349
VON DER PARADOXIE DES «POSITIVEN PARADOXES»
Antworten und Fragen an Paul
Tillich
1923
Paul Tillich1 hatte dem
Schriftleiter der «Theologischen Blätter», Karl Ludwig
Schmidt2, seinen Aufsatz «Kritisches und positives Paradox. Eine Auseinandersetzung mit
Karl Barth und Friedrich Gogarten» übersandt, der 1923 in der
November-Ausgabe der Zeitschrift publiziert wurde.3 Ob Barth selbst darauf zu erwidern gewünscht hatte oder darum vom
Schriftleiter gebeten worden war, läßt sich nicht mehr ermitteln.4 Der Wunsch Schmidts nach einer
beiderseitigen Stellungnahme Barths und Gogartens in derselben (Dezember-)Ausgabe konnte nicht realisiert
werden.5 Stattdessen erschienen dort vorerst
nur
Barths Replik |350 «Von der Paradoxie des ‹positiven
Paradoxes›. Antworten und Fragen an Paul Tillich
📖» und Tillichs Duplik «Antwort»6,
gefolgt von einem «Nachwort der Schriftleitung»7. Vom Angebot
Schmidts, ihm zu einer nochmaligen Erwiderung an Tillich Raum zu gewähren8, machte Barth keinen Gebrauch9
Die zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügte Originalpaginierung ist die
des Erstdruckes in ThBl.
351
Kritisches und positives Paradox
Eine Auseinandersetzung mit
Karl Barth und
Friedrich Gogarten
Der Aufforderung der Schriftleitung der Theologischen Blätter, eine Auseinandersetzung
mit den Gedanken von Karl Barth, Friedrich
Gogarten und ihren Freuden
zu geben, komme ich nur ungern nach. Denn jede Kritik ihrer Kritik steht in Gefahr, die
Beunruhigung, die durch sie entstanden ist, zu schwächen und den Anschein zu erwecken,
als sollte der Stachel ihrer radikalen Kritik abgestumpft werden. Nichts aber wäre
verhängnisvoller als das. Vielmehr muß alles getan werden, um den Stachel dieser Kritik
in weiten Kreisen innerhalb und außerhalb der Kirche fühlbar zu machen. Aber gerade
darum muß verhindert werden, daß Gegner etwaige Schwächen ihres Standpunktes ausnutzen,
um das an ihnen, was mehr ist als Standpunkt, unsichtbar und unschädlich zu machen. Und
diese Gefahr besteht schon. Mit der Bemerkung, daß man «nicht immer im Negativen und
Paradoxen schweben könne», macht man sich ein gutes Gewissen für all die Dinge, die mit
Recht unter das Gericht der Krisis und des Paradox gestellt werden; und der wirklich
besser zu vermeidende Ketzername tut ein Übriges. Darum möchte ich den Versuch einer
Auseinandersetzung wagen, die unter Anerkennung der kritischen Negation die Position
aufzuweisen sucht, auf deren Boden die Negation überhaupt erst möglich ist.
Einer Dialektik gegenüber, wie sie von Barth und namentlich von Gogarten ausgeübt wird, ist es notwendig, selbst ins
Dialektische zu gehen. Die Ablehnung ihrer Gedanken, weil sie dialektisch sind, steht
unterhalb des dialektischen Niveaus und kommt als ernsthafter Widerspruch nicht in
Betracht. Wer das Verhältnis von Unbedingtem und Bedingtem undialektisch sieht, der
sieht es überhaupt nicht, der hat von der Gewalt dessen, was im Begriff des Unbedingten
gemeint ist, keine Vorstellung. Darum müssen wir uns entschlossen auf die Seite von
Barth, und das heißt in dieser Beziehung auf die Seite von Kierkegaard und Pascal, von Luther und
Augustin, von Johannes und Paulus stellen. Ein unmittelbares, unparadoxes, nicht durch das ständige
radikale Nein hindurchgehendes Verhältnis zum Unbedingten ist kein Verhältnis zum
Unbedingten, sondern zu einem Bedingten, das den Anspruch macht, unbedingt zu sein, d. h. zu einem Götzen. Und gerade diejenigen Dinge und Worte, die das Paradox ausdrücken
sollen, wie Religion und Bibel, Christus und Gott – und gerade Gott – sind in dauernder
Gefahr, diesen götzenhaft-undialektischen Charakter zu erhalten, gegenständlich und
damit bedingt zu werden. Nicht ein einmaliger, sondern ein ständiger Durchgang ist darum
die Krisis, die vom Unbedingten ergeht. Und es ist zum mindesten irreführend, die
Theologie der Krisis zum zeitlichen Durchgangspunkt zu machen und über sie hinausführen
zu wollen. Wohin? Jedenfalls nicht zu einer «Theologie der Synthese zwischen Absolutem
und Relativem», wie Arnold Hein (ThBl 1923, Nr. 10, Sp. 246ff.
📖)10 will. Denn diese Synthese ist eine Verbindung zweier Bedingter, von denen
das eine Illusion ist. Wohl aber |352 muß gefragt werden, ob in
der Theologie der Krisis nicht eine Voraussetzung steckt, die selbst nicht wieder Krisis
ist.
Barth und Gogarten betonen häufig, daß auch ihre eigene Position unter der Krisis
steht, daß sie der undialektischen Haltung nur insoweit Bedeutung zusprechen, als sie
ein Hinweis ist auf etwas Anderes. Das ist konsequent; aber es werden nicht die
Konsequenzen daraus gezogen. Die dialektische Aufhebung der Dialektik bleibt Dialektik;
und wenn diese dialektisch aufgehobene Dialektik wieder aufgehoben würde, so bliebe auch
das Dialektik ins Unendliche. Die ganze unendliche Reihe der Selbstaufhebungen aber wird
nicht aufgehoben. Sie ist die Position, auf der der Dialektiker steht, die aber selbst
nicht mehr dialek264tisch ist. – Das Gleiche kann an
dem für Barth so charakteristischen Begriff des Humors gegenüber aller innerweltlichen
theoretischen und praktischen Problematik aufgewiesen werden. Auch hier wird der Humor
gegen die eigene Position des Humors zugestanden; aber es wird nicht daran gedacht, daß
diese unendliche Reihe des Humors gegen den Humor ein Element des Ernstes voraussetzt,
das nicht wieder unter dem Humor steht. Und auf diesem Punkte ruht der Humor, der nur
dadurch Humor und nicht Spiel ist, genau wie die Dialektik. Es gibt also ein Positives,
ein Ernsthaftes, das Kritik und Humor erst ermöglicht. Auf die Bestimmung dieses Punktes
aber kommt alles an; hier entscheidet es sich, ob die Theologie der Krisis doch noch
eine von ihr verbotene Absolutheit kennt, oder ob sie gewillt ist, die in der kritischen
vorausgesetzte positive Fassung des Paradox anzuerkennen.
Es könnte die Meinung sein – und gewisse Bemerkungen der Gogarten’schen
Offenbarungslehre unterstützen dieses Verständnis (ich denke Mißverständnis) –, als
sollte die Position der sich selbst ins Unendliche aufhebenden Dialektik absolut gesetzt
werden, als sollte die konstante Krisis, die konstante Einspannung auf den «Unterschied
von Gott und Mensch» zum Gesetz, zur absoluten Religion gemacht werden. Soll das aber
nicht der Fall sein – und es wäre die Zerstörung der ganzen Position, wenn es der Fall
wäre –, so muß eine nicht innerdialektische, sondern reale Aufhebung der dialektischen
Position vom Unbedingten her gesucht werden. Der Dialektiker muß einsehen, daß er als
Dialektiker eine Position unter anderen hat, die durch keine dialektische
Selbstaufhebung aufhört, Position zu sein, und er muß, wie er bereit ist, sich trotz der
Überzeugung von der Wahrheit seiner Position unter das Nein zu stellen, bereit sein, den
anderen Positionen trotz des Nein, das er an ihnen vollstreckt, das gleiche Ja wie sich
selbst zuzugestehen. Er muß sich mit ihnen unter der Einheit von Nein und Ja
zusammenschließen. Das ist kein Relativismus; die Überzeugung von der Überlegenheit der
dialektischen Position unter dem Ja und Nein braucht darum nicht
aufgegeben zu werden, aber es ist die Bewußtmachung der unaufhebbaren Position, die auch
in der Verkündigung der Krisis steckt, es ist die Erfassung des Ja, das die
Voraussetzung des Nein ist, es ist der Rückgang vom kritischen zum positiven
Paradox.
Ist aber diese Voraussetzung der kritischen Position, daß sie Position ist, einmal
erkannt, so ist der Blick frei geworden für alle Positionen, für diesen Kosmos und diese
Erde und dieses Volk, für diese Geistesformen und diese Geschichte und diese Religion,
für diesen Menschen an diesem Ort und am heutigen Tag. All das sind ja Elemente der
dialektischen Position; ohne sie gäbe es keinen Dialekti|353ker und keinen Gläubigen. Darum aber nehmen sie alle teil an dem Nein und
dem Ja, das über der dialektischen Position steht. Sie alle stehen unter der Einheit von
Gericht und Gnade, wie der Dialektiker, wenn anders er Wahrheit für seine Verkündigung
beansprucht. Und an der Wahrheit teilhaben – nicht die Wahrheit haben, das wäre
unparadox, götzendienerisch – heißt doch: unter der Gnade stehen. Freilich, die Gnade
ist nicht anschaulich, nicht gegeben; man kann nicht von ihr sagen: Hier und dort ist
sie oder ist sie nicht; man kann es von ihr ebensowenig sagen wie vom Gericht. Beide,
Gnade und Gericht sind ungegenständlich, nur dem Glauben zugänglich; und keines kann vom
anderen isoliert werden. Es geht nicht an, das Gericht dem Diesseits, die Gnade dem
Jenseits zuzuweisen. Dann wäre keine Position, auch nicht die des Glaubenden möglich.
Nun aber ist sie möglich, wenn auch als unfixierbare, «unanschauliche», «unmögliche
Möglichkeit»11. Und nur weil sie möglich und wirklich ist, darum ist das
Gericht möglich. Nur durch die Gnade wird das Gericht zum Gericht. Nur da, wo Liebe
offenbar ist, wird der Zorn als Zorn offenbar. Ohne die Einheit mit der Gnade ist das
Gericht Naturprozeß.
265 Diese Grundgedanken sind nun in dreifacher Hinsicht zu prüfen: Im Verhältnis von Gott
und Natur, von Gott und Geist, von Gott und Geschichte. Barth und Gogarten bekunden eine deutliche Abneigung gegen die
religiöse Verwendung des Schöpfungsgedankens. Von der Schöpfungsordnung sei es besser
nicht zu reden; sie sei durch die Sünde unkenntlich geworden; was die Heiden aus der
Natur an Gotteserkenntnis hätten gewinnen können, sei die Erkenntnis des Gerichtes; und
auch die Naturwissenschaft dringe immer tiefer in die Irrationalität des Geschaffenen
ein. – Hier ist nun zunächst dialektisch zu sagen, daß, sobald von Welt oder Natur oder
Leben gesprochen wird, an denen sich Gericht oder Irrationalität oder Tod offenbaren,
die entsprechenden Positionen, nämlich die Welt als Formeinheit, die Natur als
Gestaltungseinheit, das Leben als Wirklichkeit vorausgesetzt sind. Denn das Negative
kann sich nur am Positiven, nicht am Negativen offenbaren. Weiter ist zu sagen, daß die
Irrationalität der Natur, wie sie unerreichbar gewaltig im Buche Hiob zum Ausdruck
gebracht ist, keineswegs nur die verzweifelte Lage der Welt, sondern ebensosehr die
anzubetende unendliche Majestät Gottes, den Abgrund im Schöpfergott offenbart. Endlich
ist zu sagen, daß der Blick auf «die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem
Felde» keineswegs bloß das Gericht, sondern auch die lebenschaffende Gnade sieht, und
daß der 104. Psalm und der Gesang der Engel im Prolog von Goethes Faust diesem Blick näher stehen, als dem
Blick, der das Gericht ohne die Gnade sieht. Freilich beide, Gericht und Gnade, sind
paradox und öffnen sich nur dem Auge des Glaubens und zwar in ihrer paradoxen Einheit.
Es ist vergottender Idealismus, die Gnade ohne Gericht sehen zu wollen, die Einheit des
Unbedingten und Bedingten in der Natur unmittelbar, unparadox zu fassen; und es ist
dä|354monischer Realismus, die Zerstörung des
Bedingten in der Natur als Naturprozeß ohne paradoxe Einheit mit der Gnade zu sehen.
Eins ist so unmöglich wie das andere, und der dämonische Realismus steht der Offenbarung
um nichts näher als der vergottende Idealismus. – Die christliche Dogmatik hat den Satz
aufgestellt, daß die Werke der Trinität nach außen ungeteilt sind, daß sie immer
zugleich vom Vater, Sohn und Geist ausgehen, und das Neue Testament hat den Sohn als
Schöpfungsmittler angesehen. Das bedeutet aber, daß Schöpfungsordnung und
Erlösungsordnung zusammengehören, daß es der eine, unteilbare Akt der Gnade ist, der in
Schöpfung und Erlösung sich darstellt, daß die Schöpfung auf die Erlösung hin geordnet,
daß die Erlösung in der Schöpfung angelegt ist. Beides ist kein gegenständliches,
anschauliches, sondern ein paradoxes, unanschauliches Urteil. Beides kann nur erfaßt
werden im Glauben.
Zur Schöpfung gehört auch der menschliche Geist und seine Form. Es ist infolgedessen
konsequent, wenn namentlich Gogarten die
negative Krisis auch an dem Geist radikal vollzieht. In seiner Auseinandersetzung mit
Emanuel Hirsch über die Ethik und
in seinem ständigen Kampf gegen die Autonomie (vgl. die bei Chr. Kaiser in München
erscheinende Zeitschrift «Zwischen den Zeiten») wird seine Stellung sehr deutlich.12 Nicht nur die gewöhnliche Werkgerechtigkeit,
sondern auch die Absolutsetzung des Gewissens, wie sie bei Hirsch erscheint, wird bekämpft und der (leider nicht
mit dem nötigen Verstehenwollen geführte) Angriff steigert sich bis zu dem Satz, daß
nicht das Gewissen, sondern Christus der Ort der Offenbarung sei. Nun ist zweifellos,
daß Hirsch in undialektischer und unparadoxer
Weise die ethisch-personalistische Frömmigkeit absolut setzt und darum für die
dialektische Position kein Verständnis hat. Aber es ist ebenso zweifellos, daß die
dialektische Position als Position sich in gleicher Weise absolut setzen kann und in dem
Streit Gogarten-Hirsch mit der Geste der
Absolutheit auftritt. Wieder ist zu fragen: Welches ist die Position, die der Krisis zu
Grunde liegt? Und die Antwort muß lauten: Der Glaube an die Einheit von Gericht und
Offenbarung auch im menschlichen Geist. Ent266weder
ist die dialektische Position Wahrheit, dann ist der Geist, der diese Wahrheit verkünden
kann, Stätte der Offenbarung, unanschaulich freilich, nicht gegeben, nicht fixierbar,
unter dem Gericht und darum auch gerecht gegen Wahrheiten, die nicht dialektisch
formuliert sind. Oder die dialektische Position steht nur unter dem Gericht, ist nur
Ausdruck menschlicher Verlogenheit, dann ist das Pathos des Kampfes gegen andere
menschliche Verlogenheiten zum mindesten überflüssig. – Auch der Begriff der Autonomie
erhält von hier aus ein anderes Licht; wäre die Autonomie an und für sich das
Gegengöttliche, der Abfall und die Empörung, so würde jedes Wort und jeder Begriff, den
Gogarten in seiner Dialektik verwendet,
Abfall und Empörung sein, denn diese Worte und Begriffe sind Schöpfungen des autonomen
Geistprozesses. Nicht die Autonomie an sich ist gegengöttlich, sondern die dämonisch
erfüllte und mißbrauchte Autonomie; die Autonomie an sich ist Gehorsam gegen die ewige
Forderung im Theoretischen wie im Praktischen und |355 steht
gegen Willkür und Dämonie, geweihte und ungeweihte. Aber freilich: Autonomie ist leer
und wenn nicht der Gehalt der Offenbarung sie erfüllt, so wird sie zur Beute des
Dämonischen. Darum ist nicht die Autonomie zu bekämpfen, sondern die dämonisch verzerrte
Autonomie. Das Gesetz aber, dem die Autonomie gehorcht, ist gut, ist Wahrheit und
Gerechtigkeit.
Auch das Geistesleben ist getragen von der Einheit von Gnade und Gericht. Es gibt keine
losgelöste Autonomie; es ist immer Offenbarung und immer Verhüllung, immer Göttliches
und immer Dämonisches in ihr; und der Kampf des Göttlichen und Dämonischen, des heiligen
und des unheiligen Geistes, des schöpferischen und des zerstörerischen Prinzips ist der
tiefste, verborgene Inhalt der Geistesgeschichte, die eben dadurch einen Ernst erhält,
der den Humor jedenfalls nur als eine relative Oberflächenbetrachtung zuläßt und dazu
zwingt, in jedem Augenblick und bei jeder Sache Partei zu ergreifen für das Göttliche
oder für das Dämonische. Neutralität gibt es nicht, sie ist schon Parteinahme – und
nicht für das Göttliche. Nicht nur das Gewissen ist die Stätte dieses Widerspruchs, die
Stätte der Offenbarung – und des Gerichtes, und nicht nur die Dialektik und mit ihr alle
Philosophie ist Stätte des Gerichtes – und der Offenbarung, sondern auch die Kunst und
die historisch-kritische Wissenschaft, die Gemeinschaft und das Recht und der Staat und
sogar – die Religion. Es ist das größte Verdienst der Theologie der Krisis, den Kampf
gegen den unparadoxen Absolutheitsanspruch der Religion mit größter Energie geführt zu
haben, und jedes Wort darüber, namentlich im Römerbrief-Kommentar Karl Barths13, ist Götzenzertrümmerung. Aber wieder ist vergessen, daß keine dialektische
Selbstaufhebung die religiöse Position, die dieser Negation zu Grunde liegt, aufheben
kann. Auch die Glaubensreligion ist Religion, wie die dialektische Autonomie Autonomie
ist. Und wieder wird mit dieser Einsicht die Bahn frei für die Religion mit ihrem
«Tiefsinn und ihrer Herrlichkeit»14. Barth will mit den zitierten Worten nicht
karikieren. Er bezeugt seine Ehrfurcht vor den Höhen und Tiefen des Geistes. Aber er
will sie im Letzten entwerten. «Tiefsinn» ist nicht Offenbarung, also nicht Wahrheit.
Nun aber gibt es keinen Tiefsinn, der nicht in die Tiefen des ewigen Ursprungs der Dinge
schaute, d. h. es gibt keinen Tiefsinn, der nicht Glaube wäre. Alles, was nicht diese
Tiefe meint, ist Flachheit, und es wird dann doch zur Karikatur, wenn sie Tiefsinn
genannt wird. Es gibt in aller religiösen und aller profanen Kultur Erscheinungen, die
den Ursprung, auf dem sie ruhen, die Offenbarung der Gnade und des Gerichts im Auge des
Glaubens sichtbar machen. Es gibt symbolkräftige Erscheinungen in Religion und Kultur,
die deswegen nicht weniger unter dem Nein stehen, deren Betrachtung und Zusammenhang
aber dennoch eine Metaphysik der Geschichte, eine symbolische, paradoxe Heilsgeschichte
ermöglicht. Das ist der Tiefen-Sinn, und wo er zum Bewußtsein genommen ist, der Tiefsinn
267 von Kultur und Religion. Nicht gegenständlich,
nicht |356 unmittelbar ist dieser Tiefen-Sinn zu schauen, aber
paradox, gläubig in Einheit von Ja und Nein.
Und das gilt sogar von der Mystik, einem Hauptziel Gogarten’scher Polemik. Es ist völlig richtig, daß das Heiler’sche Wort von dem «gesunden
Maß der Mystik» zurückgewiesen wird.15 Denn in dem Verhältnis zum
Unbedingten gilt die Kategorie des Maßes nicht, und am allerwenigsten die des «gesunden
Maßes». Eine Mystik, von der es ein gesundes und ungesundes Maß gibt, ist in der Tat
etwas Bedingtes, das mit Unrecht den Anspruch macht, Offenbarung des Unbedingten zu
sein. Aber der wirklichen Mystik kann man so nicht gerecht werden. Sie hat die Spur der
Unbedingtheit, die «Maßlosigkeit», die ihrem Gegenstande entspricht. Sie weiß von der
Paradoxie des Ursprunges zu reden. Sie kennt den Abgrund der Gnade und des Gerichtes,
und darin ist sie gläubig. Es ist ein Zeichen von Hybris des
Glaubensstandpunktes, wenn er die Glaubenswurzel des mystischen Standpunktes übersieht.
Er wird dadurch auch taub für den mystischen Klang, der in jedem, auch dialektischem
Glaubenswort mitschwingt und den z. B. in Röm. 8 zu verhüllen keiner Dialektik gelingen wird. Denn das Wort der Mystik
heißt: Gott ist gegenwärtig. Und dieses Wort kann der Glaubensstandpunkt nur anfechten,
wenn es unmittelbar, gegenständlich, als bloßes Gefühl oder künstlicher Rausch gemeint
ist und nicht paradox, durch das Gericht hindurchgegangen, gläubig. Aber ist der
Glaubensstandpunkt vor dieser Vergegenständlichung geschützt? Kann nicht auch er mit all
seiner wahren Dialektik unmittelbar, unparadox, ungläubig werden, in ein Werk des
Intellekts ausarten? Es ist hier nicht der Ort, von dem Gegensatz der Standpunkte und
der zweifellosen Überlegenheit des Glaubensstandpunktes zu reden. Aber es war nötig zu
zeigen, daß auch die Mystik in ihrem Wesen (nicht in ihrer technischen Verhärtung)
gläubig ist, und von der Offenbarung lebt, von der Einheit von Gnade und Gericht. Es
mußte das gezeigt werden, damit ein «Rühmen» auf Grund des Glaubensstandpunktes nicht
nur dialektisch, sondern auch real unmöglich würde.
Damit sind wir zu dem letzten der Probleme gekommen, an dem sich die positive Wurzel
des kritischen Paradox zeigen muß, die Geschichte. Es widerspricht dem Sinn des Paradox,
eine geschichtliche Wirklichkeit unbedingt zu setzen, eine gegenständliche, anschauliche
Geschichtsmetaphysik oder Heilsgeschichte zuzulassen. Dieser Grundsatz wird von Barth
und Gogarten sowohl der supranaturalistischen
wie der historisch-kritischen Auffassung der Heilsgeschichte gegenüber mit großem
Nachdruck und vollem Recht durchgeführt. Das kritische Paradox macht in gleicher Weise
die Auflösung der Heilsgeschichte in Profangeschichte wie in Wundergeschichte unmöglich.
Die gesamte Geschichte erhält ein negatives Vorzeichen. Aber dieses negative Vorzeichen
bleibt das einzige. Geschichte ist die Stätte verlogener menschlicher Gottähnlichkeit
und steht unter dem Zorn wie Natur und Geist. – Auch dieses Urteil der Krisis ist nur
auf dem |357 Boden einer Position möglich, die selbst nicht nur
unter diesem Urteil steht. Nirgends ist die positive Wurzel des negativen Paradox
offenbarer als hier; denn die Verkündigung der Krisis ist Geschichte, und ihr Inhalt ist
geschichtlicher Inhalt. Wo diese Botschaft verkündigt wird, ist eine Stätte der
Offenbarung mitten in der Geschichte. Nicht ein Ort der Geschichte ist herausgeschnitten
und gegenständlich erfaßt. Die Offenbarung, die in der Geschichte sich vollzieht und die
Geschichte trägt, ist unanschaulich; aber sie ist nicht unwirklich. Barth und Gogarten lehnen diesen Gedanken ab. Sie übersehen die
positive Wurzel ihrer Theologie der Krisis, sind nun aber gezwungen, doch eine Position
in der Geschichte zu suchen, auf die sich die Verkündigung der Krisis gründet. Dieser
Ort der Offenbarung ist Christus. In der Christologie kommt der Gegensatz von positivem
und kritischem Paradox zu entscheidendem Austrag. Die Formulierungen von Gogarten sind hier besonders 268 lehrreich. Sie grenzen in der Geschichte ein einmaliges
historisches Ereignis ab, in dem die Geschichte aufgehoben und ein schlechthin Neues
gesetzt ist. Was in Christus geschah, geschah durchaus jenseits des Menschentums; aber
es geschah in dem historischen Menschen Jesus von Nazareth; es geschah als «bloß
objektive historische Tatsache»16, es geschah einmal, und es geschah ein für alle Mal. «Nur
hier gilt das Nein nicht dem, an dem es erscheint.»17 «O, Widersinn für alle
menschliche Gotteserkenntnis.»18
Diese Sätze bekunden, daß die Theologie des kritischen Paradox in der Suche nach einem
Fundament ihrer Kritik zu einer Theologie des positiven Absurdum kommt. Damit aber hat
sie ihre eigene Voraussetzung aufgegeben. Der unanschauliche, ungegenständliche
Charakter des Glaubens ist durchbrochen. An einem Punkt ist die Glaubensrichtung
gebunden durch ein objektiv historisches Faktum. In den Glaubensakt ist die Anerkennung
einer empirischen Tatsache aufgenommen. In diese Öffnung aber brechen ungehemmt
Heteronomie, Gesetz und absolute Religion ein. Heteronomie; denn z. B. die
historisch-kritische Wissenschaft, die möglicherweise – dialektisch gesprochen – die
Nichtexistenz dieses Faktums wahrscheinlich machen, oder «jede Tat, jedes Wort, jede
Gebärde» Jesu von Nazareth anzweifeln oder nach entgegengesetzten Richtungen deuten
könnte, wäre in dieser ihrer autonomen d. h. der Wahrheit gehorsamen Arbeit gebrochen.
Und Gesetz; denn wenn durch die absolute Krisis des Menschlichen jede Voraussetzung für
den Glaubensakt genommen ist, so ist dieser Akt eine Tat intellektueller Askese, die
nicht weniger Werk und Gesetz ist als die praktische Askese des Mystikers. Und die
absolute Religion; denn die Gemeinschaft derer, die dieses Werk verkündigen und ausüben,
würde gegenüber allen anderen Ge|358meinschaften die
gleiche Absolutheit tragen wie das absolute Endliche, an das sie glauben gegenüber allem
anderen Endlichen. Will Gogarten diesen
Konsequenzen entgehen, so muß er die Unanschaulichkeit auch der Offenbarung in Christus
anerkennen. Er muß anerkennen, daß das empirische Faktum Hinweis ist auf das Unbedingte,
das in ihm ungegenständlich offenbar wird. Dann aber ist der Gegensatz des absoluten
Relativen und der relativen Relativitäten aufgehoben und mit ihm Heteronomie, Gesetz und
absolute Religion. Die historische Kritik z. B. kann ohne Antastung der unanschaulichen
Offenbarung in Christus die anschaulichen Relationen kenntlich machen bis zur möglichen
Aufhebung der Gegebenheit als solcher. Der Glaube ist nicht ein Werk der Bejahung des
Absurden, sondern er ist erwachsen auf dem Boden der unanschaulichen
Offenbarungsgeschichte, die durch die Geschichte verborgen hindurchgeht und in Christus
ihren vollkommenen Ausdruck gefunden hat. Und die Gemeinde der Gläubigen ist
unanschaulich und durchschneidet alle Gemeinschaften der Kultur- und
Religionsgeschichte. In alledem ist nicht die Rede davon, daß etwas Menschliches
göttlich gesetzt wird. Jeder Pantheismus, jeder Idealismus, jede Synthese von Relativem
und Absolutem ist überwunden durch die Verkündigung des Gerichts, die im positiven sowie
im kritischen Paradox enthalten ist.
Die Theologie der Krisis hat Recht, uneingeschränktes Recht in ihrem Kampf gegen jede
unparadoxe, unmittelbare, gegenständliche Fassung des Unbedingten. Sie ist kein
Übergang, sondern etwas Bleibendes, ein Wesenselement der Theologie. Aber sie hat eine
Voraussetzung, die selbst nicht mehr Krisis ist, sondern Schöpfung und Gnade. Nur durch
die Krisis hindurch, nur paradox darf von ihr geredet werden; so aber muß von ihr
geredet werden, allenthalben, in Natur und Geist, in Kultur und Religion. Und in
dreifacher Weise kann von ihr geredet werden: Als von dem ewigen Ursprung, dem Grunde
und Abgrunde, der unanschaulich und ungegeben durch alles Wirkliche in Ja und Nein dem
Glauben offenbar wird. Und als von der ewigen Erlösung, die unanschaulich und ungegeben,
nur dem Glauben offenbar, durch die Geschichte und ihre Schöpfungen hindurch269geht als verborgene, in Christus mit vollkommener Symbolkraft
sich darstellende Heilsgeschichte. Und als ewige Vollendung, als unanschauliche
Verheißung, in der die Zweideutigkeit des Ursprungs und der Kampf des Göttlichen und
Dämonischen aufgehoben ist in der ewigen Einheit in Gott. In Schöpfung, Erlösung und
Vollendung stellt sich der Sinn des Paradox dem Glauben dar. Die Theologie des
kritischen Paradox, die sich nicht nur dialektisch, sondern real unter das Paradox
stellt, wird eben damit zur Theologie des positiven Paradox.
Von der Paradoxie des «positiven Paradoxes»
Antworten und Fragen an Paul Tillich
Es geht mir wie Tillich: auch ich lasse mich nur ungern zu der von der verehrlichen
Schriftleitung der Theologischen Blätter gewünschten öffentlichen Zwiesprache
heranholen. Einmal geht sein Artikel jedenfalls |359 seinem
Wortlaut nach mehr meinen Freund Gogarten an als mich, wartet auch seinem Inhalt nach mehr auf eine
Antwort von ihm als von mir.a Sodann freut es mich wenig, meine Differenzen mit einem mir
über allerlei nicht kleine Gräben hinweg immerhin so nahestehenden Mann wie Tillich
auszubreiten vor den Augen gewisser an unsren gemeinsamen Sorgen unbeteiligter sicherer Leute, denen ich dieses Schauspiel durchaus nicht gönne. Ferner
ist mir, offen gestanden, der belehrende und erbauliche Wert eines solchen gedruckten
Kugelwechsels (nicht umsonst «Aus-Einander-Setzung» genannt) nach den gemachten
Erfahrungen überhaupt etwas zweifelhaft. Und endlich (zweites offenes
Geständnis) fühle ich mich in der Tillichschen Gedankenwelt schon rein technisch so fremd, daß ich, indem ich mich auf seine Aufstellungen einlasse und
ihnen gegenüber die meinigen sichtbar mache, sicher Gefahr laufe, an dem, was er
eigentlich von «uns» will, mehr, als es unter uns Theologen ohnehin üblich ist,
vorbeizusehen und vorbeizureden; ich hätte es, bis ich ihn vielleicht einmal besser
verstehe, gerne bei der nicht näher erörterten Feststellung einer «irgendwie»
vorhandenen unterirdischen Arbeitsgemeinschaft gelassen. Aber da er
nun einmal, obwohl «ungern», über und an, für und gegen uns geschrieben hat, da meine
Äußerung dazu eingefordert ist und da ich keinen zwingenden Grund
habe, um die Erlaubnis zu bitten, schweigen zu dürfen, so sei es denn.
Tillichs Absicht ist, eine «Position» aufzuweisen, auf deren Boden die «kritische
Negation» überhaupt erst möglich ist, ein «Element des Ernstes», ohne das der «Humor»
nicht sein könnte, eine Voraussetzung der «Krisis», die selbst nicht Krisis ist, sondern
vielmehr die «Aufhebung der dialektischen Position».
Ich meine zu verstehen, was Tillich meint. Aber dann stehe ich sofort befremdet vor der
Tatsache, daß Tillich offenbar der Meinung ist, uns damit auf etwas aufmerksam zu
machen, von dem wir bis jetzt noch so wenig gehört, wie jene Johannesjünger, ob ein
heiliger Geist sei [Act. 19,2].
Ist es ihm mit dieser Meinung ernst (und der ganze Tenor seines Aufsatzes läßt ja nicht
daran zweifeln), dann ist zur Klärung der Situation zunächst festzustellen: Tillich geht
grundsätzlich mit jenem Urteil eines quantitativ nicht
unbeträchtlichen Teils des theologischen |360 Publikums über
«uns» einig, wonach das, was wir treiben, mit den Worten «Dialektik»,
«Krisis», «Paradoxie» (alles erstaunlicherweise mit dem Vorzeichen «negativ» versehen)
wesentlich und erschöpfend verstanden sei. Muß ich Zitate oder Seitenzahlen oder
Rezensentenstimmen anführen als Beleg dafür, daß uns das, was uns Tillich da als
unerhörtes Novum vor Augen stellt, wirklich seit Jahren wenigstens dem Begriff nach auch
nicht ganz unbekannt ist? Wie stellt er sich eigentlich unsern seelischen und geistigen
Zustand vor, wenn er etwas Anderes denkt? Wohlverstanden, ich bin auch der Meinung, daß
auf die genaue und gründliche Bestimmung des positiven Punktes, der da in Frage steht,
nicht weniger als Alles ankommt, und ich bin nicht der Meinung, als ob
die Bestimmungen, die wir bis jetzt gegeben haben oder auch heute geben können, auch nur
von ferne genügend seien. Es war Tillichs gutes Recht, unsre bisherigen Versuche in
dieser Richtung unter die Lupe zu nehmen, zu kritisieren und zu korrigieren; aber er
durfte unmöglich von der Voraussetzung ausgehen: «sie übersehen die positive Wurzel
ihrer Theologie der Krisis», als ob wir auf seine Aufklärungen hätten warten müssen, 288 um nun endlich überhaupt erst dahinter zu kommen, daß
wir die ganze Zeit von etwas geredet, daß sich unser theologisches
Denken nicht um nichts gedreht hat. Zu der solennen Anfrage, ob die
«Theologie der Krisis» gewillt sei, die in der kritischen vorausgesetzte positive
Fassung des Paradox «anzuerkennen», finde ich also, und das ist das Erste, was ich zu
bemerken habe, den Anlaß nicht gegeben.
Oder sollte ich mich täuschen, wenn ich zu verstehen meine, was Tillich meint? Sollte er vielleicht an dem bewußten
positiven Punkte etwas so ganz Anderes sehen als ich, daß er, optisch
irregeführt, bei mir an derselben Stelle einen leeren Fleck wahrzunehmen glaubt? Ich muß
im Hinblick auf diese Möglichkeit meine erste Antwort («dialektisch!») auch noch so
variieren: Ja, sie haben ganz recht, Tillich und die Andern, wenn sie
offenbar an dem Punkt, auf dessen Bestimmung alles ankommt, bei uns nur ein Loch19 wahrzunehmen vermögen: es geht uns |361
auch so, unsre ganze «Theologie der Krisis» erscheint uns auch nur als Zwickmühle von «Negationen», als Ergebnis eines sehr unangebrachten
«Humors», als leerlaufende «Dialektik», als ein System von Beziehungen, die sich auf
nichts beziehen, sobald wir sie auch nur für einen Augenblick als ein Stück und wohl gar
noch als das Glanzstück einer Kulturphilosophie auffassen, sobald wir
nicht streng bei der Sache bleiben und Theologie Theologie sein lassen: mit dem ganzen
damit unvermeidlich verbundenen Wagnis (ohne Präjudiz gegen die Philosophie, vielleicht
gerade in ihrem wohlverstandenen Sinn), μωρία insofern σοφία nennen zu
müssen, als unsre «Wissenschaft» weder eine negative noch eine
positive, sondern überhaupt keine «Wurzel» hat. Kommt Tillichs und der Andern Urteil über das, was uns
fehle, von daher, nicht von der Fragestellung der Theologie, sondern von der als solche sehr berechtigten Fragestellung einer Kulturphilosophie her, dann ist mein vorhin erhobener Protest natürlich
gegenstandslos. Tillich meint dann offenbar etwas Anderes als wir, wenn er von der
«dialektischen Position», und erst recht etwas Anderes, wenn er von ihrem Jenseits, von
ihrer «Aufhebung» redet. Wir können ihm dann sehr wohl den Gefallen tun, uns an seine
Seite zu stellen mit der berechtigten Verwunderung des Nicht Theologen angesichts jenes
«Lochs», können mit ihm und den Andern das «Positive» an unsrer Lehre vermissen und
Vorschläge über die Behebung dieses offenkundigen Übelstandes in Erwägung ziehen, wobei
ja dann sogar die «ethische Gewissensreligion»20 u. dgl. nicht
undiskutierbare Möglichkeiten sein müßten! Wir sind ja wirklich weithin selber auch
Nicht-Theologen, und der von außen jeden Augenblick gegen die
Theologie zu erhebende Einwand ist auch unser Einwand, sofern wir
jeden Augenblick auch draußen stehen. Tillich kann meinen Protest
gegen die Voraussetzung, mit der er seinen Artikel geschrieben, ablehnen – aber nur unter der Bedingung, daß er zugibt, daß seine Voraussetzung
die charakteristisch nicht-theologische Voraussetzung ist, gegen die zu protestieren mir
denn auch nicht einfällt, weil sie selbstverständlich möglich ist.
Versuche ich es nun, den Tillichschen
Aufsatz besser zu verstehen, als |362 er sich selbst
versteht21, weniger anspruchsvoll, sondern ganz schlicht als das Unternehmen,
unsre bisherigen Bestimmungen des (uns wirklich auch nicht erst seit heute bekannten)
«positiven Paradoxes» einer Durchsicht und Verbesserung zu unterziehen, ein Unternehmen,
bei dem er sofort mein ganzes Ohr hat, so stoße ich zunächst auf seinen Einwand, daß
«wir» wohl auch etwas wüßten von einer «Aufhebung der Dialektik», daß diese Aufhebung
aber (er wird ja auch in dem vorhin Gesagten ein neues Beispiel dieser unsrer Art
gefunden haben!) bei uns selbst wieder nur Dialektik sei, was sich daran erweise, daß
sie bei uns in eine unendliche Reihe von «Selbstaufhebungen» auslaufe, und diese
unendliche Reihe sei nun die selbst nicht mehr dialektische Position, auf der der
Dialektiker «stehe», die «verbotene Absolutheit», der er, der wir
heimlich oder offen 289 frönten.
Zu diesem Gedankengang (habe ich richtig verstanden?) möchte ich Folgendes bemerken:
Ich habe Tillichs Aufsatz zunächst abgesucht
nach Erläuterungen dieses Vorwurfs einer «verbotenen» Absolutsetzung unserer
«dialektischen Position», habe aber nichts Anderes finden können als die Beschwerde über
die «Geste der Absolutheit», mit der Gogarten in seinem Konflikt mit Hirsch aufgetreten sei. Ich darf also wohl
annehmen, daß Tillichs Einwand sich letztlich auf Beobachtungen dieser Art gründet: Er
sieht uns gelegentlich auf dem Papier oder gar in Lebensgröße jetzt nach rechts, jetzt
nach links kategorisch bis zum Verdacht der Unbußfertigkeit in ein entschiedenes Ja oder
Nein ausbrechen, als ob wir nicht mit allen andern «Positionen» unter der Einheit von
Nein und Ja zusammengeschlossen wären. In solchen Augenblicken glaubt er dann dem
Krebsschaden der «Theologie der Krisis» auf der Spur zu sein. Worauf ich frage: Mit
welchem dialektischen Recht kommt Tillich dazu, ausgerechnet die «Geste der Absolutheit»
verbieten zu wollen? Welch unendlich langweiligen, wahrhaft
Schleiermacherschen Friedenshimmel22 stellt er uns mit solchem Verbot in Aus|363sicht? Sollte diese «Geste» nicht im Lichte des «positiven Paradox» zur
rechten Stunde erlaubt, ja gefordert, «von theonomem Gehalt» erfüllt sein können, um in
Tillichs Sprache zu reden? Wie, wenn Gogartens Streit mit Hirsch
«Kairos»23 gewesen wäre und die «Geste der Absolutheit» gerade
da sehr wohl am Platz? Ich supponiere nur, aber woher weiß Tillich, daß es nicht so war?
Mag uns Tillich, oder wer es ist, in solchen Augenblicken zurufen, daß das kritische Augenblicke sind, daß wir so wenig wie sonst jemand in solcher «Geste»
verharren können, ohne uns aufs Gefährlichste bloßzustellen, daß man ein solches (fast!)
«absolutes» Ja oder Nein nur eben aussprechen kann, um dann in Erinnerung an die
Gebrechlichkeit aller irdischen Dinge wieder ebenso beredt (und unter derselben Krisis!) zu schweigen. Aber «Krisis» heißt doch nicht an sich Negation
und also «Verbot», sondern Warnung allerdings, aber vielleicht auch
Mahnung. Warum soll sie nicht gegebenenfalls Position und Gebot
bedeuten können, für den «Dialektiker» wie für andre Sterbliche, die eben, und das ist
der eindeutige Sinn der Krisis, unter der sie stehen, gegebenenfalls wissen sollen, was sie tun? Wie kann Tillich auf Grund von Beobachtungen dieser
Art (über die wir die Diskussion im Einzelnen gewiß nicht ablehnen wollen) auf den
Verdacht kommen, wir «stünden» auf unsrer Dialektik, auf – ein schrecklicher Gedanke! –
auf der unendlichen Reihe unsrer Selbstaufhebungen? Gewiß ist und bleibt die
dialektische Aufhebung der Dialektik (als Position) dialektisch. Sie läuft in der Tat
aus in jene unendliche Reihe des Humors, der umso humoristischer wird, je humoristischer
er sich selbst nimmt. Ich stelle den Ausblick auf diese Seeschlange, die sich zum
Überfluß noch in den Schwanz beißt, nicht in Abrede. Aber das Bangemachen mit diesem
Untier würde doch nur dann gelten, wenn Tillich uns nachweisen könnte, erstens daß wir
unsre dialektische Haltung überhaupt als Position geltend machen und verteidigen,
zweitens daß wir das durch Handhabung |364
dieser (der dialektischen) Aufhebung zu tun versuchen. Mir scheint
nun: wer Ohren hat zu hören, der müßte uns das Zeugnis geben, daß wir mit dieser in der
Tat dialektischen «Aufhebung» doch nichts Anderes wollten und wollen, als zum Aufsehen
mahnen vor einem Vergessen der Krisis, unter der sich auch unsre, die
dialektische Haltung befindet. In welcher andern Form läßt sich diese (besonders
Neulingen gegenüber sicher nicht unangebrachte) Absicht ausführen, wenn nicht (als
ultima ratio der Dialektik) in Form solcher «Selbstaufhebung» des Dialektikers? Wobei
dann vielleicht, wenn Alles nichts geholfen, gerade der schreckliche
Anblick der Seeschlange, der sich hier auftut, dem noch immer nicht Belehrten sagt, welche Aufhebung mit dieser Selbstaufhebung und allen andern
vorangehenden Aufhebungen – nicht vollzogen, aber gemeint ist, auch
das nur vielleicht freilich, denn wie sollte der schreck290liche Anblick der Seeschlange den belehren,
der nicht schon darüber belehrt ist, daß die durch unsre ultima ratio
bedeutete «Aufhebung» nicht nur nicht dialektisch, sondern überhaupt
nie und nimmer als Geistesakt vollziehbar ist? Damit wären wir denn zu Füßen des Berges
angelangt, den ich, in Tillichs Sprache
redend, die «reale Aufhebung» nennen würde. Zum Abschluß der vorliegenden Quaestio sage
ich also: Warum soll die «dialektische Aufhebung der Dialektik», die Tillich bei uns
wahrnimmt, durchaus die «Position», auf der wir «stehen», sein müssen?
Warum soll sie Hinweis (nicht auf ein Anderes, sondern auf das Andere) auf die «reale Aufhebung» durchaus nicht sein
können? Bevor Tillich dieses müssen und dieses nicht können bewiesen hat, sehe ich nicht recht ein, inwiefern ich durch seinen
Versuch, uns von diesem doch eigentlich nicht eben zentralen Punkt aus aufzurollen,
eines Bessern belehrt sein soll.
Von Tillichs «positivem Paradox» ist nun zu reden, dessen Nachweis ja
der Sinn seines ganzen Aufsatzes ist. Ob ich der einzige seiner Leser bin, der den
Wunsch empfunden hat, er möchte hier, bei seiner Bestimmung des Punktes, auf den Alles
ankommt, etwas ausführlicher nachgewiesen haben, was das ist, und vor
Allem, wie er zu dem kommt (von «Bewußtmachung» redet er ja
verheißungsvoll), was er an dieser Stelle unsrer angeblichen «Verkündigung der Krisis»
entgegen- – oder vielmehr als ihren nun erst offenbar werdenden Sinn in sie hineinstellen will? Allzu rasch geht er mir hier («Ist aber die Voraussetzung …
einmal erkannt») über den kritischen Punkt hinweg und zu seiner Tagesord|365nung über, auf die wir uns, so verlockend sie ist,
nicht werden einlassen können, bevor er uns über den Punkt, auf den Alles ankommt,
weitere Aufschlüsse gegeben hat. Verständlich in sich ist mir zunächst nur der Begriff
«reale Aufhebung vom Unbedingten her». Aber gerade um diesen Begriff sammeln sich für
mich die Fragezeichen, die mich bei den folgenden Ausführungen Tillichs beunruhigen. Also «Aufhebung«. Wer hebt hier auf? Ist das ein Geistesakt der philosophischen
Theologen? Wenn Ja, in was besteht sie dann? wie komme ich dazu, irgend etwar «real» und
nun gar noch «vom Unbedingten her» aufzuheben? Sollte hier nicht eine philosophische
Münchhauseniade vorliegen? Wenn Nein (also «Aufhebung» durch irgend eines Gottes Akt),
wie erkenne ich eine solche anderweitig begründete Aufhebung? Inwiefern ist meine
Erkenntnis davon nicht etwa doch wieder dialektisch? Sollte der Begriff «Aufhebung»
nicht doch etwas unglücklich gewählt sein für die versprochene Größe jenseits von Ja und
Nein? «Real». Ich verstehe das Wort nach alter Vätersitte bis auf
bessere Belehrung im Gegensatz zu «ideal». Es würde mich aber interessieren, zu
erfahren, ob nicht auch nach Tillichs Meinung das Merkmal des Einmaligen, Kontingenten
zur Bestimmung des Begriffs des Realen unentbehrlich sein sollte? Und wieder stutze ich
vor der Tatsache, daß jedenfalls die Erkenntnis dieses «Realen» die versprochene
«Bewußtmachung» einer unaufhebbaren, gegen alle Dialektik gesicherten Position kaum sein
kann. Ob sich nicht der Begriff des «Existentiellen» in dem von Kierkegaard geprägten Sinn24 für das, was Tillich vermutlich hier
sagen wollte, verhältnismäßig besser geeignet hätte? «Vom Unbedingten
her». Du sprichst ein großes Wort …!25 Von Gott scheint hier die Rede zu sein? Warum dieses Versteckspiel
mit dem frostigen Ungeheuer «das Unbedingte»? Ist denn die Voraussetzung des «positiven
Paradoxes» (die ja auch nach Tillich auch der
Religion zu Gute kommt) «einmal erkannt», die Furcht vor der möglichen
«Götzenhaftigkeit» des Wortes «Gott» als begründet, aber auch als nichtig durchschaut,
warum dann nicht mit allen guten und schlechten Christen Gott Gott nennen? Oder sollte
etwa auch hier ein |366 «Verbot» bestehen? Ein Verbot, das nicht
vielmehr für den Theologen Gebot wäre? Sollte nicht der alte schlichte «liebe Gott» im
Mund eines Theologen, der nichts sein will als nur Theologe, am Ende sogar gesicherter
sein gegen die Dialektik, der gegenüber ich «das Un291bedingte» eben auch nicht für wetterfest halte? Aber viel mehr bedrückt mich hier eine
andere Frage: Mittelst welcher philosophischen Überlegung kommt Tillich eigentlich dazu, dieses «vom Unbedingten her» aufzustellen, Natur, Geist, Geschichte von dort her in Anspruch zu nehmen, zuletzt nicht nur eine Wissenschaftslehre, sondern
eine ganze Trinitätslehre von dort her zu entrollen? Ich meine wohl zu
verstehen, was mit diesem x, in dem wir offenbar das Tillichsche «positive Paradox» zu
erkennen haben, bezeichnet sein soll; aber ich verstehe den Griff
nicht, er kommt mir so empörerisch vor, mit dem sich Tillich (in allen
seinen mir bekannten Äußerungen spätestens auf der zweiten Seite oder Spalte, so auch
hier) zum Herrn der Situation macht durch eine kecke Setzung, eine Grundlegung, die doch
wohl der Sache nach mit dem identisch ist, was man früher Metaphysik
nannte, nur daß die alten Metaphysiker unter den Theologen solches meines Wissens mehr
sozusagen im Nebenamt trieben, während sich die Sache bei Tillich, wenn mich nicht alles
täuscht, umkehrt. Sollte die Beantwortung der Frage nach der Voraussetzung der Krisis,
die selbst nicht Krisis ist, so einfach, nämlich durch die Aufstellung eines neuen Alles
oder Nichts sagenden Begriffs oder eines alten in neuem Gewand zu vollziehen sein? Wie
kommt man dazu, möchte ich meinen verehrten Herrn Unterredner fragen, mit Dingen wie
«theonome Geisteslage»26, «prophetische
Haltung»27, «kairosbewußtes
Handeln»28 u.dgl. und nun also hier: «Auf|367hebung vom Unbedingten her» seine theologischen Darbietungen nur so mir nichts dir
nichts anzufangen, als ob sich das, d. h. als ob sich die Überwindung
der menschlichen Gottlosigkeit von selbst verstünde? Wo bleibt die Paradoxie des «positiven Paradoxes», wenn es möglich ist, diese Größe in jede
beliebige Rechnung an der entscheidenden Stelle als gegeben einzusetzen und auf dem so
gelegten Grunde – nun beileibe nicht mehr dialektisch gebrochen, sondern höchst
ungebrochen geradlinig und sicher das Gebäude der wahren Gnosis den Wolken entgegen zu
türmen? Ist das verheißene überkritische «Element des Ernstes» wirklich das positive Paradox, wenn sein «Aufweis» (statt in einem Fragen und Antworten,
Suchen und Finden, Fallen und Wiederaufstehen, statt in der Darstellung einer Geschichte zwischen Erkanntem und Erkennendem, zwischen Mensch und Gott)
in der (ohne die Würde des Dogmas) dogmatischen Setzung eines ersten
Prinzips besteht, zu dessen Erfassung die Kirche und der heilige
Geist, die Schrift und Christus grundsätzlich überflüssig sind (sondern höchstens
nachträglich als Symbole dessen, was ohne sie ist, in Betracht kommen) und bei dessen
Auswickelung sich nachher nach berühmtesten Mustern Alles von selbst ergibt, wenn man
nur logisch genug zu denken vermag, um sich in den mannigfaltigen Verfügungen des
Entdeckers zurechtzufinden. Diese Methode ist es vor Allem, die mir
immer wieder beim ersten Schritt in den Tillichschen Gedankentempeln fremd und
unbegreiflich ist und die mir durch ihren Ansatz auch seine Folgerungen, so oft ich mich
der sachlichen Übereinstimmung mit ihm freue, als Ganzes jedenfalls als Theologie so unglaubwürdig macht.
Nach diesen Offenheiten wird es Tillich nicht wundern, daß ich auch bei der Abwandlung
seines Gottesbegriffs durch Natur, Geist und Geschichte durchaus nicht mitgehen kann.
Alle (Kosmos, Erde, Volk, Geistesformen, Geschichte usf.) nehmen teil an dem Ja und dem Nein. «Sie |368
alle stehen unter der Einheit von Gericht und Gnade.» Gleich wahr sind
Gericht und Gnade in der Natur, gleich wahr beide auch im menschlichen Geist. «Autonomie
an sich ist Gehorsam», «der Kampf des Göttlichen und Dämonischen … ist
der … Inhalt der Geistesgeschichte». Gewissen, Dialektik, Philosophie, Kunst,
Wissenschaft, Gemeinschaft, Recht, Staat, Religion ist Stätte des
Gerichts und der Offenbarung, der Offenbarung und
des Gerichts, «es gibt keinen Tiefsinn, … der nicht Glaube wäre», «es gibt … Er292scheinungen …, die …
die Offenbarung … sichtbar machen», «es gibt symbolkräftige
Erscheinungen …», Mystik kennt den Abgrund der Gnade und des Gerichts,
sie ist «in ihrem Wesen» (!) gläubig und lebt von
Offenbarung. «Wo diese Botschaft verkündigt wird, ist eine Stätte der
Offenbarung mitten in der Geschichte», «die unanschauliche Offenbarungsgeschichte hat in Christus ihren vollkommenen Ausdruck gefunden». Ich lehne an
diesen Ausführungen dreierlei ab: Erstlich die sämtlichen Indikative,
die auf ebensoviele unparadoxe Bestimmungen des Verhältnisses von Gott
und Welt bzw. Mensch hinweisen, wenn anders, wie es meine Meinung ist, der Begriff des
theologisch verstanden Paradoxen durch das Merkmal der «Unanschaulichkeit» usf. noch
keineswegs erschöpfend charakterisiert ist. Wer von jenem Verhältnis wirklich im Blick
auf das «positive Paradox» redet, dem würden die vielen «es ist» und «es gibt» und «sie
stehen» unmöglich so leicht aus der Feder fließen und am allerwenigsten mit der
gelegentlich gegebenen verräterischen Erläuterung, daß «Tiefen-Sinn» da zum wirklichen «Tiefsinn» werde, «wo er zum Bewußtsein
gekommen ist»! Er würde wissen, daß es sich beim Glauben um einen Tiefsinn, den «es
gibt», auf alle Fälle nicht handeln kann! Zweitens das fortwährende
getroste Umkehren der Begriffe Gericht und Gnade bzw. Offenbarung, in
dem, wie mir scheint, eine Verwilderung des christlichen Denkens und Redens sich äußert,
die mir nachgerade mindestens ebenso schlimm vorkommt wie der von Tillich verpönte götzenhafte Gebrauch des Wortes
«Gott». Wer im Blick auf das «positive Paradox» von Gericht und Gnade redete, der würde
sich darüber klar sein, daß er es dabei mit Dingen zu tun hat, über die man nicht mit
dieser taghellen Selbstverständlichkeit jetzt so, jetzt so disponieren darf, weil man
die logische Möglichkeit dazu den Wehrlosen gegenüber natürlich jeden Augenblick in der
Hand hat. Und drittens: das von Tillich so großzügig geübte Generalisieren, dieses Beziehungen-Behaupten zwischen Gott und Allem |369 und Jedem zwischen Himmel und Erde, diese breite allgemeine
Glaubens- und Offenbarungswalze, die ich, ich kann mir nicht helfen, beim Lesen von
Tillich Alles und Nichts ausrichtend über Häuser, Menschen und Tiere gehen sehe29, als ob es sich wiederum von selbst verstünde, daß überall, überall Gericht und
Gnade waltet, Alles, einfach Alles einbezogen «ist» in den Streit und Frieden des
«positiven Paradoxes», das, so gehandhabt, bei aller «Unanschaulichkeit» doch wirklich
kein Paradox mehr ist, das mit dem Gotte Luthers und Kierkegaards keine, dafür aber mit dem Gotte
Schleiermachers und Hegels eine ganz auffallende
Ähnlichkeit hat. Ist es Tillich ernst mit der Paradoxie des positiven
Paradoxes, so kann es ihm nicht ernst sein weder mit der Direktheit
der von ihm behaupteten Beziehungen von Gott und Welt, noch mit der logischen Leichtigkeit, mit der er über die positive und negative Seite dieser
Beziehungen verfügen zu können meint, noch mit der Freigebigkeit, mit
der er solche Beziehungen an die verschiedenen hohen und niedern Würdenträger dieses
Äons glaubt austeilen zu dürfen. So redet man nicht vom «positiven
Paradox», wenn man weiß, daß man es als Theologe mit dem göttlichen
Paradox zu tun hat, d. h. nicht nur mit dem «Unanschaulichen», sondern mit dem ganz und
gar nur auf Grund seines eigenen freien Willens, nur als Entäußerung der Majestät oder,
was dasselbe ist, nur aus Liebe und in Liebe in der Welt und für den Menschen Wirklichen
und Erkennbaren, mit der Offenbarung, die
keineswegs eine mit einem allgemeinen «es ist» und «es gibt» zu bestimmende und vom
Menschen bloß noch zu entdeckende Relation, keine heimliche Gegebenheit ist, sondern ein speziellstes, nur von Gott aus eröffnetes und nur, indem
wir von ihm erkannt werden, zu erkennendes Geschehen, ein Ereignis von Person zu Person, eine Mitteilung, eine Gabe im strengsten Sinn des Wortes, beides, die Sache und das Wissen darum.
Hier ist’s, wo Tillichs und «unsre» 293 Wege, wenn ich recht sehe, ernstlich auseinander
gehen: also nach meinem Eindruck nicht sowohl in der mehr oder weniger positiven oder
negativen Beleuchtung, in der |370 wir die irdischen Dinge sehen
(eine Frage, über die wir uns, als innerhalb der Dialektik befindlich, sicher
verständigen könnten), als vielmehr in dem Verständnis gerade dessen, was er und wir jenseits alles Ja und Nein zu sehen meinen. Ich vermisse an Tillichs
«positivem Paradox» das, was es erst zum göttlichen Paradox und damit
zum Objekt (die Alten hätten hier tiefsinniger Subjekt gesagt!) der
theologischen Wissenschaft machen würde: seine Bestimmung als freies, persönliches Handeln, seinen unzweideutigen Pneuma-Charakter, durch den es ebenso jenem planen intellektualistischen Zugriff, der mit ihm rechnen will wie mit einem Guthaben, wie jener hemmungslos
seine «unanschauliche» Präsenz verkündigenden Direktheit, wie jener
allzu gewandt mit seinen Abgründen operierenden Fertigkeit, wie jenem
allzu billigen Universalismus, durch den es eins wird mit der Paradoxie, die das Prädikat des Weltganzen ist –entzogen
würde. Es könnte doch wohl so sein, wie ich anfangs zur Erwägung stellte, daß
Tillich und «wir» tatsächlich an dem Punkte, auf den Alles ankommt, etwas Anderes sehen, so sehr etwas Anderes, daß er mit Recht auf die
Meinung kommen konnte, uns belehren zu müssen, daß dort kein – Loch sei.
Und nun wird der Ort, wo dieser Gegensatz zum Austrag kommt, in der Tat die Christologie sein. Für «uns» ist Christus die
Heilsgeschichte, die Heilsgeschichte selbst–Christus
ist das «positive Paradox»,– für Tillich ist er die Darstellung einer
mehr oder weniger immer und überall sich ereignenden Heilsgeschichte in
vollkommener Symbolkraft. Das ist, wie Tillich selbst feststellt, zweierlei. Er
erhebt gegen den Weg, den er uns hier einschlagen sieht, den Einwand, daß durch solches
«Herausschneiden» und «gegenständliche Erfassen» eines «Orts in der
Geschichte» der unanschauliche, ungegenständliche Charakter des Glaubens «durchbrochen»
werde. Ich antworte darauf: Eben dieser Einwand zeigt, wie Tillichs unvollständige
Bestimmung der Paradoxie des «positiven Paradoxes» sich rächt: starr auf das freilich sehr ernste Merkmal der «Unanschaulichkeit»
gerichtet, verliert er die göttliche Freiheit und Liebe aus den Augen und läuft so
schwerste Gefahr, die berechtigte Polemik gegen den «Menschgott», wie
einst Kierkegaard30 und Dostojewski31 sie führten, in ihr Gegenteil, die Polemik gegen den Gottmen|371schen
umschlagen zu lassen. Im Einzelnen ist Folgendes zu sagen: Wo von der Offenbarung die
Rede ist, da kann es sich in keinem Sinn um empörerische geistige Operationen wie das
bewußte «Herausschneiden» und «Erfassen» handeln. Solches Unternehmen wäre vielmehr
identisch mit Leugnung der Offenbarung. Wohl aber um die Feststellung, daß wir
keineswegs verloren im Weltenraum schwebende geistige Monaden, in der Bestimmtheit
unsres Gottesverhältnisses und seiner Deutung keineswegs mit der Befugnis freier
Spekulation auf uns selbst gestellt, sondern getaufte Christen sind
und daß es für uns als solche (und damit doch wohl auch für uns als christliche
Theologen!) nach dem Zeugnis der Schrift und dem Bekenntnis der Kirche eine als die Stätte der Heilsgeschichte qualifizierte
Geschichte «gibt», ja wohl: «es gibt» – «positiv paradox», d. h.
unanschaulich, aber nicht nur unanschaulich, sondern vor Allem als Gottes spezielle,
persönliche, reale (nicht ohne das Merkmal der Einmaligkeit und Kontingenz zu
verstehende!) Freiheitsund Liebestat. Weil Gottes Freiheit und Liebe,
darum «unanschaulich», sagen wir – weil Gottes Freiheit und Liebe, darum dieses spezielle
damalige (untrennbar an ein damaliges Anschauliches geknüpfte) Unanschauliche. Und das
wäre dann nach uns das «positive Paradox». Also selbstverständlich ist die Offenbarung
in Christus «unanschaulich» und «ungegenständlich» in dem Sinn, daß
die 294 Qualifikation dieser
Geschichte als Heilsgeschichte (als Geschichte von der Menschwerdung
Gottes) auf der ganzen Linie verhüllt ist durch den Aspekt anschaulicher historischer
Relationen, die an sich nichts Anderes «sind» als Möglichkeiten des Ärgernisses32. Keine «empirische Tatsache» ist an sich die Offenbarung.
Keine «Anerkennung» einer solchen ist an sich der Glaube. Das ganze
historische «Leben Jesu» z. B., losgelöst von dem Zeugnis derer, denen in dieser
Erniedrigung die Majestät begegnete, ist an sich nichts Anderes als Möglichkeit, höchste
Wahrscheinlichkeit des Ärgernisses, und die hypothetische
«Nichtexistenz dieses Faktums» möchte, ohne von besonderem prinzipiellen Belang zu sein,
diese Wahrscheinlichkeit noch auf die Spitze treiben. Aber nun knüpft sich das |372 Zeugnis der Apostel zweifellos an jene «empirische Tatsache»,
und wenn Alles Mythos ist, so beschreibt jedenfalls auch der Mythos die Offenbarung als
unzertrennlich verbunden mit einer «empirischen Tatsache». Und wenn die christliche
Kirche, das Zeugnis der Apostel aufnehmend, von der Offenbarung in Christus und vom
Glauben an ihn redet, so kann und will auch sie von jenem verhüllenden,
ärgerniserregenden «ist» nicht abstrahieren: auf die Gefahr des
Mißverständnisses, als ob die Offenbarung direkt identisch wäre mit
dem empirischen Faktum, mit dem damaligen Anschaulichen (was sie doch nicht ist!). Sie
kann und will nicht davon abstrahieren, nicht weil sie ohne Symbole nicht reden kann,
sondern weil die Offenbarung wohl die Offenbarung der Majestät, aber
durchaus die Offenbarung der Majestät in der Niedrigkeit dieses
Empirischen, dieses Damaligen, dieses Mißverständlichen ist und nur als solche das
«positive Paradox» im ernsten Sinn dieses Begriffes. Und so bleibt das christliche Reden von Christus, so bleibt alle Christologie
notwendig dialektisch: sie muß, um das «positive Paradox» zu hüten, dauernd mit der
durch das Historische im apostolischen Zeugnis gegebenen Möglichkeit des Ärgernisses
rechnen. Ja, sie muß so sehr dialektisch sein und bleiben, daß sie, wenn sie den
Christus in Jesus und in Jesus den Christus erkennt,
durch dauernde Erinnerung daran, daß das zweierlei ist (man wird bemerken, daß ich hier
beiläufig der reformierten Christologie das Wort rede)33,
auf die Möglichkeit des Ärgernisses geradezu aufmerksam macht, das Wissen, daß es hier
um Geist, Glauben und Offenbarung geht, wach erhält. Sie darf aber nicht – und nun kehre
ich zu meinem Gesprächspartner zurück – sich selbst mit ihrem Gegenstand verwechseln.
Sie darf das durch das Zeugnis Jesus-Christus gegebene «positive Paradox» nicht
sabotieren, indem sie die «ewige Erlösung» und «Jesus von Nazareth» mit Hilfe der
Symboltheorie nicht nur unterscheidet, sondern trennt. Sie kann den Historikern alle
Konzessionen machen; es kann ihr, wenn sie sich selbst ernst nimmt, nur erwünscht sein,
wenn durch die historische Zerfaserung der «empirischen Tatsache» ihre eigene Frage und
Antwort: Dieser ist Gottes Sohn gewesen! [Mt. 27,40] in ihrem Charakter als göttliche Frage und Antwort umso schärfer ans Licht gestellt wird. Sie
darf aber nicht den Rückzug |373 antreten vor einem Gegner, der
ihr auf ihrem eigenen Feld gar nicht als solcher begegnen kann; sie darf sich nicht dazu
hinreißen lassen, die singuläre Qualifikation dieser Geschichte durch
die Offenbarung zu bestreiten oder, was auf dasselbe herauskommt: die Qualifikation aller Geschichte durch die Offenbarung zu behaupten. Das christliche,
das theologische «Absurdum» liegt nicht in dem, was Tillich so bezeichnet, in dem «einmal und ein für
allemal», das auszusagen vielmehr schlichte theologische Pflichterfüllung ist, wohl aber
in allem unbedachten, unklassischen, unehrerbietigen Abspringen von der Formel des
Konzils von Chalcedon34, an die in aller Stille sich zu halten mutatis mutandis noch heute Einsicht
verraten würde.
Zu der von Tillich als Folge solcher Christologie signalisierten, die
historisch-kritische Wissenschaft bedrohenden «Heteronomie» kann ich
nur immer wieder bemerken, daß man den Historikern das Recht unter keinen Umständen
ab295sprechen darf, auch auf dem Gebiet, das der
Christenheit «heiliges Land» ist, zu treiben, was sie wollen und müssen, und daß wir als
Theologen sogar ein Interesse daran haben, daß dies wirklich geschieht. Aber daß darüber
die Autonomie der theologischen Wissenschaft überhaupt nicht bedacht
wird, daß so und so viele als Historiker sehr achtbare «Theologen» in besten Treuen von
einer Aufgabe der Theologie als solcher keine blasse Ahnung haben, daß ihre
Beschäftigung mit der Bibel heute fast restlos eine Beschäftigung mit der Möglichkeit,
Ärgernis zu nehmen, ist, das halte ich darum doch für einen unhaltbaren Zustand. Wenn
sich, was allerdings nicht sicher ist, die protestantische Theologie noch einmal von
ihrem Marasmus erholen wird, dann werden unsere Alt- und Neutestamentler, unbeschadet
dessen, was sie als Historiker (im Nebenamt!) leisten, theologische
Exegeten sein und als solche wirklich auch «der Wahrheit» gehorsame
Arbeit tun. – Fürchtet Tillich ferner das Hereinbrechen des «Gesetzes», so antworte ich
ihm, daß es meines Erachtens ein Gericht über Theologie und Kirche ist, wenn sie heute
vor lauter Gesetzlosigkeit ohne Erkenntnis und ohne Willen dastehen in einer Zeit, wo
sie und alles Volk beides sehr nötig hätten, und daß ein bißchen «intellektueller
Askese» («Werk und Gesetz» hin und her, es handelt sich nicht darum!) unsrem schon
bedenklich fellachisierten Geistesleben keinen Eintrag tun würde. – Und wenn |374 sich Tillich
endlich als vor dem Dritten und Schrecklichsten vor dem Einbruch einer «absoluten Religion» fürchtet, so kann ich ihn wirklich nur erstaunt fragen, was
er sich eigentlich bei dieser Warnung gedacht hat. Es ist doch eine μετάβασις εἰς ἄλλο γένος (ich würde das von den
drei Drohungen Tillichs überhaupt sagen!), in einem ernsthaften Gespräch über Christus das Christentum plötzlich als eine Religion unter andern zu
behandeln, von Kirche und Theologie (die solche Mahnung wahrhaftig nicht nötig haben!)
zu verlangen, sie dürften sich selber nur ja nicht etwa so ernst nehmen, daß sie
meinten, andern Gemeinschaften gegenüber die Wahrheit zu vertreten. Was soll das? Gerade
wenn die Kirche ist, was sie sein soll, Verkündigerin des positiven
Paradoxes, gerade wenn sie sich unter und in diese schwerste Krisis
stellt, wird sie den Mut nicht verlieren, sondern bekommen, mit: So
spricht der Herr! ein reales Quos ego!35 auf den Plan zu stellen. Sollte Tillich hier nicht etwa noch einmal die fatale
Verwechslung von «Krisis» mit «Verbot» unterlaufen sein? Ich muß jedenfalls von mir
sagen, daß ich, wenn ich von der «Krisis» redete, unter der alles Menschliche und das
Christentum nicht zuletzt stehe, nie daran gedacht habe, solche (mich so pedantisch
anschauenden!) Verbottafeln aufzurichten und damit die Geschäfte des modernen
Relativismus zu besorgen. Im Gegenteil!!
Ich eile zum Schluß und stelle noch einmal fest, daß Tillich als Theologe und darum
auch seine Kritik an «uns» mir ein Rätsel ist. Vorläufig erkläre ich es mir durch die
Vermutung, daß er wohl immer noch (ohne die Dialektik dieser Sache einzusehen) im
Frontalangriff des modernen Menschen gegen den «Großinquisitor»36 begriffen ist. Wie das endigen muß, kann nicht zweifelhaft sein. Verharrend in
seinem anti-orthodoxen Ressentiment kann er dem «positiven Paradox», das die christliche
Theologie zu hüten hat, und darum dann, auf der untern Ebene, auch «unsern» Bemühungen
unmöglich gerecht werden. Er hat ja im Ganzen freundlich und anerkennend von uns
geschrieben, und ich wollte, ich hätte ihm Gleiches mit Gleichem vergelten können. Aber
die Korrektur, die er an der sog. «Theologie der Krisis» anbringen will, ist der Angriff
|375 auf das Entscheidende, was wir sagen möchten. Der Ersatz
dessen, was wir an dem Punkt, auf den Alles ankommt, zu sehen meinen,
durch das, was er dort sieht, würde «unsre» Absicht, so verwandt seine
Melodie zunächst der unsrigen zu sein scheint, in ihr Gegenteil verkehren. Mit einer
Theologie des babylonischen Turmbaus [vgl. Gen. 11,1–9] wünsche ich nichts zu tun zu haben. Wir
wollen gerade keine voraussetzungslose Theo296logie, bei der jeder nach freier seliger protestantischer
Willkür und Erfindung drauflos denkt und redet, wie es ihm sein Geist eingibt – und wenn es unter der Fahne der «Theonomie» geschähe! Nicht nur Gott, nicht
nur das Christentum, auch die Kirche, ich meine die «eine heilige allgemeine
Kirche»37, aber in abgestuftem Grade auch die Partikularkirche, der wir
angehören, ist die Voraussetzung der Theologie. Das «positive Paradox» darf man auch in
dieser Form nicht auflösen und eskamotieren, so wenig wie in der der skandalösen
Historizität und Faktizität der Offenbarung. Nicht daß wir den «Glaubensstandpunkt»
einnehmen, nicht «Gogartens
Offenbarungslehre», nicht die «Theologie der Krisis» ist der Punkt, an dem wir mit
Tillich zusammenstoßen, sondern unser
Hinweis auf die unauflösliche Korrelation des theologischen Wahrheitsbegriffs mit den
Begriffen Kirche, Kanon, heiliger Geist. Wieviel ich selber noch zu lernen habe nicht nur in dieser, aber auch in dieser Hinsicht,
das ist mir nicht zweifelhaft. Die Altäre, vor denen Tillich anbetet, sind mir wirklich
auch nicht ganz unbekannt. Vielleicht mußte gerade darum meine Anti-Kritik zu seinen
Ausführungen etwas lebhaft ausfallen. Er versteht vielleicht die Paradoxie des positiven Paradox, die ich meine, wenigstens auf eines
Augenblickes Länge (oder wird er den Weheruf erheben, ich sei offenbar in vollem Rückzug
in der Richtung nach den finstersten Orten?), wenn ich zum Schluß Augustin zitiere – er kann und soll es wirklich auch
als Friedenswort auffassen –: «In ecclesia non valet: hoc ego dico,
hoc tu dicis, hoc ille dich, sed: haec dicit Dominus.»38
376
Paul Tillich
Antwort
Meine Antwort soll schnell und kurz sein. Darum muß ich es mir nicht nur versagen, in
eine sachliche Einzeldiskussion einzutreten, sondern auch, auf mancherlei Wendungen
Barths einzugehen, in denen Temperament und Kampfeseifer ihn über die Grenzen gerechter
Abwägung hinausführen. Die Freude an unserem Gespräch, dessen Ziel für mich durchaus das
Miteinander und nicht das Auseinander ist, überwiegt weit die kleinen Abwehrimpulse
gegen ironisch oder pädagogisch überlegene Formulierungen.
Dagegen möchte ich Barth folgen, wenn er gegen Schluß die Frage nach der Geisteslage stellt, aus der heraus meine Gedanken zu verstehen sind. Es ist in
der Tat so, daß ich einen ganz engen Zusammenhang zwischen meiner
philosophisch-theologischen Arbeit, auch meiner positiven und negativen Kritik an Barth
und Gogarten, und unserer gegenwärtigen Zeit-
und Geisteslage sehe. Der Begriff des «Kairos» bedeutet für mich, daß man nicht zu jeder
Zeit Jedes sagen und tun kann, sondern daß jede Zeit die Aufgabe hat, den ewigen Sinn
aller Zeit aus ihrem Leben und in ihren Worten neu zu schöpfen.
Barth fragt nicht mit Unrecht, ob der Abwehrkampf gegen den «Großinquisitor» mit seinen
Insignien: Heteronomie und Gesetz meine Haltung wesentlich mitbestimme. So ist es und so
muß es sein. Die Befreiung von der Alternative: Verlust des Heils oder Zerbrechen der
Wahrhaftigkeit, in die Orthodoxie und Pietismus, ja selbst die liberale Theologie jede
neue Generation von Neuem hereingestoßen hat, mußte durch einen letzten Radikalismus,
der jede, aber auch jede religiöse Heteronomie des Erkennens im Namen der Religion
aufhebt, vollzogen werden. Aber weil es im Namen der Religion geschah, war es keine
Negation, sondern die Position des Unbedingten auch gegenüber jedem Werk des Erkennens.
Es war der Durchbruch der Gewißheit, daß es auch eine Rechtfertigung des «Unreligiösen»
und des «Atheisten» und des «Lästerers des Menschensohnes» geben kann, wenn nur der
Geist der Wahrheit nicht gelästert wird. Es war die Durchführung der protestantischen
Krisis des Werks auch gegenüber dem theoretischen Werk der Setzung bestimmter
Glaubensinhalte als Vorbedingung des Heils (und hießen sie Gott oder Christus oder
Jesus). Und dieser Durchbruch hatte, wo er erfahren 297
und verkündigt wurde, befreiende Wirkung, befreiend nicht nur von der Last des
intellektuellen Gesetzes, sondern auch von dem Ressentiment dagegen. Und er hatte die
Wirkung, die eben Wirkung der echten Krisis ist, daß sie das gegenständlich Gewordene,
Verhärtete, Gesetzliche und darum Feindschaft Erregende in seinem symbolischen,
hinweisendem, fragwürdigen und zugleich offenbarerischen Charakter sichtbar machte. Es
ist nicht erstaunlich, daß Jeder, der diese Entwicklung mit durchgemacht hat,
eifersüchtig über der Reinheit des Glaubens vor jeder neuen intellektuellen
Werkgerechtigkeit wacht. Und nicht nur gegen das orthodoxe, sondern noch mehr gegen das
liberale Werk des Intellekts richtet sich diese Wachsamkeit, aber auch gegen das
kritisch-dialektische, dessen wahres Ziel es doch gerade ist, selbst die Paradoxie zu
verkündigen.
Dieses ist die eine Seite der Geisteslage, aus der heraus ich zu verstehen wäre. Und
nun die andere. Barth sagt, daß die Voraussetzung der Theologie und ihres |377 Wahrheitsbegriffes Kanon, Kirche und heiliger Geist sind. Das
ist als allgemeiner Satz zweifellos richtig. Aber die Frage ist ja gerade, was dieser
allgemeine Satz für unsere Geisteslage bedeuten könne. Und da sehe ich vor allem dies:
Es ist unmöglich, gegenwärtig so zu reden, als ob die Worte, in denen Schrift und Kirche
auf das Unbedingte hinweisen, unmittelbar das leisten könnten, was ihr Wesenssinn ist.
Das ist Schuld des «Großinquisitors», des Gesetzes, der Heteronomie und der
Vergegenständlichung. Und unter diesem Verhängnis stehen wir alle, Theologen und
Nichttheologen. Unmöglich ist es z. B. für den, der dieser Lage bewußt ist, von Gott so
zu reden, als ob dieses Wort die ihm wesenhafte Mächtigkeit unmittelbar vermitteln
könnte. Darum muß man vom Unbedingten reden. Nicht als wäre dies ein
Ersatzbegriff, sondern es ist ein Schlüssel, um die verschlossene Tür zu dem
Sanktissimum des Namens «Gott» sich und anderen zu öffnen, und dann den Schlüssel
fortzuwerfen. Gerade hier scheint mir der direkte Zugriff, und die
Selbstverständlichkeit der Aussage verwehrt zu sein.
Ebenso unmöglich ist es, so direkt und unmittelbar von Jesus Christus als dem positiven
Paradox zu reden, wie es Gogartens
Offenbarungslehre tut. Nicht um das echte Ärgernis zu vermeiden, muß hier anders
gesprochen werden, sondern um das Ärgernis zu vermeiden, das nicht den
Nehmenden, sondern den Gebenden schuldig macht. Und auch der Name Jesu Christi kann zu
diesem falschen Ärgernis mißbraucht werden. Wäre der Christusgeist eins mit dem Namen
Jesu Christi, so wäre der Lästerer des Namens verdammt und der Großinquisitor im Recht.
Nun aber erschöpft sich der Christusgeist, das positive Paradox, nicht in der
empirischen Erscheinung. Selbst die Theologie hat niemals die absolute Kontingenz des
positiven Paradox behauptet. Sie hat vielmehr von dem Logos gesprochen, der in jüdischer
und heidnischer Geschichte sich offenbarend auf die vollkommene Offenbarung hinführt. Es
dürfte der Theologie nicht verwehrt sein, diesen Weg nachzugehen, und sichtbar zu
machen, was auch gegenwärtig unter Heiden und Juden, d. h. in den Schöpfungen und Krisen
der autonomen Kultur vom Logos offenbar wird. Es ist wahrlich kein Knien vor falschen
Altären und kein Turmbau zu Babel [vgl. Gen. 11,1–9], wenn das positive Paradox so
verkündigt wird, daß in den Schöpfungen und Trümmern der Kultur die Spuren des
göttlichen Ja und Nein unanschaulich-anschaulich gemacht werden, und so der Blick durch
all diese Hinweise dahin geführt wird, wo nur noch Hinweis ist, wo das
Ja und Nein in vollkommener Helle leuchtet. Mag man das Kulturphilosophie nennen, weil
der Hinweis auf dieses Letzte dabei nicht in den Worten der Schrift und der Kirche
ausgesprochen wird. Nun, so zwingt unsere Lage dazu, als Theologe nicht Theologe, sondern Kulturphilosoph zu sein. Mag man den Geist, der
in diesen Hinweisen auf den letzten Hinweis wirksam ist, nicht heiligen Geist nennen,
nun, so muß die Theologie um des Geistes 298 der
Wahrheit und der Liebe willen auf den heiligen Geist warten oder besser, sie muß
erklären, daß der heilige Geist weht, wo er will [vgl. Joh. 3,8], und daß der Christusgeist, der Geist des konkreten
Paradoxes, aus der Herrlichkeit und dem Sterben der Blumen auf dem Felde, aus der
Schöpferkraft und der Verzweiflung eines Kunstwerkes, aus dem Tiefsinn und der
Selbstaufhebung einer Logik, uns stärker anwehen kann – auch als
Ärgernis im echten Sinne des Wortes – als aus Worten, Erzählungen und Bildern, die für
unser Bewußtsein noch immer das Siegel des Großinquisitors tragen.
378 Das ist die Lage, aus der heraus ich zu verstehen wäre. Das ist die Lage, die wir als
Theologen auf uns nehmen müssen, der wir nicht untreu werden dürfen. Es gibt aber ein
Sprechen von der Kultur und ein Springen in die absolute Kontingenz, das Untreue gegen
unsere Lage ist, das sich vor allem dadurch richtet, daß es die Gemeinschaft mit denen
zerbricht, die in allen Kulturgebieten um Offenbarung des positiven Paradox, um
Anschauung des Christusgeistes, ringen, und daß es die Kluft zu denen unüberbrückbar
macht, die von Kultur und Religion entleert, im Kampfe stehen gegen die Formen von
Kultur und Religion, denen sie ihr Schicksal verdanken, Masse und nichts als Masse
geworden zu sein. Auch hier entscheidet der Geist der Wahrheit und der Liebe gegen den «heiligen» Geist, der an Kanon und Kirche im konkreten Sinne
gebunden ist. Es wäre verhängnisvoll, wenn eine direkte, unmittelbare Verkündigung des
konkreten Paradox, wie sie bei Kierkegaard
und Gogarten vorliegt, uns allen, die wir in
der gekennzeichneten Lage sind, – den Weg zu der vollkommenen Anschauung des Paradox in
Christus –, wenn auch nicht versperren, so ihn doch aufs Äußerste erschweren und die
Gemeinschaft im Tragen und Durchleiden unmöglich machen würde.
Dieses zum Verständnis der Geisteshaltung, aus der heraus ich denke und arbeite und die
Begriffe bilde, die vielleicht fremdartig erscheinen, wenn sie nicht von hier aus
gesehen werden. Und nun noch zwei Worte an Barth: Es ist meine Furcht, daß die Art, wie
er und Gogarten die Dialektik verwenden, die
dialektische Position ungewollt hinüberführt in einen sehr positiven und sehr
undialektischen Supranaturalismus, daß aus dem Ja und Nein des Verhältnisses von Gott
und Welt, das jeder Dialektik wesentlich ist, ein einfaches Nein gegenüber der Welt
werde, dessen Schicksal es freilich immer ist, undurchführbar zu bleiben und an einem
Punkte unvermutet in ein um so positiveres, undialektisches Ja umzuschlagen. Diesen
Punkt glaube ich an der Offenbarungslehre, an der Lehre von der absoluten Kontingenz
usw. zu sehen. Darum kam es mir darauf an, zu zeigen, daß das radikale Nein immer nur in
Einheit mit dem Ja, auch der Welt gegenüber durchführbar ist. Das bedeutet nicht
Relativismus bezüglich der Überzeugung. Ich hoffe, daß die Darstellung meiner eigenen
Überzeugung nirgends relativistisch klingt; sondern es bedeutet Krisis bezüglich der
unbedingten, der Heils-Gewißheit, die sich allerdings an nichts Empirisches, auch nicht
an die eigene schöpferische Überzeugung hängen darf.
Und das zweite: Barth beruft sich mit Recht auf die reformierte Theologie. Der
Dualismus zwischen profaner und heiliger Sphäre ist unter der Auswirkung der
reformierten Theologie zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangt. Die Profanisierung und
Entleerung des gesamten kulturellen Lebens auf der einen Seite, die Primitivisierung des
religiösen Lebens auf der anderen Seite ist eine sichtbare Folge dieser Haltung, die
zweifellos den ursprünglich-reformatorischen Intentionen gänzlich fern liegt. Ich kann
es nicht für einen Gewinn halten, empfinde es vielmehr als einen Widerspruch zu unserer
Lage, wenn die Profanisierung der Kultur als unaufhebbar festgelegt wird. Demgegenüber
stelle ich mich bewußt in die deutsch-lutherische Tradition, deren geistesgeschichtliche
Bedeutung gerade darin besteht, daß immer neue Versuche zur Überwindung der profanen
Autonomie durch eine 299 gefüllte, theonome
hervorgegangen sind. In dieser Linie stehen Schleiermacher und Hegel. So
deutlich ich mich von ihnen unterscheide, sofern sie versuchen, die Paradoxie zu Gunsten
der dialektischen Identität zu |379 verwischen, so nachdrücklich
trete ich auf ihre Seite, wenn es sich darum handelt, in den Formen des Logischen und
Ethischen den Hinweis auf das Paradox erschaubar zu machen, die profane Autonomie
aufzuheben in Theonomie.
Nachwort der Schriftleitung
Man kann zweifeln, ob es Sinn hat, ein derartiges Gespräch als öffentliches zu
veranstalten. Das Ergebnis kann sein, daß für die Leser nicht mehr als eine Sensation
und für die beiden Redner keine Förderung herauskommt, ohne die das Ganze keinen Sinn
hätte. Deshalb teile ich durchaus die Bedenken, die sowohl Tillich (in Nr. 11 der Theol. Bl.
📖) als Barth am Anfang ihrer Darlegungen
ausgesprochen haben. Ich glaube aber sagen zu dürfen, daß der Gang des Gesprächs diesem
die Prägung eines Arbeitsgesprächs gegeben hat. Daß hier, besonders
von Barths Seite aus, der mit Ingrimm und Achtung zugleich geantwortet hat, eine uns
kaum noch geläufige rabies theologorum erschienen ist, mag kein Schade sein. Die
beiderseitigen Ausführungen sind zugleich Sache und persönliches Bekenntnis. Und daraus
mußte sich die Schärfe der Meinungsäußerung ergeben.
Unsre gegenwärtige Auseinandersetzung und Umschaltung der systematischen Theologie wird
in starkem Maße einerseits von Barth und Gogarten und andererseits von Tillich bestimmt. Daß beide Teile einander mit
Achtung begegnen, daß etwa Tillich in seiner
Abhandlung über «Die Überwindung des Religionsbegriffs in der Religionsphilosophie» «auf
die geistige Gemeinschaft hinweist, in der er sich mit Männern des religiösen Wortes wie
Barth und Gogarten befindet»39,
und daß sich Barth einer vielleicht irgendwie vorhandenen unteriridischen
Arbeitsgemeinschaft mit Tillich bewußt ist,
hilft denen noch nicht weiter, die hier um die Sache mit und gegen die Genannten leiden
und kämpfen.
Was hat nun die vorliegende Aussprache aufgezeigt? Barth hat Recht, wenn er uns immer
wieder die Theologenaufgabe einschärft. Und Tillich macht dennoch deutlich, daß es letztlich mit
einem Auseinanderklaffen von Theologie und Philosophie nicht getan ist. Barth sieht vor
allem die Christusfrage bei allem Eingehen in die Forderung historisch-kritischer Arbeit
so ernst und tief wie kaum ein anderer jetzt, soweit es sich um ihre begriffliche
Erfassung handelt. Aber wenn er bekennt, in diesem Zusammenhang weiter arbeiten zu
müssen, so ist zwar nicht Tillichs Lösung,
aber Tillichs Frage ganz ernst; und, soweit
sie auch nicht ohne weiteres für Barth und Gogarten selbst neu und wesentlich sein
sollte, so ist sie’s |380 umsomehr für ihre Leser und Freunde.
Hoffentlich ist vorläufig wenigstens dies eine erreicht worden: Gewichtige Einwände sind
hin- und hergegangen, und bei dieser Gelegenheit ist Gewichtiges gesagt worden. Und
unser Wunsch um unsrer Klärung willen kann nur der sein, daß weiter zusammengearbeitet
wird von all denen, die guten Willens sind.
Wir wollen die gedruckten Worte nicht allzu hoch einschätzen, vielmehr uns bewußt sein
der Gefahren des Literarischen. Wenn aber die Aussprache, die ja auf jeden Fall, auch
wenn nichts niedergeschrieben oder gedruckt wird, weiter geht, nicht ein Hin- und
Herreden ohne Verantwortung und Beruf werden soll, dann muß je und je die Verdichtung
zum streng, wenn auch nur vorläufig abgeschlossenen Wort sichtbar werden. Daß es dahin
gekommen ist, danken wir beiden verehrten Rednern.