kein Datum

Aber seid getrost!

296
ABER SEID GETROST!
Johannes 16,33
Wörtliche Wiedergabe der am 24. Dezember 1963
in der Strafanstalt Basel gehaltenen Predigt1

Das Wort der Heiligen Schrift, das wir heute zu uns reden lassen wollen, steht im Johannesevangelium im 16. Kapitel im 33. Vers. Es ist ein Wort unseres Herrn Jesus Christus:

297 In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost! Ich habe die Welt überwunden.
Meine lieben Brüder!

Wir sind an diesem Heiligen Abend vor dem Weihnachtstag beieinander, um uns vorzubereiten darauf, die Weihnachtsbotschaft zu hören. Und nun wißt ihr ja, daß diesmal auch viele andere Menschen uns hier unsichtbar hören, wie wir beten und singen und das Wort der Heiligen Schrift zu verstehen suchen: draußen in der Stadt und in der übrigen Schweiz und draußen in Deutschland — beinahe wörtlich so, wie wir eben gesungen haben: «Alle Luft jauchzt und ruft: Christus ist geboren.» Wir wollen uns also durch diesen Umstand nicht stören lassen, sondern wollen uns freuen, daß wir heute in ganz großer Gesellschaft sind. Und wir grüßen all die Anderen, die hier zuhören.

Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Das Kind in der Krippe von Bethlehem sagt das — in großer Demut, aber in großer Bestimmtheit. Ich, der Sohn Gottes, des Vaters, des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erde, den er hat Menschensohn werden lassen für euch, damit er euer Gott sei und ihr sein Volk und damit ihr, ihr Menschen alle, Anteil haben sollt an der Freude und an der Kraft und an dem Frieden dieses Bundes. Ich habe die Welt überwunden. Ich habe das getan, sagt er, nicht ihr, ihr bösen Menschen nicht und ihr guten auch nicht, ihr törichten nicht und ihr gescheiten auch nicht, ihr ungläubigen nicht und auch nicht ihr gläubigen. Kein Papst und kein Konzil, keine Regierung und keine Universität hat das getan und eure Technik und Wissenschaft auch nicht, und wenn ihr es dazu bringen solltet, übermorgen über die Milchstraße Schlitten zu fahren. Ich habe das getan, ich ganz allein.

Ich habe die Welt überwunden. Es geht in der Weihnachtsbotschaft um die Welt. Die Welt, das ist unser großes Wohnhaus, Gottes gute, herrliche Schöpfung und nun doch ein Ort mit so viel Finsternis, eine Stätte von so viel Missetat und Trauer. Die Welt, das seid ihr Menschen, auch ihr, jeder von euch, dazu bestimmt, Gottes Kind zu sein, auch ihr, jeder von euch, von Gott gut geschaffen, und nun doch von ihm abgefallen und nun doch seine Feinde geworden, und weil seine Feinde, darum Feinde untereinander und darum ein Jeder sein eigener Feind. Also |298 hat Gott diese Welt geliebt. Dazu hat er mich, so sagt uns das Kind von Bethlehem, dazu hat er mich, seinen Sohn, gegeben, dahingegeben [vgl. Joh. 3,16].

Ich habe die Welt überwunden. Es braucht einen großen Herrn dazu, das zu tun. Aber ich bin dieser große Herr. Ein wunderlicher Herr freilich, verglichen mit den vielen anderen Herren, die es ja auch versucht haben, die Welt oder wenigstens irgend einen Teil der Welt zu überwinden und sich zu unterwerfen und sich zu eigen zu machen mit ihrer Schlauheit und mit ihrer Gewalt. Ich habe die Welt überwunden, indem ich als armer Leute Kind in einem Stall geboren wurde und in eine Krippe gelegt. Und wer weiß, ob das Holz, aus dem diese Krippe gemacht war, nicht aus demselben Walde genommen war, aus dem später Holz zu einem Kreuz gezimmert wurde? Denn ich habe die Welt überwunden, indem ich mich für euch, für eure Sünde und Schuld dahingegeben habe in den Tod und in die Schande. Ich habe die Welt überwunden, indem ich sie mit Gott versöhnt habe, indem ich sie von ihrem Verderben erlöst habe. Ich habe die Welt überwunden, indem ich sie für Gott gewonnen habe und damit auch für euch wiedergewonnen habe, daß sie wieder das Wohnhaus sei, wo alle froh werden dürfen, und damit wir Menschen wieder die sein dürften, die wir eigentlich sind, Gottes liebe Kinder.

Ich habe die Welt überwunden. Also nicht erst, daß ich es irgendeinmal wohl tun werde. Sondern das ist geschehen, das ist vollbracht, euch bleibt nur übrig, zu merken, daß sie die von mir überwundene Welt ist und daß ihr Menschen alle die von mir schon überwundenen Leute seid.

Liebe Brüder, das zu hören, das anzunehmen, aufzunehmen, in unser Herz, in unser Gewissen hineinzunehmen, das ist’s, worauf wir uns an diesem Heiligen Abend miteinander vorbereiten lassen möchten: Ich habe die Welt überwunden.

Aber das könnte nun fast zu schön sein, um wahr zu sein, wenn es ein Anderer als er uns sagen würde. Und eben, er, der uns das sagt: Ich habe die Welt überwunden, er sagt uns ja, wie wir gehört haben, zuerst sogar, noch etwas Anderes: In der Welt habt ihr Angst. Er sagt nicht: Ihr sollt Angst haben. Er sagt auch nicht: Ihr dürft Angst haben. Er macht es uns aber auch nicht zum Vorwurf, daß wir Angst haben. Er |299 stellt es einfach fest, ganz nüchtern als Tatsache: In der Welt habt ihr Angst.

Möchten wir das jetzt vielleicht lieber nicht hören? Paßt das vielleicht nicht in die Weihnachtszeit, nicht zu den Weihnachtsliedern und nicht zu den Weihnachtslichtern? Meine Brüder, laßt uns wohl zusehen: Unser ganzes Weihnachtswesen könnte unehrlich sein und könnte eine einzige Einbildung sein, wenn wir uns das nicht auch sagen lassen wollten. Derselbe Jesus Christus, dasselbe Kind in der Krippe, derselbe gekreuzigte Mann auf Golgatha sagt uns Beides: Ich habe die Welt überwunden — und: In der Welt habt ihr Angst. Wir haben Grund und Anlaß, uns von ihm Beides sagen zu lassen und ganz ruhig dazu zu stehen: es ist so, wie er es uns sagt: In der Welt haben wir Angst.

«Angst», das hängt zusammen mit «Enge», Beengung, Beklemmung, Bedrängnis durch irgend etwas, was wir vor uns sehen. Angst, das ist eine Lage des Menschen, in welcher ihm der Atem auszugehen droht, in welcher sich ihm das Herz zusammenkrampft, in welcher er nicht mehr aus noch ein weiß. Laßt es uns eingestehen: wir alle haben Angst, auch die Tapferen unter uns, die es sicher auch hier gibt, — auch jetzt, auch an diesem Heiligen Abend. Dort die Angst schon so vieler junger Leute, ihre große Angst vor den Schwierigkeiten des Lebens, die sie vielleicht mehr ahnen als kennen, aber vielleicht auch schon ein wenig kennen. Und da die Angst der Alten angesichts ihrer abnehmenden geistigen und leiblichen Kräfte, angesichts des Gedankens, sie könnten ihre Zukunft nun eben hinter sich haben und es könne jetzt nur noch ums Abnehmen und Zurücktreten gehen.

Es gibt auch das, was man «Platzangst» nennt — ihr habt das Wort wohl auch schon gehört —, wo man scheu und verlegen den Menschen, sogar den allernächsten Menschen gegenübersteht und beständig den Eindruck hat: sie wollen etwas von mir, sie treten mir zu nahe, und wenn man sich dann plötzlich so ganz einsam fühlt, mitten in der Menge, und nicht aus noch ein weiß.

Angst haben können und müssen wir auch angesichts der Tatsache, wie unsere Zeit, unsere einzige kurze Lebenszeit zerrinnt, unsere Tage und unsere Wochen, unsere Jahre, als flögen wir davon [vgl. Ps. 90,10]. Angst haben kann man auch vor den Aufgaben, die man zu tun hat, vor den Verantwortlichkeiten, die man auf sich liegen hat. Ich kann euch wohl gestehen, daß ich mich an keine Zeit in meinem Leben erinnere, |300 wo ich nicht jedesmal richtig Angst gehabt habe, wenn ich predigen sollte, auch gestern und heute wieder.

Und nun kann man Angst haben — und das greift dann viel weiter vor gewissen Ereignissen, die unheimlich auf einen zukommen, vielleicht eine schleichende Krankheit. Oder laßt uns noch einmal denken an die gewiß ganz unvorstellbare Angst, welche jene achtzig Menschen in dem bei Dürrenäsch abgestürzten Flugzeug durchgemacht haben müssen in jener letzten Minute, als sie merkten: jetzt ist dann gleich Alles aus, — oder die Menschen in Skoplje in Jugoslawien, als die großen Erdstöße kamen, oder die Menschen im Piavetal, als der Damm brach und das große Wasser ganze Dörfer ersäufte! Haben wir nicht alle auch Angst gehabt an jenem Abend vor ein paar Wochen, als die Nachricht kam aus Amerika von der Ermordung des Präsidenten dort und dann am Tag darauf die fast noch unheimlichere Nachricht von der Ermordung des Mörders: Angst vor solchen Möglichkeiten, die es in der Welt gibt?

Ja, und dann kann man wohl auch Angst haben, kann einen die große Angst überfallen angesichts der unbegreiflichen Irrtümer und Torheiten und Bosheiten, in die man die Menschheit immer wieder verstrickt sieht, wo man sich fragt: wo soll das alles noch heraus, leben wir eigentlich in einem großen Irrenhaus? Furchtbarer Gedanke, nicht wahr? Und da sind wir ja nun schon ganz nahe bei der Angst vor der Atombombe, die viele Menschen haben und viele andere vielleicht ein bißchen mehr haben sollten. Es ist ja schön, daß es jetzt eine Abrede gibt, laut derer dieses Teufelszeug nur noch unter der Erde den Experimenten unterzogen werden soll. Und es ist sehr schön, daß auch unsere liebe Schweiz jetzt dieser Abrede endlich beigetreten ist in der vergangenen Woche. Aber wer würde bei dieser Sache nicht denken an die Geschichte von Jeremias Gotthelf, jene Geschichte von der schwarzen, tödlichen Spinne, die in der Wand eingeschlossen war und wohl aufgehoben, und dann eines Tages nach Jahren und Jahren kommt irgend ein Tor, irgend ein Narr und reißt den Pfropfen heraus, und das böse Wesen bricht aus mit allen schrecklichen Folgen, die das hat. Man sagt uns ja jetzt so schön klug und gescheit: Ja, wir müssen jetzt eben «mit der Bombe leben». Schon recht, aber eben das heißt: in der Angst leben.

Und jetzt will ich nur noch etwas erwähnen. Es gibt auch viele Menschen — vielleicht sind auch ein paar solche unter euch —, die Angst ha|301ben ganz schlicht vor der Weihnacht, Angst vor den Erinnerungen an frühere Weihnachten, wo Alles noch so ganz anders war, oder auch Angst vor der Einsamkeit und vor der Verlassenheit, in der sie Weihnacht feiern müssen. Vielleicht auch Angst vor der Einladung, die da kommt: ja, jetzt sollte man fröhlich sein — «O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit» —, und sie wissen: ich kann und werde nicht fröhlich sein, auch an der Weihnacht nicht. Und jetzt haben sie Angst vor der Weihnacht. Und vielleicht auch darum, weil sie wohl wissen, daß es sich an der Weihnacht um Gott handelt, und daß es ihnen dann wieder einmal zum Bewußtsein kommen könnte: ja gerade mit Gott und darum auch mit meinem Nächsten bin ich nicht im Reinen, und ich habe Angst davor, vor Gott, der mir an der Weihnacht begegnen könnte.

Kurzum, es ist schon so: In der Welt habt ihr Angst. Wenn wir dem allem, was ich jetzt nur angedeutet habe, einen Namen geben wollten, könnte man wohl sagen: wir haben Lebensangst, irgendwo ganz tief drin in irgend einer Form wir alle. Und Lebensangst heißt dann immer, merkwürdigerweise, Todesangst, Angst vor dem Ende, Angst vor dem Nichts, dem wir entgegengehen und von dem wir umgeben sind. Sicher gibt’s auch allerhand kleine und unnötige und vorübergehende Ängste. Aber die große Angst, die Lebensangst und Todesangst, die kann man nicht verscheuchen, die bleibt. Dann wird’s wohl so sein, wie es uns gesagt wird von höchster Stelle: ja, in der Welt habt ihr Angst. Und zum Heiligen Abend, den wir jetzt miteinander begehen, gehört auch das, daß wir es uns eingestehen: Es ist so, wir haben Angst, Lebensangst, Todesangst.

Doch nun genug auch von diesem Kapitel! Derselbe, dasselbe Kind in der Krippe, derselbe gekreuzigte Mann von Golgatha, der uns auf den Kopf zu sagt, daß wir’s annehmen müssen: In der Welt habt ihr Angst, derselbe fährt ja fort und ruft es hinein in das ganze Meer unserer Angst: Aber seid getrost!

Da haben wir’s wieder einmal, dieses herrliche, dieses wunderbare «Aber!», das uns in der Bibel so oft begegnet. Da wird so oft etwas genannt, was wahr ist, was unerschütterlich ist, was gelten muß, etwa: «Bei den Menschen ist’s unmöglich» [Mt. 19,26]. Oder: «Es sollen Berge weichen und Hügel hinfallen» [Jes. 54,10]. Oder: «Himmel und Er|302de werden vergehen» [Mt. 24,35]. Oder: «Der Herr züchtigt mich» [Ps. 118,18]. Alles wahr, unerschütterlich wahr. Aber dann wird dem jedesmal etwas unendlich viel Größeres strahlend gegenübergestellt: «Aber bei Gott sind alle Dinge möglich» [Mt. 19,26]. «Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen» [Jes. 54,10]. «Aber meine Worte vergehen nicht» [Mt. 24,35]. «Aber er läßt mich, er übergibt mich dem Tode nicht» [Ps. 118,18]. Und so nun hier: «In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost!»

«Seid getrost!» Meine Brüder, das heißt nicht: Denkt jetzt einmal ein bißchen an etwas Anderes als an eure Angst! Ihr müßt versuchen, darüber hinwegzukommen. Vor der Angst kann man ja bekanntlich fliehen, vielleicht in irgend eine eifrige Beschäftigung hinein, vielleicht in eine Zerstreuung irgend einer Art, vielleicht in irgend eine wilde Unternehmung — Menschen haben schon Vieles unternommen, im Grunde einfach weil sie flüchten wollten aus der Angst heraus. Man kann vor der Angst nicht fliehen, vor der großen Lebensangst und Todesangst. Die ist da; und das Fliehenwollen vor der Angst, das war noch immer die Ursache und die Wurzel alles Bösen.

«Seid getrost!», das heißt: Augen aufgetan! Und jetzt braucht sie, um nach oben zu schauen! Und dann braucht sie, um vorwärts zu schauen! Und dann tretet ganz fest auf eure Füße! Und dann haltet aus, was da auszuhalten ist an Angst, und seid mutig, und sogar: seid fröhlich — fröhlich mitten in der Angst, mitten in der großen Lebensangst und Todesangst!

Ja, kann man denn das? Ist das nun mehr als ein guter Rat eines freundlichen Mannes, den man aber nicht brauchen, mit dem man nichts anfangen kann? Darauf ist zu antworten: Niemand kann das, getrost sein, von sich aus nämlich. Niemand kann getrost sein aus seiner eigenen Erfindung und Entschließung und aus seinem eigenen Wollen heraus. Es kann und darf aber Jedermann getrost, ganz getrost sein, indem er es sich nämlich sagen läßt: Sei getrost! — nicht von irgend einem Pfarrer oder von irgend einem anderen guten Menschen, sondern sagen läßt von Dem, der zu Bethlehem geboren wurde und auf Golgatha gekreuzigt, von Dem, der selber in die Welt hineingegangen ist und selber in die Angst hineingegangen ist, in die große Lebens- und Todesangst, und geschrieen hat: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [Mk. 15,34], um eben in dieser Tiefe der Angst die Welt zu |303 überwinden. Im Blick auf ihn geht es; im Glauben an ihn, indem man sich an ihn hält, indem man sich an ihn klammen, indem man mit ihm geht, mit ihm in der Finsternis und in der Angst ist, geht es; auf sein Wort hin geht es, daß man getrost werden darf und auch kann. Mit ihm gibt es eine Ruhe — nicht, wie man sagt, eine Ruhe vor dem Sturm, und auch nicht erst eine Ruhe nach dem Sturm, sondern eine Ruhe mitten im Sturm drin. Und diese Ruhe mitten im Sturm, das ist das große und schöne Getrostwerden, zu dem wir alle frei werden dürfen.

Jetzt muß ich freilich noch etwas hinzufügen. So wenig wie jemand von sich aus getrost werden kann, so wenig kann man auch für sich allein getrost werden wollen. Jedermann kann getrost werden, habe ich gesagt, und es bleibt dabei. Aber nur zusammen mit den Anderen, nur indem er sich gerade durch diesen Anruf versammeln läßt zu dem Volk derer, die diesen Ruf auch hören, also nur in der Zusammengehörigkeit aller derer, zu denen Jesus Christus so geredet hat und noch redet. Seht, er hat’s ja nicht gewissermaßen privatim dir oder dir oder dir oder mir ins Ohr geflüstert: Sei du getrost! Sondern das ist ein Trompetenstoß: Seid getrost! Und wenn du wissen möchtest, ob’s wohl stimmt, daß du mitten in der Angst die Engel hören darfst, wie sie sprachen und sangen in der Weihnachtsnacht: «Ehre sei Gott in der Höhe!», dann mach die Probe darauf, ob du auch das Andere hörst, was sie gesungen und gesagt haben: «Und Frieden auf Erden!» [Lk. 2,14] — Frieden unter uns! Meine lieben Brüder, Friede auch in diesem Hause, Friede eines Jeden mit seinem Nachbarn hier aus der Bank, Friede zwischen dem Mann in dieser Zelle und dem in der anderen, Friede zwischen den Gefangenen und zwischen den Aufsehern, Friede in diesem ganzen Haus! Wo man Beides hört: Ehre sei Gott in der Höhe! und: Frieden auf Erden!, Frieden hier für uns!, da wird dann auch das Erste stimmen, und da darf dann ein Jeder getrost sein.

Ich könnt’s auch anders sagen. Du könntest fragen: Ja, stimmt das wohl, wenn ich jetzt da so nach oben und nach vorne sehe oder sehen möchte, wie es vorhin gesagt wurde: werde ich dann wirklich getrost sein? Dann wäre zu sagen: Ja, du darfst und wirst getrost sein. Aber du mußt, indem du nach oben blickst und nach vorwärts blickst, auch immer nach links und nach rechts blicken, wo diese Anderen sind, diese Nächsten, die mit dir nach vorne und nach oben blicken möchten.

304 Oder noch anders: Stimmt’s denn, daß ich einen Heiland haben darf, an den ich mich halten und mit dem ich durchkommen mag? Es stimmt, du darfst ihn haben, du wirst ihn haben, du wirst mit ihm durchkommen. Aber sieh zu, daß du deine Umgebung, diese anderen Leute da um dich her, und die Unangenehmen zuerst, daß du die nicht so als einen Haufen ansiehst von Köpfen und Leuten, mit denen man mehr oder weniger etwas anfangen kann, sondern daß du dir klar wirst darüber und klar bleibst darin: Das ist Gottes Gemeinde auf Erden; und ich kann nicht nur für mich, ich kann nur in der Gemeinde getrost werden. Ob es wahr ist, daß du ein Kind Gottes heißen und sein darfst? Ja, es ist wahr; aber die Probe darauf ist, daß du erkennst in den Anderen deine Brüder, die auch Kinder Gottes sind. Nun, warum sollten wir diese Probe, wie ich jetzt ein paarmal sagte, warum sollten wir die nicht bestehen? Allzu schwer ist sie eigentlich nicht, sondern einfach; wenn man das Eine verstanden hat, dann muß man ja und wird man auch das Andere verstehen und dann auch ein ganz klein wenig zu leben wissen.

Wir wollen uns also an diesem Heiligen Abend bereit machen, eben das zu vernehmen, was wir jetzt da zuletzt hörten, daß wir mitten in der Angst — «wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht wo aus und ein» —, daß wir da getrost sein dürfen. Aber nicht wahr, wir wollen das Letzte nicht vergessen, wir wollen uns bereit machen und offen auch dafür, mit allen anderen denen zusammen dieses große «Seid getrost!» zu vernehmen, welchen derselbe Herr und Heiland es auch zugesagt hat.

Das ist nun unser Heiliger Abend in diesem Jahr. Letztes Jahr war auch ein Heiliger Abend, und nächstes Jahr, wenn wir das Leben noch haben, wird wieder einer sein. Laßt mich zum Schluß jetzt noch etwas sagen: Es ist sicher so, daß genau genommen unser ganzes menschliches Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger großer Heiliger Abend ist, der dazu bestimmt ist, daß wir uns vorbereiten auf den letzten, den ewigen, den endgültigen, den großen Weihnachtstag, welcher das Ziel aller Wege Gottes mit dem Menschengeschlecht ist und das Ziel seiner Wege mit einem Jeden von uns.

Ich will zum Schluß jetzt nur noch ein paar Verse lesen aus dem letzten Buch der Bibel, in welchem die Rede ist von diesem ewigen Weihnachtstag, dem wir während des Heiligen Abends unseres ganzen zeitlichen Lebens entgegensehen dürfen: «Ich sah einen neuen Himmel und |305 eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde verging … Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein! Denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache Alles neu!» [Apk. 21,1–5]. Das wird die ewige Weihnacht sein.

Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 242ff. Der Gottesdienst, in dem diese Predigt gehalten wurde, wurde von Radio Beromünster und vom Süddeutschen Rundfunk übertragen. Die untenstehende Wiedergabe beruht auf einer Nachschrift einer Tonbandaufzeichnung von dieser Radioübertragung. Die Nachweise finden sich in den Anmerkungen oben im Hauptteil; sie werden hier nicht wiederholt. Eine Reproduktion der Tonbandaufzeichnung ist unter dem Titel «Aber seid getrost! — Weihnachtspredigt» 1979 als Tonbandcassette im Theologischen Verlag Zürich 📖 erschienen. ↩