Karl Barth hatte am Eingang seines Vortrages über «Reformierte Lehre. Ihr Wesen und
ihre Aufgabe» vom 17. September 19231
polemisch Bezug genommen auf einen Zeitungsartikel von Adolf Keller über eine Tagung der östlichen Sektion des reformierten
Weltbundes in Zürich.2 Nach Erscheinen des Vortrages
in ZZ3 schrieb Keller am 8. Mai
1924 an Barth4: «Nun lese
ich … deinen Angriff. Die sachliche Antwort darauf wirst du in den Neuen Wegen
finden.5 Eine persönliche habe ich kaum
darauf zu geben, weil das Persönliche ja nicht so wichtig ist und ich es ertragen kann,
auf diese Weise und wegen dieser Gründe von dir gescholten zu werden, derweil ich
half[,] Elend in Pfarrers- und Professorenfamilien, Waisenhäusern, Fakultäten zu
lindern, versinkenden Glaubensgenossen durch Hilfe Mut zu machen.6 Das wird dich beim Aufbau deiner neuen Orthodoxie nicht
stören … Aber wundern tuts mich doch gelegentlich, obs dir in deiner derartigen Dialektik
ganz wohl ist, wenn du auf die Menschen schaust, wie sie zunächst sind und wir sie
lieben müssen.» Auf diesen Brief und Kellers
Polemik gegen Barth in den «Neuen Wegen» hin kam es zu einem ausführlichen privaten
Briefwechsel beider, von dem jedoch nur noch die Beiträge Kellers erhalten sind.7
|396 Eine Erwiderung auf Kellers Artikel hatte Barth diesem
offenbar angekündigt; bereits bezugnehmend auf deren Umfang schrieb Keller am 18. Juni
1924: «Deinen 5 Zeilen sehe ich gerne entgegen und bin gespannt darauf, zu sehen, ob Du
nun in Deiner eigenen Polemik die Grundsätze für den Verkehr mit Andersdenkenden
wirklich auch anwendest, die Du in einem der Schlußkapitel der ersten Auflage des
Römerbriefes8 so schön vorbringst.»
Barths Erwiderung erschien dann unter dem Titel «Zur Kenntnisnahme» in ZZ
📖.9 Von einer weiteren, von E. Thurneysen in den «Neuen Wegen» beabsichtigten
Antwort riet Barth diesem ab.10 «Es ist vielleicht |397 schon am Abdrucken in ‹Zwischen
den Zeiten› und meinen fünf Zeilen dazu zu viel, jedenfalls genug und übergenug.»11
Zur Kenntnisnahme
Im Maiheft der von Ragaz herausgegebenen
«Neuen Wege» berichtet Pfarrer Adolf Keller in Zürich, der Sekretär
des reformierten Weltbundes12, über eine in Birmingham abgehaltene Konferenz, die sich mit
der Frage der Betätigung des Christentums in Politik, Volkswirtschaft und
Gemeinschaftsleben beschäftigte.13 Er nennt sie «den ersten großzügigen
Versuch innerhalb des britischen Reiches, über alle kirchlichen, konfessionellen und
Richtungsunterschiede hinweg die Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß im Geiste des
Evangeliums die Lösung für die praktischen Nöte unserer Zeit gefunden werden müsse, daß
das Christentum mitverantwortlich sei für den Zustand der Welt, und daß nur in einer
neuen gemeinsamen und entschiedenen Hinwendung zu Christus ein Weg aus den
verstrickenden Problemen der Gegenwart gefunden werden könne.»14 Und er schließt mit der Ankündigung einer weiteren
Konferenz für praktisches Christentum, die sich nächstes Jahr in Stockholm, «1600 Jahre
nach Nicäa», wie bedeutsam bemerkt wird15, versammeln wird und
die «der Annäherung der Kirchen aneinander dienen will in dem Glauben, daß es möglich
ist, aus dem Geiste der Liebe heraus vorläufig zusammenzustehen im Kampf gegen den
Alkoholismus, die Verwilderung der Sitten, die Zerstörung der Familie, die Verhetzung
der Völker, die Bekämpfung des Verbrechens, die Förderung des Friedens, auch wenn eine
Einheit in Lehre und Verfassung unter den Kirchen noch nicht erreicht oder noch nicht
möglich ist.»16
Zu diesem letzten Satz macht Keller folgende Anmerkung:
398 «Indem ich dieses niederschreibe, spüre ich die ganze Schwierigkeit der Kirche, die
gerade in diesem Vorhaben zwei ganz verschiedenen Vorwürfen ausgesetzt ist. Der erste
heißt: ‹Ihr tut nichts!›, der zweite: ‹Euer Fehler ist eben, daß ihr etwas tun
wollt.›17
Ich fürchte, daß der Bannstrahl von Karl Barth18 ebenso auf diese Konferenz
niederfahren wird, wie dieser radikale Neinsager glaubte, ihn auf die Konferenz des
Reformierten Weltbundes in Zürich schleudern zu müssen (im Heft V seiner Zeitschrift
‹Zwischen den Zeiten›), weil sie nämlich laut einem oberflächlich orientierenden
Zeitungsbericht nicht wartete, bis in der Frage der Lehre ‹eine Klarheit, ein Wille,
eine Notwendigkeit auf dem Plan ist›19, sondern praktische neben
theologischen Fragen erörterte. Wir sollen also laut Barth solch unnütze Arbeit
unterlassen, wie: den deutschen Pfarrhäusern Hilfe zu bringen, evangelische
Diakonissenhäuser und Spitäler zu retten, protestantische bedrohte Schulen zu retten,
eine unterernährte und verwahrlosende Kindergeneration wohl lieber gleich sterben
lassen, weil wir uns vorher in der Lehre einigen müssen. Wir sollen wohl auch unbesehen
die evangelischen Minoritäten in Polen und Rumänien der liebevollen Ausrottungsarbeit
Roms und des Staates überlassen, weil wir Protestanten uns noch nicht genügend ‹mit uns
selber auseinandergesetzt haben, und wir erst die reformierte Sachlichkeit schaffen
müssen›20. Den Kriegsstoff zwischen den Völkern im Balkan durch Versöhnungs- und
Friedensarbeit zu mindern, ist voreiliges Handeln und mangelnde Besinnung. Aber diesen
Kriegsstoff zwischen den Konfessionen neu aufzuhäufen, das wäre Gott wohlgefällig. Wie
wohltätig müßte eine Dordrechter Synode im Hungerelend des letzten Winters gewirkt
haben! Und anstatt daß reformierte Schweizer |399 Pfarrer in
herzlicher evangelischer Liebe ihren unierten und lutherischen Kollegen halfen, hätten
sie besser getan, den krypto-calvinistischen Streit wieder hervorzuholen. Dialektik
statt simpler Liebestat! Lehre statt praktischer, unaufschiebbarer Arbeit! Ich denke an
lehr- und wehrhafte schottische Theologen, an Amerikas südliche Presbyterianer, an
holländische kuyperische Christen, die an
diesen Konferenzen teilnahmen und die lehrhafte Besinnung sehr gründlich vorher
vorgenommen haben. Der Herzenskündiger Barth weiß es besser. Ich denke auch an
bekümmerte einfache Männer und Frauen an der Konferenz21, die den Willen
Gottes einfach und treu tun wollen und damit beim Bruder anfangen, Christen, denen es
nicht weniger ernst ist als Karl Barth mit ihrer Verzweiflung an sich selbst, die aber
im Glauben an den Gott, der es tut, an die Arbeit gehen. Turmbau zu Babel [vgl. Gen. 11,1–9]! Ich denke
an die Quäker, an ihre so gar nicht lebhafte, wortarme, undialektische geistige
Atmosphäre, in der man aber neben dem Geist etwas spürt, was ich bei Karl Barth auch
gern einmal spüren würde: die Liebe! Ihr armen, stillen Leute, geht heim und schafft
euch erst eine ordentliche Dogmatik, bevor ihr mit andern Kirchen zusammen euch der
Armen und Elenden in der halben Welt annehmt! Wer etwas von dem Geiste der Buße und des
Glaubens an den Höhepunkten solcher Versammlungen spürte, wer weiß, wie wenig es sich da
handelt um ein menschliches Machenkönnen22 oder um eine
Verwässerung des wesentlichen Glaubensgehaltes durch allerlei praktischen Betrieb, der
kann solche überhebliche Herzenskündigungen und Anwürfe nur bedauern oder vielleicht als
Auswüchse einer kämpferischen Natur entschuldigen. Barth hat so Tiefes zu sagen, deckt
so unerbittlich alle menschliche Blöße vor Gott auf, stellt den Menschen so unerbittlich
immer wieder vor Gott, zwingt uns so gewaltig zurück auf die reformatorische
Grundposition von Sünde und Gnade, leuchtet so zündend hinein in alles Religions- und
Kirchenwesen, hinter das wir uns vor Gott verstecken, daß wir ihn hören und ihm für
diesen Hinweis und diese Kritik danken müssen. Dieser Ernst von Gott her lehrt ihn
rücksichtlos alle Menschenherrlichkeit zu Gottes Ehre vernichten. Aber es wäre schade,
wenn derselbe Ernst ihn nicht auch davor schützen würde, der Lust an einer kämpferi|400schen feineren geistigen Verleumdung23 zu verfallen zur Ehre Gottes und der
Dialektik. Es wäre auch schade, wenn diese Kritik nicht nur die leere praktische
Betriebsamkeit, sondern auch notwendigste praktische Arbeit töten würde. Schon hören wir
aus Deutschland, daß, wo dieser Geist Einfluß gewinnt, solche unabweisbare praktische
Arbeit aufhört. Das darf aber bei allem Blick auf den Ursprung praktischer Arbeit nicht
sein. Denn einiges muß nämlich wirklich hic et nunc getan werden: Hungernde müssen
gespeist, Versinkende gestärkt, Kinder erzogen werden, die reformierte Professur in
Göttingen muß aufrecht erhalten werden, damit Barth lehren kann, Bibeln müssen nach
Rußland geschafft werden, damit dort das Wort wirken kann – praktische Arbeit, die weder
vom Geist noch von der Liebe Christi verlassen ist.»
Über all diese Worte von Adolf Keller kann
ich angesichts der sechs ersten Seiten meines Vortrags, die ihn dazu veranlaßt haben
sollen, nur – staunen.