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        <title type="volume" n="vol-12">Predigten 1954–1967</title>
        <title type="content">Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15, 11. September 1960</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/12027 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1954–1967, hrsg. v. Stoevesandt, Hinrich (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 171–179.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1954–1967</title>
          <title type="text">Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Stoevesandt, Hinrich</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 171-179</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.12, Predigten 1954-1967, 1960</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Rufe mich an! [Predigt über Psalm 50,15], in: ders., Rufe mich an! Neue Predigten aus der Strafanstalt Basel, Zürich 1965, S. 27–36 </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Ps 50,15: "Rufe mich an!", 11. September 1960. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2101">KBA 1652</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15, 11. September 1960. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6377">KBA 878.2</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="D" type="source">D (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Rufe mich an! Predigt über Psalm 50, 15, 11. September 1960. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/6205">KBA 878.1</ref>. </bibl>
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      <div type="opener">
      <head type="header">RUFE MICH AN!</head>
      <epigraph>
                        <cit>
        <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.50.15">Psalm 50,15</ref>
        <quote>Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!</quote>
                        </cit>
      </epigraph>
      <dateline>
                        <date when="1960-09-11">11. September 1960</date>, <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt Basel</placeName>
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      <div type="prayer">
          <p>Herr, wir sind hier versammelt, um dir zu dienen, so wie du es willst und befiehlst, daß wir dir dienen sollen: indem wir unsere Ohren, aber auch unsere Herzen auftun für das, was du uns zu sagen hast von deiner Liebe und von dem, was du von uns erwartest. Aber dieses große Werk des Gehorsams kann und wird Keiner von uns aus eigener Erkenntnis und Kraft tun. Zu ihm kannst nur du selbst uns frei und fröhlich, willig und fähig machen. Denn unsere Gedanken gehen von Natur ganz andere Wege, und unser Begehren treibt uns, wie wir aufrichtig bekennen müssen, in ganz andere Richtung. So können wir dich jetzt nur bitten und anflehen, daß du selbst in dieser Stunde unter uns sein und in einem Jeden von uns das Wort führen wollest. Und dann auch darum, daß du uns auch nachher, wenn wir wieder auseinander gehen, und in der ganzen neuen Woche, die wir heute antreten, begleiten und leiten wollest, damit das Leben eines Jeden von uns auch in diesem Hause seinen guten Sinn bekomme und damit wir auch mit einander in Güte und Verträglichkeit auskommen, uns gegenseitig achten und schonen <pb ed="A" n="28"/> und, soweit es in unserer Kraft steht, uns gegenseitig helfen mögen. Das alles durch deine freie Gnade, die du auch uns in Jesus Christus zugewendet hast. Wir beten in den Worten, die er uns vorgesprochen hat: Unser Vater …!</p>
    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                        </div>
      </div>
          <salute>Liebe Brüder und Schwestern!</salute>
      </div>
      <div type="main">
        <p>«<hi rend="italic">Rufe mich an!</hi>» heißt es da. Das könnte mich wohl daran erinnern, wie es ist, wenn Einer mich «anruft», am Telephon nämlich, unterbricht und stört mich bei meiner Arbeit oder mitten in einem Gespräch, oder vielleicht wenn ich gerade Musik hören will, und fängt an, mich zu fragen: wie es mir gehe, trägt mir irgend ein Anliegen vor, erzählt mir eine lange oder kurze Geschichte und sagt wohl zum Schluß: Ruf du mich einmal an! Hier in unserem Text ist alles ganz anders. Da ruft mich freilich auch Einer an und unterbricht mich bei meiner Beschäftigung. <pb xml:id="p172" ed="pga"/> Aber der fragt nicht lange, wie es mir geht, denn er weiß das besser, als ich selber es weiß. Und er hat mir auch kein Anliegen vorzutragen — was könnte ich schon für ihn tun? Und eine wichtige Geschichte hat er mir auch nicht zu erzählen, denn die einzige wirklich wichtige Geschichte fängt eben damit an, daß er mich anruft. Und was am Telephon das Letzte ist, das ist hier das Erste, was dort Nebensache ist, ist hier die Hauptsache, das Eine und Einzige sogar: Rufe du mich an!</p>
        <p>Wer sagt das? Gott? Ja, <hi rend="italic">Gott!</hi> Aber das Wort «Gott» wird so viel gebraucht, ist so abgegriffen wie eine alte Münze, und Jeder <pb ed="A" n="29"/> versteht etwas Anderes dabei. Und es gibt ja auch so viele Götter! Sagen wir es einmal so: Der mich da anruft und mir sagt, daß ich ihn wieder anrufen soll, das ist der Andere: der eben ganz anders ist als du und ich, als wir alle, die ganze Welt. Er ist der, dem du gehörst. Denn du gehörst nicht dir selber, sondern ihm, der dich und die ganze Welt von der kleinsten Mücke bis zum Planeten und Fixstern geschaffen hat, ohne den Alles nicht wäre, und auch du wärest ohne ihn gar nichts. Er, der Herr aller Dinge, ist aber auch der, der es gut meint und gut macht in Allem und so auch mit uns, mit dir und mir: gut, auch wenn wir nicht immer verstehen, daß es gut ist, wie er es meint und macht mit uns. Er ist unser Vater. Er ist auch unser Bruder. Er ist freilich auch unser Richter, vor dem wir alle nicht bestehen können, vor dem wir alle ohne Ausnahme schuldig sind und schuldig bleiben, weil wir es nicht gut meinen und machen: mit ihm und mit unserem Nächsten nicht und mit uns selbst auch nicht! Er ist aber der, der uns — o Wunder aller Wunder! — dennoch lieb hat und behält, der uns also nicht fallen läßt, wie wir es wohl verdienen würden — der uns aber auch nicht entrinnen läßt, der in großer Geduld, aber auch in großer Strenge da ist und auf dich und mich wartet, den wir nicht loswerden können mit heimlichem oder offenem Trotz oder mit unserer Gleichgültigkeit, den wir nicht abspeisen können mit Schimpfen und Fluchen und mit frommen Worten auch nicht!, den wir nicht meistern können, weil er immer zuerst da ist als unser Meister. Er ist der Andere, der uns anruft.</p>
        <p>Und nun ruft eben er dich an und mich auch: Adam, wo bist du? [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.9">Gen. 3,9</ref>]. Hörst du mich? Ja, du hörst mich wohl! Viele Andere und viel Anderes kannst du nicht hören und brauchst du auch nicht zu hören. Mich aber mußt du hören. Mich hörst du <pb ed="A" n="30"/> auch tatsächlich. Du <pb xml:id="p173" ed="pga"/> wärest ja kein Mensch, und ich wäre nicht Gott, wenn du mich nicht hörtest.</p>
        <p>Was aber sagt er uns, ruft er uns zu? Alles in Allem tatsächlich nur dieses Eine: Rufe du mich an! Das ist die gnädige Erlaubnis, die ich dir gebe. Das ist aber auch der strenge Befehl, der von mir an dich ergeht: dazu mache ich dich, und dazu bist du frei, das darfst du und das sollst du tun, aber recht tun: Rufe mich an in der Not!</p>
        <p>
                        <hi rend="italic">In der Not</hi>: «Not» ist ein Wort, das wir alle verstehen. Not heißt Bedrängnis, Druck, Pein, die wir loswerden möchten und nicht können. Es ist überall viel Not: in den Mauern dieses Hauses und außerhalb, da draußen in der Stadt Basel und in der ganzen Welt.</p>
        <p>Aber nicht wahr, du denkst jetzt zuerst an <hi rend="italic">deine</hi> Not, deine eigene, deine persönliche Not, die vielleicht klein ist, vielleicht aber auch sehr groß, vielleicht leicht, vielleicht ganz schwer. Und es sind manchmal die kleinen Nöte, die die größten und schwersten sein können. Deine Not ist vielleicht eine vorübergehende, vielleicht auch eine lange dauernde, vielleicht einfach in der Gestalt, daß du nun eben so lange in diesem Hause sein mußt. Sie mag deine selbstverschuldete, sie mag auch eine von den Umständen oder von den Mitmenschen verursachte Not sein — deine äußere oder deine innere Not, und es gibt keine innere Not, die nicht auch eine äußere, und keine äußere, die nicht auch eine innere ist. Gott kennt und sieht auch diese deine persönliche Not und sagt zu dir, daß du ihn gerade in dieser deiner besonderen Not anrufen sollst.</p>
        <p>Aber vergiß nicht, daß du nicht allein bist, sondern nur Einer von Vielen, die in Not sind! Wenn man es recht bedenkt, so ist eigentlich die ganze Menschheit eine einzige große Notgemeinschaft. Und das ist ihre <hi rend="italic">gemeinsame</hi> und <hi rend="italic">allgemeine</hi> Not, <pb ed="A" n="31"/> daß wir — wie es heute immer deutlicher wird — zwar die Technik des Lebens immer besser zu beherrschen, unser Leben und Zusammenleben selbst aber immer schlechter zu gestalten wissen. Das ist eine Not, die nicht zuzudecken, geschweige denn zu heilen ist: weder durch die Fasnacht, noch durch die Mustermesse<note xml:id="n01">Höhepunkt des Basler Jahres: Fasnacht (sic) am Montag bis Mittwoch nach (!) Invocavit, Mustermesse im Frühjahr.</note>, noch durch ein Jubiläum<note xml:id="n02">Ende Juni bis Anfang <date when="1960-07">Juli 1960</date> feierte die <orgName ref="kbga-actors-5398">Universität Basel</orgName> ihr fünfhundertjähriges Bestehen.</note>, wenn wieder einmal eines fällig ist — <pb xml:id="p174" ed="pga"/> und auch nicht durch die schönste Olympiade<note xml:id="n03">Die Olympischen Sommerspiele des Jahres <date when="1960">1960</date> fanden vom <date when="1960-08-25">25.8.</date> bis zum <date when="1960-09-11">11.9.</date> in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> statt.</note>, auch nicht durch Kommunismus oder Antikommunismus, auch nicht durch moralische Aufrüstung, wie man sie in <placeName ref="kbga-places-723">Caux am Genfersee</placeName> betreibt, und auch nicht mit noch so eindrucksvollen Evangelisationen, wie wir kürzlich in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> eine erlebt haben<note xml:id="n04">Evangelisation von <persName ref="kbga-actors-1624">Billy Graham</persName> im <placeName ref="kbga-places-1025">Basler Fußballstadion St. Jakob</placeName> am <date from="1960-08-30" to="1960-08-31">30. und 31.8.1960</date> mit ca. 12000 bzw. ca. 18000 Teilnehmern.</note>. Sie ist eine Not, die einfach da ist und die immer wieder wie in großen Geschwüren aufbricht: jetzt in <placeName ref="kbga-places-996">Algerien</placeName>, jetzt im <placeName ref="kbga-places-997">Kongo</placeName>, jetzt in <placeName ref="kbga-places-998">Kuba</placeName>, jetzt in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>.<note xml:id="n05">Die Unruhen in <placeName ref="kbga-places-996">Algerien</placeName> — Widerstand der weißen Siedler gegen die Algerienpolitik des französischen Präsidenten <persName ref="kbga-actors-1600">Charles de Gaulle</persName> — hatten mit einem Barrikadenaufstand (<date from="1960-01-18" to="1960-02-01">18.1.-1.2.1960</date>) einen Höhepunkt erreicht. — Nachdem die <orgName ref="kbga-actors-8788">belgische Kolonie Kongo</orgName> am <date when="1960-06-30">30.6.1960</date> die Unabhängigkeit erlangt hatte, brachen Stammesfehden und Meutereien sowie Ausschreitungen gegen die im Lande verbliebenen Weißen aus. Nach der Unabhängigkeitserklärung der Provinz Katanga von der kongolesischen Zentralregierung (<date when="1960-07-11">11.7.1960</date>) kam es zum Bürgerkrieg. — Am <date when="1960-07-02">2.7.1960</date> schränkten die <orgName ref="kbga-actors-8455">USA</orgName> ihre Zuckerimporte aus <placeName ref="kbga-places-998">Kuba</placeName> um 95% ein. Der «Zuckerkrieg», der sich zu einer Auseinandersetzung zwischen Washington und Moskau auswuchs, führte 1961 zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den <orgName ref="kbga-actors-8455">USA</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-8789">Kuba</orgName>. — Die Behörden der <orgName ref="kbga-actors-8773">Deutschen Demokratischen Republik</orgName> sperrten am <date when="1960-08-29">29.8.1960</date> den Zugang nach <placeName ref="kbga-places-142">Ost-Berlin</placeName> für Bewohner der Bundesrepublik. Wenige Tage später wurde eine Genehmigungspflicht für den Übergang zum Ostsektor eingeführt.</note> Sie ist eine Not, die da vielleicht am schlimmsten ist, wo man sie nicht empfindet, wo man meint, ein bißchen den Regenschirm aufspannen und das Unwetter kommen und vorübergehen lassen zu können — wie wir es in der lieben <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> tun und die draußen in der <placeName ref="kbga-places-151">deutschen Bundesrepublik</placeName> mit ihrem Wirtschaftswunder. Und nun mußt du nicht sagen: diese Menschheitsnot gehe dich nichts an. Sie geht dich sehr wohl an: du bist auch in dieser gemeinsamen und allgemeinen Not. Du gehörst auch dazu. Und darum: Rufe mich an — nicht nur in deiner persönlichen, sondern wirklich auch in dieser Menschheitsnot!</p>
        <p>Aber die Not, in der wir sind, sitzt noch tiefer und greift noch weiter. Die <hi rend="italic">eigentliche</hi>, die <hi rend="italic">wahre</hi> Not, in der wir sind, meine lieben Freunde, besteht ganz einfach darin, daß der Mensch ist, wie er ist, und sich selbst nicht anders machen kann. Er ist seine eigene Not. Er leidet an sich selber. «O Mensch, bewein dein Sünde groß!»<note xml:id="n06">Anfang des <bibl type="song" corresp="kbga-songs-237">
                                Liedes 140 (EKG 54) (1525) von <persName ref="kbga-actors-2652">S. Heyden</persName> (<choice><sic ed="pga">1494</sic><corr>1499</corr></choice>–1561)</bibl>.</note>, wie es in einem al<pb xml:id="p175" ed="pga" break="no"/>ten Lied heißt. Der Mensch ist gefallen, ein verkehrtes Wesen. Da geht es nicht um die Sünden, die wir begangen haben und begehen, <pb ed="A" n="32"/> sondern um die Sünde, aus der alle Sünden hervorgehen, und so um die Not, in der alle unsere Nöte, die persönlichen und die allgemeinen, ihren Grund haben, wie das Unkraut immer wieder wachsen muß aus einer Unkrautwurzel. Der Mensch selbst ist die eigentliche, die wahre Not. Wer darum nicht weiß, der weiß eigentlich nicht, was Not ist: auch wenn er noch so laut und beweglich seufzt und klagt über das, was ihm persönlich Not bereitet, auch wenn er noch so zornig und verzweifelt wäre über das, was er in der Zeitung liest. Rufe mich an in dieser tiefen, wahren und eigentlichen Not!</p>
        <p>Rufe <hi rend="italic">mich</hi> an! Appelliere an <hi rend="italic">mich</hi> — in deiner eigenen und in der allgemeinen und dann auch in der eigentlichen und wahren Not, in der auch du bist! Beim Telephonieren kommt ja Alles darauf an, daß man die richtige Nummer wählt! Appelliere also nicht an das sogenannte Schicksal: das Schicksal ist ein blinder, tauber und stummer Götze, von dem du gar nichts zu erhoffen hast. Appelliere auch nicht an diesen oder jenen Menschen, und wenn er der mächtigste und beste wäre! Er leidet ja auch an seiner eigenen und an der allgemeinen Not und an der tiefen Not des Menschseins überhaupt; er leidet wie du selbst an sich selber. Rufe auch nicht die Heiligen an, auch nicht die heilige Jungfrau: sie alle waren auch nur Menschen und nur darin «heilig», daß sie mich anriefen! Und die falscheste aller Nummern würdest du wählen, wenn du dich selbst anrufen, dich auf deinen guten Verstand und Willen, dein gutes Gewissen und Recht berufen wolltest. Das ist ja gerade die Unkrautwurzel! Du würdest ja doch nur den anrufen, der gerade deine tiefste Not ist! Rufe <hi rend="italic">mich</hi> an: den einen einzigen Gott, den einen, einzigen Helfer! Rufe <hi rend="italic">mich</hi> an! Meine lieben Freunde, wenn wir dieses «<hi rend="italic">mich</hi>» hören würden, wäre schon Alles gewonnen.</p>
        <p> <pb ed="A" n="33"/> Aber was heißt das wohl: Gott <hi rend="italic">anrufen?</hi> Du denkst vielleicht: das möchte heißen: beten, schön beten, fromm beten, ordentlich beten? Ja, sicher, das darfst und sollst du auch lernen. Aber was hülfe dir das schönste, das frömmste, das ordentlichste Beten, wenn es nicht getragen und beherrscht wäre von der Anrufung Gottes, die weder etwas besonders Schönes noch etwas besonders Frommes und Ordentliches, die nur eben das Aufrichtigste und Echteste ist, was wir tun können? «Aus <pb xml:id="p176" ed="pga"/> tiefer Not <hi rend="italic">schrei</hi> ich zu dir», haben wir vorhin gesungen. Die Anrufung Gottes ist tatsächlich ein Schreien! Sie ist der Aufschrei: Ich danke dir, daß du — der du über, aber auch in aller Not Gott bist — mein und aller Menschen, der ganzen Welt Gott sein willst und wirst. Sie ist der Aufschrei: Ich habe das — wir alle haben das nicht verdient, daß du unser Gott bist und bleiben willst; wir alle können uns ja nur schämen vor dir. Und weiter der Aufschrei: Aber ich vertraue dir; ich vertraue der Verheißung, die mir damit gegeben ist, daß du mit mir reden, daß du es offenbar mit mir halten willst und daß ich es offenbar auch mit dir halten darf. Und endlich der Aufschrei: Ich bitte dich — «mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not!»<note xml:id="n07">Anfang der <bibl corresp="kbga-songs-50" type="song">
                                12. Strophe des Liedes 275 (EKG 294) «Befiehl du deine Wege» (1653) von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>.</bibl>
                        </note> — wende unser aller, wende auch meine Bedrängnis! Tu es damit, daß du uns, daß du vor allem mich wendest, umkehrst, bekehrst, neu machst! Mach mit unserer Not damit ein Ende, daß du mit uns selbst einen neuen Anfang machst! Alles zusammengefaßt, wie es der Apostel Paulus einmal getan hat, der Aufschrei: Vater! Mein Vater! [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.15">Röm. 8,15</ref>;
          <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.6">Gal. 4,6</ref>]. Unser Vater in Jesus Christus, deinem Sohn, unserem Bruder! Dieses Schreien ist das, was Gott uns erlaubt und gebietet. Ihr kennt alle das Wort: «Not lehrt beten». Ich glaube, man muß rücksichtslos sagen: dieses Wort ist eine Lüge. Die Not hat noch niemanden beten gelehrt. Aber Gott selber lehrt es uns, und er tut es, indem er uns erlaubt <pb ed="A" n="34"/> und gebietet, ihn anzurufen: Vater! Du mußt dich nur nicht genieren und zieren, du mußt nur nicht zu bescheiden, aber natürlich auch nicht zu hochmütig sein, und nur nicht zu fromm oder zu gottlos [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Pred.7.16 Pred.7.17">Pred. 7,16f.</ref>], um von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen — dankbar, demütig, vertrauend bittend «Vater!» zu schreien.</p>
        <p>Und nun kommt es: <hi rend="italic">So will ich dich erretten</hi>. Wenn in der Bibel dieses Wort «erretten» vorkommt, ist immer gemeint, daß Gott schon dabei ist, zu erretten, ja dann hat er schon errettet. Wenn Gott etwas will, dann tut er es schon! «Erretten» — das heißt wohl auch: trösten, ermuntern, Mut machen, helfen. Aber Erretten ist noch mehr. Erretten heißt: herausreißen, befreien, erlösen, anders- und neumachen. Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten! Wen? Die Frommen? Die Braven? Die Lebenstüchtigen? Die Gerechten? Die großen und starken Helden? <pb xml:id="p177" ed="pga"/> Ach, wer ist denn fromm und brav, lebenstüchtig und gerecht und gar noch ein Held? Die solches zu sein meinen, pflegen nicht nach Gott zu schreien. Und Gott errettet gerade nur die, die zu ihm schreien. Wie es in einem anderen Psalm heißt: «Der Herr ist nahe Allen, die ihn anrufen - Allen, die ihn mit Ernst anrufen»
          [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.145.18">Ps. 145,18</ref>]. Ihnen ist er als Erretter nahe und ist ihr Erretter eben damit, daß er ihnen nahe ist: ihnen, die sich als ganz Arme, ganz Kranke, ganz Bedürftige nur noch an ihn halten können und halten wollen und keine andere Möglichkeit als eben die haben: nach ihm zu schreien. Ja, die rettet er, die hat er schon gerettet. Die sind in der Not schon von ihm gehalten und werden von ihm aus ihrer Not schon herausgehoben. Noch Sünder sind sie schon Gerechte — noch traurig schon fröhlich — noch im Tode schon im Leben — noch auf Erden schon im Himmel. Denn denen, die so dran sind, so zu Gott rufen, denen hat sich ja Gott, der Erretter, selbst beigesellt in Jesus Christus, seinem <pb ed="A" n="35"/> lieben Sohn, der als der Herr der Herrlichkeit am Kreuz schließlich nur eben geschrieen hat: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.34">Mk. 15,34</ref>]. Die so wie er, so mit ihm schreien, die hat Gott eben in ihm, diesem Einen, schon zu anderen, neuen Menschen gemacht: zu Bürgern einer neuen Welt, in der er alle Tränen abwischt von ihren Augen, und Leid, Tränen und Geschrei werden nicht mehr sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.4">Apk. 21,4</ref>]. «Der seines eigenen Sohnes nicht verschonte, wie sollte er uns in ihm nicht Alles schenken?» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.32">Röm. 8,32</ref>].</p>
        <p>Und nun noch das Letzte und Beste: <hi rend="italic">Und du sollst mich preisen</hi>. Die Meinung ist nicht: du solltest, du müßtest, sondern: du <hi rend="italic">wirst</hi> mich preisen! Du — mich? <hi rend="italic">Du</hi> kleiner, böser, betrübter, sündiger Mensch in deiner großen Not — <hi rend="italic">mich</hi>, den großen, heiligen, herrlichen und gerechten Gott? Ja: du sollst, du wirst mich preisen, rühmen, loben. Wie? Nur eben damit, daß du mich anrufst, und nur eben damit, daß ich dir, der du mich anrufst, zum Erretter werde. Wo das geschieht, da werde ich gepriesen, gelobt, gerühmt. Da ist eben meine ganze Herrlichkeit. Die wird da sein in deinem Leben. Es wird geschehen in deinem Leben, daß du mein Zeuge wirst, ein ganz kleiner Widerschein meines großen Lichtes in dieser dunklen Welt, in diesem dunklen Jahrhundert. Es kann gar nicht anders sein: indem du mich anrufst und indem ich dich errette, wirst du dieser Zeuge, wirst du dieser Widerschein. Du? Ja, ge<pb xml:id="p178" ed="pga" break="no"/>rade du! Wir hier? Ja, gerade wir hier, die Gemeinde in der <placeName ref="kbga-places-989">Strafanstalt</placeName>!</p>
        <p>Und mit dieser Verheißung dürfen und wollen wir nun zum Abendmahl gehen. Auch was wir damit tun, kann ja nichts Anderes sein als ein einziger gemeinsamer hoffnungsvoller Anruf und Aufschrei des Dankes, der Demut, der Zuversicht und der Bitte. Nehmen wir so das Abendmahl, dann wird <pb ed="A" n="36"/> jetzt und hier der Name Gottes geheiligt. Es kommt dann zu dieser Stunde in diesem Raum Gottes Reich. Und es geschieht dann unter uns und durch uns Gottes Wille: auf Erden wie im Himmel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.10">Mt. 6,9f.</ref>].</p>
      </div>
      <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
        <div type="prayer">
          <p>Herr unser Gott, unser Vater in Jesus Christus! Wir wenden uns noch einmal zu dir, wie du es uns erlaubt und geboten hast. Sei und bleibe uns fernerhin der, der du uns in deiner großen Macht und Barmherzigkeit bisher warst und heute bist! Erleuchte du uns, so werden wir hell! Erwecke du uns, dann werden wir wach! Bekehre du uns, dann sind wir bekehrt!</p>
          <p>Und nun bitten wir dich herzlich darum, daß du in deiner Güte wie in deiner Strenge auch unter allen anderen Menschen offenbar und wirksam sein mögest: unter den Jungen und Alten, den Kranken und den Gesunden, den Mächtigen und den Schwachen, den Christen und den Nichtchristen, den verantwortlichen Sprechern und Führern des Menschenvolkes im Osten und im Westen, aber auch unter den Unzähligen, die auf sie hören und ihnen folgen und damit mitverantwortlich sind für das, was geschieht und was noch kommen mag. Sie alle, wir alle sind in der Not, aus der du allein erretten kannst, aber auch erretten willst. Und sie, wir alle sind dazu bestimmt, dich zu preisen, dir die Ehre zu geben. Laß sie, laß uns alle bedenken und erfahren, daß du sie und uns und diese unsere ganze arme Welt in dem am Kreuz vergossenen Blut deines lieben Sohnes mit dir und untereinander versöhnt und verbunden hast: daß unser Heil uns in ihm nahe ist und daß du deinen Heiligen Geist dazu über alles Fleisch ausgegossen hast, damit er auch uns lebendig mache.</p>
          <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-51" type="song">Nr. 37: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 1–5</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-16" type="song"><pb rend="noPipe" xml:id="p179" ed="pga"/>Nr. 47: «Du meine Seele, singe» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–5 (= EKG 197, Str. 1–4,8)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-52" type="song">Nr. 56: «Dir, dir, Jehova, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName>, Strophen 5 und 6
              (= EKG 237, Str. 6 und 7)</bibl>
          </listBibl>
          <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-kd" target="b0037">Nr. 37</ref>: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 1-5</item>
          <pb xml:id="p179" ed="pga"/>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1909" target="b0047">Nr. 47</ref>: «Du meine Seele, singe» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1-5 (= <bibl><title level="m">EKG</title> 197,
Str. 1-4, 8</bibl>)</item>
          <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1910" target="b0056">Nr. 56</ref>: «Dir, dir, Jehova, will ich singen» von <persName ref="kbga-actors-5919">B. Crasselius</persName>, Strophen 5 und 6
(= <bibl><title level="m">EKG</title> 237, Str. 6 und 7</bibl>)</item>-->
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
