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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-19">Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925</title>
        <title type="content">Zur Kenntnisnahme</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Zur Kenntnisnahme, 1924</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/19018 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925, hrsg. v. Finze, Holger (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1990, S. 395–400.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925</title>
          <title type="text">Zur Kenntnisnahme</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Finze, Holger</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1990</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 395-400</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe III.19, zur kenntnisnahme 1924</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Zur Kenntnisnahme, in: Zwischen den Zeiten Jg. 2 (1924), S. 79–80 </bibl>
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        <date type="creation" when="1924">1924</date>
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      <div type="paper">
        <pb xml:id="p395" ed="pga"/>
        <head>ZUR KENNTNISNAHME</head>
        <head type="sub">1924</head>
        <div type="abstract">
          <p>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> hatte am Eingang seines Vortrages über «Reformierte Lehre. Ihr Wesen und
            ihre Aufgabe» vom <date when="1923-09-17">17. September 1923</date><note xml:id="n01">In diesem Band <ref type="pub" target="../volume/19/p202#p202">S. 202ff.</ref></note>
            polemisch Bezug genommen auf einen Zeitungsartikel von <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Keller</persName> über eine Tagung der östlichen Sektion des <orgName ref="kbga-actors-4135">reformierten
            Weltbundes</orgName> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>.<note xml:id="n02">
                            <ref type="pub" target="../volume/19/p204#p204">S. 204ff.</ref></note> Nach Erscheinen des Vortrages
            in <orgName ref="kbga-actors-6169">ZZ</orgName><note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2144">[Jg. 2] 1924 [Heft 1 =] Heft 5 [der ganzen Zeitschrift],
              S. 8–39</bibl>.</note> schrieb <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> am <date when="1924-05-08">8. Mai
            1924</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName><note xml:id="n04">
                            <ref type="kba-objects-id" target="12644">Original im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel.</note>: «Nun lese
            ich … deinen Angriff. Die sachliche Antwort darauf wirst du in den <orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wegen</orgName>
              finden.<note xml:id="n05">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2145">
                                <persName ref="kbga-actors-636">A.
                    Keller</persName>, <hi rend="italic">Eine britisch religiös-soziale
                    Konferenz</hi>, in: Neue Wege, Jg. 18
                    (1924), S. 197–206</bibl>; die Bezugnahme auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> findet
              sich in einer Anm. zum letzten Satz (S. 205f.).</note> Eine persönliche habe ich kaum
            darauf zu geben, weil das Persönliche ja nicht so wichtig ist und ich es ertragen kann,
            auf diese Weise und wegen dieser Gründe von dir gescholten zu werden, derweil ich
            half[,] Elend in Pfarrers- und Professorenfamilien, Waisenhäusern, Fakultäten zu
            lindern, versinkenden Glaubensgenossen durch Hilfe Mut zu machen.<note xml:id="n06">
                            <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> war seit <date when="1924">1924</date> erster
              Generalsekretär der «<orgName ref="kbga-actors-8643">Europäischen Zentralstelle für kirchliche Hilfsaktionen</orgName>»; vgl.
              oben <ref type="pub" target="../volume/19/p204#fn_n12">S. 204, Anm. 12</ref>.</note> Das wird dich beim Aufbau deiner neuen Orthodoxie nicht
            stören … Aber wundern tuts mich doch gelegentlich, obs dir in deiner derartigen Dialektik
            ganz wohl ist, wenn du auf die Menschen schaust, wie sie zunächst sind und wir sie
            lieben müssen.» Auf diesen Brief und <persName ref="kbga-actors-636">Kellers</persName>
            Polemik gegen <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in den «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wegen</orgName>» hin kam es zu einem ausführlichen privaten
            Briefwechsel beider, von dem jedoch nur noch die Beiträge <persName ref="kbga-actors-636">Kellers</persName> erhalten sind.<note xml:id="n07">
                            <p>Originale
                der Briefe <persName ref="kbga-actors-636">Kellers</persName> im Karl Barth-Archiv,
                Basel. – In einem zehnseitigen Brief vom <date when="1924-05-22">
                                    <ref type="kba-objects-id" target="12662">22.5.1924</ref></date> aus <placeName ref="kbga-places-669">Schottland</placeName> (von
                einer Synode der dortigen United Free Church) schreibt <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> u. a. : «Ich bin auch für Sachlichkeit. Aber
                wer fing denn mit persönlichen Belächerungen [sic], Verdikten über ‹<hi rend="italic">sich</hi> u. andre nicht Ernst nehmen, prakt. Betriebsamkeit etc.› an? Wundre
                dich daher nicht wenn ich einmal die Charakterprobe anstellte um zu sehen, in meiner
                Fußnote, wie <hi rend="italic">du</hi> denn solche Kritik empfindest … Woher weißt du denn
                …, daß hinter dem notwendigen praktischen Betrieb keine Besinnung steht? … Ich bin
                erstaunt, daß du nun von einem Angriff nichts wissen willst. Jedenfalls haben es
                eine ganze Anzahl die wußten, daß ich den Art. geschrieben habe, nicht so empfunden.
                Mehrere fanden du hättest mich schnöde behandelt. Das nehme ich dir persönlich nicht
                übel. Aber ich mußte einmal gegen die überhebende Art reagieren, mit der [du] zu
                wissen glaubst, was denn in anderen vorgeht … Und dann noch eins. Du kannst meist nur
                donnern und blitzen, aber nicht wärmen. Das braucht man auch etwa. Ich lebe hier
                unter lieben einfachen ernsten Menschen, ich fühle hier einfach mehr Christusgeist
                als wenn du deine Bannbullen auf Kirchen oder Individuen loslässest, womit ich nicht
                sage, daß sie es nicht nötig haben.» Beiläufig erwähnt <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName>, daß er «den <orgName ref="kbga-actors-4135">Ref. Weltbund</orgName> einlud, dich zu
                einem Vortrag aufzufordern» (vgl. dazu unten <ref type="pub" target="../volume/19/p604#p604">S. 604</ref>).</p>
                            <p>In einem Brief vom
                  <date when="1924-06-18">
                                    <ref type="kba-objects-id" target="12702">18.6.1924</ref></date> erklärt <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName>:
                «Du stehst nämlich unter dem Mißverständnis, daß ich persönlich und Du sachlich
                gewesen seist. Das muß ich sehr nachdrücklich anfechten … Es geht nicht an, daß Du
                Deine angeblich nur sachlichen Ausführungen, die aber voll Kränkungen sind, als
                sachlich bezeichnest und die Antwort des andern, der sich wehrt, als persönlich … Ich
                betone also, daß nicht ich den Krach angefangen habe, sondern Du.»</p>
                            <p>Am
                  <date when="1924-08-11">
                                    <ref type="kba-objects-id" target="12788">11.8.1924</ref></date> schreibt <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName>
                an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>: «Es fällt z. B. auf unserer Seite gar niemand ein, mit diesen Konferenzen
                etwa einen Turm zu <placeName ref="kbga-places-852">Babel</placeName> zu bauen. Gerade die Besucher des <orgName ref="kbga-actors-4135">Reformierten
                [Welt-]Bundes</orgName> sind zudem Leute, die außerordentlich an der <hi rend="italic">Lehre</hi>
                interessiert sind, aber nachdem sie diese nun bald 50 Jahre lang an ihren
                Konferenzen behandelten, nun angesichts einer besonderen praktischen Not auch einmal
                praktische Fragen behandelten, zudem an einer Teilkonferenz … Damit Du übrigens den
                <orgName ref="kbga-actors-4135">Reformierten Bund</orgName> zunächst einmal kennen lernst und Deine Ideen vor ihm vertreten
                kannst, habe ich der Leitung vorgeschlagen, Dich zum General Council nach <placeName ref="kbga-places-790">Cardiff</placeName>
                einzuladen. Dieser findet alle 4 Jahre statt und zieht gewöhnlich eine große Menge
                Reformierter aus der Welt zusammen. Ich hoffe, Du wirst eine solche Gelegenheit
                nicht verfehlen, zu Kreisen zu reden, die ich nun schon verschiedentlich auf Dich
                aufmerksam machte.»</p></note>
            <pb xml:id="p396" ed="pga"/> Eine Erwiderung auf <persName ref="kbga-actors-636">Kellers</persName> Artikel hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesem
            offenbar angekündigt; bereits bezugnehmend auf deren Umfang schrieb <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> am <date when="1924-06-18">18. Juni
            1924</date>: «Deinen 5 Zeilen sehe ich gerne entgegen und bin gespannt darauf, zu sehen, ob Du
            nun in Deiner eigenen Polemik die Grundsätze für den Verkehr mit Andersdenkenden
            wirklich auch anwendest, die Du in einem der Schlußkapitel der ersten Auflage des
              Römerbriefes<note xml:id="n08">Gemeint ist wohl <bibl corresp="kbga-bibls-119">
                                Römerbrief 1, <ref type="pub-" target="16016#p491">S. 491ff.</ref></bibl> («Überlegenheit») zu <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.16 Röm.13.10">Röm. 12,16c-13,10</ref>.</note> so schön vorbringst.»</p>
          <p>
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Erwiderung erschien dann unter dem Titel «Zur Kenntnisnahme» in <bibl corresp="kbga-bibls-2144">
                            ZZ</bibl>.<note xml:id="n09">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2144">[Jg. 2] 1924 [Heft 3 =] Heft 7 [der ganzen Zeitschrift], S. 79f.
              (zweispaltig gesetzt)</bibl>; die von <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> – und unten von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> – erwähnten «fünf Zeilen»
              beziehen sich auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schlußsatz.</note> Von einer weiteren, von <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> in den «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wegen</orgName>» beabsichtigten
            Antwort riet <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesem ab.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="4094">S. 258</ref>
                    (8.6.1924).</bibl></note> «Es ist vielleicht <pb xml:id="p397" ed="pga"/> schon am Abdrucken in ‹<orgName ref="kbga-actors-6169">Zwischen
            den Zeiten</orgName>› und meinen fünf Zeilen dazu zu viel, jedenfalls genug und übergenug.»<note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="4094">S. 258f.</ref></bibl></note>
          </p>
        </div>
        <div>
          <head>Zur Kenntnisnahme</head>
          <p>Im Maiheft der von <persName ref="kbga-actors-330">Ragaz</persName> herausgegebenen
            «<orgName ref="kbga-actors-4867">Neuen Wege</orgName>» berichtet Pfarrer <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Keller</persName></hi> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, der Sekretär
            des <orgName ref="kbga-actors-4135">reformierten Weltbundes</orgName><note xml:id="n12">Im oben erwähnten Brief vom
                <date when="1924-05-22"><ref type="kba-objects-id" target="12662">22.5.1924</ref></date> stellt <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> richtig: «Ich bin nicht Generalsekretär des
              <orgName ref="kbga-actors-4135">Ref. Weltbundes</orgName>. Ich bin einer der Sekretäre von <orgName ref="kbga-actors-4193">Life and Work</orgName>, das nächstes Jahr in
              <placeName ref="kbga-places-329">Stockholm</placeName> tagt …»</note>, über eine in <placeName ref="kbga-places-789">Birmingham</placeName> abgehaltene Konferenz, die sich mit
            der Frage der Betätigung des Christentums in Politik, Volkswirtschaft und
            Gemeinschaftsleben beschäftigte.<note xml:id="n13">Es handelt sich um die «<orgName ref="kbga-actors-3999">Conference on
              Christian Politics, Economics and Citizenship</orgName>» (Copec) vom 
                <date from="1924-04-05" to="1924-04-12">5. bis  12.4.1924</date> in <placeName ref="kbga-places-789">Birmingham</placeName>.</note> Er nennt sie «den ersten großzügigen
            Versuch innerhalb des britischen Reiches, über alle kirchlichen, konfessionellen und
            Richtungsunterschiede hinweg die Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß im Geiste des
            Evangeliums die Lösung für die praktischen Nöte unserer Zeit gefunden werden müsse, daß
            das Christentum mitverantwortlich sei für den Zustand der Welt, und daß nur in einer
            neuen gemeinsamen und entschiedenen Hinwendung zu Christus ein Weg aus den
            verstrickenden Problemen der Gegenwart gefunden werden könne.»<note xml:id="n14">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2145">
                                <persName ref="kbga-actors-636">A. Keller</persName>, <hi rend="italic">Eine britische
                    religiös-soziale Konferenz</hi>, a.a.O., S. 198</bibl>: «Copec ist
              innerhalb des ungeheuren britischen Reiches der erste großzügige, allgemeine Versuch,
              über alle kirchlichen …».</note> Und er schließt mit der Ankündigung einer weiteren
            Konferenz für praktisches Christentum, die sich nächstes Jahr in <placeName ref="kbga-places-329">Stockholm</placeName>, «1600 Jahre
            nach <orgName ref="kbga-actors-8308">Nicäa</orgName>», wie bedeutsam bemerkt wird<note xml:id="n15">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2145">
                                A.a.O., S. 204.</bibl></note>, versammeln wird und
            die «der Annäherung der Kirchen aneinander dienen will in dem Glauben, daß es möglich
            ist, aus dem Geiste der Liebe heraus vorläufig zusammenzustehen im Kampf gegen den
            Alkoholismus, die Verwilderung der Sitten, die Zerstörung der Familie, die Verhetzung
            der Völker, die Bekämpfung des Verbrechens, die Förderung des Friedens, auch wenn eine
            Einheit in Lehre und Verfassung unter den Kirchen noch nicht erreicht oder noch nicht
            möglich ist.»<note xml:id="n16">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2145">
                                A.a.O., S. 205.</bibl></note>
          </p>
          <p>Zu diesem letzten Satz macht <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> folgende Anmerkung:</p>
         
          <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p398" ed="pga"/> «Indem ich dieses niederschreibe, spüre ich die ganze Schwierigkeit der Kirche, die
            gerade in diesem Vorhaben zwei ganz verschiedenen Vorwürfen ausgesetzt ist. Der erste
            heißt: ‹Ihr tut nichts!›, der zweite: ‹Euer Fehler ist eben, daß ihr etwas tun
              wollt.›<note xml:id="n17">Die letzten beiden Worte bei <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> hervorgehoben.</note>
            Ich fürchte, daß der Bannstrahl von <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName></hi><note xml:id="n18">Hervorhebung von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>.</note> ebenso auf diese Konferenz
            niederfahren wird, wie dieser radikale Neinsager glaubte, ihn auf die Konferenz des
            <orgName ref="kbga-actors-4135">Reformierten Weltbundes</orgName> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> schleudern zu müssen (im Heft V seiner Zeitschrift
            ‹<orgName ref="kbga-actors-6169">Zwischen den Zeiten</orgName>›), weil sie nämlich laut einem oberflächlich orientierenden
            Zeitungsbericht nicht wartete, bis in der Frage der Lehre ‹eine Klarheit, ein Wille,
            eine Notwendigkeit auf dem Plan ist›<note xml:id="n19">Siehe in diesem Band <ref type="pub" target="../volume/19/p208#p208">S. 208</ref>:
              «Müßte nicht besser das ganze Programm warten, bis in dieser Frage eine Klarheit, ein
              Wille, eine Notwendigkeit auf dem Plan ist?»</note>, sondern praktische neben
            theologischen Fragen erörterte. Wir sollen also laut <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> solch unnütze Arbeit
            unterlassen, wie: den deutschen Pfarrhäusern Hilfe zu bringen, evangelische
            Diakonissenhäuser und Spitäler zu retten, protestantische bedrohte Schulen zu retten,
            eine unterernährte und verwahrlosende Kindergeneration wohl lieber gleich sterben
            lassen, weil wir uns vorher in der Lehre einigen müssen. Wir sollen wohl auch unbesehen
            die evangelischen Minoritäten in <placeName ref="kbga-places-286">Polen</placeName> und <placeName ref="kbga-places-793">Rumänien</placeName> der liebevollen Ausrottungsarbeit
            Roms und des Staates überlassen, weil wir Protestanten uns noch nicht genügend ‹mit uns
            selber auseinandergesetzt haben, und wir erst die reformierte Sachlichkeit schaffen
              müssen›<note xml:id="n20">Siehe in diesem Band <ref type="pub" target="../volume/19/p208#p208">S. 208–210</ref>: «Aber wie sollen und können
              wir uns mit ‹Rom› auseinandersetzen, bevor wir uns ganz anders mit uns selbst
              auseinandergesetzt haben über die Frage, was wir denn als nicht-römische Christen
              sind, vertreten und wollen? … Vielleicht besteht einer der wenigen wirklichen Dienste,
              den die <hi rend="italic">deutschen</hi> reformierten Kirchen heute ihren westlichen
              Konfessionsverwandten leisten können, darin, sie (aber vor allem sich selbst) daran zu
              erinnern, daß es, allen vermeintlichen Zeitbedürfnissen und -notwendigkeiten zum
              Trotz, so etwas wie eine reformierte <hi rend="italic">Sachlichkeit</hi> geben
              könnte.»</note>. Den Kriegsstoff zwischen den Völkern im <placeName ref="kbga-places-788">Balkan</placeName> durch Versöhnungs- und
            Friedensarbeit zu mindern, ist voreiliges Handeln und mangelnde Besinnung. Aber diesen
            Kriegsstoff zwischen den Konfessionen neu aufzuhäufen, das wäre Gott wohlgefällig. Wie
            wohltätig müßte eine Dordrechter Synode im Hungerelend des letzten Winters gewirkt
            haben! Und anstatt daß reformierte Schweizer <pb xml:id="p399" ed="pga"/> Pfarrer in
            herzlicher evangelischer Liebe ihren unierten und lutherischen Kollegen halfen, hätten
            sie besser getan, den krypto-calvinistischen Streit wieder hervorzuholen. Dialektik
            statt simpler Liebestat! Lehre statt praktischer, unaufschiebbarer Arbeit! Ich denke an
            lehr- und wehrhafte schottische Theologen, an <placeName ref="kbga-places-2">Amerikas</placeName> südliche Presbyterianer, an
            holländische <persName ref="kbga-actors-1106">kuyperische</persName> Christen, die an
            diesen Konferenzen teilnahmen und die lehrhafte Besinnung sehr gründlich vorher
            vorgenommen haben. Der Herzenskündiger <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> weiß es besser. Ich denke auch an
            bekümmerte einfache Männer und Frauen an der Konferenz<note xml:id="n21">Bei <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName>: «Copec-Konferenz».</note>, die den Willen
            Gottes einfach und treu tun wollen und damit beim Bruder anfangen, Christen, denen es
            nicht weniger ernst ist als <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> mit ihrer Verzweiflung an sich selbst, die aber
            im Glauben an den Gott, der es tut, an die Arbeit gehen. Turmbau zu <placeName ref="kbga-places-852">Babel</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.11.1 Gen.11.9">Gen. 11,1–9</ref>]! Ich denke
            an die Quäker, an ihre so gar nicht lebhafte, wortarme, undialektische geistige
            Atmosphäre, in der man aber neben dem Geist etwas spürt, was ich bei <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> auch
            gern einmal spüren würde: die Liebe! Ihr armen, stillen Leute, geht heim und schafft
            euch erst eine ordentliche Dogmatik, bevor ihr mit andern Kirchen zusammen euch der
            Armen und Elenden in der halben Welt annehmt! Wer etwas von dem Geiste der Buße und des
            Glaubens an den Höhepunkten solcher Versammlungen spürte, wer weiß, wie wenig es sich da
            handelt um ein menschliches Machenkönnen<note xml:id="n22">Bei <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName>: «Machenwollen».</note> oder um eine
            Verwässerung des wesentlichen Glaubensgehaltes durch allerlei praktischen Betrieb, der
            kann solche überhebliche Herzenskündigungen und Anwürfe nur bedauern oder vielleicht als
            Auswüchse einer kämpferischen Natur entschuldigen. <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> hat so Tiefes zu sagen, deckt
            so unerbittlich alle menschliche Blöße vor Gott auf, stellt den Menschen so unerbittlich
            immer wieder vor Gott, zwingt uns so gewaltig zurück auf die reformatorische
            Grundposition von Sünde und Gnade, leuchtet so zündend hinein in alles Religions- und
            Kirchenwesen, hinter das wir uns vor Gott verstecken, daß wir ihn hören und ihm für
            diesen Hinweis und diese Kritik danken müssen. Dieser Ernst von Gott her lehrt ihn
            rücksichtlos alle Menschenherrlichkeit zu Gottes Ehre vernichten. Aber es wäre schade,
            wenn derselbe Ernst ihn nicht auch davor schützen würde, der Lust an einer kämpferi<pb xml:id="p400" ed="pga" break="no"/>schen feineren geistigen Verleumdung<note xml:id="n23">Die letzten drei Worte bei <persName ref="kbga-actors-636">Keller</persName> hervorgehoben.</note> zu verfallen zur Ehre Gottes und der
            Dialektik. Es wäre auch schade, wenn diese Kritik nicht nur die leere praktische
            Betriebsamkeit, sondern auch notwendigste praktische Arbeit töten würde. Schon hören wir
            aus <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, daß, wo dieser Geist Einfluß gewinnt, solche unabweisbare praktische
            Arbeit aufhört. Das darf aber bei allem Blick auf den Ursprung praktischer Arbeit nicht
            sein. Denn einiges muß nämlich wirklich <foreign xml:lang="lat">hic et nunc</foreign> getan werden: Hungernde müssen
            gespeist, Versinkende gestärkt, Kinder erzogen werden, die reformierte Professur in
            <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> muß aufrecht erhalten werden, damit <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> lehren kann, Bibeln müssen nach
            <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> geschafft werden, damit dort das Wort wirken kann – praktische Arbeit, die weder
            vom Geist noch von der Liebe Christi verlassen ist.»</p>
          <p>Über all diese Worte von <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Keller</persName> kann
            ich angesichts der sechs ersten Seiten meines Vortrags, die ihn dazu veranlaßt haben
            sollen, nur – staunen.</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
