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Bekehrung

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BEKEHRUNG
1. Johannes 4,18
Wörtliche Wiedergabe der am 6. August 1961 in der Strafanstalt Basel gehaltenen Predigt1

Das Wort der Heiligen Schrift, das wir jetzt zu uns reden lassen wollen, steht im 1. Johannesbrief im 4. Kapitel, Vers 18, und lautet daselbst folgendermaßen:

Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.
Meine lieben Brüder und Schwestern!

Ihr alle habt ganz gewiß irgendeinmal in eurem Leben das Wort «Bekehrung» gehört. Bekehrung, das heißt Umkehr, ein neuer Anfang, der Beginn eines anderen, besseren Weges im Leben eines Menschen. Bekehrung — darüber ist unter den Christen zu allen Zeiten viel nachgedacht und viel geredet worden. Es könnte ja wohl sein, daß vielleicht auch dem Einen oder Anderen von euch irgendeinmal von Jemandem gesagt worden ist: Was du eigentlich nötig hast, das ist, daß du dich bekehren solltest! Ja, das ist’s, was wir alle nötig haben, nötiger als alles sonst: daß wir uns bekehren. Nicht nur einmal, sondern eigentlich alle Tage wieder. Martin Luther hat’s einmal so ausgesprochen: «Das Leben des Christen muß eine tägliche Buße sein.»2 Und Buße, das heißt auch wieder Bekehrung.

Wenn wir es recht verstehen, so ist auch in dem Wort, das wir vorhin gehört haben, von der Bekehrung die Rede. Alles, was da steht, was wir da gehört haben von der Liebe und von der Furcht, läuft zuletzt darauf hinaus, daß wir uns bekehren dürften und dann auch müßten. Aber allerdings, das steht in diesem Wort nur verborgen da, so zwischen den |290 Zeilen, wie man zu sagen pflegt. Und darum möchte ich erst am Schluß wieder darauf zurückkommen. Wir wollen uns jetzt zunächst an das halten, was offen dasteht.

Da heißt es also: «Furcht ist nicht in der Liebe.» In der Liebe! Ist das nicht merkwürdig? In der Liebe! Wie wenn die Liebe ein Ort wäre, ein Raum, ein Haus, in welchem man sein und wohnen und sitzen und stehen und gehen kann. Es gibt in der Bibel noch andere ähnliche Ausdrücke. Man kann da gelegentlich auch lesen, daß es heißt: im Glauben oder im Geist oder im Herrn oder in Christus. Und damit wird dann wohl jedesmal dasselbe Haus beschrieben werden, das jetzt also die Liebe heißt: «in der Liebe». Wir wollen’s jetzt von der Seite mal ansehen heute: «in der Liebe.»

Und nun hören wir: in diesem Hause gibt es eine Hausordnung — ihr wißt ja, was das ist. Und in dieser Hausordnung gibt es einen ersten Satz, sozusagen den Paragraphen 1, und der lautet: «Furcht ist nicht in der Liebe.» In anderen Worten: Furcht hat in diesem Hause nichts zu suchen, ist da ausgeschlossen. Man möchte fast denken an die Inschrift im Tramwagen: «Rauchen verboten!» oder an die Inschrift, wie man sie auf gewissen Bauplätzen begegnen kann: «Unbefugten ist der Zutritt verboten.» Aber was wir hier hören, das ist nicht nur ein Verbot. Es heißt da: Furcht ist nicht in der Liebe, ist gar nicht vorhanden. Die Liebe treibt die Furcht aus, so wie schlechte Luft in einem Zimmer ausgetrieben wird, wenn man einen tüchtigen Durchzug macht, was manchmal nötig ist. Oder, um ein schöneres Bild zu brauchen: so wie im Theater das Geschwätz der Leute aufhört, wenn der Vorhang aufgeht, oder im Konzert, wenn die Musik zu spielen anfängt. Ein guter Satz, nicht wahr, ein guter Paragraph 1 in einer guten Hausordnung eines guten Hauses!

Aber wenn wir jetzt verstehen wollen, was da gesagt ist, dann müssen wir uns einen Augenblick darüber besinnen: was meinen wir denn eigentlich, wenn wir von «Liebe» reden, also von dem, was wir als Liebe kennen, von menschlicher Liebe? Nun, darüber wäre viel zu sagen. Ich will jetzt nur versuchen auszusprechen, was mit Liebe, mit menschlicher Liebe im besten Fall — ich betone: im besten Fall — gemeint sein könnte. Liebe, das möchte sein eine Beziehung zwischen Menschen, vielleicht zwischen zwei Menschen, vielleicht auch zwischen dreien, |291 vielleicht zwischen vielen, vielleicht zwischen einer ganzen Gruppe von Menschen: eine Beziehung, in welcher diese Menschen sich nicht mehr fern sind und fremd sind und nicht mehr gleichgültig oder gar unangenehm, sondern sie haben sich kennen gelernt, sie haben sich verstehen gelernt, sie halten sich gegenseitig für vertrauenswürdig. Und so haben sie sich gern bekommen, so gern sogar, daß diese Menschen nicht mehr ohne einander sein möchten, so sehr, daß diese Menschen unwillkürlich nach einander begehren, es zieht sie hin Einen zum Andern, sie möchten mit einander sein. Und nun stehen sie sich gegenüber oder leben sie miteinander, indem sie sich einander gegenseitig anbieten.

Ist das nicht schön? Ja, das ist schön, aber fast zu schön, um wahr zu sein. Nicht wahr, im wirklichen Leben, da begegnet wohl uns allen immer nur so teilweise, so ein wenig etwas von dieser Liebe, dann und wann, und im Grunde eigentlich ziemlich selten, und dann wohl auch in einer nur entfernten Ähnlichkeit mit dem, was Liebe sein könnte und sollte. So, wie eine schlechte Photographie das Bild von Jemandem so wiedergibt, daß man sagt: ja, ich erkenn’s grad von weitem, das sollte wohl mich oder dich sein, aber es ist weit, weit entfernt davon.

Und nun kann’s ja wohl sein, daß es Menschen gibt — vielleicht ist sogar einer, ein solcher hier unter uns, der jetzt geneigt wäre zu sagen: In meinem Leben, da gibt’s das überhaupt nicht, was du uns da als Liebe beschreibst. Mich liebt niemand. Und ich liebe auch niemanden. Geschweige denn so, wie das da eben beschrieben wurde. Ich fühle mich einsam, ganz einsam, steineinsam in einer Welt ohne Liebe, wo die Leute fern und fremd und ohne einander und gegeneinander leben.

Und Eines ist ganz sicher: diese Liebe, also die Liebe, die wir meinen, wenn wir dieses Wort aussprechen, und die wir vielleicht kennen oder also vielleicht nicht zu kennen behaupten — diese menschliche Liebe treibt die Furcht nicht aus. Im Hause dieser Liebe gibt es auch im besten Falle — und wie selten ist der beste Fall! — gibt es auch im besten Fall viel Furcht: Furcht vor den Enttäuschungen, die man mit einander erleben könnte, Furcht davor, daß man einander verlieren könnte, Furcht vor der eigenen Vergangenheit, die wie ein großer Schatten von hinten her in unser Leben hineinfällt, und Furcht vor der Zukunft — ein anderer Schatten, der von vorne da hereinkommt zu uns —, Furcht vor den Leuten und Furcht vor sich selbst, Furcht vor dem Schicksal, Furcht vor dem Tode und dann wohl auch Furcht vor dem Teufel. Im Hause der |292 menschlichen Liebe, da hausen auch im besten Fall die Gespenster der Furcht. Es kann deswegen immer noch ein recht schönes Haus sein oder doch so ein Schrebergartenhäuschen, wo sich’s ganz gut leben läßt, aber nicht das Haus mit dem Paragraphen 1, der lautet: Furcht ist nicht in der Liebe.

Und jetzt will ich euch etwas sagen von einem ganz anderen Haus und von einer ganz anderen Liebe, und die heißt in unserem Wort «die vollkommene Liebe». Also: die Liebe in Fülle, nicht bloß so in kleinen Teilchen — und die Liebe, die bleibt, die nicht so vorübergeht wie ein Hauch, und die Liebe, in der keine Furcht ist. Da sollen mir jetzt auch die ganz Traurigen unter euch ruhig zuhören, auch die, die eben vielleicht der Meinung sind: ich weiß überhaupt nicht, was Liebe ist.

Es gibt eine Liebe, die ist auch eine Beziehung. Aber Beziehung wäre ein viel zu schwaches Wort. Diese Liebe ist ein Bund, und ein Bund, das ist eine feste, eine geordnete, eine unauflösliche Sache. Auf einen Bund, wenn man einmal darin steht, darf man sich verlassen. Wer ist in diesem Bunde? Gott ist in diesem Bunde, Er, der Herr, Er, der Freie, der Hohe, Er, der niemandem etwas schuldig ist, Er, ohne den niemand und nichts ist. Er begründet und Er erhält diesen Bund. Und auf der anderen Seite — es braucht ja wohl Zwei zu einem Bunde — auf der anderen Seite wir. Ja, wir. Dieser Bund Gottes ist begründet zwischen ihm und dir und mir und uns allen.

Warum, wie kommt Gott dazu, einen Bund mit uns zu wollen und zu haben, zu begründen und aufzurichten? Etwa darum, weil wir so starke und feine und gute Leute sind? Nein. Sind wir alle nicht. Etwa darum, weil Gott uns nötig hätte, uns brauchte zu irgend einem Zwecke? Nein, er hat uns nicht nötig. Etwa darum, weil wir’s nun vielleicht unbegreiflicherweise doch so gut meinten und es also verdienten, mit Gott im Bunde zu sein? Nein, nein, wir verdienen es nicht, wir meinen und machen es gar nicht gut. Sondern darum hat Gott diesen Bund begründet und erhält er ihn zwischen ihm und uns: ganz allein darum, weil es sein freier, guter, allmächtiger, barmherziger, heiliger Wille ist. Er tut’s umsonst. «Das ist die Liebe, nicht daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat» [1.Joh. 4,10]. Und «also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab» [Joh. 3,16]. Gottes Sohn, das ist nichts Anderes als Gott selbst, aber Gott, welcher nicht |293 für sich allein in irgendwelcher Höhe und Ewigkeit Gott sein wollte, allein, und der also auch uns nicht allein lassen wollte, sondern Gott, der zu uns kam, Gott, der Unseresgleichen, der unser Nächster, der also selber ein Mensch wurde wie wir, das Kindlein in der Krippe von Bethlehem und der gekreuzigte Mann auf Golgatha. Das ist die vollkommene Liebe. So kennt uns Gott. So begehrt er nach uns. So sucht und findet er uns. So ist er der Unsrige, und so sind wir die Seinen.

Das ist sein Bund, das ist das Haus der vollkommenen Liebe, der Liebe Gottes. In ihr ist keine Furcht. Sie treibt die Furcht aus. Eben dazu liebte und liebt uns ja Gott, eben dazu hat er seinen Sohn, hat er in seinem Sohn sich selbst dahingegeben, damit wir uns nicht mehr fürchten müssen, damit wir nämlich zum Fürchten keinen Grund mehr hätten. Indem Gott uns liebte und indem er uns liebt, jetzt, ist jeder Grund zum Fürchten beseitigt, weggenommen, ausgewischt, zerstört und vernichtet. Du fürchtest dich vor diesem und diesem Menschen, von dem du meinst: er denkt nicht gut von mir, der dir vielleicht auch schon böse Worte gegeben hat, von dem du erwartest, er könnte dir Böses tun? Aber warum denn diesen Menschen fürchten? Was kann denn dieser Mensch gegen Gott? Und wenn er nichts gegen Gott kann, was kann er dann gegen dich, da Gott ja für dich ist? Du hast wirklich Keinen zu scheuen. Was können dir Menschen tun? [vgl. Ps. 56,5.12]. — Oder du fürchtest, es könnte dir ein Mensch, den du gern hast, der dir unentbehrlich ist, er könnte dir so oder so abhanden kommen? Ja, aber Gott kommt dieser Mensch sicher nicht abhanden. Und wenn er Gott nicht abhanden kommt, dann kann er auch dir in Wahrheit nicht abhanden kommen. Es ist auch mit diesem Grund zum Fürchten nichts. — Oder du fürchtest, wie ich vorhin andeutete, deine Vergangenheit und deine Zukunft und den Tod. Ja, aber schau, du bist mit deiner Vergangenheit und mit deiner Zukunft und in deinen Tod hinein und über deinen Tod hinaus der von Gott geliebte Mensch. Warum willst du dich dann fürchten vor diesen Gespenstern? Die vollkommene Liebe Gottes erstreckt sich über dein ganzes Leben von Anfang bis zu Ende und darüber hinaus. — Oder du fürchtest dich — und mir kommt’s immer vor, das könnte der stärkste Grund zum Fürchten sein —, du fürchtest dich vor dir selber, vor deiner eigenen Schwachheit, und vielleicht nicht nur Schwachheit, sondern Bosheit, du fürchtest dich vor den Versuchungen, die dir zu stark werden könnten und oft genug zu stark werden, du |294 fürchtest dich vor den Einfällen, die es da geben möchte in deinem Kopf, vor den Teufeleien, die einem Menschen wohl in den Sinn kommen könnten. Halt! Auch dieser Grund zählt nicht. Gott ist größer denn dein Herz [vgl. 1.Joh. 3,20], und Gott ist stärker als alles das in dir, vor dem du dich wohl sonst fürchten könntest und müßtest. Gott ist stärker, und da dem so ist, warum sollst du denn nicht anfangen, ja, dieser ganzen bösen Welt, die da in dir selber drin steckt, der nun einmal Trotz zu bieten? Gott bietet ihr zuerst Trotz, dieser bösen Welt. Schließ dich ihm an! Tu’s auch! Du kannst. Zu fürchten brauchst du auch dich selbst nicht. — Oder willst du dich vor dem Teufel fürchten? Es haben schon Manche über den Teufel gelacht, und in Wirklichkeit fürchten viele, viele Menschen im Grunde den Teufel. Ich will dazu nur ganz kurz sagen: dazu ist der Sohn Gottes erschienen, daß er die Werke des Teufels zerstöre [1.Joh. 3,8]. Und er hat sie zerstört, und jetzt wollen wir sie zerstört sein lassen.

Ob es wohl noch andere Gründe geben möchte, sich zu fürchten? Sicher, noch viele. Es gibt aber gar keinen einzigen Grund, welcher Raum hätte, welcher Bestand hätte im Hause der vollkommenen Liebe. Und so gibt’s keine Furcht, die wir vor irgendetwas oder vor irgendjemand haben könnten, die nicht durch die Liebe, die vollkommene Liebe ausgetrieben würde und wäre. Punktum. So ist’s.

Ja, aber jetzt denkt vielleicht der Eine oder Andere von euch: Das ist alles schön und recht, ich will das mal so anhören, weil’s Sonntagmorgen ist, weil wir jetzt in der Kirche sind. Aber wie ist das mit diesem Haus, mit dieser vollkommenen Liebe? Bin ich denn drin? Ich fürchte mich eben trotzdem, trotz diesem Punktum, das du uns da vorhin zugerufen hast, ich fürchte mich vor dem, vor jenem, bei Tag, bei Nacht; und daraus, daß ich mich fürchte, daraus schließe ich: ich bin wohl nicht drinnen in diesem Haus, ich bin wohl nicht in der vollkommenen Liebe, wo keine Furcht ist, sondern ich bin irgendwo da draußen, auf der Straße, mitten auf der Straße, wo es so gefährlich ist, wo ich ängstlich links schauen muß und rechts schauen muß, ob da nicht irgend etwas gesaust kommt und mich überfahren will. So denkt und so redet ein unbekehrter Mensch.

Und jetzt wird Alles noch schlimmer, wenn der jetzt weiter denken würde und reden: O, es wäre schön, da drinnen zu sein. Ich möchte |295 auch in der Liebe sein und dann keine Furcht haben müssen. Wie könnte ich jetzt wohl da hineinkommen? So hineinsteigen über eine Mauer, vielleicht unter Zerbrechen von einigen Fenstern? Was für eine Kunst, was für ein Krampf, was für eine Anstrengung würde das wohl sein, um da hineinzukommen? Und dann würde ich mich wohl nicht mehr fürchten nachher.

Jetzt muß ich noch einmal sagen und ganz ernst sagen: So denkt und so redet ein unbekehrter Mensch. Denn, meine lieben Brüder und Schwestern, es geht nicht darum, daß wir in dieses Haus der vollkommenen Liebe von uns aus hineinkommen und dann wohl hineinsteigen, hineinklettern wollen, sondern es geht darum, daß diese vollkommene Liebe Gottes zu uns gekommen ist. Es geht um den Heiland, der für uns da ist — «nahm sich meiner herzlich an, eh ich seiner noch gedachte»3 —, es geht um das Haus, welches Gott im Himmel gebaut hat für alle Menschen, und dann ließ er es herabkommen auf unsere arme, dunkle Erde, und nun steht es da und steht so da, daß wir alle gar nicht anderswo sein können als in diesem Hause.

Ja, wo fehlt’s denn, wenn wir uns jetzt immer noch fürchten? Es fehlt dann daran, ganz schlicht nur daran, daß wir noch immer nicht merken, wo wir eigentlich sind, und das ist das Tun und Treiben und Denken und Reden des unbekehrten Menschen, daß er nicht merkt, was los ist, daß er nicht merkt: er ist nicht draußen, sondern er ist drinnen. Und er merkt es nicht, weil er schläft. Und im Schlaf träumt er. Und er träumt und irrt sich, wie eben Träume ja Irrtümer zu sein pflegen. Er träumt nämlich, daß er sich noch immer fürchten müsse und auch fürchten könne, er träumt davon, daß es noch wirkliche Gründe zum Fürchten gebe. Das ist der unbekehrte Mensch.

Und jetzt, was heißt Bekehrung? Was heißt Umkehr, was heißt Buße? Wie ist’s mit diesem neuen Weg, den wir antreten dürften und müßten? Meine lieben Freunde, Bekehrung heißt ganz einfach, daß wir aufwachen, daß wir den Traum und den Irrtum, als ob wir Grund hätten, |296 uns zu fürchten, daß wir ihn hinter uns lassen, indem wir nämlich die Augen auftun, wie wir’s als ganz kleine Kinder, als wir geboren waren, zum ersten Mal getan haben, die Augen geöffnet und gesehen, wo wir sind: nicht draußen, sondern ohne Kunst und Krampf drinnen in der vollkommenen Liebe, in der Gott uns zuerst geliebt hat und in der keine Furcht ist, weil kein Grund zur Furcht da ist, weil diese Liebe die Furcht austreibt.

Wenn der Heilige Geist zum Herzen eines Menschen redet, dann bekehrt sich dieser Mensch, und dann tut er eben die Augen auf, wie das kleine Kind nach seiner Geburt. Und darum nennt man die Bekehrung auch eine Wiedergeburt des Menschen. Dann merkt er, wo er ist, dann kann er sich nicht mehr fürchten. Denn das sagt ihm der Heilige Geist in sein Herz hinein, dort, wo er nicht ausweichen kann, dort, wo er es hören muß: «Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Christus dir leuchten!» [Eph. 5,14]. Und weiter: «Fürchte dich nicht, ich erlöse dich, ich rufe dich bei deinem Namen, du bist mein!» [Jes. 43,1].

Meine Brüder und Schwestern, das schenke uns Gott, er schenke es dir und dir und dir und schenke es auch mir und uns allen heute, jetzt und morgen auch wieder immer neu das.

Amen.

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 193ff. Die untenstehende Wiedergabe folgt dem in Jg. 8 Nr. 3 (März 1962) der «Berner Predigten» (
EVZ-Verlag
, Zürich) unter dem Titel Furcht ist nicht in der Liebe 📖
gedruckten Text, der seinerseits auf einer Nachschrift der Schallplatte Gottesdienst in der Strafanstalt beruht. Der Text wurde durch Beseitigung einiger Hörfehler verbessert und orthographisch dem oben im Hauptteil abgedruckten von Barth autorisierten Text angeglichen.↩
2
Vgl. oben S. 194 Anm. 2.↩
3
Aus Strophe 2 des Liedes 48 (gegenüber EKG 232 stark veränderte Textfassung) «Sollt ich meinem Gott nicht singen» von P. Gerhardt 🎵:
Er, der über mir schon wachte,
als ich kaum zu sein begann,
nahm sich meiner herzlich an,
eh ich seiner noch gedachte.
↩