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        <title type="volume" n="vol-19">Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925</title>
        <title type="content">Die Kirche und die Offenbarung</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Die Kirche und die Offenbarung, 1923</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/19015 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925, hrsg. v. Finze, Holger (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1990, S. 307–348.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925</title>
          <title type="text">Die Kirche und die Offenbarung</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Finze, Holger</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1990</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 307-348</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe III.19, Vorträge und kleinere Arbeiten 1922-1925, 1923 speech 13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Die Kirche und die Offenbarung (Inhaltsübersicht), 30. November 1923. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/466">KBA 11012</ref>. </bibl>
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        <head>DIE KIRCHE UND DIE OFFENBARUNG</head>
        <head type="sub">1923</head>
      <div type="abstract">
         <div>
        <head type="sub" rend="text-recte">1. <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName> <date when="1923-11-30">30. November 1923</date></head>
        
           
          <p><persName ref="kbga-actors-4070">Wilhelm Jannasch</persName><note xml:id="n01"><persName ref="kbga-actors-4070">Wilhelm Jannasch</persName> (1888–1966), 1913 Hilfsprediger in Jena, 1914 Pastor an St. Aegidien, ab 1921 Hauptpastor von Lübeck,
                        1934 Zwangspensionierung und Dienst in der Bekennenden Kirche,
                        1939 Pfarrer der Bekenntnis-Gemeinde von Berlin-Friedenau, 1945 der Kirche «Zum guten Hirten» ebd., 1946 o.
                     Professor für Praktische Theologie in Mainz.</note>, Hauptpastor von <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName>,
                  hatte sich in einem Brief vom <date when="1923-10-15">15. Oktober 1923</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gewandt mit der Bitte,
                  «uns hier in <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName> einen für eine weitere Öffentlichkeit gedachten, immerhin in
                  erster Linie auf sogen. Gebildete eingestellten Vortrag zu halten, etwa über den
                  Gegenstand ‹Mysterium oder Wort Gottes›.»<note xml:id="n02"><ref type="kba-objects-id" target="12339">Original im Karl
                     Barth-Archiv</ref>, Basel.</note> Anlaß für seine Anfrage waren zwei Vorträge von 
                     <persName ref="kbga-actors-748">Friedrich Rittelmeyer</persName><note xml:id="n03"><persName ref="kbga-actors-748">Friedrich Rittelmeyer</persName>
                        (1872–1938), 1902–1916 Pfarrer in Nürnberg,
                        1916–1922 in Berlin. Beeinflußt durch die Anthroposophie
                        <persName ref="kbga-actors-791">Rudolf Steiners</persName> legte <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> sein Pfarramt nieder und
                     gründete die (anthroposophisch orientierte) «Christengemeinschaft», deren
                     «Erzoberlenker» er 1922 wurde. Am 16.9.1922 nahm
                        <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> in Dornach die erste
                     sog. «Menschenweihehandlung» vor, eine Art priesterliche Aussendung.</note> in
                  <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName>, die eine breite, z. T. heftig geführte Auseinandersetzung<note xml:id="n04"><p><persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName> schreibt in
                        seinem o. a. Brief weiter: «Der Vortrag ist gemeint als Förderung
                        derjenigen, die durch zwei Rittelmeyersche Vorträge zum ersten Mal mit Bewußtsein vor
                        die Frage gestellt worden sind, ob der Gottesdienst der Kirche Wort Gottes
                        an uns oder vielmehr zauberhafte Veranstaltung des Menschen zu Gott hin sein
                        soll. Die Mehrzahl der in Frage kommenden Menschen steht dabei zunächst noch
                        sehr einseitig unter dem Eindruck, daß ein Gottesdienst das zu geben habe,
                        was der Mensch suche und wolle, also etwa eine tiefe Erschütterung oder noch
                        lieber ein gewaltiges ‹Erlebnis›. Sie sind der Predigt als eines
                        intellektuellen Menschenwortes überdrüssig und fragen sich zum mindesten, ob
                        nicht <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyers</persName> Magie mit
                        ihren sicheren Versprechungen vollen Erfolges für sie das Richtige sein
                        würde. Ich habe zunächst in einem Zeitschriftenartikel den Gegensatz
                        zwischen <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> und
                        evangelischem Christentum klar herauszustellen versucht unter besonderer
                        Betonung, daß Rs Tatgottesdienst eine Wiedererweckung des alten magischen
                        Mysteriums sei und daß es sich hier zu entscheiden gelte. Am kommenden
                        Sonntag wird [Privatdozent] D. <persName ref="kbga-actors-62">Bruhn</persName>-<placeName ref="kbga-places-240">Kiel</placeName> über Theosophie und Anthroposophie sprechen, wie
                        ich annehme, in der sehr abgewogenen und zum Teil anerkennenden Weise, mit
                        der er diesen Gegenstand zu behandeln pflegt. Wir brauchen mithin gerade
                        Ihre Art noch, damit die innere Entscheidung, vor die uns R. gestellt hat,
                        wirklich als solche innere Entscheidung von dem oder jenem vollzogen werden
                        könne. All das Gesagte sollen nur Andeutungen sein, gewissermaßen für die
                        Einleitung des erbetenen Vortrages, der, von Ihnen, sehr verehrter Herr
                        Professor, gehalten, schon von selber die richtige Antithese zu Rs These
                        sein wird.» Bereits im Winter <date from="1922" to="1923">1922/23</date> waren Vortragende
                        der Christengemeinschaft nach <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName> gekommen. An den Lübecker Kirchenrat
                        war man wenig später mit dem Gesuch herangetreten, die Benutzung der St.
                        Jürgen-Kapelle zum Vollzuge einer sog. «Menschenweihehandlung» zu erlauben.
                        Mit Hinweis darauf, daß es sich bei der Christengemeinschaft nicht um eine
                        evangelische Vereinigung handle, wurde das Gesuch jedoch nach einigem Zögern
                        abgelehnt.</p>
                            <p>
                                <persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName> hatte
                        zu den <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName>-Vorträgen
                        mehrfach das Wort ergriffen in: 
                                    Lübeckische Blätter. Zeitschrift der Gesellschaft zur Beförderung
                                 gemeinnütziger Tätigkeit, Jg. 65
                           (1923); dort erschien:.<bibl corresp="kbga-bibls-2084">
                                    <hi rend="italic">Nachklänge zu den Rittelmeyer-Abenden!</hi>,
                              S. 472f. (Nr. 43 vom 28.10.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2085">
                                    <hi rend="italic">Nachklänge zu den Rittelmeyer-Abenden (Entgegnungen 2.)</hi>, S. 496f. (Nr. 45 vom 11.11.)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2086">
                                    <hi rend="italic">Offener Brief an Herrn Klein</hi>, S. 511–513 (Nr. 46 vom
                              18.11.).</bibl></p></note> in den Gemein<pb xml:id="p308" ed="pga" break="no"/>den<note xml:id="n05">Vgl. die zahlreichen – z. T. gegen <persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName> gerichteten – <bibl corresp="kbga-bibls-2087">Leserbriefe, a.a.O., s. 473f.486.497f.523.</bibl></note> und in der Kirchenleitung<note xml:id="n06">In seiner Sitzung vom
                        <date when="1923-10-31">31.10.1923</date> beschloß das Geistliche Ministerium <placeName ref="kbga-places-255">Lübecks</placeName> die
                     Gründung einer besonderen Kommission für diese Frage (lt. <bibl type="archival">Mitteilung des
                     Kirchenarchivs <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName></bibl> aus dem handschriftlichen Protokollbuch an den Hrsg.).
                     Dort sollte die Frage geklärt werden, «welche der <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName>’schen Anregungen zur Hebung
                     oder Vertiefung unseres religiös-kirchlichen Lebens geeignet erscheinen
                     möchten. Dieser Ausschuß, in dem dann Mitglieder des Kirchenrates und des
                     Kirchentages, Geistliche und Laien beiderlei Geschlechtes unter dem Vorsitz des
                     Hauptpastors Lic. <persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName>
                     zusammentraten, und der sich nachmals ‹Ausschuß für Fragen des
                     gottesdienstlichen Lebens› nannte, hat eine Reihe von Sitzungen abgehalten und
                     mancherlei wertvolle Anregungen gegeben …» <bibl corresp="kbga-bibls-2088">(<hi rend="italic">Jahresbericht des Kirchenrates für das Jahr 1923</hi> [Lübeck o. J.], S. 7).</bibl></note> ausgelöst hatten. Bereits in einem Brief vom <date when="1923-10-22">22. Oktober</date> bestätigte
                     <persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName> das von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> angegebene
                  Vortragsthema «Die Kirche und die Offenbarung» und setzte als Datum den <date when="1923-11-30">30.
                  November</date> fest.<note xml:id="n07"><ref type="kba-objects-id" target="12347">Original im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel. Dort heißt
                     es weiter: «Ich würde es bedauern, wenn Sie im Ernst gemeint hätten, wir
                     wollten einen Konkurrenzvortrag (? oder wie das Wort sonst heißt, das Sie
                     geschrieben haben) gegen <persName ref="kbga-actors-748">Rittelm.</persName>; mir erschien es lediglich wertvoll, den
                     Menschen einmal die ganz andere Seite der Sache zu zeigen, und da erschienen
                     Sie mir als der schärfste Gegensatz zu Rs Magie.»</note> Als <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> kurzfristig
                  seine Zusage wieder rückgängig machen wollte, antwortete ihm <persName ref="kbga-actors-4070">Jannasch</persName>: «Aus eigener vielfältiger Erfahrung
                  weiß ich, wie drückend einem Vortragsverpflichtungen mitten in der Last der
                  allgemeinen Berufsarbeit werden können. So fällt es mir menschlich richtig schwer,
                  Sie auf Ihre Karte hin dennoch zu bitten: Bleiben Sie uns, wenn es irgend geht,
                  für den <date when="1923-11-30">30.11.</date> treu.» Er fügte – wohl auf eine entsprechende Äußerung <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
                  eingehend – hinzu:</p>
         
          <p><pb rend="noPipe" xml:id="p309" ed="pga"/> «Dankbar wäre ich Ihnen, wenn an irgendeiner Stelle Ihres Vortrages zum Ausdruck
                  käme, daß er durch die von <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName>
                  veranlaßte Bewegung seinerseits veranlaßt ist; das wird man immerhin erwarten, und
                  ich meine, daß sich das sagen läßt, ohne daß nun die Leute meinen, Sie seien als
                  Hilfstruppe für die Kirche hierher verschrieben.»<note xml:id="n08">Brief vom
                        <date when="1923-11-13">13.11.1923</date> (<ref type="kba-objects-id" target="12389">Original im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel). <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Karte
                     ist nicht mehr erhalten.</note> Es blieb bei der ursprünglichen Zusage
                     <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>.<note xml:id="n09">Vgl. den Einladungsartikel [N. N., vermutlich
                        <persName ref="kbga-actors-4070">W. Jannasch</persName>], <bibl corresp="kbga-bibls-2089">
                                <hi rend="italic">Vortrag von Karl Barth</hi>, in: Lübeckische Blätter, S. 525 (Nr. 47 vom 25.
                        11.)</bibl>: «Am Freitag, <date when="1923-11-30">30. November</date>, wird <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>, Professor für
                     reformierte Theologie in <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>, in der Aula der Ernestinenschule seinen
                     bereits vor einiger Zeit angekündigten Vortrag über Kirche und Offenbarung
                     halten. Ihn zu hören wird nicht nur denen wichtig sein, die nach den
                     verschiedenen anthroposophischen Darbietungen der letzten Zeit einmal die genau
                     entgegengesetzte Auffassung kennen lernen möchten, sondern allen, denen es
                     darum zu tun ist, die neueste Bewegung nicht nur der evangelischen Theologie,
                     sondern des evangelischen Christentums überhaupt, auf sich wirken zu lassen …
                     Der Vortrag beginnt am genannten Tage um 8 Uhr abends.» Vgl. auch die
                     Ankündigung a.a.O., S. 473 (Nr. 43 vom <date when="1923-10-28">28.10</date>).</note>
               </p>
          <p>Über die mangelnde Resonanz in <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName> war <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> enttäuscht. «Das Lokal war voll
                  bis zum Rand und ich ‹verdiente› 20 Rentenmark (= Billionen), aber das Gespräch
                  mit den Lübecker Pfarrern nachher war ganz betrüblich. Nur einem ganz alten Herrn
                  hatte ich es überaus recht gemacht.»<note xml:id="n10">Brief <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> an seine <persName ref="kbga-actors-18">Mutter</persName> vom <date when="1923-12-04">4.12.1923</date>
                     (<ref type="kba-objects-id" target="12416">Original im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel); vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p209#p209">S. 209</ref> (20.12.1923).</bibl></note>
               </p>
        </div>
        <div>
          <head type="sub" rend="text-recte">2. <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName> <date when="1923-12-05">5. Dezember 1923</date></head>
          <p>Am <date when="1923-12-05">5. Dezember 1923</date> wiederholte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> diesen Vortrag vor dem Göttinger Pfarrverein, «wo das Niveau denn doch etwas höher war»<note xml:id="n11"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p209#p209">S. 209</ref>.</bibl></note>.</p>
        </div>
        <div>
          <head type="sub" rend="text-recte">3. <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> <date when="1924-02-22">22. Februar 1924</date></head>
          <p>Für <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> hatte schon am <date when="1923-07-19">19. Juli 1923</date> Pfarrer <persName ref="kbga-actors-1154">Carl Niedner</persName><note xml:id="n12"><persName ref="kbga-actors-1154">Carl Niedner</persName> (1875–1960), 1916–1946 Pfarrer an der Friedenskirche in Leipzig-Gohlis.</note> angefragt, ob <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
                  bereit sei, im Rahmen einer Vortragsreihe des kommenden Winters zu referieren<note xml:id="n13"><ref type="kba-objects-id" target="12261">Original seines Briefes im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel.</note>, deren
                  Veranstalter die Ortsgruppe des Deutschen evangelischen Gemeindetags<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2090"><persName ref="kbga-actors-4070">W. Jannasch</persName>, Art. «Gemeindetag», in: RGG<hi rend="sup">3</hi>, Bd. II, Sp. 1345f.</bibl></note> und die akademische Orts<pb xml:id="p310" ed="pga" break="no"/>gruppe des
                  Volkskirchlichen Laienbundes war. Als vorläufiges Thema wurde «Das religiöse
                  Erleben und die Kirche» vorgeschlagen.<note xml:id="n15">Allerdings räumte <persName ref="kbga-actors-1154">Niedner</persName>
                     ein: «Die Formulierung des Themas im Einzelnen ist hier natürlich nur andeutungsweise
                     erfolgt. Wir überlassen es den Herren Referenten
                     selbstverständlich, das Thema selbst genauer zu bestimmen.»</note> Auf eine Absage hin
                  bekräftigte <persName ref="kbga-actors-1154">Niedner</persName> dann in einem Brief vom <date when="1923-08-15">15. August</date> dringend die Bitte um einen
                     Vortrag<note xml:id="n16"><ref type="kba-objects-id" target="12284">Original im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel. «Ihre
                     freundliche Antwort auf meinen Brief war für uns ein schwererer Schlag, als Sie
                     wohl ahnen konnten. Wenn es sicher richtig ist, daß gerade für Sie,
                     hochverehrter Herr Professor, ein Vortrag eine ganz andere Bedeutung hat als
                     für irgend einen Redner sonst in der Regel, so darf ich Sie aber auch
                     versichern, daß gerade auch für uns Ihr Vortrag ohne Zweifel von eminenter,
                     innerer Bedeutung werden würde.»</note>, der <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann entsprach<note xml:id="n17">Vgl. Brief <persName ref="kbga-actors-1154">Niedners</persName> vom <date when="1923-10-28">28.10.1923</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> (<ref type="kba-objects-id" target="12357">Original
                     im Karl Barth-Archiv</ref>, Basel): «Empfangen Sie unsern allerherzlichsten Dank für
                     Ihre gütige Zuschrift und Zusage …»</note>. Er wiederholte – in leicht
                  überarbeiteter Fassung - seinen Lübecker Vortrag am Freitag, den <date when="1924-02-22">22. Februar 1924</date>,
                  abends um 8 Uhr im Auditorium Maximum der Universität <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>, das «gestoßen voll
                     Menschen»<note xml:id="n18"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p232#p232">S. 232</ref> (4.3.1924).</bibl> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Bericht über seinen Aufenthalt in Leipzig
                           a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p232#p232">S. 232–234</ref>.</bibl></note> war.<note xml:id="n19"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag war der letzte in einer Reihe von
                     vieren unter dem Thema «Die evangelische Kirche in der Krisis der Gegenwart».
                     Nach dem als Postkarte gedruckten Programm (ein <ref type="kba-objects-id">Expl. im Karl Barth-Archiv</ref>,
                     Basel) waren dem Vortrag <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> vorausgegangen: am <date when="1924-01-11">11.1.</date> Prof. <persName ref="kbga-actors-337">Franz Rendtorff</persName> (<placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>) über «Was hat der
                     Kirche in ihrer gegenwärtigen Lage Luther zu sagen?»; am <date when="1924-01-25">25.1.</date> Prof. <persName ref="kbga-actors-2803">Heinrich Boehmer</persName> (<placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>) über «Die
                     Laienbewegung in der kath. Kirche der Gegenwart und die evangelische Kirche»;
                     am <date when="1924-02-08">8.2.</date> Oberkirchenrat und Stadtsuperintendent <persName ref="kbga-actors-4001">A. Cordes</persName> (<placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>) über «Die lutherischen Kirchen Nordamerikas und wir».</note>
               </p>
          <p>Nach Bekanntwerden der Zusage <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> für <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> hatte Pfarrer <persName ref="kbga-actors-1">Karl Aé</persName><note xml:id="n20"><persName ref="kbga-actors-1">Karl Aé</persName> (1891–1952), 1920–1926 Pfarrer in Rodewisch (Vogtland), ab 1926
                     in Dresden, dort ab 1945 Superintendent.</note> sich an den
                  Referenten gewandt: «Ich bitte Sie, am Montag, <date when="1924-02-25">25. II.</date>, in unser etwas abgelegenes
                  Vogtland zu kommen und am Nachmittag auf der Pastoralkonferenz in Auerbach zu
                     sprechen.»<note xml:id="n21">Brief vom <date when="1924-01-31">31.1.1924</date> (<ref type="kba-objects-id" target="12502">Original im Karl
                     Barth-Archiv</ref>, Basel).</note> Dazu kam es jedoch nicht. Stattdessen waren
                     <persName ref="kbga-actors-1">Aé</persName> und <persName ref="kbga-actors-115">Karl Fischer</persName><note xml:id="n22"><persName ref="kbga-actors-115">Karl
                        Fischer</persName> (1895–1941), Pfarrer in Lauenstein
                     (Erzgebirge), später in Dresden, wurde zum Führer der <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekennenden Kirche</orgName> in Sachsen.</note> nach <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> «vom Lande herbeigeeilt an der Spitze einer
                  kleinen Hundertschaft <pb xml:id="p311" ed="pga"/> entschlossener Anhänger»<note xml:id="n23"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p233#p233">S. 233</ref>.</bibl></note>. Mit diesen traf sich
                  <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann am folgenden Morgen «in einem christlichen Lokal»<note xml:id="n24"><bibl corresp="kbga-bibls-932"><ref type="pub-" target="4085">Ebd.</ref></bibl></note> zum Gespräch. Nach einem Besuch bei Landesbischof <persName ref="kbga-actors-1062">Ihmels</persName><note xml:id="n25">
                                <persName ref="kbga-actors-1062">Ludwig Ihmels</persName> (1858–1933),
                     Professor für Systematische Theologie in Erlangen und (seit 1902)
                     in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>, seit 1922 Landesbischof von Sachsen mit Sitz in
                     Dresden.</note> fand dann nachmittags noch eine weitere, von der Fachschaft der
                  Theologiestudierenden an der Universität <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> erbetene<note xml:id="n26"><persName ref="kbga-actors-4056">Karl Hennig</persName>, derzeitiger
                     Vorsitzender des Theologischen Fachschaftsausschusses an der Universität
                     Leipzig, hatte sich mit einem entsprechenden Schreiben am
                        <date when="1924-01-27">27.1.1924</date> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gewandt (<ref type="kba-objects-id" target="12497">Original im Karl Barth-Archiv</ref>,
                     Basel).</note> Aussprache statt «besonders für Studenten, aber auch mit
                  Pfarrern, bei der ich nochmals drei Stunden lang reden mußte ‹über Alles›… Es war
                  ein wahres Kreuzfeuer: Liberale, <orgName ref="kbga-actors-5247">D. C. S. V.</orgName>-Pietisten, Kirchliche, <persName ref="kbga-actors-286">Joh. Müller</persName>-Leute, die unvermeidliche
                  Jugendbewegung – Widersprecher, Unschlüssige, eifrige Neubekehrte, alle mußten
                  begrüßt sein, so daß ich öfters die Pfeife neu anzünden mußte.»<note xml:id="n27"><bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p234#p234">S. 234</ref>.</bibl></note></p>
          <p rend="margin-top">Der Vortrag «Die Kirche und die Offenbarung» war von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
                     ursprünglich zur Veröffentlichung in «Zwischen den Zeiten» vorgesehen und
                     offenbar vom Schriftleiter <persName ref="kbga-actors-275">Georg
                        Merz</persName> als Beitrag auch erwartet worden. Bereits vor der
                     Wiederholung in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> hatte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> jedoch die Möglichkeit erwogen, davon
                     Abstand zu nehmen: «Wenn er[= der Vortrag] mir nur nicht bis dahin verleidet
                     ist und unserm <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName> doch noch
                     vorenthalten werden muß.»<note xml:id="n28"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/04/p209#p209">S. 209</ref> (20.12.1923).</bibl></note> Am <date when="1924-04-20">20. April 1924</date> erwähnte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> dann gegenüber <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName> seine Arbeit an der Druckfassung «unter Verwünschungen
                     gegen <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> und seine laut
                     Prospekt in allen Himmelsgegenden so überaus beliebte Zeitung; denn der Vortrag
                     gefällt mir gar nicht und die Anmerkung <persName ref="kbga-actors-184">Hirschs</persName>, ich sollte nicht Alles drucken lassen, wird diesmal
                     sehr am Platze sein … Das verflixte Schreiben um der Zeitschrift willen dient
                     jedenfalls nicht zum Frieden, ist weltlich durch und durch.»<note xml:id="n29"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="4088">S. 243f.</ref></bibl></note>
                        <persName ref="kbga-actors-275">Merz</persName> hat dann offenbar auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Beitrag verzichtet. Am <date when="1924-05-18">18. Mai</date>
                     schreibt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> in einem Rundbrief: «Nach <placeName ref="kbga-places-43"><hi rend="text-recte">München</hi></placeName>: Lieber <pb xml:id="p312" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-275">Georg</persName>! Ich bin wie erlöst, seit du den mir so
                     widrig gewordenen Vortrag nicht mehr von mir forderst.»<note xml:id="n30"><bibl corresp="kbga-bibls-932">A.a.O., <ref type="pub-" target="4091#p254">S. 254</ref>.</bibl></note>
               </p>
          <p rend="margin-top">Der Befund an dem im Karl Barth-Archiv vorhandenen Manuskript spiegelt die
                  Entstehungsgeschichte wider. Es liegen vor:</p>
          <p>1. Ein mit Tinte geschriebenes, nicht in die Paginierung
                     einbezogenes Thesenpapier mit der Überschrift <ref type="kba-objects-id" target="466"><hi rend="text-recte">«Die Kirche und die Offenbarung</hi> (Inhaltsübersicht)»</ref>, im folgenden an der Spitze des Vortrags abgedruckt.</p>
          <p>2. Ein 30 Seiten langes, mit Tinte geschriebenes <ref type="kba-objects-id" target="467">Manuskript mit der
                     Überschrift <hi rend="text-recte">«Die Kirche und die Offenbarung.</hi></ref> Lübeck <choice><sic ed="pga"><date when="1923-11-20">20. Nov. 1923</date>»</sic><corr>30. Nov. 1923</corr></choice>. Dieses Manuskript enthält Unterstreichungen mit Tinte – im Druck durch
                     Kursivsatz wiedergegeben – sowie zahlreiche weitere Unterstreichungen mit
                     Bleistift, offensichtlich zur Erleichterung des mündlichen Vortrags, die im
                     Druck vernachlässigt werden. Ferner enthält es am Rand eine größere Anzahl von
                     Textzusätzen, ebenfalls mit Bleistift geschrieben. Diese sind im Druck in den
                     Text eingefügt, aber durch Anmerkungen als Zusätze kenntlich gemacht. Man
                     könnte vermuten, daß diese Bleistiftzusätze <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Überarbeitung des Lübecker
                     Manuskripts für die Wiederholung des Vortrags in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> (und schon in
                     <placeName ref="kbga-places-27">Göttingen</placeName>?) dokumentieren, daß er also das Manuskript beim ersten Male ohne
                     diese Zusätze, beim (zweiten und) dritten Male mit ihnen vorgetragen
                  hat.</p>
          <p>3. Eine Manuskript-Reinschrift mit der offensichtlich für die
                     geplante Veröffentlichung bestimmten, über vier Zeilen verteilten
                     Überschrift <ref type="kba-objects-id" target="468"><hi rend="text-recte">«Die Kirche und die Offenbarung.</hi> Vortrag,</ref> gehalten in <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName>
                  und <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> von <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>». Dieses Manuskript bricht in der Mitte des 6. Blattes
                  ab. Der Text entspricht dem des Erstmanuskriptes bis zu dessen S. 8 oben. Die
                  Differenzen zwischen dieser Fassung und der ursprünglichen sind die folgenden: a) Die Bleistiftnachträge sind in den fortlaufenden Text eingearbeitet. b) Der Text
                  ist stilistisch überarbeitet. c) Der einleitende Abschnitt mit den Bezugnahmen auf
                  den in <placeName ref="kbga-places-255">Lübeck</placeName> vorausgegangenen Vortrag von <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> ist weggelassen. (Diese Streichung erklärt den
                  geringeren Umfang der zweiten Niederschrift.) Es handelt sich bei diesem
                  Manuskript-Fragment offensichtlich um die im <date when="1924-04">April 1924</date> begonnene Ausarbeitung für
                  den Druck in <orgName ref="kbga-actors-6169">ZZ</orgName>.</p>
          <p>Die folgende Wiedergabe bietet die beiden Fassungen der Einleitung <pb xml:id="p313" ed="pga"/> zweispaltig: links die ursprüngliche Version, rechts
                  die der Reinschrift. Von der Stelle an, wo der zweispaltige Druck in normales
                  Schriftbild übergeht, stimmen Erst- und Reinschrift im wesentlichen überein. Der
                  Abdruck folgt der Reinschrift bis zu deren Ende (bei <ref target="#n44"><ref type="pub" target="#fn_n44">Anm. 44</ref></ref>). Nennenswerte Differenzen sind in den Anmerkungen notiert.</p>
          <p>Vom Hrsg. eingeführte Absätze sind mit einem senkrechten Strich (|)
                  gekennzeichnet.</p>
        </div>
      </div>
        <div>
         <head>Die Kirche und die Offenbarung</head>
          <head>(Inhaltsübersicht)</head>
          <p>
            <list type="ordered">
              <item n="1"> Kann die christliche Kirche, als Erzeugnis des religiösen Erlebens
                        der Menschen aufgefaßt, wirkliche <hi rend="italic">Gemeinschaft</hi>, d. h.
                        Gemeinschaft in der <hi rend="italic">Wahrheit</hi> sein?</item>
              <item n="2"> Vermag sie, in derselben Bedeutung verstanden, zu <hi rend="italic">erbauen</hi>, d. h. Trägerin eines prophetischen Wortes an die <hi rend="italic">Zeit</hi> zu sein?</item>
              <item n="3"> Die Verneinung dieser Fragen <hi rend="italic">kann</hi> den Sinn
                        haben, daß der religiöse Mensch <hi rend="italic">als solcher</hi> sich unter das
                        Gericht <hi rend="italic">Gottes</hi> stellt.</item>
              <item n="4"> Die Verneinung dieser Fragen wäre dann identisch mit der Besinnung
                        auf die durch die <hi rend="italic">Taufe</hi> konstituierte Kirche.</item>
              <item n="5"> Diese, die wahre christliche Kirche ist die Gemeinschaft der <hi rend="italic">im Gericht Begnadigten</hi>. Ihr immer aufs neue zu erkennender
                        Grund ist nicht das religiöse Erleben der Menschen, sondern das <hi rend="italic">an</hi> die Menschen gerichtete göttliche Offenbarungswort.</item>
              <item n="6"> Dieser Grund der wahren christlichen Kirche ist grundsätzlich das
                           <hi rend="italic">Ende</hi> des christlichen Subjektivismus und die <hi rend="italic">Voraussetzung</hi> einer wirklichen christlichen
                        Prophetie.</item>
              <item n="7"> Aber die Erkenntnis des Gerichts, der Taufe, des göttlichen
                        Offenbarungswortes heißt <hi rend="italic">Glaube</hi>. Und der Glaube ist das
                        Werk des heiligen Geistes.</item></list></p>
          <table rend="100p">
            <row>
              <cell rend="width(50%)"> [ursprüngliches Vortragsmanuskript]</cell>
              <cell rend="width(50%)"> </cell>
            </row>
            <row>
              <cell> Bei der mir zuteil gewordenen freundlichen Einladung, hierher zu kommen,
                        bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß <pb rend="right" xml:id="p314" ed="pga"/> vor nicht langer Zeit Herr Dr. <hi rend="italic">
                                    <persName ref="kbga-actors-748">Friedrich Rittelmeyer</persName></hi> hier
                        gesprochen, tiefe Eindrücke hinterlassen, aber auch zu lebhaften
                        Auseinandersetzungen Anlaß gegeben habe. Darf ich gleich zu Beginn darauf
                        hinweisen, daß für mich ein <hi rend="italic">Zusammenhang</hi> zwischen jenen
                        Vorträgen und dem, was ich sagen möchte, <hi rend="italic">nicht</hi> besteht,
                        weder positiv noch negativ. Es ist mir im Einzelnen nicht bekannt, was Dr.
                           <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> hier gesprochen,
                        und ich habe auch über die Verhandlungen, die sich daran angeknüpft, keine
                        Übersicht. – Aber ich habe noch einen ernsthafteren Grund, mich neutral zu
                        halten. Aus dem, was ich <hi rend="italic">sonst</hi> von Dr. <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> gelesen und gehört habe,
                        vermute ich allgemein, daß er über <hi rend="italic">den Weg</hi> gesprochen hat,
                        den er der heutigen Christenheit unter eingehender Berücksichtigung der
                        Bedürfnisse und Wünsche des <hi rend="italic">modernen Menschen</hi><note xml:id="n31">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2092">
                                        <persName ref="kbga-actors-748">Fr. Rittelmeyer</persName>, <hi rend="italic">Die religiöse Krisis und die Anthroposophie</hi>, in: Die Drei. Monatsschrift für Anthroposophie,
                                    Dreigliederung und Goetheanismus, Jg. 1
                                    (1921/22), S. 889–904</bibl> (zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
                           Lektüre dieses Aufsatzes im <date when="1922-02">Februar 1922</date> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p052#p052">S. 52</ref></bibl>); <bibl corresp="kbga-bibls-2092">S. 897f.</bibl>: «Man kann nun gewiß
                           wünschen, die religiöse Verkündigung möchte durch sich selbst diese
                           Empfänglichkeit im Menschen wecken und bilden. Tatsache aber ist, daß die
                           religiöse Verkündigung in der Gegenwart bei den meisten Menschen einfach
                           diese Wirkung nicht mehr auszuüben vermag. Der Grund dafür könnte sein,
                           daß der starke Materialismus der Gegenwart gewisse innere Kräfte der
                           Seele schwach und schwächer macht, und daß der herrschende
                           Intellektualismus der Gegenwart, der sein Begleiter ist, diese inneren
                           Kräfte, wo sie sich etwa regen wollen, immer wieder unsicher macht. Gibt
                           es nun eine Erkenntnis des Menschen, die ihn die tieferen Kräfte der
                           Seele, an die sich auch die Religion wendet, in ihrem klaren, notwendigen
                           Zusammenhang mit seiner ganzen geistigen Organisation erkennen und
                           anerkennen lehrt, gibt es eine Erziehung des Menschen, die diese inneren
                           Kräfte zu neuer Entwicklung und Entfaltung bringt, dann würde davon ohne
                           Frage gerade auch die Religion den Gewinn haben. Eine solche Erkenntnis
                           und eine solche Erziehung will die Anthroposophie sein. Das ist ihre
                           Antwort auf die oben geschilderte Not: die Kraftlosigkeit der Religion
                           gegenüber dem modernen Leben.»</note>, auf Grund seiner eigenen, <pb rend="right" xml:id="p315" ed="pga"/> durch eine bestimmte seelische
                        Technik erlangten <hi rend="italic">höheren Erkenntnisse</hi><note xml:id="n32">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2092">
                                        a.a.O., S. 899</bibl>: «Je mehr anthroposophische Erkenntnis vorwärts
                           schreitet, um so klarer ergibt sich, daß der Hintergrund dieser unserer
                           Sinnenwelt eine ungeheuer viel reichere, unerhört lebendige geistige Welt
                           ist. Aus dieser geistigen Welt stammt alles, was unsere Augen schauen.
                           Aus dieser geistigen Welt stammt aber auch alles, was als Kunde von einer
                           höheren Welt in den Religionen lebt. Aus dieser geistigen Welt stammt
                           schließlich vor allem der Mensch selbst, der nicht nur <hi rend="italic">von</hi> der geistigen Welt, sondern auch <hi rend="italic">für</hi> die
                           geistige Welt geschaffen ist, und der durchaus alle Anlagen in sich
                           trägt, sich dieser geistigen Welt zu verbinden. Das ergibt nun freilich
                           eine ganz andere Begründung der Religion, als sie der Theologie der
                           letzten Jahrhunderte möglich war.» <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> spricht weiterhin von dem «höheren
                           Geistesreich», der «höhere[n] Geistesmitteilung Gottes selbst» (ebd.),
                           vom «neue[n] höhere[n] Menschtum» (S. 900); es «will und kann uns die
                           Anthroposophie hinaufleiten zu einem völlig wachen, klaren Schauen, das
                           von den Erkenntniskräften des Menschen zugleich voll durchschaut werden
                           kann, ja selbst erkannt wird als eine Wiedergeburt der menschlichen
                           Erkenntniskräfte auf einer höheren Stufe …» (S. 903). – Vgl. auch oben <ref type="pub" target="../volume/19/p153#fn_n39">S. 153, Anm. 39</ref>.</note> und an Hand der in seiner <hi rend="italic">
                                    Christengemeinschaft</hi> erprobten praktischen Vorschläge meint
                        empfehlen zu dürfen und zu müssen. Ich kann von dem allem nur sagen, daß das
                        jedenfalls <hi rend="italic">nicht mein</hi> Fall ist. Ich kann Ihnen in keiner
                        Weise in Aussicht stellen, daß meine Ausführungen dem modernen Menschen
                        besonders weit entgegenkommen werden. Ich bin ferner leider nicht im Besitz
                        von irgendwelchen höheren Erkenntnissen. Ich habe fer<pb rend="right" xml:id="p316" ed="pga" break="no"/>ner keine Christengemeinschaft hinter
                        mir und keinerlei praktische Vorschläge in Bereitschaft. Endlich habe ich
                        überhaupt nicht die Absicht, einen Weg zu empfehlen, sondern bestenfalls
                        die, eine Wahrheit auszusprechen, die ebensogut für wie gegen <persName ref="kbga-actors-748">Rittelmeyer</persName> wie für oder gegen mich und
                        uns alle redet. Von mir aus gesehen sind heute und damals zwei Kreise, die
                        sich nicht schneiden. Daß es für Sie, wenn die damals empfangenen Eindrücke
                        und entstandenen Gespräche ernsthaft waren, anders sein muß, ist wohl
                        selbstverständlich. Aber erwarten Sie von mir nichts anderes, als daß ich,
                        ohne Ihnen das Geschäft der Vergleichung zu erleichtern, meinen eigenen
                        Faden spinnen werde. </cell>
              <cell/>
            </row>
            <row>
              <cell/>
              <cell>[fragmentarische Reinschrift]</cell>
            </row>
            <row>
              <cell>I</cell>
              <cell>[I]</cell>
            </row>
            <row>
              <cell> «Meinen eigenen Faden spinnen werde» – <hi rend="italic">kein</hi> guter
                        Ausdruck, <hi rend="italic">gar</hi> nicht passend zu dem, was ich heute sagen
                        oder vielmehr gesagt sein lassen möchte. Aber leider sehr passend zu der
                        allgemeinen Lage der Kirche oder dessen, was heute so heißt. Dieser
                        allgemeinen Lage kann ich mich so wenig entziehen wie sonst jemand: Wer
                        heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der <pb rend="right" xml:id="p317" ed="pga"/> steht unter dem Gericht des Wortes: «Einen
                        jeglichen dünken seine Wege rein» [<ref type="can" subtype="bible" target="Spr.16.2">Spr. 16,2</ref>]! <hi rend="italic">Seinen</hi> Faden
                        spinnt er, <hi rend="italic">sein</hi> Sprüchlein sagt er, <hi rend="italic">seine</hi> Fahne schwingt er, nach seinem eigenen Gefühl und nach
                        allgemeiner Erwartung, der Eine so, der Andere anders. Also wieder Einer!,
                        muß man doch wohl bei der Ankündigung jedes solchen Vortrages wie des
                        heutigen im Stillen seufzen. Wieder einer von den Rednern und Schreibern,
                        deren Namen augenblicklich durch die christlich interessierten Journale
                        gehen; vor zwanzig Jahren waren es Andere, und vielleicht schon in zehn oder
                        fünf Jahren werden es wieder ganz andere sein. Neue Parolen, neue
                        Bewegungen, neue Führer – wieviele sind ihrer schon gekommen und gegangen!
                        Steht nicht hinter jeder von diesen unheimlich rasch und zahlreich über die
                        Bühne gehenden großen und kleinen Wahrsagergestalten mehr oder weniger
                        vorsichtig unterdrückt und doch nicht zu verkennen der Anspruch: <hi rend="italic">Jetzt</hi> kommt’s! und <hi rend="italic">Ich</hi> hab’s!? Ist nicht
                        die Frage, von der sie, wo sie sich zeigen, umgeben sind, notwendig die: Was
                        wird er uns Seltsames, Neues, Eigenes, Selbsterlebtes oder -geschautes zu
                        bieten haben, oder wenigstens: in welcher neuen <hi rend="italic">Form</hi> das
                        Altbekannte,  in welcher
                        persönlichen <hi rend="italic">Prägung</hi> das Allgemeine, in welchem
                        originellen <hi rend="italic">Gang</hi> die gewohnten Gedanken? </cell>
              <cell> Wer heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der tritt
                        unvermeidlich in den Schatten des Wortes: «Einen jeglichen dünken <hi rend="italic">seine</hi> Wege rein». <hi rend="italic">Seinen</hi> Faden spinnt er,
                           <hi rend="italic">sein</hi> Sprüchlein sagt er, <hi rend="italic">seine</hi> Fahne
                        trägt er, der Eine diese, der Andere jene. So empfindet er den Vorgang
                        selber, so wird es auch von ihm erwartet. Die Gestalten der jeweils
                        auffallendsten christlichen Redner und Schreiber wechseln und mit ihnen die
                        Parolen und sog. «Bewegungen»; vor zwanzig Jahren waren es andere als heute,
                        und vielleicht schon in zehn oder fünf Jahren werden es wieder ganz andre
                        sein. Aber daß sie Diese und Jene sind, nicht die Vertreter <hi rend="italic">einer</hi> Sache, daß sie dieses und jenes vorbringen, das Ihrige,
                        Etwas, nicht das Eine, das scheinen sie alle fast hoffnungslos miteinander
                        gemein zu haben. Lebt nicht jeder von ihnen von der Dringlichkeit, dem Ernst
                        und Pathos <hi rend="italic">seiner</hi> «Schau», <hi rend="italic">seines</hi>
                        Anliegens? Ist er nicht wie selbstverständlich umgeben von der Frage, was er
                        etwa Neues, Originelles, Selbsterlebtes und -gedachtes zu bieten haben
                        möchte, oder in welcher neuen Form wenigstens das Altbekannte, in welcher
                        persönlichen Prägung das Allgemeine, in welchem eigenartigen Gang die
                        gewohnten Gedanken? Was würde aus ihm, wenn eines Tages durch ein göttliches
                        Straf- und <pb xml:id="p318" ed="pga"/> Reinigungswunder dieser ganze Glanz
                        des Neuen, Eigenen, Persönlichen von ihm abfallen, die anonyme «Stimme»
                        eines Predigers in der Wüste [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.3">Mt. 3,3</ref>] allein übrigbleiben würde? Ich schildere
                        meine eigene Situation in diesem Augenblick. </cell>
            </row>
          </table>
          <p>Aber ist das nicht das Licht, in das sich heute mehr oder weniger auch jeder <hi rend="italic">Pfarrer</hi> gesetzt sieht, ob er es will oder nicht, wenn er es nicht
                  etwa, was auch nicht selten ist, vorzieht, sich mit Emphase selber in dieses Licht
                  zu setzen? Was weiß und erwartet man von den Vertretern der Kirche, als daß eben
                  ein jeder je nach Persönlichkeit, Gabe, Einstellung und Geistesrichtung sich
                  selber sei und im besten Sinn sich selber darstelle? Und dem entspricht dann,
                  billigerweise in derselben Freiheit, die Stellung, die man <hi rend="italic">ihnen
                     gegenüber</hi> einnimmt. Kann oder will der christliche Redner nicht über
                  seinen eigenen Schatten springen, wie sollten es dann die Hörer etwa wollen oder
                  müssen?</p>
          <p>Eine Predigt oder ein Vortrag über ein christliches Thema bietet heute
                  normalerweise, wenn die außerordentlichsten Erwartungen von beiden Seiten in
                  Erfüllung gehen, das, was einst von der Kanzeltätigkeit 
                            <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName>
                         gerühmt wurde: «Die Anschauung
                  einer hoch begabten, durch und durch gebildeten Individualität in den Momenten
                  ihrer edelsten Lebensäußerung».<note xml:id="n33">
                            <persName ref="kbga-actors-2614">A. Sydow</persName> im Vorwort zu dem von ihm aus <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> handschriftlichem Nachlaß
                     und aus Nachschriften der Hörer hrsg. Band <bibl corresp="kbga-bibls-2093">
                                <persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Predigten in den Jahren 1789 bis 1810 gehalten</hi>, in: ders.,
                              <hi rend="italic">Sämmtliche Werke</hi>, 2. Abth., Bd. 7,
                              Berlin 1836, S. VIII</bibl>:
                     «Abgesehen von der Erbaulichkeit, mit welcher er [<persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>] die Überzeugungen und
                     Erfahrungen eines von dem Erlöser ganz ergriffenen Gemüths ausdeutete und für
                     das Leben fruchtbar zu machen verstand, gewährte er auch als Redner dem
                     empfänglichen Sinne noch einen andern, heutiges Tages so seltenen, geistigen
                     Genuß, nämlich die Anschauung …»</note> Wohl dem, der sich dann gerade <hi rend="italic">dieser</hi> Anschauung, <hi rend="italic">dieser</hi> Individualität freuen
                  kann, und wer dazu nicht in der Lage ist, nun, der möge sich nach einer anderen,
                  ihm besser zusagenden, nach Belieben umsehen. Die Tafel ist so reich gedeckt, daß
                  er irgendwo sicher auf seine Rechnung kommen wird.</p>
          <p>Muß <hi rend="italic">ich</hi> zu diesem Stand der Dinge in der Kirche erst das
                  Ausrufzeichen setzen, oder spreche ich nicht aus, was wir sicher alle gelegentlich
                     <pb xml:id="p319" ed="pga"/> schon gedacht haben, wenn ich sage: Von <hi rend="italic">Gott</hi> und <hi rend="italic">göttlichen</hi> Dingen reden und hören –
                  und jeder seinen <hi rend="italic">eigenen</hi> Faden spinnen, jeder in besten Treuen
                  sich <hi rend="italic">selbst</hi> produzieren, <hi rend="italic">sein</hi> Anliegen
                  vorbringen, oder, vom Standpunkt der Hörer aus betrachtet: Jeder <hi rend="italic">das</hi>, nein <hi rend="italic">den</hi> annehmen oder ablehnen, der ihn anspricht
                  – da kann doch wohl etwas nicht in Ordnung sein, und wenn der Mann <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hieße und die Zuhörerin
                  vielleicht <persName ref="kbga-actors-3969">Bettina von Arnim</persName>, die
                  andächtige, schlechthin ergriffene<note xml:id="n34">Über <persName ref="kbga-actors-3969">Bettina von Arnim</persName> als Predigthörerin
                        <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermachers</persName> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2094">
                                <persName ref="kbga-actors-2625">E. von Willich</persName>,
                              <hi rend="italic">Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines
                              Stiefsohnes</hi>, Berlin 1909, S. 127–135.</bibl></note>. In welchen Proportionen steht dieses Tun zu jenem Gegenstand? Wer erlaubt
                  uns, uns unter dem Dach der christlichen Kirche an Selbstdarstellungen zu
                  vergnügen, passiv oder aktiv? Wie kommen die Theologen dazu, die Öffentlichkeit
                  mit den Eruptionen ihres zufälligen Inwendigen zu behelligen? Sollte diese Methode
                  glaubwürdiger sein als die der altrömischen Haruspices, die das Material ihrer
                  Weissagungen den Eingeweiden geschlachteter Opfertiere zu entnehmen pflegten?<note xml:id="n35">Zu dem auf etruskische Einflüsse zurückgehenden Orakelkult der
                     Haruspices vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2095">
                                <persName ref="kbga-actors-717">C. von Orelli</persName>, <hi rend="italic">Allgemeine Religionsgeschichte</hi>, Bd. 2,
                              Bonn 1913<hi rend="sup">2</hi>, S. 269.</bibl></note>
               </p>
          <p>«Was wollt ihr Theologen eigentlich von uns und was sollen wir mit euch, wenn ihr
                  uns <hi rend="italic">das</hi>, wenn ihr uns nur von euch selbst erzählen wollt?»,
                  könnte ein ehrlicher Grobian uns ins Gesicht sagen, sicher im Namen Vieler, die es
                  sich längst zum Gewohnheitsrecht gemacht haben, alle Reden über die Religion<note xml:id="n36">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-1729">
                                <persName ref="kbga-actors-360">Fr. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren
                              Verächtern</hi> (1799), hrsg. von H.-J.
                              Rothert (PhB 255),
                              Hamburg
                           1958.</bibl></note> als unbeträchtliche Sache mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit links
                  liegen zu lassen. Aber der ehrliche Grobian ahnt nicht, daß die Unbeträchtlichkeit
                  dieser Sache ihn mehr angeht, als ihm lieb sein würde zu hören. Es geht wirklich
                  nicht, sie allein auf uns arme, an der Verlegenheit freilich nächstbeteiligte
                  Theologen zu schieben. Die Völker haben die Regierungen und die «Laien» haben die
                  Theologen, die sie verdienen.<note xml:id="n37">Vgl. das in einem Brief vom
                        <date from="1811-08-15" to="1811-08-27">15./27.8.1811</date> vom damaligen sardinischen Gesandten in St.
                     Petersburg, Graf <persName ref="kbga-actors-4103">Joseph de Maistre</persName>
                        (1754–1821), geprägte und berühmt gewordene Wort, das er im
                     Hinblick auf neue Gesetze des russischen Kaisers <persName ref="kbga-actors-3964">Alexander I.</persName> äußerte: «<foreign xml:lang="fre">Toute nation a le
                     gouvernement qu’elle mérite</foreign>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2096"><hi rend="italic">Lettres et Opuscules</hi>, Bd. 1, Paris 1851,
                           S. 215</bibl>).</note> Wir haben es, wenn das Beden<pb xml:id="p320" ed="pga" break="no"/>ken, das uns aufgestiegen ist, nicht
                  grundlos ist, mit einem Widerspruch, mit einer Not im innersten Wesen der heutigen
                  Kirche zu tun, in die wir – die Sachverständigen und das Publikum wissen es nicht
                  so recht wie – alle miteinander einmal oder allmählich hineingekommen sind, und
                  besser als gegenseitige Anklage dürfte der Versuch sein, sie zunächst einmal zu
                  überschauen und zu verstehen.</p>
          <p>Ist das Himmelreich unter uns – soviel an der Kirche liegt wenigstens – nicht
                  gleich dem Anzeigenteil einer Tageszeitung, in dem hier Einer seinen altbewährten
                  Kramladen, dort Einer sein neuerfundenes Universalmittel anpreist, hier Einer auf
                  die Aufmerksamkeit der Gebildeten und dort Einer (etwa mit Hilfe eines
                     Lutherfilms!)<note xml:id="n38">In der Erstfassung lediglich: «… und dort Einer
                     auf die Schaulust der Masse spekuliert …» Vgl. zu diesem Einschub <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
                     Rundbrief vom <date when="1924-03-04">4.3.1924</date> (<bibl corresp="kbga-bibls-932">Bw.Th. II, <ref type="pub-" target="../volume/04/p233#p233">S. 233</ref></bibl>), wo
                     er von seinem Vortragsaufenthalt in <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName> berichtet, daß dort «in denselbigen
                     Tagen ein <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>-Film unter dem
                     Jubel aller guten Christen von Läpzich [= <placeName ref="kbga-places-39">Leipzig</placeName>] rollte».</note> auf die
                  Schaulust des Pöbels spekuliert, während der ernste, weltfremde Amtsstil
                  behördlicher Bekanntmachungen verrät, daß auch das Objektive, allgemeingültige
                  Ansprüche und Verheißungen inmitten dieses Chaos wenigstens auf dem Papier stehen?
                  Ich denke, ich brauche das Gleichnis nicht zu deuten. Es gab Zeiten, da wurde im
                  Namen des Christentums gestritten, gebannt und verbrannt. Man hat diese Zeiten oft
                  beklagt, und wer wollte sie zurückwünschen? Aber das besondere Gericht, unter dem
                  die Kirche offenbar damals stand, darf uns nicht hindern, unseren Vätern zu Gute
                  zu rechnen, daß ihre Streit- und Verketzerungssucht aufs Engste zusammenhing mit
                  ihrer, wenn wir wollen, naiven Ansicht, daß es im Christentum nicht um beliebige
                  Inwendigkeiten, sondern um die Wahrheit, nicht um Diesen oder Jenen, sondern um
                  den Einen Gott gehe.</p>
          <p>Welche Meinung vom Christentum aber äußert sich darin, daß es heute eine von
                  Theologen und Laien mit friedfertigem Achselzucken hingenommene, ja mit den
                  verschiedensten hochchristlichen Argumenten beschönigte Selbstverständlichkeit
                  ist, daß man in einer Kirchgemeinde, in einem Pfarrkollegium, in einer
                  theologischen Fakultät, in einer Landeskirche alles Andere, nur keine
                  Wahrheitsgemeinschaft, nur keinen Tempel des Einen Gottes zu finden erwarten darf?
                  Doch nicht etwa die allerdings oft gehörte Meinung, daß unser moderner
                  Protestantismus eben innerlich so unerhört frei, reich und lebendig und nicht wie
                     <pb xml:id="p321" ed="pga"/> die katholische Kirche – Sie kennen das
                  Schlagwort, das nun kommt – ein «Friedhof» sei? Darf man vom Friedhof so
                  leichtfertig und geringschätzig reden, wenn man auch nur von ferne weiß, mit was
                  man es im Christentum zu tun hat? Geht es im Christentum, wie doch wohl auch wir
                  Protestanten meinen sollten, um <hi rend="italic">ewige</hi> Dinge, ist es dann nicht
                  allenfalls noch besser, die Kirche gleiche einem Friedhof als einem Jahrmarkt,
                  einer «Mustermesse» von Richtungen, Standpunkten und «edelsten Lebensäußerungen»,
                  von persönlich oder kollektiv vorgetragenen Heilsbotschaften von irgendwoher, von
                  unbefugt und unkontrolliert rumorenden, wichtigtuerisch in allerhand Fraktionen
                  und Fraktiönchen auseinanderlaufenden Gruppen und «Kreisen»? Will man aber
                  durchaus und mit protestantischer Begeisterung gerade diesen allgemeinen Jahrmarkt
                  haben, warum sieht dann nicht jeder Einzelne, der daselbst sein einzelnes Wesen
                  treibt, jeder Neuankömmling, der durch Aufrichtung einer weiteren eigenen Fahne
                  die Verwirrung und das Getöse noch vermehrt, wenigstens ein, daß er eben damit,
                  mit seinem <hi rend="italic">Sonder</hi>unternehmen und <hi rend="italic">Sonder</hi>anspruch, die Tatsache, daß es mit Christentum um ewige Dinge geht, in
                  Abrede stellt, und meinte er es noch gut und stünde der Name <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> selber auf seinem Fähnlein
                  geschrieben? Ist die Freiheit, die wir uns gegenseitig zubilligen, um sie vor
                  allem auch uns selbst zubilligen zu dürfen, die Freiheit, in christlichen Dingen
                  zu sagen und zu hören, was uns beliebt, nicht gleichbedeutend mit der
                  stillschweigenden Übereinkunft, daß wir auf die<note xml:id="n39">In der
                     Erstfassung: «… daß wir, mit <persName ref="kbga-actors-244">Lessing</persName>
                     dem Vater in die Linke fallend, jedenfalls auf die …» Vgl. dazu oben <ref type="pub" target="../volume/19/p120#fn_n51">S. 120,
                     Anm. 51</ref>.</note> Erkenntnis der Wahrheit, auf das Reden und Hören von Gott
                  verzichtet haben? Aber was wollen wir dann, wenn wir trotzdem noch immer die
                  Kirche wollen? Haben dann nicht die recht, die entrüstet nichts mehr sagen und
                  nichts mehr hören wollen, weil sie diesen Sachverhalt durchschaut haben? Müßte es
                  nicht einmal laut und offiziell ausgesprochen werden: die Kirche hat auf die
                  Wahrheit Gottes verzichtet!, damit Alle wüßten, wie sie mit dieser Einrichtung
                  dran sind?</p>
          <p>Ich muß noch einmal etwas zur Situation sagen: Ist das nicht eine Not für mich,
                  daß ich hier vor Ihnen stehe und ganz und gar nicht damit rechnen kann, ich sei
                  von der Erwartung umgeben: hier wird die Wahrheit Gottes geredet werden, nicht
                  etwa darum, weil ich dies und das er<pb xml:id="p322" ed="pga" break="no"/>lebt
                  und erarbeitet habe, beweisen, erklären und eindringlich sagen kann, sondern ganz
                  banal darum, weil von einem rechtmäßig berufenen Lehrer der christlichen Theologie
                  von Seiten christlicher Zuhörer etwas Anderes doch nicht erwartet werden kann, wer
                  er auch sei und wie gut oder schlecht er im Übrigen seine Sache machen möge!
                  Stattdessen ist jetzt Alles auf mein Denken und Reden gestellt, als ob es sich um
                  mich und meine Sache handelte und als ob das für die Güte dieser Sache nicht
                  höchst verdächtig wäre. Ist das nicht eine Not auch für Sie, daß die Möglichkeit
                  jener Voraussetzung Ihnen fast ungeheuerlich vorkommen muß, daß Sie mich, wenn Sie
                  klug sind, auch nur mit jener Reserve anhören können, die einem von den Vielen
                  gegenüber (und was kann ich anderes sein?) nur zu berechtigt ist, die aber doch
                  eigentlich unberechtigt, ja geradezu verboten sein müßte, wenn das Votum eines
                  christlichen Lehrers die Stimme der Kirche, die Stimme der Kirche die Stimme des
                  Christentums, die Stimme des Christentums die Stimme der Wahrheit Gottes sein
                  sollte? Und ist das nicht eine Not, daß <hi rend="italic">das</hi> das Verhältnis ist,
                  nicht nur zwischen Ihnen und mir, sondern, ich wiederhole: zwischen jedem Pfarrer
                  und seiner Gemeinde, zwischen jedem Kanzelredner und seinem Publikum, muß man
                  leider sagen? Ist das nicht eine Not, in diesen Zeiten äußerer und innerer
                  Bedrängnis doppelt schwer, daß wir – sehr im Gegensatz zu dem Geschlecht etwa, das
                  den dreißigjährigen Krieg erlebte<note xml:id="n40">Von hier an bis zu der Stelle
                     im folgenden Absatz, von dem an die beiden Fassungen wieder übereinstimmen,
                     lautet der Text der Erstfassung: «… – ganz allgemein heute eine Kirche haben,
                     die nur dem Namen nach <foreign xml:lang="grc">ecclesia</foreign> ist, d. h. zusammenberufen durch eine höhere
                     Stimme, in Wirklichkeit aber (daran können alle von konservativer Seite
                     vorgebrachten Klagen und durchgesetzten Präambeln selbstverständlich nichts
                     ändern) eine <foreign xml:lang="lat">libera societas</foreign>, wie einst die englischen Bahnbrecher dieses mod.
                     Gedankens sagten, ein freier Verein religiöser Produzenten und Konsumenten (und
                     das wirklich nicht erst seit gestern), gegründet auf jenes stillschweigende
                     Abkommen, daß eine allgemeingültige Wahrheit hier weder geboten noch erwartet
                     werde? Ohne Wahrheit gibt es keine Gemeinschaft. Was es heißt, wenn die
                     menschliche Gesellschaft nicht mehr Gemeinschaft ist, das beginnen wir heute
                     eben wieder zu begreifen. Es könnte aber sein, daß die Not der menschlichen
                     Gesellschaft mit der bewußten Not der Kirche enger zusammenhinge, als es auf
                     den ersten Blick aussieht. Und sollten es nur wir <hi rend="italic">Menschen</hi>,
                     wir heutigen Menschen sein, die unter dieser Lage allenfalls Not leiden, oder
                     sollte es nicht sein, daß durch die <hi rend="italic">Willkür</hi>, die ich als das
                     Merkmal dieser Lage bezeichnen möchte, einem viel Höheren Schaden, Gewalt und
                     Frevel angetan wird, nämlich eben jener allgemeingültigen Wahrheit, die
                     durchaus in der Kirche verkündigt und gehört sein möchte? Sollte der Schatten,
                     in dem heute …»</note> – die Kirche <hi rend="italic">nicht</hi> haben, die wirklich
                  eine <foreign xml:lang="grc">ecclesia</foreign> wäre, <pb xml:id="p323" ed="pga"/> zusammenberufen und
                  zusammengehalten als Gemeinschaft durch jene höhere Stimme, statt dessen – alle
                  durchgesetzten Präambeln<note xml:id="n41">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/19/p150#fn_n34">S. 150, Anm. 34</ref>.</note> und
                  anderen Fiktionen können daran nichts ändern – eine <foreign xml:lang="lat">libera societas</foreign><note xml:id="n42">Die protestantischen Independentisten <placeName ref="kbga-places-18">Englands</placeName> traten um die Wende
                     vom 16. zum 17. Jahrhundert ein für die Kirche als «Gemeinschaft von Gläubigen,
                     die durch einen freiwilligen Vertrag mit Gott sich unter den Gehorsam Gottes
                     und Christi begeben haben» (<bibl corresp="kbga-bibls-2097"><persName ref="kbga-actors-4192">H. Weingarten</persName>, <hi rend="italic">Die
                              Revolutionskirchen Englands. Ein Beitrag zur inneren Geschichte der
                              englischen Kirche und der Reformation</hi>,
                              Leipzig 1868, S. 21</bibl>).
                     Ihre Gemeindebildungen gründeten sich darum «auf die unbedingte Freiheit und
                     Berechtigung des Individuums». «Die Kirche scheint hier gänzlich von der
                     historischen Continuität losgerissen und als Neuschöpfung ihrer jedesmaligen
                     Mitglieder, die bei ihrem Zusammentreten ein Glaubensbekenntniss aufsetzen und
                     einen Covenant unterzeichnen» (S. 32). «In den so beschaffenen Gemeinden kann
                     von einem geistlichen Vorrechte nicht mehr die Rede sein, noch weniger von
                     einer Auctorität weltlicher Gewalten: bei der gleichen Erwählung und der
                     gleichen Gabe des lebendigen Glaubens giebt es in geistlichen Dingen nichts,
                     was Einer dem Anderen oder Allen vorschreiben dürfte. Dies der innere Grund
                     ihres unermüdlichen Eifers gegen jede Prärogative eines geistlichen Amtes;
                     jeder Unterschied zwischen Geistlichen und Laien ist aufgehoben. Nichts ist
                     häufiger bei den älteren Independenten, als ihre Polemik gegen das
                     ‹Pharisäerthum der Zeit›, die gelehrten und schulmäßig vorgebildeten Priester
                     der anderen Kirchen» (S. 28).</note>, einen freien Verein religiöser
                  Produzenten und Konsumenten, gegründet auf jene stillschweigende Übereinkunft, daß
                  der Anspruch allgemeingültiger Wahrheit in ihrer Sphäre als Anmaßung und Gefahr zu
                     <hi rend="italic">schweigen</hi> habe.</p>
          <p>Täuschen wir uns nicht: Eben dieser Anspruch allgemeingültiger Wahrheit, er allein
                  könnte überhaupt Gemeinschaft begründen. Leiden wir Menschen nicht darum Not, weil
                  jener Anspruch schweigen muß unter uns und weil damit dem Grund, aus dem wir
                  leben, Schaden, Gewalt und Frevel angetan ist? Oder sollte der Schatten, in dem
                  heute mit unserer Christlichkeit unsere ganze Menschlichkeit steht, nicht etwa
                  mindestens <hi rend="italic">auch</hi> der Schatten dieser gerade im Heiligtum
                  beharrlich und mit erhobener Hand verübten Majestätsbeleidigung sein?</p>
          <p>Ich möchte mit dem allem in einer ersten Form die <hi rend="italic">Frage</hi>
                  aufwerfen, die das eigentliche Thema meines Vortrags ist. Beachten Sie wohl: um
                  eine <hi rend="italic">Frage</hi> handelt es sich. Ich meine nicht, als
                  Tausendunderster im Be<pb xml:id="p324" ed="pga" break="no"/>sitz der rettenden
                     Panazee<note xml:id="n43">= Allheilmitte.</note> zu sein, die dem Wirrwarr ein
                  Ende bereiten würde, wenn man mir sie nur abnähme. Nicht eine Antwort besitze ich,
                  aber eine Frage bewegt mich, von der ich wohl möchte, daß sie Sie auch bewegen
                  würde: Was dann, wenn uns diese unsere heutige Kirche, dieses unser heutiges
                  Verhältnis zwischen christlichen Hörern und Rednern etwa eines Tages wirklich und
                  unausweichlich als Not, also gar nicht mehr wie dem 18. Jahrhundert, dessen Kinder
                  wir in christlicher Beziehung alle sind, als Licht, sondern als Finsternis,
                  Krankheit und Armut erscheinen sollte? Wo werden wir dann stehen, wenn wir eines
                  Tages dem ganzen Fädenspinnen, Pläneschmieden, Vorschlägemachen, Fahnenaufpflanzen
                  hoch- und weniger hochbegabter Individualitäten, das für die heutige Kirche (im
                  weitesten Sinn des Wortes) so charakteristisch ist, nicht nur mit jenem leisen,
                  heute schon empfundenen Mißtrauen gegenüberstehen, sondern Beide, die Redner und
                  die Hörer, an dem Sinn dieser Möglichkeit etwa <hi rend="italic">verzweifeln</hi>
                  sollten?</p>
        </div>
        <div>
          <head>II</head>
          <p>Lassen Sie mich diese Frage zunächst in einen größeren Zusammenhang stellen: Die
                  eben gezeichnete Verlegenheit ist, wenn ich recht sehe, nur der Ausdruck einer
                  Not, die viel tiefer und weiter greift. Es könnte ja sein, daß jenes bunte Chaos
                  von religiösen Eigenwilligkeiten sein verhältnismäßiges Recht hätte in der
                  subjektiven Wahrhaftigkeit, in der da tatsächlich geredet, und in der subjektiven
                  «Erbauung», die da tatsächlich - wer wollte das bestreiten? – gefunden wird, daß
                  das Licht, das bei solchem Mitteilen und Empfangen sichtbar wird, wenn es auch
                  nicht das ewige, göttliche Licht ist, doch als zeitliches, menschliches Licht
                  seinen guten Dienst tut und geradezu ausgelöscht zu werden darum doch nicht
                  verdient. Es könnte ja auch eine Kirche geben, die, vielleicht nicht eben in einem
                  klaren Verhältnis zum Christentum stehend, vielleicht ohne den ernstlichen
                  Anspruch darauf, eine Stätte der Wahrheit zu sein, dennoch ein recht erfreuliches,
                  für die Gesellschaft wertvolles, für unzählige Einzelne trost- und segensreiches
                  Institut sein könnte. Was hindert <pb xml:id="p325" ed="pga"/> schließlich, daß
                  ein jeder Vogel seine Melodie singt, wenn es nur eine gute, freundliche Melodie
                  ist?</p>
          <p>Das ist eine Voraussetzung, die man in der Tat machen <hi rend="italic">kann</hi>, und
                  da wir alle den bezeichneten Zustand ohne allzu ernstes Murren ertragen haben und
                  noch ertragen, scheinen wir diese Voraussetzung bewußt oder unbewußt wirklich
                  gemacht zu <hi rend="italic">haben</hi>. Es fragt sich, ob wir sie ruhigen Herzens und
                  Gewissens <hi rend="italic">fernerhin</hi> machen können. Sie könnte ja auch
                  erschüttert, diese Rückzugslinie uns abgeschnitten sein.<note xml:id="n44">Hier
                     endet die Reinschrift in der Mitte von Bogen 6; vgl. die <ref type="pub" target="../volume/19/p312#p312">Einleitung</ref>.</note>
               </p>
          <p>Was meinen wir denn damit, wenn wir ein religiöses Wort als erbaulich, wertvoll,
                  trost- und segensreich bezeichnen? Ein religiöses Wort, wie anspruchslos es auch
                  auftreten und entgegengenommen werden mag, ist auf alle Fälle ein Wort, das ein
                  überlegenes, ein letztes <hi rend="italic">Wissen</hi> auszudrücken scheint. Setzen wir
                  einmal voraus, daß dieses Wissen ein in Beziehung auf seinen göttlichen Gegenstand
                  begründetes und gesichertes Wissen sei. Dann muß es aber an dem Kriterium sich
                  messen lassen, ob es als <hi rend="italic">überlegenes</hi>, als wirklich religiöses
                  Wissen nicht nur ein Wissen um <hi rend="italic">Gott</hi>, sondern gleichzeitig und
                  ebenso begründet und gesichert ein Wissen um den <hi rend="italic">Menschen</hi> ist.
                  Wer wirklich weiß, was es um Gott ist, der muß ja auch wohl wissen, was es um den
                  Menschen ist. Was der Mensch, an den er sich mit seinem religiösen Wort wendet,
                  ist und nicht ist, tut und tun sollte, das muß so klar vor seinem inneren Auge
                  stehen wie das Wesen und Walten Gottes selber. Will er ihm von Gott reden, dann
                  muß er <hi rend="italic">ihn selbst</hi> anreden; darin muß es sich bewähren, daß er
                  ihm wirklich von Gott redet. Und in dieser <hi rend="italic">Bewährung</hi> dürfte dann
                  die <hi rend="italic">Erbaulichkeit</hi> eines religiösen Wortes bestehen.</p>
          <p>Oder ist es nicht so: wo uns von Gott und göttlichen Dingen geredet wird, da
                  horchen wir, wenn wir auch noch so oft enttäuscht wurden, mit einer gewissen
                  qualifizierten Aufmerksamkeit auf, nicht wegen des interessanten Themas, sondern
                  weil wir ohne besondere Erklärung verstehen: es könnte sein, daß da <hi rend="italic">wir selber</hi> angeredet werden. Das ist das immer wieder Einschlagende oder
                  doch Geheimnisvolle jeder Nennung des höchsten Namens, jedes religiösen Wortes
                  überhaupt, daß wir dabei sofort an den letzten Zusammenhang unserer Existenz
                  erinnert werden, daß dabei die Möglichkeit auftaucht, in diesen letzten
                  Zusammenhang unserer Existenz möchte durch das, was wir hören, Licht und Bewe<pb xml:id="p326" ed="pga" break="no"/>gung kommen. Der Mann da vorne, der Mann da
                  oben auf der Kanzel scheint etwas zu wissen, nicht von Ideen – und wäre es die
                  Gottesidee –, nicht von einem Hohen oder Höchsten, das uns aber vielleicht nichts
                  angeht, sondern von dem, was uns am nächsten angeht, von uns <hi rend="italic">selbst</hi>, von unserem Leben, und zwar von unserem <hi rend="italic">ganzen</hi>
                  Leben, wie es <hi rend="italic">ist</hi>, ohne die Trennung von Gedanken und Taten, von
                  Innerlichem und Äußerlichem, Seelischem und Leiblichem, Persönlichem und
                  Allgemeinem, so wie wir es eben tatsächlich leben, nicht vom Menschendasein an
                  sich, sondern von unserem Dasein hier in diesem Augenblick. Dieses unser Leben
                  scheint er zu kennen. Er sieht, deckt auf, beleuchtet, deutet, was da <hi rend="italic">ist</hi> in den Verwicklungen unserer täglichen Erfahrung, im Geschehen des
                  Tages, zu dem ebensogut das öffentliche wie das private wie das rein inwendige Tun
                  und Leiden der Menschen gehören kann. Er trifft uns, indem er uns das wahre, gute,
                  gerechte Wesen der Dinge zeigt und unseren Abfall und den Weg der Rückkehr und
                  Genesung. Er straft und belehrt und ermahnt uns, er erschreckt und demütigt uns,
                  und er gibt uns Hoffnung und klare Weisung – aber immer uns <hi rend="italic">selbst</hi>, immer so, daß wir nicht etwa ausweichen und auf ein anderes
                  Gebiet uns flüchten können, weil er uns gerade dort anredet, wo wir zu Hause sind,
                  ohne uns entschuldigen zu können: in unserer Sorge und unserem Zorn, in unserer
                  Mühsal und Ratlosigkeit oder Sicherheit und Begeisterung, in unserem Lieben und
                  Hassen, wie es wirklich <hi rend="italic">ist</hi> und <hi rend="italic">welchen</hi> Namen
                  es auch trage. Warum erwarten wir solches Erkannt- und Getroffen- und Bewegtwerden
                  von ihm? Darum, weil er den Namen des Höchsten genannt und uns damit spannungsvoll
                  vor die Möglichkeit eines höchst überlegenen, unser Woher? und Wohin?, unser Sein
                  und Sollen taghell klärenden Wortes gestellt hat<note xml:id="n45">Die Fortsetzung
                     des Satzes ist Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note>, eines Wortes, durch das
                  wir – und darauf warten wir – erkennen möchten, daß wir von Gott erkannt sind
                  [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.9">Gal. 4,9</ref>].</p>
          <p>Durch ein <hi rend="italic">solches</hi> Wort haben sich die Propheten Israels als
                  wirkliche Propheten <hi rend="italic">legitimiert</hi>. Und wir wissen recht gut, nur
                     <hi rend="italic">zu</hi> gut, daß das auch heute die einzig mögliche Legitimation
                  des religiösen Wortes wäre. Wo immer in all den verschiedenen Versuchen, von Gott
                  zu reden, ein ehrliches Bemühen ist, da ist es das Bemühen, die Rede über Gott zu
                  einer <hi rend="italic">Anrede</hi> an den <hi rend="italic">Menschen</hi> werden zu lassen.
                  Wo immer in dem vielen <pb xml:id="p327" ed="pga"/> Hören nach allen Seiten ein
                  aufrichtiges Verlangen ist, da ist es das Verlangen, <hi rend="italic">so</hi>, von <hi rend="italic">daher angeredet</hi> zu werden. Und wo immer man sich der Überzeugung
                  immer noch hingeben kann, daß solches Bemühen des religiösen Redners etwa von
                  Erfolg gekrönt sein, solches Verlangen des Hörers etwa auf seine Rechnung kommen
                  werde, wo man also wirklich im Ernst meint, etwas in diesem tiefen, realen Sinn
                  Erbauliches bieten und entgegennehmen, also ohne weiteres in die Fußstapfen der
                  Propheten und ihrer Hörer eintreten zu können, da mag denn in der Tat jene
                  Voraussetzung immer noch in Kraft stehen, da mag man sich auch durch die
                  alarmierende Tatsache des allgemeinen Durcheinanders der verschiedenen
                  Prophetenstimmen keine oder wenig Sorge erwachsen lassen.</p>
          <p>In der Tat, was braucht mich das zu bekümmern, solange ich als Redner überzeugt
                  bin, daß <hi rend="italic">meine</hi> Stimme wenigstens <hi rend="italic">fähig</hi> ist,
                  legitimierte Reden über Gott zu führen, oder als Hörer, daß <hi rend="italic">die</hi>
                  Stimme wenigstens, die <hi rend="italic">ich</hi> höre, legitimierterweise von Gott
                  redet? Aber eben <hi rend="italic">das fragt sich</hi>, ob irgend jemand, ob Redner
                  oder Hörer, heute <hi rend="italic">mit Recht</hi> dieser Überzeugung sein kann. Keine
                  Gewißheit des Ernstes, mit dem wir reden, oder der Erschütterung, die wir aus
                  solcher Rede empfangen, kein noch so großer Tiefsinn dessen, was wir sagen und
                  hören, darf uns hindern, mit jenem Kriterium sehr genau umzugehen. Ob wir vor ihm
                  bestehen, darüber müssen die Tatsachen entscheiden. Ist das, was heute von Gott
                  gesagt und gehört wird, gesagt und gehört werden <hi rend="italic">kann</hi>, – eine
                  Anrede an den wirklichen heutigen Menschen? Ist das, was der Mann da vorne oder da
                  oben auf der Kanzel sagt, glaubwürdig und ernsthaft in dem Sinn, daß er eben
                  tatsächlich <hi rend="italic">weiß</hi>, wie es um uns steht, <hi rend="italic">weiß</hi> um
                  unsere Schuld oder Rechtfertigung oder beides, <hi rend="italic">weiß</hi> um das Ende
                  oder den besseren Neuanfang, dem wir entgegengehen, <hi rend="italic">weiß</hi> um das
                  eigentliche Geschehen in der Tagesgeschichte, wie sie sinnbetörend, atemberaubend,
                  herzbeklemmend um uns her, nein mit uns selber spielt wie die Brandung mit Sand
                  und Muscheln? <hi rend="italic">Weiß</hi> er, woher sie kommt und wohin sie führt,
                  diese Tagesgeschichte, und <hi rend="italic">weiß</hi> er, was unsere ganz bestimmte
                  Stellung in ihr ist, was ihr Sinn ist, dem wir uns mit ganzer Liebe zuzukehren,
                  und ihr Unsinn, von dem wir uns mit ganzem Abscheu abzukehren haben? Was gilt mir
                  sein angebliches Wissen von Gott, wenn er das alles etwa nicht weiß oder nicht
                  mehr davon [weiß], als auch die Gottlosen wissen? Kennt er den Menschen, den
                  heutigen Menschen, <pb xml:id="p328" ed="pga"/> dessen Existenz nun einmal
                  rettungslos in diese Tagesgeschichte verwickelt, ja mit ihr eins<note xml:id="n46">Die Worte «ja mit ihr eins» sind Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> ist,
                  kennt er ihn also von außen <hi rend="italic">und</hi> von innen, von innen <hi rend="italic">und</hi> von außen, nicht als theoretisierender Zuschauer, nicht als
                     interessierter<note xml:id="n47">Die Worte «theoretisierender», «nicht als
                     interessierter» sind Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> Betrachter und
                  Analysator, nicht wie die Psychologen und Literaten ihn kennen, sondern so, wie er
                  ihn kennen muß als der, der es gewagt hat, ihm von <hi rend="italic">Gott</hi> zu
                  reden, also so, daß er im Falle ist, durch sein Wort für seine <hi rend="italic">Seele</hi> zu sorgen, wie sein schöner Titel lautet, so daß er ihn <hi rend="italic">begreift</hi>, nicht nur betastet, sondern begreift und eben damit <hi rend="italic">bewegt</hi>, bewegt zur Gerechtigkeit und zum Heil durch das Wissen
                  von Gott, durch die Klarheit: Gott kennt dich!, die<note xml:id="n48">Die Worte
                     «durch die Klarheit: Gott kennt dich!, die» sind Bleistiftnachtrag am
                     <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand. Statt ihrer im <ref corresp="D">Mskr.</ref> ursprünglich: «das».</note> er ihm mitteilt?
                  Ist sein Wort von Gott ein Wort zur Lage – und wie sollte ein Wort von Gott etwas
                  Anderes sein –, ist es (ich brauchte vorhin schon den Ausdruck) ein aufdeckendes
                  Wort, aufdeckend (wieder muß ich konkret werden) z. B., wo der große Fehler in der
                  Rechnung sitzt, dessen Opfer das deutsche Volk heute auf alle Fälle geworden
                     ist<note xml:id="n49">Unmittelbar aktuell waren damals die Folgen des
                     Versailler Friedensvertrages von <date when="1919">1919</date>. Die hohen
                     Reparationsforderungen der alliierten Siegermächte und die Auseinandersetzungen
                     um das <placeName ref="kbga-places-792">Ruhrgebiet</placeName> führten am Ende des Jahres <date when="1923">1923</date> zum Höchstpunkt
                     der Inflation in der deutschen Nachkriegszeit. Der Wert des Dollars betrug am
                     Jahresende <date when="1923">1923</date>, im Augenblick der Stabilisierung, 4,2 Billionen
                     Reichsmark. Ende <date when="1923-11">November 1923</date> kam mit der geplanten Erarbeitung
                     eines neuen Reparationsplanes («<persName ref="kbga-actors-4003">Dawes</persName>-Plan») eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen
                     und politischen Lage in greifbare Nähe.</note>: <hi rend="italic">wer</hi> hier
                  gesündigt hat und <hi rend="italic">inwiefern</hi> hier gesündigt worden ist und in <hi rend="italic">was</hi> heute Umkehr und Erneuerung bestehen müßte? Das ist’s, was
                  der von Gott angeredete deutsche Mensch der Gegenwart heute offenbar <hi rend="italic">hören</hi> müßte. 
                  Ist die Kirche in der Lage, es ihm zu <hi rend="italic">sagen?</hi><note xml:id="n50">Die letzten beiden Sätze sind Bleistiftnachtrag am
                     <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note>
                  <hi rend="italic">Getraut</hi> sich ihr Vertreter wirklich etwas zu sagen z. B. über
                  Recht und Unrecht im Kommunismus, über das Gottlose und Verheißungsvolle eines
                  Unternehmens wie des Völkerbundes<note xml:id="n51">Vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/19/p122#fn_n57">S. 122, Anm. 57</ref>.</note>, oder rückwärtsblickend, aber für die Gegenwart: über Wahrheit und
                  Irrtum bei der Bismarckschen
                  Reichsgründung? etwas zu sagen über die rätselhaften Masken, hinter denen sich
                  unsere ein<pb xml:id="p329" ed="pga" break="no"/>zelnen, scheinbar oder wirklich
                  führenden Zeitgenossen verbergen, über einen Mann wie <persName ref="kbga-actors-1177">Poincaré</persName><note xml:id="n52">
                            
                            <persName ref="kbga-actors-1177">Raymond Poincaré</persName> (1860–1934),
                        1913–1920 Staatspräsident, 1922–1924 (nochmals
                        1926–1929) Ministerpräsident Frankreichs. Als Vorsitzender der
                     Reparationskommission, die Deutschland einen vorsätzlichen Bruch der
                     Reparationsverpflichtungen gemäß dem Versailler Vertrag vorwarf, hatte er
                     maßgeblichen Anteil an der am <date when="1923-01-09">9.1.1923</date> vollzogenen Besetzung des
                     <placeName ref="kbga-places-792">Ruhrgebietes</placeName> durch französisch-belgische Armee-Einheiten. Die dortige
                     Bevölkerung reagierte mit einem «passiven Widerstand», der erst am
                        <date when="1923-09-26">26.9.1923</date> beendet wurde. In der bis zum <date when="1924-01">Januar
                           1924</date> – besonders von <persName ref="kbga-actors-1177">Poincarées</persName> Seite – heftig geführten
                     Auseinandersetzung um die Reparationsfrage zeichnete sich erst bei der
                     Einbeziehung amerikanischer Vertreter eine Lösung ab.</note> oder <persName ref="kbga-actors-1151">Mussolini</persName><note xml:id="n53">
                            
                                <persName ref="kbga-actors-1151">Benito Mussolini</persName> (1883–1945),
                     Hauptinitiator des italienischen Faschismus, hatte im Oktober 1922
                     26000 Anhänger zum «Marsch auf Rom» versammelt, womit die Übertragung der
                     Regierung auf faschistische Kreise erzwungen werden konnte. <persName ref="kbga-actors-1151">Mussolini</persName> wurde Präsident des
                     Ministerrates. Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten seiner Gesinnungsgenossen
                     an politischen Gegnern machten <date from="1923" to="1924">1923/24</date> immer wieder
                     Schlagzeilen.</note> oder <persName ref="kbga-actors-1267">Stinnes</persName><note xml:id="n54">
                            
                                <persName ref="kbga-actors-1267">Hugo
                        Stinnes</persName> (1870–1924), Großindustrieller, baute in der
                     Inflationszeit den Stinnes-Konzern
                     auf, dem Werke der Schiffahrts-, Papier-, Automobilindustrie u. a.  angehörten.
                     Seine Rolle zur Zeit der Ruhrbesetzung war gerade am Ende des Jahres
                        <date when="1923">1923</date> heftig umstritten (Ausnutzung der Inflation zu
                     Spekulationen, erstrebte Einführung einer längeren Arbeitszeit unter
                     französischem Militärschutz gegen den von den Gewerkschaften geforderten
                     Achtstundentag).</note>, wohlverstanden nicht was der erste beste Politiker je
                  nach seinem Parteistandpunkt auch darüber sagen könnte, sondern was er als einer,
                  der von Gott und göttlichen Dingen weiß, dazu sagen müßte? Und wahrhaftig, das
                  sind nicht Dinge, über die man sich das Urteil ebenso gut offen lassen kann,
                  sondern das Leben und was mehr ist als das Leben kann im heutigen <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> u.U.
                  davon abhängen, ob man in diesen Dingen das <hi rend="italic">rechte</hi> Urteil hat.
                     <hi rend="italic">Getraute</hi> er sich etwa mit seinem Wort nicht nur vor seine
                  gewohnten gläubigen oder doch geduldigen Zuhörer, sondern vor einen
                  verantwortlichen Staatsmann zu treten, wohlverstanden nicht in seiner Eigenschaft
                  als Vaterlands- oder Menschenfreund, nicht als Anhänger dieser politischen oder
                  jener wirtschaftlichen Doktrin, sondern in seiner Eigenschaft als Gottesredner,
                  als solcher, erbeten oder unerbeten zu raten, was von Gott aus zu seinem Tun und
                  Lassen im jetzigen geschichtlichen Augenblick zu raten ist? Kein Zweifel, daß die
                     <hi rend="italic">wirklichen</hi> Propheten gerade das getan und gerade damit ihre
                  Prophetie bewährt haben. <hi rend="italic">Glaubt</hi> er etwa im Besitz des Wortes des
                  Trostes, der Buße, der zurechthelfenden Liebe zu sein, des Wortes, das unser seit
                     <pb xml:id="p330" ed="pga"/> zehn Jahren so namenlos und immer wieder und von
                  allen Seiten betrogenes deutsches Volk trösten, das verlorene Vertrauen ihm wieder
                  schenken, aus der stumpfen Gelassenheit oder aus dem hellen Wahnwitz, in den es
                  heute zu versinken droht, es herausreißen könnte? Wer hier mit <hi rend="italic">Ja</hi> antworten kann, der mag mit Recht der Überzeugung sein, daß <hi rend="italic">sein</hi> Religionsunternehmen, <hi rend="italic">sein</hi> Versuch von
                  Gott zu reden, legitim sei. Ich übersehe nicht, wieviel guter, jedenfalls in der
                  Absicht herzlich <hi rend="italic">guter Wille</hi> da ist, solch ernsthaftes und
                  glaubwürdiges Reden von Gott als Anrede an den Menschen doch noch zu Stande zu
                  bringen und damit die in Frage stehende Legitimation sich zu erwerben, wieviel <hi rend="italic">Bereitschaft</hi> auch, gerade einem solchen, dem allein möglichen
                  Reden von Gott Gehör zu schenken. Es fehlt uns wirklich auch heute nicht an
                  christlichen Beratern, Beurteilern, Bußpredigern, Priestern, Zur-Lage-Rednern
                  aller Art, und es fehlt ihnen nicht an einem dankbaren Publikum.</p>
          <p>Aber nicht wahr, wir wissen ja, was wir zu halten haben von der Vollmacht und
                  Sendung gerade der Lautesten unter denen, die wir diesen Prophetenweg antreten
                  sehen, als ob der Herr sie gesandt hätte. Geht es uns mit ihren Gerichts- und
                  Heilsweissagungen, mit ihren Anklagen und Wegweisungen nicht wie Hiob mit denen
                  seiner Freunde: «Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und
                  [ich] habe es verstanden. Was ihr wisset, das weiß ich auch und bin nicht geringer
                  denn ihr. Doch wollte ich gern zu dem <hi rend="italic">Allmächtigen</hi> reden und
                  wollte gerne mit Gott rechten. Aber ihr deutet es fälschlich und seid alle unnütze
                  Ärzte. Wollte Gott, ihr schwieget, so wäret ihr weise» [<ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.13.1 Hiob.13.5">Hi. 13,1–5</ref>]. Ist es
                  nicht so weit, daß wir uns diejenigen loben, die, verzichtend auf jene Bewährung,
                  mit aller <hi rend="italic">Lebens</hi>wahrheit und <hi rend="italic">Tages</hi>weisheit uns
                  verschonen, weil sie so weit sind, sich einzugestehen, daß sie Lebens<hi rend="italic">wahrheit</hi>, Tages<hi rend="italic">weisheit</hi> uns ja doch nicht mitzuteilen
                  haben? Danken wir nicht Gott, heute mehr als je, für Jeden, der uns so in
                  Ermangelung eines Besseren wenigstens mit seinem Dilettantismus in Allem, was über
                  die sog. «religiöse Sphäre» hinausgeht, in Frieden läßt? Aber wenn dem so ist, wo
                  bleibt dann unsere Überzeugung, daß wir doch auch heute in der Lage seien,
                  wirkliche, wertvolle, erbauliche religiöse Worte zu reden und zu hören? Was ist es
                  mit dem Gott, von dem nach dem Urteil gerade der Echtesten, Einsichtigsten,
                  Ernsthaftesten nur in der «religiösen Sphäre» die Rede sein kann? Sollte die auf
                  den engsten Kreis sich be<pb xml:id="p331" ed="pga" break="no"/>schränkende
                  Prophetie auch nur dort glaubwürdig sein? Eben darum, weil sie so klug war zu
                  verzichten auf das, was doch, wo von Gott die Rede ist, unbedingt geschehen müßte?
                  Sind wir dann nicht doch wieder dort, wo die Anrede an den <hi rend="italic">Menschen
                     unterbleibt?</hi> Ist damit nicht zugestanden, daß diese Prophetie auf die
                  entscheidende Frage: «Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir denn nun <hi rend="italic">tun?</hi>» [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.37">Act. 2,37</ref>] <hi rend="italic">keine</hi> Antwort hat? Ihre Träger wissen gerade in <hi rend="italic">der</hi> Sache, in der sie von brennender Erwartung umgeben sind, so
                  wenig Bescheid wie sonst jemand. Sollten sie dann wirklich um Gott Bescheid
                  wissen? Sollte diese Prophetie dann nicht <hi rend="italic">un</hi>echt sein auch in
                  diesem ihrem Schlupfwinkel, wo es sich überdies – dies ist wohl zu bedenken –
                  nicht um das Kleinere, sondern um das Größere handelt? Kann man sich dann
                  sonstwie, als Redner oder Hörer, dieser Sache freuen? Oder steht nicht Alles in
                  der Luft, sobald es einmal heraus ist, das Geheimnis, daß gerade ein <hi rend="italic">überlegenes</hi> Reden, ein Reden von <hi rend="italic">Gott</hi> her in das
                  Zentrum des menschlichen <hi rend="italic">Lebens</hi> hinein hier doch nicht im Ernst
                  in Betracht kommen kann? Ist eine Kirche nicht erledigt, die (N. B. wenn sie klug ist!) in dem Augenblick schweigt, wo sie reden
                     müßte?<note xml:id="n55">Dieser Satz ist Bleistiftnachtrag am
                     <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> Gibt es dann, wenn dieser Verzicht etwa als unumgänglich
                  erkannt sein sollte, aufrichtig gesagt, nicht andere, anspruchslosere, aber
                  erfreulichere Reden als alle Reden über die Religion? Wollen wir dann nicht lieber
                  hören, was «der Dichter spricht» oder ein erfahrener Arzt, Nationalökonom oder
                  Erzieher, oder ein kundiger Psychologe oder Historiker? Gewiß, da befinden wir uns
                  dann mitten in der Welt, jedesmal mitten in einem kleinen Teilgebiet der Welt
                  sogar nur, und je genauer uns darüber Bescheid gesagt wird, je mehr praktische
                  Winke wir empfangen, um uns darin zurechtzufinden, desto deutlicher sehen wir im
                  Hintergrund wohl überall das große Rätsel unseres Daseins, die Frage nach unserer
                  Existenz und ihrem Zusammenhang. Aber ein Rätsel, das als solches groß und ernst
                  dasteht, nicht als <hi rend="italic">Auflösung</hi>, von der sich hinterdrein erweist,
                  daß sie doch keine ist! Es <hi rend="italic">unterbleibt</hi> dann doch
                  konsequenterweise auch das so verheißungsvolle und doch immer wieder täuschende
                  Blendwerk mit dem höchsten Namen. Das ist’s, was uns alles <hi rend="italic">profane</hi> Reden, wenn es nur sachlich ist, so viel glaubwürdiger erscheinen
                  läßt als alles, fast alles fromme. Daher der müde Wunsch, den man heute von den
                  verschiedensten Seiten und <pb xml:id="p332" ed="pga"/> wirklich nicht <hi rend="italic">nur</hi> von Uneinsichtigen hören kann, man möchte doch alles Reden
                  von Gott bis auf weiteres einstellen. Einstellen – weil man weithin, wenn ich
                  nicht irre, bis tief in die christlichen Kreise hinein, die Empfindung hat, daß
                  die ganze Religionsunternehmung sich auf einem Sackgeleise befinde. Bis auf
                  weiteres – ich weiß nicht, ob man damit die Hoffnung ausdrücken will, es möchte
                  sich die Lage in einigen Jahren oder Jahrzehnten verbessern, so daß dann wieder in
                  Ehren gesagt werden dürfe, was heute so aussichtslos sei. Jedenfalls: dieser
                  Wunsch ist da, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er dem freien Verein
                  religiöser Produzenten und Konsumenten noch einmal in viel krasserer Form
                  entgegentreten könnte, als dies heute schon geschieht.</p>
          <p>Wieder bin ich damit bei meiner <hi rend="italic">Frage</hi> angelangt, wiederum mit
                  der ausdrücklichen Warnung vor der Meinung, als werde ich die tröstliche Antwort
                  nachher schon noch irgendwie geben können. Nein, ich weiß keinen Weg, wie wir zu
                  der prophetischen, d. h. zu der das Leben begreifenden, den Menschen treffenden,
                  die Zeit deutenden und eben dadurch legitimierten religiösen Rede wieder kommen
                  können. Meine Frage ist wirklich eine Frage, und sie lautet, nun allgemeiner: Was
                  dann, wenn uns allen die Augen aufgehen sollten nicht nur für die Sinnlosigkeit
                  jener Willkür, mit der jeder seinen Faden spinnt in der Kirche, sondern nun auch
                  für die tiefer liegende Aussichtslosigkeit, hier <hi rend="italic">überhaupt</hi> etwas
                  zu <hi rend="italic">wollen</hi>, für die Unmöglichkeit des Unternehmens religiöser
                  Rede überhaupt, für die Schranke, die dem Menschen dadurch gesetzt scheint, daß er
                  wohl sachlich, ordentlich und glaubwürdig zu reden weiß über Sozialfürsorge,
                  Landerziehungsheime und Alkoholfrage, noch besser wohl über <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> zur Zeit
                     <persName ref="kbga-actors-4079">Karls des Großen</persName>, über <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Jugendzeit oder über <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> letzte Lebensjahre und am besten
                  sicher über Anilinverfahren, Segelflugversuche und Tibetreisen – über <hi rend="italic">Gott</hi> aber, d. h. über die Auflösung des Rätsels, das hinter dem allem
                  steht, nur unsachlich, nur dilettantisch, nur advokatorisch vorspiegelnd? Wo
                  stehen wir dann, wenn es uns etwa klar werden sollte, daß diese Einsicht nicht nur
                  der zufällige Sinn unserer heutigen Lage ist, keineswegs ein Stück deutscher
                  Nachkriegspsychose, wie ich vor einiger Zeit aus <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> zu hören bekommen
                     habe<note xml:id="n56">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2098">
                                <persName ref="kbga-actors-1276">H. Strohl</persName>, <hi rend="italic">
                                    Marcion: L’Evangile du Dieu
                              étranger</hi>, in: 
                                    Revue d’Histoire et de
                              Philosophie religieuses, Jg. 3 (1923), S. 166</bibl>, der sich für dieses Urteil beruft auf <bibl corresp="kbga-bibls-1699">
                                <persName ref="kbga-actors-120">E.
                           Foerster</persName>, <hi rend="italic">Marcionitisches Christentum. Der
                              Glaube an den Schöpfergott und der Glaube an den Erlösergott</hi>,
                           in: CW, Jg. 35 (1921), Sp. 809–827</bibl>, bes. Sp. 817.</note>, sondern nur das Akut <pb xml:id="p333" ed="pga"/> werden einer höchst allgemeinen Krankheit, daß es noch
                  nie und nirgends einem Menschen gelungen ist, ein Gottesredner zu <hi rend="italic">werden</hi>, daß noch Keiner, der ein Prophet, und wäre es auch ein kleiner,
                     <hi rend="italic">sein wollte</hi>, es wirklich gewesen ist, daß das <hi rend="italic">Unternehmen</hi>, das kühne Unternehmen als solches, vor Andere hinzutreten
                  und ihnen von Gott aus «wahr sagen» zu wollen, <hi rend="italic">unmöglich</hi> ist und
                  damit natürlich auch das Unternehmen, das Entsprechende <hi rend="italic">hören</hi> zu
                  wollen, unmöglich, weil gegenstandslos, m.e. W. das Unternehmen religiöser
                  Gemeinschaft auf Grund eines gemeinsamen religiösen Besitzes? Was dann, frage ich,
                  wenn mit der Illusion des <hi rend="italic">Gemeinsamen</hi> auch die Illusion des <hi rend="italic">Besitzes</hi> sich vor einer eindringenden Besinnung nicht mehr sollte
                  halten lassen? Was dann, wenn, indem uns diese Illusionen als solche klar werden,
                  die Not unseres Wollens und Nicht-Könnens in der religiösen Gemeinschaft, die wir
                  die Kirche nennen, nackt und groß vor uns stehen wird?</p>
        </div>
        <div>
          <head>III</head>
          <p>Dann – und hierhin wollte ich Sie zunächst führen –, dann stellt sich die Kirche
                  eben mit dieser Erkenntnis unter das <hi rend="italic">Gericht</hi>. Die Kirche: d. h.
                  zunächst alle diejenigen, die sich diesen Illusionen einer religiösen
                  Gemeinsamkeit und eines religiösen Besitzes hingegeben haben, alle diejenigen,
                  denen Gott unter der Hand zu einem Objekt menschlicher Taten und Unternehmungen
                  geworden ist. Das dürfte uns alle angehen. Aber nicht nur heute; denn es wird
                  dafür gesorgt sein, daß wir das in irgend einem Maße immer wieder tun. Aber nicht
                  etwa nur die Pfarrer sind gemeint, wenn ich sage: die Kirche. Nicht nur die
                  zahlreichen berufenen und unberufenen «Führer in den religiösen Wirren der
                     Gegenwart»<note xml:id="n57">Der Ausdruck scheint von irgendeinem Zeitgenossen
                     auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst gemünzt gewesen und dann von ihm und seinen Freunden als
                     geflügeltes Wort gebraucht worden zu sein. Zu seinem 40. Geburtstag am
                        <date when="1926-05-10">10.5.1926</date> erhielt er ein Telegramm aus <placeName ref="kbga-places-43">München</placeName> mit folgendem
                     Wortlaut: «Dem Führer in den religiösen Wirren herzlichen Glückwunsch.
                     Schriftleitung und Verlag». (Telegramm von <persName ref="kbga-actors-275">Georg Merz</persName> und dem <orgName ref="kbga-actors-631">Chr. Kaiser Verlag</orgName> <ref type="kba-objects-id" target="14028">im Karl Barth-Archiv</ref>,
                     Basel.)</note>. Sie, wir Theologen, haben sie ja nicht erfunden, wir haben sie
                  nur ausgeplaudert, die große verhängnisvolle Verwechslung, die mit je<pb xml:id="p334" ed="pga" break="no"/>ner Erkenntnis ins Gericht kommt. Womit
                  nicht geleugnet sein soll, daß jene hochgemute Art, Gott und das Göttliche
                  sozusagen in Pachtbetrieb zu nehmen und darüber zu verfügen, als ob es sich da um
                  eine «Sache» handle, eine besondere Theologen- und überhaupt Wortführersünde ist.
                  Aber die anderen, die Zuhörenden, die Geführten, die Gemeinde, die sog. «Laien»,
                  die Gebildeten vor Allem, aber ich möchte selbst die kirchenfeindliche Opposition
                  im Proletariat nicht ausnehmen, sie sind hier <hi rend="italic">mit</hi>verantwortlich.
                  Ob die Kirche bejaht oder verneint wurde, ob man eifrig an ihrer zeitgemäßen
                  Verbesserung arbeitete oder ob man sich begnügte, sie untätig zu kritisieren, ob
                  man an ihre überlieferten Formen sich festklammerte oder ob man mehr oder weniger
                  stürmisch das Betreten neuer Wege von ihr forderte, man meinte doch von allen
                  Seiten die Gemeinschaft der religiösen Menschen mit dem, was sie <hi rend="italic">sind</hi> und <hi rend="italic">haben</hi> und was sie einander und der
                  Gesellschaft allenfalls <hi rend="italic">bieten</hi> können. Man liebte sie, wie man
                  eben ein ehrwürdiges, wertvolles und gesegnetes Werk der menschlichen Gemeinschaft
                  zu lieben pflegt. Man beharrte bei ihrer Vergangenheit mit demselben bedächtigen
                  Konservativismus und man korrigierte an ihr herum mit demselben unruhigen
                  Fortschrittsgeist, den man wahrscheinlich entsprechend auch als Staatsbürger
                  betätigte. Man verteidigte sie, wie man auch die gute Sache der Bildung oder der
                  Sittlichkeit verteidigte, und oft in demselben Atemzuge mit diesen, und man
                  bekämpfte sie wiederum im gleichen Atemzug etwa mit Kapitalismus und Militarismus.
                     <hi rend="italic">Diese</hi> Kirche nun, diese Menschenkirche (die offener- oder
                  heimlicherweise auf dem Boden des Naturrechts steht) – aber ich wiederhole: mit
                  dieser Kirche sind wir alle, wie wir auch leben mögen, solidarisch; denn <hi rend="italic">wir</hi> haben sie so gewollt und geglaubt, <hi rend="italic">wir</hi> sind
                  diese Kirche und werden sie in bestimmtem Sinn immer wieder sein –, diese Kirche
                  kommt ins <hi rend="italic">Gericht</hi>, wenn die Frage nach der religiösen
                  Gemeinsamkeit und die Frage nach dem religiösen Besitz wirklich akut wird. Und aus
                  diesem Gericht kommt sie nicht wieder heraus und <hi rend="italic">soll</hi> es auch
                  nicht.</p>
          <p>An diesem Punkt wartet nun eine befreiende Einsicht auf uns. Aber nur auf
                  diejenigen, die die <hi rend="italic">Frage</hi>, die Kirchenfrage <hi rend="italic">ganz
                     ernst</hi> genommen haben. d. h. nur auf diejenigen, die ganz genau wissen, was
                  für ein dringendes, brennendes Anliegen es ist, daß unter uns Menschen von Gott
                  geredet und gehört werde – die dann aber auch das Andere wissen: <hi rend="italic">das</hi> eben ist <hi rend="italic">unmöglich</hi>, darum gerade sind wir zu
                  Schanden geworden und <pb xml:id="p335" ed="pga"/> werden wir immer wieder zu
                  Schanden werden, wie wir uns auch drehen und wenden mögen. Wem die gestellte Frage
                  leichter, einfacher erscheint als so, sei es, weil er das Anliegen gar nicht kennt
                  oder aber die Unmöglichkeit seiner Erfüllung ihm verborgen ist, der wird auch das
                  Befreiende als solches nicht einzusehen vermögen, das eben da auf uns wartet, wo
                  nur das Gericht übrig bleibt.</p>
          <p>Und es ist <hi rend="italic">zweitens</hi> zu solcher Einsicht nötig, daß man die
                  Kirchenfrage nicht als Zuschauer sieht, sondern mit voller <hi rend="italic">persönlicher Verantwortung</hi> sie auf sich selber genommen hat, daß man ganz
                  bestimmt weiß: das alles, was da ins Gericht kommt: diese Willkür des Einzelnen,
                  dieses Wollen des Menschen überhaupt, der da seine Hand nach Gott ausstreckt und
                  darüber zu Schanden wird, diese fromme Sünde, der Gipfel aller Sünde, die Sünde
                  des «Großinquisitors», der die Sache Christi in <hi rend="italic">seine</hi> Hand
                  nimmt, um sie <hi rend="italic">selber</hi> und <hi rend="italic">besser</hi> zu machen<note xml:id="n58">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2099">
                                <persName ref="kbga-actors-530">F. M.
                              Dostojewski</persName>, <hi rend="italic">Die Brüder Karamasoff</hi>,
                           5. Buch, Kap. 5.</bibl></note> – das alles ist nicht nur der Pfarrer oder ein Anderer, der es augenfällig
                  so treibt, das ist nicht nur das katholische oder das moderne Christentum oder
                  diese oder jene Richtung, Gruppe oder Partei. Das ist nicht etwa nur der
                  kirchliche Mensch – das ist in keiner Weise ein fremder Ort, wo wir ruhig oder
                  zornig unseren Schutt abladen und unseres Weges gehen könnten – das ist der <hi rend="italic">Mensch überhaupt</hi>, der in der Menschenkirche nur seinen
                  merkwürdigsten Ausbruch sich leistet, der Mensch in seinem verkehrten,
                  prahlerischen, <rs type="person" ref="kbga-actors-3913">prometheischen</rs>
                  Verhältnis zu Gott, <hi rend="italic">das bin ich</hi>. Ich, ich habe die Kirche so
                  gewollt und geglaubt und hätte, so wie ich bin, eine andere Kirche gar nicht
                  wollen und glauben können. Wer das <hi rend="italic">nicht</hi> zugeben will, wer noch
                  Lust hat, die Frage von sich selbst auf Andere zu wälzen und die Katastrophe der
                  Kirche zu betrachten wie ein schlimmes Schauspiel, an dem der Gerechte, der ja
                  auch ein gerechter Atheist sein könnte<note xml:id="n59">Der Relativsatz ist
                     Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note>, eben nur als Betrachter beteiligt ist,
                  der mag wohl sehr scharfsinnig sein für das Menschen Elend, das sich da vor seinen
                  Augen ausbreitet (aber vielleicht doch nicht <hi rend="italic">ganz</hi> scharfsichtig
                  nicht einmal <hi rend="italic">dafür</hi>); von des Menschen Erlösung<note xml:id="n60">Vgl. die Überschriften über die ersten beiden der drei Teile des <bibl corresp="kbga-bibls-439"><hi rend="italic">Heidelberger Katechismus</hi>
               (1563)</bibl>: «Von des menschen elend» (<bibl corresp="kbga-bibls-17">BSRK 683,17</bibl>), «Von des menschen Erlösung» (685,22).</note> aber, die
                  gerade hier warten soll, wird er auf alle Fälle <hi rend="italic">gar</hi> nichts
                  sehen.</p>
          
          <p>
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p336" ed="pga"/> Und es gilt (<hi rend="italic">dritte</hi> und zusammenfassende Vorbedingung) zu
                  begreifen, daß das Gericht, in dem die Kirche steht, gerade nicht eine
                  Katastrophe, ein Unglück, eine Niederlage ist, wie solche in der Natur oder in der
                  Geschichte vorkommen. Handelte es sich um solche, dann müßte und könnte die
                  Kirchenfrage nicht in dem genannten Sinn ernst genommen werden, dann könnten wir
                  uns fernerhin nach möglichen Erleichterungen und Verbesserungen der schlimmen Lage
                  umsehen. Dann könnte man auch wirklich nicht von jedermann verlangen, daß er sich
                  mitbeteiligt, mitverantwortlich wisse, dann könnte es, wie bei jedem solchen
                  Unglück, in der Tat Zuschauer geben. Anders steht es, und das ist’s, was hier zu
                  begreifen wäre, wenn das Gericht über die Kirche das <hi rend="italic">Gericht
                     Gottes</hi> wäre, wenn <hi rend="italic">Gott</hi> es sein sollte, der gerade in der
                  Unbeantwortbarkeit der Kirchenfrage sein entscheidendes Wort zu uns spräche. Das
                  würde dann einerseits bedeuten, daß wir sie als Frage, als unbeantwortbare Frage
                  ernst nehmen <hi rend="italic">müssen</hi>, daß es keine höhere Instanz gibt, an die
                  appellierend wir uns etwa vor der Frage flüchten könnten, daß dem Halt!, das uns
                  hier geboten ist, gehorcht werden muß, andererseits, daß diese Frage nicht ein
                  allgemeines theoretisches oder geschichtliches Problem ist, das Alle und Niemand
                  angeht, sondern eine an mich, den Einzelnen, Auge in Auge<note xml:id="n61">Die
                     Satzteile «ist, das Alle und Niemand angeht» und «Auge in Auge» sind
                     Bleistiftnachträge im <ref corresp="D">Mskr.</ref></note> gerichtete Frage. Denn wer könnte ein
                  Gericht als das Gericht Gottes erkennen, der nicht streng und direkt sich selber
                  gerichtet weiß durch dieses Gericht? In welchem Verhältnis würde es sich als das
                  Gericht Gottes erkennen lassen als in dem persönlichen Verhältnis des <hi rend="italic">Sünders</hi> zu dem <hi rend="italic">Heiligen</hi> – und dieses Verhältnis ist das
                  prinzipielle Ende aller Zuschauerverhältnisse.</p>
          <p>Es steht nun nicht in meiner Macht, Sie zu der Einsicht zu zwingen, daß der Sinn
                  der Lage der Kirche das Gericht Gottes ist, in dem sie steht. Nicht einmal dazu
                  kann ich Sie ja zwingen, mit mir einzusehen, daß die Lage der Kirche, ihr Mangel
                  an Gemeinschaft und ihr Mangel an Prophetie, ein <hi rend="italic">Jammer</hi>, daß sie
                  eine <hi rend="italic">unerträgliche</hi> Lage ist.<note xml:id="n62">Dieser Satz ist
                     Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> Es wäre vielmehr das Gegenteil von dem,
                  worauf ich hinaus möchte, wenn ich es auch nur versuchen wollte, Sie zu dieser
                  Einsicht zu zwingen. Darauf müssen wir am Schluß noch einmal zurückkommen. Ich
                  habe keine Beweise vorzulegen für den Satz, daß wir im Gericht Gottes stehen. Ich
                     <pb xml:id="p337" ed="pga"/> würde sogar bestreiten, daß das nun etwa ein von
                     <hi rend="italic">mir</hi> aufgestellter Satz sei, ebenso bestreiten, daß es
                  überhaupt möglich sei, das als Satz aufzustellen. Sonst würden wir ja, gerade
                  durch solches Aufstellen, doch wieder tun, was ja eben durch jenen Satz, wenn er
                  wahr ist, gerichtet ist. Nein, hier gibt es nichts aufzustellen und nichts zu
                  beweisen. Diesen Satz und die befreiende Wahrheit, die hinter ihm steht, – wir
                  hätten sie mit sehenden Augen doch nicht gesehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.13">Mt. 13,13</ref>], wenn wir noch in
                  irgendeinem Sinn meinten, hier etwas behaupten und erhaschen, ableiten und
                  begreifen zu können. Wohl kommt es zu dieser Einsicht durch einen Zwang, aber
                  nicht durch den Zwang eines Beweises, den <hi rend="italic">wir führen</hi> könnten,
                  sondern durch den Zwang eines Beweises, der schon geführt <hi rend="italic">ist</hi>.</p>
          <p>Und noch vor einem Mißverständnis ist hier zu warnen: Es handelt sich bei dieser
                  Einsicht, daß die Kirche im Gericht Gottes steht, in <hi rend="italic">keinem</hi> Sinn
                  um das, was man in den letzten zwanzig Jahren in gebildeten christlichen Kreisen
                  ein «<hi rend="italic">religiöses Erlebnis</hi>» genannt hat, also um eine Art
                  Erschütterung und Umwälzung unseres tiefsten Seelengrundes durch ein Gefühl
                  völliger Erniedrigung oder gar Vernichtung, die wir nun zu erwarten oder wohl gar
                  mit irgendwelchen Mitteln herbeizuführen, durch die wir hindurchzugehen hätten,
                  wie <persName ref="kbga-actors-8758">Tamino</persName> und <persName ref="kbga-actors-8759">Pamina</persName> in der «Zauberflöte» durch Feuer und Wasserfluten<note xml:id="n63">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2100">
                                <persName ref="kbga-actors-4153">E.
                              Schikaneder</persName> / <persName ref="kbga-actors-281">W. A.
                              Mozart</persName>, <hi rend="italic">Die Zauberflöte</hi>, 2.
                              Aufzug, 32.</bibl> Auftritt.</note>, um dann
                  jenseits solcher Schreckenskluft umso munterer wieder weiterzuleben. Ich vergesse
                     <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Klostererlebnis<note xml:id="n64">Der sog. «reformatorische Durchbruch» <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>, dessen literarische Zeugnisse
                     spätestens auf die Jahre <date from="1514" to="1515">1514/15</date> deuten, vollzog sich im
                     <placeName ref="kbga-places-1001">Wittenberger Kloster</placeName>, wo ihn die Frage nach dem gnädigen Gott (vgl. oben <ref type="pub" target="../volume/19/p239#fn_n84">S. 239, Anm. 84</ref>) und der <foreign xml:lang="lat">iustitia Dei</foreign> umtrieb.</note> nicht, wenn ich diese
                  Meinung ablehne, und ich möchte damit auch nicht bestreiten, daß ein bißchen
                  «religiöses Erlebnis» von <hi rend="italic">dieser</hi> Seite, also ein bißchen
                  Erschütterung, Demütigung und Kloster – oder auch mehr als ein bißchen – dem
                  modernen Menschen nur heilsam sein kann. Aber auch das akuteste Erlebnis dieser
                  Art ist an sich <hi rend="italic">nicht</hi> der Weg, das Gericht Gottes einzusehen. Es
                  gibt Erlebnisse dieser Art, die nirgendanderswohin führen als zu einer neuen
                  tollen Form des Wahns, als habe der Mensch von sich aus einen unmittelbaren Zugang
                  zu der Wirklichkeit Gottes, zu einer neuen wilden Gestalt der kirchlichen und
                  außerkirchlichen Prophetie, die durch die Einsicht, <pb xml:id="p338" ed="pga"/>
                  daß wir von Gott gerichtet sind, ja eben erledigt sein müßte. Und es gibt
                  andererseits eine Einsicht in Gottes Gericht, bei der vielleicht von
                  lutherähnlichen Erlebnissen weit und breit gar nichts wahrzunehmen ist. So
                  einfach, wie etwa <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>
                  meinte, an der Notwendigkeit eines wirklichen und scharfen Gegensatzes und Kampfes
                  in unserer Seele vorbeikommen zu können, wird es zwar nicht gehen. Aber auch die
                  haben nicht recht, die aus dem Erlebnis <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> den Weg aller Wege machen, wo doch der wirkliche Weg aller
                  Wege überhaupt kein menschliches Erlebnis ist. <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Erlebnis bedeutete für ihn selbst und für das
                  reformatorische Christentum, soweit es sich selbst verstand, alles Andere als eine
                  neue probate Methode, den Himmel zu stürmen; sonst hätte er wahrhaftig auch einen
                  «Orden von der Rechtfertigung durch den Glauben» gründen können, um seine
                  Entdeckung zur Geltung und in Schwung zu bringen. Nein, was hier Erlebnis des <hi rend="italic">Menschen</hi> ist, das kann wie das Sein und Tun des Menschen
                  überhaupt nur die Gestalt und Form sein, in der das Gericht Gottes in unserem
                  Leben auftritt. Schätzen wir sie nicht gering! Gestaltlos und formlos geht
                  wirklich auch Gottes Gericht nicht über uns. Aber die Gestalt ist nicht das Wesen,
                  die Form ist nicht der Gehalt, und daß wir uns selbst richten, das ist nicht
                  Gottes Tun an uns. Wir können uns auch mit dem freilich sehr notwendigen Urteil
                  über uns selbst nicht an die Stelle Gottes setzen.</p>
        </div>
        <div>
          <head>IV</head>
          <p>Ist uns das alles einigermaßen klar, dann haben wir jetzt vielleicht Ohren zu
                  hören – nicht was <hi rend="italic">ich</hi> nun sagen kann als Krönung <hi rend="italic">meines</hi> Gedankenganges (nein, hier brechen alle menschlichen Gänge
                  prinzipiell ab, die sog. irrationalen übrigens so gut wie die sog. rationalen!),
                  sondern was zu uns allen <hi rend="italic">gesagt ist</hi> durch die schlichte
                  Tatsache, daß wir <hi rend="italic">getaufte Christen</hi> sind. Ich betone das Wort
                  «getauft». Denn ich meine jetzt nicht das, was und wie wir als solche zu glauben,
                  zu tun, zu fühlen oder gesinnt zu sein haben. Das ist ein Kapitel für sich, ein
                  ernstes, wichtiges Kapitel, aber es kann frühestens das zweite oder dritte Kapitel
                  sein. Allzu leicht denkt man, wenn man seinen Christenstand bedenkt, sofort an
                  diese und jene Anschauungen und Überzeugungen, die man hat oder auch nicht hat,
                  oder wohl gar an diese und jene praktische Lebensrich<pb xml:id="p339" ed="pga" break="no"/>tung, die man gewählt oder nicht gewählt hat, oder, was das
                  Gefährlichste ist, an diese oder jene innerlichste Einstellung, die man bezogen
                  oder nicht bezogen hat. Ich nenne es gefährlich, sofort und zuerst <hi rend="italic">daran</hi> zu denken, wenn man seinen Christenstand bedenkt, weil man sich
                  dabei vielleicht nicht klar ist darüber, daß unser Christenstand in <hi rend="italic">diesem</hi> Sinn unter Gottes <hi rend="italic">Gericht</hi> steht, zu dem gehört,
                  was sterben muß, so gut wie unser Menschendasein überhaupt. Wenn wir uns noch
                  einmal einschärfen wollen, <hi rend="italic">wie</hi> tief das Gericht Gottes über uns
                  einschneidet, <hi rend="italic">was</hi> das heißt, daß wir sterben müssen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.90.12">Ps. 90,12</ref>], dann kann uns
                  der Blick auf unsere christliche Überzeugung, Moral und Innerlichkeit auch an
                  dieser Stelle freilich nur gut sein. Möchten wir aber <hi rend="italic">mehr</hi>
                  sehen, als daß wir unter Gottes Gericht stehen, mehr als das, daß wir sterben
                  müssen, dann müssen wir unseren Christenstand von einer ganz anderen Seite
                  bedenken.</p>
          <p>An die schlichte Tatsache, daß wir <hi rend="italic">getauft</hi> sind, müssen wir uns
                  dann erinnern. Die Taufe und unser Stand in der Taufe schließt insofern sofort und
                  direkt an an unser Stehen im Gerichte Gottes, als auch in der Taufe auf unserer
                  Seite gar nichts vorausgesetzt wird, Gott selbst und Gott allein Eins und Alles
                  ist. Sie ist am Anfang des Neuen Testamentes die Axt, die den Bäumen an die Wurzel
                  gelegt ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.10">Mt. 3,10</ref>], und
                  dabei bleibt es. Denken wir an <hi rend="italic">uns selbst</hi>, wenn wir an unsere
                  Taufe denken, so wird es uns wohl verleiden, an unsere Überzeugung, Moral und
                  Innerlichkeit, an unser Gewissen und dergl. zu denken; denn da wir getauft wurden,
                  da waren wir, so verdrießlich uns das jetzt sein mag, unvernünftige, kleine
                  Geschöpfe, die von Allem nichts wußten noch wollten und die sich gegen die ihnen
                  widerfahrende Prozedur mit lautem kindischem Geschrei gewehrt haben. <hi rend="italic">Das</hi> ist unser Christenstand, an den zu denken es sich lohnt. <hi rend="italic">So</hi> wird die Kirche begründet. Der Gedanke an unsere Taufe sagt uns,
                  kräftiger als der ganze Römerbrief und alle Reformatoren miteinander es uns sagen
                  können, daß wir kleine oder große Adamskinder sind und d. h. «Kinder des Zorns von
                  Natur» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.3">Eph. 2,3</ref>], bei
                  denen es gar nicht in Betracht kommt, daß sie von sich aus etwas von Gott sehen
                  und hören, geschweige denn ihn «erleben» können. Wenn es nun wahr ist, daß die
                  christliche Kirche keineswegs durch das Tun und Lassen der beteiligten Menschen,
                  sondern ganz primitiv nur durch die Taufe konstituiert wird, dann ist eben damit
                  klar (und damit haben wir den Anschluß an das Vorige), daß eben die Kirche, die
                     un<pb xml:id="p340" ed="pga" break="no"/>ter dem Gericht Gottes steht, die
                  Sünderkirche (die Kirche, die als freier Verein betrachtet ein Chor von Verführern
                  und Verführten ist), – daß eben <hi rend="italic">diese</hi> Kirche die wahre
                  christliche Kirche ist.</p>
          <p>«<hi rend="italic">Aber Gott</hi>, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine
                  große Liebe, damit er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat er uns
                  samt Christo lebendig gemacht […] und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in
                  das himmlische Wesen gesetzt … So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,
                  sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbauet auf dem Grund der
                  Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.4 Eph.2.6">Eph. 2,4–6</ref>. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.19  Eph.2.20">19f.</ref>] Also Gottes Gericht die Stätte
                  von Gottes <hi rend="italic">Gnade</hi>. Gottes Gericht über die Möglichkeit jeder
                  Menschenkirche die Konstituierung der <hi rend="italic">wahren</hi> Kirche, <hi rend="italic">seiner</hi> Kirche. Die Kirche der Sünder gerade die Kirche der <hi rend="italic">Lebendiggemachten</hi>, der <hi rend="italic">Auferweckten</hi>, der in das
                     <hi rend="italic">himmlische Wesen</hi> Versetzten.</p>
          <p>Wohlverstanden (man kann ja bei der heutigen Verwirrung der Geister nicht genug
                  Sicherungen und Vorbehalte anbringen!): Die Wendung, auf die ich eben hingewiesen
                  habe, hat mit <hi rend="italic">Sakramentsmagie</hi> hell gar nichts zu tun. Die Taufe
                  an sich ist ein Verheißungszeichen, das Wasser sowohl wie die dabei gesprochenen
                  Worte. Aber ein Verheißungszeichen, das einen Gegenstand [hat] und an das man sich
                  darum halten darf. Und dieser Gegenstand, dieses Objekt, nein dieses <hi rend="italic">Subjekt</hi> und sein Tun: Gott für uns und mit uns, Immanuel<note xml:id="n65">Der Satzteil «dieses Objekt» bis «Immanuel» ist Bleistiftnachtrag
                     am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.23">Mt. 1,23</ref>], ist eben die bezeichnete Wendung. Und noch ein Vorbehalt:
                  Die Worte, mit denen ich soeben auf diese Wendung hingewiesen habe, sind nicht <hi rend="italic">meine</hi> Worte. Und die Wendung selbst (ich müßte mir das energisch
                  verbitten) ist nicht eine von <hi rend="italic">mir</hi> mehr oder weniger künstlich
                  oder gelungen durchgeführte dialektische Bewegung. Die Wendung <hi rend="italic">ist</hi> sogar gar keine Wendung, sondern nur die schnurgerade Entwicklung
                  dessen, was wir von uns selbst und von der Kirche zu halten haben, wenn wir bei
                  unserer Taufe nun nicht uns selbst (und damit unser Gericht), sondern unseren
                  Richter, seine Verheißung und Zusage ansehen. Diese Wendung liegt in der Sache und
                  ist in ihrer Begründung einzusehen, ganz gleichviel, wie wir uns auch dazu stellen
                  mögen. Es dürfte nämlich <pb xml:id="p341" ed="pga"/> wohlgetan sein, beim
                  Verständnis der Taufe und dessen, was daraus für die Kirche folgt, von unserer
                  gläubigen oder ungläubigen Stellungnahme dazu zunächst ganz abzusehen. Und die
                  Worte, die ich anführte, sind Worte des Apostels Paulus aus einem Abschnitt des
                  Briefs an die Epheser, in dem er ihnen eben das auseinandersetzt, wovon wir jetzt
                  auch reden: die Begründung der Kirche, der Gemeinde Gottes, «nicht aus den Werken,
                  auf daß sich nicht jemand rühme» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.9">Eph. 2,9</ref>], sondern «aus Gnade» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.2.5">2,5</ref>], durch die <hi rend="italic">Offenbarung</hi>. Und die
                  Berechtigung, diese Worte des Paulus zur Interpretation der Taufe heranzuziehen
                  und uns damit vor jene Wendung zu stellen, die doch keine ist, greife ich wieder
                  nicht aus der Luft, sondern es gibt eben keine andere Interpretation der Taufe und
                  damit der Kirche als die durch das Zeugnis der Apostel, auf das die Taufe und die
                  Kirche nun einmal, mag unterdessen geschehen sein, was da will, begründet ist. Wir
                  haben, wenn wir sauber denken wollen, gar keine andere Möglichkeit, um uns über
                  den Sinn unseres Christenstandes, über den Sinn der Kirche zu belehren, als eben
                  dieses Zeugnis ihrer Anfänger. Lebten wir in einer anderen Zeit und Lage, so
                  könnten wir der Sicherheit halber auch auf Autoritäten zweiten Grades, auf die
                  kirchlichen Symbole und Bekenntnisse, zurückgreifen. Es ist eine Not, aber es hat
                  vielleicht auch sein Gutes, daß wir angesichts der Zerfaserung, in der sich heute
                  alle <hi rend="italic">kirchliche</hi> Autorität befindet, und bevor wir eine solche
                  wieder haben, fast noch unmittelbarer als die Reformationszeit auf das Zeugnis der
                  Anfänger hingewiesen sind. Autorität <hi rend="italic">ersten</hi> Grades müßte es uns
                  in dieser Sache auf alle Fälle sein.</p>
          <p>Das Zeugnis der Anfänger ist – darüber sollten wir uns wiederum einigen können,
                     <hi rend="italic">ohne</hi> die Glaubensfrage aufzurollen – Zeugnis von der <hi rend="italic">Gnade</hi>, die dem Sünder, dem Gerichteten, dem Toten, oder von der
                     <hi rend="italic">Offenbarung</hi>, die dem Volk, das im Finstern wandert [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.9.1">Jes. 9,1</ref>], widerfährt.
                  Besinnen wir uns auf den Sinn der christlichen Gemeinschaft, und sollten wir der
                  modernen Illusion so müde geworden sein, daß wir wieder verstehen, was <hi rend="italic">Gericht</hi> heißt und was <hi rend="italic">Taufe</hi>, dann wird uns
                  nichts übrig bleiben, als das Zeugnis der Apostel und Propheten jedenfalls <hi rend="italic">anzuhören</hi>. Wir hören hier aber – daran kann auch für eine bloße
                  Zuschauerbetrachtung kein Zweifel sein – auf keinen Fall von dem, was etwa zu
                  unserer Menschenkirche passen würde: von Großtaten menschlicher Frömmigkeit, von
                  Aufschwüngen, Fortschritten, Begeisterungen in Bezug auf Gott, die da den Menschen
                  gelungen wären und an die wir uns <pb xml:id="p342" ed="pga"/> nun etwa
                  anzuschließen hätten, sondern wir hören – wenigstens wenn wir die Quellen reden
                  lassen, so wie sie reden, und nicht unsere eigenen Phantasien hineinlesen – auf
                  der ganzen Linie von Dingen, die <hi rend="italic">Gott</hi> getan haben soll gegenüber
                  menschlich-religiös betrachtet größtenteils (man denke gerade an die Jünger Jesu!)
                  sehr klein- und schwachmütigen, sehr wenig vorbildlichen Menschen. Gar nicht ihr
                  religiöses Heroentum tritt uns da entgegen, wie es doch der Fall sein müßte, wenn
                  es mit unserem Begriff von christlicher Gemeinschaft seine Richtigkeit hätte,
                  sondern im Gegenteil ihre Schwachheit und Blindheit, ihr Halb-  und Unglaube. Aber
                  das Menschentum, das wir da finden, scheint eben überhaupt nicht um seiner selbst
                  willen, nicht in eigenen Farben leuchtend, uns entgegentreten zu wollen, sondern
                  nur dazusein, um den Widerschein aufzufangen und festzuhalten von einem Licht, das
                  – allem Menschlichen gegenüber, auch dem reinsten und edelsten, ein <hi rend="italic">ganz</hi> Neues und Verschiedenes – nun doch als die Auflösung seiner Rätsel
                  in den Umkreis des Menschlichen eingegangen ist, ja Menschengestalt, Menschennatur
                  angenommen hat.</p>
          <p>Was sollen wir sagen von dem <hi rend="italic">Licht</hi>, von dem diese Menschen
                  erleuchtet sind, von Jesus Christus, der der Gegenstand ihres Zeugnisses ist? Was
                  haben sie «gehört, gesehen, beschaut, betastet», wie einer von ihnen schreibt
                     [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.1">I.Joh. 1,1</ref>]? Eine <hi rend="italic">Liebe</hi>, die mit Allem, was wir so heißen, so gar nicht verwandt
                  ist und von der es nun doch heißt, daß sie dort, wo mit allem Menschlichen auch
                  unsere menschliche Liebe als Stückwerk erkannt ist, Alles trägt, Alles glaubt,
                  Alles hofft, Alles duldet [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.7">1.Kor. 13,7</ref>]? Eine <hi rend="italic">Freiheit</hi>, die so wenig mit unseren
                  Freiheiten zu verwechseln ist, daß, die ihre berufensten Verkündiger waren, sich
                  selbst nur als Knechte bezeichnen konnten, und von der nun doch gesagt werden
                  kann, sie mache recht frei [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.8.36">Joh. 8,36</ref>]? Eine <hi rend="italic">Barmherzigkeit</hi>, die erst die zu kennen
                  scheinen, die den Kelch der Unbarmherzigkeit des Lebens bis auf die Hefen geleert,
                  [die] ihnen aber bekannt ist als Abgrund des Erbarmens? Eine <hi rend="italic">Herrschaft</hi>, die mit den größten und kleinsten Thronen und Fürstentümern
                  [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.1.16">Kol 1,16</ref>] dieser
                  Welt nicht in Konkurrenz tritt, weil sie ihr alle zu Füßen gelegt sind, die nicht
                  das Geringste von dem zu besitzen scheint, was wir Macht nennen, weil sie die
                  Macht über Alles ist? Eine <hi rend="italic">Heiligkeit</hi>, die gar keine Heiligtümer
                  und gar keine Heiligen kennt, weil sie in jedem Heiligtum und in jedem Heiligen,
                  die vor ihr Staub und Asche sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hiob.42.6">Hi. 42,6</ref>], nur Gottes Heilig<pb xml:id="p343" ed="pga" break="no"/>keit sein und bleiben will? Jedenfalls: hier wird kein
                  Mensch Gott ähnlich, Gott angenähert, göttlichen Wesens teilhaftig, weil hier im
                  Zentrum, von dem jenes Licht ausgeht, das Umgekehrte geschehen sein soll, daß Gott
                     <hi rend="italic">Mensch</hi> wurde, Herrlichkeit <hi rend="italic">Niedrigkeit</hi>,
                  Leben <hi rend="italic">Tod</hi>, Gerechtigkeit <hi rend="italic">Sünde</hi>, Ewigkeit <hi rend="italic">Zeit</hi>, Jenseits <hi rend="italic">Diesseits</hi>, und so (nicht anders,
                  sondern <hi rend="italic">so!</hi>) strahlt jenes Zentrum, in dessen Widerschein wir
                  die biblischen Menschen sehen. <hi rend="italic">Auferstehung</hi> nennen darum sie
                  selber das Scheinen dieses Lichtes an dem dunklen Ort [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Petr.1.19">2.Petr. 1,19</ref>], wo die Juden nur
                  Ärgernis und die Griechen nur Torheit wahrzunehmen vermögen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.1.23">1.Kor. 1,23</ref>]. Und <hi rend="italic">Glauben</hi> nennen sie das, was sie selber tun mit ihren Augen, in die dieser
                  helle Schein gefallen ist, und müssen doch sofort sich selber erklären: was <hi rend="italic">kein</hi> Auge gesehen hat …, das hat Gott bereitet denen, die ihn
                  lieben [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2.9">1.Kor. 2,9</ref>].
                  Von einer <hi rend="italic">neuen Geburt</hi> eines neuen Menschen zu einem neuen Leben
                  reden sie, geschaffen in ihnen durch jenes unmögliche Scheinen und jenes blinde
                  Sehen, von einer Gemeinschaft also der Menschen mit dem Gott, der es aus der
                  Finsternis Licht werden läßt in die Finsternis hinein, aber auch von einer
                  Gemeinschaft der Menschen <hi rend="italic">untereinander</hi>, nicht kraft einer
                  menschlichen Habe, Gewißheit und Gerechtigkeit, sondern kraft des gemeinsam
                  gesehenen hellen Scheins, der in ihre Herzen gefallen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.6">2.Kor. 4,6</ref>] und in dessen Licht das
                  Unmögliche möglich wird, daß Einer im Anderen seinen Bruder erkennt. Ein <hi rend="italic">Wandel</hi> wird möglich und notwendig, gewiß nicht in der vermessenen
                  Annahme einer etwa irgendwie gegebenen und nun mehr und mehr wachsenden
                  Vereinigung des Menschen mit Gott, nein, das Licht Gottes hört für Keinen auf, ein
                  aus der Finsternis in die Finsternis leuchtendes Licht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>] zu sein, aber ein Wandel im
                     <hi rend="italic">Scheine</hi> dieses Lichts, in Furcht und Zittern [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.7.15">2.Kor. 7,15</ref> u.ö.], aber
                  auch in Dankbarkeit, weil das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.15">Mk. 1,15</ref>]. Der Rest aber ist
                     <hi rend="italic">Hoffnung</hi>, Erwartung, Bereitschaft für den Bräutigam [vgl.
                     <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.1 Mt.25.13">Mt. 25,1–13</ref>],
                  solange die Zeit währt. Denn sein Kommen, die Erfüllung der Verheißung ist das
                  Ende der Zeit und aller Dinge. <hi rend="italic">Nur</hi> Hoffnung? Die Apostel sagen
                  nicht: «<hi rend="italic">nur</hi> Hoffnung». Sie sagen: «Gelobt sei Gott und der Vater
                  unseres Herrn Jesu Christi, der uns wiedergeboren hat zu einer <hi rend="italic">lebendigen</hi> Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!»
                     [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.1.3">1.Petr. 1,3</ref>].
                  Hoffnung heißt für sie <hi rend="italic">Leben</hi>. Darum ist ihr <hi rend="italic">ganzes</hi> Leben Hoffnung.<note xml:id="n66">Die letzten beiden Sätze sind
                     Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note> Sie lassen <pb xml:id="p344" ed="pga"/>
                  sich, darüber kann wieder kein Zweifel sein, an der <hi rend="italic">Gnade
                     genügen</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.12.9">2.Kor. 12,9</ref>]. 
                     Eben darum ist es ihnen aber auch mit der zweiten Bitte: <hi rend="italic">Dein Reich komme!</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>] tiefster, furchtbarster Ernst. Wie könnte das
                  Eine ohne das Andere sein?</p>
          <p>Soviel in den allerkürzesten Zügen über ihr Zeugnis. Sie haben das, wovon sie da
                  zeugen, aufgefaßt als ein ganz unbegreifliches, nach menschlichem Ermessen nicht
                  nur unmögliches, sondern auch unmöglich zu vernehmendes, aber unbedingt wahres und
                  klares <hi rend="italic">Ja Gottes zum Menschen</hi>. Alles liegt daran, daß man es so sagt und ja nicht
                  etwa umgekehrt, also <hi rend="italic">nicht</hi> eine höchste, unerhörte Vollendung
                     <hi rend="italic">des</hi> Ja, das der Mensch zu Gott spricht, nicht die vollkommene
                  Einigung eines menschlichen mit dem göttlichen Willen, nicht die reinste
                  Offenbarung der göttlichen Tiefe der menschlichen Persönlichkeit, so rein, daß man
                  den Menschen, wenn man den Mund etwas voll nehmen will, nahezu oder ganz Gott
                  nennen kann, nicht die absolute Religion und wie diese, wissenschaftlich und
                  christlich betrachtet, gleich kitschigen Formeln alle lauten. Offenbarung heißt
                  streng und exklusiv: Ja <hi rend="italic">Gottes</hi> zum Menschen, Menschwerdung <hi rend="italic">Gottes</hi> (ohne Umkehrung!) – nur so ist sie das, als was sie hier
                  streng und exklusiv bezeugt wird: <hi rend="italic">Gnade</hi> – Gnade auch da, wo sie
                  für uns <hi rend="italic">Gesetz</hi> ist, Gnade auch, indem sie, solange die Zeit
                  währt, Gnade im <hi rend="italic">Gericht</hi> ist, immer Gnade, d. h. immer freies,
                  aber völlig eindeutiges göttliches <hi rend="italic">Wohlwollen</hi> gegen den
                  Menschen. Dem so sich offenbarenden Herrn fühlten sich die Anfänger verpflichtet,
                  nicht als Träger ihres eigenen Christusenthusiasmus, sondern als Christi für
                  richtige Übermittlung verantwortliche <hi rend="italic">Boten</hi>, nicht als die
                  Verkündiger eines aus dem Unaussprechlichsten der Seele quellenden Wortes <hi rend="italic">über</hi> Gott, sondern als die Bevollmächtigten zur Bekanntmachung
                  eines durch Totenauferstehung auf ihre Lippen gelegten göttlichen Selbstwortes,
                  nicht als Vögel, die fröhlich ihre Melodie singen, nicht als religiöse
                  Unternehmer, sondern, noch einmal muß das bezeichnende Wort fallen: als <hi rend="italic">Knechte</hi>, als <hi rend="italic">Beamte</hi> würde man wohl heute sagen,
                  die sich an ihr Pflichtenheft<note xml:id="n67">= Dienstanweisung.</note> zu
                  halten haben.</p>
          <p>Und nun kann nach dem Sinn der christlichen Kirche, wenn wir recht getan haben,
                  dabei von der Taufe auszugehen, kein langes Fragen mehr sein. Daß wir getauft
                  sind, das heißt nach dem eindeutigen Zeugnis de<pb xml:id="p345" ed="pga" break="no"/>rer, die mit dem Befehl der Taufe erstmals ausgegangen sind in alle
                  Welt: daß das Ja des göttlichen Wohlwollens, daß die Gnade auch uns gilt, uns den
                  kleinen Unvernünftigen von damals, uns den großen Sündern von jetzt, uns den
                  Gerichteten. Wir können es auch so sagen: Die wahre christliche Kirche, in der wir
                  stehen, ist die von Gott selbst gestiftete Gemeinschaft zwischen ihm und uns, von
                  der uns unsere Taufe und das sie interpretierende Wort der christlichen Zeugen
                  Kunde gibt.</p>
          <p>Das bedeutet grundsätzlich das <hi rend="italic">Ende jener eigenmächtigen
                     Prophetie</hi>, von der wir eingangs geredet, das Ende des Subjektivismus, des
                  Illuminatenvereins und der Sektiererei, in die wir heute hineingekommen sind. An
                  einem persönlichen Erlebnis sich orientieren, ob man es nun Offenbarung nennt oder
                  mit <persName ref="kbga-actors-441">Zinzendorf</persName> offen zugibt: «Es ist
                  mir so»<note xml:id="n68">Zu dieser für <persName ref="kbga-actors-441">Zinzendorf</persName> charakteristischen Wendung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1709">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4,
                              Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959–1961</hi>, hrsg. von
                              H.-A. Drewes und E. Jüngel,
                              Zürich 1976.
                                 1979<hi rend="sup">2</hi>, S. 304f., Anm. 75.</bibl></note>, oder an einer selbstentworfenen, <foreign xml:lang="lat">a priori</foreign> gesetzten Gottesidee, das hat
                  nur solange Sinn, als <hi rend="italic">die</hi> Offenbarung vergessen und damit
                  jedenfalls die durch die Taufe konstituierte Kirche verloren ist. Seiner Taufe
                  gedenken und damit der Offenbarung und damit wieder wissen, was Kirche ist – nein,
                  nicht nur wissen, sondern damit wieder <hi rend="italic">sein</hi> in der wahren
                  christlichen Kirche –, das heißt, den Ausblick wieder gewinnen, nicht auf eine
                  sentimentale Toleranz oder gar Verbrüderung zwischen Allen und Allen, wohl aber
                  auf die <foreign xml:lang="lat">una sancta catholica</foreign><note xml:id="n69">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-14">
                                <hi rend="italic">Symbolum Nicaenum</hi>, BSLK 27,7.</bibl></note>, in der es, um nochmals den Epheserbrief zu zitieren, heißen wird, nein
                  heute schon heißt: «<hi rend="italic">ein</hi> Leib, <hi rend="italic">ein</hi> Geist, <hi rend="italic">einerlei</hi> Hoffnung eures Berufes, <hi rend="italic">ein</hi> Herr, <hi rend="italic">ein</hi> Glaube, <hi rend="italic">eine</hi> Taufe, <hi rend="italic">ein</hi>
                  Gott und Vater unser aller» [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.4 Eph.4.6">Eph. 4,4–6</ref>], Worte, die wir jetzt nicht auf die
                  Lippen nehmen können, ohne uns zu schämen. Die verlorene und doch nicht verlorene
                  Kirche, von der uns unsere Taufe redet, muß und wird ein <hi rend="italic">Bekenntnis</hi> haben. Heute nach dem Bekenntnis zu fragen und einander um des
                  Bekenntnisses willen zu plagen, hat keinen Sinn. Die Menschenkirche steht auf alle
                  Fälle nicht auf dem Bekenntnis, auch wenn sie ein solches hat. Das Gebot der
                  Stunde ist nicht die Frage nach dem Bekenntnis, sondern die Frage nach der das
                  Bekenntnis begründenden <hi rend="italic">Offenbarung</hi>.</p>
          <p>Das bedeutet dann aber zweitens grundsätzlich die neue <hi rend="italic">Ermögli<pb xml:id="p346" ed="pga" break="no"/>chung eines prophetischen Wortes</hi> an
                  die Zeit und zur Lage, dessen Mangel wir als weiter und tiefer greifendes Übel der
                  jetzigen Kirche erkannt haben. Die christliche Ethik ist heute darum auf ein
                  haltloses Dilettieren oder auf ein ebenso haltloses Schweigen [gegenüber] den
                  wirklichen Fragen und Anliegen des Menschen angewiesen, weil sie nicht aus der
                  Offenbarung, sondern aus dem löchrigen Brunnen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.2.13">Jer. 2,13</ref>] des religiösen Bewußtsems
                  schöpft, das selber nicht <hi rend="italic">über</hi>, sondern <hi rend="italic">in</hi> der
                  Welt, die im Argen liegt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.19">1.Joh. 5,19</ref>], seinen Ort hat. Wenn diese Pseudoprophetie sich einmal
                  überleben sollte, so könnte es geschehen, daß die wirkliche Prophetie, an die uns
                  die Taufe erinnert, das «So spricht der Herr!», mit dem <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> die Zeichen der Zeit deuteten, wieder lebendig würde. Die
                  Offenbarung und die banale Alltagswirklichkeit, die Auferstehung und das Dasein
                  des Mannes auf der Straße, «Christus und das menschliche Leben» (aber ein wenig
                  anders, als der Verfasser des so betitelten Buches<note xml:id="n70">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2101">
                                <persName ref="kbga-actors-553">Fr. W. Foerster</persName>,
                              <hi rend="italic">Christus und das menschliche Leben</hi>,
                              München 1922.
                                 1951<hi rend="sup">2</hi>.
                              1953<hi rend="sup">3</hi>.</bibl></note> es sich denkt!), das sind die
                  göttlich-menschlichen Realitäten, die sich gegenseitig anschauen, während das
                  religiöse Bewußtsein, das keins von beiden sein will, Dunst und Nebel ist. Und
                  diese Korrelation würde sichtbar, wo das Wort Gottes (als <hi rend="italic">Gottes</hi>
                  Wort) wieder geredet und gehört werden dürfte, und damit hätte die Kirche wieder
                  ihre Daseinsberechtigung vor Gott <hi rend="italic">und</hi> vor den Menschen. «Würde»,
                  «hätte» muß ich sagen, weil ich von der verlorenen, von der erst wieder zu
                  entdeckenden Kirche rede. Aber warum sollte ich nicht «ist» und «hat» sagen, ist
                  uns doch die Möglichkeit ihrer Entdeckung vor die Füße gelegt.</p>
        </div>
        <div>
          <head>V</head>
          <p>Aber das Letzte könnte doch zu viel gesagt sein. Es handelt sich bei der
                  Erkenntnis der Kirche und der Offenbarung um die kindlich <hi rend="italic">einfachste</hi> Erkenntnis. Wie sollte das nicht einfach sein, was in den
                  beiden Worten ausgesprochen ist: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe
                  euch erwählt und gesetzt, daß ihr hingeht und viel Frucht bringt» (<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.16">Joh. 15,16</ref>), und in der Antwort:
                  «Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns <pb xml:id="p347" ed="pga"/> zuerst
                  geliebt» (<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.19">1.Joh. 4,19</ref>)?
                  Aber es liegt nicht an unserem Wollen und Laufen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.16">Röm. 9,16</ref>], diese einfache Erkenntnis
                  zu vollziehen. Das behaupten, hieße ja eben <hi rend="italic">diese</hi> Erkenntnis <hi rend="italic">leugnen</hi>. Ich bin in allem Bisherigen der <hi rend="italic">Glaubens</hi>frage, soweit sie nicht die <hi rend="italic">Apostel</hi>, sondern
                     <hi rend="italic">uns</hi> angeht, ausgewichen. Und nun sind alle Schwierigkeiten,
                  nun ist alle Not unserer Lage wieder da, sobald wir uns klar machen, daß es nun
                  eben darum gehen würde, das, was in unserer Taufe zu uns gesagt ist, zu <hi rend="italic">glauben</hi>. Die Taufe ist ja nicht nur unser Gericht, nicht nur
                  Gnadenverheißung, sondern wahrhaftig auch <hi rend="italic">Glaubens</hi>forderung<note xml:id="n71">Dieser Satz ist Bleistiftnachtrag am <ref corresp="D">Mskr.</ref>-Rand.</note>. Wollen
                  wir denn, können wir denn, müssen wir denn glauben? Denn man glaubt offenbar erst
                  dann, wenn man glauben <hi rend="italic">muß</hi>, wenn es gar keine andere Möglichkeit
                  gibt, als zu glauben. Die intellektuellen Schwierigkeiten, an die wir modernen
                  Menschen, wenn es sich um den Glauben handelt, sofort zu denken pflegen, sind doch
                  wohl mehr Symptome eines tiefer liegenden Hindernisses. Vielleicht merken wir
                  auch, daß wir oft geradezu froh sind, die sog. moderne Weltanschauung vorschieben
                  zu können, um unseren Unglauben zu entschuldigen. Und wenn wir das merken, werden
                  wir wohl nicht Lust haben, jene als ernsthaften Grund, weshalb wir nicht glauben
                     <hi rend="italic">könnten</hi>, geltend zu machen.</p>
          <p>Wir haben gesehen: es hängt beim Verständnis der Taufe Alles daran, daß wir als
                  Menschen und nicht zuletzt als religiöse Menschen im Gericht Gottes stehen und
                  sterben müssen, gerade wie beim Verständnis der Offenbarung Alles darauf ankommt,
                  daß wir die Finsternis sehen, von der sich das Licht, das Kreuz, von dem sich die
                  Auferstehung abhebt. Nur als die Stätte des offenbaren Gerichts ist die Taufe die
                  Stätte der offenbaren Gnade. Und nun sagte ich ausdrücklich: zu dieser Erkenntnis,
                  daß wir in Gottes Gericht, daß wir unter dem Kreuz stehen, kann man weder sich
                  selbst noch Andere zwingen, hier gibt es keinen rationalen und keinen irrationalen
                  Weg, keine Manier und keine Methode. Hier ist die enge Pforte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.13">Mt. 7,13</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.13.24">Lk. 13,24</ref>], vor der alle Führung durch
                  Worte und alle menschliche Führung überhaupt Halt machen muß, weil hier auch der
                  beste Führer keinen Schlüssel hat, sondern bestenfalls dringend darauf hinweisen
                  kann, daß hier, hier die enge Pforte ist, die zum Leben führt. Die enge Pforte, wo
                  auf der einen Seite die Menschen stehen und [wo sie] <hi rend="italic">wirklich
                     sind</hi>, wie es in der Bergpre<pb xml:id="p348" ed="pga" break="no"/>digt
                  heißt: geistlich <hi rend="italic">Arme</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], oder nach Lukas vielleicht noch besser: Arme
                  <hi rend="italic">schlechthin</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20">Lk. 6,20</ref>], nichts haben als leere Hände, nichts sind als verloren,
                  nichts wissen als: Vater, ich habe gesündigt! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.21">Lk. 15,21</ref>]-und auf der anderen Seite <hi rend="italic">wirklich Jesus Christus</hi>, er selbst, der Gegenstand des Zeugnisses der
                  Apostel und Propheten, der zu diesen Menschen sagt: Selig seid ihr, denn euer, <hi rend="italic">euer</hi> ist das Himmelreich [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20">Lk. 6,20</ref>]. Wo das ist, wo diese Beiden sich treffen:
                  wirklich <hi rend="italic">Arme</hi> und wirklich <hi rend="italic">Jesus Christus</hi> (und
                  diese beiden sind immer beieinander!), das <hi rend="italic">ist</hi> das Gericht
                  Gottes, das ohne Gnade gar nicht zu denken ist. Da <hi rend="italic">ist</hi> die wahre
                  christliche Kirche. Das Neue Testament hat dafür noch ein letztes, viel
                  mißbrauchtes Wort. Es sagt: da ist – der <hi rend="italic">heilige Geist</hi>. Die
                  Frage nach der Kirche hat uns auf die Taufe geführt. Die Taufe weist uns auf die
                  ersten Zeugen hin und diese auf die Offenbarung. Die Offenbarung aber redet für
                  sich selber. Daß sie redet und daß wir hören, das ist das Werk des Geistes, der
                  mit dem Vater und dem Sohne der wahre Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Indem
                  sein Werk geschieht, <hi rend="italic">müssen</hi> wir glauben.</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
