
gehört haben? Nehmen wir an, es sei so. Aber göttliche Dinge muß man selbst
vernehmen, sonst vernimmt man sie gar nicht. Oder weil das innere Leben und 242
Erleben dieser Menschen mich göttlich anspricht? Aber damit ist es noch nicht das
meinige! Oder wegen der göttlichen Wahrheit ihrer Gedanken? Wenn sie für mich
gelten sollen, so müssen sie sich an meinem eigenen Denken bewähren. Oder handelt
es sich doch um den göttlichen Ursprung der nun einmal dastehenden Worte als
solcher, womöglich bis zu den hebräischen Vokalzeichen, wie man es am Ende des 17. Jahrhunderts gerade in der
Wir haben unterschieden: den Geist in der Bibel und den Geist in uns selber. Wir
müssen nun einsehen: diese Unterscheidung ist notwendig, denn immer nur indem vom
einen aufs andre rekurriert, eines durch das andre erklärt und richtiggestellt
wird, kann die Wahrheit, um die es hier geht, kenntlich gemacht werden. Aber eben
damit ist gesagt, daß diese Unterscheidung, wenn wir auch nie aufhören können und
dürfen, sie zu vollziehen, vorläufig und relativ ist.bg Absolut genommen führen beide Gedanken
auf Verkehrtheiten. Nicht, als ob es sich nun darum handelte, beide mit einem
Sowohl-Als auch zu verkoppeln. Das ist oft versucht worden, aber aus zwei
Verkehrtheiten wird nimmermehr eine Wahrheit. Man kann aber bedenken, daß ja
eigentlich auf beiden Seiten nicht von irgendeinem Geist, sondern vom Heiligen Geist die Rede sein |542 sollte. Der Heilige Geist aber ist weder ein historisches Datum noch ein
Sentiment unsres Inwendigen, sondern die dritte Person in der Trinität: Gott
selbst seine Sache führend beim Menschen, handelnd in einem einzigen zeitlosen,
nein gleichzeitigen Akt: in der Offenbarung durch den Sohn, an den Zeugen der
Offenbarung und an uns, die wir ihr Zeugnis vernehmen: in der
Finsternis des historischen Datums und in der Finsternis unsrer
Herzen und Gewissen.bh
Er redet dort, 244 er hört hier, haben wir
gesagt, und darum und insofern redet die Bibel Gottes Wort und hören wir, hört die wahre christliche Kirche aller Zeiten Gottes Wort in
der Bibel. Nicht zu unterscheiden ist im Akt dieser Erkenntnis der Realgrund
(dort, damals, draußen) und der Erkenntnisgrund (hier, heute, drinnen), nicht zu unterscheiden das Licht, das von der Bibel ausgeht, und
das Auge, das dieses Licht wahrnimmt. «Derselbe Geist», so formuliert
543 Einer unsrer alten reformierten Lehrer hat den Satz vom Zeugnis des Heiligen
Geistes die «Grundlage der ganzen Theologie» genannt.bj Umgekehrt hat
Wir sind am Ende. Es ist vielleicht angebracht, wenn ich die Erinnerung meines Anfangs wiederhole: Dogmatik ist nicht Predigt. Man darf von ihr vieles nicht erwarten, was man von der Predigt mit Recht erwartet. Sie kann mit ihren harten Sätzen nur aufmerksam machen auf den Ort, wo die Predigt sinnvollerweise anfangen und aufhören müßte, auf den Ort, wo für alle, die es angeht, die Aufforderung, zu beten und zu arbeiten, dringlich werden kann. Wenn sie das tut, dann erfüllt sie die bescheidene, aber notwendige Funktion, zu der sie berufen ist.