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GEGENREDE ZU DEM AUFSATZ VON
FRIEDRICH WILHELM FOERSTER
1923
Der Schriftleiter der Zeitschrift «Neuwerk. Ein Dienst am Werdenden»
(Schlüchtern), Will(y) Völger1, fragte in einem Brief vom 25. Mai 1923 bei
Barth an, ob er bereit sei, auf einen im Manuskript vorliegenden Aufsatz von
Friedrich Wilhelm Foerster2 eine Erwiderung zu schreiben.3 Nachdem Barth in einem Brief an Thurneysen vom 29. Mai noch Bedenken
geäußert hatte, «ob es besser wäre, zu schweigen und sich den Mann für später
‹vorzumerken›»4, war er dann doch, «nachdem der Artikel
etwa 14 Tage bei mir lag, zu dem Ergebnis gekommen, daß ich F. nur ablehnen kann und zwar scharf»5. Er
übersandte das Foerstersche
Manuskript und seine Antwort darauf am 18. Juni 1923 an Thurneysen: «Bitte übe Zensur! … Es ist im Verhältnis zu dem Ingrimm, den ich gegen ihn habe
(gerade wegen seiner glatten Freundlichkeit!), alles noch
überaus zahm gesagt! Aber du sollst entscheiden darüber, ob das nun etwa doch
|181 zu weit geht, ob ich auch mit F. hätte Florett
fechten sollen, ob die Ohrfeige zu schallend ist, ob ich mir selber damit eine
Blöße gebe etc. Wenn es so ist, so schicke mir den Kram sicher zurück, und dann
erkläre ich mich eben Völger gegenüber für inkompetent und lasse F. sein Öl ins
Leere vergießen.»6
Thurneysen seinerseits teilte Barth am 21. Juni mit, er habe «alles,
alles durchaus gut und wahr» gefunden,
«nichts geändert, sondern den kräftigen, aber durchaus nicht zu
kräftigen Text tel quel an Will Völger weiterspediert»7.
Völger hatte zunächst eine Publikation von Foersters «Meine Stellung zu Karl
Barth»8 und
Barths «Gegenrede zu dem Aufsatz von Friedrich Wilhelm Foerster» in derselben
Nummer von «Neuwerk» beabsichtigt. Auf Foersters Einspruch hin9 wurde dieser Plan jedoch fallengelassen; sein Aufsatz erschien dann in
Heft 510, Barths Erwiderung in Heft 611 und ein «Schlußwort» Foersters in Heft
712.
182
Meine Stellung zu
Karl Barth
Als ich im letzten Sommer verschiedene Kreise der Protestantischen Jugendbewegung
kennen lernte, merkte ich, wie stark sie innerlich teilnehmen an Karl Barths
höchst verdienstvollem und unbestreitbar notwendigen Kampf gegen die moderne
«Säkularisierung» des Christentums (soll heißen: Verengung aller christlichen
Horizonte durch allzuviel Herabziehen Christi in gesellschaftliche
Erneuerungsprogramme und durch allzuviel voreilige Gleichsetzung Christi mit
allerhand kulturellen Bestrebungen).13 Es scheint aber, daß viele dieser jungen Leute, eben in
dem gewiß gesunden jugendlichen Drang zum Absoluten, nun zu völligen Anachoreten
zu werden drohen, wobei sie zweifellos auch Barth selber mißverstanden haben.
Immerhin finde ich in dem ganzen Barthschen Kreise gewisse Übertreibungen,
Einseitigkeiten und Abstraktionen, die zu solchen Extravaganzen und Starrheiten
zweifellos Anlaß geben. Ich möchte daher nicht unterlassen, mich in gedrängtester
Kürze mit dem Wesentlichen der Barthschen Stellungnahme auseinanderzusetzen.
Karl Barth, der mehrfach seinen Gegensatz zu mir betont, zum Teil in geradezu grotesker
Verkennung meines wirklichen Standpunktesa, wird vielleicht sehr
erstaunt sein, wenn ich zunächst feststelle, daß ich ihm in seinem grundlegenden
Proteste fast ganz zustimme, was sich eben dadurch erklärt, daß ich selber aus der
«pelagianischen» Welt komme, gegen die er kämpft, oder sagen wir: deren
Einseitigkeiten und Unzulänglichkeiten er mit großem Scharfsinn feststellt.
Freilich sieht er nicht, daß die Wahrheit nicht nur auf seiner Seite ist, so wenig
wie sie nur auf derjenigen ist, von der ich herkomme; er denkt in zu einfachen
Linien, er sieht nicht, daß es auch eine Synthese gibt, die nicht Verflachung und
Kompromiß bedeutet, sondern die dem Sinne für Proportionen, also jener von Plato
gespiesenen «dikaiosyne» entspringt, die jedem ganz |183
präzis das Seine gibt und damit doch wohl gerade das Gegenteil von Vermischen und
Verwaschen hervorbringt. Diese Art von Synthese ist zweifellos ganz unentbehrlich,
um der Aufgabe der Seelenführung und der Kulturführung in ihrer ganzen
Vielseitigkeit gerecht zu werden. Die wesentliche Bedeutung von Barths
Auffassungen und Kritiken ergibt sich mir aus folgenden Feststellungen und
Erwägungen:
153 Ein amerikanischer Geistlicher formulierte vor einiger Zeit das Ergebnis der
modernen Bibelkritik (deren Fehlgriffe nicht in der Textforschung, sondern in dem
Mangel an kritischer Besinnung auf die Tragweite der Methoden beruhen, auf Grund
derer man die textkritischen Ergebnisse interpretiert hat) in folgenden Worten:
«Früher sagte man: Also sprach Gott der Herr – heute sagt man: Also spricht irgend
jemand, niemand weiß genau wer, von dem uns ein anderer berichtet, über dessen
Glaubwürdigkeit auch nichts Gewisses festgestellt werden kann.»
In diesem Sinne ist Gott wieder der große Unbekannte geworden, über den sich
nichts Zuverlässiges feststellen läßt, und im engsten Zusammenhang damit ist
Christus, der Gottmensch, «der da sitzt zur Rechten Gottes, von dannen er kommen
wird, zu richten die Lebendigen und die Toten», nichts als ein Lebensreformer
ersten Ranges geworden, der kein ungeheures Geheimnis mehr in das Leben trägt,
durch keine unfaßliche Verkündigung, kein erschütterndes Wagnis die Ruhe der Seele
und die Ordnung der Gesellschaft stört, sondern der höchst angenehmer und
einleuchtender Weise das Werk des Zäsar dadurch ergänzt, daß er die innere
Sozialisierung des Menschen übernimmt, ohne die es der äußeren Organisation an der
unentbehrlichen moralischen Kraftstation gebricht.
Auf diese Weise hat sich etwas weit Verhängnisvolleres vollzogen, als es durch den
wildesten Atheismus hätte erreicht werden können: Nicht nur ist das kleine
Menschlein aller ganz großen übermenschlichen Horizonte beraubt worden, durch die
es über die Armseligkeit seiner sterblichen Reformgedanken hinausgehoben und von
sich selbst hätte erlöst werden können. Nein, dieses Menschlein hat sich auch noch
der Autorität der Religion bedient, um sich im Allerheiligsten breitzumachen und
sein gebrechliches Erdenwerk als «gottgeordnete Wirklichkeit» im Gewissen zu
verankern und gegen die letzten Reste eines eingeborenen Protestes unserer höheren
Natur zu verteidigen: «Weil wir uns selbst sind, was uns Gott sein müßte, ist uns
Gott nicht mehr, als wir uns selbst sind». «Wir schieben uns zudringlich in seine
Nähe und wir ziehen ihn unbedenklich in unsere Nähe», so sagt Barth in seinem
Buche über den Römerbrief (2. Aufl., S. 22).15 Und er wendet sich
mit Recht gegen die verflachende Art, in der das Wort «Christus ist in uns» nur zu
oft gedeutet werde; man müsse eigentlich sagen: «über uns», «hinter uns»,
«jenseits von uns», der Christ sei «das in uns, was wir nicht sind».16 Alle diese Hinweise
können nicht ernst genug genommen werden. Es gibt eine Art modernisiertes und
säkularisiertes Christentum, durch das der Mensch Gott verliert und dadurch auch
den wahren Christus und sein Erlösungswerk. Ohne das Buch Hiob ist Christus nicht
zu verstehen und ohne Christus ist das Buch Hiob nicht zu erschließen. «Eure
Gedanken sind nicht meine |184 Gedanken» [vgl. Jes. 55,8], Und dies eben
ist das Geheimnis: Es gibt etwas Tiefstes im Menschen, das uns fähig macht, uns
von 154 einem Punkte über uns und jenseits von
uns zu betrachten und zu beurteilen; dies allein offenbart unsere
Gotteskindschaft, hier allein wird Gott mit Schauern der Ehrfurcht geahnt, hier
allein wird das Wort Gottesfurcht verstanden, das der modern gebildete Gläubige
längst als ein Wort archaischen Stils zu betrachten gewohnt ist. «Wehe mir, ich
bin vernichtet, denn den König, den Herrn der Heere, sahen meine Augen» [vgl. Jes. 6,5]. Wir müssen Ihn
sehen, um vernichtet zu sein, um Ihn zu sehen. Hier liegt auch der Grund der
Wahrheit in den Worten des Ambrosius,
daß die Tugenden des Griechen ein Hindernis der Wiedergeburt seien. Man kann die
«Tugenden des Griechen» hier als ein Gleichnis für die menschliche Kultur
überhaupt nehmen; Kulturarbeit, die nicht von Menschen getragen wird, die
irgendwie durch die «Selbstvernichtung» gegangen sind, ist Turmbau zu Babel [vgl.
Gen. 11,1–9].
Und selbst ein Christentum, das den Menschen nicht ganz vom Jenseits her erfaßt
und ins Jenseits zieht, auch in seiner Nächstenliebe, auch in seiner
Friedensarbeit, auch in seinem Sozialsein, ein solches Christentum hat mit dem
Welterlöser nichts zu tun und ist weit weniger als Marxismus, der doch wenigstens
in dem rückhaltlosen Sich-Einordnen der Seele in die eherne Fatalität des
ökonomischen Weltprozesses eine gewisse erhabene Nichtachtung aller Einbildungen
des menschlichen Willens zum Ausdruck bringt.b Alles, was wir
Pazifismus, Sozialismus, Demokratie nennen, das ist zwar seinem letzten Ursprung
und seinem besten Kerne nach ein abgesprengtes Stück Prophetismus und Christentum,
aber es ist, eben wegen seines Abgesprengtseins von der universellen Wahrheit, nun
behaftet mit der widerspruchsvollen Illusion, als könnte die diesseitig
orientierte ethische Kraft und die bloße christliche Bruderliebe das Antlitz der
Erde erneuern, ohne zuvor durch Gott erschreckt, von der Welt abberufen, durch das
Unerfaßliche bescheiden gemacht zu sein. Nein, nicht nur kann auf diesem Wege
nichts erreicht werden, sondern im Gegenteil, solche Einwirkung verlängert nur die
Herrschaft aller niederen Mächte auf Erden, indem es ihre |185 Werke äußerlich ein wenig verschönert, sie erträglicher und
haltbarer macht, ihren gröbsten Widerspruch gegen das Gesetz aller Gesetze soweit
mildert, daß selbst die Engel Gottes dadurch betrogen werden: Gott aber läßt sich
nicht betrügen und bringt eines Tages die Wahrheit um so schrecklicher an den Tag.
Wir dürfen nie vergessen, daß auf der 155
Grenzscheide zwischen Zeit und Ewigkeit das Kreuz steht, um uns Illusionisten
stets aufs neue das Wesen dieser Welt und ihrer treibenden Kräfte bewußt zu
machen; klar werden müssen wir bis auf den Grund darüber, daß die wahre Wirkung
auf diese Welt nicht von dieser Welt ist und sich in Formen vollzieht, die allem
widersprechen, was sonst Wirkung und Eingriff heißt; wir müssen, im tiefsten
Sinne, erst einmal ganz «entmenschlicht» werden, um uns selbst und das Leben und
das wahre Gut von Gott und vom Gottmenschen aus zu durchschauen und dann von
dorther wieder menschlich zu werden.c
Nun aber ist auch die andere Seite der Sache zu bedenken. Bei Barth merkt man
wieder die tragische Wahrheit der «Grenzen der Menschheit», innerhalb derer wir
uns alle bewegen: «hebt er sich aufwärts und berührt mit dem Scheitel die Sterne –
nirgends haften dann die unsicheren Sohlen und mit ihm spielen Wolken und
Winde!»20 Man vermißt in allen seinen Schriften die dem Leben und dem Menschen
zugewandte Seite Christi, es fehlt das Menschliche, Liebende, Teilnehmende, hier
spricht in höchster Überweltlichkeit, sehr beredtsam und sehr abstrakt immer nur
der Verächter des Allzumenschlichen, der Wortführer des in Gott erstorbenen, von
Gott her verneinten und verworfenen und eben dadurch erneuerten Menschen. Aber man
vermißt den liebenden Christus, man sieht nur den richtenden Christus des
Michelangelo, den Zertrümmerer,
Verneiner, Zerbrecher, der uns wahrlich zu sehr gefehlt hat, der jedoch ohne den
liebenden, tiefmenschlichen Christus gar nicht begreiflich ist: Wahrlich, erst
durch die Größe seiner Liebe wurde Christus der Weltenrichter, warf uns
unwiderstehlich auf die Knie, ließ uns eine ganz andere Welt erkennen, als es die
ist, in der unser sterbliches Lieben stammelt und unser irdisches Opfer seine
Rauchsäule steigen läßt. |186 Und nun frage ich die
Barth-Leute: Fürchtet Ihr garnicht, daß viele von euch durch eure einseitige Art
des Aufschwungs über das Leben ärmer an Liebe, teilnahmsloser und gleichgültiger
gegenüber dem lebendigen Menschen werden könnten? Wer sich so hoch über diese Erde
erhebt, wie Ihr es tut, der gedenke an Zinzendorfs Wort: «Eines der gewissesten Kennzeichen des Lebens aus
Gott ist die Bruderliebe.» Und unerschöpflichen Sinn für uns alle hat jenes Wort
Christi: «Wie könnt ihr Gott lieben, den ihr doch nicht sehet, wenn Ihr Euern
Bruder nicht liebet, 156 den Ihr doch sehet?»
[vgl. 1.Joh. 4,20]. Bei
vielen jungen Leuten, die von Barths Weisungen erfüllt sind und sich in Absolute
geworfen haben, verrät sich nur zu deutlich ein Mangel an christlicher Liebe,
Achtung, Sorgfalt für den Nächsten – auch in der Diskussiond; in ihrer Art,
sich von allem Interesse an der Erneuerung der Gesellschaft abzuwenden und nur
immer die letzten Inspirationen im Munde zu führen, offenbart sich nicht selten
eine gewisse abstrakte Kälte, die nichts mit dem gemein hat, den des Volkes
jammerte [vgl. Mt. 9,36
u.ö.], der seinen Jüngern die Füße wusch [vgl. Joh. 13,5] und der ebensosehr die allgegenwärtige
Liebe, wie den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde verkörpert. Alle jene
Verfechter des Absoluten und der Transzendenz haben den tiefsten Sinn der Lehre
von der Trinität nicht erfaßt, sie sind ins Absolute geflüchtet, ohne von ihm aus
zur Erde zurückzukehren, sie sind in Gefahr, Christus zu verlieren, um Gott zu
gewinnen, sie verstehen nicht bis ins letzte, daß Gott nur in Christus wahrhaft
gewonnen und begriffen werden kann – und zwar in der lebendigen Nachfolge Christi,
die uns geboten ist, trotz der Tatsache, daß all unser Wollen nur Stückwerk ist
und trotz aller uns auferlegten «Selbstvernichtung». Darum sind die allzu
einseitigen Interpretationen, durch welche der Barth-Kreis alles Wasser auf seine
Mühle zu leiten sucht, für die Jugend höchst gefährlich, gerade weil sie sich nur
zu gerne von großen Abstraktionen und Einseitigkeiten fangen läßt. Eine in solchem
Sinne beeinflußte Jugend wird eine ganz große Seite der inneren Vorbereitung auf
«den neuen Menschen in Christus»21
gar nicht kennen, sie wird gewisse Erfahrungen gar nicht durchmachen, die für
solche Einführung doch ganz unentbehrlich sind. Es fehlt dem ganzen Barth-Kreise
die Würdigung der großen Mannigfaltigkeit der Wege, die für die Seelenführung sehr
verschiedener Temperaturen und Geistesarten notwendig sind und deren relative
Bedeutung man auch dann anerkennen muß, wenn man unbeirrt stets das höchste Ziel
im Auge hat. Ein Beispiel: Thurneysen
entwickelt in seiner Schrift über Dostojewski sehr treffend dessen «neue Anschauung» vom Leben und
vom Menschen22; das
Jenseits müsse ins Diesseits dringen, um zu lösen, zu |187
retten, zu heilen: «Das Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit» [1.Kor. 15,53]. Dann
fährt er fort: «Alle die Züge und Beispiele neuen Lebens sind Zeugen für die dem
Zugriff des Menschen gänzlich entnommene Gottesmöglichkeit der Vergebung. Mit
irgendwelchen moralischen oder religiösen Steilflügen sind sie nicht zu
verwechseln. Dafür hatte Dostojewski nichts übrig. Für F. W. Foersters Jugendlehre
liefert er keine Exempel.»23 Merkwürdig, gerade in meiner Jugendlehre
findet sich ein Beispiel aus Dostojewski[s] «Idiot»
📖, nämlich die Geschichte der
«armen Marie»24, die der Fürst Myschkin den Kindern erzählt, damit sie aufhören,
Steine hinter dem 157 Mädchen herzuwerfen. Sollte
der Fürst etwa zu den Kindern von der neuen Anschauung vom Leben und von der
Sündenvergebung sprechen? Nein, der erste Weg zu Christus besteht in der
einfachsten Hinführung zur Liebe, zum Verstehen, zum Dienen. Erst wenn das laute
Ichgeräusch verstummt und «der Andere» zu Wort kommt, eröffnen sich höhere Welten.
Solche Elementarpädagogik gilt für jede Art von Seelenführung. Die Jugend
jedenfalls kann man nicht mit der bloßen Verneinung aller natürlichen Anstrengung
erziehen. Man kann sie nur dahin bringen, gerade bei dieser Anstrengung sich
selber mit innerer Wahrhaftigkeit das Bedürfnis nach höherer Kraft einzugestehen.
«Es ist Verdienst, die Gnade zu empfangen, sobald der Wille sich erschließt für
sie», sagt Dante. Darum ist auch die
Anregung des Willens, des tätigen Strebens nach oben, unbedingt notwendig, damit
der innere Mensch für die Wirkung der Gnade «erschlossen» wird. Auf Michelangelos Gemälde von der Erschaffung des
Menschen streckt Adam seinen Arm dem Schöpfer entgegen, um die letzte Belebung zu
empfangen. Das ist das Geheimnis auch der Erziehung: die Kraft von unten her muß
der Kraft von oben her entgegengeführt werden, wenn der Mensch für diese reif
werden und die tiefsten Erfahrungen in bezug auf den eigenen Zustand machen soll.
Alles kommt natürlich auf die richtige Rangordnung und Proportion der Einwirkungen
an. Aber weder in der Erziehung, noch in der Selbsterziehung kommt man allein mit
dem extremen und vielfach allzu abstrakten Paulinismus aus, den der Barth-Kreis in
durchaus berechtigter Gegenstellung gegen viel moderne Verflachung als allein
lebenschaffende Gottesdeutung gelten lassen will. Vielleicht kann folgendes zur
Verständigung dienen: Der Barth-Kreis erkennt sehr richtig die Gefahr, die in
jeder Deutung und Nachfolge liegt, die das Absolute in die Erscheinungswelt des
irdischen Alltags hineinzieht. Die Welt könnte dadurch mehr entgöttert werden, als
durch den ödesten Materialismus. Dennoch aber gibt Barth selber doch unumwunden
zu: «Christ der Retter ist da!»25 Und das Wort: «Ein Beispiel habe ich
Euch gege|188ben» [Joh. 13,15] ist nicht auszuschalten.
Demgemäß behält Pestalozzi unbedingt
recht, wenn er sagt, man solle «selbst im Geißenstall religiös sein», d. h. auf
einen tierischen Stoß menschlich, bedachtsam, also von oben her reagieren. Diese
Art von konkreter Nachfolge ist für die Einweihung der Seele in die christliche
Forderung unendlich viel wichtiger als man meint – sobald man sich dabei nur immer
klar bleibt darüber, daß es sich hier nur um blasse Gleichnisse, um ein erstes
Bereitsein der Seele zur Abwendung von der Gesetzgebung der Tierheit und zur
Hinwendung auf ein Reich höherer Impulse handelt, wobei natürlich der
unerschöpfliche Sinn und Hintergrund jener von oben kommenden Beratung und
Wegweisung noch nicht einmal geahnt werden kann. Wer freilich das Wort: «Steh auf,
nimm dein Bett und wandle» [Mt. 9,6] schon als Aufruf zum «Titanismus»26 betrachten will, der müßte sich dann freilich 158 seinen Gegensatz zu den ausdrücklichsten Anweisungen
des ganzen neuen Testamentes in vollem Umfange zum Bewußtsein bringen und vom
Christentum zu Brahma übergehen. In der Tat sind manche Formulierungen des
Barthschen Kreises schon dem Brahmanismus weit näher als dem Geiste Christi –
womit keineswegs gesagt werden soll, daß unser europäisches Christentum, das sich
vielfach in einen bloßen Materialismus der Nächstenliebe verloren hat, nicht durch
Vertiefung in die metaphysische Größe und Kühnheit des Orients viel neue Belebung
ältester und tiefster christlicher Erkenntnis und viel gesunde Distanz von der
Welt wiedergewinnen könnte. Das hier Gesagte gilt nicht nur für die Seelenführung,
sondern auch für die Kulturführung. Es ist vollkommen richtig, daß ein nur zu
großer Teil moderner Kulturreform und Völkererneuerung von lauter Illusionen über
die menschliche Natur gespeist und ohne tiefergehende Bearbeitung der Grundkräfte,
sowie ohne «Besinnung auf den Sinn des Lebens, Erinnerung an den Ursprung des
Menschen, Umkehr zum Herrn der Welt»27
in Bewegung gesetzt wird.e Wie wahr ist
Calvins Wort: «Der Friede mit Gott ist das Gegenteil von al|189ler berauschten Sicherheit des menschlichen
Fleisches».28
Wie unbestreitbar ist es, daß der wahre Friede mit den Menschen nur durch solchen
Frieden mit Gott gesichert werden kann. Ohne solche Einsicht bleibt auch der
Völkerbund, wie Rabindranath Tagore
sagt, nur ein «Bund von Dampfkesseln». Dennoch ist es unhaltbar, wenn Barth der
Kirche den Rat gibt, sich den Pazifismus ebenso vom Leibe zu halten wie den
Militarismus.29 Nein, derjenige, der gesagt hat: «Bevor du
zum Altar gehst, versöhne dich mit deinem Bruder» [vgl. Mt. 5,24], er hat es der Kirche ganz
unmöglich gemacht, eine solche Stellung einzunehmen. Die Versöhnung mit dem Bruder
ist eine Angelegenheit von metaphysischer Tragweite, sie geht weit über das
Politische und Soziale hinaus, auf die Erlösung, und sie muß vom Christen selbst
dann, und gerade aufs umsichtigste in Angriff genommen werden, wenn die Lehre von
den institutionellen Mitteln der Völkerversöhnung auf nicht-christlicher Seite in
sehr optimistischer Weise gepredigt und ohne Bewußtsein der religiösen
Voraussetzungen und Erfüllungen dieses Werkes vertreten wird. Wenn ich einen
Ertrunkenen retten will, so muß ich die Herztätigkeit durch äußere Bewegungen
wieder in Gang bringen. Es ist so auch manchmal im gesellschaftlichen Leben und im
Völkerleben nötig, die elementarsten inneren Bewegungen zur Wiederbelebung der
Versöhnungskräfte zuerst durch äußere Institutionen in neue Funktion und Übung zu
159 setzen. Und außerdem sind solche
Institutionen, ganz gleich, ob sie jedem Anprall der Leidenschaften gewachsen
sind, dennoch äußere Hilfsmittel zur Besinnung, zur Rechtsfindung und zur Sammlung
derer, die guten Willens sind, und sie haben darum einen unbedingten Anspruch
darauf, von den Vertretern des Christentums gefördert und geehrt zu werden, –
mindestens mit dem gleichen Rechte, mit dem die christliche Religion die
staatliche Ordnung weiht und als Zuchtmeister auf Christum [vgl. Gal. 3,24] betrachtet. Und die
gleichgültige und abstrakte Art, mit der heute noch, angesichts des drohenden
Unterganges Europas durch unausdenkbare Zerstörungsmittel, die christlichen
Kirchen die vom Pazifismus vertretenen Versöhnungshilfen und Versöhnungsgedanken
beiseitestellen, statt sie entschlossen an sich zu ziehen und sie mit christlichem
Geist zu füllen, ist wahrlich ein ganz erschreckendes Zeichen von Einseitigkeit,
Rechthaberei und von mangelnder Kraft der Anwendung des Christentums auf das
Leben. Wer nicht fühlt, daß jede ehrliche Synthese entgegengesetzter Interessen
eine Bewegung der Kreatur auf Gott hin ist, der hat kein Organ für das
geheimnisvolle Wirken Gottes in den Seelen und für die metaphysische Bedeutung der
Seligpreisung, die dem «Friedfertigen» gilt [Mt. 5,9]. Jedenfalls ist auf diesem Gebiet der
religiös-sittliche, synthetische Geist des deutschen Volkes und der
institutionelle Geist der romanischen Völker und des Angelsachsentums unabweisbar
zur Zusammenarbeit geschaffen. Das gleiche gilt für die soziale Frage. So tief
wahr es ist, daß auch hier, und |190 vor allem hier das
Wort zu beherzigen ist, daß «seine Gedanken» nicht unsere Gedanken sind [vgl. Jes. 55,8] und daß eine
tiefdringende Befreiung von jenen unseren Gedanken nötig ist, um von Gott aus und
im Frieden mit ihm menschliche Gegensätze zu entspannen, Recht zu finden,
Interessen zusammenzuordnen – so unbestreitbar ist es auch anderseits, daß jeder
lässige Verzicht auf das «omnia instaurare»30, jeder bloße Rückzug auf das Verhältnis «Gott und die Seele»
nicht bloß die Welt in eine dampfende Hölle verwandelt, sondern auch den
Friedensschluß mit Gott verhindert: Gibt es doch nichts, was so sehr «das Fleisch
berauscht», als die sich selbst überlassenen Interessen- und
Selbstgefühlskonftikte zwischen den Einzelnen, den Klassen und den Völkern. Ohne
tatkräftigen guten Willen zur Überwindung dieser Rauschzustände wird der Mensch
von Gott gar nicht angenommen, er kann Gottes Gedanken nicht
ahnen, ehe er nicht die Gedanken seines Nächsten zu verstehen gesucht und ehrlich
aus dem Krampfzustand der eigenen Rechthaberei herausgetrachtet hat. Wahrlich auch
für diese Hinführung zu Gott ist das Wort gesagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit
und das Leben!» [Joh. 14,6].
Gegenrede zu dem Aufsatz von
Friedrich Wilhelm Foerster
Foerster ist mir, nur mit einer kleinen und wie es scheint wohl berechtigten und
wohl annehmbaren Ergänzung meiner Gedanken bewaffnet, so freundlich weit
entgegengekommen, daß es für mich wirklich keine angenehme Aufgabe ist, ihm nun,
da die Schriftleitung mich dazu auffordert, ehrlich antworten zu müssen: Ich lehne
nicht nur jene kleine Ergänzung ab, sondern ich weiß mich auch in dem, worin er
Einigkeit zwischen uns feststellen zu können meint, durchaus nicht mit ihm einig. Ich sage das auch darum ungern, weil ich wirklich
keine Neigung habe, den sonstigen Gegnern F.’s und besonders den Theologen unter
ihnen Freude zu machen. Zwar tröstet mich in dieser Hinsicht einigermaßen der
Gedanke, daß das, was ich gegen F. habe, dasselbe ist, was ich auch gegen sie
habe. Aber ich gestehe offen, daß ich viel darum gäbe, wenn |191 F. diesen Aufsatz nicht geschrieben und mich der Notwendigkeit,
gegen ihn zu schreiben, nicht ausgesetzt hätte. Denn etwas Anderes als Streit kann
ich den friedliebenden Lesern des «Neuwerk» diesmal leider nicht in Aussicht
stellen.
1. F. sagt selbst, daß er von der «pelagianischen» Welt kommt. Er meint damit,
wenn ich ihn recht verstehe, von einem immanent-ethischen Erziehungs- und
Kulturideal her, das ohne Gott, ohne Christus, ohne Geist in naiver Illusion
anfängt und endigt bei der Sehnsucht, den Bedürfnissen, den Kräften und
Möglichkeiten des Menschen. Er meint jetzt nicht mehr dort zu stehen. Wozu ich die
Bemerkung nicht unterdrücken kann, daß Pelagius ein sehr ernster christlich-frommer Mann gewesen ist, von
dem F. vielleicht doch nicht so schnell abrücken dürfte. Was ist denn der
Tatbestand? F. hat in der Tat sein Programm durch Aufnahme einiger unzweifelhaft
religiöser Gesichtspunkte bereichert. Er hat als Moralphilosoph und Pädagoge den
Wert und die Brauchbarkeit gewisser christlicher Ideale, ja schließlich des ganzen
christlichen Dogmas, so wie er es versteht, für die ihn beschäftigende Aufgabe der
«Seelenführung» und «Kulturführung» eingesehen. Er hat die Trinität und die Kirche
in seinen Heilsplan aufgenommen, in den Dienst seines gewiß wohl gemeinten
Unternehmens gestellt. Seine Lehre hat insofern ein christliches Vorzeichen
bekommen, als er jederzeit in der Lage ist, sie in christlicher Sprache
vorzutragen. Warum nicht? Die Theologen unter seinen Gegnern machen es auf ihre
Weise und zu 243 ihrem Zwecke genau so: Man hat zuerst ein ethisches Programm, und
dann bedient man sich dankbar und begeistert des Christentums. Ob man dabei von
den Humanitäts- und Erziehungsidealen der Aufklärung oder von Bismarck und Treitschke herkommt, das kann einen
grundsätzlichen Unterschied nicht ausmachen. Aber Mißtrauen
gegen das, was bei diesem Vorgehen aus dem Christentum wird, ist nach beiden
Seiten gleich am Platze – ohne Anzweiflung des persönlichen
Ernstes und der lauteren Absicht der Betreffenden, aber bestimmtes Mißtrauen sachlicher Art. Auch wenn, wie im Falle F.’s, dem grundsätzlichen
Protest gegen die Säkularisierung des Göttlichen «fast ganz» zugestimmt wird, auch
wenn die radikalsten christlichen Worte vom Gottmenschen, vom Kreuz, von der
überweltlichen Gnade zu vernehmen sind. Ist nicht das mit heimlicher Ungeduld
angestrebte Ziel aller dieser Aussagen der Moment, wo es sich
beruhigenderweise zeigt, daß die Sache auch noch eine |192
«andere Seite» hat: daß dem strebenden Bemühen31 des Menschen die Gnade, der Kraft von unten die Kraft von oben begegnet, daß Adam zu seiner «letzten Belebung» (also doch wohl
im kritischen Augenblick!) das Seinige tun muß und kann, alles
in der richtigen Rangordnung und Proportion natürlich, aber doch so, daß das Ganze
sich als ein ins Kosmische verlängertes «Geheimnis der Erziehung» abspielt, bei
dem gerade das «Tiefste im Menschen» bestärkt und bestätigt wird? Mit derselben
Einordnung von Gott und Ewigkeit in einen selbstentworfenen Erziehungsplan pflegen
dann die Anderen, deren «Gott» etwas irrationalere Gesichtszüge aufweist als der
F.’s, z. B. die christliche Rechtfertigung des Krieges zu begründen. Woher wissen
sie, woher weiß F., daß Gott ausgerechnet ein Erzieher ist, daß das Verhältnis von
Gott und Mensch sich ausgerechnet in Form einer Schulstunde abspielt, bei der der
eigentlich Gewinnende und Triumphierende doch zweifellos der kluge und fleißige
Schüler, d. h. der Mensch ist? Sollte F. je aufgehört haben, ein
«Pelagianer», d. h. ein christlicher Moralist zu sein, wie er im Buche steht? Wie
wohl könnte ich mich mit seiner Lehre abfinden, wenn sie offen und ehrlich heidnisch sich gäbe! Wie wohl könnte ich mich mit F.
verständigen, wenn er nicht so christlich geölt wäre! Nun aber
braucht er das Christentum für ein Weltbild, in dem für die hoffnungslose Not des Menschen und für Gottes Barmherzigkeit
kein Raum ist. Denn der Mensch, der seine «letzte Belebung» selbst besorgt, ist sicher nicht hoffnungslos dran. Und
der Gott, der den Menschen als ein ins Metaphysisch-Gigantische ausgewachsener Lehrer gegenübersteht, ist sicher nicht der barmherzige Gott. Das ist’s, dieser Mißbrauch und diese Entstellung des
Christentums, was ich gegen F. habe. Er hat auf dem Höhepunkt seiner
Gedankenführung den Namen Dantes genannt. Ich kenne Dante und die klassischen Denker des Mittelalters zu wenig, um 244
mir ein positives Urteil darüber zu erlauben, ob dieser Appell an den Thomismus
und überhaupt an die Lehre der katholischen Kirche legitim ist oder nicht, aber
ich bezweifle es. Michelangelo glaube ich soweit verstanden zu haben, um F.’s
Heranziehung des Adamsbildes32 zur Illustration seiner so gänzlich menschlichen Lebenstheorie |193 ernstlich beanstanden zu dürfen. Sicher weiß ich aber,
daß die mit den Namen Dantes und
Michelangelos geschmückte angeblich
christliche Lehre, die F. mir gegenüber vertritt, genau das ist, was die Reformatoren grundsätzlich und entschieden meinten bekämpfen zu
müssen.
2. Es scheint, daß es irgendwo «junge Leute», «Barth-Leute» gibt, die sich F.
unangenehm bemerkbar machten dadurch, daß sie sich, ich weiß nicht mit welcher
Rücksichtslosigkeit gegen ihren Nächsten, «ins Absolute geworfen haben» und, nicht
genug daran33, nun auch noch «zu völligen Anachoreten»
zu werden drohen. Wie lieblos! Und daraufhin hat dann also F. zu unsern Schriften
gegriffen und neben allerlei, dem er zustimmen zu können glaubte, auch einige
Stellen (bes. solche, in denen er seinen Namen erwähnt sah) gefunden, die seinen
Widerspruch erregten. Steht die Geringfügigkeit dieser Anlässe nicht in einem
seltsamen Mißverhältnis zu dem gewaltigen Apparat, den sein Aufsatz entwickelt? F.
wäre wirklich zu bedauern, wenn er auf alle Unartigkeiten «junger Leute» und auf
alle polemischen Erwähnungen seines Namens so eifrig und ausführlich eingehen
müßte wie auf die Exzesse der bewußten zukünftigen Anachoreten und auf die paar
doch recht seltenen und zahmen Antastungen, die ihm von Thurneysen und mir gelegentlich (und nie
anders als beiläufig) widerfahren sind. Warum tut er gerade uns
diese Ehre an? Ich kann mir das Rätsel nicht anders erklären als daraus, daß F.,
daran gewöhnt, das wilde nationale und sonstige Barbaren- und Berserkertum mit
Hilfe des Christentums siegreich zu bekämpfen, bei uns auf einmal auf den für ihn
viel verdrießlicheren Widerspruch gestoßen ist, daß das Christentum sich ihm
sowohl wie seinen gewohnten Gegnern als Mittel zum Zweck versage, daß es in sich selber Zweck sei und in den Rahmen
eines Wohlfahrts-, Erziehungs- und Kulturprogramms eingespannt zu werden – und
wäre dieses noch so34 edel, hilfreich und gut35, und wäre sein metaphysischer Hintergrund noch so weltenweit - sich
entschieden verbitte. Das ist’s jedenfalls (die «Barth-Leute»
mögen |194 ihre Sache selber führen!), was Thurneysen und ich an jenen Stellen beiläufig
gegen F. bemerken wollten, nachdem wir es nach der andern Seite (den etwas
irrational-nationaleren «Erziehern» zugewandt!) oft genug bemerkt haben. Und daß
das gegen F. zu bemerken ist, dabei müssen wir bleiben, angesichts seines heutigen Aufsatzes mehr als je. Foerster irrt,
wenn er meint, jenes «trotz Foerster» S. 23 meines Tambacher Vortrags unter
Berufung auf sein Eintreten für «Selbstverantwortung» und «Eigenleben» als
groteske Verkennung ablehnen zu 245 können. Denn eben das, worum es ihm nach
dieser seiner eigenen Aussage geht, daß der Schüler (der Mensch!) sich selber
Autorität werde, eben das sei, meinen wir, christlich betrachtet als die
gefährlichste aller Autoritätspagoden anzusehen. Und wie viel besser wäre es
gewesen, wenn F. Thurneysen gegenüber
auf den Triumph verzichtet hätte, ihm nachzuweisen, daß Dostojewski ihm für seine «Jugendlehre»
tatsächlich doch ein Exempel geliefert habe. Denn nun muß ich
den Leser schon bitten, sich an Ort und Stellef selbst zu überzeugen, ob F. mit der doppelt «armen
Marie» (hineingestellt zwischen die Geschichte vom Dienstmädchen und die von der
«geflickten Hose» unter dem gemeinsamen Titel «Ein Blick hinter die
Kulissen»!)37 nicht genau das getan hat, was
wir bei ihm beanstanden: die Ausbeutung und handgreiflichste Auspowerung der
christlichen Wahrheit zu einem an sich löblichen und rechten, aber ihr selbst ganz fremden Zwecke. Die Pointe des heutigen F.’sehen Aufsatzes
besteht in dem Nachweis, daß das Christentum, wie wir es darstellten, zur Erziehung nicht zu gebrauchen sei. F. findet sich in dieser
Anklage mit Harnack38 und
noch so manchem unserer Kritiker. Wir bestreiten aber |195
die Voraussetzung dieses Einwands. Wir bestreiten, daß das Christentum dazu da
sei, um sich von uns brauchen zu lassen. Über diese Voraussetzung hätte F. sich
äußern müssen, wenn er uns und die ungebärdigen «jungen Leute» wirksam belehren
wollte.
3. Die christliche Wahrheit läßt sich nicht brauchen. Sie will
uns brauchen. Sie will Subjekt sein, nicht Objekt. (Wenn mir
doch F. an dieser Stelle mit der klärenden Offenheit, die Harnack neulich bewiesen hat, antworten würde,
das sei ihm «total unverständlich»39!) Sie steht uns in keinem
Punkt zur Verfügung, so daß wir «fast ganz» sie anerkennend, irgendwo und
irgendwie unsere «letzte Belebung» von uns aus vollziehen, d. h. aber (denn das
ist gleichbedeutend!) mit der Wahrheit anfangen könnten, was wir
wollen. Nein, sie verfügt selbst und allein, oder sie ist nicht
die Wahrheit. Wir haben keinen Weg zu ihr; sie ist nach dem von F. zuletzt
zitierten Wort selbst der Weg, oder sie ist nicht die Wahrheit
[vgl. Joh. 14,6]. Es gibt
also kein sich «Erschließen» für sie, keine «Vorbereitung» ihres Sieges weder
elementarer noch sublimer Art, keine «Einführung» in sie, weder durch Religion im
Geißenstall, noch durch «Selbstvernichtung», noch durch den Völkerbund. Sie kommt
und siegt selbst, oder sie ist nicht die
Wahrheit. Sie läßt sich auch nicht zerlegen in verschiedene Stufen der
«Erfahrung»; sie ist in allen Erfahrungen des Menschen dieselbe Wahrheit; sie
stellt den Menschen vor Gott. Und daß der Mensch vor Gott gestellt ist, das
bedeutet, daß er ein Sünder ist, den Gott seinen Heiligen nennt; alles Mehr oder
Weniger |196 würde hier bedeuten, daß er 246 gar nicht vor Gott gestellt ist. Und das ist dann ein Christentum der von
F. postulierten «Synthese», bei der jedem «ganz präzis das Seine» wird, nämlich
dem Menschen seine Sünde und Verdammnis und Gott seine unbegreifliche Gnade. Diese
Synthese als Wirklichkeit, das ist die christliche Wahrheit. F. beweist nur, daß
er von Allem noch gar nichts verstanden hat, wenn er über das, was er Christentum
nennen oder nicht nennen will, entscheidet nach dem Gesichtspunkt seiner
Brauchbarkeit für Kultur und Erziehung, mit der Frage, ob man etwas damit anfangen
könne. Mit dem Anfang kann man nichts anfangen; er ist eben der Anfang. Auch der Anfang von Kultur und Erziehung, aber der Anfang. Und das behauptet das Christentum zu sein: der
Anfang. Wer mit dieser seiner Behauptung nicht mindestens rechnen will, der sollte lieber die Hände davon lassen. Hier ist
nicht die «gesunde» Distanz, die F. an den orientalischen Religionen meint rühmen
zu dürfen, sondern die sehr ungesunde Distanz von Leben und Tod, bei der auch das
von F. gerühmte «Tiefste im Menschen», auch die «letzten Reste eines eingeborenen
Protestes unserer höheren Natur» auf die Seite des Todes zu stehen kommen; denn
die Sache mit dem von F. angezogenen Wort Jes. 6,5 ist wirklich ein wenig ernsthafter, als er
denkt. Hier wird von einer «Bewegung der Kreatur auf Gott hin», von den
«Friedfertigen» der Bergpredigt [Mt. 5,9], von der Versöhnung mit dem Bruder auf alle Fälle nicht im
Zusammenhang mit Völkerbund und Pazifismus oder mit den sich ergänzenden
vortrefflichen Eigenschaften der verschiedenen Völker die Rede sein können. Hier
wird man das Wort des Herrn: «Steh auf, nimm dein Bett und wandle!» [Mt. 9,6] ein Wort des Herrn
sein lassen, in dessen Mund es Kraft und Herrlichkeit ist, während es in meinem
oder F.’s Mund zur Phrase oder zur Tollheit würde. Hier darf sich die Kirche in
der Tat weder durch den Militarismus noch durch den Pazifismus das Konzept
verwirren lassen, sondern muß mitten durch die -ismen, mitten hindurch durch die
«Gottlosigkeit des Menschen im Bösen und im Guten»40
ihren eigenen Weg wieder gehen lernen. Hier ist’s ja gerade nicht der eingeweihte,
vorbereitete, erzogene Sünder, sondern der Sünder schlechthin, der Sünder als
solcher, |197 dem Gott gnädig ist. Und das eben und nichts
Anderes ist dann «die dem Leben und den Menschen zugewandte Seite Christi», und
das immer wieder und auf allen Stufen der «Erfahrung» und auf der höchsten, wo der
Pharisäer steht, am allermeisten! – «allzuabstrakter Paulinismus?» Nun ja, darüber
kann man verschiedener Meinung sein.
4. Aber «man vermißt …», schreibt F., beklagt sich merkwürdig pathetisch über die
Unart jener jungen Leute und meint, mich auf die Notwendigkeit der «Anwendung des
Christentums auf das Leben» aufmerksam machen zu müssen, als ob er es mit einem
quietistischen Lutheraner und womöglich mit einem verkappten Ludendorff-Theologen41 247 zu tun habe. Ich will
nun gewiß nicht bestreiten, daß an meiner und der «jungen Leute» und einiger
anderer Leute Art und Unart allerhand sehr Wesentliches zu
«vermissen» ist. Aber F. hat doch etwas Grundsätzliches sagen wollen, auf das ich
grundsätzlich antworten darf. Seine Meinung ist die, daß eine ganz bestimmte
moralisch-politische Haltung, nämlich der kosmopolitische Humanitarismus des
europäischen Westens, die notwendige Vorbereitung, Einführung, Einweihung für die
Gnade, der «Weg zu Christus» sein müsse. Wenn er diese
«Anwendung des Christentums auf das Leben» bei mir «vermißt», so hat er allerdings
recht. Eine «Anwendung des Christentums auf das Leben», bei der Christus erst
Folge und Ziel und nicht schon Voraussetzung ist, halte ich nicht nur für einen
Verrat am Christentum (weil sie es zum Hebel einer philosophischen Moral macht,
deren einwandfreie Überlegenheit gegenüber der der Wotanspropheten und Fichteschulmeister erst nachzuweisen
wäre!), sondern auch für ein vom wirklichen «Leben» aus gesehen ganz und gar
aussichtsloses und unerhebliches Unternehmen (weil dem «Leben» mit Moral
beizukommen noch nie gelungen ist noch gelingen wird. Das «Leben» fügt sich nur
dem Herrn des Lebens). Ich meinerseits denke: die selbständig
gültige und sich behauptende christliche Wahrheit, daß Gott den Sünder seinen
Heiligen nennt, genügt zur |198 Begründung auch der Ethik.
Sie (sie allein) setzt die zehn Gebote in Kraft. Sie (sie allein) macht die
vielberufene Liebe aus einem sentimentalen Postulat zu einer Notwendigkeit. Sie
(sie allein) öffnet dem Menschen die Augen über sich selbst und reißt die
Schranken nieder, die ihn von seinem Nächsten trennen. Sie ist (aber nicht wo sie
Mittel zum Zweck, sondern nur wo sie selbst Zweck ist!) der endgültige Riegel, der
aller (aber wirklich aller!) menschlichen Velleität, Heuchelei
und Überheblichkeit vorgeschoben ist. Sie stellt den Menschen zwar auf keine
Himmelsleiter, wohl aber auf einen unter Furcht und Zittern [vgl. 2.Kor. 7,15 u. ö.] und doch nicht
ohne letzte Ruhe anzutretenden Wanderweg hienieden. Sie gibt ihm mit der
unüberhörbaren Erinnerung, daß Gott im Himmel ist und er auf Erden [vgl. Pred. 5,1], die Freiheit zu
einer humanen, irdischen, kraft jener Erinnerung sachlichen
Betrachtung seiner Lebensmöglichkeiten. Sie erlaubt, ja sie gebietet es ihm, auch
auf Erden zu hoffen und für das, worauf er hofft, zu arbeiten. Sie ermöglicht die
Aufgabe, ja sie macht sie unvermeidlich, die jungen und die alten Menschen zu erziehen (weil sie die unübersteigbaren Schranken zeigt, innerhalb deren wir zu laufen haben [vgl. 1.Kor. 9,24], weil sie
die Kritik am Menschen ist, in der sich, nüchtern betrachtet,
das erschöpfen dürfte, was durch Pädagogik allenfalls für ihn zu tun ist, weil sie
die vielvermißte42 wirkliche Autorität ist,
die, wenn ich’s recht verstehe, das Problem und die Summa aller Pädagogik ist).
Doch kann das alles nur da gelten, wo das Christentum ganz und gar nicht um seiner
248 pädagogischen Dienlichkeit willen in Kraft steht. Sie ist (aber nicht wo sie
als das, sondern nur wo sie um ihrer selbst willen gesucht
wird!) die Antwort auf die nationalen, wie auf die sozialen Fragen (vor allem weil sie die Entleerung und der Tod der
falschen Religionen und Ideologien ist, die das Gift und den Stachel der
kämpfenden Mächte bilden – aber dazu gehören nicht nur die, gegen die F. zu
polemisieren pflegt). Sie ist allerdings zu ernst, um uns gewisse Illusionen mit
metaphysischen Hintergründen (z. B. betr. das «von oben reagieren» gegen «tierische
Stöße»!!) zu erlauben, aber Pestalozzi
hat ganz recht: sie steht über dem Größten wie über dem Kleinsten unsres Lebens
als das Maß, an dem Alles gemessen, als die aufgehobene Hand,
die bei jedem Schritt zu beach|199ten ist. Täte sie es nicht, so wäre sie nicht die
christliche Wahrheit. Wie anders soll denn der Mensch vor Gott stehen denn mit
seinem Leben, d. h. in seiner Beziehung zu den Andern, in der
Gemeinschaft? Von einem «Rückzug» auf das Verhältnis «Gott und die Seele»43
kann darum nicht die Rede sein, weil gerade in diesem Verhältnis
das Problem der Ethik gestellt ist. Was gibt es da eigentlich zu «vermissen»?
Außer dem Einen, was F. allerdings nach wie vor vermissen wird, daß christlich
verstanden der Sünder wohl ein Heiliger ist, aber nicht wird, sondern als Heiliger, unentrinnbar vor
das Problem der Ethik unter das Gesetz gestellt, ein Sünder im Vollsinn des Wortes
ist und bleibt. Aber ist das nicht die «Anwendung des Christentums auf das Leben»:
daß die Wahrheit eben die Wahrheit ist und daß wir sie als solche stehen lassen in
ihrem ganzen tiefen, beunruhigenden und beweglichen Ernst, daß sie nicht von uns
(«Behüt mich, Herr, vor falscher Lehr»!44) geleugnet, verfälscht und verraten, aus Gotteswahrheit zur Weltwahrheit,
aus dem Zweck zu einem Mittel gemacht, nicht pelagianisiert und hellenisiert
werde?
5. Ich darf um der sonstigen Gegner F.’s willen nicht unterlassen, ausdrücklich
hinzuzufügen, daß ich dem Kampf gegen die offizielle Geistigkeit der
wilhelminischen Ära Deutschlands, den er besonders seit 1914 aufgenommen, alles
Einzelne vorbehalten, mehr Recht auf seiner als auf der entgegengesetzten Seite
sehe. Aber nachdem das gesagt ist, muß ich auch das Weitere sagen: daß ich diesen
Kampf, unternommen auf Grund der von F. in seinem heutigen Aufsatz entwickelten
Voraussetzungen, nicht nur für aussichtslos, sondern auch für schädlich, geeignet
zur Bestärkung des bekämpften Gegners, halte. So kann es nicht
gelingen.
200
Eine Verständigung zwischen den beiden im Vorangehenden begründeten Standpunkten
scheint mir nicht erreichbar. Barth ist der leidenschaftliche Spezialist des
Römerbriefes, mit aller Stärke und aller Schwäche des gelehrten Spezialismus – ich
bin ein Mensch der Synthese, gewiß ebenfalls mit allen Schwächen und Stärken
dieser Art von Betrachtungsweise. Wo immer ich Barths Darlegungen lese, da habe
ich den Eindruck, als gäbe es nur den Römerbrief, die vier Evangelien aber seien
der Welt verloren gegangen, auch der Corintherbrief sei noch nicht entdeckt
worden.h Barth
ist in seiner einseitigen Interpretation so gefangen, daß er dann «nicht nur –
sondern auch» gemacht zu verstehen vermag. Vielleicht ist diese Einseitigkeit
heute gar nicht heilsam46 als Gegengewicht gegen alles das, was man Harnack’sche Betrachtungsweise nennt, also
gegen jene bloße Humanisierung des Christentums, wie sie in Harnacks «Wesen des Christentum
📖» so typisch
zum Ausdruck gekommen ist. Gleichwohl müssen auch Menschen da sein, die die
Barth’sche Übertreibung als solche kennzeichnen. Gegenüber Barth und manchen
seiner Gesinnungsgenossen kommt mir immer wieder die Frage: Ist man nicht in
Gefahr, in Größenwahn zu fallen, wenn man nicht etwa nur irgend einer Zeitmode
oder Zeitkrankheit als Vereinzelter widerspricht, sondern gegenüber 20
christlichen Jahrhunderten nur eine ganz ausgeprägte, stark
isolierte Deutung als alleiniges Christentum und allein getreue Gottesdarstellung
hinstellt? Wer so stark die Sündenschranken 328 des Menschen untersteicht, sollte
der nicht auch etwas mehr Verständnis für die Beschränktheit jeder individuellen
Deutung der göttlichen Dinge haben?
201 Weil Barth mein «nicht nur – sondern auch» nicht versteht, darum muß er wohl dabei
bleiben, zu meinen, ich wolle das Christentum nur seiner pädagogischen
Dienlichkeit willen gelten lassen und es für meine ethischen Zwecke brauchen; das
Christentum aber werde nicht gebraucht, sondern es brauche uns. Ich wehre mich aufs Nachdrücklichste gegen diese Darstellung
meiner Betrachtungsweise. Ich bin durch viele Barth’sche Formulierungen gerade
deshalb aufs Stärkste angezogen worden, weil sie genau dem entsprechen, was mir
selber schon bei der Lektüre der genannten Harnack’schen Schrift klar geworden war
und was mich bei der Beschäftigung mit den tieferen Autoren des Katholizismus
gepackt hatte: nämlich eben die Einsicht in den Sinn von Hiobs Schweigen und in die Notwendigkeit der
Befreiung vom Menschlichen, Allzumenschlichen, von allen irdischen Zwecksetzungen
und Formeln, damit das, was über der Erde und über dem Menschen ist, ungehindert
in uns wirken könne und uns in das richtige Verhältnis zu uns selbst und zu
unserer sogenannten «Kultur» setze. Ich bleibe aber unbedingt dabei, daß die
Evangelien unzweideutig auch noch andere Weisungen enthalten, als alles das, was
Barth sehr treffend als «Kritik am Menschen» bezeichnet, was aber nur ein Mittel der göttlichen Führung der Seele ist. Wir sind trotz allem
eben doch zur Nachfolge aufgerufen, es ist uns gesagt, daß wir den «Willen tun»
sollen, um die Lehre zu verstehen, es ist uns die metaphysische Tragweite unseres
Verhältnisses zum Mitmenschen enthüllt und eben deshalb gehören auch alle
Bestrebungen zur Aussöhnung der Klassen und der Völker, wenn sie wahrhaft und
religiös und nicht blos humanitär begründet werden, unbedingt in die Kirche
hinein.i Die Ermutigung des Sünders und die Ermutigung der
Nachfolge widersprechen einander scheinbar, aber gerade in dieser Synthese der
Widersprüche liegt jedoch die Universalität des Christentums: Ist es doch auch die
Nachfolge, die die stärksten Erfahrungen für die Vertiefung des Sündengefühls
schafft! In dem Barth’schen Paulinismus kommt nicht etwa die menschliche
Pädagogik, sondern die Pädagogik Jesu selber zu kurz, es fehlt der menschliche,
liebende, versöhnende, verstehende Christus, der «Ver328körperer» Gottes auf
Erden, solches aber ist eine falsche Methode der berechtigten Gegenwirkung gegen
die moderne Vermenschlichung Christi; Einseitigkeit kann nur durch Universalität,
nicht aber durch die entgegengesetzte Einseitigkeit überwunden werden.