31. Dezember 1961

Predigt: Jesaia 40,8: "Was bleibt"

202
WAS BLEIBT
Herr, du Gott des Himmels und der Erde! Da sind wir nun ein letztes Mal in diesem zu Ende gehenden Jahr, um miteinander zu hören, was du uns gesagt hast und immer wieder sagst — um dich miteinander zu loben, so gut und schlecht wir es verstehen und vermögen — um dich miteinander anzurufen, daß du uns gebest, was nur du uns geben kannst.
Wir brauchen Vergebung für das unendlich Viele, das wir auch in diesem Jahr verkehrt gemacht haben, und Licht in der großen Finsternis, die uns auch in diesen seinen letzten Stunden umgibt und erfüllt. Wir brauchen neuen Mut und neue Kraft, um von da aus, wo wir jetzt sind, weiter und endlich an das uns von dir gesteckte Ziel zu kommen. Wir brauchen viel mehr Glauben an deine Verheißungen, viel mehr Hoffnung auf dein gnädiges Tun, viel mehr Liebe zu dir und zu unseren Nächsten. Das sind unsere Neujahrswünsche, die nur du erfüllen kannst.
57 So sei in dieser Stunde noch einmal unter uns! Zeige uns noch einmal, daß du uns allen und einem Jeden von uns nicht ferne, sondern nahe bist, unsere Bitten erhören willst und wirst: viel besser, als wir es dabei meinen und im Sinne haben. Und sei du an diesem Abend auch den vielen Anderen, die ohne dich auch nicht aus noch ein wissen, der treue Gott, der du der ganzen Welt warst, bist und sein wirst!
Unser Vater …!
Amen.
Jesaja 40,8
Das Gras verdorrt, die Blume welkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.
Liebe Brüder und Schwestern!

Als ich bei mir selbst überlegte, was ich an diesem Abend zu euch sagen wollte: welches die an uns alle und so auch an euch gerichtete Nachricht sein möchte, die ich euch heute auszurichten habe, da haben mich drei Sätze aus der Bibel immer wieder beschäftigt: Der erste steht im |203 [102. Psalm V. 28]: «Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende» — der zweite im 1. Korintherbrief [13,13]: «Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.» Und dann eben der Satz aus dem Jesajabuch: «Aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.»

Habt ihr bemerkt, daß in allen diesen drei Sätzen das Wörtlein «aber» vorkommt und dann wieder in allen dreien groß und entscheidend das Wort «bleiben»? Gott selbst bleibt, wie er ist, nach dem ersten Satz, und es bleibt nach dem zweiten merkwürdigerweise auch etwas in uns, das Fünklein von Glauben, Hoffnung und Liebe, das da irgendwo in uns glimmen mag. Und es bleibt nach dem dritten das Wort unseres Gottes — und das in Ewigkeit. Ich habe den dritten Satz gewählt, und 58 zwar darum, weil er gewissermaßen in der Mitte zwischen den beiden anderen steht, sie verbindet und zusammenfaßt. In seinem Wort offenbart und schafft der, der selber bleibt, das auch in uns Bleibende. Daß er das tut, das ist das große Aber, welches allem Vergänglichen in seinem Vergehen überlegen ist, siegreich, tröstlich, aber auch mahnend gegenübersteht.

Also: das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. Ich habe nicht vergessen, daß da zuerst noch etwas Anderes steht: «Das Gras verdorrt, die Blume welkt.» Wir werden auch davon reden müssen, aber es ist hier, wie in der Bibel sehr oft, so, daß das Erste erst verstanden werden kann, nachdem man das Zweite gehört und verstanden hat. Darum zuerst und vor allem: «Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.»

Was ist das für ein Wort? Was wird und ist uns da gesagt? Ja, wenn man das in ein paar Worten angeben könnte! Das kann man nicht. Denn das Wort Gottes ist unendlich reich und mannigfaltig. Es umfaßt Alles, das Ganze. Es ist die ganze Wahrheit. Wer könnte die ganze Wahrheit in ein paar Worten angeben wollen?

Dennoch will ich versuchen, ganz kurz und für Jeden von euch verständlich anzudeuten, was da gesagt ist. Im Grunde ganz einfach dies: daß Gott nicht so ein «Höchster» ist, so ein «Allmächtiger», wie Hitler zu sagen pflegte, oder so etwas wie das Schicksal, oder irgend ein letztes Geheimnis — sondern daß er unser Gott ist, so daß wir Menschen — Große und Kleine, Alte und Junge — auch nicht so irgendwelche Lebewesen sind mit ein bißchen Vernunft und viel Unvernunft begabt, sondern die |204 Menschen dieses Gottes, der von sich selber sagt: Ich bin euer Gott! Das wird im Worte Gottes gesagt: daß er gar nicht Gott sein will ohne uns, sondern nur mit uns, so daß wir auch nicht ohne ihn Menschen zu sein brauchen. Das wird im Worte Gottes gesagt: daß Gott einen Bund 59 zwischen sich und uns begründet und gehalten hat bis auf diesen Tag, so daß wir nicht irgendwo da draußen in der Kälte leben, sondern in diesem Bund zu Hause sein dürfen und tatsächlich sind. Im Worte Gottes wird uns das Unbegreifliche gesagt: daß Gott uns alle geliebt hat, liebt und lieben wird, morgen wie heute und übermorgen wie morgen — solange wir da sind und auch wenn wir nicht mehr da sein werden, ganz gleich, ob wir gescheite oder dumme, gute oder böse, glückliche oder unglückliche Menschen sind. Daß wir von Gott Geliebte sind, das ist es, was uns zu Menschen macht. Und indem Gott uns liebte, hat er sich für uns dahingegeben, so daß wir nicht mehr uns selber gehören, sondern ihm, nicht unsere eigenen Herren sind, sondern in seinem Dienst stehen, nicht um uns zu sorgen brauchen, sondern seiner Sorge anvertraut sind, nicht für uns selbst garantieren müssen, sondern durch ihn garantiert sind. Das sagt das Wort unseres Gottes.

Aber noch einmal gefragt: Was ist das für ein Wort? Wo wird und ist es so gesagt, daß wir es hören können? Ich versuche noch einmal ganz einfach zu antworten: Gott hat sein Wort gesagt, indem er getan hat, was es sagt. Es geschah eben, daß er als unser Gott in unserer Mitte auftrat, handelte und wirkte. Es geschah, daß er den Bund mit uns aufrichtete. Es geschah, daß er uns alle, Jeden von uns so, wie er ist und wie er ihn wohl kennt, liebte, sich selbst für uns und so auch für ihn dahingegeben hat. Unseres Gottes Wort wurde gesprochen und bleibt als sein Wort gesprochen in dem, was in der Weihnacht geschehen ist. Es wurde gesprochen, indem er, der hohe Gott, ein Mensch wie wir, unser Bruder wurde — indem er unsere schlechte, böse Sache zu seiner eigenen machte, indem er unsere Last — die Last unserer Sünde, die Last all des Falschen und Verkehrten, die auf unserem Leben liegt — von uns weggenommen und hinweggetragen hat, damit sie uns nicht mehr 60 bedrücken solle. Unser Gott sprach sein Wort, indem er uns, die Fremden, die Heiden, die Gottlosen damit zu seinen Kindern machte, daß er uns in Jesus Christus unseren Bruder gegeben hat. Indem er das tat, hat er uns sein Wort gesagt. Und daß er das tat, das sagt uns sein Wort. Es ist kein bloßes Wort. Es ist, laut und für Jedermann vernehmlich in dem, was |205 in der Weihnacht geschah, das unendlich kräftige, die Welt und uns alle umfassende und tragende Gotteswort.

Dieses Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. «Bleiben» heißt: bestehen, dauern, sich halten, sich bewähren. Aber das Wort hat in der Bibel einen ganz besonderen Klang, Sinn und Nachdruck. Nicht um ein Bleiben für einige Zeit, für eine Weile geht es da: nicht nur wie die Weihnachtskerzen zwar jetzt brennen, irgendeinmal aber heruntergebrannt sein werden — nicht nur so, wie der Weihnachtsbaum nach dem Fest in vielen Häusern noch ein bißchen stehen zu bleiben pflegt, oder wie das Tannengrün, das ich vorhin in euren Gängen gern genug noch immer gesehen habe. Und nicht nur so, wie es mit der Freude an den Weihnachtsgeschenken, groß und klein, unvermeidlich geht: daß sie zuerst ganz groß und lebhaft ist, nachher aber doch auch wieder verblassen und schließlich erlöschen kann und wohl auch muß. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit: durch alle Zeit hindurch, über alle Zeit hinaus. Es umfaßt alle Zeiten: die ganze Welt, ihre ganze Geschichte und so auch die ganze Lebensgeschichte eines Jeden von uns.

Es und nur es tut das! Es gibt ja auch andere Worte, von denen man das nicht wohl sagen kann. Etwa die Worte, die wir in Büchern und Zeitungen lesen oder am Radio hören. Interessante, wichtige, gute Worte mögen sie wohl sein, aber nicht solche, die in Ewigkeit bleiben — und wenn sie die Worte der größten Dichter und Denker wären. Das gilt auch 61 von den gewaltigsten Worten von Kennedy und von Chruschtschew (und wenn er dabei mit seinem Schuh auf den Tisch klopfte)1, auch von den Friedens- und Drohworten eines Nehru und |206 Soekarno2, und, mit Respekt zu reden, auch von den Worten des Papstes und unseres schweizerischen Bundespräsidenten, die wir morgen zu hören bekommen werden. Und laßt mich ganz deutlich sein: auch die Worte, die ich euch jetzt sage, sind keine ewig bleibenden Worte, und so auch die besten Worte aller besten christlichen Predigten nicht. Sicher gibt es unter allen diesen Worten auch gute, erleuchtende und hilfreiche Worte. Sie können sich aber auch im besten Fall nur auf eine bestimmte Zeit beziehen, im Blick auf eine bestimmte Lage bedeutsam sein. Kommt eine andere Zeit und ändert sich die Lage, dann müssen sie korrigiert und verbessert werden, dann müssen andere Worte an ihre Stelle treten, andere Reden gehalten, andere Bücher und Artikel geschrieben werden. Kein Mensch, dessen Worte nicht nach einiger Zeit überholt, zurechtgestellt, durch andere ersetzt werden müssen. Es wäre der allerbeste Fall, wenn menschliche Worte ein Echo, ein Zeugnis, ein Spiegel des ewig bleibenden Wortes unseres Gottes sein dürften. Es dürften nicht viele menschliche Worte auch nur das sein. Und kein menschliches Wort kann mehr sein als das.

Das Wort unseres Gottes aber bleibt in Ewigkeit. Es hat Kraft, Gültigkeit und Gewicht, es behält sie und bekommt sie immer neu, ohne daß es abgeschwächt oder verstärkt, ohne daß es verbessert werden muß: ohne daß es durch andere Worte ersetzt und verdrängt werden könnte und müßte. Warum bleibt es in Ewigkeit? Darum, weil es das Wort dessen ist, der selbst bleibt, wie er ist, und seine Jahre nehmen kein Ende [vgl. Ps. 102,28]. Und darum, weil es von Diesem nicht nur einmal, sondern einmal für allemal gesprochen wurde. Und darum, weil es kein von ihm nachträglich gesprochenes Wort war, kein Treppenwitz, 62 sondern sein erster, ursprünglicher Gedanke, in welchem er die Welt erschuf nach seinem Willen. «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott selbst war das Wort. Alles ist durch das Wort erschaffen, und ohne das Wort ist nichts erschaffen, was erschaffen ist» [Joh. 1,1.3]. Darum bleibt es, darum ist es durch alle Jahre, Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch Anfang, Ende und Mitte — |207 und so auch Anfang, Ende und Mitte des Lebens, das du und ich zu leben haben.

Es bleibt, und das will sagen: Es wird nicht alt, es ist immer und überall jung, frisch und neu, zu jedem Menschen, in jede Zeit hinein, und für jeden Menschen und jede neue Zeit gerade in ihre Lage hinein gesprochen. Es ist so reich, daß es für einen Jeden das gerade ihn angehende, gerade ihn erleuchtende und rettende Wort sein kann und ist. Darum und so bleibt es, ist es zugleich das Gericht und die Gnade über Allem, was wir Menschen sind und tun. So bleibt es in und hinter all den Geschichten und Geschichtlein, die wir anstellen, wie es vor ihnen war, so vor und in und nach der Lebensgeschichte eines Jeden von uns, so vor, in und nach der ganzen Weltgeschichte. So bleibt es in Ewigkeit.

Und so ist es jenes merkwürdige Aber, das dem vielen, vielen Vergehen, das uns von allen Seiten bedroht, siegreich gegenübersteht. Ja, jetzt muß auch das gesagt sein: das Gras verdorrt — auch das saftigste und nützlichste Gras! Die Blume welkt — auch die schönste, die duftendste Blume. Das gilt nicht nur von allen unseren Worten, sondern von unserem ganzen Leben, und wenn es das beste, vielleicht strahlendste Menschenleben wäre. «Das Gras verdorrt, die Blume welkt.» Wie war es in dem jetzt zu Ende gehenden Jahr 1961? Wie Vieles an Freude und Leid, an Erwartungen und Befürchtungen, Aufregungen und Beruhigungen ist da gekommen und längst 63 wieder vergangen, als wäre es nie gewesen — um nun Anderem Platz zu machen, das im Jahr 1962 in ähnlicher Weise an uns vorüberziehen wird! Wir denken aber auch an diesen und jenen Menschen, den wir geachtet und geliebt, vielleicht auch gefürchtet und gemieden haben, der in diesem Jahr auf einmal gestorben, dahingegangen, aus unserem Leben verschwunden ist. Und wir denken schlicht daran, daß wir alle in diesem Jahr älter und damit sicher nicht stärker geworden sind, es lernen mußten, zurückzutreten, uns zu bescheiden, und daß es im kommenden Jahr sicher auf dieser Linie weitergehen wird. Es ist schon so: unser Menschenleben hat irgendwie den Tod, das Verdorren und Verwelken schon in sich und darum dessen Kommen mit unheimlicher Gewißheit vor sich. Es ist schon so: wir alle fahren wie in einem kleinen Boot ohne Steuer, Ruder und Motor auf einem breiten, mächtigen Strom, der uns unaufhaltsam einem Rheinfall oder |208 Niagara entgegenträgt. Was dann? Mich hat neulich ein Taxichauffeur gefragt: ob ich nicht auch der Meinung sei, daß das Ende der ganzen Welt nahe sein möchte? Was im Jahr 1961 geschehen ist und sich angekündigt hat, könnte einen wohl auf diesen Gedanken bringen. Und es möchte wohl sein, daß das Jahr 1962 uns diesen Gedanken noch viel näher legen könnte.

Warum ist es eigentlich so? Warum ist Alles, das Große und das Kleine, so unverkennbar einem großen Verdorren und Verwelken verfallen und schon in ihm begriffen? Sicher nicht darum, weil unser Dasein, unser Leben, unsere Welt einfach böse, schlecht oder gefährlich wäre. Mit dem Himmel hat Gott ja auch unsere Erde und uns als seine Geschöpfe geschaffen, und zwar nach dem ausdrücklich gesagten Wort der Bibel: sehr gut geschaffen [Gen. 1,31]. So kann es nicht anders sein, als daß wir bestimmt auch im Jahr 1961 Anlaß hatten, dankbar zu sein dafür, daß wir auch in diesem Teilstück unserer Lebenszeit 64 das eine und andere tröstliche und ermutigende Lichtlein sehen durften. Und so wird es auch im Jahr 1962 bestimmt nicht anders sein, als daß wir auch dann wieder gewisse Lichter zu sehen bekommen und also zum Danken Anlaß haben werden. Nicht umsonst leuchtet nun einmal das große Licht des Wortes unseres Gottes, das in Ewigkeit bleibt, auch über allem Vergänglichen dieser Welt und unseres eigenen Daseins. Alles vergeht: es vergeht aber im Widerschein dieses ewigen Lichtes. Gerade weil es in diesem Lichte steht, muß es freilich auch vergehen. Die Welt geht, weil ihr Herr kommt. Das Gras muß verdorren, die Blume welken, weil ewiges, nicht verdorrendes, nicht verwelkendes Leben unsere Bestimmung, Gottes guter Wille mit uns ist. Uns muß der Boden unter den Füßen weggezogen werden, jeden Tag und jedes Jahr noch deutlicher und mächtiger als zuvor, damit wir es doch ja nicht versäumen, sondern immer besser lernen möchten, uns an das zu halten, davon zu leben, was ewig bleibt, und also im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe zu leben, die das Wort unseres Gottes in uns schafft. Es soll nun einmal gerade nur das übrig bleiben, was wirklich bleibt: das Wort unseres Gottes und sein Werk. Darum das große Vergehen, darum der Fluß, auf dem wir dem Ende entgegengerissen werden. Es ist uns gut so, es könnte uns gar nichts Besseres widerfahren.

209 Ich bin am Ende. Einige von euch sind wohl schon am letzten Sylvesterabend hier gewesen und mögen sich vielleicht erinnern an das, was wir damals miteinander gehört und bedacht haben: «Meine Zeit steht in deinen Händen» [Ps. 31,16]. Und einige von euch mögen sich dann wohl auch daran erinnern, daß ich euch damals geraten habe, eben das vor dem Einschlafen im alten Jahr — und dann wieder beim Erwachen im neuen laut vor sich herzusagen: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» Ich könnte euch heute die gleiche Aufgabe stellen. Es ginge heute um 65 den Satz: «Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.» Ja, meine Brüder und Schwestern, es wäre sicher eine gute Sache, heute nun eben mit diesem Wort einzuschlafen und morgen mit diesem Wort aufzuwachen. Eines ist sicher: Wir haben 1961 samt und sonders davon gelebt, daß dieses Wort wahr ist. Und es ist ebenso sicher: wir werden 1962 wieder davon leben, daß dieses Wort wahr ist. Es möchte wohl sein, daß die Not und Verwirrung in unserem Leben und in der Welt im kommenden Jahr noch größer wird — daß es uns den Ausbruch eines dritten Weltkrieges und die große Bombe bringen könnte. Es könnte auch in der Tat so sein, daß in diesem Jahr das Ende der Welt hereinbräche oder daß es doch das Jahr des Todes für Diesen und Jenen von uns, und daß es dann für ihn — für dich oder für mich — bestimmt das Ende der Welt würde. Davon aber, von dem Wort unseres Gottes werden wir alle, weil es in Ewigkeit bleibt, unter allen Umständen leben dürfen: ihr Gefangenen hier und wir draußen, die wir in unserer Weise samt und sonders auch Gefangene sind. Wer den Willen Gottes tut, d. h. aber: das Wort Gottes hört und als sein Hörer sich daran hält und also das, was es in ihm schafft, gelten und wachsen läßt — ein bißchen Glauben, ein bißchen Hoffnung, ein bißchen Liebe — der bleibt jetzt schon und dann auch in Ewigkeit [vgl. 1.Joh. 2,17].

Ich möchte schließen mit einem Liedervers. Er steht nicht in einem Abend-, sondern in einem Morgenlied, er blickt also nicht zurück, sondern vorwärts und lautet:

Alles vergehet,
Gott aber stehet
ohn alles Wanken;
seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
66Sein Heil und Gnaden,
210die nehmen nicht Schaden,
heilen im Herzen
die tödlichen Schmerzen,
halten uns zeitlich und ewig gesund.3
Amen.
Herr, unser lieber Gott! Ja, dafür danken wir dir: daß du bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende — daß du es auch uns geben willst und gibst, zu bleiben — daß dein Wort bleibt, in welchem uns dein Herz aufgeht und zu unserem Herzen spricht. Schenke uns die Freiheit, uns, wo Alles vergeht, daran und nur daran zu halten!
Und nun laß uns in dieser Freiheit heute die letzten Schritte im alten und morgen die ersten im neuen Jahr tun und dann alle weiteren hinein in die uns beschiedene, vielleicht noch lange, vielleicht nur noch kurze künftige Zeit!
Und zu der gleichen Freiheit erwecke und erleuchte da und dort immer neue Menschen — Alte und Junge, Hohe und Niedrige, Kluge und Törichte — damit auch sie Zeugen werden möchten von dem, was bleibt in Ewigkeit! Gib ein wenig, vielleicht aber auch einmal viel Morgenglanz der Ewigkeit4 67 hinein in die Gefängnisse in allen Ländern, in die Kliniken und Schulen, die Ratssäle und Redaktionsstuben, in alle die Orte, wo die Menschen leiden und wirken, reden und beschließen und so leicht vergessen, daß du im Regimente sitzest und daß sie dir verantwortlich sind. Und gib solchen Morgenglanz hinein auch in die Herzen und in das Leben unserer Angehörigen zu Hause und der vielen uns bekannten und unbekannten Armen, Verlassenen, Verwirrten, Hungernden, Kranken und Sterbenden! Versage ihn auch uns nicht, wenn einmal unsere Stunde schlagen wird!
Großer Gott, wir loben dich. Auf dich hoffen wir allein, laß uns nicht verloren sein!5
Amen.

Lieder: unbekannt

Sachfußnoten

1
John F. Kennedy hatte im Januar 1961 sein Amt als Präsident der USA angetreten. Seine sämtlichen Reden und Verlautbarungen aus seinem ersten Amtsjahr sind veröffentlicht in: Public Papers of the Presidents of the United States. John F. Kennedy. Containing the Public Messages, Speeches, and Statements of the President. January 20 to December 31, 1961, Washington 1962. 📖 — Der sowjetische Ministerpräsident Nikita S. Chruschtschow (oder Chruschtschew) hatte während der 15. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York am 12.10.1960 die Abschaffung des Kolonialsystems gefordert und die Westmächte angegriffen. Als der Delegierte der Philippinen, Lorenzo Sumulong, daraufhin verlangte, die Diskussion über die Befreiung vom Kolonialismus solle sich auch auf osteuropäische Länder erstrecken, begleitete Chruschtschow dessen Äußerungen mit Faustschlägen auf sein Pult und trommelte schließlich mit dem Schuh darauf.↩
2
Der weltweite Ruf des indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru als Politiker der Gewaltlosigkeit war ins Wanken gekommen, als er am 17.12.1961 die portugiesische Enklave Goa von indischen Truppen besetzen und annektieren ließ. — Der indonesische Staatspräsident Achmed Sukarno (Soekarno) hatte seit dem 18.12.1961 mehrfach mit militärischen Aktionen gegen die niederländische Kolonie Neuguinea (West-Irian) gedroht.↩
3
Strophe 8 des Liedes 77 (EKG 346) «Die goldne Sonne» (1666) von P. Gerhardt 🎵.↩
4
Vgl. das Lied 80 (EKG 349) «Morgenglanz der Ewigkeit» (1654) von Chr. A. Ph. Knorr von Rosenroth 🎵.↩
5
Anfang der 1. und Schluß der 8. (letzten) Strophe des Liedes 59 «Großer Gott, wir loben dich» von I. Franz (1719–1790) 🎵.↩