1923

Gegenreden zu dem Aufsatz von Friedrich Wilhelm Foerster

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GEGENREDE ZU DEM AUFSATZ VON
FRIEDRICH WILHELM FOERSTER

1923

Der Schriftleiter der Zeitschrift «Neuwerk. Ein Dienst am Werdenden» (Schlüchtern), Will(y) Völger1, fragte in einem Brief vom 25. Mai 1923 bei Barth an, ob er bereit sei, auf einen im Manuskript vorliegenden Aufsatz von Friedrich Wilhelm Foerster2 eine Erwiderung zu schreiben.3 Nachdem Barth in einem Brief an Thurneysen vom 29. Mai noch Bedenken geäußert hatte, «ob es besser wäre, zu schweigen und sich den Mann für später ‹vorzumerken›»4, war er dann doch, «nachdem der Artikel etwa 14 Tage bei mir lag, zu dem Ergebnis gekommen, daß ich F. nur ablehnen kann und zwar scharf»5. Er übersandte das Foerstersche Manuskript und seine Antwort darauf am 18. Juni 1923 an Thurneysen: «Bitte übe Zensur! … Es ist im Verhältnis zu dem Ingrimm, den ich gegen ihn habe (gerade wegen seiner glatten Freundlichkeit!), alles noch überaus zahm gesagt! Aber du sollst entscheiden darüber, ob das nun etwa doch |181 zu weit geht, ob ich auch mit F. hätte Florett fechten sollen, ob die Ohrfeige zu schallend ist, ob ich mir selber damit eine Blöße gebe etc. Wenn es so ist, so schicke mir den Kram sicher zurück, und dann erkläre ich mich eben Völger gegenüber für inkompetent und lasse F. sein Öl ins Leere vergießen.»6 Thurneysen seinerseits teilte Barth am 21. Juni mit, er habe «alles, alles durchaus gut und wahr» gefunden, «nichts geändert, sondern den kräftigen, aber durchaus nicht zu kräftigen Text tel quel an Will Völger weiterspediert»7.

Völger hatte zunächst eine Publikation von Foersters «Meine Stellung zu Karl Barth»8 und Barths «Gegenrede zu dem Aufsatz von Friedrich Wilhelm Foerster» in derselben Nummer von «Neuwerk» beabsichtigt. Auf Foersters Einspruch hin9 wurde dieser Plan jedoch fallengelassen; sein Aufsatz erschien dann in Heft 510, Barths Erwiderung in Heft 611 und ein «Schlußwort» Foersters in Heft 712.

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Meine Stellung zu Karl Barth

Als ich im letzten Sommer verschiedene Kreise der Protestantischen Jugendbewegung kennen lernte, merkte ich, wie stark sie innerlich teilnehmen an Karl Barths höchst verdienstvollem und unbestreitbar notwendigen Kampf gegen die moderne «Säkularisierung» des Christentums (soll heißen: Verengung aller christlichen Horizonte durch allzuviel Herabziehen Christi in gesellschaftliche Erneuerungsprogramme und durch allzuviel voreilige Gleichsetzung Christi mit allerhand kulturellen Bestrebungen).13 Es scheint aber, daß viele dieser jungen Leute, eben in dem gewiß gesunden jugendlichen Drang zum Absoluten, nun zu völligen Anachoreten zu werden drohen, wobei sie zweifellos auch Barth selber mißverstanden haben. Immerhin finde ich in dem ganzen Barthschen Kreise gewisse Übertreibungen, Einseitigkeiten und Abstraktionen, die zu solchen Extravaganzen und Starrheiten zweifellos Anlaß geben. Ich möchte daher nicht unterlassen, mich in gedrängtester Kürze mit dem Wesentlichen der Barthschen Stellungnahme auseinanderzusetzen. Karl Barth, der mehrfach seinen Gegensatz zu mir betont, zum Teil in geradezu grotesker Verkennung meines wirklichen Standpunktesa, wird vielleicht sehr erstaunt sein, wenn ich zunächst feststelle, daß ich ihm in seinem grundlegenden Proteste fast ganz zustimme, was sich eben dadurch erklärt, daß ich selber aus der «pelagianischen» Welt komme, gegen die er kämpft, oder sagen wir: deren Einseitigkeiten und Unzulänglichkeiten er mit großem Scharfsinn feststellt. Freilich sieht er nicht, daß die Wahrheit nicht nur auf seiner Seite ist, so wenig wie sie nur auf derjenigen ist, von der ich herkomme; er denkt in zu einfachen Linien, er sieht nicht, daß es auch eine Synthese gibt, die nicht Verflachung und Kompromiß bedeutet, sondern die dem Sinne für Proportionen, also jener von Plato gespiesenen «dikaiosyne» entspringt, die jedem ganz |183 präzis das Seine gibt und damit doch wohl gerade das Gegenteil von Vermischen und Verwaschen hervorbringt. Diese Art von Synthese ist zweifellos ganz unentbehrlich, um der Aufgabe der Seelenführung und der Kulturführung in ihrer ganzen Vielseitigkeit gerecht zu werden. Die wesentliche Bedeutung von Barths Auffassungen und Kritiken ergibt sich mir aus folgenden Feststellungen und Erwägungen:

153 Ein amerikanischer Geistlicher formulierte vor einiger Zeit das Ergebnis der modernen Bibelkritik (deren Fehlgriffe nicht in der Textforschung, sondern in dem Mangel an kritischer Besinnung auf die Tragweite der Methoden beruhen, auf Grund derer man die textkritischen Ergebnisse interpretiert hat) in folgenden Worten: «Früher sagte man: Also sprach Gott der Herr – heute sagt man: Also spricht irgend jemand, niemand weiß genau wer, von dem uns ein anderer berichtet, über dessen Glaubwürdigkeit auch nichts Gewisses festgestellt werden kann.»

In diesem Sinne ist Gott wieder der große Unbekannte geworden, über den sich nichts Zuverlässiges feststellen läßt, und im engsten Zusammenhang damit ist Christus, der Gottmensch, «der da sitzt zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten», nichts als ein Lebensreformer ersten Ranges geworden, der kein ungeheures Geheimnis mehr in das Leben trägt, durch keine unfaßliche Verkündigung, kein erschütterndes Wagnis die Ruhe der Seele und die Ordnung der Gesellschaft stört, sondern der höchst angenehmer und einleuchtender Weise das Werk des Zäsar dadurch ergänzt, daß er die innere Sozialisierung des Menschen übernimmt, ohne die es der äußeren Organisation an der unentbehrlichen moralischen Kraftstation gebricht.

Auf diese Weise hat sich etwas weit Verhängnisvolleres vollzogen, als es durch den wildesten Atheismus hätte erreicht werden können: Nicht nur ist das kleine Menschlein aller ganz großen übermenschlichen Horizonte beraubt worden, durch die es über die Armseligkeit seiner sterblichen Reformgedanken hinausgehoben und von sich selbst hätte erlöst werden können. Nein, dieses Menschlein hat sich auch noch der Autorität der Religion bedient, um sich im Allerheiligsten breitzumachen und sein gebrechliches Erdenwerk als «gottgeordnete Wirklichkeit» im Gewissen zu verankern und gegen die letzten Reste eines eingeborenen Protestes unserer höheren Natur zu verteidigen: «Weil wir uns selbst sind, was uns Gott sein müßte, ist uns Gott nicht mehr, als wir uns selbst sind». «Wir schieben uns zudringlich in seine Nähe und wir ziehen ihn unbedenklich in unsere Nähe», so sagt Barth in seinem Buche über den Römerbrief (2. Aufl., S. 22).15 Und er wendet sich mit Recht gegen die verflachende Art, in der das Wort «Christus ist in uns» nur zu oft gedeutet werde; man müsse eigentlich sagen: «über uns», «hinter uns», «jenseits von uns», der Christ sei «das in uns, was wir nicht sind».16 Alle diese Hinweise können nicht ernst genug genommen werden. Es gibt eine Art modernisiertes und säkularisiertes Christentum, durch das der Mensch Gott verliert und dadurch auch den wahren Christus und sein Erlösungswerk. Ohne das Buch Hiob ist Christus nicht zu verstehen und ohne Christus ist das Buch Hiob nicht zu erschließen. «Eure Gedanken sind nicht meine |184 Gedanken» [vgl. Jes. 55,8], Und dies eben ist das Geheimnis: Es gibt etwas Tiefstes im Menschen, das uns fähig macht, uns von 154 einem Punkte über uns und jenseits von uns zu betrachten und zu beurteilen; dies allein offenbart unsere Gotteskindschaft, hier allein wird Gott mit Schauern der Ehrfurcht geahnt, hier allein wird das Wort Gottesfurcht verstanden, das der modern gebildete Gläubige längst als ein Wort archaischen Stils zu betrachten gewohnt ist. «Wehe mir, ich bin vernichtet, denn den König, den Herrn der Heere, sahen meine Augen» [vgl. Jes. 6,5]. Wir müssen Ihn sehen, um vernichtet zu sein, um Ihn zu sehen. Hier liegt auch der Grund der Wahrheit in den Worten des Ambrosius, daß die Tugenden des Griechen ein Hindernis der Wiedergeburt seien. Man kann die «Tugenden des Griechen» hier als ein Gleichnis für die menschliche Kultur überhaupt nehmen; Kulturarbeit, die nicht von Menschen getragen wird, die irgendwie durch die «Selbstvernichtung» gegangen sind, ist Turmbau zu Babel [vgl. Gen. 11,1–9]. Und selbst ein Christentum, das den Menschen nicht ganz vom Jenseits her erfaßt und ins Jenseits zieht, auch in seiner Nächstenliebe, auch in seiner Friedensarbeit, auch in seinem Sozialsein, ein solches Christentum hat mit dem Welterlöser nichts zu tun und ist weit weniger als Marxismus, der doch wenigstens in dem rückhaltlosen Sich-Einordnen der Seele in die eherne Fatalität des ökonomischen Weltprozesses eine gewisse erhabene Nichtachtung aller Einbildungen des menschlichen Willens zum Ausdruck bringt.b Alles, was wir Pazifismus, Sozialismus, Demokratie nennen, das ist zwar seinem letzten Ursprung und seinem besten Kerne nach ein abgesprengtes Stück Prophetismus und Christentum, aber es ist, eben wegen seines Abgesprengtseins von der universellen Wahrheit, nun behaftet mit der widerspruchsvollen Illusion, als könnte die diesseitig orientierte ethische Kraft und die bloße christliche Bruderliebe das Antlitz der Erde erneuern, ohne zuvor durch Gott erschreckt, von der Welt abberufen, durch das Unerfaßliche bescheiden gemacht zu sein. Nein, nicht nur kann auf diesem Wege nichts erreicht werden, sondern im Gegenteil, solche Einwirkung verlängert nur die Herrschaft aller niederen Mächte auf Erden, indem es ihre |185 Werke äußerlich ein wenig verschönert, sie erträglicher und haltbarer macht, ihren gröbsten Widerspruch gegen das Gesetz aller Gesetze soweit mildert, daß selbst die Engel Gottes dadurch betrogen werden: Gott aber läßt sich nicht betrügen und bringt eines Tages die Wahrheit um so schrecklicher an den Tag. Wir dürfen nie vergessen, daß auf der 155 Grenzscheide zwischen Zeit und Ewigkeit das Kreuz steht, um uns Illusionisten stets aufs neue das Wesen dieser Welt und ihrer treibenden Kräfte bewußt zu machen; klar werden müssen wir bis auf den Grund darüber, daß die wahre Wirkung auf diese Welt nicht von dieser Welt ist und sich in Formen vollzieht, die allem widersprechen, was sonst Wirkung und Eingriff heißt; wir müssen, im tiefsten Sinne, erst einmal ganz «entmenschlicht» werden, um uns selbst und das Leben und das wahre Gut von Gott und vom Gottmenschen aus zu durchschauen und dann von dorther wieder menschlich zu werden.c

Nun aber ist auch die andere Seite der Sache zu bedenken. Bei Barth merkt man wieder die tragische Wahrheit der «Grenzen der Menschheit», innerhalb derer wir uns alle bewegen: «hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne – nirgends haften dann die unsicheren Sohlen und mit ihm spielen Wolken und Winde!»20 Man vermißt in allen seinen Schriften die dem Leben und dem Menschen zugewandte Seite Christi, es fehlt das Menschliche, Liebende, Teilnehmende, hier spricht in höchster Überweltlichkeit, sehr beredtsam und sehr abstrakt immer nur der Verächter des Allzumenschlichen, der Wortführer des in Gott erstorbenen, von Gott her verneinten und verworfenen und eben dadurch erneuerten Menschen. Aber man vermißt den liebenden Christus, man sieht nur den richtenden Christus des Michelangelo, den Zertrümmerer, Verneiner, Zerbrecher, der uns wahrlich zu sehr gefehlt hat, der jedoch ohne den liebenden, tiefmenschlichen Christus gar nicht begreiflich ist: Wahrlich, erst durch die Größe seiner Liebe wurde Christus der Weltenrichter, warf uns unwiderstehlich auf die Knie, ließ uns eine ganz andere Welt erkennen, als es die ist, in der unser sterbliches Lieben stammelt und unser irdisches Opfer seine Rauchsäule steigen läßt. |186 Und nun frage ich die Barth-Leute: Fürchtet Ihr garnicht, daß viele von euch durch eure einseitige Art des Aufschwungs über das Leben ärmer an Liebe, teilnahmsloser und gleichgültiger gegenüber dem lebendigen Menschen werden könnten? Wer sich so hoch über diese Erde erhebt, wie Ihr es tut, der gedenke an Zinzendorfs Wort: «Eines der gewissesten Kennzeichen des Lebens aus Gott ist die Bruderliebe.» Und unerschöpflichen Sinn für uns alle hat jenes Wort Christi: «Wie könnt ihr Gott lieben, den ihr doch nicht sehet, wenn Ihr Euern Bruder nicht liebet, 156 den Ihr doch sehet?» [vgl. 1.Joh. 4,20]. Bei vielen jungen Leuten, die von Barths Weisungen erfüllt sind und sich in Absolute geworfen haben, verrät sich nur zu deutlich ein Mangel an christlicher Liebe, Achtung, Sorgfalt für den Nächsten – auch in der Diskussiond; in ihrer Art, sich von allem Interesse an der Erneuerung der Gesellschaft abzuwenden und nur immer die letzten Inspirationen im Munde zu führen, offenbart sich nicht selten eine gewisse abstrakte Kälte, die nichts mit dem gemein hat, den des Volkes jammerte [vgl. Mt. 9,36 u.ö.], der seinen Jüngern die Füße wusch [vgl. Joh. 13,5] und der ebensosehr die allgegenwärtige Liebe, wie den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde verkörpert. Alle jene Verfechter des Absoluten und der Transzendenz haben den tiefsten Sinn der Lehre von der Trinität nicht erfaßt, sie sind ins Absolute geflüchtet, ohne von ihm aus zur Erde zurückzukehren, sie sind in Gefahr, Christus zu verlieren, um Gott zu gewinnen, sie verstehen nicht bis ins letzte, daß Gott nur in Christus wahrhaft gewonnen und begriffen werden kann – und zwar in der lebendigen Nachfolge Christi, die uns geboten ist, trotz der Tatsache, daß all unser Wollen nur Stückwerk ist und trotz aller uns auferlegten «Selbstvernichtung». Darum sind die allzu einseitigen Interpretationen, durch welche der Barth-Kreis alles Wasser auf seine Mühle zu leiten sucht, für die Jugend höchst gefährlich, gerade weil sie sich nur zu gerne von großen Abstraktionen und Einseitigkeiten fangen läßt. Eine in solchem Sinne beeinflußte Jugend wird eine ganz große Seite der inneren Vorbereitung auf «den neuen Menschen in Christus»21 gar nicht kennen, sie wird gewisse Erfahrungen gar nicht durchmachen, die für solche Einführung doch ganz unentbehrlich sind. Es fehlt dem ganzen Barth-Kreise die Würdigung der großen Mannigfaltigkeit der Wege, die für die Seelenführung sehr verschiedener Temperaturen und Geistesarten notwendig sind und deren relative Bedeutung man auch dann anerkennen muß, wenn man unbeirrt stets das höchste Ziel im Auge hat. Ein Beispiel: Thurneysen entwickelt in seiner Schrift über Dostojewski sehr treffend dessen «neue Anschauung» vom Leben und vom Menschen22; das Jenseits müsse ins Diesseits dringen, um zu lösen, zu |187 retten, zu heilen: «Das Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit» [1.Kor. 15,53]. Dann fährt er fort: «Alle die Züge und Beispiele neuen Lebens sind Zeugen für die dem Zugriff des Menschen gänzlich entnommene Gottesmöglichkeit der Vergebung. Mit irgendwelchen moralischen oder religiösen Steilflügen sind sie nicht zu verwechseln. Dafür hatte Dostojewski nichts übrig. Für F. W. Foersters Jugendlehre liefert er keine Exempel.»23 Merkwürdig, gerade in meiner Jugendlehre findet sich ein Beispiel aus Dostojewski[s] «Idiot» 📖, nämlich die Geschichte der «armen Marie»24, die der Fürst Myschkin den Kindern erzählt, damit sie aufhören, Steine hinter dem 157 Mädchen herzuwerfen. Sollte der Fürst etwa zu den Kindern von der neuen Anschauung vom Leben und von der Sündenvergebung sprechen? Nein, der erste Weg zu Christus besteht in der einfachsten Hinführung zur Liebe, zum Verstehen, zum Dienen. Erst wenn das laute Ichgeräusch verstummt und «der Andere» zu Wort kommt, eröffnen sich höhere Welten. Solche Elementarpädagogik gilt für jede Art von Seelenführung. Die Jugend jedenfalls kann man nicht mit der bloßen Verneinung aller natürlichen Anstrengung erziehen. Man kann sie nur dahin bringen, gerade bei dieser Anstrengung sich selber mit innerer Wahrhaftigkeit das Bedürfnis nach höherer Kraft einzugestehen. «Es ist Verdienst, die Gnade zu empfangen, sobald der Wille sich erschließt für sie», sagt Dante. Darum ist auch die Anregung des Willens, des tätigen Strebens nach oben, unbedingt notwendig, damit der innere Mensch für die Wirkung der Gnade «erschlossen» wird. Auf Michelangelos Gemälde von der Erschaffung des Menschen streckt Adam seinen Arm dem Schöpfer entgegen, um die letzte Belebung zu empfangen. Das ist das Geheimnis auch der Erziehung: die Kraft von unten her muß der Kraft von oben her entgegengeführt werden, wenn der Mensch für diese reif werden und die tiefsten Erfahrungen in bezug auf den eigenen Zustand machen soll. Alles kommt natürlich auf die richtige Rangordnung und Proportion der Einwirkungen an. Aber weder in der Erziehung, noch in der Selbsterziehung kommt man allein mit dem extremen und vielfach allzu abstrakten Paulinismus aus, den der Barth-Kreis in durchaus berechtigter Gegenstellung gegen viel moderne Verflachung als allein lebenschaffende Gottesdeutung gelten lassen will. Vielleicht kann folgendes zur Verständigung dienen: Der Barth-Kreis erkennt sehr richtig die Gefahr, die in jeder Deutung und Nachfolge liegt, die das Absolute in die Erscheinungswelt des irdischen Alltags hineinzieht. Die Welt könnte dadurch mehr entgöttert werden, als durch den ödesten Materialismus. Dennoch aber gibt Barth selber doch unumwunden zu: «Christ der Retter ist da!»25 Und das Wort: «Ein Beispiel habe ich Euch gege|188ben» [Joh. 13,15] ist nicht auszuschalten. Demgemäß behält Pestalozzi unbedingt recht, wenn er sagt, man solle «selbst im Geißenstall religiös sein», d. h. auf einen tierischen Stoß menschlich, bedachtsam, also von oben her reagieren. Diese Art von konkreter Nachfolge ist für die Einweihung der Seele in die christliche Forderung unendlich viel wichtiger als man meint – sobald man sich dabei nur immer klar bleibt darüber, daß es sich hier nur um blasse Gleichnisse, um ein erstes Bereitsein der Seele zur Abwendung von der Gesetzgebung der Tierheit und zur Hinwendung auf ein Reich höherer Impulse handelt, wobei natürlich der unerschöpfliche Sinn und Hintergrund jener von oben kommenden Beratung und Wegweisung noch nicht einmal geahnt werden kann. Wer freilich das Wort: «Steh auf, nimm dein Bett und wandle» [Mt. 9,6] schon als Aufruf zum «Titanismus»26 betrachten will, der müßte sich dann freilich 158 seinen Gegensatz zu den ausdrücklichsten Anweisungen des ganzen neuen Testamentes in vollem Umfange zum Bewußtsein bringen und vom Christentum zu Brahma übergehen. In der Tat sind manche Formulierungen des Barthschen Kreises schon dem Brahmanismus weit näher als dem Geiste Christi – womit keineswegs gesagt werden soll, daß unser europäisches Christentum, das sich vielfach in einen bloßen Materialismus der Nächstenliebe verloren hat, nicht durch Vertiefung in die metaphysische Größe und Kühnheit des Orients viel neue Belebung ältester und tiefster christlicher Erkenntnis und viel gesunde Distanz von der Welt wiedergewinnen könnte. Das hier Gesagte gilt nicht nur für die Seelenführung, sondern auch für die Kulturführung. Es ist vollkommen richtig, daß ein nur zu großer Teil moderner Kulturreform und Völkererneuerung von lauter Illusionen über die menschliche Natur gespeist und ohne tiefergehende Bearbeitung der Grundkräfte, sowie ohne «Besinnung auf den Sinn des Lebens, Erinnerung an den Ursprung des Menschen, Umkehr zum Herrn der Welt»27 in Bewegung gesetzt wird.e Wie wahr ist Calvins Wort: «Der Friede mit Gott ist das Gegenteil von al|189ler berauschten Sicherheit des menschlichen Fleisches».28 Wie unbestreitbar ist es, daß der wahre Friede mit den Menschen nur durch solchen Frieden mit Gott gesichert werden kann. Ohne solche Einsicht bleibt auch der Völkerbund, wie Rabindranath Tagore sagt, nur ein «Bund von Dampfkesseln». Dennoch ist es unhaltbar, wenn Barth der Kirche den Rat gibt, sich den Pazifismus ebenso vom Leibe zu halten wie den Militarismus.29 Nein, derjenige, der gesagt hat: «Bevor du zum Altar gehst, versöhne dich mit deinem Bruder» [vgl. Mt. 5,24], er hat es der Kirche ganz unmöglich gemacht, eine solche Stellung einzunehmen. Die Versöhnung mit dem Bruder ist eine Angelegenheit von metaphysischer Tragweite, sie geht weit über das Politische und Soziale hinaus, auf die Erlösung, und sie muß vom Christen selbst dann, und gerade aufs umsichtigste in Angriff genommen werden, wenn die Lehre von den institutionellen Mitteln der Völkerversöhnung auf nicht-christlicher Seite in sehr optimistischer Weise gepredigt und ohne Bewußtsein der religiösen Voraussetzungen und Erfüllungen dieses Werkes vertreten wird. Wenn ich einen Ertrunkenen retten will, so muß ich die Herztätigkeit durch äußere Bewegungen wieder in Gang bringen. Es ist so auch manchmal im gesellschaftlichen Leben und im Völkerleben nötig, die elementarsten inneren Bewegungen zur Wiederbelebung der Versöhnungskräfte zuerst durch äußere Institutionen in neue Funktion und Übung zu 159 setzen. Und außerdem sind solche Institutionen, ganz gleich, ob sie jedem Anprall der Leidenschaften gewachsen sind, dennoch äußere Hilfsmittel zur Besinnung, zur Rechtsfindung und zur Sammlung derer, die guten Willens sind, und sie haben darum einen unbedingten Anspruch darauf, von den Vertretern des Christentums gefördert und geehrt zu werden, – mindestens mit dem gleichen Rechte, mit dem die christliche Religion die staatliche Ordnung weiht und als Zuchtmeister auf Christum [vgl. Gal. 3,24] betrachtet. Und die gleichgültige und abstrakte Art, mit der heute noch, angesichts des drohenden Unterganges Europas durch unausdenkbare Zerstörungsmittel, die christlichen Kirchen die vom Pazifismus vertretenen Versöhnungshilfen und Versöhnungsgedanken beiseitestellen, statt sie entschlossen an sich zu ziehen und sie mit christlichem Geist zu füllen, ist wahrlich ein ganz erschreckendes Zeichen von Einseitigkeit, Rechthaberei und von mangelnder Kraft der Anwendung des Christentums auf das Leben. Wer nicht fühlt, daß jede ehrliche Synthese entgegengesetzter Interessen eine Bewegung der Kreatur auf Gott hin ist, der hat kein Organ für das geheimnisvolle Wirken Gottes in den Seelen und für die metaphysische Bedeutung der Seligpreisung, die dem «Friedfertigen» gilt [Mt. 5,9]. Jedenfalls ist auf diesem Gebiet der religiös-sittliche, synthetische Geist des deutschen Volkes und der institutionelle Geist der romanischen Völker und des Angelsachsentums unabweisbar zur Zusammenarbeit geschaffen. Das gleiche gilt für die soziale Frage. So tief wahr es ist, daß auch hier, und |190 vor allem hier das Wort zu beherzigen ist, daß «seine Gedanken» nicht unsere Gedanken sind [vgl. Jes. 55,8] und daß eine tiefdringende Befreiung von jenen unseren Gedanken nötig ist, um von Gott aus und im Frieden mit ihm menschliche Gegensätze zu entspannen, Recht zu finden, Interessen zusammenzuordnen – so unbestreitbar ist es auch anderseits, daß jeder lässige Verzicht auf das «omnia instaurare»30, jeder bloße Rückzug auf das Verhältnis «Gott und die Seele» nicht bloß die Welt in eine dampfende Hölle verwandelt, sondern auch den Friedensschluß mit Gott verhindert: Gibt es doch nichts, was so sehr «das Fleisch berauscht», als die sich selbst überlassenen Interessen- und Selbstgefühlskonftikte zwischen den Einzelnen, den Klassen und den Völkern. Ohne tatkräftigen guten Willen zur Überwindung dieser Rauschzustände wird der Mensch von Gott gar nicht angenommen, er kann Gottes Gedanken nicht ahnen, ehe er nicht die Gedanken seines Nächsten zu verstehen gesucht und ehrlich aus dem Krampfzustand der eigenen Rechthaberei herausgetrachtet hat. Wahrlich auch für diese Hinführung zu Gott ist das Wort gesagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!» [Joh. 14,6].

Gegenrede zu dem Aufsatz von
Friedrich Wilhelm Foerster

Foerster ist mir, nur mit einer kleinen und wie es scheint wohl berechtigten und wohl annehmbaren Ergänzung meiner Gedanken bewaffnet, so freundlich weit entgegengekommen, daß es für mich wirklich keine angenehme Aufgabe ist, ihm nun, da die Schriftleitung mich dazu auffordert, ehrlich antworten zu müssen: Ich lehne nicht nur jene kleine Ergänzung ab, sondern ich weiß mich auch in dem, worin er Einigkeit zwischen uns feststellen zu können meint, durchaus nicht mit ihm einig. Ich sage das auch darum ungern, weil ich wirklich keine Neigung habe, den sonstigen Gegnern F.’s und besonders den Theologen unter ihnen Freude zu machen. Zwar tröstet mich in dieser Hinsicht einigermaßen der Gedanke, daß das, was ich gegen F. habe, dasselbe ist, was ich auch gegen sie habe. Aber ich gestehe offen, daß ich viel darum gäbe, wenn |191 F. diesen Aufsatz nicht geschrieben und mich der Notwendigkeit, gegen ihn zu schreiben, nicht ausgesetzt hätte. Denn etwas Anderes als Streit kann ich den friedliebenden Lesern des «Neuwerk» diesmal leider nicht in Aussicht stellen.

1. F. sagt selbst, daß er von der «pelagianischen» Welt kommt. Er meint damit, wenn ich ihn recht verstehe, von einem immanent-ethischen Erziehungs- und Kulturideal her, das ohne Gott, ohne Christus, ohne Geist in naiver Illusion anfängt und endigt bei der Sehnsucht, den Bedürfnissen, den Kräften und Möglichkeiten des Menschen. Er meint jetzt nicht mehr dort zu stehen. Wozu ich die Bemerkung nicht unterdrücken kann, daß Pelagius ein sehr ernster christlich-frommer Mann gewesen ist, von dem F. vielleicht doch nicht so schnell abrücken dürfte. Was ist denn der Tatbestand? F. hat in der Tat sein Programm durch Aufnahme einiger unzweifelhaft religiöser Gesichtspunkte bereichert. Er hat als Moralphilosoph und Pädagoge den Wert und die Brauchbarkeit gewisser christlicher Ideale, ja schließlich des ganzen christlichen Dogmas, so wie er es versteht, für die ihn beschäftigende Aufgabe der «Seelenführung» und «Kulturführung» eingesehen. Er hat die Trinität und die Kirche in seinen Heilsplan aufgenommen, in den Dienst seines gewiß wohl gemeinten Unternehmens gestellt. Seine Lehre hat insofern ein christliches Vorzeichen bekommen, als er jederzeit in der Lage ist, sie in christlicher Sprache vorzutragen. Warum nicht? Die Theologen unter seinen Gegnern machen es auf ihre Weise und zu 243 ihrem Zwecke genau so: Man hat zuerst ein ethisches Programm, und dann bedient man sich dankbar und begeistert des Christentums. Ob man dabei von den Humanitäts- und Erziehungsidealen der Aufklärung oder von Bismarck und Treitschke herkommt, das kann einen grundsätzlichen Unterschied nicht ausmachen. Aber Mißtrauen gegen das, was bei diesem Vorgehen aus dem Christentum wird, ist nach beiden Seiten gleich am Platze – ohne Anzweiflung des persönlichen Ernstes und der lauteren Absicht der Betreffenden, aber bestimmtes Mißtrauen sachlicher Art. Auch wenn, wie im Falle F.’s, dem grundsätzlichen Protest gegen die Säkularisierung des Göttlichen «fast ganz» zugestimmt wird, auch wenn die radikalsten christlichen Worte vom Gottmenschen, vom Kreuz, von der überweltlichen Gnade zu vernehmen sind. Ist nicht das mit heimlicher Ungeduld angestrebte Ziel aller dieser Aussagen der Moment, wo es sich beruhigenderweise zeigt, daß die Sache auch noch eine |192 «andere Seite» hat: daß dem strebenden Bemühen31 des Menschen die Gnade, der Kraft von unten die Kraft von oben begegnet, daß Adam zu seiner «letzten Belebung» (also doch wohl im kritischen Augenblick!) das Seinige tun muß und kann, alles in der richtigen Rangordnung und Proportion natürlich, aber doch so, daß das Ganze sich als ein ins Kosmische verlängertes «Geheimnis der Erziehung» abspielt, bei dem gerade das «Tiefste im Menschen» bestärkt und bestätigt wird? Mit derselben Einordnung von Gott und Ewigkeit in einen selbstentworfenen Erziehungsplan pflegen dann die Anderen, deren «Gott» etwas irrationalere Gesichtszüge aufweist als der F.’s, z. B. die christliche Rechtfertigung des Krieges zu begründen. Woher wissen sie, woher weiß F., daß Gott ausgerechnet ein Erzieher ist, daß das Verhältnis von Gott und Mensch sich ausgerechnet in Form einer Schulstunde abspielt, bei der der eigentlich Gewinnende und Triumphierende doch zweifellos der kluge und fleißige Schüler, d. h. der Mensch ist? Sollte F. je aufgehört haben, ein «Pelagianer», d. h. ein christlicher Moralist zu sein, wie er im Buche steht? Wie wohl könnte ich mich mit seiner Lehre abfinden, wenn sie offen und ehrlich heidnisch sich gäbe! Wie wohl könnte ich mich mit F. verständigen, wenn er nicht so christlich geölt wäre! Nun aber braucht er das Christentum für ein Weltbild, in dem für die hoffnungslose Not des Menschen und für Gottes Barmherzigkeit kein Raum ist. Denn der Mensch, der seine «letzte Belebung» selbst besorgt, ist sicher nicht hoffnungslos dran. Und der Gott, der den Menschen als ein ins Metaphysisch-Gigantische ausgewachsener Lehrer gegenübersteht, ist sicher nicht der barmherzige Gott. Das ist’s, dieser Mißbrauch und diese Entstellung des Christentums, was ich gegen F. habe. Er hat auf dem Höhepunkt seiner Gedankenführung den Namen Dantes genannt. Ich kenne Dante und die klassischen Denker des Mittelalters zu wenig, um 244 mir ein positives Urteil darüber zu erlauben, ob dieser Appell an den Thomismus und überhaupt an die Lehre der katholischen Kirche legitim ist oder nicht, aber ich bezweifle es. Michelangelo glaube ich soweit verstanden zu haben, um F.’s Heranziehung des Adamsbildes32 zur Illustration seiner so gänzlich menschlichen Lebenstheorie |193 ernstlich beanstanden zu dürfen. Sicher weiß ich aber, daß die mit den Namen Dantes und Michelangelos geschmückte angeblich christliche Lehre, die F. mir gegenüber vertritt, genau das ist, was die Reformatoren grundsätzlich und entschieden meinten bekämpfen zu müssen.

2. Es scheint, daß es irgendwo «junge Leute», «Barth-Leute» gibt, die sich F. unangenehm bemerkbar machten dadurch, daß sie sich, ich weiß nicht mit welcher Rücksichtslosigkeit gegen ihren Nächsten, «ins Absolute geworfen haben» und, nicht genug daran33, nun auch noch «zu völligen Anachoreten» zu werden drohen. Wie lieblos! Und daraufhin hat dann also F. zu unsern Schriften gegriffen und neben allerlei, dem er zustimmen zu können glaubte, auch einige Stellen (bes. solche, in denen er seinen Namen erwähnt sah) gefunden, die seinen Widerspruch erregten. Steht die Geringfügigkeit dieser Anlässe nicht in einem seltsamen Mißverhältnis zu dem gewaltigen Apparat, den sein Aufsatz entwickelt? F. wäre wirklich zu bedauern, wenn er auf alle Unartigkeiten «junger Leute» und auf alle polemischen Erwähnungen seines Namens so eifrig und ausführlich eingehen müßte wie auf die Exzesse der bewußten zukünftigen Anachoreten und auf die paar doch recht seltenen und zahmen Antastungen, die ihm von Thurneysen und mir gelegentlich (und nie anders als beiläufig) widerfahren sind. Warum tut er gerade uns diese Ehre an? Ich kann mir das Rätsel nicht anders erklären als daraus, daß F., daran gewöhnt, das wilde nationale und sonstige Barbaren- und Berserkertum mit Hilfe des Christentums siegreich zu bekämpfen, bei uns auf einmal auf den für ihn viel verdrießlicheren Widerspruch gestoßen ist, daß das Christentum sich ihm sowohl wie seinen gewohnten Gegnern als Mittel zum Zweck versage, daß es in sich selber Zweck sei und in den Rahmen eines Wohlfahrts-, Erziehungs- und Kulturprogramms eingespannt zu werden – und wäre dieses noch so34 edel, hilfreich und gut35, und wäre sein metaphysischer Hintergrund noch so weltenweit - sich entschieden verbitte. Das ist’s jedenfalls (die «Barth-Leute» mögen |194 ihre Sache selber führen!), was Thurneysen und ich an jenen Stellen beiläufig gegen F. bemerken wollten, nachdem wir es nach der andern Seite (den etwas irrational-nationaleren «Erziehern» zugewandt!) oft genug bemerkt haben. Und daß das gegen F. zu bemerken ist, dabei müssen wir bleiben, angesichts seines heutigen Aufsatzes mehr als je. Foerster irrt, wenn er meint, jenes «trotz Foerster» S. 23 meines Tambacher Vortrags unter Berufung auf sein Eintreten für «Selbstverantwortung» und «Eigenleben» als groteske Verkennung ablehnen zu 245 können. Denn eben das, worum es ihm nach dieser seiner eigenen Aussage geht, daß der Schüler (der Mensch!) sich selber Autorität werde, eben das sei, meinen wir, christlich betrachtet als die gefährlichste aller Autoritätspagoden anzusehen. Und wie viel besser wäre es gewesen, wenn F. Thurneysen gegenüber auf den Triumph verzichtet hätte, ihm nachzuweisen, daß Dostojewski ihm für seine «Jugendlehre» tatsächlich doch ein Exempel geliefert habe. Denn nun muß ich den Leser schon bitten, sich an Ort und Stellef selbst zu überzeugen, ob F. mit der doppelt «armen Marie» (hineingestellt zwischen die Geschichte vom Dienstmädchen und die von der «geflickten Hose» unter dem gemeinsamen Titel «Ein Blick hinter die Kulissen»!)37 nicht genau das getan hat, was wir bei ihm beanstanden: die Ausbeutung und handgreiflichste Auspowerung der christlichen Wahrheit zu einem an sich löblichen und rechten, aber ihr selbst ganz fremden Zwecke. Die Pointe des heutigen F.’sehen Aufsatzes besteht in dem Nachweis, daß das Christentum, wie wir es darstellten, zur Erziehung nicht zu gebrauchen sei. F. findet sich in dieser Anklage mit Harnack38 und noch so manchem unserer Kritiker. Wir bestreiten aber |195 die Voraussetzung dieses Einwands. Wir bestreiten, daß das Christentum dazu da sei, um sich von uns brauchen zu lassen. Über diese Voraussetzung hätte F. sich äußern müssen, wenn er uns und die ungebärdigen «jungen Leute» wirksam belehren wollte.

3. Die christliche Wahrheit läßt sich nicht brauchen. Sie will uns brauchen. Sie will Subjekt sein, nicht Objekt. (Wenn mir doch F. an dieser Stelle mit der klärenden Offenheit, die Harnack neulich bewiesen hat, antworten würde, das sei ihm «total unverständlich»39!) Sie steht uns in keinem Punkt zur Verfügung, so daß wir «fast ganz» sie anerkennend, irgendwo und irgendwie unsere «letzte Belebung» von uns aus vollziehen, d. h. aber (denn das ist gleichbedeutend!) mit der Wahrheit anfangen könnten, was wir wollen. Nein, sie verfügt selbst und allein, oder sie ist nicht die Wahrheit. Wir haben keinen Weg zu ihr; sie ist nach dem von F. zuletzt zitierten Wort selbst der Weg, oder sie ist nicht die Wahrheit [vgl. Joh. 14,6]. Es gibt also kein sich «Erschließen» für sie, keine «Vorbereitung» ihres Sieges weder elementarer noch sublimer Art, keine «Einführung» in sie, weder durch Religion im Geißenstall, noch durch «Selbstvernichtung», noch durch den Völkerbund. Sie kommt und siegt selbst, oder sie ist nicht die Wahrheit. Sie läßt sich auch nicht zerlegen in verschiedene Stufen der «Erfahrung»; sie ist in allen Erfahrungen des Menschen dieselbe Wahrheit; sie stellt den Menschen vor Gott. Und daß der Mensch vor Gott gestellt ist, das bedeutet, daß er ein Sünder ist, den Gott seinen Heiligen nennt; alles Mehr oder Weniger |196 würde hier bedeuten, daß er 246 gar nicht vor Gott gestellt ist. Und das ist dann ein Christentum der von F. postulierten «Synthese», bei der jedem «ganz präzis das Seine» wird, nämlich dem Menschen seine Sünde und Verdammnis und Gott seine unbegreifliche Gnade. Diese Synthese als Wirklichkeit, das ist die christliche Wahrheit. F. beweist nur, daß er von Allem noch gar nichts verstanden hat, wenn er über das, was er Christentum nennen oder nicht nennen will, entscheidet nach dem Gesichtspunkt seiner Brauchbarkeit für Kultur und Erziehung, mit der Frage, ob man etwas damit anfangen könne. Mit dem Anfang kann man nichts anfangen; er ist eben der Anfang. Auch der Anfang von Kultur und Erziehung, aber der Anfang. Und das behauptet das Christentum zu sein: der Anfang. Wer mit dieser seiner Behauptung nicht mindestens rechnen will, der sollte lieber die Hände davon lassen. Hier ist nicht die «gesunde» Distanz, die F. an den orientalischen Religionen meint rühmen zu dürfen, sondern die sehr ungesunde Distanz von Leben und Tod, bei der auch das von F. gerühmte «Tiefste im Menschen», auch die «letzten Reste eines eingeborenen Protestes unserer höheren Natur» auf die Seite des Todes zu stehen kommen; denn die Sache mit dem von F. angezogenen Wort Jes. 6,5 ist wirklich ein wenig ernsthafter, als er denkt. Hier wird von einer «Bewegung der Kreatur auf Gott hin», von den «Friedfertigen» der Bergpredigt [Mt. 5,9], von der Versöhnung mit dem Bruder auf alle Fälle nicht im Zusammenhang mit Völkerbund und Pazifismus oder mit den sich ergänzenden vortrefflichen Eigenschaften der verschiedenen Völker die Rede sein können. Hier wird man das Wort des Herrn: «Steh auf, nimm dein Bett und wandle!» [Mt. 9,6] ein Wort des Herrn sein lassen, in dessen Mund es Kraft und Herrlichkeit ist, während es in meinem oder F.’s Mund zur Phrase oder zur Tollheit würde. Hier darf sich die Kirche in der Tat weder durch den Militarismus noch durch den Pazifismus das Konzept verwirren lassen, sondern muß mitten durch die -ismen, mitten hindurch durch die «Gottlosigkeit des Menschen im Bösen und im Guten»40 ihren eigenen Weg wieder gehen lernen. Hier ist’s ja gerade nicht der eingeweihte, vorbereitete, erzogene Sünder, sondern der Sünder schlechthin, der Sünder als solcher, |197 dem Gott gnädig ist. Und das eben und nichts Anderes ist dann «die dem Leben und den Menschen zugewandte Seite Christi», und das immer wieder und auf allen Stufen der «Erfahrung» und auf der höchsten, wo der Pharisäer steht, am allermeisten! – «allzuabstrakter Paulinismus?» Nun ja, darüber kann man verschiedener Meinung sein.

4. Aber «man vermißt …», schreibt F., beklagt sich merkwürdig pathetisch über die Unart jener jungen Leute und meint, mich auf die Notwendigkeit der «Anwendung des Christentums auf das Leben» aufmerksam machen zu müssen, als ob er es mit einem quietistischen Lutheraner und womöglich mit einem verkappten Ludendorff-Theologen41 247 zu tun habe. Ich will nun gewiß nicht bestreiten, daß an meiner und der «jungen Leute» und einiger anderer Leute Art und Unart allerhand sehr Wesentliches zu «vermissen» ist. Aber F. hat doch etwas Grundsätzliches sagen wollen, auf das ich grundsätzlich antworten darf. Seine Meinung ist die, daß eine ganz bestimmte moralisch-politische Haltung, nämlich der kosmopolitische Humanitarismus des europäischen Westens, die notwendige Vorbereitung, Einführung, Einweihung für die Gnade, der «Weg zu Christus» sein müsse. Wenn er diese «Anwendung des Christentums auf das Leben» bei mir «vermißt», so hat er allerdings recht. Eine «Anwendung des Christentums auf das Leben», bei der Christus erst Folge und Ziel und nicht schon Voraussetzung ist, halte ich nicht nur für einen Verrat am Christentum (weil sie es zum Hebel einer philosophischen Moral macht, deren einwandfreie Überlegenheit gegenüber der der Wotanspropheten und Fichteschulmeister erst nachzuweisen wäre!), sondern auch für ein vom wirklichen «Leben» aus gesehen ganz und gar aussichtsloses und unerhebliches Unternehmen (weil dem «Leben» mit Moral beizukommen noch nie gelungen ist noch gelingen wird. Das «Leben» fügt sich nur dem Herrn des Lebens). Ich meinerseits denke: die selbständig gültige und sich behauptende christliche Wahrheit, daß Gott den Sünder seinen Heiligen nennt, genügt zur |198 Begründung auch der Ethik. Sie (sie allein) setzt die zehn Gebote in Kraft. Sie (sie allein) macht die vielberufene Liebe aus einem sentimentalen Postulat zu einer Notwendigkeit. Sie (sie allein) öffnet dem Menschen die Augen über sich selbst und reißt die Schranken nieder, die ihn von seinem Nächsten trennen. Sie ist (aber nicht wo sie Mittel zum Zweck, sondern nur wo sie selbst Zweck ist!) der endgültige Riegel, der aller (aber wirklich aller!) menschlichen Velleität, Heuchelei und Überheblichkeit vorgeschoben ist. Sie stellt den Menschen zwar auf keine Himmelsleiter, wohl aber auf einen unter Furcht und Zittern [vgl. 2.Kor. 7,15 u. ö.] und doch nicht ohne letzte Ruhe anzutretenden Wanderweg hienieden. Sie gibt ihm mit der unüberhörbaren Erinnerung, daß Gott im Himmel ist und er auf Erden [vgl. Pred. 5,1], die Freiheit zu einer humanen, irdischen, kraft jener Erinnerung sachlichen Betrachtung seiner Lebensmöglichkeiten. Sie erlaubt, ja sie gebietet es ihm, auch auf Erden zu hoffen und für das, worauf er hofft, zu arbeiten. Sie ermöglicht die Aufgabe, ja sie macht sie unvermeidlich, die jungen und die alten Menschen zu erziehen (weil sie die unübersteigbaren Schranken zeigt, innerhalb deren wir zu laufen haben [vgl. 1.Kor. 9,24], weil sie die Kritik am Menschen ist, in der sich, nüchtern betrachtet, das erschöpfen dürfte, was durch Pädagogik allenfalls für ihn zu tun ist, weil sie die vielvermißte42 wirkliche Autorität ist, die, wenn ich’s recht verstehe, das Problem und die Summa aller Pädagogik ist). Doch kann das alles nur da gelten, wo das Christentum ganz und gar nicht um seiner 248 pädagogischen Dienlichkeit willen in Kraft steht. Sie ist (aber nicht wo sie als das, sondern nur wo sie um ihrer selbst willen gesucht wird!) die Antwort auf die nationalen, wie auf die sozialen Fragen (vor allem weil sie die Entleerung und der Tod der falschen Religionen und Ideologien ist, die das Gift und den Stachel der kämpfenden Mächte bilden – aber dazu gehören nicht nur die, gegen die F. zu polemisieren pflegt). Sie ist allerdings zu ernst, um uns gewisse Illusionen mit metaphysischen Hintergründen (z. B. betr. das «von oben reagieren» gegen «tierische Stöße»!!) zu erlauben, aber Pestalozzi hat ganz recht: sie steht über dem Größten wie über dem Kleinsten unsres Lebens als das Maß, an dem Alles gemessen, als die aufgehobene Hand, die bei jedem Schritt zu beach|199ten ist. Täte sie es nicht, so wäre sie nicht die christliche Wahrheit. Wie anders soll denn der Mensch vor Gott stehen denn mit seinem Leben, d. h. in seiner Beziehung zu den Andern, in der Gemeinschaft? Von einem «Rückzug» auf das Verhältnis «Gott und die Seele»43 kann darum nicht die Rede sein, weil gerade in diesem Verhältnis das Problem der Ethik gestellt ist. Was gibt es da eigentlich zu «vermissen»? Außer dem Einen, was F. allerdings nach wie vor vermissen wird, daß christlich verstanden der Sünder wohl ein Heiliger ist, aber nicht wird, sondern als Heiliger, unentrinnbar vor das Problem der Ethik unter das Gesetz gestellt, ein Sünder im Vollsinn des Wortes ist und bleibt. Aber ist das nicht die «Anwendung des Christentums auf das Leben»: daß die Wahrheit eben die Wahrheit ist und daß wir sie als solche stehen lassen in ihrem ganzen tiefen, beunruhigenden und beweglichen Ernst, daß sie nicht von uns («Behüt mich, Herr, vor falscher Lehr»!44) geleugnet, verfälscht und verraten, aus Gotteswahrheit zur Weltwahrheit, aus dem Zweck zu einem Mittel gemacht, nicht pelagianisiert und hellenisiert werde?

5. Ich darf um der sonstigen Gegner F.’s willen nicht unterlassen, ausdrücklich hinzuzufügen, daß ich dem Kampf gegen die offizielle Geistigkeit der wilhelminischen Ära Deutschlands, den er besonders seit 1914 aufgenommen, alles Einzelne vorbehalten, mehr Recht auf seiner als auf der entgegengesetzten Seite sehe. Aber nachdem das gesagt ist, muß ich auch das Weitere sagen: daß ich diesen Kampf, unternommen auf Grund der von F. in seinem heutigen Aufsatz entwickelten Voraussetzungen, nicht nur für aussichtslos, sondern auch für schädlich, geeignet zur Bestärkung des bekämpften Gegners, halte. So kann es nicht gelingen.

200
Schlußwortg

Eine Verständigung zwischen den beiden im Vorangehenden begründeten Standpunkten scheint mir nicht erreichbar. Barth ist der leidenschaftliche Spezialist des Römerbriefes, mit aller Stärke und aller Schwäche des gelehrten Spezialismus – ich bin ein Mensch der Synthese, gewiß ebenfalls mit allen Schwächen und Stärken dieser Art von Betrachtungsweise. Wo immer ich Barths Darlegungen lese, da habe ich den Eindruck, als gäbe es nur den Römerbrief, die vier Evangelien aber seien der Welt verloren gegangen, auch der Corintherbrief sei noch nicht entdeckt worden.h Barth ist in seiner einseitigen Interpretation so gefangen, daß er dann «nicht nur – sondern auch» gemacht zu verstehen vermag. Vielleicht ist diese Einseitigkeit heute gar nicht heilsam46 als Gegengewicht gegen alles das, was man Harnack’sche Betrachtungsweise nennt, also gegen jene bloße Humanisierung des Christentums, wie sie in Harnacks «Wesen des Christentum 📖» so typisch zum Ausdruck gekommen ist. Gleichwohl müssen auch Menschen da sein, die die Barth’sche Übertreibung als solche kennzeichnen. Gegenüber Barth und manchen seiner Gesinnungsgenossen kommt mir immer wieder die Frage: Ist man nicht in Gefahr, in Größenwahn zu fallen, wenn man nicht etwa nur irgend einer Zeitmode oder Zeitkrankheit als Vereinzelter widerspricht, sondern gegenüber 20 christlichen Jahrhunderten nur eine ganz ausgeprägte, stark isolierte Deutung als alleiniges Christentum und allein getreue Gottesdarstellung hinstellt? Wer so stark die Sündenschranken 328 des Menschen untersteicht, sollte der nicht auch etwas mehr Verständnis für die Beschränktheit jeder individuellen Deutung der göttlichen Dinge haben?

201 Weil Barth mein «nicht nur – sondern auch» nicht versteht, darum muß er wohl dabei bleiben, zu meinen, ich wolle das Christentum nur seiner pädagogischen Dienlichkeit willen gelten lassen und es für meine ethischen Zwecke brauchen; das Christentum aber werde nicht gebraucht, sondern es brauche uns. Ich wehre mich aufs Nachdrücklichste gegen diese Darstellung meiner Betrachtungsweise. Ich bin durch viele Barth’sche Formulierungen gerade deshalb aufs Stärkste angezogen worden, weil sie genau dem entsprechen, was mir selber schon bei der Lektüre der genannten Harnack’schen Schrift klar geworden war und was mich bei der Beschäftigung mit den tieferen Autoren des Katholizismus gepackt hatte: nämlich eben die Einsicht in den Sinn von Hiobs Schweigen und in die Notwendigkeit der Befreiung vom Menschlichen, Allzumenschlichen, von allen irdischen Zwecksetzungen und Formeln, damit das, was über der Erde und über dem Menschen ist, ungehindert in uns wirken könne und uns in das richtige Verhältnis zu uns selbst und zu unserer sogenannten «Kultur» setze. Ich bleibe aber unbedingt dabei, daß die Evangelien unzweideutig auch noch andere Weisungen enthalten, als alles das, was Barth sehr treffend als «Kritik am Menschen» bezeichnet, was aber nur ein Mittel der göttlichen Führung der Seele ist. Wir sind trotz allem eben doch zur Nachfolge aufgerufen, es ist uns gesagt, daß wir den «Willen tun» sollen, um die Lehre zu verstehen, es ist uns die metaphysische Tragweite unseres Verhältnisses zum Mitmenschen enthüllt und eben deshalb gehören auch alle Bestrebungen zur Aussöhnung der Klassen und der Völker, wenn sie wahrhaft und religiös und nicht blos humanitär begründet werden, unbedingt in die Kirche hinein.i Die Ermutigung des Sünders und die Ermutigung der Nachfolge widersprechen einander scheinbar, aber gerade in dieser Synthese der Widersprüche liegt jedoch die Universalität des Christentums: Ist es doch auch die Nachfolge, die die stärksten Erfahrungen für die Vertiefung des Sündengefühls schafft! In dem Barth’schen Paulinismus kommt nicht etwa die menschliche Pädagogik, sondern die Pädagogik Jesu selber zu kurz, es fehlt der menschliche, liebende, versöhnende, verstehende Christus, der «Ver328körperer» Gottes auf Erden, solches aber ist eine falsche Methode der berechtigten Gegenwirkung gegen die moderne Vermenschlichung Christi; Einseitigkeit kann nur durch Universalität, nicht aber durch die entgegengesetzte Einseitigkeit überwunden werden.

Originalfußnoten

a
Barth sagt («Der Christ in der menschlichen Gesellschaft», S. 23 📖14): «Es ist die Autorität an sich, gegen die sich die moderne Jugendbewegung aller Schattierungen richtet, und wer heute Erzieher sein will, der muß in diesem Kampf, trotz Foerster, grundsätzlich auf ihrer Seite stehen.» Als ob nicht meine ganze pädagogische Arbeit völlig unzweideutig gegen die Autoritätspagoden gerichtet wäre und die Lehrerwelt für das Regime der Selbstverantwortlichkeit und der Freiheit und für sorgfältige Achtung des Eigenlebens ihrer Schüler zu gewinnen suchte! Wenn ich Barth einen Pelagianer nennen würde, könnte ich nicht mehr fehlgreifen, als er es in jenem Urteil über den Sinn meiner Pädagogik getan hat.↩
b
Wie sehr recht gebe ich Barth auch darin, daß er in seine Paulusdeutung und in seine Kritik des modernisierten Christentums häufig Nietzschesche Äußerungen hineinzieht!17 Die christliche Apologetik hat sich Nietzsches viel zu wenig bemächtigt – vielleicht gerade weil man selber viel zu sehr in das verstrickt war, was Nietzsche nicht müde wird, anzugreifen, nämlich jene Einbildung auf Kulturerrungenschaft, allgemeine Bildung, Stimmrecht, die uns vergessen läßt, wieviel diese ursprünglich von Gott gekommene und dem brutalen Naturrecht des Stärkeren abgerungene Befreiung doch wieder dazu beigetragen hat (durch ihre Loslösung von echter Ehrfurcht und Gottesfurcht) den Menschen dem Übermenschlichen, Übernatürlichen zu entfremden und ihn voll hochmütiger Einbildung in seinem «mondo piccolo» zurückzuhalten.↩
c
Barth spricht vom «eilfertigen Menschendienst» und erinnert daran, daß Gott «nicht so wohlfeil zu haben» sei. Wir müßten zunächst zurückschrecken vor der Aufgabe, das Göttliche auf das Leben zu beziehen und es dadurch zu verengen.18 Ähnliches wird auch in Nietzsches Zarathustra gesagt. Die «letzte Stunde»19 des Propheten besteht darin, dem Notschrei der Menschheit das Ohr zu leihen, sich von unten her bestimmen zu lassen, durch die Bedürfnisse der Leidenden, statt diesen Bedürfnissen von oben her zu antworten, höhere Bedürfnisse zu wecken, neuen Sinn des Leidens zu erschließen, kräftigendere Hilfe zu ersinnen. Vierzig Tage und Nächte in der Wüste verbrachte selbst der Sohn Gottes, um den Willen Gottes zu erfassen, ehe er auf das Menschenleben einwirkte.↩
d
«Wir sind für Dostojewski, nicht für Tolstoi», hörte ich solche Barthianer sagen. Antwort: Nein, euch fehlt noch die Menschlichkeit und die einfache Demut Dostojewskis, euer Geisteszustand ist demjenigen Tolstois weit verwandter als ihr ahnt.↩
e
Natürlich ist es wiederum wahr, daß die rechte Versöhnung mit dem Mitmenschen auch wieder eines Standpunktes über dem Leben und über dem Menschen bedarf, ein höchstes Gut, auf das sie bezogen, von dem sie ihr Maß, ihren Sinn, ihre Kraft empfängt. Und dennoch ist es eben das Geheimnis der göttlichen Ratschläge, daß wir gleichwohl aufgefordert werden, von uns aus mit der Versöhnung zu beginnen, bevor wir zum Altar kommen, erst dann empfangen wir dort die höchsten Erleuchtungen und sind fähig, sie zu verstehen. Der Wille muß sich «erschließen».↩
f
Jugendlehre, in der mir vorliegenden Ausgabe von 1907 S. 361ff. 📖, vgl. Dostojewski, Der Idiot, Pipersche Ausgabe Bd. I, S. 129ff 📖.36↩
g
Wir bedauern, daß die Auseinandersetzung zwischen Herrn Prof. Foerster und Herrn Prof. Barth sich durch drei Hefte hindurch zieht. Weil Herr Prof. Foerster gewünscht hatte, daß sein Aufsatz nicht im selben Heft seine Erwiderung finde, damit der Leser Zeit zur Verarbeitung des Gelesenen finde, hatte sich Herr Prof. Barth in Hinsicht auf seine Antwort Gegenrecht ausbedungen, und es war der Schriftleitung nicht möglich, die Aussprache in eine oder zwei Nummern zusammen zu drängen. E. B.45↩
h
Ein evangelischer Theologe, Albert Schweitzer von Straßburg, hat bekanntlich Medizin studiert, um als Arzt nach Afrika zu gehen und im Sinne einer «Kultursühne» den Eingeborenen in ihren körperlichen Leiden beizustehen. Ich frage mich: Könnte ein solches, wahrhaft im Geiste Christi begonnenes Unternehmen seine Inspiration aus der Barth’schen Theologie haben? Nein, unmöglich, es ist etwas in dieser Theologie, was zum Quietismus führt, und eben weil ich diese Gefahr selbstgenügsamer Passivität in der Verehrung des Absoluten bei einer von Barth beeinflußten Jugend feststellen mußte, drängte es mich zu dieser Aussprache. (Also nicht, wie Barth annimmt, um gegen irgendwelche Kleinigkeiten zu polemisieren.) Es gibt aber manchmal Kleinigkeiten, die symbolisch und typisch sind und an denen man vieles klar machen kann, was durch abstraktes Argumentieren nicht helle wird.↩
i
Ich bleibe auch dabei: Dostojewski war nicht so einseitig und theoretisch wie manche seiner Interpreten. In allen seinen Schriften predigt er die Übung in der Liebe, im Mitempfinden, im Opfer als ein Mittel, die innere Verhärtung, den Ich-Krampf zu überwinden und dadurch empfänglich zu werden für «die Lehre». Auch die einfachste Liebe ist ein «Zuchtmeister auf Christum» hin - möchten dies gerade die Verehrer Barths aus den Kreisen der Jugendbewegung nicht vergessen und sich durch Vertiefung in die Evangelien und insbesondere in den Johanneischen Geist ein Gegengewicht schaffen gegen die gefährliche Einseitigkeit, die mit all den hochbedeutsamen Hinweisen Barths verbunden ist.↩

Sachfußnoten

1
Will(y) Völger (1893–1968), ab 1921 Redaktor von «Neuwerk», 1922 Pfarrer, 1927 Bezirksjugendpfleger in Kassel, 1930 Professor für Religionswissenschaft an der Pädagogischen Akademie Stettin, 1932 Pastor in Katzow, 1947 Propst in Stralsund, 1953 Lehrbeauftragter für christliche Sozialethik an der Universität Greifswald.↩
2
Friedrich Wilhelm Foerster (1869–1966), 1895–1899 Schriftleiter der Zeitschrift «Ethische Kultur», 1899–1912 Dozent für Philosophie in Zürich, 1913–1914 Professor für Philosophie in Wien, 1914 Inhaber einer Professur für Pädagogik in München bis zu deren Niederlegung 1920, danach als Publizist tätig. In seinem Buch Erlebte Weltgeschichte 1869–1953. Memoiren, Nürnberg 1953 📖, schildert Foerster sein Leben als andauernden Kampf gegen den Nationalismus, vor allem den deutschen. Auf diese Frontstellung scheinen sich im folgenden Text Barths die wiederholten Anspielungen auf Foersters «sonstige Gegner» zu beziehen.↩
3
«Ich habe Ihnen durch unsere Druckerei Steinfeld in Schlüchtern ein Msk. von Fr. W. Foerster über seine Stellung zu Ihnen schicken lassen. Da unser Kreis doch starkes Interesse (mehr wage ich nicht zu sagen, da ich die ‹Jungen› nicht mehr kenne) an Ihnen und Ihrer Arbeit nimmt, hielt ich es für ratsam, den uns durch A. D. Müller angebotenen Aufsatz anzunehmen, möchte Sie aber gleichzeitig bitten, falls Sie Zeit und Nötigung dazu haben, dies oder jenes an dem Aufsatz ins rechte Licht zu rücken. Vielleicht in Form von Thesen, die Sie ja so meisterhaft zu handhaben wissen. Oder ist der Wunsch unbescheiden?» (Original im Karl Barth-Archiv, Basel).↩
4
Bw.Th. II, S. 173. 📖↩
5
A.a.O., S. 175 (18.6.1923). 📖↩
6
A.a.O., S. 175f. 📖↩
7
A.a.O., S. 177. 📖↩
8
A. D. Müller hatte Barth in einem Brief vom 27.6.1923 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel) mitgeteilt: «der Aufsatz [Foersters] entstammt einem größeren Buch über die Jugendbewegung». Gemeint ist das wenig später erschienene Werk von Fr. W. Foerster, Jugendseele, Jugendbewegung, Jugendziel, Erlenbach-Zürich/München/Leipzig 1923. 📖 Der betreffende Text ist dort – unter Auslassung von Überschrift und Einleitungssatz des Abdruckes im «Neuwerk» – im gleichen Wortlaut S. 241–252 Bestandteil des Abschnittes «Die protestantische Jugendbewegung».↩
9
Vgl. den Brief Völgers an Barth vom 26.6.1923 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel): «Verehrter Herr Professor, ich danke Ihnen für Ihre Arbeit, die mir Pfr. Thurneysen heute sandte. Leider hat Foerster – o furor autoris! – mir, wie mir jetzt A. D. Müller schrieb, seinen Aufsatz nur unter der Bedingung gelassen, daß er – ohne Ihre ‹Gegenrede› erscheint; dabei hat er von üblen Gewohnheiten der Redaktionen, Gift gleich mit Gegengift zu parieren, gesprochen. Das war ja freilich gar nicht m. Absicht; sondern ich wollte eine Nummer ‹Foerster› zusammenzubringen suchen, zumal die Foerstersche ‹Menschheit› eine eingehende Kritik verdiente. Nun ists nichts geworden. Sie sind hoffentlich nicht böse, wenn Ihre Arbeit dann erst im August erscheint?» Vgl. auch die redaktionelle Notiz bei Foersters Schlußwort, Anm. g. 📖↩
10
Jg. 5 (1923/24), H. 5 vom 31.7.1923, S. 152–159. 📖↩
11
A.a.O., H. 6 vom 15.9.1923, S. 242–248, unter der Rubrik «Aussprache». 📖↩
12
A.a.O., H. 7 vom 31.10.1923, S. 326–328. 📖↩
13
Anspielung auf K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft. Eine Tambacher Rede, mit einem Geleitwort von H. Ehrenberg (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg 1920, S. 11 📖 (W. G. Th., S. 36 📖; Anfänge I, S. 6 📖): «Ja, Christus zum soundsovielten Male zu säkularisieren, heute z. B. der Sozialdemokratie, dem Pazifismus, dem Wandervogel zu Liebe, wie ehemals den Vaterländern, dem Schweizertum und Deutschtum, dem Liberalismus der Gebildeten zu Liebe, das möchte uns allenfalls gelingen. Aber nicht wahr, da graut uns doch davor, wir möchten doch eben Christus nicht ein neues Mal verraten.»↩
14
Der Christ in der Gesellschaft [sic!], S. 23 📖 (W. G. Th., S. 46 📖; Anfänge I, S. 15 📖).↩
15
Römerbrief 2, S. 22 (= in späteren Auflagen S. 20) 📖.↩
16
Der Christ in der Gesellschaft, S. 8 📖 (W. G. Th., S. 34 📖; Anfänge I, S. 4 📖).↩
17
Anspielungen auf oder direkte Zitate von Nietzsche finden sich bei Barth etwa in Römerbrief 1, S. 53.328.331.503.505f.588.592.610.621 📖; Römerbrief 2, S. 56.78.114f.291–296.336.464 (= in späteren Auflagen S. 54.76.112f.289–294.334.462 📖); Der Christ in der Gesellschaft, S. 39.42 📖 (W. G. Th., S. 59.61 📖; Anfänge I, S. 27.30 📖).↩
18
Vgl. Der Christt in der Gesellschaft, S. 10f. 📖 (W. G. Th., S. 36 📖; Anfänge I, S. 5f. 📖).↩
19
Vgl. den Schluß von Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen, Vierter Teil 📖: «Das Zeichen», wo allerdings von der «letzten Sünde» die Rede ist.↩
20
Aus J. W. von Goethes Gedicht: «Grenzen der Menschheit», V. 14–20. 📖↩
21
Anspielung auf die Überschrift von Barths Auslegung von Röm. 5,1–11 («Der neue Mensch») in: Römerbrief 2, S. 127 (= S. 125 in späteren Auflagen) 📖? Oder biblische Anspielung? Vgl. 2.Kor. 5,17; Eph. 2,15; 4,24.↩
22
Vgl. E. Thurneysen, Dostojewski, München (1921) 19253, S. 16 📖: «‹Eine neue Anschauung vom Leben› nennt Dostojewski an einer Stelle das Resultat der ganzen Umwälzung bei Raskolnikoff. Also doch wieder nur eine Theorie? … Wir haben gehört, worin sie besteht: in der Erkenntnis, daß das wahre, das eigentliche Leben des Menschen jenseits des Menschen liegt, wie er jetzt ist und hier ist, jenseits der obersten Grenze dessen, was wir gewöhnlich Leben heißen.»↩
23
A.a.O., S. 73 📖; dort: «Für F. W. Försters ‹Jugendlehre› und die Beispielsammlungen katechisierender Pfarrer liefert er keine Exempel.»↩
24
Fr. W. Foerster, Jugendlehre. Ein Buch für Eltern, Lehrer und Geistliche, (Berlin/Leipzig 1904) Berlin 190726–30, S. 361–363 📖: «Die arme Marie».↩
25
J. Mohrs Lied «Stille Nacht, heilige Nacht» (1818), EKG (Ausgabe für die Evangelisch-reformierte Kirche in Nordwestdeutschland) 410, 2. Strophe 🎵; zitiert von Barth, Der Christ in der Gesellschaft, S. 8 📖 (W. G. Th., S. 34 📖; Anfänge I, S. 4 📖): «Christ der Retter ist da – sonst wäre die Frage nicht da, die der heimliche Sinn all der Bewegungen unserer Zeit ist …»↩
26
«Titanismus» erscheint als zahlreich belegtes (teils andere Synonyma zusammenfassendes) Stichwort in dem von Georg Merz erstellten Register zu Römerbrief 2, das von der 3. Auflage an jeweils mit abgedruckt wurde (S. 526–528; hier: S. 528). 📖↩
27
Der Christ in der Gesellschaft, S. 8 📖 (W. G. Th., S. 34 📖; Anfänge I, S. 4 📖): «Es ist in uns, über uns, hinter uns, jenseits uns eine Besinnung auf den Sinn des Lebens, eine Erinnerung an den Ursprung des Menschen, eine Umkehr zum Herrn der Welt, ein kritisches Nein und ein schöpferisches Ja gegenüber allen Inhalten unseres Bewußtseins, eine Wendung vom alten zum neuen Äon. Ihr Zeichen und ihre Erfüllung ist das Kreuz!»↩
28
J. Calvin, Commentarius in epistolam Pauli ad Romanos, CR 77 (= Calvini opera 49), col. 89 📖: «Ideo pax erga Deum ebriae carnis securitati opponitur …»; zitiert von Barth in Römerbrief 2, S. 129 (= in späteren Auflagen S. 127) 📖.↩
29
Römerbrief 2, S. 457 (= S. 455 in späteren Auflagen) 📖.↩
30
Der Christ in der Gesellschaft, a.a.O., S. 14 📖 (W. G. Th., S. 38f. 📖; Anfänge I, S. 8 📖): «Aber ebenso gewiß stehen wir gerade dann, wenn wir uns von den modern-kirchlichen Sirenentönen nicht einlullen lassen, mit unserm Programm des omnia instaurare in Christo gegenüber dem natürlich Gewordenen und unentwegt Bestehenden in der Gesellschaft da als solche, die auf Granit beißen wollen.»↩
31
Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Zweiter Teil, V. 11 936f. 📖↩
32
Gemeint ist das eine der drei Deckengemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle in Rom («Erschaffung des Menschen»). Einen Druck des Gemäldes hatte Barth gelegentlich im Safenwiler Konfirmandenunterricht zur Illustration verwendet; vgl. K. Barth, Konfirmandenunterricht 1909–1921, hrsg. von J. Fangmeier, Zürich 1987, S. 318.327. 📖↩
33
Im Erstdruck irrtümlich: «davon»; Korrektur von Barth in seinem Handexemplar.↩
34
Im Erstdruck irrtümlich: «zu»; Korrektur vom Hrsg.↩
35
Vgl. den Anfang von J. W. von Goethes Gedicht «Das Göttliche» 📖:
Edel sei der Mensch,
hilfreich und gut!
↩
36
F. M. Dostojewski, Der Idiot, in: ders., Sämtliche Werke, hrsg. von A. Moeller van den Bruck, 1. Abt., Bd. 3 und 4, München 1909, hier: Bd. 3, S. 129ff. 📖↩
37
F. W. Foersters Jugendlehre 📖 (vgl. oben Anm. 24) ist so aufgebaut, daß unter einem Stichwort (hier: «Entdeckungen», S. 341–364) zunächst «Allgemeines» zur Sprache kommt (hier: S. 341–343), worauf «Beispiele (und Erläuterungen)» folgen (hier: S. 344–364 mit dem Untertitel «Hinter den Kulissen»); unter diesen «Beispielen» findet sich «Das Dienstmädchen» (S. 354–361) und «Die geflickte Hose» (S. 363f.), dazwischen «Die arme Marie» (S. 361–363).↩
38
A. von Harnack hatte in Fünfzehn Fragen an die Verächter der wissenschaftlichen Theologie unter den Theologen, in: CW, Jg. 37 (1923), Sp. 7 📖 (K. Barth, Theologische Fragen und Antworten. Gesammelte Vorträge, Bd. 3 [aus den Jahren 1927–1942], Zollikon 1957; Zürich 19862, S. 8 📖; Anfänge I, S. 324 📖) gefragt: «Sind Gott und Welt (Leben in Gott und weltliches Leben) schlechthin Gegensätze, wie ist eine Erziehung zu Gott hin, das heißt zum Guten, möglich? Wie aber ist Erziehung möglich ohne geschichtliches Wissen und Hochschätzung der Moral?» Auf Barth, dessen Antwort in der Zitation von Joh. 6,44 bestand (vgl. CW, Sp. 90 📖; Theologische Fragen und Antworten, S. 11; Anfänge I, S. 327), erwiderte Harnack in: Offener Brief an Herrn Professor K. Barth, in: CW, Sp. 143 📖 (Theologische Fragen und Antworten, S. 15; Anfänge I, S. 331): «Sie antworten einfach mit Joh. 6,44; wenn das alles ist, was Sie hier zu sagen haben, so verurteilen Sie alle christliche Pädagogik und zerschneiden, wie Marcion, jedes Band zwischen dem Glauben und dem Menschlichen. Nach meinem Verständnis haben Sie hier das Vorbild Jesu gegen sich.»↩
39
A. von Harnack erklärte im Hinblick auf Barths Antwort auf seine erste Frage in: Offener Brief an Herrn Professor K. Barth, CW, Sp. 142 📖 (Theologische Fragen und Antworten, S. 14 📖; Anfänge I, S. 329 📖): «Trotz heißem Bemühen ist sie mir total unverständlich.»↩
40
H. Kutter, Das Bilderbuch Gottes für Groß und Klein. I.: Römerbrief Kapitel 1–4, Basel 1917, S. 167: «Von der Gottlosigkeit des Menschen im Bösen» (Überschrift zur Auslegung von Röm. 1,19ff.); S. 200: «Die Gottlosigkeit des Menschen im Guten» (Überschrift zur Auslegung von Röm. 2,1ff.). 📖↩
41
Erich Ludendorff (1865–1937), 1914 Generalstabschef Hindenburgs, ab 1916 Mitglied der Obersten Heeresleitung, betätigte sich nach Ende des 1. Weltkrieges in der deutsch-völkischen Bewegung (vgl. E. Ludendorff, Meine Kriegserinnerungen 1914–1918, Berlin 1921 📖; ders., Kriegführung und Politik. Ein Abriß aus der Geschichte des Weltkrieges, Berlin 1922 📖). Zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Mathilde Ludendorff (1877–1966) gründete er 1926 den «Tannenberg-Bund», der den Kampf gegen «überstaatliche Mächte» (Freimaurer, Juden, Jesuiten, Marxisten) zum Ziel hatte.↩
42
Im Erstdruck irrtümlich: «vielverneinte»; Korrektur von Barth in seinem Handexemplar.↩
43
Vgl. A. von Harnack, Das Wesen des Christentums, Leipzig 19003, S. 22 (Neuauflage Stuttgart 1950, S. 21) 📖: «… das Lebensbild und die Reden Jesu zeigen kein Verhältnis zum Griechentum … Freilich, wenn der religiöse Individualismus, Gott und die Seele, die Seele und ihr Gott, wenn der Subjektivismus, wenn die volle Selbstverantwortlichkeit des einzelnen, wenn die Loslösung des Religiösen von dem Politischen – wenn das alles nur griechisch ist, dann steht auch Jesus in dem Zusammenhang der griechischen Entwicklung, dann hat auch er reine griechische Luft geatmet und aus den Quellen der Griechen getrunken.»↩
44
Vgl. die zweite Strophe vonM. Schallings Lied «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» (1569); EKG 247; KGB 65 🎵.↩
45
Der Verfasser dieser redaktionellen Notiz ist vermutlich Emil Blum, ein Mitglied des «Neuwerk»-Kreises.↩
46
Die Worte «daß er dann ‹nicht nur – sondern auch› gemacht zu verstehen mag» und «heute gar nicht heilsam» sind von Barth in seinem Handexemplar unterstrichen; am Rand hat er notiert: «Druckfehler?».↩