3. Dezember 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

356
Lieber Eduard!

Gut gespeist? Ja durchaus: Im Waggon-Restaurant Aarau-Bern, lässig ans Fenster gelehnt, unter Offizieren und Agrariern und Nationalräten. Bildhauer Hubacher war auch dabei. Wenn mich nur niemand gesehen hat! In Bern besuchten wir den Herrn Bäschlin, dem man nun 500 Exemplare [Römerbrief 📖] wegnehmen und von München aus vertreiben wird. Ich war bei Prof. Hoffmann, der im Studierzimmer meines Vaters ein durchaus ephemeres […] Dasein führt, und schrieb ihm so lange auf den Kragen, bis alle seine Geschützlein zum Schweigen gebracht waren. Dann versicherte ich ihm in kühner Wendung in blinder Befolgung deines Johanneischen Vorbilds, daß wir im Grunde durchaus das gleiche meinten und uns sehr nahe stünden, worüber er noch einmal paff war.

Hier allerlei zur Dialektik des Reiches Gottes. Gertrud Bäumer1 und Greyerz sägen mich glatt ab!2 Unser steiler Freund Rosenstock traut mir auch nicht so vorbehaltlos wie Ehrenberg. Und was soll man von Schultheis3 denken, der mir bedeutet, daß ich noch nie zwischen Gott und Revolver gewählt habe, aber er! Rosenstock und Schultheis sollte ich nun umsichtigst antworten — wie? darüber möchte ich dann am Sonntag oder Montag deinen klugen Rat hören.

Ja ich komme also, am Sonntag in der Morgenfrühe, wahrscheinlich mit einigen Safenwilern. Die Predigt beginnt um 1/210 Uhr, nichtwahr? Auch aus der Kinderlehre darfst du uns dann nicht ausschließen. Am Nachmittag begleite ich dann meine Leute nach da oder dorthin und […] kehre auf den Abend zurück. […]

Den «Neuwerk»-Leuten gegenüber möchte ich doch die Flinte nicht so rasch ins Korn werfen. […] Die Verwirrung ist allerdings groß, aber nicht hoffnungslos. Es kann uns ja bei unsrer Klarheit über das Problematische, Zweideutige unseres Redens nicht wundern, wenn sie uns zunächst in der Tat trotz allem Hören immer |357 noch überhören. Sie «fortkutschieren» zu lassen, wirds immer noch Zeit sein, wenns sein muß. Ob ich ihnen mein Suhrer Redlein für das «Neue Werk» schicken soll?

Letzten Sonntag passierte das Fatale, daß ich zwei Buben, die sich während meiner Bemühungen um die Athalja-Geschichte [Kinderlehre über 2.Kö 11] prügelten, mit je einer kräftigen Watsche aus der Kirche entfernte. Es mußte scheinbar sein, aber es reut mich; es war eine bedenkliche Schwäche, die mich aus dieser Tat nachher ansah.

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite
dein
Karl

Ich habe den ganzen Kampschulte4 gelesen und bin jetzt an Calvins Briefen 📖.

Sachfußnoten

1
Gertrud Bäumer (1873–1954), Schriftstellerin, erstes weibliches Mitglied des Reichstags. Sie gehört zum Kreis Friedr. Naumanns.↩
2
Die Artikel von G. Bäumer und K. v. Greyerz, von denen Barth spricht, konnten nicht nachgewiesen werden.↩
3
Heinrich Schultheis (1886–1951), Pfarrer in Gelnhaar (Oberhessen), Freund Herpels, Teilnehmer der Tambacher Konferenz.↩
4
F. W. Kampschulte, Johann Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf, 2 Bände, Leipzig 1869/1899. 📖 ↩