«Als sie den Herrn sahen». Predigt über Johannes 20, 19-20
Wir sind hier zur Feier des Gedächtnisses «jenes Tages», jenes ersten Wochentages. An Stelle des jüdischen Sabbats als des siebenten ist die|253ser erste in der christlichen Gemeinde wie von selbst zum wahren Sabbat und so zu ihrem wöchentlichen Feiertag geworden. Der hat also seinen Grund und Ursprung in jenem Tag. In den germanischen Sprachen heißt er ein wenig heidnisch: der «Sonntag». Nun ja, weil an jenem Tag mitten in der dunklen Welt der Ungerechtigkeit die Sonne der Gerechtigkeit [vgl.
Jener Tag war ein Tag wie alle anderen unserer Zeitrechnung. Was ihn zu jenem — jenem einzigartigen Tag machte, war das, was an ihm geschah: die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, die Auferweckung dieses einen Gestorbenen, seine Herausführung aus dem Grabe, in das er zwei Tage zuvor, nachdem er gekreuzigt und gestorben, gelegt war.
Liebe Brüder, wie das geschehen konnte und geschah: diese 122 Überwindung und Beseitigung, dieser Tod seines Todes, seine Bekleidung und Erfüllung — nicht etwa mit seinem früheren sterblichen, sondern einem neuen, unsterblichen Leben, — das weiß ich so wenig wie ihr. Nichts ist einfacher als zu sagen, das könne man nicht glauben. Das konnte in der Tat schon damals nicht erzählt, geschweige denn beschrieben und erklärt werden. Es gibt denn auch keine Stelle im Neuen Testament, in der so etwas auch nur versucht würde. Die Auferweckung Jesu war ganz und allein Gottes Tat: als solche höchst wohlgetan, aber auch höchst unbegreiflich. Es konnte, daß Solches geschah, schon damals nur eben erkannt, bekannt, bezeugt und verkündigt werden. «Jesus Christus ist auferstanden!» grüßt heute in
Erzählt werden konnte von dem Geschehen jenes Tages nur das, was der Auferstehung Jesu folgte: daß er nämlich seinen Jüngern erschien, daß er ihnen (wohlverstanden: nicht nur in Gedanken, im Traum oder sonstwie geistig, sondern auch leiblich sichtbar, hörbar, ja greifbar) begegnete: — dieser zuvor gestorbene Mensch lebend in der Macht und Art, wie Gott lebt — unmittelbar durch ihn und mit ihm und darum unsterblich, unvergänglich, unverweslich lebend. So kam Jesus an jenem Tage zu seinen Jüngern. Das konnte, wenn auch stammelnd genug, im|254merhin bestimmt erzählt werden. Und eben in dieser Erzählung wurde und wird, was nicht zu erzählen war und ist: Jesu Auferstehung bezeugt und verkündigt — damals und bis auf diesen Tag.
Also — so lautet die Erzählung und das Zeugnis: «Am Abend jenes Tages kam Jesus.» Wie vorgesehen und erwartet? Nein 123 — freilich wie von ihm zuvor verheißen, aber wie konnte das zuvor angenommen, auch nur verstanden werden? Welch ein Kommen: heraus aus dem Bereich der alle Menschen bezwingenden Herrschaft des Todes — heraus aus dem Grab, das noch keinen wirklich Gestorbenen wieder hergegeben hat! Also ein Kommen von dorther, von wo noch Keiner gekommen ist: ein ganz unvorhergesehenes, ganz unerwartetes Kommen. Er aber, Jesus, kam von dort. Wirklich derselbe Jesus von
Dieser von den Toten auferstandene Jesus kam «und trat in die Mitte». Bei diesem merkwürdigen Ausdruck wollen wir jetzt etwas verweilen.
Er sagt natürlich vor allem: Er trat in die Mitte seiner Jünger. Er trat also an eben die Stelle, die sie in den langen Stunden seit dem Abend des Karfreitags nur noch leer sehen, wo sie nur das Nichts wahrnehmen konnten: nur die Erinnerung an seine blutüberströmt vom Kreuz genommene Leiche, nur sein Grab und damit nur ihre eigenen vergangenen Irrtümer und Illusionen, nur das Ende aller Dinge.
Machen wir uns keine falschen Vorstellungen von diesen Jüngern Jesu! Sie waren so wenig wie wir hier eine Versammlung von frommen, gläubigen oder auch nur guten, tapferen, tüchtigen Leuten: an jenem Tage weniger als je. Wie ein Trupp Hühner auf der Stange, wenn es gedonnert hat, saßen sie da — oder etwas schöner gesagt: wie ein Schärlein von Kindern, die so124eben Vater und Mutter verloren haben — oder wie ein Haufe von Soldaten auf der Flucht nach der Niederlage. Das Schrecklichste war geschehen: die Anderen hatten das Spiel gewonnen. |255 Jesus war überhaupt nicht mehr da. Und sie selber? Wie oft hatten sie ihn mißverstanden, ganz anders als nach seiner Anweisung gedacht, geredet, gelebt! Und als dann die große Probe kam, da hatte einer der Ihrigen ihn verraten um 30 Silberlinge [
Zu ihnen kam, in ihre Mitte trat der auferstandene Jesus. Wozu? Um sich in der Macht der großen Barmherzigkeit Gottes, seines Vaters, zum Haupt dieses verlorenen Haufens, dieser Mühseligen und Beladenen [vgl.
Wir dürfen und müssen hier aber etwas hinzufügen: Er trat, indem er in ihre Mitte trat, in die Mitte des Lebens jedes Einzelnen von ihnen: ob er nun
Hier darf und muß aber noch etwas hinzugefügt werden: Der an jenem Tag in die Mitte seiner Jünger trat, trat eben damit in die Mitte, bestieg eben damit den ihm gebührenden Thron in der Mitte des ganzen Weltgeschehens. Frieden, einen guten Tag hat Jesus damals allen Menschen aller Völker und Zeiten der ganzen Erde, der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Welt gewünscht, gebracht und geschaffen. Mitten in das ganze jetzt himmelhoch jauchzende, jetzt zu Tode betrübte Menschenvolk1, mitten unter all die allzu dummen und allzu schlauen, allzu |257 sicheren und allzu verzagten, unter all die religiösen und nichtreligiösen Leute ist an jenem Tage der gekreuzigte und auferstandene Jesus als ihrer aller Herr mächtig hineingetreten. Mitten hinein in all die Krankheiten und Naturkatastrophen, all die Kriege und Revolutionen, die Friedensschlüsse und Friedensbrüche, in all den Fortschritt, Stillstand und Rückschritt, in all das unschuldige und schuldige menschliche Elend geschah es zu seiner Zeit, daß er sich erwies und offenbarte als der, der er war, ist und sein wird: Friede sei mit euch!, und zeigte ihnen seine Hände und seine Seite. Unter soviel Kraut und Unkraut ist an jenem Tag auch dieser Same gesät worden, reift auch er der Ernte entgegen. Verlassen wir uns darauf: Was an jenem Tag geschah, das wurde, war und blieb die Mitte, um die sich alles Andere bewegt, von dem es erstlich herkommt, dem es letztlich entgegeneilt. Es gibt viele wirkliche und viele scheinbare, viel helle und viel trübe 127 Lichter: dieses aber wird am längsten brennen: noch wenn alle anderen ihre Zeit gehabt haben und wieder erloschen sein werden. Denn alles Ding währt seine Zeit, die Liebe Gottes aber, die in der Auferweckung Jesu Christi von den Toten am Werk war und zur Sprache kam, währt in Ewigkeit.2 Weil einmal auch das geschah, darum gibt es keinen Grund zum Verzweifeln, darum besteht aller Grund zum Hoffen — auch beim Lesen der Zeitung mit allen ihren verwirrenden und erschreckenden Nachrichten, auch für die in so vielen Farben unheimlich schillernde Geschichte, die wir die Weltgeschichte nennen.
So also trat Jesus, der eine große Mittler zwischen Gott und uns Menschen [vgl.
Liebe Brüder, wir waren nicht dabei, als der auferstandene Jesus trotz aller Torheit und Trauer seiner Jünger, trotz jener aus lauter Angst verschlossenen Türen in ihre Mitte trat. So direkt wie sie können wir ihn jetzt nicht sehen, werden wir ihn erst zu sehen bekommen, wenn er am Ende aller Tage kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Aber in unserer Weise, indirekt, nämlich im Spiegel der Erzählung und so des Zeugnisses, des Bekenntnisses, der Verkündigung der ersten Gemeinde können und dürfen auch wir ihn jetzt schon sehen. Viele vor uns, ein ganzes Volk von Menschen, haben ihn so gesehen und sind froh geworden. Eben dazu feiern wir Ostern, das Gedächtnis jenes Tages, um uns jenem Volk auch anzuschließen, um den Herrn in jenem Spiegel auch zu sehen und also auch froh zu werden. Ohne den Herrn zu sehen, kann niemand froh werden. Wer ihn sieht, der wird froh. Warum sollte das nicht gerade auch uns hier widerfahren: der kleinen Ostergemeinde von Gefangenen an der Spitalstraße in
Lieder: unbekannt