Martin Werner1 kündigte in einem ausführlichen Brief vom 6. August 19242 Barth an: «Soeben erscheint bei Paul Haupt in Bern und bei Beck in München eine Schrift von mir [«Das Weltanschauungsproblem
bei Karl Barth und Albert Schweitzer, Eine
Auseinandersetzung
📖»], die nichts anderes ist als eine gesalzene Streitschrift gegen die
zweite Auflage Ihres Römerbriefs
📖. … Da kann ich nicht mehr mit! Was ich an diesem
neuerlichen Römerbrief vorab bedauerte, war Folgendes: Das Buch erschien in der
Situation, da die Theologie allgemach nach langen Irrgängen endlich durch Albert Schweitzer in die Lage versetzt wurde, den
wirklichen Paulinismus so zu verstehen, wie er von Pls. selber gemeint war, nämlich
eschatologisch. Sie selber hatten die erste Auflage geschrieben auf Grund der
entscheidenden Anregungen von Schweitzer3
und andern. Die Art und Weise aber, wie Sie nun in der zweiten Bearbeitung diese
Anregungen verarbeiteten, erschien mir geradezu als ein Versuch, ihre einzig richtige
Fruchtbarmachung für die Erkenntnis des Wesens des geschichtlichen Paulinismus zu
sabotieren. … Ich habe mich der dornenvollen Aufgabe unterzogen, Ihren Rm II mehr als
einmal Seite für Seite aufs aufmerksamste durchzustudieren. Die Wirkung war, daß ich
mich nachträglich mit vollem Bewußtsein für den von Ihnen exkommunizierten
‹Kulturprotestantismus› entscheide, und zwar für den konsequent zu Ende gedachten
‹Kulturprotestantismus› von der Währung, wie er in ‹Kultur und Ethik› von Albert Schweitzer4 als
Weltanschauung geprägt |491 worden ist. … Empfangen Sie einen
herzlichen Gruß von Ihrem Sie redlich bekämpfenden Lic. Pfr. Werner.» – Am 18. August
bestätigte Werner brieflich5 den Empfang einer Karte Barths und erklärte: «Auf Ihre eventuell
öffentliche Antwort auf meine Streitschrift freue ich mich, und wenn sie nicht minder
gesalzen ausfallen wird als mein Angriff es nun war, so bin ich auch darauf wohl gefaßt.
Mit dem, was ich in meinem Angriff gesagt habe, ist es mir Ernst und darum werde ich
dazu zu stehen wissen.» Im Heft VIII von «Zwischen den Zeiten», das im Herbst 1924
📖
erschien, war dann für die kommende Ausgabe u. a. angekündigt worden: «Karl Barth wird
sich zu den Einwänden äußern, die Paul
Althaus6 und Martin Werner – dieser im Namen
der Kulturphilosophie von Albert Schweitzer
– gegen seine Theologie erhoben haben …».7 Werner zeigte sich
daraufhin «gespannt darauf, wie Sie unsere Einwände … zu entkräften gedenken»8.
Am 12. Oktober wandte Barth sich brieflich an E.
Thurneysen unter Beifügung seiner Replik auf Werner mit dem Titel «Sunt
certi denique fines.9 Eine
Mitteilung»: «Ich sende dir mit der gleichen Post das Manuskript eines
kleinzudruckenden10
Votums für die nächste Nummer von Zw. d. Z. mit der Bitte, es mit unbestechlichem Auge
zu prüfen, ob das so geht oder nicht. Die Erleuchtung kam mir plötzlich gestern abend,
der Kerl müsse nun vorab seine Abfertigung haben, damit ich mich ungestört den ernst zu
Nehmenden zuwenden könne. Ist es nun gar zu arg geworden, und mußt du wieder einmal den
Standpunkt des ἐπιεικές [vgl. Phil. 4,5] gegen mich vertreten?
Du weißt, wie man sich selbst oft im Licht steht und nicht recht sieht, was man
anrichtet. […] Ich schreibe gleichzeitig an Georg [Merz als Schriftleiter
von ZZ ], damit er mir die Aufnahme in das Heft noch sichert. Wenn du einverstanden
bist, so schicke es ihm direkt zu.»11
Thurneysen antwortete ihm am 17. Okto|492ber: «Ich habe deinen Anti-Werner mit Erleichterung
entgegengenommen.»12 Nach Veröffentlichung des Heftes IX teilte Werner in
einem kurzen Brief13 an Barth mit: «Von Ihrer Bannbulle, die, wie es sich für
eine solche schickt, auch richtig lateinisch beginnt, habe ich Notiz genommen. Sie ist
ungefähr so ausgefallen, wie ich mir gedacht habe.»
Sunt certi denique fines
Eine Mitteilung
Die in Heft 8
📖 unserer Schriftenfolge angekündigte Auseinandersetzung mit Martin Werner «Das Weltanschauungsproblem bei Karl Barth und Albert Schweitzer» (Bern, Paul Haupt 1924)
📖 wird
meinerseits nicht stattfinden. Nachdem ich in den letzten Jahren doch
recht oft öffentlich Rede und Antwort gegeben habe (u. a. Adolf Harnack14, Friedr. Wilh.
Foerster15, Paul
Tillich16), wird man es mir nicht mißdeuten, wenn ich mir
nachgerade die Freiheit nehme, die Gegner, denen ich mich in dieser Weise «stelle»,
auszuwählen, diesen Gegner also, Herrn Lic. Werner in Krauchthal, nun
einmal sich selbst zu überlassen. Ich habe dazu folgende Gründe:
1. Werner bringt besonders in seinem 5. Kapitel17 eine Anzahl historischer Einwände zur
Einzelerklärung des Römerbriefs
📖, über die an sich zu reden wäre (siehe aber unten bei
3.!). Im übrigen greift er mein Buch in der Weise an, daß er gegen
eine aus ihm zusammengestellte «Weltanschauung» Karl Barths die in den neuern Schriften
Albert Schweitzers entwickelte
«Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben» – ausschreibt. Ich weiß und Werner weiß, warum
ich diesen Ausdruck wähle. Ihm, der sachlich über die Gedanken Schweitzers hinaus etwas Selbständiges und Wesent114liches nicht zu sagen hat, entgegenzutreten, mich
dadurch |493 von ihm, einem unberufenen Dritten, zu einer Kritik
der Gedanken Schweitzers herausrufen zu
lassen, dazu fühle ich mich nicht verpflichtet. Schweitzers Schriften («Zwischen Wasser und Urwald», Bern 1922
📖18; «Verfall und
Wiederaufbau der Kultur», München 1923
📖19; «Kultur und Ethik», München 1923
📖; «Aus meiner Kindheit und Jugendzeit», München
1924
📖; «Das Christentum und die Weltreligionen», Bern 1924
📖) habe ich gelesen, mit
aufrichtigem großem Respekt vor dem Mann, seinem vielseitigen Können, Wollen und Tun,
aber ohne daß mir die von ihm vorgeschlagene Quadratur des Zirkels bis jetzt glaubwürdig
geworden wäre. Ihm mich öffentlich zu widersetzen, habe ich zunächst keinen Anlaß, wie
ich auch bisher keine Zeile gegen ihn geschrieben habe. Wenn die noch ausstehenden Bände
seiner Kulturphilosophie20 einmal vorliegen werden, die gerade
das erst bringen sollen, was nach Werner ihren entscheidenden Vorzug vor dem Römerbrief
(und zwar nicht nur vor meiner Auslegung) ausmacht, und wenn Herr Professor Schweitzer es dann selbst für
nötig hält, gegen mich vorzugehen, dann wird die Lage vielleicht eine andre sein.
Vorläufig lasse ich mich durch einen bloßen Sekundanten, dessen Legitimierung mir und
andern erst noch zweifelhaft ist, nicht zu einem Streit herausfordern, zu dem ich mich
von mir aus nicht getrieben fühle.21
2. Die Männer, mit denen ich bis jetzt öffentlich zu diskutieren hatte, haben mich bei
aller Entschiedenheit auch ihrer polemischen Aussprache an eine humane, nicht nur höfliche, sondern Verständnis und Verständigung
suchende Gegnerschaft gewöhnt. Ich verweise dafür beson|494ders auch auf die gleichzeitig mit dem Wernerschen Buch erschienenen
Angriffe von Paul Althaus und Erich Schaeder22. Werners Streitschrift dagegen läßt die zur Führung eines
Gesprächs unerläßliche Urbanität sowohl, wie den Willen, nicht nur zu reden, sondern
auch zu hören, in einer so beklagenswerten Weise vermissen, daß mir ein materielles
Eingehen auf sie gänzlich verleidet ist. In der mir nur zu wohlbekannten
patzig-ungezogenen Manier, in der man in einer gewissen schweizerischen
Mittelpresse23 seine Fehden auszutragen pflegt, lasse ich über Gott und
göttliche Dinge nicht mit mir reden. Diese Manier aber ist’s, die Herr Privatdozent Lic.
Werner im Namen der «Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben» gegen mich anzuwenden für
richtig gehalten hat. Und das von der ersten bis zur letzten Seite ausgesprochenerweise
in der Haltung eines Mannes, der sich in keiner Weise mehr fragend neben mich, sondern nur noch belehrend, bestrafend, bekämpfend gegen mich zu stellen weiß, der überhaupt nicht mit mir,
sondern nur noch über mich zum Publikum reden will.
Tue er das nach Belieben! Mir aber sei erlaubt, dazu zu schweigen. Grobheit ist nicht
die Schärfe, und prinzipielle Zugeschlossenheit ist nicht die Entschiedenheit, die ich
bei einem als Gesprächspartner ernstzunehmenden Gegner voraussetzen
muß.
3. Lic. Werner hat seine Polemik an meine Römerbrieferklärung angeknüpft. Ich bedaure,
öffentlich sagen zu müssen, daß ich die Art, wie er mein Buch benützt hat, nicht als loyal anerkennen kann, und belege diesen Vorwurf an
einigen Beispielen:
a) Rbr.2 S. 353f.
📖24 sage ich, die Kirche müßte demütig genug sein, «sich von einem Kant an vorsichtiger Wahrung der Grenzen der
Menschheit nicht übertreffen zu lassen, die Schmach des Rationalismus gelassen zu tragen
und also Gott zu fürchten und zu lieben». – Werner verwendet diese Stelle S. 6
📖 so: «Schweitzer erklärt sich
grundsätzlich einverstanden mit dem Rationalismus … Barth aber ergießt seinen Zorn
über den Rationalismus. Er redet von der ‹Schmach des Rationalismus› (Rm. II, 354).»
495 115 b) Rbr.2 S. 134
📖25 sage ich zu dem «wir wissen»
Röm. 5,3: «‹Weil wir wissen›, weil wir so oder so einen
Durchblick haben … Wissen wir es? Nein, wir wissen es nicht. Wir wissen, daß wir es
nicht wissen. Aber Gott weiß es. Und sofern wir glauben, wagen wir es, zu wissen, was
Gott weiß. Und so wissen wir das unmöglich zu Wissende …» – Werner zitiert S. 10
📖
zunächst den Satz des Paulus und fährt dann fort: «Dazu Barth: ‹Wissen wir
es? Nein, wir wissen es nicht. Wir wissen, daß wir es nicht wissen› (Rm. II, 134). So wird mit Paulus
bei Barth kurzer Prozeß gemacht. Ohne weiteres interpretiert er ihn, wenn es nicht
anders geht, nach dem gewalttätigen Grundsatz, daß Paulus zweifellos natürlich das
Gegenteil gemeint habe von dem, was er schwarz auf weiß im Römerbrief sagt.»
c) Rbr.2 S. 51826 wird in Erläuterung der Bestimmung Röm. 15,17, daß Paulus seinen «Ruhm» «in
Christus Jesus, vor Gott» habe, gesagt, es sei nicht das menschliche Selbstbewußtsein des Apostels, das sich in jenen Versen ausspreche:
«Wer ist Paulus? Paulus ist preiszugeben. Die Höhe, auf der Paulus etwa stehen mag, ist
nicht allzu beträchtlich …» – Werner benützt das S. 100f. so: «Es sollte
immerhin schon zu denken geben, daß Barth, nachdem er im Vorwort zu seiner Auslegung
erklärt hat, bei Paulus einfach die Wahrheit zu suchen oder gefunden zu haben, einer
der letzten Seiten seines Kommentars dann doch das nachträgliche verschämte Geständnis
anvertraut: ‹Paulus ist preiszugeben!› (Rm. II, 518).»
d) Rbr.2 S. 139 wird das «für uns gestorben» Röm. 5,6 zunächst in vier
aneinandergereihten Sätzen mit «sofern», dann in einer längeren Ausführung bis S. 14027 erläutert. Ergebnis: Im Sterben Christi wird die paradoxe
Wahrheit der Einheit von Gottes Heiligkeit und Barmherzigkeit für uns
Wahrheit, ein Faktum, das «allen menschlichen Lebensinhalten in grundsätzlicher
Überlegenheit und Priorität gegenüber» steht. – Werner gibt S. 107f., alles, außer dem
ersten Satz mit «sofern» unter|496schlagend, meine
Meinung so wieder: «‹Für uns› ist der Christus gestorben, nur, insofern
dieses Sterben Erkenntnisprinzip unsres Sterbens ist› (Rm. II, 139
📖). ‹Neu
geschaffen, ins wirkliche Leben versetzt› wird nämlich der Mensch nur durch den
‹Christustod›, den er selber erlebt.»
e) Rbr.2 S. 18028 umschreibe ich das «Mit-Christus-gekreuzigt-Sein» des «alten Menschen»
Röm. 6,6 als die Bewegung durch folgende fünf Punkte: 1. Durch das Kreuz Christi wird der «alte
Mensch», der Sünder als solcher festgestellt, 2. meine Identität mit diesem «alten
Menschen»: «ich selbst bin der Gekennzeichnete, der mir im Spiegelbild des Todes Christi
entgegentritt», 3. die Anerkennung des Todesurteils über ihn, d. h. über mich, 4. die
Distanz zwischen ihm und mir, 5. die Identifikation zwischen mir und dem neuen Menschen.
– Woraus Werner S. 108
📖 entnimmt: «Barths eigentliche Meinung (über das
Mitsterben mit Christus) wird klar in dem sehr unpaulinischen Satz: ‹Ich
selbst bin der Gekennzeichnete, der mir im Spiegelbild des Todes Christi
entgegentritt› (Rm. II,
180). Die Heilsbedeutung des Todes Jesu beschränkt sich für
Barth darauf, Spiegelbild zu sein dessen, was der Mensch erleben muß.»
f) Rbr.2 S. 173f.29 betone
ich zu Röm. 6,2 den Charakter
der Taufe als Faktum entsprechend der Historizität der Erscheinung
Christi. «‹Zeichen› in diesem Sinn ist auch 116 die
Taufe, gerade in ihrer paradoxen Einmaligkeit. Daß das Zeichen Zeichen ist und nicht
mehr als das, das wissen wir, aber warum sollte es uns nichts zu zeigen haben?» … folgt
eine längere Darlegung bis S. 174, an deren Ende die Taufe «als Hinweis auf das Jenseits
ihrer Dinglichkeit Vermittlung neuer Schöpfung, ewige Realität, nicht
Gnade, aber durchaus Gnadenmittel»30 genannt wird. – Werner aber belehrt seine Leser S. 118 dahin, die Taufe werde
bei mir «degradiert zu einem ‹Zeichen, das Zeichen ist und nicht mehr als
das› (Rm. II,
173).»
Ich könnte diese Reihe noch lange fortsetzen. Werner wird sich z. B. klar sein darüber,
was er geleistet hat, wenn er S. 104 (= Rbr.2 486) bei dem Wort
«eintreten»31, S. 110 (= Rbr.2 177) bei Erwähnung der |497 «unhistorischen»
Beziehung32, S. 111
📖 (= Rbr.2 151
📖) bei der «historischen»
Gestalt33, S. 112 (= Rbr.2 265) bei dem «sündenbeherrschten |498
Fleisch»34 meine warnenden Anführungszeichen seinen
Lesern systematisch vorenthalten hat!! Genug und übergenug. Mag Werner in seiner Absicht, das christliche Publikum
auf meine Abweichungen von Paulus aufmerksam und damit für die Lehre seines Meisters um
so empfänglicher zu machen, Recht und Erfolg haben oder nicht, – bevor ich mich von ihm
über «mystische Ethik» oder «ethische Mystik»35 belehren lasse,
bitte ich für das nächste Mal um anständiges Zitieren. Bis dahin ist er mir
uninteressant.
4. Das Gewicht meines vierten Grundes wird man nur in der Schweiz ganz würdigen können.
In größter Nähe von Martin Werner befindet
sich nämlich Herr Pfarrer D. Hans
Baur36 zu St. Leonhard in Basel, ein Mann, der mich nun seit Jahr und Tag, obwohl ich
auch ihm nie eine Zeile gewidmet habe, mit einer Polemik verfolgt37, dergegenüber ich grundsätzlich und endgültig das
Gelübde des Schweigens abgelegt habe, und an den ich keinen Wunsch habe als den, daß er
mich in seinem «Protestantenblatt» nun endlich, endlich in Ruhe lassen möchte. Schon hat
er sich aber in seiner Weise auch diese Sache bemächtigt (Prot.-Blatt 1924 Nr. 35–36
📖38, dem «tapferen Pfarrer von Krauchthal»39 dankbar die Hand gedrückt und den Streit
vollends in eine Atmosphäre von Kurzschlüssigkeit, Agitatorenlogik und Gehässigkeit
hineingetragen, in |499 die ich den beiden Freunden nicht folge.
Das sei ferne! Mögen sie daselbst weiterhin über mich sagen, was sie wollen, mir aber
erlauben, meines Weges fürbaß zu gehen.
5. Natürlich berührt auch Werner Probleme
und Schwierigkeiten meiner theologischen Stellung, die mir wohl bewußt sind und die mir
ernstlich zu denken geben. Aber er berührt sie weder in so origineller, noch in so
scharfsinniger, noch in so dringlicher Weise, daß ich mich nun gerade mit ihm öffentlich
auseinandersetzen müßte. Das Substantielle, das sein Buch in diesem Sinn enthält, wird
in der früher oder später zu führenden Aussprache mit Althaus, Schaeder40, Girgensohn41 usw. implicite oder explicite zu seinem
Recht kommen.
Es ist mir selbst fatal, durch diese unerbauliche Abwehrgeste unser Weihnachtsheft42 etwas zu verunstalten. Aber da manche auf eine
Äußerung von mir zu der Wernerschen
Streitschrift zu warten scheinen, soll ihnen nicht länger vorenthalten sein, wie ich
darüber denke.