Feuerbach
Der Inhalt von F.’s «Wesen d. Chrts.»7 (1841) und soweit ich sehe auch seines «Wesens
d. Rel.»8 (1851) besteht in einer mit sympathischer |7 Beharrlichkeit durchgeführten Reihe von Variationen über das
eine Thema9:
Gott ist das objektivierte menschliche Subjekt, Religion ist der Akt der
Verabsolutierung des menschlichen Wesens10, seiner Anlagen, Nöte, Wünsche und
Hoffnungen, Theologie also Anthropologie11, psychische Pathologie12. Um diesen Sachverhalt aufzudecken – denn um einen
empirisch festzustellenden Sachverhalt handelt es sich dabei für F.–[,] um der Theologie, der Religionsphilosophie,
der modernen, der protestantischen insbesondere, die nicht weiß, nicht wissen will, was
sie tut, die Maske vom Gesicht zu reißen, die Nichtigkeit des Transzendenzanspruchs, den
sie im Namen ihres Gegenstandes erhebt, aufzuweisen und andrerseits zu zeigen, daß
dieser ihr Gegenstand, das Bewußtsein Gottes im Menschen nämlich, nichts Anderes ist,
als das Bewußtsein der menschlichen Gattung13, um laut aufzurufen zur Befreiung von jahrtausendealten
wohlgemeinten und einst ehrwürdigen, in ihrem Wesen aber, was nur das moderne Halbchrt.
nicht zugeben will, le|8bensfeindlichen
Illusionen14, zur resoluten
Umkehr von der Lüge zur Wahrheit d. h. aber von den religiösen Subjekten zu den
religiösen Prädikaten15, von Gott zur Welt u. zum Menschen, vom Glauben zur Liebe16, vom Himmel zur Erde, von
Christus zu uns selbst17, von all
den wesenlosen Gespenstern des Supranaturalismus zum wirklichen Leben – «Heilig sei uns
darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser. Amen» (W. Chrt. 399)18, um seine Leser «aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus
Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten d. Jenseits zu Studenten
des Diesseits, aus Christen … zu Menschen, zu ganzen Menschen zu
machen» (W. Rel. 170)19, dazu schreibt F. seine Bücher. F.’s theol. oder antitheol.
Schriftstellerei hat eine Reihe von Merkmalen, an denen man sich bei einem Autor, der
sich unterwindet[,] von den letzten Dingen unsres Daseins zu handeln, nur freuen kann: 1.
Er hat nicht Vieles zu sagen, aber er hat Etwas zu sagen[,] und das
beweist er damit, daß er Atem genug hat, es in tausend Wiederholungen immer wieder und
doch eigentlich ohne den Leser zu ermüden[,] und daneben dann wirklich nichts Anderes zu
sagen, dies Eine aber so, daß man hören und verstehen muß[,] was er
meint. 2. Er schreibt nicht, weil er irgend etwas schreiben will,
sondern weil etwas u. zw. gerade das geschrieben werden muß; es ist
nicht Literatur, sondern es ist eine Verkündigung, die er s[einen] Lesern anbietet. «Ich
kann eigentlich nur reden u. schreiben, wenn der Gegenstand mich in Affekt u.
Begeisterung versetzt» (W. Rel. 1)20. 3. Er erweckt weder |9 durch systematische noch durch historische Aufbauten u.
Entwicklungen den Anschein, als ob der Kern seiner Mitteilungen etwas Anderes wäre als
ganz ehrlich eine Schau u. eine These, die sich in ihrer Entfaltung bewähren oder nicht
bewähren muß, die aber in keiner Weise einer vorausgehenden Begründung bedarf. Darum
gibt ihm s. Philosophie im Wesentlichen nur das dialektische Handwerkszeug u. s. histor.
Wissen im Wesentlichen nur Beispiele an die Hand. Darum sagt er ungefähr auf jeder Seite
das Gleiche, das Wesentliche, das Ganze, was er zu sagen hat. 4. Er ist ein ehrlicher
Mann, der keinen Zweck zu kennen scheint als den, die Dinge beim Namen zu nennen, wie er
sie sieht, auf die Gefahr hin, es dadurch «mit Gott u. der Welt zu verderben» (W. Chr.
30)21.
Schon aus diesen formalen Gründen ist F. eine für die Theologie, die an solchen Profilen nicht eben reich ist,
beachtenswerte Erscheinung. Er ist es aber noch mehr auf Grund des Inhalts seiner Aussage.
F. hat etwas entscheidend Richtiges gesehen:
Was wir Rel., auch was wir Chrt. heißen, ist in der ganzen Breite seiner
psychisch-historischen Erscheinung ein relatives, ein diesseitiges Phänomen. Keine von
den Empfindungen, Handlungen u. Ideen[,] aus denen sich dieses Phänomen zusammensetzt,
die nicht Zeugnis davon gäbe, daß es des Menschen Herz, Wille u. Verstand ist, der hier
am Werke ist, daß es sich hier um eine menschliche Funktion handelt. Menschlich und
darum natürlich, irdisch, erklärbar aus dem Zusammenhang der übrigen menschlichen
Funktionen u. zw. so, daß eine eigentümlich religiöse Funktion bei genauer Analyse gar
nicht übrig bleibt neben jenen, sondern überall durch die dünne Decke
des vermeintlich Heiligen das Eigentliche, das Profane ganz deutlich durchschimmert,
überall jenes, d. Heilige, als ein mehr oder weniger geschickter, nach F. s Meinung jedenfalls überflüssiger, ja
gefährlicher Versuch sich darstellt, diesem, dem Profanen, durch Hypostasierung eine besondere Weihe zu verleihen. Man kann verschiedener Meinung sein
darüber, wieweit es F. gelungen ist[,] diese
Deutung des relig. Phänomens im Einzelnen zu erwahren. Nachzuweisen, wie grob er hier u.
wie künstlich er dort vorgegangen ist, wäre eine leichte[,] aber auch uninteressante
Aufgabe. Wichtig scheint mir allein die Frage, ob wir[,] bei allem Vorbehalt im
Einzelnen, an seiner grundsätzlichen Einsicht vorbeikommen oder nicht. Und da ist meine
Meinung die, daß |10 wir nicht daran
vorbeikommen. Auch in der Religion, auch in der höchsten Religion, dreht sich der Mensch
um sich selber[,] wie F. einmal sagt.22 Auch Frömmigkeit, auch die reinste Frömmigkeit ist ein menschliches
Tun, und ihre Gedanken, auch ihre höchsten Gedanken, sind menschliche Gedanken. Kein
Punkt innerhalb der ganzen wirklichen u. denkbaren menschlichen Empfindungs- u.
Vorstellungswelt, der uns etwa als göttliche, als ewige Wahrheit und Realität direkt
gegeben wäre. Gegeben ist er uns vielmehr als menschliche, als zeitliche Wahrheit u.
Realität und nur als das. Gegeben aber bedeutet bedingt u. zw. (im weitesten Sinn gefaßt) naturbedingt; denn
was nicht naturbedingt ist, das kann uns auch nicht gegeben sein. Keine religiöse
Möglichkeit also, auch keine christliche Möglichkeit, die sich nicht als menschliche Möglichkeit d. h. in ihrer gänzlichen Verflochtenheit mit der Natur
u. dem Wesen des Menschen, als eine von den bekannten Komponenten der Humanität erklären
ließe. Keine Religion, auch keine christliche Religion außerhalb der
Grenzen der Humanität23. Kein in der Gegebenheit der Religion begründeter
Realitäts- u. Transzendenzanspruch. Diese Feststellungen sind verhängnisvoll für eine
Christlichkeit und Theologie, die nun etwa gerade an der Gegebenheit der Religion
orientiert sein, die gerade darin ihre Wahrheit suchen sollte, daß sie eine
Angelegenheit des menschlichen Geistes, ein menschliches Bedürfnis u. eine menschliche
Bewußtheit sei. Gerade als solche, gerade als menschlicher Erfahrungsinhalt, hat sie
auch nur menschliche, nur diesseitige, nur natürliche Wahrheit. Das ists, was bei
F. zu hören ist. Wer von Schleiermacher herkommt, wer die Frömmigkeit, das
Chrt. als solches, als psych. hist. Phänomen nicht nur zum Anlaß, sondern zum Gegenstand
s[einer] Theologie macht, der läuft der These F.’s unvermeidlich in die Arme, der sehe zu, was er antworte, wenn er hier
beim Wort genommen und wenn nun das Kind, die Religion als menschliche Mög|11lichkeit[,] beim richtigen Namen genannt wird. Ich
sehe also den Wert der These F.’s vor Allem
darin, daß hier eine Sicherung eingeschaltet wird gegen die romantische Unbesonnenheit,
die das, was von Haus aus diesseitig ist u. nur diesseitig sein kann, mit einem Schein
von Jenseitigkeit umgibt und gerade dadurch faktisch auf das Jenseits verzichtet, gegen
den Übermut der Religion, die sich selbst mit ihrem Gegenstand verwechselt. Als Antwort
auf Schleiermacher mußte F.’s These kommen und als Antwort auf Ritschl[,] der den Fehler Schl.’s noch ins Groteske
gesteigert hat, muß sie immer wieder kommen. Das Kind der Welt ist hier wie schon so oft
klüger gewesen als die Kinder des Lichts [vgl. Lk. 16,8].
Meine Kritik an F. würde ich darin
zusammenfassen, daß auch er nicht gewußt hat, was er tat. Er hat trotz der prophetischen
Erbitterung[,] mit der er s. These unter die Pharisäer u. Schriftgelehrten warf, nicht
gesehen, aus welcher Quelle sie eigentlich stammte. Er hat nicht gesehen, daß wir nur
von einem höchst wahren, höchst realen Jenseits aus in der Lage sind, die Diesseitigkeit
alles Menschlichen, auch der Religion, auch des Christlich-Religiösen so radikal
einzusehen, wie er es tatsächlich getan hat. Sein wirklicher Standort war vielmehr ein
recht platter, recht bürgerlicher, recht liberaler Glaube an den Menschen und seine
Welt. Wenn F. seine Position aufdeckt, z. B. wenn er von der Liebe redet24, dann wird er sentimental, dann zeigen sich seine
eigenen Illusionen, die 48er Illusionen25[,]
könnte man sagen. F. sieht nicht die
ungeheuren Voraussetzungen, die all dem[,] was er als menschl. Gegebenheit, als menschl.
Akt beschreibt, nicht-gegeben, in echter Transzendenz gegenüberstehen.
Er ist Optimist genug, um die Wahrheit, die Realität nun seinerseits in der des falschen
Transzendenzanspruchs entkleideten immanenten Wirklichkeit zu suchen, in Brot, Wein u.
Wasser[,] wie sie sind.26 Er glaubt
unkritisch an die sog. Sinnlichkeit als an |12 ein vermeintlich
Letztes.27 Ihm ist
Gott einfach darum unsympathisch, weil er in ihm ganz mit Recht den großen Störefried
des gemütlichen Festes wittert, das wir hienieden begehen. Darum gilt das Wort vom
Balken im Auge [Mt. 7,3], das er
so gerne angewandt hat28, auch
von ihm selber: er hat seine theologischen u. philosoph. Gegner letzten Grundes doch mit
Unrecht getadelt, insofern als auch er, wenn auch ehrlicher als sie, das eigentliche
Problem der Jenseitigkeit im Chrt nicht gesehen hat. Am Auffallendsten zeigt sich das[,]
wo er vom Tode des Menschen und vom Kreuz Christi redet.29 Den Hinweis auf den Gott,
der jenseits dessen steht, was er als Jenseits mit Recht bestritt, den er in diesen
beiden Punkten der menschl. Wirklichkeit hätte finden können u. müssen, hat er
übersehen[,] und darum hat er schließlich das ganze christliche Dogma bei allem Ernst
seines Nachdenkens u. bei allen Versuchen[,] sich hineinzufühlen, doch mißverstanden. Er
hat menschliches Wünschen, Sehnen u. Meinen auch dort als das Letzte gesehen, wo sein
tatsächliches Ende sichtbar wird und jenseits des Endes das Neue, das Andere, das nicht
von dieser Welt ist. Er hat nicht gesehen, daß die Linien des anschaulichen
Menschentums, die er oft so ergreifend zu schildern wußte, zusammenlaufen an dem
unanschaulichen Ort jenseits aller Gräber, wo der neue Mensch steht. Er hat in seiner
Polemik gezeigt, daß er an Gott glaubte, stärker als Schleiermacher, und in seinem Mangel an Radikalismus, daß er auch nicht an
Gott glaubte. Er war eine fragwürdige[,] zweideutige Erscheinung wie wir Alle.
Die Überwindung u. Fruchtbarmachung der F.’schen Position würde ich also nicht etwa auf dem Weg des Versuchs einer
direkten Widerlegung seiner These suchen. Sie dürfte an keinem Punkt direkt zu
widerlegen sein. Sie ist nur zu widerlegen durch ihre Bejahung u. Verschärfung. Die
Erscheinungswelt der Religion30 von ihren höchsten bis zu ihren tiefsten Punkten muß in ihrer menschlichen
Bedingtheit erkannt werden. Ohne diesen Rückzug, ohne dieses Opfer ist der Ausblick auf
die Realität des R[eiches] Gottes nicht zu gewinnen. Ohne durchgehende Relativierung des
Menschen u. s[einer] Möglichkeiten keine Au|13gen u.
Ohren für die Wirklichkeit Gottes. Ohne den ganzen Ernst des Todesgedankens kein Sinn
für die Auferstehung. Aber eben der Todesgedanke muß die Norm der kritischen Negation
sein, die gegenüber der Welt u. ihrer höchsten Blüte, der Religion, zur Anwendung
gebracht wird. Der naive Humanitarismus F.’s
ist nicht der Hebel[,] mit dem die Last, die hier zu bewegen ist, gehoben werden kann.
Darum konnte F. keinen tieferen Eindruck hinterlassen, darum konnten die31 Theologen, die
sein Votum so dringend notwendig hätten hören sollen, so leichten Kaufs an ihm
vorbeikommen, darum ragt unter s. Schülern nur Einer wirklich hervor, Gottfried Keller, der die ganze Sentimentalität des
19. J[ahr]h[un]d[ert]s auf ihren wirklich klassischen Ausdruck gebracht hat.32
Im Lichte des Todesgedankens, den F. nie
gedacht hat33, ist es nicht unmöglich, den Gedanken
der Ewigkeit zu denken und darum Fragen nach Gott dort zu sehen, wo er nur menschliche
Antworten gesehen hat. Die Aufgabe, die ich durch F. der Theol. gestellt sehe, ist eine Dogmatik u. Ethik, die es wagt, nach
dem Vorbild der späten Scholastik die historischen Gegebenheiten des Chrts. zum Anlaß zu
nehmen, die Frage nach Gott aufzuwerfen an den Grenzen der Humanität bewußt der
Diesseitigkeit aller ihrer Setzungen[,] aber auch bewußt der
Jenseitigkeit dessen[,] was sie bedeuten, eine D. u. Eth. also, [die es wagt,] wieder
einfach u. ehrlich Problematik zu sein.34