Predigt: Jesaia 40,8: "Was bleibt"
Als ich bei mir selbst überlegte, was ich an diesem Abend zu euch sagen wollte: welches die an uns alle und so auch an euch gerichtete Nachricht sein möchte, die ich euch heute auszurichten habe, da haben mich drei Sätze aus der Bibel immer wieder beschäftigt: Der erste steht im |203 [
Habt ihr bemerkt, daß in allen diesen drei Sätzen das Wörtlein «aber» vorkommt und dann wieder in allen dreien groß und entscheidend das Wort «bleiben»? Gott selbst bleibt, wie er ist, nach dem ersten Satz, und es bleibt nach dem zweiten merkwürdigerweise auch etwas in uns, das Fünklein von Glauben, Hoffnung und Liebe, das da irgendwo in uns glimmen mag. Und es bleibt nach dem dritten das Wort unseres Gottes — und das in Ewigkeit. Ich habe den dritten Satz gewählt, und 58 zwar darum, weil er gewissermaßen in der Mitte zwischen den beiden anderen steht, sie verbindet und zusammenfaßt. In seinem Wort offenbart und schafft der, der selber bleibt, das auch in uns Bleibende. Daß er das tut, das ist das große Aber, welches allem Vergänglichen in seinem Vergehen überlegen ist, siegreich, tröstlich, aber auch mahnend gegenübersteht.
Also: das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. Ich habe nicht vergessen, daß da zuerst noch etwas Anderes steht: «Das Gras verdorrt, die Blume welkt.» Wir werden auch davon reden müssen, aber es ist hier, wie in der Bibel sehr oft, so, daß das Erste erst verstanden werden kann, nachdem man das Zweite gehört und verstanden hat. Darum zuerst und vor allem: «Das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.»
Was ist das für ein Wort? Was wird und ist uns da gesagt? Ja, wenn man das in ein paar Worten angeben könnte! Das kann man nicht. Denn das Wort Gottes ist unendlich reich und mannigfaltig. Es umfaßt Alles, das Ganze. Es ist die ganze Wahrheit. Wer könnte die ganze Wahrheit in ein paar Worten angeben wollen?
Dennoch will ich versuchen, ganz kurz und für Jeden von euch verständlich anzudeuten, was da gesagt ist. Im Grunde ganz einfach dies: daß Gott nicht so ein «Höchster» ist, so ein «Allmächtiger», wie
Aber noch einmal gefragt: Was ist das für ein Wort? Wo wird und ist es so gesagt, daß wir es hören können? Ich versuche noch einmal ganz einfach zu antworten: Gott hat sein Wort gesagt, indem er getan hat, was es sagt. Es geschah eben, daß er als unser Gott in unserer Mitte auftrat, handelte und wirkte. Es geschah, daß er den Bund mit uns aufrichtete. Es geschah, daß er uns alle, Jeden von uns so, wie er ist und wie er ihn wohl kennt, liebte, sich selbst für uns und so auch für ihn dahingegeben hat. Unseres Gottes Wort wurde gesprochen und bleibt als sein Wort gesprochen in dem, was in der Weihnacht geschehen ist. Es wurde gesprochen, indem er, der hohe Gott, ein Mensch wie wir, unser Bruder wurde — indem er unsere schlechte, böse Sache zu seiner eigenen machte, indem er unsere Last — die Last unserer Sünde, die Last all des Falschen und Verkehrten, die auf unserem Leben liegt — von uns weggenommen und hinweggetragen hat, damit sie uns nicht mehr 60 bedrücken solle. Unser Gott sprach sein Wort, indem er uns, die Fremden, die Heiden, die Gottlosen damit zu seinen Kindern machte, daß er uns in Jesus Christus unseren Bruder gegeben hat. Indem er das tat, hat er uns sein Wort gesagt. Und daß er das tat, das sagt uns sein Wort. Es ist kein bloßes Wort. Es ist, laut und für Jedermann vernehmlich in dem, was |205 in der Weihnacht geschah, das unendlich kräftige, die Welt und uns alle umfassende und tragende Gotteswort.
Dieses Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. «Bleiben» heißt: bestehen, dauern, sich halten, sich bewähren. Aber das Wort hat in der Bibel einen ganz besonderen Klang, Sinn und Nachdruck. Nicht um ein Bleiben für einige Zeit, für eine Weile geht es da: nicht nur wie die Weihnachtskerzen zwar jetzt brennen, irgendeinmal aber heruntergebrannt sein werden — nicht nur so, wie der Weihnachtsbaum nach dem Fest in vielen Häusern noch ein bißchen stehen zu bleiben pflegt, oder wie das Tannengrün, das ich vorhin in euren Gängen gern genug noch immer gesehen habe. Und nicht nur so, wie es mit der Freude an den Weihnachtsgeschenken, groß und klein, unvermeidlich geht: daß sie zuerst ganz groß und lebhaft ist, nachher aber doch auch wieder verblassen und schließlich erlöschen kann und wohl auch muß. Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit: durch alle Zeit hindurch, über alle Zeit hinaus. Es umfaßt alle Zeiten: die ganze Welt, ihre ganze Geschichte und so auch die ganze Lebensgeschichte eines Jeden von uns.
Es und nur es tut das! Es gibt ja auch andere Worte, von denen man das nicht wohl sagen kann. Etwa die Worte, die wir in Büchern und Zeitungen lesen oder am Radio hören. Interessante, wichtige, gute Worte mögen sie wohl sein, aber nicht solche, die in Ewigkeit bleiben — und wenn sie die Worte der größten Dichter und Denker wären. Das gilt auch 61 von den gewaltigsten Worten von
Das Wort unseres Gottes aber bleibt in Ewigkeit. Es hat Kraft, Gültigkeit und Gewicht, es behält sie und bekommt sie immer neu, ohne daß es abgeschwächt oder verstärkt, ohne daß es verbessert werden muß: ohne daß es durch andere Worte ersetzt und verdrängt werden könnte und müßte. Warum bleibt es in Ewigkeit? Darum, weil es das Wort dessen ist, der selbst bleibt, wie er ist, und seine Jahre nehmen kein Ende [vgl.
Es bleibt, und das will sagen: Es wird nicht alt, es ist immer und überall jung, frisch und neu, zu jedem Menschen, in jede Zeit hinein, und für jeden Menschen und jede neue Zeit gerade in ihre Lage hinein gesprochen. Es ist so reich, daß es für einen Jeden das gerade ihn angehende, gerade ihn erleuchtende und rettende Wort sein kann und ist. Darum und so bleibt es, ist es zugleich das Gericht und die Gnade über Allem, was wir Menschen sind und tun. So bleibt es in und hinter all den Geschichten und Geschichtlein, die wir anstellen, wie es vor ihnen war, so vor und in und nach der Lebensgeschichte eines Jeden von uns, so vor, in und nach der ganzen Weltgeschichte. So bleibt es in Ewigkeit.
Und so ist es jenes merkwürdige Aber, das dem vielen, vielen Vergehen, das uns von allen Seiten bedroht, siegreich gegenübersteht. Ja, jetzt muß auch das gesagt sein: das Gras verdorrt — auch das saftigste und nützlichste Gras! Die Blume welkt — auch die schönste, die duftendste Blume. Das gilt nicht nur von allen unseren Worten, sondern von unserem ganzen Leben, und wenn es das beste, vielleicht strahlendste Menschenleben wäre. «Das Gras verdorrt, die Blume welkt.» Wie war es in dem jetzt zu Ende gehenden Jahr 1961? Wie Vieles an Freude und Leid, an Erwartungen und Befürchtungen, Aufregungen und Beruhigungen ist da gekommen und längst 63 wieder vergangen, als wäre es nie gewesen — um nun Anderem Platz zu machen, das im Jahr 1962 in ähnlicher Weise an uns vorüberziehen wird! Wir denken aber auch an diesen und jenen Menschen, den wir geachtet und geliebt, vielleicht auch gefürchtet und gemieden haben, der in diesem Jahr auf einmal gestorben, dahingegangen, aus unserem Leben verschwunden ist. Und wir denken schlicht daran, daß wir alle in diesem Jahr älter und damit sicher nicht stärker geworden sind, es lernen mußten, zurückzutreten, uns zu bescheiden, und daß es im kommenden Jahr sicher auf dieser Linie weitergehen wird. Es ist schon so: unser Menschenleben hat irgendwie den Tod, das Verdorren und Verwelken schon in sich und darum dessen Kommen mit unheimlicher Gewißheit vor sich. Es ist schon so: wir alle fahren wie in einem kleinen Boot ohne Steuer, Ruder und Motor auf einem breiten, mächtigen Strom, der uns unaufhaltsam einem
Warum ist es eigentlich so? Warum ist Alles, das Große und das Kleine, so unverkennbar einem großen Verdorren und Verwelken verfallen und schon in ihm begriffen? Sicher nicht darum, weil unser Dasein, unser Leben, unsere Welt einfach böse, schlecht oder gefährlich wäre. Mit dem Himmel hat Gott ja auch unsere Erde und uns als seine Geschöpfe geschaffen, und zwar nach dem ausdrücklich gesagten Wort der Bibel: sehr gut geschaffen [
209 Ich bin am Ende. Einige von euch sind wohl schon am letzten Sylvesterabend hier gewesen und mögen sich vielleicht erinnern an das, was wir damals miteinander gehört und bedacht haben: «Meine Zeit steht in deinen Händen» [
Ich möchte schließen mit einem Liedervers. Er steht nicht in einem Abend-, sondern in einem Morgenlied, er blickt also nicht zurück, sondern vorwärts und lautet:
Lieder: unbekannt