Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15
«Rufe mich an!» heißt es da. Das könnte mich wohl daran erinnern, wie es ist, wenn Einer mich «anruft», am Telephon nämlich, unterbricht und stört mich bei meiner Arbeit oder mitten in einem Gespräch, oder vielleicht wenn ich gerade Musik hören will, und fängt an, mich zu fragen: wie es mir gehe, trägt mir irgend ein Anliegen vor, erzählt mir eine lange oder kurze Geschichte und sagt wohl zum Schluß: Ruf du mich einmal an! Hier in unserem Text ist alles ganz anders. Da ruft mich freilich auch Einer an und unterbricht mich bei meiner Beschäftigung. |172 Aber der fragt nicht lange, wie es mir geht, denn er weiß das besser, als ich selber es weiß. Und er hat mir auch kein Anliegen vorzutragen — was könnte ich schon für ihn tun? Und eine wichtige Geschichte hat er mir auch nicht zu erzählen, denn die einzige wirklich wichtige Geschichte fängt eben damit an, daß er mich anruft. Und was am Telephon das Letzte ist, das ist hier das Erste, was dort Nebensache ist, ist hier die Hauptsache, das Eine und Einzige sogar: Rufe du mich an!
Wer sagt das? Gott? Ja, Gott! Aber das Wort «Gott» wird so viel gebraucht, ist so abgegriffen wie eine alte Münze, und Jeder 29 versteht etwas Anderes dabei. Und es gibt ja auch so viele Götter! Sagen wir es einmal so: Der mich da anruft und mir sagt, daß ich ihn wieder anrufen soll, das ist der Andere: der eben ganz anders ist als du und ich, als wir alle, die ganze Welt. Er ist der, dem du gehörst. Denn du gehörst nicht dir selber, sondern ihm, der dich und die ganze Welt von der kleinsten Mücke bis zum Planeten und Fixstern geschaffen hat, ohne den Alles nicht wäre, und auch du wärest ohne ihn gar nichts. Er, der Herr aller Dinge, ist aber auch der, der es gut meint und gut macht in Allem und so auch mit uns, mit dir und mir: gut, auch wenn wir nicht immer verstehen, daß es gut ist, wie er es meint und macht mit uns. Er ist unser Vater. Er ist auch unser Bruder. Er ist freilich auch unser Richter, vor dem wir alle nicht bestehen können, vor dem wir alle ohne Ausnahme schuldig sind und schuldig bleiben, weil wir es nicht gut meinen und machen: mit ihm und mit unserem Nächsten nicht und mit uns selbst auch nicht! Er ist aber der, der uns — o Wunder aller Wunder! — dennoch lieb hat und behält, der uns also nicht fallen läßt, wie wir es wohl verdienen würden — der uns aber auch nicht entrinnen läßt, der in großer Geduld, aber auch in großer Strenge da ist und auf dich und mich wartet, den wir nicht loswerden können mit heimlichem oder offenem Trotz oder mit unserer Gleichgültigkeit, den wir nicht abspeisen können mit Schimpfen und Fluchen und mit frommen Worten auch nicht!, den wir nicht meistern können, weil er immer zuerst da ist als unser Meister. Er ist der Andere, der uns anruft.
Und nun ruft eben er dich an und mich auch: Adam, wo bist du? [
Was aber sagt er uns, ruft er uns zu? Alles in Allem tatsächlich nur dieses Eine: Rufe du mich an! Das ist die gnädige Erlaubnis, die ich dir gebe. Das ist aber auch der strenge Befehl, der von mir an dich ergeht: dazu mache ich dich, und dazu bist du frei, das darfst du und das sollst du tun, aber recht tun: Rufe mich an in der Not!
In der Not: «Not» ist ein Wort, das wir alle verstehen. Not heißt Bedrängnis, Druck, Pein, die wir loswerden möchten und nicht können. Es ist überall viel Not: in den Mauern dieses Hauses und außerhalb, da draußen in der Stadt Basel und in der ganzen Welt.
Aber nicht wahr, du denkst jetzt zuerst an deine Not, deine eigene, deine persönliche Not, die vielleicht klein ist, vielleicht aber auch sehr groß, vielleicht leicht, vielleicht ganz schwer. Und es sind manchmal die kleinen Nöte, die die größten und schwersten sein können. Deine Not ist vielleicht eine vorübergehende, vielleicht auch eine lange dauernde, vielleicht einfach in der Gestalt, daß du nun eben so lange in diesem Hause sein mußt. Sie mag deine selbstverschuldete, sie mag auch eine von den Umständen oder von den Mitmenschen verursachte Not sein — deine äußere oder deine innere Not, und es gibt keine innere Not, die nicht auch eine äußere, und keine äußere, die nicht auch eine innere ist. Gott kennt und sieht auch diese deine persönliche Not und sagt zu dir, daß du ihn gerade in dieser deiner besonderen Not anrufen sollst.
Aber vergiß nicht, daß du nicht allein bist, sondern nur Einer von Vielen, die in Not sind! Wenn man es recht bedenkt, so ist eigentlich die ganze Menschheit eine einzige große Notgemeinschaft. Und das ist ihre gemeinsame und allgemeine Not, 31 daß wir — wie es heute immer deutlicher wird — zwar die Technik des Lebens immer besser zu beherrschen, unser Leben und Zusammenleben selbst aber immer schlechter zu gestalten wissen. Das ist eine Not, die nicht zuzudecken, geschweige denn zu heilen ist: weder durch die Fasnacht, noch durch die Mustermesse1, noch durch ein Jubiläum2, wenn wieder einmal eines fällig ist — |174 und auch nicht durch die schönste Olympiade3, auch nicht durch Kommunismus oder Antikommunismus, auch nicht durch moralische Aufrüstung, wie man sie in
Aber die Not, in der wir sind, sitzt noch tiefer und greift noch weiter. Die eigentliche, die wahre Not, in der wir sind, meine lieben Freunde, besteht ganz einfach darin, daß der Mensch ist, wie er ist, und sich selbst nicht anders machen kann. Er ist seine eigene Not. Er leidet an sich selber. «O Mensch, bewein dein Sünde groß!»6, wie es in einem al|175ten Lied heißt. Der Mensch ist gefallen, ein verkehrtes Wesen. Da geht es nicht um die Sünden, die wir begangen haben und begehen, 32 sondern um die Sünde, aus der alle Sünden hervorgehen, und so um die Not, in der alle unsere Nöte, die persönlichen und die allgemeinen, ihren Grund haben, wie das Unkraut immer wieder wachsen muß aus einer Unkrautwurzel. Der Mensch selbst ist die eigentliche, die wahre Not. Wer darum nicht weiß, der weiß eigentlich nicht, was Not ist: auch wenn er noch so laut und beweglich seufzt und klagt über das, was ihm persönlich Not bereitet, auch wenn er noch so zornig und verzweifelt wäre über das, was er in der Zeitung liest. Rufe mich an in dieser tiefen, wahren und eigentlichen Not!
Rufe mich an! Appelliere an mich — in deiner eigenen und in der allgemeinen und dann auch in der eigentlichen und wahren Not, in der auch du bist! Beim Telephonieren kommt ja Alles darauf an, daß man die richtige Nummer wählt! Appelliere also nicht an das sogenannte Schicksal: das Schicksal ist ein blinder, tauber und stummer Götze, von dem du gar nichts zu erhoffen hast. Appelliere auch nicht an diesen oder jenen Menschen, und wenn er der mächtigste und beste wäre! Er leidet ja auch an seiner eigenen und an der allgemeinen Not und an der tiefen Not des Menschseins überhaupt; er leidet wie du selbst an sich selber. Rufe auch nicht die Heiligen an, auch nicht die heilige Jungfrau: sie alle waren auch nur Menschen und nur darin «heilig», daß sie mich anriefen! Und die falscheste aller Nummern würdest du wählen, wenn du dich selbst anrufen, dich auf deinen guten Verstand und Willen, dein gutes Gewissen und Recht berufen wolltest. Das ist ja gerade die Unkrautwurzel! Du würdest ja doch nur den anrufen, der gerade deine tiefste Not ist! Rufe mich an: den einen einzigen Gott, den einen, einzigen Helfer! Rufe mich an! Meine lieben Freunde, wenn wir dieses «mich» hören würden, wäre schon Alles gewonnen.
33 Aber was heißt das wohl: Gott anrufen? Du denkst vielleicht: das möchte heißen: beten, schön beten, fromm beten, ordentlich beten? Ja, sicher, das darfst und sollst du auch lernen. Aber was hülfe dir das schönste, das frömmste, das ordentlichste Beten, wenn es nicht getragen und beherrscht wäre von der Anrufung Gottes, die weder etwas besonders Schönes noch etwas besonders Frommes und Ordentliches, die nur eben das Aufrichtigste und Echteste ist, was wir tun können? «Aus |176 tiefer Not schrei ich zu dir», haben wir vorhin gesungen. Die Anrufung Gottes ist tatsächlich ein Schreien! Sie ist der Aufschrei: Ich danke dir, daß du — der du über, aber auch in aller Not Gott bist — mein und aller Menschen, der ganzen Welt Gott sein willst und wirst. Sie ist der Aufschrei: Ich habe das — wir alle haben das nicht verdient, daß du unser Gott bist und bleiben willst; wir alle können uns ja nur schämen vor dir. Und weiter der Aufschrei: Aber ich vertraue dir; ich vertraue der Verheißung, die mir damit gegeben ist, daß du mit mir reden, daß du es offenbar mit mir halten willst und daß ich es offenbar auch mit dir halten darf. Und endlich der Aufschrei: Ich bitte dich — «mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not!»7 — wende unser aller, wende auch meine Bedrängnis! Tu es damit, daß du uns, daß du vor allem mich wendest, umkehrst, bekehrst, neu machst! Mach mit unserer Not damit ein Ende, daß du mit uns selbst einen neuen Anfang machst! Alles zusammengefaßt, wie es der Apostel Paulus einmal getan hat, der Aufschrei: Vater! Mein Vater! [
Und nun kommt es: So will ich dich erretten. Wenn in der Bibel dieses Wort «erretten» vorkommt, ist immer gemeint, daß Gott schon dabei ist, zu erretten, ja dann hat er schon errettet. Wenn Gott etwas will, dann tut er es schon! «Erretten» — das heißt wohl auch: trösten, ermuntern, Mut machen, helfen. Aber Erretten ist noch mehr. Erretten heißt: herausreißen, befreien, erlösen, anders- und neumachen. Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten! Wen? Die Frommen? Die Braven? Die Lebenstüchtigen? Die Gerechten? Die großen und starken Helden? |177 Ach, wer ist denn fromm und brav, lebenstüchtig und gerecht und gar noch ein Held? Die solches zu sein meinen, pflegen nicht nach Gott zu schreien. Und Gott errettet gerade nur die, die zu ihm schreien. Wie es in einem anderen Psalm heißt: «Der Herr ist nahe Allen, die ihn anrufen - Allen, die ihn mit Ernst anrufen»
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Und nun noch das Letzte und Beste: Und du sollst mich preisen. Die Meinung ist nicht: du solltest, du müßtest, sondern: du wirst mich preisen! Du — mich? Du kleiner, böser, betrübter, sündiger Mensch in deiner großen Not — mich, den großen, heiligen, herrlichen und gerechten Gott? Ja: du sollst, du wirst mich preisen, rühmen, loben. Wie? Nur eben damit, daß du mich anrufst, und nur eben damit, daß ich dir, der du mich anrufst, zum Erretter werde. Wo das geschieht, da werde ich gepriesen, gelobt, gerühmt. Da ist eben meine ganze Herrlichkeit. Die wird da sein in deinem Leben. Es wird geschehen in deinem Leben, daß du mein Zeuge wirst, ein ganz kleiner Widerschein meines großen Lichtes in dieser dunklen Welt, in diesem dunklen Jahrhundert. Es kann gar nicht anders sein: indem du mich anrufst und indem ich dich errette, wirst du dieser Zeuge, wirst du dieser Widerschein. Du? Ja, ge|178rade du! Wir hier? Ja, gerade wir hier, die Gemeinde in der
Und mit dieser Verheißung dürfen und wollen wir nun zum Abendmahl gehen. Auch was wir damit tun, kann ja nichts Anderes sein als ein einziger gemeinsamer hoffnungsvoller Anruf und Aufschrei des Dankes, der Demut, der Zuversicht und der Bitte. Nehmen wir so das Abendmahl, dann wird 36 jetzt und hier der Name Gottes geheiligt. Es kommt dann zu dieser Stunde in diesem Raum Gottes Reich. Und es geschieht dann unter uns und durch uns Gottes Wille: auf Erden wie im Himmel [vgl.
- Nr. 37: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von
M. Luther , Strophen 1–5 - 179Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8) - Nr. 56: «Dir, dir, Jehova, will ich singen» von
B. Crasselius , Strophen 5 und 6 (= EKG 237, Str. 6 und 7)