8. Januar 1922

«Über Kirche»

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ÜBER KIRCHEα

1922

Auf Initiative von Carl Stange1 fand in dessen Göttinger Hause (Hanssenstraße 10) im Wintersemester 1921/22 jeweils am Sonntagabend ungefähr «alle 14 Tage eine theologische Zusammenkunft»2 statt, deren regelmäßige Teilnehmer neben dem Einladenden Emanuel Hirsch3 und Karl Barth (meist mit Ehefrauen) waren.4 Gastweise gesellten sich gelegentlich z. B. Otto Piper5, Ernst Strasser6 und Georg Wobbermin7 hinzu. Zum ersten Abend kam man am 27. November 1921 zusammen. Nach dem Vortrag eines oder kurzen Referaten mehrerer der Teilnehmer wurde jeweils das Gespräch eröffnet. Unter den behandelten Themen des von Barth sog. «Stange-Kränzchens» waren: am 11. Dezember 1921 Vortrag Stanges «über den Entwicklungsbegriff in der Religionsgeschichte»8; am 8. Januar 1922 der folgende Vortrag Barths «Über Kirche»; am 22. Januar Vortrag Hirschs «über den Begriff des historischen Verstehens»9; am 5. Februar Referat von Stange, Hirsch und Barth «über unser Verhältnis zu Feuerbach»10; am 12. Februar Ge|2spräch über «das Problem der Christlichen Kunst»11; am 26. Februar Referat Stanges über «Leib und Seele»12; am 21. Mai Vortrag eines «längeren Exkurs[es] über Zwingli»13 von Barth. Rückblickend auf das Referat «Über Kirche» schrieb Barth an seine Mutter: «Vorgestern war zum ersten Mal wieder Stange-Kränzchen, das sich nicht übel anläßt. Stange u. Hirsch möchten mich gerne in die Zange nehmen[,] und ich bin ja wirklich eine rechte Unschuld neben diesen gelehrten Akademikern. Aber bis jetzt ließ ich mich noch nicht erwischen.»14 Barths Referat blieb unveröffentlicht.15

Über Kirche

1. Gottes Offenbarung ist Offenbarung der Wahrheit. Das ist die Wahrheit, daß der Mensch sich in einer letzten Krisis befindet. Seine höchste Verheißung ist es, die ihm s[eine] tiefste Not bereitet[,] und seine tiefste Not ist selbst seine höchste Verheißung. Er ist gerichtet und darum gerechtfertigt. Er ist ein Sterbender und darum ein Lebender. Er ist Kreatur und darum Gottes Kind. Aber dieses «und darum» ist das Ende aller Dinge, aller Geschichte, aller Anschaulichkeit, aller Möglichkeit und der Anfang einer neuen Welt. D. h. aber: die Wahrheit ist uns nie gegeben, sie ist nur Wahrheit als Offenbarung, als Wort und Wunder Gottes. Sie ist in ihrem Wesen das absolute Paradox, Wahrheit für uns nur in und aus Gott selber. Wird sie Wahrheit für uns, so hat Gott sich uns offenbart. Ob sie für uns Wahrheit ist, das ist für uns in jedem Augenblick der Zeit problematisch, denn in jedem Augenblick der Zeit aufs Neue hängt die Realität der Offenbarung an dem ewigen Willen und Wohlgefallen Gottes[,] und nur im Hinblick auf Gott kann u. darf von |3 einer Heilsgewißheit unsrerseits die Rede sein. Den schärfsten Ausdruck für diesen Sachverhalt finde ich darin, daß im Bereich der biblischen Welt die Offenbarung exklusiv in dem unerhörten Weg Jesu Xi [Christi] vom Kreuz zur Auferstehung gesucht u. gefunden worden ist.

2. Im Bereich der bibl. Welt rücken darum alle relig. Begriffe in das Licht dieser letzten Krisis. Sie werden samt u. sonders eschatologisch[,] d. h. sie begreifen samt u. sonders das Vergehen dieser Welt u. das Kommen des R[eiches] G[ottes].16 Sie reden in möglichen Worten vom Unmöglichen, in menschlichen anschaulichen Worten von der unanschaulichen Wirklichkeit Gottes. Sie sind Versuche, die ewige Offenbarung zeitlich zu fassen[,] und weisen als solche von sich selbst weg, über sich selbst hinaus auf ihren Gegenstand, der doch selber nie ein Gegenstand unter andern ist noch werden kann. Sie werden dialektisch. Sie werden zu Grenzbegriffen. Sie werden samt u. sonders voll heimlicher Negativität und nur in ihrer Negativität positiv u. wahr. Sie begreifen die Beziehung Gottes zum Menschen, die nur in fortschreitenden Aufhebungen der Beziehung des Menschen zu Gott[,] d. h. der sog. religiösen Beziehung klar zu machen ist. Ihre Eindeutigkeit besteht in ihrer vollen bewußten Zweideutigkeit. Sie sind Antworten, indem sie Fragen sind. Sie sind Mitteilungen über Gott, indem sie Gott nach Maßgabe des 2ten Gebotes [Ex. 20,4–6] tunlichst verhüllen. Sie setzen Offenbarung voraus und sie sind Hinweis auf Offenbarung. Nicht weniger[,] aber auch nicht mehr.

3. In diesem Sinn bezeichnet der Begriff der Kirche die Beziehung Gottes zum Menschen in Rücksicht auf seine geschichtliche Gemeinschaft zu den Mitmenschen, anders ausgedrückt: die Gemeinschaft der Menschen in Gott. Diese Gemeinschaft findet statt in X [Christus], in der Offenbarung der Wahrheit. Denn daß Einer im Andern seinen Bruder in Gott, d. h. aber letztlich sich selbst erkenne, das ist das absolute Paradox der Wahrheit, das ist nie direkt, das ist nur durch Offenbarung Wahrheit. C. A. «eccl[esia] est congr[egatio] sanctorum in qua ev[an]g[elium] recte docetur et recte administrantur sacramenta.»17

4 4. Eben in diesem recte ist nun aber auch der kritische Sinn dieses Begriffs ausgesprochen. Wo geht es recte zu, wenn G[ott] u. M[ensch] sich gegenüberstehen? Wenn G.’s Wort auf M[enschen]lippen ertönt, von M.ohren vernommen werden soll? Wie kann das Wort u. Wunder G.’s zu einem menschlichen Tun werden. Aller Reichtum kirchl. Möglichkeiten kann nicht darüber wegtäuschen, daß der M. als M. sich so auf einem verlorenen Posten befindet. Wehe ihm, wenn er es nicht weiß (Israel, Rom etc.). Das Verderben der Kirche ist das Nicht-Wissen von dem Gericht[,] unter dem sie steht. Darum Luther; «sec. sensum nusquam apparet»18. Lehre von der eccl. invisib[ilis].19 Keine zweite neben jener, sondern die göttliche Möglichkeit in ihr, über ihr. Nur von ihr gilt «una sancta, catholica, apostolica»20. Unnötig[,] nach neuer Kirche und Kirchenform zu suchen.

5. Was wird aus der eccl. vis[ibilis]? Sie rückt in die Reihe der menschl. Möglichkeiten, aller Kritik ist Raum zu geben, Beugung vor Gott u. s. Walten. Aber eben darum auch Ruhe [?] zu relativer Arbeit in ihr. Ja wer wird so bestehen [vgl. Ps. 130,3]? aber [?]21 im Aufdecken der Freiheit Gottes, der doppelten Prädestination, des göttlichen Erbarmens. Darum nicht Menschendienst: Element d. Beunruhigung. Hier Not u. Hoffnung am Brennendsten. Hier Lage d. M. am Ehrlichsten erkannt. Selbstverständlich in Kontakt mit den andern Möglichkeiten, aber nie in ihrem Dienst, immer gedenkend der letzten Dinge.22

Sachfußnoten

1
Carl Stange (1870–1959), 1904 Professor für Systematische Theologie in Greifswald, 1912–1937 in Göttingen.↩
2
Bw. R., S. 170 (10.1.1922). 📖↩
3
Emanuel Hirsch (1888–1972), 1921 Professor in Göttingen, zunächst für Kirchengeschichte, ab 1935 für Systematische Theologie, 1945 emeritiert.↩
4
Vgl. Bw.Th. II, S. 15 (27.11.1921) 📖: «Heute Abend sind wir bei Stange mit Pipers zusammen. Er will ihn, Hirsch und mich in einer Art Kränzchen um sich scharen unter der Flagge ‹Wir Jüngeren›!!!, wahrscheinlich ist er ein Fuchs; ich… will den Anlaß benützen, einmal in die Geschichte hineinzusehen.» Piper hat offenbar nicht regelmäßig an den Abenden teilgenommen.↩
5
Otto Piper (1891–1971), ab 1920 Privatdozent für Systematische Theologie in Göttingen, 1928 dort a. o. Professor, 1930 o. Professor in Münster, 1934 Gastprofessor in Wales, lehrte ab 1937 in Princeton/USA.↩
6
Ernst Strasser (1892–1978), Inspektor des lutherischen Stiftes in Göttingen von 1920 bis 1922, später Pastor in Lübeck und Hildesheim, Superintendent und Konsistorialrat in Ilfeld, Schloßprediger in Hannover; 1947–1960 Propst in Uelzen.↩
7
Georg Wobbermin (1869–1943), seit 1898 Privatdozent für Systematische Theologie in Berlin, 1906 a.o. Professor in Marburg, 1907 o. Professor in Breslau, 1915 in Heidelberg, 1922 in Göttingen, ab 1935 in Berlin.↩
8
Vgl. Bw.Th. II, S. 22f. (11./12.12.1921). 📖↩
9
Vgl. Bw.Th. II, S. 31 (22./23.1.1922). 📖↩
10
Vgl. ebd. 📖; Barths Beitrag siehe unten S. 6ff.↩
11
K. Barth brieflich an seine Mutter am 17.2.1922 (Original im K. Barth-Archiv, Basel).↩
12
Vgl. Bw.Th. II, S. 50f. (27.2.1922). 📖↩
13
Vgl. Bw.Th. II, S. 79 (22.5.1922). 📖 Es handelt sich hierbei wohl um den Zwingli behandelnden Abschnitt aus dem einleitenden ersten Kapitel von Barths Vorlesung im SS 1922, «Die Theologie Calvins» 📖 (Veröffentlichung in der Gesamtausgabe in Vorbereitung). Barth hatte diesen Abschnitt am 12. und 15. Mai 1922 im Kolleg vorgetragen und also im darauffolgenden «Stange-Kränzchen» wiederholt.↩
14
Postkarte, Poststempel vom 11.1.1922 (Original im K. Barth-Archiv, Basel).↩
15
Das Mskr. trägt die am Rand mit Bleistift nachgetragene Überschrift: «Über Kirche. 8.1.22. (Stange-Kränzchen)».↩
16
Vgl. Die Didache (Διδαχὴ τῶν δώδεκα ἀποστόλων), hrsg. von H. Lietzmann, Bonn 19123, S. 11 (Kap. 10,6) 📖: Ἐλθέτω χάρις καὶ παρελθέτω ὁ κόσμος οὗτος.↩
17
Confessio Augustana (1530), BSLK 59,17–60,3 📖: «Est autem ecclesia congregatio sanctorum, in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta.» Für die Lesart «recte docetur» siehe den textkritischen Apparat BSLK 60. 📖↩
18
M. Luther, In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius 1531 (1535), WA 40/II, 106,21–23 📖: «Deus enim ita abscondit et obruit eam [scil, ecclesiam] infirmitatibus, peccatis et erroribus, variis formis Crucis et scandalis, ut secundum sensum nusquam appareat.»↩
19
Zur Unterscheidung der «ecclesia visibilis» von der «ecclesia invisibilis» vgl. z. B. HpB 540f. 📖; SchmP 374–376. 📖↩
20
Symbolum Nicaenum, BSLK 26,3; 27,7f. 📖: «Credo… unam, sanctam, catholicam et apostolicam ecclesiam.»↩
21
«eben»?↩
22
Dem Mskr. Barths liegt ein Zettel mit folgenden handschriftlichen Notizen bei: «1. Der Begr. d. Kirche ist ein dialektischer Begriff. Er entsteht an d. Grenze von Zeit u. Ewigkeit, Mensch u. Gott, Diesseits u. Jenseits. Wir haben uns zu hüten vor allen triftigen [?] Konkretheiten u. Abstraktheiten, noch mehr aber vor der Kombination beider. Immer beziehen sich die abstrakten Aussagen auf die eccl[esia] vis[ibilis]. Immer werden alle konkreten Aussagen aufgehoben durch ihre Beziehungen auf die eccl[esia] invis[ibilis].» Es handelt sich vermutlich um einen abgebrochenen ersten Entwurf zu dem Referat. Weiterhin ist dem Manuskript beigefügt eine Sammlung von Zitaten zur Ekklesiologie. Den Namen der Autoren folgt jeweils (mit Ausnahme des ersten ohne nähere Quellenangabe) ein Zitat oder auch eine Mehrzahl von Zitaten. Es sind dies: (erstes Blatt) Irenäus, Cyprian, Bonifaz VIII., Bellarmin, C[onfessio] A[gustana] 📖, Melanchthon, Gerhard; (zweites Blatt) Luther, Zwingli, Luther.↩