26. Oktober 1989

Vorwort

VII

VORWORT

Während seiner Tätigkeit als Honorarprofessor für Reformierte Theologie an der Universität Göttingen (Oktober 1921 bis Oktober 1925) wurde Karl Barth von verschiedenen Seiten immer wieder zu Vorträgen eingeladen. Die Neubearbeitung von «Der Römerbrief»1 hatte in kurzer Zeit einen großen Leserkreis im gesamten deutschsprachigen Raum gefunden; so regte sich an verschiedenen Orten bald der Wunsch, den Autor dieses aufsehenerregenden Buches in persona kennenzulernen und zu hören. Umgekehrt ergab sich auf diese Weise für Barth die Gelegenheit, in die unterschiedlichsten (insbesondere deutschen) kirchlichen Verhältnisse Einblick zu gewinnen: vom Ruhrgebiet bis Ostfriesland, von Bremen bis Königsberg, von Lüneburg bis Thüringen. Manche lebenslangen Bekanntschaften oder sogar Freundschaften haben auf diesen Vortragsreisen ihren ersten Anstoß erfahren.

Schon das Jahr 1922 wurde so «ein Schauplatz beträchtlicher Schlachten»2. Am 7. Juli seufzte Barth in einem Rundbrief an Freunde in der Schweiz: «Was sollte ich nicht alles, wozu ich einfach nicht komme! Ich könnte jetzt an jedem Finger einen Vortrag haben, irgendwo in diesen unendlichen Ebenen, wo ich, wie mir heute wieder einer schreibt, ‹manchen Freund habe, der gerne bei dieser Gelegenheit zu Ihren Füßen sitzen würde› …»3 Einem großen Teil der Anfragenden mußte Barth im Blick auf den ohnehin starken Druck der akademischen Lehrverpflichtungen Absagen erteilen: «mein Buckel ist ohnehin beladen, mein Haupt sorgenschwer»4. Vortragseinladungen, die Barth ablehnte, waren etwa ergangen von Otto Herpel, «am Schlüchterner Pfingsttreffen über ‹Christentum und Schwärmertum› zu reden»5; vom Wissenschaftlichen Predigerverein der Provinz Hannover, wo Barth zunächst noch erwogen hatte, «etwas über die calvinische Abendmahlslehre»6 vorzu|VIIItragen; vom Göttinger Pfarrer Wörpel, «einmal den hiesigen Sozialdemokraten das Christentum zu erklären»7. Aus Holland kam Barth gar zu Ohren, daß er «mit einem Referat über Religion und Ethik auf einer schon gedruckten Versammlungsanzeige stehe, ohne bisher selbst begrüßt worden zu sein!»8

Die Vorträge aus den Jahren 1922–1925, die hier nun erstmals zu einem Band vereinigt sind, entstanden meist in größtem zeitlichem Gedränge; so mancher wurde noch während der Fahrt im D-Zug einer kritischen Revision unterzogen oder dort sogar erst «mit dem Mut der Verzweiflung»9 in letzter Minute fertiggestellt. Sie sind nach deren mündlicher Abhaltung (bis auf zwei kleine Referate10, ein Thesenblatt11 und zwei längere Vorträge12) alle von Barth überarbeitet und dann publiziert worden, ab 1923 vor allem in der neugegründeten Zeitschrift «Zwischen den Zeiten».

Darüber hinaus finden sich in diesem Band «kleinere Arbeiten» aus der theologischen Diskussion, die alle in Zeitschriften veröffentlicht wurden. Diese variieren im Umfang von einer kurzen «Mitteilung»13 bis hin zu einem ausführlichen dogmengeschichtlichen Aufsatz14. Ihre Charakterisierung als «kleinere Arbeiten» ergibt sich aus der Relation zu den Bänden in der Abteilung «Akademische Werke» der Gesamtausgabe, wo die größeren und selbständigen Bestandteile des Œuvres ihren Platz haben.

a) Zur Wiedergabe des Textes in dieser Edition

Die meisten der hier vereinten Vorträge sind zuerst in «Zwischen den Zeiten» erschienen und fanden später Aufnahme in den beiden Bänden «Gesammelte Vorträge» Barths15. In diesem Falle folgt die hier vorlie|IXgende Wiedergabe des Textes der Publikation in dem betreffenden Sammelband. Ein Vergleich der verschiedenen Druckfassungen ergab hier und da Abweichungen größerer oder kleinerer Art, die auf spätere Eingriffe Barths in den Text zurückgehen (z. B. Korrektur von im Erstabdruck unentdeckt gebliebenen Satzfehlern; Ergänzung von Interpunktionen; Umstellung einzelner Worte; Glättungen des Stils bzw. des Ausdrucks; Einschübe bzw. Streichungen im Text und in den Anmerkungen). Diese sind, soweit sie gravierend erschienen, in den Anmerkungen des Herausgebers dokumentiert.

Die zwei kurzen Referate, das Thesenpapier und die zwei Vorträge, die oben erwähnt wurden16, werden hier erstmals im Druck veröffentlicht. Mit Recht stellt sich die grundsätzliche Frage der «editorischen Ethik»: darf ein Text, den sein Autor selbst nicht über den eng gesteckten Bereich des persönlichen mündlichen Vertrags hinausgehen lassen wollte, postum gleich behandelt (und damit publiziert) werden wie ein Text, der nach dem Willen des Verfassers bereits einmal gedruckt vorlag? Im Falle von «Die Kirche und die Offenbarung» hatte Barth sogar eine Überarbeitung für den Druck begonnen, aber dann abgebrochen mit der Begründung; «der Vortrag gefällt mir gar nicht»17, ja er sei ihm «so widrig»18 geworden. Daß diese fünf Stücke dennoch in diesen Band aufgenommen werden, entspricht der Anlage der Gesamtausgabe, die grundsätzlich auch von Barth nicht zur Publikation bestimmte Texte berücksichtigt, um seinen theologischen Entwicklungs- und Erkenntnisgang so lückenlos wie möglich zu dokumentieren. Der besondere Manuskript-Charakter (Abkürzungen, Stichworte u. a. ) wurde in diesen Fällen bewußt nur dann editorisch berührt, wenn es unbedingt nötig erschien.

Orthographische und stilistische Eigenheiten Barths (z. B. «besondre», «Störefried») wurden – auch in ihrer Uneinheitlichkeit (die vermutlich auf den jeweiligen Setzer zurückgeht) – belassen. Zusätze des Herausgebers im Text (Bibelstellen; Seitenzahlen; vereinzelte Wort|Xergänzungen, die der besseren Verständlichkeit eines Satzes dienen), sind mit eckigen Klammern [ ] markiert. Interpunktionen wurden, den heutigen Regeln entsprechend, stillschweigend ergänzt bzw. korrigiert. Fremdsprachliche Zitate, die sich in den Erstdrucken durch Antiqua-Satz von dem Fraktur-Satz des fortlaufenden Textes abhoben, sind vom Herausgeber in Anführungszeichen gesetzt; Sperrsatz der Erstdrucke bzw. Unterstreichungen in den Manuskripten werden durch Kursivsatz wiedergegeben. In die vorliegende Orthographie und Interpunktion von Briefen Dritter, die in den Anmerkungen des Herausgebers zitiert werden, wurde nicht eingegriffen.

Wo im Erstdruck eine neue Seite beginnt, ist die originale Seitenzahl in senkrechten Strichen in den Text eingefügt; wo mehrere Abdrucke vorhanden sind, wird am Ende der betreffenden Einleitung erklärt, auf welchen von diesen sich die Seitenangaben beziehen. Eine bibliographische Aufstellung der deutschsprachigen Abdrucke findet der Leser am Ende des Bandes.

Die arabisch bezifferten Anmerkungen Barths wurden in alphabetische transponiert, um sie vom Anmerkungsapparat des Herausgebers abzuheben.

b) Einleitungen

Jedem einzelnen Stück ist (in Kursivsatz) eine Einleitung vorangestellt, die über Vorgeschichte, Anlaß, Umstände usw. der Entstehung des betreffenden Textes orientiert und damit auch zur Erhellung mancher Anspielungen im Text beiträgt. Wurde ein Vortrag mehrmals gehalten, so ist die Einleitung nach den Orten und Daten der Veranstaltungen gegliedert.

Bei der Zusammenstellung des Materials war ich auf die Mithilfe verschiedener kirchlicher Archive, Institute und Behörden, von theologischen Fakultäten, Pfarrämtern und Einzelpersonen in der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz, Schottland und Kanada angewiesen. Ich spreche ihnen allen hiermit meinen Dank aus für die zahlreichen Mitteilungen.

c) Anmerkungen des Herausgebers

Mit gewisser Selbstironie konnte Barth 1923 in Hinblick auf seinen Aufsatz «Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre»19 an |XI R. Bultmann schreiben: «Sie werden auch Einer von denen gewesen sein, die gelacht haben, als Sie in Nr. 4 unserer Zeitschrift [= Zwischen den Zeiten] sahen, daß ich nun auf einmal auch mit Anmerkungen zu Felde ziehe.»20 In der Tat war Barth (da seine Vorträge immer weniger reine Redemanuskripte waren, sondern anschließend zu Zeitschriftenbeiträgen überarbeitet wurden) darum bemüht, Fundorte für Zitate oder auch kleinere Nebenbemerkungen vermehrt in Form von Fußnoten anzubringen. Die heutige editorische Arbeit ist dadurch zwar oft wesentlich erleichtert, jedoch keinesfalls gänzlich unnötig geworden. Zahlreiche – mehr oder minder verschleierte – Anspielungen im Text, dogmengeschichtlich markante Begriffe, Bildungszitate, Schlagworte aus der damaligen theologischen Diskussion waren dem heutigen Leser zu erklären bzw. mit Verweisen auf Publikationen und typischen Zitaten zu belegen.

Hier habe ich besonders Herrn Pfarrer Dr. Hinrich Stoevesandt, Leiter des Karl Barth-Archivs in Basel, zu danken, der mir immer wieder mit Hinweisen und Entdeckungen hilfreich zur Seite stand. Herr Vikar Dr. Ulrich Winkler, Assistent im Karl Barth-Archiv vom Herbst 1986 bis zum Frühjahr 1988, hat sich um die Verifizierung zahlreicher Zitate verdient gemacht.

d) Register

Am Ende dieses Bandes befinden sich Bibelstellen-, Namen-, Orts-, deutsches und lateinisches Begriffsregister. Herr Pfarrer i. R. Hermann Schmidt, Oldenburg, hat sich der großen Mühe unterzogen, sie alle zu erstellen, und damit dem Leser, der ein spezielles Interesse verfolgt, die Auffindung erleichtert. Ich bin ihm für seine freundliche Unterstützung sehr dankbar.

Weiterhin habe ich zu danken der Kantonsbibliothek Graubünden, Chur, für die Beschaffung von zahllosen Büchern und Zeitschriften und Frau Rosemarie Manser-Menzel, Eich, für die Mithilfe beim Korrekturlesen. Meine Ehefrau, Wilma Finze-Michaelsen, hat nicht nur beim Vergleich der verschiedenen Druckfassungen mitgewirkt, sondern mir |XII während der vier Jahre Arbeit an der Edition dieses Bandes auf direkte und indirekte Weise mannigfache Unterstützung und Entlastung gewährt.

Auf die freundliche und anregende Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Stoevesandt blicke ich in guter Erinnerung zurück. In zahllosen Telephonaten, Briefen und Zusammenkünften mit ihm wurden die Mosaiksteine (und oft genug nur -Splitter!) für die Herausgabe dieses Bandes zusammengetragen.

Holger Finze

Sachfußnoten

1
München 19222 (= 1. Abdruck der Neubearbeitung) 📖.↩
2
Rundbrief Barths an Schweizer Freunde vom 22./23.1.1922, in: K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel, Bd. II: 1921–1930, hrsg. von E. Thurneysen, Zürich 1974, S. 32. 📖↩
3
A.a.O., S. 92 📖; Barth zitiert aus einem Brief vom 6.7.1922 von Johannes Müller (-Schwefe), vgl. in diesem Band S. 102.↩
4
Rundbrief Barths vom 9.5.1922, a.a.O., S. 74. 📖↩
5
A.a.O. 📖↩
6
Rundbrief vom 28.2.1923, a.a.O., S. 154. 📖↩
7
Rundbrief vom 18.5.1923, a.a.O., S. 169. 📖↩
8
Brief Barths an E. Thurneysen vom 18.6.1923, a.a.O., S. 176. 📖↩
9
Rundbrief Barths vom 7.10.1922, a.a.O., S. 107 📖; vgl. auch in diesem Band S. 146.↩
10
«Über Kirche», in diesem Band S. 1ff.; «Feuerbach», in diesem Band S. 6ff.↩
11
«Diskussionsthesen» für einen Vortrag in Bremen 📖, in diesem Band S. 176ff.↩
12
Die kirchlichen Zustände in der Schweiz 📖, in diesem Band S. 14ff.; Die Kirche und die Offenbarung 📖, in diesem Band S. 307ff.↩
13
Sunt certi denique fines. Eine Mitteilung, in diesem Band S. 490ff.↩
14
Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre, in diesem Band S. 248ff.↩
15
Das Wort Gottes und die Theologie (Gesammelte Vorträge [I]), München 1924 u. ö. 📖; Die Theologie und die Kirche (Gesammelte Vorträge II), München 1928 u. ö. 📖↩
16
Vgl. bei Anm. 10–12.↩
17
Brief Barths an E. Thurneysen vom 20.4.1924, in: Briefwechsel, a.a.O., s. 244. 📖↩
18
Rundbrief Barths vom 18.5.1924, a.a.O., S. 254. 📖↩
19
Vgl. Anm. 14.↩
20
Brief Barths an R. Bultmann vom 9.10.1923, in: K. Barth / R. Bultmann, Briefwechsel 1922–1966, hrsg. von B. Jaspert, Zürich 1971, S. 17. 📖↩