Predigt: Jesaia 54,7-8 (Ostersonntag): "Der kleine Augenblick"
«Mit großem Erbarmen will ich dich sammeln» — du armes, zerstreutes Volk, du armer, zerstreuter Mensch: sammeln, dorthin versammeln, |188 wohin du gehörst! Das ist die Osterbotschaft, ihre Verheißung, ihr Versprechen. Und: «Mit ewiger Gnade habe ich mich deiner erbarmt.» Das ist die Geschichte, das ist das Ereignis des Ostertages. Nicht in einer zufälligen Laune und Fügung, sondern in ewiger Gnade, in unveränderlicher Zuwendung hat Gott sich am Ostertag seines lieben Sohnes damit erbarmt, hat er ihn damit zu Ehren gebracht, hat er sich damit zu ihm bekannt, hat er ihn damit als seinen Sohn, unseren Herrn, ans Licht gebracht, daß er ihn dem über alle Menschen herrschenden Tod, dem uns alle erwartenden Grab entrissen und so unmißverständlich als den Heiland aller Menschen proklamiert hat.
49 Er hat sich seiner erbarmt — und in seiner Person des ungetreuen, des widerspenstigen, des unglücklichen Volkes Israel — und wieder in seiner Person, in der Person seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, des ganzen verirrten und verwirrten Menschenvolkes — und wiederum in seiner Person auch deiner und meiner, eines Jeden von uns in seiner besonderen Verkehrtheit und Verlorenheit. Das ist es, was Gott am Ostertag getan hat: daß er sich unser in Jesus Christus erbarmt hat. Und das ist es, was er uns am Ostertag gesagt hat — das Osterwort, das wir jetzt hören dürfen: daß er uns sammeln, in die Gnade, die er Jesus Christus erwiesen hat, hinein versammeln will und wird.
Wir würden aber die Herrlichkeit, die Freude und die Hoffnung des Ostertages nicht verstehen, wenn wir jetzt nicht zurückdenken wollten an den Karfreitag, der jenem Tag vorangegangen ist. Was am Ostertag geschah, war die Erklärung, war die Offenbarung des Geheimnisses dessen, was zuvor am Karfreitag geschah. «Karfreitag» heißt: Tag der Wehklage. Weil der helle Glanz des Ostertages die Erklärung und die Offenbarung dessen war, was am Karfreitag geschah, ist doch wohl «Tag der Wehklage» kein guter Name schon für diesen Tag. Immerhin: die ewige Gnade, in der Gott sich in der Erweckung Jesu Christi von den Toten seiner erbarmt hat, galt in der Tat ihm, dem auf
Also, wie war das am Karfreitag? Wie war das mit dem Augenblick, welchen Gott nach dem Wort des Propheten einen kleinen, überaus schrecklichen, aber doch rasch vorübergehenden, weil durch seine ewige Gnade überholten und überwundenen Augenblick nennt? So beschreibt ihn der Evangelist in der Leidensgeschichte an der entscheidenden Stelle: «Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über die ganze Erde bis an die neunte Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus laut auf: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [
Was war das für ein Weg, der ihn dahin führte: hinein in das Schreckliche dieses kleinen Augenblicks? Meine Brüder und Schwestern, das war Jesu, das war Gottes Weg hin zu uns: hinein in den dunklen Ort, an den Israel gehörte wegen seiner großen üblen Untreue — an den das ganze Menschenvolk gehört wegen seiner ständigen Kälte und Rebellion seinem Schöpfer und Herrn gegenüber — an den wir alle gehören, weil wir und indem wir Gott verlassen haben und immer wieder verlassen. Von seinem Vater gesendet, ging und kam Jesus zu uns und also an diesen Ort des Zornes und der Verborgenheit Gottes. Und eben damit geschah der Wille seines Vaters, daß er diesen Weg ging und also hineinging in unsere Gottverlassenheit. Wozu das? Einfach und klar: um für sein Volk Israel, um für das ganze Menschenvolk, um an der Stelle eines Jeden von uns der von Gottes Zorn Getroffene und von Gott Verlassene zu sein — damit außer ihm Keiner ein solcher sein 52 müsse! Er ging hinein in die Gottverlassenheit, die uns zukäme, um sie auf sich zu nehmen, zu tragen, sie in der ihm gegebenen göttlichen Macht wegzutragen, damit sie unsere Sache nicht mehr sein müsse noch dürfe noch könne. Er schrie und fragte: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?», damit wir nicht mehr so fragen müßten, damit es aufhöre, recht und unvermeidlich und nötig zu sein, daß irgend ein Mensch so schreie und frage, wie er dort geschrieen und gefragt hat. Warum überflüssig und verboten für uns alle? Weil er es an unserer Stelle ein für allemal getan hat! Es war schon so: da war er nun an unserer Stelle. Da war er nun an unserem dunklen Ort, da mußte er nun so und das schreien und fragen, wie er es dort getan hat. Das war also der Karfreitag, das war der kleine, aber schreckliche — aber sagen wir viel besser: der große, der ewige, für die Welt und für uns alle ewig heilsame Augenblick. Das war das Licht schon des Karfreitags, das dann am Ostertag aufgedeckt, sichtbar, offenbar wurde. Das war das Ja, das Gott in seiner Auferweckung von den Toten zu ihm, zu seinem Gehorsam, zu seiner Treue — in seiner Person aber zu seinem Volk Israel, zu allen Menschen sprach und so zu Jedem von uns gesprochen — in jenem kleinen Augenblick gesprochen hat. Wirklich schon am Karfreitag, schon in jenem kleinen Augenblick! Oder war es nicht schon das Ja Gottes zur ganzen Welt und so |191 auch zu uns, das damit gesprochen wurde, daß Gott diesem einen Menschen, seinem lieben Sohn, geboten hat, diesen dunklen Weg für uns anzutreten? Und hat er nicht schon damit, schon am dunkelsten Ziel gerade dieses Weges Nein gesagt zu unserer Gottverlassenheit? Was am Ostertag geschah, war nichts Neues, war einfach das Aufleuchten des eben in jener Dunkelheit angezündeten, in ihr zunächst verhüllten Lichtes: die Aussprache des großen Ja, das Gott dort zu uns, und des großen 53 Nein, das er dort zu unserer Gottverlassenheit gesagt hat, das dort Tat und Ereignis wurde.
Und nun dürfen wir Ostern feiern. Was heißt Ostern feiern? Es heißt: dieses Licht des Karfreitags sehen. Es ist da, es leuchtet, es wartet nur auf unsere sehenden Augen. Wir dürfen, wir sollen, wir wollen unsere Augen auftun, es zu sehen. Ostern feiern heißt: das Ja und das Nein hören, das Gott in dem, was er am Karfreitag tat, gesprochen hat: das Ja zu uns allen und das Nein zu unserer Entfremdung von ihm, die unser Elend ist.
Sicher war es in der ganzen Geschichte Israels so, daß der große Schatten der Gottverlassenheit über diesem Volk lag. Und sicher ist es so, daß wir die Geschichte der Welt bis auf diesen Tag nicht zur Kenntnis nehmen, daß wir keine Zeitung lesen und kein Radio hören können, ohne erinnert zu werden an die große Gottverlassenheit des menschlichen Daseins. Und ganz sicher fehlt es in keinem Leben, im Leben auch nur eines Einzigen unter uns an Augenblicken, nein, Stunden, Tagen, Wochen, vielleicht Jahren, in denen wir zu fühlen, in denen wir uns des Gedankens nicht erwehren zu können meinen: wir möchten von Gott verlassen sein — wir, die ihn so oft verlassen haben, ihn immer aufs neue verlassen. Damit ihr mich gerade darin recht versteht: ich schließe mich selbst nicht aus, sondern ein, wenn ich das sage. Ich bin in meinem Leben zwölf Jahre Pfarrer und nun bald vierzig Jahre Professor der Theologie gewesen, aber ich habe immer wieder Stunden und Tage und Wochen gehabt und habe sie noch und noch, in denen ich mich von Gott verlassen fühle, in denen ich meine, ihn zu mir sagen zu hören: Ich habe dich verlassen. Ich habe mein Angesicht vor dir verborgen — in meinem Zorn darüber, daß du mich verlassen hast. Also: wir sind schon beieinander in dieser 54 Sache, liebe Freunde, und Keiner von euch soll meinen, daß er in dieser Hinsicht anders dran sei als ich. Wir irren uns aber |192 samt und sonders, wenn wir so fühlen und denken, und wenn es uns dabei noch so grimmig ernst zumute sein sollte. Gottverlassenheit kann laut der Ostergeschichte und Osterbotschaft, kann im Lichte des Karfreitags nur noch ein Schatten, nur noch eine wüste Erinnerung, nur noch ein böser Traum sein. Es könnte wohl wahr sein — es ist aber nicht wahr: für dich nicht und für mich auch nicht, für Keinen von uns, daß Gott uns verlassen hat. Die Wahrheit — gewiß nicht die Wahrheit unserer unruhigen Herzen und unserer bedrängten Gewissen, aber die Wahrheit des Ostertages als die Wahrheit des Karfreitags — ist die, daß Gott zu uns hält, wer wir auch seien und wie wir auch dran seien, was wir auch fühlen und denken mögen, wie schwer es uns auch heute und morgen zumute sein mag, weil und indem wir ihn wieder einmal verlassen haben und noch und noch verlassen. Er ist zugegen, er verläßt uns nicht, auch wenn wir uns für verlassen halten müssen. Und sein Angesicht leuchtet uns, auch wenn wir es auf weite Strecken aus guten Gründen nicht zu sehen meinen. Die Wahrheit ist, daß er ganz und gar der Unsrige ist und wir ganz und gar die Seinigen sein dürfen. Das ist die Osterbotschaft. Und das heißt Ostern feiern: daß wir uns diese Osterwahrheit gefallen lassen.
Wer redet so? Wer darf es wagen, so kühn zu reden? Ich gestehe frei und offen: ich von mir aus würde es nicht wagen, mir würde es gar nicht in den Sinn kommen, so kühn zu euch und zu mir selbst zu reden. Aber so kühn hat Gott selbst zur ganzen Welt und so auch zu uns gesprochen: in der Offenbarung des Geheimnisses jenes kleinen Augenblicks. So spricht der Herr, dein Erlöser.
- Nr. 158: «Erschienen ist der herrlich Tag» von
N. Herman , Strophen 1–5 - Nr. 264: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1–4 (= EKG 277, Str. 1,2,4,5) - Nr. 159: «Christ lag in Todesbanden» von
M. Luther , Strophe 5 (= EKG 76, Str. 6)