«Über Kirche»
ÜBER KIRCHEα
Auf Initiative von
Über Kirche
1. Gottes Offenbarung ist Offenbarung der Wahrheit. Das ist die Wahrheit, daß der Mensch sich in einer letzten Krisis befindet. Seine höchste Verheißung ist es, die ihm s[eine] tiefste Not bereitet[,] und seine tiefste Not ist selbst seine höchste Verheißung. Er ist gerichtet und darum gerechtfertigt. Er ist ein Sterbender und darum ein Lebender. Er ist Kreatur und darum Gottes Kind. Aber dieses «und darum» ist das Ende aller Dinge, aller Geschichte, aller Anschaulichkeit, aller Möglichkeit und der Anfang einer neuen Welt. D. h. aber: die Wahrheit ist uns nie gegeben, sie ist nur Wahrheit als Offenbarung, als Wort und Wunder Gottes. Sie ist in ihrem Wesen das absolute Paradox, Wahrheit für uns nur in und aus Gott selber. Wird sie Wahrheit für uns, so hat Gott sich uns offenbart. Ob sie für uns Wahrheit ist, das ist für uns in jedem Augenblick der Zeit problematisch, denn in jedem Augenblick der Zeit aufs Neue hängt die Realität der Offenbarung an dem ewigen Willen und Wohlgefallen Gottes[,] und nur im Hinblick auf Gott kann u. darf von |3 einer Heilsgewißheit unsrerseits die Rede sein. Den schärfsten Ausdruck für diesen Sachverhalt finde ich darin, daß im Bereich der biblischen Welt die Offenbarung exklusiv in dem unerhörten Weg Jesu Xi [Christi] vom Kreuz zur Auferstehung gesucht u. gefunden worden ist.
2. Im Bereich der bibl. Welt rücken darum alle relig. Begriffe in das Licht dieser
letzten Krisis. Sie werden samt u. sonders eschatologisch[,] d. h. sie begreifen samt u.
sonders das Vergehen dieser Welt u. das Kommen des R[eiches] G[ottes].16 Sie
reden in möglichen Worten vom Unmöglichen, in menschlichen anschaulichen Worten von der
unanschaulichen Wirklichkeit Gottes. Sie sind Versuche, die ewige Offenbarung zeitlich
zu fassen[,] und weisen als solche von sich selbst weg, über sich selbst hinaus auf
ihren Gegenstand, der doch selber nie ein Gegenstand unter andern ist noch werden kann.
Sie werden dialektisch. Sie werden zu Grenzbegriffen. Sie werden samt u. sonders voll
heimlicher Negativität und nur in ihrer Negativität positiv u. wahr. Sie begreifen die
Beziehung Gottes zum Menschen, die nur in fortschreitenden Aufhebungen
der Beziehung des Menschen zu Gott[,] d. h. der sog. religiösen Beziehung klar zu machen ist. Ihre Eindeutigkeit besteht in ihrer
vollen bewußten Zweideutigkeit. Sie sind Antworten, indem sie Fragen sind. Sie sind
Mitteilungen über Gott, indem sie Gott nach Maßgabe des 2ten Gebotes
[
3. In diesem Sinn bezeichnet der Begriff der Kirche die Beziehung Gottes zum Menschen in Rücksicht auf seine geschichtliche Gemeinschaft zu den Mitmenschen, anders ausgedrückt: die Gemeinschaft der Menschen in Gott. Diese Gemeinschaft findet statt in X [Christus], in der Offenbarung der Wahrheit. Denn daß Einer im Andern seinen Bruder in Gott, d. h. aber letztlich sich selbst erkenne, das ist das absolute Paradox der Wahrheit, das ist nie direkt, das ist nur durch Offenbarung Wahrheit. C. A. «eccl[esia] est congr[egatio] sanctorum in qua ev[an]g[elium] recte docetur et recte administrantur sacramenta.»17
4 4. Eben in diesem recte ist nun aber auch der kritische Sinn dieses Begriffs
ausgesprochen. Wo geht es recte zu, wenn G[ott] u. M[ensch] sich gegenüberstehen? Wenn
G.’s Wort auf M[enschen]lippen ertönt, von M.ohren vernommen werden soll? Wie kann das
Wort u. Wunder G.’s zu einem menschlichen Tun werden. Aller Reichtum kirchl.
Möglichkeiten kann nicht darüber wegtäuschen, daß der M. als M. sich so auf einem
verlorenen Posten befindet. Wehe ihm, wenn er es nicht weiß
(Israel, Rom etc.). Das Verderben der
Kirche ist das Nicht-Wissen von dem Gericht[,] unter dem sie steht. Darum
5. Was wird aus der eccl. vis[ibilis]? Sie rückt in
die Reihe der menschl. Möglichkeiten, aller Kritik ist Raum zu geben, Beugung vor Gott u. s. Walten. Aber eben darum auch Ruhe [?] zu relativer Arbeit in
ihr. Ja wer wird so bestehen [vgl.